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Full text of "Forschungen über gleichgeschlechtliche Liebe. Erste, ethnologische Reine: Das gleichgeschlechtliche Leben der Völker. Erster Band: [Das gleichgeschlechtliche Leben der Naturvölker]"

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in  2011  with  funding  from 

University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/forschungenberOOkars 


Das  gleichgeschlechtliche  Leben 
der  Naturvölker 


F.  Karsch-Haack: 

Forschungen  über 
gleichgeschlechtliche  Liebe 

nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn 
Erste,  ethnologische  Reihe: 

Das  gleichgeschlechtliche  Leben 
der  Völker 

□  n  □ 
Erster  Band 


München 
Verlag  von  Ernst  Reinhardt 


Tafel  I 


Zu  Se:le  175 


Ndongo-tchi-la    oder    männliche   Beischläfer   von   Soldaten    unter   <Je,8 
Sandeh  (Sudan-Negern),  nach  Cureau. 


Das  gleichgeschlechtliche  Leben 


der  Naturvölker 


von 


F.  Karsch-Haack 


Mit  sieben  Abbildungen  im  Tex1  und  sieben  Vollbildern 


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München  1911 
Verlag  von  Ernst  Reinhardt 


471 


9139  7  4 


Vorwort 


Die  erste  Reihe  der  „Forschungen  über  gleichgeschlecht- 
liche Liebe"  soll  die  Darstellung  des  gleichgeschlechtlichen 
Lebens  aller,  lebenden  wie  ausgestorbenen,  Völker  der  Erde 
in  zwei  Gruppen  mit  zusammen  fünf  Bänden  enthalten.  Die 
erste  Hauptgruppe,  die  beschränktere  Zahl  der  Natur- 
völker umfassend,  findet  in  einem  Bande  Platz, 
während  für  die  zweite  Hauptgruppe,  die  große  Schar 
der  Kulturvölker  bildend,  vier  Bände  vorgesehen 
werden  mußten.  Die  gewaltige  Masse  des  homoerotischen 
Stoffes  erheischte  eine  Scheidung  der  Kulturvölker 
entweder  nach  Völkern  der  Halb-  und  Völkern 
der  Vollkultur  oder  aber  nach  größern  ethnologischen 
Beziehungen.  Bei  dieser  Auswahl  glaubte  der  Verfasser  sich 
für  die  Einteilung  nach  Rassen  entscheiden  zu  sollen,  weil  die 
Gruppierung  nach  Völkern  der  Halb-  und  Vollkultur 
ihm  zu  sehr  gekünstelt  und  auch  kaum  streng  durch- 
führbar erschien,  bei  der  gewählten  dagegen  eine  einigermaßen 
befriedigende  Darstellung  in  vier  ziemlich  gleich  starken 
Bänden  ihm  möglich  dünkte.  Derart  würden  die  m  o  n  g  o  - 
loiden  Kulturvölker  mit  dem  zweiten  Bande,  die 
H  a  m  i  t  e  n  und  Semiten  mit  dem  dritten,  die 
arischen  Völker  endlich  mit  zwei  Bänden,  dem  vierten 
und  fünften  Bande,  die  ethnologische  Reihe 
erschöpfen*). 


*)  Von  den  Mongolo'iden  erschien  bereits  1906  eine  in  sich  abgeschlossene 
Lieferung  „Die  Ostasiaten:  Chinesen.  Japaner  und  Koreer".  Doch  wurde 
mit  dem  Ableben  des  früheren  Verlegers  der  „Forschungen  über  gleichgeschlecht- 
liche Liebe"  und  dem  Übergang  des  Unternehmens  in  eine  andere  Hand  von 
der   weitern   Ausgabe   von   Einzellieferungen   Abstand   genommen. 


VI  Vorwort 

Alle  Erscheinungen  des  gleichgeschlechtlichen  Lebens  der 
Völker  werden  ohne  alle  Schwierigkeit,  wenigstens  ebenso  leicht 
als  die  des  gemischt-geschlechtlichen,  durch  die  einfache  Er- 
wägung verständlich,  daß  sie,  wie  diese,  entweder  aus  inner- 
lichem, freier  Entscheidung  gänzlich  entzogenem,  instinktar- 
tigem und  mehr  oder  weniger  unwiderstehlichem  eingeborenem 
Drange  hervorgehen  oder  aber  äußeren  Einflüssen,  z.  B.  dem 
Mangel  an  anderer  Gelegenheit,  der  Not,  dem  sozialen  Elend, 
der  Gewinnsucht,  dem  Reiz  der  Schönheit,  der  Verführung, 
der  Gutmütigkeit,  der  Neugier,  der  Abenteuerlust,  dem  Nach- 
ahmungtrieb geschlechtlichem  Leichtsinn  oder  geschlechtlicher 
Gleichgültigkeit  ihren  Ursprung  verdanken. 

Die  Erscheinungen  der  erstem  Art  dürften  im  Leben  der 
Völker  wohl  immer  und  überall  annähernd  die  gleiche  Ver- 
breitung aufweisen,  wennschon  eine  Einwirkung  von  Rasse, 
Klima  und  Lebensgewohnheiten  auf  die  physischen  Bedin- 
gungen gleichgeschlechtlichen  Dranges  nicht  von  vornherein 
als  ausgeschlossen  zu  gelten  braucht.  Die  Erscheinungen  der 
zweiten  Art  kommen  hier,  streng  genommen,  gar  nicht  in  Be- 
tracht; sie  werden  mit  Recht  als  „Selbstbefriedigung  zu  Zweien" 
gekennzeichnet  und  haben  mit  der  gleichgeschlechtlichen  Liebe 
nichts  als  die  äußere  Form  gemein.  Aber  eben  infolge  dieser 
Übereinstimmung  in  der  äußeren  Form  läßt  sich  eine  Trennung 
nicht  wohl  durchführen  und  es  bleibt  keine  andere  Möglichkeit, 
als  beide  Arten  gleichgeschlechtlicher  Erscheinungen  unter- 
schiedlos als  zusammengehörig  darzustellen.  Naturgemäß 
kann  die  zweite  Art  der  Erscheinungen  je  nach  den  kulturellen, 
sittlichen,  religiösen,  wirtschaftlichen  und  sonstigen  Zuständen 
der  verschiedenen  Völkerrassen  erheblichen  Schwankungen 
unterworfen  sein.  Und  wenn  wirklich  zwischen  den  verschie- 
denen Ländern  und  Kulturbereichen  in  der  Häufigkeit  gleich- 
geschlechtlicher Betätigung  ein  so  auffallender  Unterschied 
obwalten  sollte,  wie  es  nach  der  Darstellung  der  meisten  Schrift- 
steller den  Anschein  gewinnen  kann,  so  liegt  hier  der  natürliche 
Schlüssel  zur  Erklärung.  Übrigens  sollte  nicht  außer  Acht 
gelassen  werden,  daß  dieser  große  Unterschied  vielfach,  wenn 
nicht  stets,  auf  Schein  beruht  oder  doch  mindestens  ungleich 


Vorwort  VII 

geringer  ist  als  er  dem  Beobachter  zunächst  vorkommen  mag. 
Denn  einerseits  herrscht  bei  den  gedachten  Schriftstellern, 
welche  ohne  Einsicht  in  das  Wesen  der  gleichgeschlechtlichen 
Liebe  und  voller  Vorurteile  an  die  Betrachtung  der  einschlägigen 
Zustände  herantraten,  unverkennbar  die  Neigung  zu  psycho- 
logisch leicht  begreiflicher  grober  Übertreibung;  andererseits 
verwechselten  sie  einmal  die  Offenheit,  mit  der  sich  gleich- 
geschlechtliches Leben  entfalten  darf,  und  einmal  die  scheue 
Verborgenheit,  zu  welcher  es  unter  dem  Druck  ihm  feindlicher 
Gewalten  gezwungen  wird,  mit  der  Verbreitung  dieses  gleich- 
geschlechtlichen Lebens  selbst. 

Der  Leitgedanke  der  „Forschungen  über  gleichgeschlecht- 
liche Liebe"  ist  auch  der  Leitgedanke  der  Schilderung  des  gleich- 
geschlechtlichen Lebens  der  Völker.  Päderastie  und  Tribadie 
werden  als  Wirkungen  des  Geschlechtstriebes  weder  als  „Laster" 
noch  als  „Verbrechen"  aufgefaßt,  sondern  als  überall  und 
allezeit  vorkommende  natürliche  Erscheinungen,  welche  weder 
Geringschätzung,  noch  verachtungvolles  Totschweigen,  noch 
gesellschaftliche  Achtung,  am  wenigsten  aber  brutale  Verfol- 
gung durch  ein  freiheitfeindliches  Gesetz,  das  sie  doch  höchstens 
ins  Dunkel  zu  drängen  vermag,  verdienen.  Daher  können  sie 
bei  den  einzelnen  Völkern  und  Rassen  auch  nicht  ihrem  eigent- 
lichen Wesen  nach  verschieden  sein,  sondern  lediglich  in  der 
charakteristischen  Form  ihres  Auftretens,  im  Darum  und  Daran, 
entsprechend  den  Gesamtanlagen  der  betreffenden  Völker  und 
Rassen,  Verschiedenheiten  aufweisen  —  Verschiedenheiten  von 
freilich  hohem  ethnologischen  Interesse  für  jeden  Forscher  und 
hohem  psychologischen  Interesse  für  jeden  vorurteillosen 
Wahrheit-  und  Menschenfreund. 

Berlin  im  November  1911 

F.  Kar  seh, 

Dr.   phil.  Titelar-Professor,   Privatdozent  für  Zoologie 
an  der  Universität  in   Berlin, 


Inhaltsübersicht 


Geleitwort  Seite  i — 4 
Allgemeiner  Teil  Seite  5—62 

Erörterung  der  Grundbegriffe:  Liebe  7 — 8,  Gleichgeschlechtlichkeit  S — 26, 
Naturvölker  26 — 28.  Berührungpunkte  des  gleichgeschlechtlichen  Lebens 
mit  dem  Recht  28 — 29,  mit  der  Sittlichkeit  29 — 31 ,  mit  dem  Mystisch-Magischen 
31 — 34.  Gleichgeschlechtlichkeit  nicht  Veranlagung  des  Volksganzen,  viel- 
mehr nur  einzelner  Individuen  34 — 35.  Der  Gleichgeschlechtlichkeit  ver- 
dächtige Erscheinungen  bei  allen  Völkern  35 — 36,  bei  Naturvölkern  ins- 
besondere 36 — 37.  Übersicht  einer  Geschichte  der  Literatur  des  gleichge- 
schlechtlichen Lebens  der  Naturvölker  37 — 62,  die  ethnographische  Literatur 
von  1533 — 1900  Seite  n — 44,  die  Literatur  der  medizinischen  Schule  45 — 48, 
die  Literatur  der  soziologischen  Schule  48 — 52,  die  ethnologische  Literatur  von 
1901  bis  191 1  Seite  53 — 55.  Einige,  die  Gleichgeschlechtlichkeit  der  Völker 
überhaupt  behandelnde  oder  berührende  neuere  Schriftsteller:  Fischer  55, 
Dessoir  55 — 57,  Semon  57 — 58,  Arndt  58 — 61.  Ein  neuerer  Schriftsteller  über 
das  sexuelle  Leben  der  Naturvölker:    Josef  Müller  61 — 62 

Besonderer  Teil  Seite  63 — 512 

Erste    Abteilung:     Päderastie     bei     den     Naturvölkern 
63—448 

I.  Die    negerartigen    (negroiden)   Naturvölker 

65—184 

A.  Die  Austronesier  (Australier)  65 — 90 

Allgemeines  65 — 67.  Geheimsprachen  67 — 69.  Die  Introzision 
( Penis-Verstümmelung  und  Vaginalerweiterung)  68 — 73,  ihre  Ent- 
stehung 73 — 75,  ihr  Zweck  75 — 80,  ihre  Verbreitung  80 — 82.  Grup- 
pierung des  päderastischen  Stoffs:  1.  Die  australischen  Stämme  mit 
Subinzision  oder  Mika-Operation  (Kulpi-Stämme)  82 — 87.  2.  Die  au- 
stralischen  Stämme  ohne  Subinzision  oder  Mika-Operation  87 — 90;  512 

B.  Die  Melanesier  91 — 115 

1.  Die  Papüa  91 — 95 

2.  Die  Kanaken  69 — m 

a)  Die  Eingeborenen  des   Bismarck-Archipels  96 — 102 

b)  Die  Eingeborenen  der  Salomonsinseln  102 


Inhaltsübersicht  IX 

c)  Die  Eingeborenen  der  Neu-Hebriden   102 — 103 

d)  Die  Eingeborenen  Neu-Kaledoniens   103 — 108 

e)  Die  Fiji-  oder  Viti-Insulaner   108 — 11 1 

3.  Die  Harafuren  m — 112 

4.  Die  Singhalesen   112 — 115 

C.  Die  Neger  116— 184 

Allgemeines  116 — 126.     Gleichgeschlechtlichkeit   126 — 131 
Der  Neger  im  aethiopischen  Afrika  131  — 180 

I.Helle    Südafrikaner    und    afrikanische    Zwerg- 
völker 131 — 133 

Die   Hottentotten    (Naman,    Khoi-Khoin)    131 — 133 
Die   Buschmänner  (San)   und   die   afrikanischen   Zwergvölker    133 

2.  Bantuneger  133 — 164 

a.  Kaffern   134 — 137 

a)  die  Südostkaffern   134 — 135 

ß)  die  Amazulu  (Sulus,  Landeens)   135 — 136 

y)  die  Metabelen  und  die  Betschuanen  136 — 137 

S)  die  Nordkaffern  137 

b.  Südwestliche  Bantuneger   137 — 139 
Cl)  die  Ondonga  137;  dazu  Seite  536 
8)  die  Ovaherero  (Herero)   137 — 138 

y)  Negerstämme  des  Sambesitales  und  der  angrenzenden  Land- 
schaften  138 — 139 

c.  Seßhafte  ostafrikanische  Bantuvölker  139 — 144 

a)  Stämme   am    Nyassa   und   am   unteren    Sambesi    139 — 143 

1.  Die  Tongastämme  139 — 142 

2.  Die  Manjanga  142 

3.  Die  Wassiba  in  Kissiba   142 — 143 

b)  Stämme  zwischen  der  Ostküste  und  den  großen  Seen  143 — 144 

1.  Die  Waschambala  143 

2.  Die  Wapokomo  143 

3.  Die   Wadschagga   143 

4.  Die  Wagogo  143 — 144 

5.  Die  Wanyamwesi   144 

6.  Die  Avungura   144 

d.  Stämme  am  Kongo  und  in  Nieder-Guinea  144 — 161 

a)  Küstenstämme  am   Kongo  und  in  Nieder-Guinea  144 — 148 
d)  Küstenstämme  nördlich  vom  Kongo  149 — 158 

1.  Die  Loango-Neger  149 — 151 

2.  Die  Pangwe   151 — 157 

3.  Die  Kamerun-Neger  157 — 158 

y)     Stämme  am  mittleren  und  oberen   Kongo   158 — 161 

1.  Die  Ba- Yaka   159 

2.  Die  Ba-Huana   159 

3.  Die  Bangala   159 — 160 


£  Inhaltsübersicht 

4.  Die  Basonge  161 

5.  Die  Mayombe   161 

6.  Die  Mangbetu  161 

e.   Stämme  der  Wahumastaaten   161 — 164 
3.  Die  Sudanneger  164 — 176 

a.  Stämme  des  Küstenlandes  von  Oberguinea  164 — 171 

a)  Stämme  im   Gebiete  der  Nigirmündung :   Efik-Neger   164 

fj)  Stämme  der  Sklavenküste:  Ewe-Neger  164 — 166;   667 

y)   Stämme  der  Goldküste:  Odschi-Neger  166 — 168 

d)  Stämme  der  Elfenbeinküste  168 

E)   Stämme  von  Liberia  168 — 169 

'O  Stämme  vom  oberen  Senegal  und  Nigir  169 — 171 

b.  Heidnische  Stämme  der  Haussastaaten  171 — 172 

c.  Negervölker   des   zentralen    Sudan   (Nigritien)    172 — 174 
Allgemeines  172 — 173 

tz)  die  Kanuri   173 
ff)  die  Für  173 — 174 

d.  Negerstämme  am  oberen  Nil  174 — 167 
a)  die  Djur  174 

Ö)  die  Dinka  174 

y)  die  Sandeh  (Niam  Niam)  174 — 176 
d)  die  Dor  176 
Anhang:    Die  Nandi  177 — 178 
Neger  der  ostafrikanischen  Inseln  178—180 
Die  Insel  Nossi  Be   178 

Die  Neger  der  großen  Insel  Madagaskar  178 — 180 
Der  Neger  in  Nordafrika  und  im  Auslande  180  —  184 
Neger  in  Nordafrika  180 — 181 
Neger  in  Amerika  181 — 184 
II.  Die  malaiischen  Naturvölker  185—251 
Die  Malaien  im  engern  Sinne  185  —  228 
Allgemeines  185 — 187 

Die  Urbewohner  der  malaiischen  Halbinsel  (Malakka)  187 — 188 
Die  malaiischen  Urbewohner  der  Sunda-Inseln  188 — 217 
Die  Lampong   189 

Die  Atchinesen  (Atjehers,  Atjehs)  189 — 194 
Die  Batta  (Battaer,  Battaker)   194 — 196 
Die  Minangkabau  196;  dazu  Seite  546 
Die  Dajak  (Dajacken,  Olo-Ngadju)  196 — 205 
Die  Milanau  206 
Die  Javanen  206 — 208 
Die  Maduresen  208 — 209 
Die  Balier  (Balinesen)  209 — 211 
Die  Makasaren  (Mankasaren)  211 
Die  Bugis  (Buginesen)  211 — 215 
Die  malaiischen  Urbewohner  der  Philippinen  216 — 217 


Inhaltsübersicht  XI 

Die  malaiischen  Bewohner  der  Sulu-Inseln  217 — 218 
Die  Nikobaresen  218 

Die  malaiischen  Urbewohner  der  Insel  Formosa  218 — 219 
Die  malaiischen  Bewohner  der  Insel  Madagaskar  219 — 228 

Die  Betanimenen  219 — 220 

Die  Hovas  oder  Huven  220 — 22S 
Die  Polynesier  229—248 
Allgemeines  229 

Die  Samoaner  229 — 2;; 

Die  Tonganer  235 

Die  Tahitier  235 — 242 

Die  Paumotua  242 

Die  Markesas-Insulaner  242 — 244 

Die  Sandwich-Insulaner  244 — 24' > 

Die  Maori  246 — 248 
Die  Mikronesier  249 — 251 

Die  Karolinen-Insulaner  249 — 250 

Die  Pelau-Insulaner  250 — 251 

Die  Marshall-Insulaner  251 

III.  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer  in  Nordost- 

asien und  Nordamerika  253—296 

Allgemeines  253 

Die  mongolenartigen  und  die  isolierten  Naturvölker  des  nord- 
östlichen Asien  I Beringvölker)  253—282 

Die  Jukagiren  (Yukaghiren)  253 — 254 

Die  Tschuktschen  254 — 266 

Die  Korjaken  266 — 272 

Die  Itelmen  oder  Kamtschadalen  272 — 278 

Die  Giljaken  oder  Smerenkur  278 — 2S0 

Die  Aleuten  (Aljuten)  280 — 28 1 

Die  Aino  oder  Kurilen  281 — 282 
Die  Eskimo  283—296 
Die  asiatischen  Eskimo:  Iuit  283 
Die  amerikanischen  Eskimo:  Inuit  284 — 296 

Die  Konjagen  auf  Kadjak  284 — 287 

Die  Eowick-Eskimo  der  Chamisso-Insel  (Alaska)  287 

Die  Kuskutchewak  287 — 288 

Die  Eskimo  von  Cumberland-Sund  2S8 — 289 

Die  Eskimo  der  Westküste  der  Hudsons-Bai  2S9 — 290 

Die  Grönländer  290 — 292 
Allgemeines  zu  den  Arktikern  293 — 296 

IV.  Die  amerikanischen  Naturvölker  (Rothäute, 

Indianer  oder  Amerindier)  297 — 448 

Allgemeines  297 — 305.  Gleichgeschlechtlichkeit  305 — 320;  Pas- 
sive Gleichgeschlechtlichkeit :  1.  Die  Hermaphroditen  307 — 311;  2.  Die 
verweibten    Männer    oder    Eff emulierten    311 — 31;.      Aktive    Gleich- 


XII  Inhaltsübersicht 

geschlechtlichkeit:  3.  315 — 316.  Ehen  unter  männlichen  Indianern  316. 
Päderastie  der  Indianer  auf  Rechnung  fremder  höherer  Bildung  gesetzt 
316,  als  Freundschaft  gedeutet  317,  als  durch  einseitige  Uberbildung 
des  männlichen  Geschlechts  entstanden  aufgefaßt  317.  Verschiedene 
Bewertung  der  Päderastie  unter  den  Indianerstämmen  317.  Unzu- 
verlässigkeit  vieler  Angaben  318 — 320 

A.  Die  Rothäute  Nordamerikas  320 — 362 

a.  Die  nordatlantischen  Rothäute  320 — 350 
Allgemeines  320 — 321 

1.  Tinneh-Stämme  (Athabasken)  321 — 322 

2.  Algonkinstämme  322 — 328 

Die  Tschippewäer  (Chipeways,  Ojibuä)  322 — 324 

Die  Menomonies  und  die  Ottawa  324 

Die  Delaware  324 — 325 

Die  Illinois  325 — 327 

Die  Kri  327 

Die  Sak  328 

Die  Fuchsindianer  328 

Die  Schwarzfüße  328 

3.  Die   Irokesen   32S — 330 

4.  Chochtha  330 

5.  Die  Natchez  330 — 331 

6.  Die  Arikari  331 

7.  Tejas-Indianer  331 

8.  Die  Karankawa  331 — 332 

9.  Virginia-Indianer  332 — 333 

10.  Die  Carolina-Indianer  333 

11.  Die  alten  Indianer  von  Florida  333 — 335 

12.  Dakotastämme  335 — 350 

Die  Dakota  335 — 340 

Die  Oto  (Ottoe,  Watoqtata)  340 

Die  Osagen  (Huzzaws.  Wasäsch)  340 — 341 

Die  Kansas  (Arkansas)  341 

Die  Omaha  341 — 342 

Die  Ponka  342 

Die  Fall-Indianer  342 

Die  Rees-Indianer  342 

Die  Mönnitari  342 

Die  Mandan  342 — 346 

Die  Krähen-Indianer  346 — 349 

Die  Assiniboin  350 

b.  Die  nordpazifischen  Rothäute  350 — 362 

1.  Rothäute  der  amerikanischen  Nordwestküste  350 — 354 
Allgemeines  350 
Die  Thlinkiten  350 — 351 


Inhaltsübersicht  XIII 

Die  Xutka  (Wakashan)   351 

Die  Siwash  (Oregon-Indianer)  351 

Die  Sahaptin  (Nez-Perces)   351 

Die  Seliph  (Flathead)  351 

Die  Washington-Indianer  (Tulalip)  351 

2.  Kalifornische  Rothäute  351 — 358 

Allgemeines  351 — 352.  Weiblich  gekleidete  Manner  in  Sonora  und 
Sinaloa  352,  in  der  Mission  San  Antonio  352 — 353.  in  San  Diego 
bis  nach  ban  Francisco  353,  im  Tal  de  los  Tulares  354.  Ehen  unter 
Männern  bei  den  Acagchemen-Indianern  353 — 354 

Die  Atsugewi   554 

Die  Achomawi   354 — 355 

Die    Yuki  (  Yukian.  Ukumnom)  355 — 357 

Die  Porno  (Kulanapan)  357 

Die    Yuma  357—35* 

Die  Maricopa  358;  dazu  365 — 367 

3.  Pueblo-Indianer  (Zuni)  358 — 362 

B.  Die  mittelamerikanischen  Rothäute  363—392 

1.  Uto-Azteken  363 — 383 

Die  Schlangen-Indianer  (Schoschoni)  363 

Sonora-Indianer  363 — 364 

Die  Pirna  364 — 367 

Die  Huichol  367 — 368 

Die  sagenhaften  Quinames  36g — 371 

Die  Nahua  371 — 383 

2.  Die  Otomis  (Othomis)  383 

3.  Die  Tarascos  383 

4.  Die  Totonacos  383 — 384 

5.  Die  Chiapaner  384 — 386 

6.  Die  Maya Völker  (Macagual)  386 — 391 

7.  Die  Lencas  392 

C.  Die  südamerikanischen  Rothäute  392 — 446 

a.  Die  südpazifischen  Rothäute  392 — 42 1 

1.  Columbier  392 — 399 

a.  Isthmus-Indianer  und  ihre  Nachbarn  392 — 396 
Die  Cunas  oder  Coibas  392 

Die  Chocos  392 — 396 

b.  Chibcha- Indianer  (Tschibtscha,  Muyska,  Moska)  396 — 398 

c.  Soconuco-Indianer  (Coconuco.   Popayan)  398 — 399 

2.  Peruanische  Rothäute  399 — 421 
a.   Khetchuastämme  399 — 417 

a)  Die  Eingeborenen  von  Peru  und  ihre  Feinde,  die  Atumurunas 
und  fremde  Riesen,  vor  Beginn  der  Incaherrschaft  (Tawan- 
tinsuyu)  im  12.  Jahrhundert  (die  vorincaische  Zeit)  399 — 405 


XIV  Inhaltsübersicht 

ß  )  Khetchuastämme  unter  dem  vierhundertjährigen  Incareich 

(Tawantinsuyu)  405 — 412 
y)  Die   Khetchuastämme  nach  der  Eroberung  Tawantinsuyus 
durch  die  Spanier  412 — 417 

b.  Die  Aymara  417 — 418 

c.  Die    Yuncas  (  Yungas)  418 — 421 
Indianer  der  Andengegenden  von  Peru  42 1 

b.  Die  südatlantischen  Rothäute  422 — 446 

1.  Amazonas- Indianer  422 — 439 

a.  Tupi-Stämme  (Carai.   Guarani)  422 — 432 

b.  Die  Tapuyas  (Crens,   Guerens)  432 — 433 

c.  Die  Arawaken  (Rothäute  der  Antillen)  433 — 434 
Die  Uaupes  435 

d.  Die  Cariben  (Caribisi,  Galibi)  435 — 436 
c.  Die  Karaya  (Carajas)  436 — 437 

f.  Die  Maynas  (Mainas)  437 

g.  Rothäute  der  bolivianischen  Hochländer  437 — 439 

2.  Pampas-Indianer  439 — 446 

a.  Die  Guaycuru  430 — 440 

b.  Moluchen-Stämme  440 — 445 

Die  Moluchen  440 — 442 

Die  Puelchen  (Aucas,  Pehuelchen  und  Seranos)  442 

Die  Araucaner  442 — 445 

c.  Die  Patagonier  445 — 446 

d.  Die  Feuerländer  446 

Überblick  über  die  indianische  Päderastie  446 — 448 

Zweite  Abteilung:  Tribadie  bei   den   Naturvölkern   Seite 
449— 511 

Allgemeines  451 — 467:  Verhältnismäßige  Spärlichkeit  des  ge- 
schichtlichen Materials  der  Tribadie  gegenüber  dem  der  Päderastie 
bedingt  durch  die  Naturanlage  und  die  soziale  Stellung  der  Frau  45 1 — 452. 
Wichtigkeit  der  Erforschung  des  Amazonentums  452 — 453.  Die 
Amazone  von  Arndt  als  entartetes  Weib  aufgefaßt  453 — 455.  Verbin- 
dung des  Tribadismus  mit  besonderen  Verhältnissen  der  weiblichen 
Geschlechtsorgane  455 — 462,  mit  großer  Klitoris  455 — 456,  mit  ver- 
längerten Labia  ininora  (,, Hottentottenschürze")  456 — 462.  Über- 
sicht einer  Geschichte  der  Literatur  des  Tribadismus  bei  Naturvölkern 
462—467 
I.  Die  negerartige  11  (negroiden)  Naturvölker 
468—487 

A.  Die  Austronesier  (Australier)  468 

B.  Die  Melanesier  468  —  471 

1.  Die  Papua  468 — 469 

2.  Die  Kanaken  469 — 471 


Inhaltsübersicht  XV 

Die  Eingeborenen  des  Bismarck-Archipels  469 — 470 
Die  Eingeborenen  der  Neu-Hebriden  470 — -471 

C.  Die  Neger  471 — 487 

Allgemeines  471 

Der  Neger  im  aethiopischen  Afrika  471 — 484 

1.  Helle  Südafrikaner  (Hottentotten)  471 — 473 

2.  Bantuneger  473 — 479 

a.  Kaffern  473—475 

a)  Die  Südostkaffern  473 
ß)  Die  Amazulu  (Sulus)  474 
y)  Die  Betschuanen  474 — 475 

b.  Südwestliche  Bantuneger:  Die  Ovaherero  475 — 476 

c.  Seßhafte  ostafrikanische  Bantuneger  476 — 477 

1.  Tongastämme  476 — 477 

2.  Die  Wassiba  in   Kissiba  477 

d.  Stämme  am  Kongo  und  in  Nieder-Guinea  478 — 479 

a)  Küstenstämme  nördlich  vom  Kongo:  die   Kamerun-Neger 

478—479 
ß)  Stämme  am  mittlem  und  obern  Kongo:  die  Basonge  479 

e.  Stämme  der  Wahumastaaten  479 

3.  Die  Sudanneger  479 — 483 

a.  Stämme  des   Küstenlandes  von  Oberguinea  479 — 481 
Cr)  Stämme  der  Sklavenküste:  Ewe  Neger  479 — 481 
ß)  Stämme  vom  obern  Senegal  und  Nigir  481 

b.  Stämme  der  Haussastaaten  (Nord-Nigerien)  482 — 483 
Anhang:   Die  Nandi  483 

Neger  ostafrikanischer  Inseln :  Die  Insel  Maintirano  483 — 484 
Der  Neger  im  Ausland  484 — 487 

II.  Die  malaiischen  Naturvölker  488 — 494 
Die  Malaien  im  engern  Sinne  488 — 491 

Die  Urbewohner  der  malaiischen  Halbinsel  (Malakka)  488 
Die  malaiischen  Urbewohner  der  Sunda-Inseln  488 — 491 

Die  Atchinesen  (Atjeher,  Atjehs)  488 — 489 

Die  Dajaks  (Dajacken.  Olo-Ngadju)  489 

Die   Javanen  489 

Die  Balier  (Balinesen)  489 — 491 

Die  Bugis  (Buginesen)  491 
Die  malaiischen  Völker  der  Philippinen  491 

Die  Polynesier  491 — 494 

Die  Tahitier  491 — 494 
Die  Maori  494 

Die  Mikronesier :  Die  Karolinen-Insulaner  494 


XVI  Inhaltsübersicht 

III.  Die     Arktiker    oder     Hyperboreer    in    Nord- 
ostasien  und  Nordamerika  494—504 

Die      mongolenartigen     und    die    isolierten    Naturvölker    des 

nordöstlichen  Asien  (Beringvölker)  494—498 

Die  Tschuktschen  495 — 497 

Die  Korjaken  497 

Die  Itelmen  oder   Kamtschadalen  497 

Die  Aleuten  (Aljuten)  497 

Die  Aino  oder   Kurilen  49S 
Die  Eskimo    498     504 

Die  Eskimo  von  Cumberland-Sund  498 — 499 

Die  Eskimo  der  Westküste  der  Hudsons-Bai  499 — 501 

Die  Grönländer  501 — 504 

IV.  Die  amerikanischenNaturvölker  (Rothäute, 
Indianer  oder  Amerindier)  505—511 

A.  Die  Rothäute  Nordamerikas  505 — 508 

Tinneh-Stämme    (Athabasken):     Die     Eingeborenen    von     Neu 

Caledonia  505 — 506 
Die  Rothäute  vom   untern  Fraser-River  506 — 508 

B.  Die  mittelamerikanischen  Rothäute  508 — 510 

Sonora- Indianer  508 
Die  Nahua  509 — 510 

C.  Die  südamerikanischen  Rothäute  510 — 511 

a.  Die  südpazifischen  Rothäute  5 10 — 5 1 1 

Peruanische  Rothäute  510 — 511 

a.  Khetchua-Stämme  510 

b.  Die  Aymarä  51c- — 511 

b.  Die  südatlantischen  Rothäute: 

Amazonas-Indianer:  Tupistämme  511 

Anhang  Seite  513—656 

Quellennachweise,  Ergänzungen  und  Berichtigungen  515—595 
Literatur    über    das  gleichgeschlechtliche    Leben    der    Naturvölker 

596—656 
Nachwort  Seite  657 — 666 
Korrekturen  Seite  667 
Verzeichnis  der  Tafeln  (I-VTI)  Seite  668 


Geleitwort 

In  vorliegendem  Buche  war  der  Verfasser  bestrebt,  die 
Homoerotik  zunächst  der  Naturvölker  einer  streng  wissen- 
schaftlichen und  rein  ethnologischen  Behandlung  zu  unter- 
ziehen. Es  ist  all  denen  zu  dienen  bestimmt,  die  vorurteils- 
frei an  die  gleichgeschlechtliche  Frage  herantreten  möchten, 
aber  wegen  Mangels  an  Mitteln,  Zeit,  Gelegenheit  oder  Nei- 
gung außerstande  sind,  die  zur  Kenntnis  des  gleichgeschlecht- 
lichen Lebens  so  vieler  örtlich  und  teils  auch  zeitlich 
weit  getrennter  Völker  erforderlichen  Quellenwerke  sich  zu 
beschaffen.  Mußte  doch  der  Verfasser,  um  nur  das  zu  geben, 
was  er  hier  bietet,  die  öffentlichen  Bibliotheken  beinahe 
aller  größeren  deutschen  Städte  in  Anspruch  nehmen,  ohne 
darum  sein  Ziel,  Vollständigkeit,  wenigstens  soweit  sein  gegen- 
wärtiges Wissen  sich  erstreckt,  völlig  erreichen  zu  können. 
Bilden  doch  die  von  ihm  bisher  durchgearbeiteten  Quellen- 
werke höchstens  den  zehnten  Teil  von  dem,  was  auf  ho- 
moerotische Nachrichten  über  Naturvölker  zur  Verwirklich- 
ung der  angestrebten  Vollständigkeit  hätte  nachgeprüft  werden 
müssen.  Kommt  doch  hier  neben  den  überaus  zahlreichen 
völkerkundlichen  und  Reisewerken  über  alle  außereuropä- 
ischen Länder  noch  eine  Fülle  medizinischer,  juristischer 
und  theologischer  Einzelwerke  und  periodischer  Zeitschriften 
in  Betracht,  deren  Durcharbeitung  für  einen  Einzelnen 
schon  wegen  der  zu  kurzen  Lebenszeit  unausführbar  wäre. 
Und  erfreut  sich  doch  endlich  gerade  unser  gern  gänzlich  ge- 
miedener Forschunggegenstand  selten  der  Aufnahme  in  Jahres- 
berichte, welche  sonst  für  alle  Wissensgebiete  selbst  die  gleich- 

Karsch-Haaek,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturyölker.  I 


2  Geleitwort 

giltigsten  Dinge  emsig  zvi  registrieren  pflegen.  Um  sie,  so 
lückenhaft  sie  auch  jetzt  noch  sein  mag,  Jedem  zugänglich 
zu  machen,  blieb  daher  nichts  anderes  übrig,  als  die  vor- 
liegende Sammel-Ausbeute  dem  Drucke  zu  übergeben. 

Gelegentlich  wurde  dem  Verfasser  ehrliche  Verwunderung 
darüber  ausgesprochen,  wie  es  einem  „gebildeten"  Manne  nur 
möglich  sei,  sich  anhaltend  und  lange  mit  der  „Liebe" 
zu  beschäftigen.  Auf  diese  Frage  des  Erstaunens  hat  er  nur 
die  eine  Antwort :  Es  handelt  sich  hier  um  einen  Teil  des  Liebe- 
lebens der  Naturvölker  und  es  muß  uns  doch  alles  in- 
teressant sein,  was  mit  diesen  Völkern  überhaupt  zusammen- 
hängt, da  die  Zeit  möglicherweise  nicht  mehr  allzu  fern  ist, 
in  der  viele  von  ihnen  nur  noch  der  Vergangenheit  angehören 
werden.  Die  primitiven  Völker  befinden  sich  in  einer  gar 
mißlichen  Lage.  Der  Afrikaforscher  PECHUEL-LOESCHE 
sagt  von  ihnen,  sie  kämen  selber  nicht  zu  Worte.  Aber  an 
ihnen  bleibe  alles  hängen.  Sie  seien  wehrlos  gegen  üble  Nach- 
reden wie  gegen  verbesserte  Tötungmaschinen.1  Durch 
Sammeln  des  von  ihrem  Liebeleben  bereits  Bekannten  kann 
jetzt  noch  dieser  und  jener  zur  Suche  nach  weiteren  Tat- 
sachen oder  zur  Bekanntmachung  bereits  gewonnener  Resul- 
tate angespornt  werden,  deren  Ermittelung  und  deren  Nach- 
prüfung nach  Erlöschen  jener  Völker  unmöglich  wäre. 

Wem  diese  Antwort  nicht  genügt,  zu  dessen  Belehrung 
sei  anderen  Schriftstellern  das  Wort  gegeben.  Für  die  Primitiven 
überhaupt  findet  es  PECHUEL  -  LOESCHE  „erstaunlich", 
daß  man  draußen  in  der  Wildnis  dem  Wesen  von  Pflanzen  und 
Tieren  mehr  wissenschaftliche  Tätigkeit  widmet  als  dem  Wesen 
der  Menschen  und  damit  zugleich  den  großen  Fragen  der 
Menschheit.2  Seinem  innern  Unwillen  über  die  übliche  Be- 
handlung von  Liebesachen,  als  wenn  sie  gar  nicht  da  wären, 
verschafft  der  amerikanische  Angelsachse  W.  HEYWORTH 
DI  XON  mit  der  Klage  Luft,  nur  der  Araber  habe  von  seinen 
Vätern  gelernt,  die  Dinge  bei  ihrem  einfachen  Namen  zu  nennen. 
Ihm  brauche  nichts  von  Wichtigkeit  verschwiegen  zu  werden. 
Aber  der  Engländer  habe  eine  andere  Richtung.  Er 
richte  seine  Neugier  auf  Tatsachen  über  Bienen,  Vögel,  Fische 
und   Insekten   und  hülle   in   sorgfältiges   Dunkel  all   das,   was 


Geleitwort  o 

sich  auf  das  Leben  und  die  Natur  des  Menschen  beziehe.  Dieses 
Dunkel  werde  genau  so  lange  währen,  als  die  Philosophen 
nicht  anfingen,  das  Leben  der  Menschen  zu  studieren,  wie  sie 
sonst  das  der  Biene  erforschten.3  Und  um  auf  den  hier 
behandelten  engeren  Gegenstand  zu  kommen,  heißt  es  in  einer 
wertvollen  neueren  Schrift  des  Leidener  Universitätsprofessors 
STEINMETZ  treffend:  Es  komme  ihm  manchmal  vor,  daß 
der  Ethnograph  alle  die  Geräusche  in  der  Brust  der  Völker 
subtiler  auskultieren  sollte  und  könnte!  Und  gerade  dann,  bei 
der  feineren  und  feinsten  Observation,  müßte  die  Aufgabe  des 
Beobachters  hochbedeutsam  und  interessant  werden.  Es 
würde  so  viel  Scharfsinn  und  Geduld  auf  die  Beobachtung 
von  Pflanzen  und  niedern  Tieren  und  selbst  ihrer  geringsten 
Organe  verwendet,  warum  sollte  da  die  Beobachtung  der 
relativ  wenigen  Menschenstämme  so  im  Handumdrehen  ohne 
jede  besondere  Sorgfalt  oder  Veranstaltung  vor  sich  gehen  ?  .  .  . 
Bekanntlich  sei  die  Erscheinung  der  Päderastie  bei  , .wilden" 
Völkern  nicht  selten.  Leider  fehlten  aber  fast  alle  genaueren 
Angaben.  Ist  —  fragt  er  —  die  Päderastie  ein  Ausfluß  der 
Weibernot  in  den  unteren  Klassen  infolge  Polygamie  der  höheren  ? 
Oder  sonst  auf  Fälle  der  Weibernot  beschränkt  ?  Die  Weib- 
männer könnten  dann  als  Adaptation  an  das  bestehende  Be- 
dürfnis aufgefaßt  werden.  Oder  sind  sie  wirkliche  effemines? 
Kommt  echte  Homosexualität  vor?  Die  Beantwortung  dieser 
Fragen  bei  vielen  niedrigen  Völkern  dürfte  —  meint  er  —  sehr 
interessant  werden.4 

Tieferes  und  wohlwollendes  Eindringen  in  alle  diese  Dinge 
ist  jedoch  nicht  allein  ein  zweifellos  wissenschaft- 
liches Erfordernis,  sondern  auch  eine  Angelegenheit  von 
höchster  praktischer  Wichtigkeit  für  ein  Kulturvolk, 
welches,  wie  zur  Zeit  auch  das  deutsche,  zur  Herrschaft  über 
Naturvölker  sich  berufen  glaubt.  Wenn  es  nicht  bloß  für 
christlich  sich  ausgibt,  vielmehr  auch  den  Ehrgeiz  besitzt, 
es  wirklich  zu  sein,  hat  es  die  Pflicht,  das  Wesen  dieser 
Völker  nach  allen  Richtungen  auf  das  Eingehendste  und  völlig 
vorurteilslos  erforschen  zu  lassen.  Sonst  läuft  es,  wie  der  Eth- 
nologe ADOLF  BASTIAN  hervorhob,  Gefahr,  die  ihm  preis- 
gegebenen wehrlosen  Völker  ungerecht  zu  beurteilen  und  Urteils- 


Geleitwort 


los  zu  behandeln,  sie  täglich  und  stündlich  in  ihren  heiligsten 
Gefühlen  zu  verletzen,  wodurch  bewirkt  wird,  daß  der  Ver- 
letzte auch  seinerseits  an  keinerlei  Verpflichtung  gegen  seinen 
vielleicht  absichtlosen  Verächter  sich  gebunden  fühlt.8 


Allgemeiner  Teil 


Vorbedingung  zu  jeder  sachgemäßen  Untersuchung  bildet 
die  Erörterung  der  Grundbegriffe.  Als  solche  ergeben 
sich  hier  hauptsächlich  die  drei  Begriffe :  Liebe,  Gleich- 
geso  hlechtlichkeit   und   Naturvölker. 

Unter  Liebe  wird  hier  stets  und  ohne  alle  Ausnahme 
nur  Geschlechtsliebe  verstanden :  das  für  jeden  natür- 
lich gearteten  Menschen  unzweideutige  Verlangen,  sich  seelisch 
und  leiblich  aufs  Innigste  mit  einem  Wesen  seiner  Art  zu  ver- 
einigen, das  einen  elementaren  geschlechtlichen  Reiz  auf  ihn 
ausübt,  einen  Reiz,  der  von  seinem  Willen  gänzlich  unabhängig 
ist  und  durch  Überlegung  weder  erzeugt  noch  aufgehoben 
werden  kann.  Da  es  sich  dementsprechend  um  zwei  beteiligte 
Personen  handelt,  liegen  für  den  Fall  ihrer  Verständigung  die 
beiden  Möglichkeiten  vor,  daß  die  Geschlechtsliebe  zwei  einander 
liebende  Wesen  zusammenführt  oder  aber  daß  nur  der  eine 
Partner  liebt,  der  andere  bloß  die  Rolle  des  Gefälligen  spielt. 
Die  Gründe  zu  solcher  Gefälligkeit  können  überaus  verschieden 
sein:  Geschlechtlicher  Leichtsinn,  Verführung,  freundschaftliche 
Willfährigkeit  oder  Nachgiebigkeit,  Nachahmungtrieb,  Wohl- 
gefallen daran,  von  einem  andern  geliebt  zu  sein  oder  einen 
andern  zu  erfreuen,  Unselbständigkeit,  Abenteuerlust,  Neugier, 
Neigung  zu  Wohlleben  oder  Untätigkeit,  Gewinnsucht,  Stolz  auf 
Vorzüge  des  Liebenden,  dessen  Körperschönheit,  reichere  Er- 
fahrung, Geistesbildung,  Herzensgüte,  Besitztum  oder  Frei- 
gebigkeit. Der  stärkste  Kuppler  aber  ist  das  soziale  Elend, 
die  Not.  Durch  sie  kommt  es  leicht  zur  Ausbildung  einer 
besonderen  Klasse  von  Personen  beiderlei  Geschlechts,  welche, 
auch  wenn  sie  selbst  geschlechtlich  nur  passiv  beteiligt  sind,  gegen 
Entgelt  wahllos  sich  hingeben,  die  Opfer  der  Prostitution, 
die  Prostituierten.  Geschlechtliche  Vereinigungen,  welche  nicht 
ausschließlich    der    Geschlechts  liebe    ihren    Ursprung    ver- 


8  Allgemeiner  Teil 

danken,  sondern  auch  noch  durch  andere  Mittel  zustande 
kommen,  fallen  unter  den  umfassenderen  Begriff  des  Geschlechts- 
1  e  b  e  n  s.  Geschlechts  liebe  und  Geschlechts  leben  aus- 
einander zu  halten  ist  aber  in  den  meisten  Fällen  ohne  ge- 
naueres Studium  unmöglich  und  ein  solches  anzustellen  nicht 
immer  Gelegenheit  geboten. 

Die  Geschlechtsliebe  kann  nicht  nur,  sie  muß  viel- 
mehr, gleich  jeder  andern  Liebe  von  Mensch  zu  Mensch, 
Elternliebe,  Kindesliebe,  Geschwisterliebe,  Nächstenliebe,  s  o- 
ziale  Wirkungen  hervorbringen,  muß  mit  Notwendigkeit  zur 
Soziabilität  führen,  ohne  darum  selbst  Soziabilität  zu  sein.6 
Sie  hat  also  unter  allen  Umständen  eine  soziale  Mission  von 
hohem  ethischen  Werte  zu  erfüllen.  In  diesem  Sinne  konnte 
ein  deutscher  Humorist  mit  Fug  und  Recht  den  treffenden 
Ausspruch  tun:  Es  sei  besser,  in  jeden  andern,  als  in  sich  selbst 
verliebt  zu  sein. 

Gleichgeschlechtlichkeit  oder  Neigung  zum 
gleichen  Geschlecht  —  nicht  mit  Geschlechtsgleich- 
heit oder  dem  Besitz  gleicher  Geschlechtsorgane  zu  verwechseln, 
wie  gedankenlos  geschieht  —  hat  zur  Voraussetzung  Ver- 
schiedengeschlechtlichkeit und  diese  wiederum  setzt 
eine  Differenzierung  voraus,  Spaltung  eines  Geschlechts- 
wesens in  zwei  als  Weiblichkeit  und  Männlichkeit  bezeichnete 
und  gewöhnlich  als  einander  entgegengesetzte  und  einander 
anziehende  Pole  aufgefaßte  Richtungen.  Es  gibt  demnach  nur 
zwei  Geschlechter.  Redet  man  von  einem  „dritten  Geschlecht", 
so  kann  damit  das  Verschiedenartigste  gemeint  sein.  Etwas 
ganz  anderes  bedeutet  dieser  Ausdruck  bei  ALBAN  STOLZ, 
etwas  anderes  bei  MAGNUS  HIRSCHFELD,  etwas  anderes 
bei  ERNST  VON  WOLZOGEN.  Dieser  Terminus  wird 
daher  hier  grundsätzlich  vermieden.  Zwei  Geschlechter 
kennt  bereits  die  mit  mannigfachen  Trieben  aus- 
gestattete, jedoch  bewußter  Empfindung  und  selbständiger 
Bewegung  entbehrende  Pflanzenwelt.  Zur  geschlecht- 
lich differenzierten  höher  organisierten  Pflanze  gehören 
einerseits  durch  einen  Stempel  mit  Fruchtknoten,  Griffel  und 
Narbe  gekennzeichnete  weibliche  Blüten  und  andererseits 


Allgemeiner  Teil  q 

mit  Staubgefäßen,  die  Staubbeutel  und  Staubfäden  tragen, 
versehene  männliche  Blüten.  Vereinigt  dieselbe 
Blüte  die  Bestandteile  beider  Geschlechter,  ist  sie  eine 
hermaphroditische  oder  Zwitterblüte.  Trägt  der- 
selbe Stamm  weibliche  und  männliche  Blüten,  ist  er 
ein  Zwittergewächs.  Da  ein  Trieb,  der  die  Geschlechts- 
produkte zusammenbringen,  insonderheit  veranlassen  könnte, 
das  Produkt  der  Staubgefäße,  den  männlichen  Blüten- 
staub oder  Pollen,  auf  die  Narbe  des  Stempels  zu  über- 
tragen und  dadurch  diesen  weiblichen  Bestandteil  zu  befruchten, 
bei  der  Pflanze  nicht  vorhanden  ist,  bleibt  bei  ihr  die  Be- 
fruchtung dem  Zufall  anheimgegeben.  Bei  Pflanzen  mit 
trockenem  Pollen,  wie  bei  Gräsern,  besorgt  die  Befruchtung 
der  nie  ganz  fehlende  Wind,  bei  den  Pflanzen  mit  mehl-,  Streu- 
sand- oder  ölartigem  Pollen  treten  an  Stelle  des  Windes  blüten- 
besuchende kleine  Tiere,  besonders  Insekten.  Dieser  eigen- 
artige Vorgang  legt  die  Vermutung  nahe,  die  ganze,  für  Menschen- 
Augen  und  -Nasen  so  wunderbare  Blütenpracht  der  Pflanzen- 
welt mit  ihrer  eigenen  Ästhetik  habe  einzig  den  Zweck,  In- 
sekten anzulocken,  um  durch  diese  den  der  Pflanze  sonst  un- 
möglichen Austausch  ihrer  Geschlechtsprodukte  zu  ver- 
mitteln. Allein  der  Mechanismus  dieser  Einrichtung  führt 
nicht  unfehlbar  zum  Ziel.  Denn  solche  Pflanzen,  bei 
denen  weibliche  und  männliche  Blüten  nie  auf  einem 
Stamme  treiben,  sondern  auf  verschiedene  Individuen  verteilt 
sind,  wie  beispielsweise  unsere  weiße  Pappel  oder  der  süd- 
afrikanische Rula-Baum  (wilde  Ockemootboom  der  Buren),  aus 
dessen  Fruchtsaft  der  südafrikanische  Neger  das  Rula-Bier 
bereitet,  laufen,  wenn  sie  in  weiter  Entfernung  von  einander 
stehen,  Gefahr,  als  ,,alte  Jungfern"  oder  als  „alte  Hage- 
stolze" zu  verblühen  und  ihr  Dasein  ohne  Austausch  der  beider- 
seitigen Geschlechtsprodukte  und  ohne  Nachkommenschaft  be- 
schließen zu  müssen.  Beim  geschlechtlich  differenzierten 
Tier  entspricht  dem  Pflanzenstempel  mit  seinen  Bestand- 
teilen der  Eierstock,  das  Ovarium,  mit  seinen  Ausführung- 
gängen und  deren  äußerer  Öffnung,  der  Scheide  {Vagina) ; 
den  Staubgefäßen  der  Pflanze  entsprechen  die  Hoden,  Testes 
oder   Testiculi,    mit   ihrem    Produkt,   dem   Samen    (Sperma). 


IO  Allgemeiner  Teil 

Wenn  die  geschlechtliche  Vereinigung  keine  rein  äußerliche 
bleibt,  wie  unter  den  höhern  Tieren  in  der  Regel  bei  den 
Fischen  und  Vögeln,  sondern  eine  innere  Begattung  statt- 
findet, kommt  es  zur  Bildung  eines  besonderen  männlichen  Begat- 
tungorgans, der  Rute  [Penis).  Die  einfachste,  in  allen  Tierkreisen 
auftretende  und  daher  gern  als  ursprünglich  angesehene  Form 
geschlechtlicher  Differenzierung  im  Tierreich  ist  das  Zwitter- 
tum,  der  Hermaphroditismus.  In  weitester  Verbrei- 
tung zeigt  er  sich  unter  niedern  Tieren,  vorwiegend  bei 
freier  Ortsbewegung  ermangelnden,  festsitzenden  Formen,  wie 
Rankenfüßlern,  Moostierchen,  Manteltieren,  Austern;  ferner 
bei  sehr  schwerfälligen  Formen,  wie  Landschnecken,  Platt- 
würmern, Blutegeln,  Regenwürmern;  endlich  bei  isoliert  leben- 
den, insonderheit  parasitischen  Formen,  wie  Band-  und  Saug- 
würmern. Bei  solchen  normalen  Zwittern  können  die  Ovarien 
dem  im  selben  Tierleib  erzeugten  Sperma  unmittelbar  erreich- 
bar sein  wie  bei  den  Rippenquallen  oder  es  kann  zur  Aus- 
bildung bald  einander  erreichbarer,  bald  unerreichbarer  Aus- 
führungöffnungen für  Eier  und  Sperma  kommen,  wodurch, 
wie  beim  Blutegel  und  Regenwurm,  Wechselkreuzung  erforder- 
lich wird,  die  jedoch  auch  schon  durch  ungleiche  Reifezeit  der 
Geschlechtsprodukte,  wie  bei  Schnecken  und  Salpen,  bedingt 
ist.  Unter  den  höhern  Tieren  sind  die  weiblichen  und 
männlichen  Geschlechtsorgane  der  Regel  nach  auf  zwei  Indi- 
viduen, Weibchen  und  Männchen,  verteilt,  so  bei  den  Glieder- 
füßlern und  den  Wirbeltieren,  und  das  Zwittertum  bildet 
nur  eine  Ausnahmeerscheinung,  wie  z.  B.  bei  einigen 
wenigen  Raubfischen  des  Meeres,  den  Sägebarschen  Serra- 
nus  cabrilla  (L.),  hepatus  (L.),  scriba  (L.)  und  der  Mittel- 
meerbrasse Chrysophrys  aurata  (L) .  Dahingegen  tritt 
unter  höhern  Tieren  das  Zwittertum  bei  einzelnen  Individuen 
getrenntgeschlechtlicher  (digener)  Arten  ausnahmsweise  einmal 
gelegentlich  auf,  bei  den  Insekten  sogar  ziemlich  häufig, 
bei  den  Wirbeltieren  mit  Einschluß  des  Menschen  aber  an- 
scheinend überaus  selten.  Wenn  es  beim  Menschen  angenom- 
men wurde,  beruhte  es  gewöhnlich  auf  Täuschung,  insofern 
als  ein  Mann  durch  weibliche,  ein  Weib  durch  männliche 
Allüren   trotz  Eingeschlechtlichkeit  den  Schein  hervorrief,  ein 


Allgemeiner  Teil  1 1 

Zwitter  zu  sein  und  eine  Erscheinung  darstellt,  die  als 
Scheinzwitter  (Pseudohermaphrodit)  bezeichnet  wird. 
Im  Tierreich  tritt  bei  den  geschlechtlich  diffe- 
renzierten Formen  eine  völlig  neue  Eigenschaft  auf, 
der  Geschlechtstrieb.  Dieser  Trieb  kann  undifferen- 
ziert bleiben  oder  aber  eine  schwächere  oder  stärkere  Dif- 
ferenzierung erfahren.  Im  erstem  Falle  macht  er  sich 
bald  monoerotisch  oder  selbstgeschlechtlich  durch  Selbst- 
befriedigung (Onanie,  Masturbation)  geltend,  bald  führt  er 
zum  wahllosen  Verkehr  mit  Personen  beiderlei  Geschlechts. 
Dann  wird  vielfach  ohne  irgend  welche  Nachprüfung  von 
„bisexuellem"  Trieb  oder  von  „Bisexualität"  geredet  und 
nicht  bedacht,  daß  eine  Differenzierung  des  Geschlechtstriebes 
noch  nicht  eingetreten  ist,  es  sich  also  in  Wirklichkeit  nur  um 
Indifferentismus  oder  mangelnde  Unterscheidung  und  Auswahl 
handelt.  Und  diese  Terminologie  erscheint  um  so  weniger  an- 
gebracht, als  von  WILHELM  FLIESS  7  und  andern  neueren 
Forschern  unter  „Bisexualität"  etwas  ganz  anderes,  nämlich 
eine  Mischung  weiblicher  und  männlicher  Charaktere  überhaupt 
in  einer  Person  verstanden  wird,  eine  Eigentümlichkeit,  von 
der  anscheinend  nur  vereinzelte  Menschen  gänzlich  frei  sind, 
so  daß  beinahe  jedes  Individuum  als  „bisexuell"  bezeichnet 
werden  kann.  Es  ist  indessen  hier  nicht  der  Ort,  auf  diese 
wichtige  und  höchst  interessante  Tatsache  des  nähern  ein- 
zugehen. Der  differenzierte  Geschlechtstrieb  ist  ausschließlich 
entweder,  als  alloerotischer,  heteroerotischer  oder  verschieden- 
geschlechtlicher, auf  Träger  der  Organe  des  andern  Geschlechts 
oder,  als  homoerotischer  oder  gleichgeschlechtlicher,  auf  Träger 
der  Organe  des  eigenen  Geschlechts  gerichtet.  In  beiden  Fällen 
ergibt  sich  eine  fast  unbegrenzte  Fülle  von  Möglichkeiten. 
Indem  nämlich  die  einmal  begonnene  Differenzierung  des  Triebes 
immer  weiter  schreitet,  wird  der  Geschlechtstrieb  beim  Men- 
schen bald  durch  die  verschiedensten  Personen  des  andern  oder 
des  eigenen  Geschlechts  angeregt,  bald  jedoch  nur  durch  Per- 
sonen bestimmter  Altersstufen,  bestimmten  Körperbaus,  be- 
stimmter Gesichtszüge,  bestimmter  Haar-  und  Augenfarbe, 
bestimmter  Berufsklassen,  bestimmter  Kleidertracht,  ja  sogar 
bestimmter     bisexueller   Mischungverhältnisse.      Gesellen   sich 


12  Allgemeiner  Teil 

zu  einem  so  differenzierten  Geschlechtstrieb  ein  hoher  Schön- 
heitsinn, ausgesprochener  Wohltätigkeitsinn,  ein  wenig  Feti- 
schismus oder  andere  ihn  beeinflussende  Eigenschaften  hinzu, 
können  auch  diese  dazu  beitragen,  die  Auswahl  enger  und  enger 
zu  begrenzen.  Wird  ferner  in  Betracht  gezogen,  daß,  wie 
ALBERT  MOLL8  ausgeführt  hat,  der  Geschlechtstrieb  kein  rein 
elementarer  Trieb  ist,  sondern  aus  zwei  Komponenten,  dem 
bloßen  Entladungs-  oder  Detumeszenztrieb  und 
dem  Kose-  oder  Kontrektationtrieb  sich  zu- 
sammensetzt, und  erwägt  man  endlich,  wie  mannigfach  die 
Berührung  suchende  Zärtlichkeit  des  Kontrektationtriebes 
sich  äußern  kann,  so  bietet  sich  damit  eine  solche  Fülle  von 
Möglichkeiten,  daß  es  durchaus  nicht  verwunderlich  wäre,  wenn 
es  nicht  zwei  Personen  in  der  WTelt  gäbe,  bei  denen  der  Ge- 
schlechtstrieb vollkommen  gleich  beschaffen  ist.  Ein 
wesentlicher  Unterschied  des  Geschlechtstriebs  der  Tiere 
und  des  Menschen,  der  nicht  unbeachtet  bleiben  sollte,  besteht 
darin,  daß  dieser  Trieb  beim  Tier  meist  periodisch  auftritt, 
beim  Menschen  aber  nach  einmal  erlangter  Geschlechtsreife 
nicht  an  eine  Zeitperiode  gebunden  ist.9  Es  dürfte  nach  all 
dem  kaum  etwas  Törichteres  geben,  als  zu  glauben,  den  Ge- 
schlechtstrieb beim  Menschen  reglementieren  und  aus  den 
Trägern  dieses  launenhaftesten  aller  Triebe  gefügige  und  doch 
glückliche  W7esen  machen  zu  können. 

Der  differenzierte  Geschlechtstrieb  in  seiner  Richtung  auf 
das  gleiche  Geschlecht  oder  genauer  auf  Träger  der  gleichen, 
weiblichen  oder  männlichen,  Geschlechtsorgane  hieß  im  alten 
Griechenland,  unter  Weibern  ausgeübt,  T  r  i  b  a  d  i  e  ,  unter 
Männern  gepflegt,  Päderastie. 

Allo  erotiker,  die  aus  instinktiver  Abneigung  von  der 
Homoerotik  nichts  wissen  wollen,  pflegen  einzuwerfen,  daß 
gleichgeschlechtliche  Liebe  unnatürlich  oder  naturwidrig  sei. 
Das  ist  sie  aber  nur  für  den  heteroerotisch  differenzierten  Ge- 
schlechtstrieb. Wenn  als  Grund  für  ihre  angebliche  Natur- 
widrigkeit ihr  Fehlen  in  der  Tierwelt  und  bei  den  Naturvölkern 
angegeben  und  behauptet  wird,  sie  sei  lediglich  eine  Ausgeburt 
von  Uberkultur,  so  übersehen  oder  verneinen  die  Vertreter 
dieser    Argumente    längst    bekannte    und    heute    von    keinem 


Allgemeiner  Teil  io 

Einsichtigen  mehr  bestrittene  Tatsachen.  Auch  haben  es  die 
größten  Geister  des  griechischen  klassischen  Altertums  durchaus 
nicht  unter  ihrer  Würde  gehalten,  sich  aufs  eingehendste  mit 
der  gleichgeschlechtlichen  Liebe  zu  befassen.  Hatte  doch  für 
sie  der  homoerotische  so  gut  wie  der  alloerotische  Liebetrieb 
seine  Wurzel  in  der  gegebenen  physisch-psychischen  tierischen 
und  menschlichen  Naturanlage.  Als  solcher  erschien  er 
ihnen  ebensogut  der  Veredlung  wie  der  Erniedrigung  und 
Versumpfung  fähig.  Für  edle  Naturen  aber  galt  es,  ihn  nach 
Möglichkeit  zu  bilden,  alles,  was  er  Gutes  und  Schönes  zu  zeitigen 
vermag,  hervortreten  zu  lassen  und  auszugestalten,  nicht  aber, 
ihn  zu  unterdrücken,  zu  erwürgen  und  in  den  Schmutz  zu 
zerren.10  Es  bleibt  eine  höchst  bemerkenswerte  Tatsache,  daß. 
wie  aus  dem  vorliegenden  Buche  einwandfrei  hervorgehen 
dürfte,  die  Naturvölker  in  dieser  Auffassung  im  all- 
gemeinen mit  dem  hochkultivierten  Griechen- 
tum auf  einer  Stufe  stehen.  Und  es  bedarf  durchaus 
keiner  eingehenden  Erörterung,  auf  welcher  Seite  höhere  Kultur, 
auf  welcher  Barbarei  liegt,  ob  auf  Seite  bewußter  Duldung  und 
beabsichtigter  Veredlung  oder  auf  Seite  brutaler  Unterdrückung 
eines  einmal  gegebenen,  an  und  für  sich  unschädlichen,  spontan 
sich  immer  wieder  erneuernden  und  unaustilgbaren  Natur- 
triebes. Der  gleichgeschlechtliche  Verkehr,  eine  im  Tierreiche 
weit  verbreitete  und  häufige  Erscheinung,11  ist  auch  allen 
Menschenrassen  eigen  und  nimmt  überall  da,  wo  ihm  nicht 
Hindernisse  bereitet  werden,  naturnotwendig  nationale  Formen 
an,  deren  vergleichendes  Studium  mindestens  ebenso  interessant 
und  wichtig  ist,  als  das  jeder  beliebigen  anderen  Naturerschei- 
nung. Auch  da,  wo  sein  Vorkommen  nicht  unmittelbar  nach- 
gewiesen oder  nicht  nachweisbar  ist,  darf  seine  Existenz  ohne 
Bedenken  angenommen  werden,  weil  der  mitgeborene  gleich- 
geschlechtliche Liebetrieb  auf  einem  Instinkt  beruht  und  alle 
Instinkte  so  alt  sind  als  die  Lebewelt.  EDUARD  VON 
MAYER  führt  aus,  von  etwaigen  Zwecken  in  der  Natur  sei 
„eigentlich  nichts  bekannt";  auch  die  Arterhaltung  sei  nur 
„ein  kleinmenschliches  Hirngespinnst",  wie  alle  ausgestorbenen 
Arten  bewiesen.12  Da  die  Blattlaus,  die  Biene,  der  Apus  (von 
den  noch  niederen  Lebewesen  gar  nicht  zu  reden)  sich    u  n  - 


\a  Allgemeiner  Teil 

geschlechtlich  fortpflanzen  könnten,  so  sei  damit  „prinzipiell 
die  Unabhängigkeit  der  Arterhaltung  von  den  Geschlechts- 
unterschieden bewiesen."13  Die  Richtigkeit  dieser  Gedanken 
bezeugen  die  allen  Biologen  geläufigen  Begriffe  Partheno 
genese  (Jungfernzeugung)  und  Paedogenese  (Larven Ver- 
mehrung). Aber  der  auf  das  gleiche  Geschlecht  gerichtete 
Liebetrieb  spricht  schon  genügend  für  sich  selber  und  be- 
weist, wenn  doch  Zwecke  angenommen  werden  sollen,  allein, 
daß  die  Natur  mit  dem  der  geschlechtlich  differenzierten  Tier- 
welt verliehenen  Geschlechtstrieb  noch  andere  Zwecke  ver- 
folgen müsse,  als  einzig  und  nur  die  Fortpflanzung. 

Päderastie  und  Tribadie  werden  nun  hier  im  umfassendsten 
Sinne  verstanden:  Jede  Erregung  geschlechtlicher  Natur 
(Orgasmus)  f) .  in  welche  ein  männliches  Wesen  durch  ein  anderes 
männliches  Wesen  seiner  Art  versetzt  wird,  fällt  unter  den 
Begriff  Päderastie;*)  jede  Aufwallung  der  Geschlechts- 
tätigkeit, in  die  ein  weibliches  Wesen  durch  ein  anderes  weib- 
liches Wesen  seiner  Art  gerät,  fällt  unter  den  Begriff  Tri- 
badie.**) Es  spielt  dabei  eine  untergeordnete  Rolle,  ob  der 
sexuelle  Reiz  befriedigt  wird  oder  unbefriedigt  bleibt  und  es 
ist  dabei  gleichgültig,  in  welcher  Form  er  etwa  befriedigt  wird. 
Es  ist  auch  unwesentlich,  auf  welche  Weise  der  so  Gereizte 
den  Vorgang  sich  deutet,  sich  theoretisch  zurechtlegt,  ob  er 
etwa   glaubt,  daß  lediglich    Schönheit   des   ihn   geschlechtlich 


+)  ,, Orgasmus"  ist  der  medizinische  Ausdruck  für  „Blutwallung, 
sinnliche  Erregung  und  Anspannung,  besonders  bezüglich  des  Geschlechts- 
triebes" (A.  VILLARET:  Handwörterbuch  der  gesamten  Medizin.  Stutt- 
gart,  Enke,    1891,    II     Band,    Seite  439). 

*)  Päderastie,  aus  dem  griechischen  nett;,  Knabe,  und  igaaita,  Liebe, 
latinisiert,  also  eigentlich  Knabenliebe,  Liebe  zu  Knaben,  kann  ganz  allgemein 
als  Liebe  zwischen  Mannspersonen,  als  Männerliebe,  verstanden  werden. 
Sowohl  im  Griechischen  kann  7iatg  den  Sinn  von  Bursche,  Diener,  Schüler, 
Zögling  haben,  also  einen  abhängigen  Mann  bezeichnen,  wie  denn  z.  B.  die 
Arzte  als  Jünger  des  Asklepios  seine  „Knaben",  ol  naTSee  'jtaxXfptum, 
genannt  wurden,  als  auch  im  Deutschen  hatte  ..Knabe"  oder  „Junge"  die 
Bedeutung  von  „Junggeselle".  Im  Schwabenspiegel  ist  die  Rede  von  der 
Ehe  eines  Knaben  (sieh  WACHENFELD  Seite  9  Note  4).  Diese  Bedeutung 
hat  Knabe  oder  Junge  hier  und  da  auch  noch  heute,  z.  B.  in  Westfalen. 
)  Tribadie,  vom  griechischen  roiiäg.  ein  Weib,  das  mit  Seines- 
gleichen geschlechtlich  verkehrt. 


Allgemeiner  Teil  je 

reizenden  Wesens  gleichen  Geschlechts,  dessen  Jugend,  dessen 
Liebenswürdigkeit,  dessen  strotzende  Kraftfülle  oder  dessen 
passive  Hingabe  die  Ursache  seiner  sexuellen  Erregung  sei. 
Es  macht  ferner  nichts  aus,  ob  die  sexuell  erregte  Person  fühlt 
oder  dessen  gewiß  zu  sein  glaubt,  daß  nur  ein  bestimmter 
Körperteil,  der  Geschlechtsteil,  die  Lenden,  die  Augen,  das 
Haar  oder  ein  dem  geliebten  Körper  entströmender  Geruch 
oder  die  Stimme  oder  die  dem  Erreger  eigenen  Bewegungen 
den  Orgasmus  hervorrufen.  Es  ist  endlich  durchaus  nicht 
erforderlich,  daß  die  sexuelle  Erregbarkeit  des  Päderasten  oder 
der  Tribade  durch  ein  Wesen  gleichen  Geschlechts  die  einzig 
mögliche  sei.  Denn  wer  immer  als  Mann  außer  durch  ein 
männliches  Wesen  auch  noch  durch  ein  weibliches  geschlechtlich 
erregt  wird,  ist  eben  nicht  bloß  reiner  Päderast  und  wer  als 
Weib  außer  durch  ein  weibliches  Wesen  noch  durch  ein  männ- 
liches sexuell  gereizt  wird,  ist  eben  nicht  reine  Tribade.  Die 
Ausdrücke  Päderastie  und  Tribadie,  Päderast  und  Tribade 
haben  nun  aber  in  der  Literatur  über  Naturvölker  fast 
gar  nicht  Anwendung  gefunden.  Außer  gewissen,  vorurteilsloser 
wissenschaftlicher  Forschung  durchaus  unwürdigen  und  dem 
rücksichtlosen  Bekennen  gewonnener  Ergebnisse  hinderlichen, 
stets  eine  Mißdeutung  enthaltenden  Umschreibungen,  wie 
„Verbrechen  wider  die  Natur"  {crime  contre  nature  bei  MONTES- 
QUIEU14), ,  .verabscheuungwürdige  unnatürliche  Laster"  und 
dergleichen  mehr,  kommt  besonders  häufig  der  Ausdruck 
Sodomie  vor.  Da  Sodomie  sowohl  den  Gebrauch  des 
Weibes  durch  den  Mann  „an  unrechter  Stelle"  (ultra  vas  debi- 
tum)  als  auch  den  Gebrauch  des  Mannes  durch  den  Mann  im 
Analkoitus  bezeichnet,  fällt  er  als  ein  umfassenderer  Begriff 
nicht  mit  Päderastie  zusammen.  Für  den  Geschlechtsverkehr 
zwischen  Mensch  und  Tier,  der,  die  Verwirrung  noch  vermehrend, 
auch  vielfach  Sodomie  genannt  wird,  ist  die  Bezeichnung 
Bestialität  die  gewöhnliche.  Die  spanischen  und  portu- 
giesischen Geschichtschreiber  der  Indianer  haben  für  den 
päderastischen  Verkehr  ihre  eigenen  Ausdrücke,  wie  pecado 
nefando,  pecado  abominable,  pecado  aborrecible,  bald  ohne  Zusatz, 
bald  mit  dem  Zusatz  contra  natura  oder  de  Sodoma.  Hier 
häufen  sich  in  den  Schriften  von  DE  GOMARA,  DE  OVIEDO, 


l6  Allgemeiner  Teil 

und  anderen,  dank  der  Empörung,  in  welche  diese  in  einem 
engherzigen  Kirchenchristentum  befangenen  älteren  romani- 
schen Beobachter  urwüchsiger  Naturvölker  sich  hineinschrieben, 
die  beschimpfenden  Beiwörter,  wie  abominable  e  sucio  pecado 
oder  gar  diabolico  e  nefando  acto  de  Sodoma.  Ein  ganzes  Füll- 
horn von  Schmähworten  schüttet  der  alte  Jesuit  DE  LA 
CALANCHA  über  die  Päderasten  aus.  Der  gleichgeschlecht- 
liche Verkehr  ist  ihm  inmunda  suciedad  execrable,  la  maldad 
de  Gomorra  i  Sodoma,  abominable  sin  que  viesen  los  orrores  del 
castigo,  la  nefanda  sensualidad,  la  obcena  malicia  de  la  Sodomia 
i  sensualidad,  pecado  contra  naturaleza,  delito  nefando,  maldita 
usanca ;  er  ist  ihm  das  Schlimmste  des  Schlimmen,  das 
Schmachvolle,  la  abominacion,  d  i  e  Sünde  an  sich,  el  pecado. 
Und  die  Sünder  dieser  Art  findet  er  dignos  de  terror  i  egenplo, 
i  parecidos  al  de  la  sucia  Sodoma.15 

Zum  Verständnis  aller  folgenden  Einzelheiten  bedarf  es 
hier  noch  der  Erläuterung  der  Betätigungen,  welche  gleichsam 
das  Gerippe  für  die  verschiedenen  Formen  der  Befriedigung 
päderastischen  und  tribadischen  Liebetriebes  darstellen.  Wäh- 
rend das  päderastische  Liebeleben  im  ganzen  wegen  der 
weiten  Verbreitung  und  teilweise  öffentlichen  Anerkennung, 
ja  Pflege,  die  ihm  im  alten  Griechenland  zuteil  wurde,16 auch  heute 
noch  griechische  Liebe  heißt,  wird  mehr  schwär- 
merische Zuneigung  des  Päderasten  nach  dem  griechischen 
Philosophen  PLATO,  der  fast  nur  diese  Form  der  Geschlechts- 
liebe behandelt  hat,  platonische  Liebe  genannt.  Sie 
wird  unter  den  Naturvölkern  von  Völkern  der  Südsee  und  von 
den  Mangabai  auf  Madagaskar  angegeben.  Spuren  von  ihr 
finden  sich  aber  auch  sonst.  Ihr  Gegenstück  beim  gleich- 
geschlechtlich begehrenden  Weibe  ist  sapphische  Liebe 
nach  der  griechischen  Dichterin  SAPPHO,  während  die  mehr 
grobsinnliche  Tribadenliebe  nach  der  aegeischen  Insel  Lesbos, 
von  wo  besonders  über  sie  berichtet  wird,  lesbischeLiebe 
heißt.  Von  geschlechtlichen  Akten  zwischen  Personen  des- 
selben Geschlechts  sind  die  gewöhnlichsten:  i.  Die  Erlösung 
vom  Orgasmus  mit  Hilfe  der  Hand  oder  eines  Werkzeuges,  die 
Masturbation  oder  Manustupration,  eine  wechselseitige 
Onanie.     Obwohl  sie  im   Gegensatz  zu  der  öden,   unsozialen 


Allgemeiner  Teil 


17 


monoerotischen  Selbstbefleckung  einen  sozialen  Charakter  an 
sich  trägt,  pflegen  oberflächliche  Beobachter  beide  grundver- 
schiedene Formen  geschlechtlicher  Befriedigung  nicht  aus- 
einanderzuhalten und  der  Erforscher  des  sozialen  Völkerlebens 
bleibt  daher  oft  in  Zweifel,  ob  er  die  soziale  oder  nur  die  un- 
soziale Form  der  Masturbation  vor  sich  hat.  Über  wechselseitige 
Masturbation  wird  von  verschiedenen  Stämmen  Australiens,  von 
zahlreichen  Negerstämmen  und  von  malaiischen  und  arktischen 
Völkern  berichtet,  bei  Päderasten  und  bei  Tribaden.  Tribaden 
Zanzibars  bedienen  sich  dazu  eines  Penis  aus  Ebenholz,  Tribaden 
Kamtschatkas  ihres  stark  entwickelten  Kitzlers,  Tribaden  der 
Eskimo  eines  Renntierknochens.  2.  Befriedigung  gleich- 
geschlechtlichen Verlangens  durch  Reibung  oder  Friktion 
der  Schamteile  an  den  Schamteilen  oder  sonst  am  Körper 
des  geliebten  Wesens  ohne  Eindringen  in  eine  Körperöffnung.  Die 
so  Liebenden  heißen  Frictrices  oder  Fricatrices.  Aktive  Päderasten 
heben  vielfach,  die  Ejakulation  durch  Reibung  zwischen  den 
Schenkeln  des  Geliebten  zu  erreichen,  was  unter  Naturvölkern 
von  den  Hovas  berichtet  wird.  3.  Die  Liebkosung  des  Ge- 
schlechtsteils des  geliebten  Wesens  mit  den  Lippen  oder  der 
Zunge.  Der  das  Glied  des  Partners  in  den  Mund  aufnehmende 
Päderast  heißt  Fellator,  der  sein  Glied  einführende  Irrumator, 
die  entsprechenden  Akte  F  e  1 1  a  t  i  o  n  und  Irrumation. 
Diese  Befriedigungweise  wird  unter  den  Naturvölkern  als  eine 
von  den  Rothäuten  Nordamerikas  besonders  bevorzugte  ge- 
schildert. Die  Tribade,  welche  sich  vom  Orgasmus  durch  Lecken 
der  Scham  ihrer  Geliebten  erlöst,  ist  ein  Cunnilingus.  4.  Wird 
Eindringen  des  männlichen  Gliedes  in  den  After  des  Geliebten 
geübt,  heißt  der  Akt  Podikation,  der  aktive,  handelnde 
oder  einführende  Teil  ist  der  Podikator,  der  passive  oder 
leidende    Teil    der    Podikant,*)    der    Patlncus    der    alten 


*)  Es  war  üblich,  Pädikation,  Pädikator  und  Pädikant  zu  schreiben. 
Der  ehemalige  Pfarrer  in  den  Niederlanden  und  jetzige  Schriftsteller  H.  J. 
SCHOUTEN  behauptete  1905,  diese  Schreibweise  sei  falsch,  verleite  dazu, 
das  Wort  von  xai;.  der  griechischen  Bezeichnung  für  Knabe,  abzuleiten, 
und  müsse  mit  e  geschrieben  werden.  Nun  findet  sich  aber  das  Zeitwort, 
von  dem  alle  drei  Bezeichnungen  sich  herleiten,  in  den  lateinischen  Lexicis 
und  den  philologischen  Ausgaben  lateinischer  Klassiker,  besonders  MAR- 
Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  2 


jg  Allgemeiner  Teil 

Römer,  der  C  i  n  ä  d  e  (Rivaldos)  der  alten  Griechen,  der  Puto 
der  Spanier.  (Podikation  heißt  aber  auch  derselbe  Akt 
vom  Manne  beim  Weibe  ausgeführt  und  wird  gewöhnlich  als 
Sodomie  bezeichnet.)  Diese  Form  päderastischer  Befriedi- 
gung soll  unter  den  Arktikern  die  gewöhnliche  sein.  Eine 
völüg  isoliert  stehende  Form  gleichgeschlechtlichen  Verkehrs 
ist  die  Aufnahme  eines  fremden  Penis  in  den  eigenen,  durch 
Operation  (Mika)  vulvaartig  umgewandelten  Penis  bei  australi- 
schen Eingeborenen. 

Der  Verfasser  vorliegender  Schrift  kann  bei  diesem  Anlass 
nicht  umhin,  seinem  Bedauern  darüber  Ausdruck  zu  geben, 
daß  es  meistens  vergebliches  Bemühen  war,  die  bei  Naturvölkern 
für  die  verschiedenen  gleichgeschlechtlichen  Akte  unzweifelhaft 
in  Gebrauch  gewesenen  und  zum  Teil  gewiß  auch  jetzt  noch  in 
Gebrauch  befindlichen  oder  wenigstens  noch  vorhandenen  Aus- 
drücke zu  ermitteln  —  mit  Ausnahme  derer  für  einen  ein- 
zigen, den  scheinbar  brutalsten  von  allen,  den  Podikationakt. 
Das  ist  aber  nicht  des  Verfassers  Schuld,  sondern  die 
Schuld  derjenigen,  welche  unterlassen  haben,  sie  mitzuteilen 
oder  ihnen  nachzuforschen,  obwohl  ihnen  das  ein  Leichtes 
gewesen  wäre.  Die  Schriftsteller,  welche  diese  Richtung  des 
Geschlechtslebens  ihrer  Aufmerksamkeit  überhaupt  für  wert 
erachteten,  waren  allermeist  Verehrer  des  andern  Geschlechts 
oder  sie  hielten  es  mit  dem  bekannten  zwar  praktischen,  aber 
für  mutige  und  begabte  Forscher  wenig  empfehlenswerten 
Lehrsatz,  daß  Schweigen  Gold  bedeute.  Hätte  jene  ihr  eigener 
Geschlechtstrieb  nicht  blind  gemacht  für  ebenso  berechtigte 
Triebrichtungen,  wie  ihre  eigenen  es  sind,  und  dadurch  unfähig 
gemacht,  logisch  zu  denken,  so  hätten  sie  herausfühlen  müssen, 


TIALs,  in  dreifacher  Weise  geschrieben:  paedicare,  pedicare  und  podicare. — 
Um  dem  völlig  müssigen  Streit  aus  dem  Wege  zu  gehen,  ist  in  diesem  Buch 
der  Schreibweise  mit  o  der  Vorzug  gegeben,  da  die  mit  Podex  gleichlautenden 
Worte  Podikation,  Podikator  und  Podikant  unzweideutig  zu  erkennen  geben, 
um  was  für  einen  Akt  es  sich  handelt.  Sieh  H.  J.  SCHOUTEN-Utrecht: 
„Die  vermeintliche  Päderastie  des  Reformators  Jean  Calvin",  im  Jahrbuch 
für  sexuelle  Zwischenstufen  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Homo- 
sexualität, herausgegeben  von  Dr.  med.  Magnus  Hirschfeld,  Leipzig,  Max 
Spohr,  1905,  7.  Jahrgang,  I.  Band  (Seite  289 — 306  mit  Abbildung)  Seite  289 
Note  1). 


Allgeraeiner  Teil  ja 

daß  die  Vorbedingung  für  den  Podikationakt  durchaus  nicht 
bei  dem  Manne  allein  vorliegt,  sondern  bei  beiden  Geschlechtern 
in  gleichem  Maße  gegeben  ist  und  daß  es  demzufolge  bei 
der  Liebe  der  Päderasten  nicht  eigentlich  um 
diesen  Akt  sich  handeln  kann.  Womit  nicht  bestritten 
werden  soll,  daß  viele  gleichgeschlechtliche  Männer  gerade  an 
dieser  Befriedigungform  ihr  besonderes,  wenn  nicht  ihr  einziges 
Wohlgefallen  finden.  Aber  die  Regel  ist  sie  durchaus  nicht. 
Viele  weisen  sie,  ohne  zu  heucheln,  weit  von  sich.  Bleiben 
ihnen  doch  andere,  ihnen  zusagende  Befriedigungweisen  vollauf 
genug. 

Da  nun  Päderastie  und  Tribadie  nur  als  Teilerschei- 
nungen eines  besonderen,  auf  das  gleiche  Geschlecht 
gerichteten  Sexualtriebs  aufzufassen  sind,  ist  eine  Be- 
zeichnung wünschenswert,  die  beide  zusammenfaßt.  Ob- 
wohl eine  solche  in  dem  Ausdruck  ,  .griechische  Liebe" 
gefunden  werden  könnte,  hat  doch  der  hannoverische 
Amtsassessor  KARL  HEINRICH  ULRICHS  (Numa  Numan- 
tius)  einen  neuen,  durchaus  nicht  übel  erfundenen  Terminus 
dafür  eingeführt.  In  seiner  ersten  Schrift  über  mannmännliche 
Liebe,  „Vindex",  juristische  Studien,  Leipzig  1864,  Seite  1 — 2, 
nannte  er  den  mannliebenden  Mann  Urning,  den  weib- 
liebenden D  i  o  n  i  n  g  und  sprach  von  der  Liebe  zwischen 
Geschlechtsgleichen  als  urnischer  und  von  der  zwischen 
Geschlechtsungleichen  als  dionischer  Liebe.  Diese 
Bezeichnungen  büdete  er  durch  Umwandlung  der  griechischen 
Götternamen  U  r  a  n  o  s  und  D  i  o  n  e  ,  da  eine  poetische 
Fiktion  des  Dichter-Phüosophen  P  1  a  t  o  in  dessen  Gastmahl 
(Symposion),  Kapitel  8  und  9,  den  Ursprung  der  mannmännlich 
Liebenden  vom  Gotte  Uranos  allein,  ohne  Mitwirkung  eines 
Weibes,  ableitete,  den  weibliebenden  Mann  und  das  mannliebende 
Weib  aber  auf  dem  üblichen  Wege  aus  dem  Schöße  der  Göttin 
D  i  o  n  e  entstehen  läßt.17  Für  die  Liebe  des  Urnings  und 
der  Tribade  oder  U  r  n  i  n  g  i  n  bediente  sich  dann  später 
ULRICHS  in  seiner  dritten  Schrift  über  mannmännliche  Liebe, 
„Vindicta,"  Kampf  für  Freiheit  von  Verfolgung,  Leipzig  1865, 
Seite  20,  des  zusammenfassenden  Terminus  Uranismus. 
Spätere  Schriftsteller  redeten  statt  dessen  von  Urningtum 


20  Allgemeiner  Teil 

und  andere,  den  Worten  Urningtum,  Urning  und 
U  r  n  i  n  g  i  n  als  unschön  klingend  abhold,  wandelten  diese  in 
die  gefälligeren  Worte  Uraniertum,  Uranier  und 
Urninde  um.18  Für  Uranismus  oder  Urningtum  ist  durch 
den  Pseudonymen  ungarischen  Schriftsteller  KERTBENY 
das  sprachwidrige,  halb  altgriechische,  halb  lateinische  Wort 
Homosexualität  oder  Homosexualismus,  Liebe 
zum  gleichen  Geschlecht,  im  Gegensatz  zuHeterosexuali- 
t  ä  t  oder  Heterosexualismus,  Liebe  zum  anderen 
Geschlecht,  neben  Monosexualität  oder  Monosexu- 
al ismus  als  der  Liebe  zu  sich  selbst  für  , .geborene  Onanisten", 
eingeführt.19  Es  ist  gleich  anderen  sprachwidrigen  Bezeich- 
nungen, wie  Sozialdemokratie,  ebenfalls  eine  vox  hybrida, 
außerordentlich  in  Mode  gekommen.  Im  vorliegenden  Buche 
ist  es  fast  durchweg  durch  Homoerotik  oder  H  o  m  o  e  - 
r  o  t  i  s  m  u  s  ersetzt,  ebenso  Heterosexualität  durch 
Heteroerotik  oder  Alloerotik,  homosexuell 
und  heterosexuell  durch  homoerotisch  und 
heteroerotisch  oder  alloerotisch. 

Unter  den  Urningen  unterschied  bereits  ULRICHS  solche, 
die  vorwiegend  oder  ausschließlich  bei  jungen  Männern,  bei 
Knaben  im  Pubertätalter  und  noch  bartlosen  Jünglingen  ihre 
Befriedigung  finden  und  meist  männlich  erscheinen  mit  oft 
nur  dem  Kennerauge  sichtbaren  weiblichen  Zügen,  die 
Mannlinge  ,  und  solche,  die  sich  vorwiegend  oder  allein 
von  Männern  in  höheren  Lebensjahren  angezogen  fühlen  und 
oftmals  ein  mehr  weibliches  als  männliches  Wesen  zur  Schau 
tragen,  die  W  e  i  b  1  i  n  g  e.  So  setzt  sich  das  männliche 
Urningtum  aus  einem  Mannlingtum  und  einem 
Weiblingtum  zusammen.20  Für  viele  W  e  i  b  1  i  n  g  e  ist 
charakteristisch,  daß  ihnen  der  Knabe  geschlechtlich  ebenso 
unsympathisch  ist  wie  das  WTeib  und  Geschlechtsverkehr  mit 
ihm  so  unmöglich  wie  dem  ausgesprochenen  Dioning.  Seine 
mehr  passive  Veranlagung  bewirkt,  da  sie  mit  femininer  Er- 
scheinung verbunden  zu  sein  pflegt,  daß  der  W  e  i  b  1  i  n  g 
der  männlichen  Kleidung,  die  er  seiner  Geschlechts- 
organe wegen  zu  tragen  veranlaßt  wird,  weniger  angepaßt  er- 
scheint,  als   der  Mannling,   ja,   daß  er  oft  in  seine  Tracht 


Allgemeiner  Teil  21 

gar  nicht  hineinpassen  will,  durch  diesen  Widerspruch 
zwischen  Wesen  und  Form  die  Aufmerksamkeit  leicht  auf  sich 
lenkt  und  aus  diesem  doppelten  Grunde  das  Bestreben  zeigt, 
seine  männliche  Tracht  gegen  weibliche  zu  vertauschen.21  So 
erklärt  es  sich,  daß  Dioninge,  wenn  sie  von  einer  derartigen 
Veranlagung  keine  Ahnung  haben,  sich  die  ihnen  fremde  Er- 
scheinung auf  ihre  Weise  erklären  und  auf  die  Annahme  ver- 
fallen, es  handle  sich  da  um  Wesen,  die,  geschlechtslos,  weder 
Mann  noch  Weib  oder  aber  Mann  und  Weib,  halb  Mann,  halb 
Weib,  also  Zwitter,  Hermaphroditen  seien.  Und  das  ist  um 
so  weniger  erstaunlich,  als  es  ja  selbst  Mannlinge  gibt,  welche 
die  physiologische  Gleichartigkeit  des  Weiblings  mit  ihrer  eigenen 
Naturanlage  nicht  zu  erfassen  vermögen  und,  beherrscht  von 
ihrem  Widerwillen  gegen  alles  Feminine,  glauben,  diese  ver- 
meintlichen Zwitter  von  ihren  Rockschößen  abschütteln  zu 
können,  während  man  doch  erwarten  sollte,  daß  gerade  sie 
aus  ihrer  eigenen  dem  Weibling  verwandten  Natur  heraus 
sein  Wesen  instinktiv  richtig  abzuschätzen  imstande  wären.22 
Wenn  von  Hermaphroditen  unter  Naturvölkern  die  Rede  ist, 
dürfte  es  sich  zweifelsohne,  wenn  nicht  stets,  so  doch  in  der 
größten  Zahl  der  Fälle  nicht  um  den  anatomischen  Zwitter,23 
nicht  um  einen  Träger  männlicher  und  weiblicher  Geschlechts- 
organe handeln,  sondern  um  ein  männliches  Wesen  mit  mehr 
oder  minder  weiblicher  äußerer  Erscheinung,  weiblichen  Nei- 
gungen und  meist  auch  auf  das  gleiche  Geschlecht  ge- 
richtetem Liebetrieb  oder  um  ein  weibliches  Wesen  mit  den  ent- 
sprechenden Eigenschaften  der  Männlichkeit.  Daß  dem  wirklich 
so  ist,  mögen  zwei  Fälle  aus  verschiedenen  Erdteilen  erhärten. 
RAFFLE  S  gibt  in  seinem  zweibändigen  Geschichtwerk  über 
Java  1817  das  Wort  Wandu  als  die  javanische  Bezeichnung 
für  „Hermaphrodit"  an.  Über  Päderastie  und  Tribadie  unter 
den  Malaien  ist  bei  RAFFLES  nicht  ein  Wort  zu  finden.  Man 
konnte  bei  dem  Worte  Wandu  demnach  Jahrzehnte  lang  nur 
an  einen  anatomischen  Zwitter  denken.  Erst  1905  hat  der 
niederländische  Arzt  VAN  BRERO  mitgeteilt,  daß  es  im  öst- 
lichen Teile  der  Insel  Java  männliche  und  weibliche  Personen 
gibt  mit  von  Kindheit  an  bestehender  Neigung,  das  andere 
Geschlecht  in  jeder  Richtung,  in  Kleidung,  Haltung  und  Spielen, 


22  Allgemeiner  Teil 

zu  kopieren,  daß  diese  Geschöpfe  Liebhaber  ihres  eigenen  Ge- 
schlechts sind  u  n  d  d  a  ß  s  i  e  Wandu  heißen.  Aus  der  männ- 
lichen Indianerbevölkerung  des  Crow- Stammes  von  Montana 
in  Nord-Amerika  werden  als  Bote  oder  „Hermaphroditen"  be- 
zeichnete, als  Männer  aufgezogene  Personen  geschildert,  die 
dadurch  auffallen,  daß  sie  sich  weiblich  gebärden  und  mit 
Männern  geschlechtlich  verkehren.  Erst  1889  konnte  der 
Arzt  A.  B.  HOLDER  an  einem  solchen  „hermaphroditischen" 
Jüngling  durch  eigene  Untersuchung  die  Tatsache  feststellen, 
daß  er  ein  leiblich  vollkommen  normaler  Mann 
war.  Wie  wenig  übrigens  am  grünen  Tisch  arbeitende  und 
dem  frisch  pulsierenden  Volksleben  fernstehende  heutige 
Gelehrte  mit  derartigen  Geschöpfen  auch  unter  den  Kul- 
turvölkern anzufangen  wissen,  zeigt  JOHN  SHORTT 
in  seiner  Abhandlung  über  die  Higras.  Eingehend  schildert 
er  deren  ausgelassenes  Treiben  in  den  Bazaren  fast  aller 
südindischen  Städte.  Er  nennt  sie  „natürliche  Eunuchen" 
und  bringt  sie  in  direkte  Verbindung  mit  den  „künstlichen 
Eunuchen"  oder  Kojahs  der  indischen  Harems  (Zenanas). 
Von  ihrer  wahren  Natur  scheint  er  nichts  zu  ahnen.  Und  doch 
können  sie  durchaus  nichts  anderes  darstellen  als  indische  Ver- 
treter des  kosmopolitischen  Weiblingtums. 

Wer  die  Literatur  über  die  „Hermaphroditen"  der  Natur- 
völker überblickt,  muß  überrascht  sein  von  der  Massenhaftig- 
keit  dieses  Naturspiels.  Und  hat  er  die  Überzeugung  gewonnen, 
daß  sie  Weiblinge  sind,  so  muß  er  sich  wieder  wundern, 
daß  von  diesen  so  viel,  von  den  Mannlingen  aber  ungleich 
weniger  mitgeteilt  wird.  Da  es  bei  den  Kulturvölkern  umgekehrt 
zu  sein  pflegt,  geraten  diese  in  einen  gewissen  Gegensatz  zu 
den  Naturvölkern.  Denn  nicht  nur  bei  dem  Kulturvolke  der 
alten  Griechen,  sondern  auch  bei  den  meisten  heutigen  Kultur- 
völkern herrscht  anscheinend  das  Mannlingtum  in  so  auf- 
fallender Weise  vor,  daß  man  in  einigen  Staaten  die  männliche 
Jugend  dadurch  bedroht  glaubt  und  sie  durch  Gesetze  zu 
schützen  sucht.  In  Wirklichkeit  ist  jedoch  dieser  Gegensatz 
eine  Täuschung  und  wird  vielleicht  durch  größere  Freiheit 
des  einzelnen  Individuums  bei  den  Naturvölkern  und  dessen 
größere  Abhängigkeit  vom  Ganzen  bei  den  Kulturvölkern  ge- 


Allgemeiner   Teil  23 

nügend  erklärt.  Der  Mannling  pflegt  ja  überhaupt  weniger 
aufzufallen  und  der  Weibling  bei  den  Kulturvölkern  sich 
größere  Zurückhaltung  aufzuerlegen.  Für  die  Na turvölker 
bleibt  die  Tatsache  bestehen,  daß  fast  alle  ihre  Sprachen 
wenigstens  einen  Ausdruck  für  „Hermaphrodit"  aufweisen,  ohne 
daß  auch  vielleicht  nur  in  einem  Falle  anatomisches  Zwittertum 
bei  ihnen  festgestellt  sein  dürfte.  Der  Verfasser  hat  daher 
und  in  Anbetracht  der  großen  Seltenheit  erwiesenen  wirklichen 
Zwittertums  beim  Menschen  mit  guten  Gründen  angenommen,  es 
handle  sich  bei  den  „Hermaphroditen"  der  Naturvölker  aus- 
schließlich oder  vorwiegend  um  W  e  i  b  1  i  n  g  e  ,  und  er  hat  aus 
den  ihm  bekannt  und  erreichbar  gewordenen  Wörterbüchern 
der  Naturvölkersprachen  alle  Bezeichnungen  für  „Herma- 
phrodit" gesammelt.  Diese  Bemühung  hat  sich  zwar  als 
schwierig  und  zeitraubend,  aber  dafür  auch  als  überaus  lohnend 
erwiesen.  Und  obwohl  alle  diese  Bezeichnungen  im  Kapitel 
„Päderastie  bei  den  Naturvölkern"  zerstreut  enthalten  sind, 
scheint  es  dem  Verfasser  der  Übersicht  halber  doch  angebracht, 
sie  hier  in  alphabetischer  Ordnung  folgen  zu  lassen.  Dieses 
Verzeichnis  von  106  Namen  u  bringt  die  Bezeichnungen  für  den 
passiven  Päderasten  überhaupt,  also  außer  den  Namen  für  die 
Hermaphroditen  und  die  Weiblinge  in  zweifelhaften  Fällen 
auch  noch  die  für  den  Prostituten,  da  die  Spanier  für 
Hermaphroditen,  Weibling  und  Prostituten  überhaupt  nur 
eine  Bezeichnung,  nämlich  Puto,  gebrauchen.  Die  Ent- 
scheidung über  die  Richtigkeit  oder  über  einzelne  Irrtümer 
dieses  Verzeichnisses  muß  dem  Sprachenforscher  vorbehalten 
bleiben.      Die  Weiblinge  heißen : 

Achnuischik    bei  den  Konjagen   auf  Kadjak   nach  Holmberg; 

Agokwas  bei    den  Tschippewäern  nach  Tanner; 

Angutaürsak    bei  den  Grönländern  nach  Paul  Egede; 

Ayekwew  (Ayekwewa  und   Ayekiceicok)    bei  den  Kri  nach  Lacombe; 

Babassir   und    Basibasir    bei   den   Dajak    auf  Pulopetak     nach     Schwaner 

Hardeland,  Hupe  und  Wilken; 
Banchi  und  Bantji  bei  den  Malaien,   den   Javanen    und   den  Balinesen  nach 

Raffles  und  vau  Eysinga; 
Bandu    bei  den  Maduresen  nach  Raffles ; 

Bardaches  (arabisch?)  bei  den  Canadiern  nach  zu  Wied;  sieh  Berdaclies; 
Basir,  Bassir  oder  Bazir  bei  den  Dajak  nach  Schwaner,  Perelaer  und  van 

Brero ; 


24.  Allgemeiner  Teil 

Basir   haiuä    in   Kahaian  nach  Hardeland; 

Beksä    bei  ben  Javanen  nach  Richard  Schmidt; 

Berdaches   (arabisch?)  bei  den  Sioux  nach  Catlin;   sieh  Bardaches; 

Binabai  bei  den  Tagalen  und  Pampangos  nach  Fernand  ez; 

Bissu  bei  den  Buginesen  nach  Matthes; 

Bldding' an  bei  den  Lampong  nach  Raffles ; 

Bote  bei  den  Crow  nach  Holder; 

Burdash  in  der  Tulalip- Sprache  nach  Holder; 

Camayoa     in     der    Cueva-Sprache    nach      de     Oviedo;   bei    den    Haitiern 

nach  Brasseur; 
Chibados  bei  den  Loanda-Negern  nach  Jarric; 
Choentza,  Chontha  und  Chontsa  (arabisch  ?)  bei  den  Malaien  nach  van  Eysinga, 

van  der  Berg  und  van  der  Tuuk ; 
Chookado  bei  den  Kimberley-Australiern  nach  Hardman;  sieh  Mullawongah 

und  Tschukado; 
Cobol  in  der  Maya-Sprache  nach  Brasseur; 
Coias  bei  californischen  Rothäuten  nach  Boscana; 
Coronnes  bei  Indianern  Neu-Granadas  (Chibchas)  nach  de  Gomara; 
Cudinas  bei  den  Guaycurus  nach  v.  Eschwege  und  v.  Martius; 
Cuilonyotl  und  Cuilumpull    bei  den  Nahua  nach  de    Molina; 
Cuit  bei  Rothäuten  Obercaliforniens  nach  Boscana; 
Cusmos  bei  den  Laches  nach  Piedrahita; 
Cuylon  bei  den  Nicaraguern  nach  de  Gomara; 
Dass  bei  den  Pomo  nach  Powers; 
Esenga  (Eshenga),    Mehrzahl   Omasenge  (Omashenge)    bei     den     Ondonga- 

Negern  nach  Rautanen ; 
Faafafine  bei  den  Samoanern  nach  Pratt  und  v.  Bülow; 
Gandrung  (Gandroeng)   bei  den  Baliern  nach  Jacobs  und  van  Eck; 
Guauca  bei  den  Peruanern  nach  Domingo  de  S.  Thomas; 
Hanlsi    (arabisch?)   bei  den     Zanzibar-Negern  nach  Baumann; 
Hazacam  in  der  Maya-Sprache  nach  Brasseur; 

Bokis  bei  den  Marquesas-Insulanern  nach  Vincendon-Dumoulin   und  Desgraz; 
Huanapu  bei  den  Peruanern  nach   de  Espada  (sieh  Vanarpo  und  Wanarpu) 
Huarazo  in  der  Cummanagota- Sprache  nach  Blanco; 
Huaiisaska   und  Huausaytukuk  im  Khetschua  nach  Holguin; 
Huaussa   (Huauca)   in    Peru    nach    Holguin;   in  der  Aymara- Sprache  nach 

Bertoni ; 
Hucles   oder  Hueyes    bei  den  Araukanern  nach  Bascufian; 
Hnpehupe   bei  den  Paumotua  nach  Tregear; 
Icoucoua  (Icoocooa  und    Icoocooah)    bei  den  Sioux,    Sak    und    Foxes    nach 

Catlin ; 
Ikihinda  bei  den  Warundi-Negern  nach  van  der  Bürgt; 
Ipa  in  der  Aymarasprache  nach  Bertoni ; 

Irkalaoul  (  Yirkalaoul)   bei  den  Tschuktschen  nach  Jochelson; 
licainusp  bei  den   Juki  nach  Powers; 
Joyas  bei  Californischen  Rothäuten  nach  Duflot  de  Mofras  und  Fages; 


Allgemeiner  Teil  25 

Kmci  bei  den   Javanen  nach  Raffles; 

Kayaic  (Qavau)   oder  Keycw  (Qeveu)  bei  den  Korjaken  nach  Jochelson; 

Kedie   bei  den  Malaien  nach  von  de  Wall  und  Klinkert; 

Keelgi    bei  den  Kon  jagen  nach  Errnan; 

Keulla   und  Keusa    (Keussa)   in  der  Aymara-Sprache  nach  Bertoni; 

Keyeic   (Qeveu)  sich  Kayaic. 

Kiranga   bei  den  Warundi  nach  van  der  Bürgt; 

Koektschutseh,  Koiach  oder  Koiachtschitsch    bei  den  Itelmen    oder    Kamt- 

schadalen  nach  Steller; 
Koioas    bei    den    Marquesas-Insulanern     nach      Vincendon-Dumoulin      und 

Desgraz ; 
Kojektsehutschi  bei  den  Konjagen  nach    Erman    und    den    Kamtschadalen 

nach   Krascheninnikow;  sieh  Koektschutseh; 
Kotoruie  (russisch)  bei  den  Kamtschadalen  nach  Krascheninnikow; 
Kween  hei  den  Makasaren  nach  Matthes  und  Wilken; 
La"kebus   (L'kebus)   bei  den  Malaien  nach  Skeat  und  Blagden; 
Mahhus   (Mawhus  oder  Mahoos)   bei  den  Tahitiern  nach  Turnbull; 
Malaicad ing   bei  den  Sundanesen  nach  Raffles; 
Manang  bali  (Menang  bali)  bei  den  See-Dajaks  nach  Henry  Ling  Roth  und 

Hugh  Brown  Low; 
Marico7ies  (spanisch)  bei  Anden-Peruanern  nach  Pöppig; 
Mati-poetjoekh   bei  den  Malaien  nach  von  de  Wall; 
Mekoniaro   bei   den  Pitta-Pitta-Australiern   nach  Walter  E.    Roth; 
Mihdäekä   bei  den  Mandan  nach  zu  Wied; 
Minquga   bei  den  Omaha  nach  Dorsey; 
Mke-simume   bei    Zanzibar-Negern  nach  Baumann ; 
Mujerado    (spanisch?)  bei  den  Pueblo  nach  Hammond; 

Mullauoiigah   bei  den   Kimberley-Australiern    nach  Purcell;  sieh  Chookado; 
Mumemke   in  der  Suaheli- Sprache  nach  Krapf; 
Mzebe   bei  Zanzibar-Xegern  nach  Baumann; 
ydongo-tchi-la   bei  den  Sauden  nach  Cureau; 
Neouttehitschä  bei  den  Tschuktschen  nach  Bogoras; 
Xsanga   bei  den  Niam-Niam  nach  Schweinfurth ; 
^ican-Htcon  bei  den  Efik-Negern  nach  Goldie; 
Oelaja   bei  den  Atjeh  nach   Jacobs; 
Omasenge  (Omashenge)  sieh  Esenga: 
Pantun  bei   den  Malaien  nach  van  der  Tuuk ; 
Papak,   Päpaq,    javan.  Pepak,    bei   den    Malaien   nach    van   Eysinga    und 

Pijnappel ; 
Qavau   (Qeveu)   sieh   Kayaw  und  Keyew; 
Roebiä  bei  den  Malaien  nach  van  Eysinga; 
Santri    birahi   bei  den   Javanen  nach  Veth; 
Sarimbavy   bei  den  Hova  nach  Rencurel  und  Lasnet; 
Schoopan,  Schoupan   oder  Schupan  (russisch)  bei  den  Aleuten  nach  Langs- 

dorff,  den    Konjagen  nach  Lisiansky; 
Secatra    (Sekatra)  bei  den  Sakalaven  nach  Lasnet; 


20  Allgemeiner  Teil 

Secatses    (Sekalses)  bei  den  Betanimenen  nach  Lasnet; 

Sedati  oder  Sedafti  (auch    Sadati  und  Sadatti)  bei  den  Atjeh  nach  Kruyt; 

Supan  (russisch)  bei  den  Jukagiren  nach  Jochelson; 

Tarorirori    bei  den  Paumotua  nach  Tregear; 

Tebiro    (Tivlro)   bei  den  Guarani  nach  de  Montoya    und  Dias; 

Tjälabdi  oder   Tjelebai  und   Tjelebei  bei  den  Buginesen  nach  von  de  Wall, 

Matthes  und  Wiiken; 
Tschukado  sieh  Chookado; 

Tschupannen  (russisch)  bei  den  Itelmen  nach  Steller; 
Tsecats   (Tsekats)   bei  den  Manghabai  nach  Flacourt; 
Uluqui    bei  Gebirgsindianern  Californiens  nach  Boscana; 
ümanowo  bei  den  Efik-Negern  nach  Goldie; 
Vanarpo   bei  den  Peruanern  nach  de  Santacruz;  sieh  Huanapu    und    Wa- 

narpu ; 
Wäli  bei  den  Buginesen  nach  Matthes ; 

Wanarpu  bei  den  Peruanern  nach  v.  Tschudi  (sieh  Huanapu  und  Vanarpo); 
Wandu  (Wdndu)    bei   den   Malaien   nach  Raffles ;  bei  den   Ostjavanen   nach 

van  Brero ; 
Tecuney    in  der  Cummanagota-Sprache  nach  Blanco; 
Tirkalaoul  (Irkalaoul)  bei  den  Tschuktschen  nach  Bogoras;  sieh  Irkalaoul. 

Die  Naturvölker,  mit  denen  sich  diese  Blätter 
ausschließlich  zu  beschäftigen  haben,  sind  hier  ungefähr  in 
dem  gleichen  Umfang  aufgefaßt,  den  ihnen  WAITZ  in  seiner 
„Anthropologie  der  Naturvölker"  gegeben  hat;  nur  die 
Abyssinier  und  die  N  u  b  i  e  r  sind  als  H  a  m  i  t  e  n  außer 
Behandlung  geblieben. 

Die  Begriffe  Naturvölker  und  Kulturvölker 
sind  so  alt  als  die  Ethnologie.  Sie  haben  mannigfache  Wand- 
lungen durchgemacht.  Denn  während  z.  B.  im  iS.  Jahr- 
hundert der  Zustand  der  Naturvölker  von  den  Ethnographen 
noch  mit  dem  Zustande  der  Urzeit  des  Menschengeschlechts 
identifiziert  wurde,  ließen  die  Ethnologen  des  19.  Jahrhunderts 
diese  Auffassung  als  irrig  und  irreführend  gänzlich  fallen. 
Naturvölker  sind  nun  nicht  mehr  auf  der  Stufe  der  Urzeit 
stehen  gebliebene  Völkerschaften,  sondern  Völkerstämme,  welche 
sich  in  so  vollständiger  Harmonie  mit  ihrer  Umgebung  befinden, 
daß  ein  Gefühl  sorglosen  Frohsinns  und  ruhiger  Zufriedenheit, 
eine  freiwillige  Beschränkung  auf  das  Vorhandene  oder  ohne 
große  Mühe  Erreichbare,  eine  Enge  des  geistigen  Umkreises 
sie  an  weiterem  Fortschritt  verhindert.     Naturvölker  brauchen 


Allgemeiner  Teil  27 

daher  nicht  weit  ab  von  aller  Kultur  zu  leben  oder  den  Ein- 
flüssen bestimmter  Klimate  ausgesetzt  zu  sein,  um  Naturvölker 
zu  bleiben;  sie  können  vielmehr  neben,  selbst  mitten  unter 
Kulturvölkern  wohnen,  ohne  daß  eine  Kulturübertragung  ein- 
tritt. Zwar  ist  nicht  erforderlich  für  ein  Naturvolk  das  völlige 
Fehlen  jedweder  Empfänglichkeit  für  Kultur  überhaupt;  sie 
können  sogar  weniger  oder  mehr  zu  ihr  hinneigen;  indessen 
bleibt  die  charakteristische  Erscheinung  bestehen,  daß  sie  selbst 
durch  die  engste  Berührung  mit  Kulturvölkern  kaum  merkbar 
gefördert  werden,  also  Naturvölker  bleiben  und  als  solche, 
neuen  Einflüssen  erliegend,  entweder  aussterben  oder  aber  in 
einem  Kulturvolke  völlig  aufgehen  und  so  ihre  Selbständigkeit 
einbüßen.  Das  Wesentliche  der  Naturvölker  liegt  daher  im 
Stillstand,  das  der  Kulturvölker  in  der  unaufhaltsam  fort- 
schreitenden Entwicklung;  in  der  Beharrung  findet  das  Natur- 
volk sein  Lebensglück,  im  Fortschritt  nach  allen  Richtungen 
das  Kulturvolk;  Hauptbedürfnis  ist  den  Naturvölkern  die  Ruhe, 
den  Kulturvölkern  die  Arbeit.  Die  beachtenswerte  Tatsache, 
daß  auch  innerhalb  der  Kulturvölker  ein  individueller  Gegensatz 
zwischen  Fortschritt  und  Selbstbeschränkung  überall  sich 
kundgibt,  spricht  jedoch  gegen  einen  fundamentalen 
Unterschied  zwischen  Naturvölkern  und  Kulturvölkern  und  für 
die  von  allen  Ethnologen  der  Gegenwart  vorausgesetzte  Ein- 
heit des  Menschengeschlechts. 

Als  wesentlich  wird  hervorgehoben,  daß  die  Natur- 
völker keine  Geschichte  haben.  Sonst  sind  sie  kein 
einheitliches  Ganzes,  sondern  bilden  gleich  den  heutigen  Kultur- 
völkern sehr  verschiedenartige  Gruppen  von  Menschen.  Sie 
lassen  sich  am  übersichtlichsten  in  folgende  vier  große  Gruppen 
zusammenfassen : 

i.  Die   negerartigen   Völker   (Negroiden)    mit   den 
Austronesiern,  den  Melanesien!  und  den  Negern; 

2.  die   malaiischen   Völker   mit   den    Malaien,   den 
Polynesiens  und  den  Mikronesiern ; 

3.  Die  arktischen  Völker  oder  Hyperboreer  und 

4.  die  Amerindier,  Rothäute  oder  Indianer. 


28  Allgemeiner  Teil 

Wer  den  Wunsch  hegt,  sich  über  die  ganze,  recht  schwierige 
Materie  weiter  zu  unterrichten,  findet  Ausführliches  in  den 
nachfolgend  aufgeführten  Werken:  25 

THEODOR  WAITZ:  Anthropologie  der  Naturvölker,  i.  Teil:  Ueber 
die  Einheit  des  Menschengeschlechts  und  den  Naturzustand  des  Menschen. 
Leipzig.  Fleischer,   1859.  —  2.  Auflage  von  G.  GERLAND,   1877. 

TH.  ACHELIS:  Moderne  Völkerkunde,  deren  Entwicklung  und  Aufgabe. 
Nach  dem  heutigen  Stande  der  Wissenschaft  gemeinverständlich  dargestellt. 
Stuttgart,  Enke,   1896  (besonders  Seite  316 — 330). 

A.  VIERKANDT:  Naturvölker  und  Kulturvölker.  Leipzig,  Duncker 
u.   Humblot,   1896. 

HEINR.  SCHURTZ:  Urgeschichte  der  Kultur,  Leipzig,  Bibliographisches 
Institut,   1900  (besonders  Seite  63 — 77). 

GEORG  BUSCHAN:  Illustrierte  Völkerkunde.  Stuttgart,  Strecker  u. 
Schröder,   19 10. 

Die  Darstellung  des  gleichgeschlechtlichen  Lebens  der 
Naturvölker  ergibt  Berührungspunkte  mit  den  verschiedensten 
Zweigen  wissenschaftlicher  Forschung,  vor  allem  aber  mit  der 
Rechtswissenschaft.  Der  weiteren  Kreisen  bekannte 
Berliner  Rechtsgelehrte  JOSEPH  KOHLER  hat  1886  in  einem 
Vortrage  in  Wien  das  „Recht"  als  das  ,, Lebenselement  der 
Völker"  geschildert.  Er  forderte  eine  „universalhistorische 
Rechtswissenschaft".  Dieser  falle  die  Aufgabe  zu,  die  Binde 
von  dem  Auge  zu  lösen,  das  im  jeweiligen  Recht  ein  absolutes, 
unverbrüchliches  und  unabwendbares  Recht,  ein  Naturrecht 
erblickt,  dem  alle  Zeiten  und  Völker  sich  anzupassen  hätten, 
während  doch  das  Recht  nichts  sei  als  die  jeweilige  Gestaltung 
einer  rastlos  in  der  Entwicklung  begriffenen  niederen  oder 
höheren  Kultur.  Dieser  Kultur  entspringe  das  Recht  nicht 
nur,  es  beeinflusse  sie  zugleich.  Es  sei  nicht  nur  ein  Erzeugnis, 
sondern  auch  ein  bewegender  Faktor  alles  kulturellen  Daseins. 
Schwebe  doch  das  Gesetz  der  Rechtsfortbildung  unbewußt  über 
den  Häuptern  der  Menschheit.  Das  Recht  selber,  in  der  Brust 
von  Tausenden  ruhend,  sei  nicht  zu  fassen,  geschweige  denn 
nach  dem  Willen  eines  Einzelnen  lenkbar,  da  es  mit  dem  Herz- 
blut der  Menschheit  geschrieben  sei.  Ein  bloß  formales  Recht 
sei  wohl  vergleichbar  einem  Schachspiel,  das  Recht  im  höhern 
Sinne  aber  nicht,  wenn  dessen  Figuren  lediglich  nach 
gewissen      Regeln     geschoben    werden,    wohl    jedoch     dann, 


Allgemeiner  Teil  2Q 

wenn  Weiß  und  Schwarz  zwar  einander  entgegenstehen, 
aber  Wohl  und  Wehe  der  Menschheit  den  Einsatz  bilden.26 
Es  kann  für  uns  nicht  ohne  Bedeutung  sein,  zu  erfahren,  wie 
ein  klarer  und  uneingeengter  Geist  von  so  umfassendem  juristi- 
schen Weitblick  über  das  Strafrecht  denkt,  in  dem  ja 
das  gleichgeschlechtliche  Leben  so  mancher  Völker  und  auch 
einiger  weniger  Naturvölker  eine  traurige  Rolle  spielt.  Die 
Frage,  ob  Ehebruch  und  Päderastie  zu  bestrafen  seien,  ent- 
scheidet KOHLER  dahin,  daß  „derartige  Dinge  einfach  der 
gesellschaftlichen  Würdigung  zu  überlassen  das  unserer  heutigen 
Kulturordnung  Entsprechende  wäre".  Diese  Entscheidung 
KOHLERs,  der  die  meisten  Naturvölker  bereits  im  voraus  nach- 
gelebt haben,  verweist  die  gleichgeschlechtliche  Liebe  an  ein 
anderes  Forum  als  das  juristische,  vor  das  Tribunal  der  Philo- 
sophie und  der  Sittlichkeit.  So  wird  sie  aus  einer  Frage  des 
Rechts  zu  einer  ethischen  Frage,  nicht  mehr  dahin 
lautend,  ob  Päderastie  und  Tribadie  strafbar,  sondern 
nur  mehr  dahin,  ob  sie  sittlich  oder  unsittlich  seien. 
Es  möchte  sich  kaum  Stichhaltiges  gegen  die  Auffassung 
einwenden  lassen,  ein  Mann,  der  ein  Mädchen  geschwängert 
hat  und  es  dann  mit  seinem  Kinde  sitzen  läßt,  zeige  damit 
ein  unsittliches  Verhalten.  Das  Unsittliche  läge  aber 
dann  durchaus  nicht  etwa  in  dem  Geschlechtsverkehr 
an  sich ,  sondern  lediglich  in  den  Begleitumständen. 
Geschlechtsverkehr,  von  zwei  Beteiligten  mit  voller  Überein- 
stimmung gepflegt,  ist  weder  sittlich  noch  unsittlich,  sondern 
allein  natürlich  und  kann  nur  durch  Nebenumstände 
einen  sittlichen  oder  durch  Mißbrauch  der  Gewalt  einen  unsitt- 
lichen Charakter  annehmen.  Und  das  gilt  sowohl 
für  das  dionische  als  auch  für  das  urnische 
Liebesleben  in  seinem  ganzen  Umfang. 
Bei  derart  einfacher  Sachlage  wirkt  es  beinahe  komisch,  sonst 
kluge  Leute  sich  mit  der  Feststellung  abmühen  zu  sehen,  wo 
beim  Liebesleben  von  zwei  Wollenden  die  Sittlichkeit  aufhöre 
und  die  Unsittlichkeit  beginne.  So  gelangt  der  sonst  gescheite 
Verfasser  eines  vielfach  hochgeschätzten  neuern  Werkes  über 
Afrika:  Caput  NM,  KANDT,  bei  Gelegenheit  der  Darstellung 
des  Liebelebens    der  Negerrasse  und  bei  seinem  mißlungenen 


QO  Allgemeiner  Teil 

Versuch,  den  Begriff  geschlechtlicher  Unsittlichkeit  zu  for- 
mulieren, zu  einem  Ergebnis,  bei  dem  er  sich  der  Konsequenzen 
unmöglich  bewußt  geworden  sein  kann,  zu  der  Feststellung, 
unsittlich  sei  in  der  Liebe  alles,  was  nicht  direkt  der  Fortpflanzung 
diene.27  Damit  würde  nämlich  nicht  nur,  was  offenbar  allein 
KANDTs  Absicht  war,  Päderastie  und  Tribadie  als  unsittlich 
gestempelt,  sondern  auch  jeder  Geschlechtsverkehr  nach  er- 
reichtem Klimakterium,  jede  Ehe  mit  einer  notorisch  sterilen 
Frau,  jede  kinderlose  Ehe,  überhaupt  jeder  Koitus  nach  er- 
folgter Befruchtung,  und  es  würde  die  Vorprüfung  der 
Empfängnisfähigkeit  seines  zukünftigen  Weibes  jedem  Ehe- 
kandidaten zur  sittlichen  Pflicht,  somit  das  Eingehen  des 
beabsichtigten  Ehebundes  von  dem  Erfolge  dieser  Prüfung  ab- 
hängig gemacht,  was  wohl  kaum  KANDTs  Beifall  finden 
dürfte.  Gewiß  wird  seine  Auffassung  von  manchem  geteilt, 
jedoch  wird  sie  dadurch  weder  richtig  noch  annehmbar.  So 
äußert  sich  beispielsweise  ein  neuerer  Kantianer,  der  Essener 
Amtsgerichtsrat  ERNST  MARCUS,  dahin,  was  die  Fälle  der 
„homosexuellen  Verirrung"  betreffe,  brauche  kaum  bemerkt 
zu  werden,  daß  hier  der  Grad  der  Verschuldung  einen  „ungeheuren 
Abstand"  von  dem  bei  heterosexuellem  Geschlechtsverkehr 
habe.28  Auch  er  plädiert  für  die  ethische  Einheit 
von  Sexual-  und  Zeugungfunktion.  In  seinem  ethischen  System 
ist  daher  für  Päderastie  und  Tribadie  kein  Platz.  Indessen 
auch  schon  freier  urteilende  Gelehrte  geraten  in  dieser  Frage 
auf  schlimme  Irrwege.  So  der  einen  Mittelweg  einschlagende 
Jurist  WACHENFELD.  Den  Urning  sieht  er  für  krankhaft 
veranlagt  an  und  will  deshalb  die  Befriedigung  seines  Geschlechts- 
triebes in  jeder  Form  straffrei  lassen,  verlangt  aber,  daß  sie 
nur  unter  Urningen  vorgenommen  wird.29  Diese  Freigabe 
urnischer  Triebbefriedigung  ist  jedoch  ein  Danaergeschenk  für 
die  vielen  Urninge,  deren  Sonderveranlagung  ihnen  den  Ge- 
schlechtsverkehr mit  andern  Urningen  unmöglich  macht,  die  viel- 
mehr auf  Genossen  angewiesen  sind,  welche  den  typischen 
Charakter  des  Mannes  ausgeprägt  zur  Schau  tragen  und  des- 
halb auch  bei  starker  Potenz  zu  homoerotischer  Gegenliebe 
gar  nicht  imstande  sind.  Wenn  nur  diesen  der  ihnen  adäquate 
Verkehr     gesetzlich     verwehrt    bleiben    soll,     so   wird   ihnen 


Allgemeiner  Teil  qj 

unter  garantierter  Straffreiheit  Unsittliches  zuge- 
mutet, nämlich  heimlich  einen  Verkehr  zu  pflegen,  der 
zwar  sie  selbst  straflos  läßt,  ihren  nicht  homoerotisch  ver- 
anlagten Liebegefährten  aber  beständig  der  Gefahr  aussetzt, 
dem    Straf richter   zu  verfallen. 

Entgegen  der  hier  dargelegten  überaus  dürftigen 
und  rohen  Auffassung,  die  in  der  Geschlechtlichkeit  nichts 
anderes  erblickt  als  ein  Mittel  zur  Fortpflanzung  und 
am  liebsten  jeden  verpflichten  möchte,  zur  Erhaltung 
und  Vermehrung  der  Gattung  beizusteuern,  erscheint  es 
dringend  geboten,  mit  CARL  JENTSCH  darauf  hinzuweisen, 
daß  der  Geschlechtstrieb,  mag  er  nun  auf  das  andere  oder  das 
eigene  Geschlecht  gerichtet  sein,  „eine  der  wichtigsten  Wurzeln, 
wenn  nicht  die  Hauptwurzel,  der  sittlichen  Verhältnisse,  der 
ästhetischen  Empfindungen,  der  schönen  Künste,  der  gewerb- 
lichen Tätigkeit,  der  sozialen  Gliederung,  der  wissenschaftlichen 
Forschung  und  der  Unsterblichkeitsahnungen"  ist.30  Ihn  mit 
möglichst  geringer  Einschränkung  nach  den  in  ihm  liegenden 
Gesetzen  schalten  und  walten  zu  sehen,  muß  daher  der  Wunsch 
all  derer  sein,  die  es  ernst  nehmen  mit  dem  Verlangen  der  Völker 
nach  Freiheit  und  Zufriedenheit.  Selbst  angesichts  seiner  et- 
waigen Gefährlichkeit  erscheint  es  angemessener,  ein  Auge  zu- 
zudrücken und  es  mit  dem  Ausspruch  des  Dichters  zu  halten: 
„Wen  Liebe  nie  zu  weit  getrieben,  den  trieb  sie  auch  nie  weit 
genug." 

Ein  anderes  Gebiet  der  Wissenschaft,  in  welches  der 
Erforscher  gleichgeschlechtlichen  Lebens  der  Naturvölker  sich 
überaus  häufig  versetzt  findet,  betrifft  jene  dunklen  und 
schwierigen,  weil  der  Behandlung  mit  Maß  und  Zahl  wider- 
strebenden Verhältnisse,  die  der  „Schwan  vom  Avon"  mit  den 
nach  ihm  viel  gebrauchten  Worten  charakterisiert,  daß  es 
zwischen  Erd  und  Himmel  Dinge  gibt,  von  denen  sich  unsre 
Schulweisheit  nichts  träumen  läßt.  Es  handelt  sich  um  das 
weite  Gebiet  des  Mystisch- Magischen  mit  Inbegriff  des 
Uebernatürlichen,  Uebersinnlichen,  Religiösen,  der  Träume, 
Ahnungen  und  Visionen,  des  Hypnotismus  und  Spiritismus, 
der  vierten  Dimension,  der  Astrologie  und  Theosophie.  Eine 
reiche    Fülle    dahingehörigen     Stoffes    liefert    jede    der   vier 


32 


Allgemeiner  Teil 


Gruppen  von  Naturvölkern,  bei  weitem  das  Interessanteste 
vielleicht  die  kleine  Gruppe  der  Arktiker.  Einige  wenige  ge- 
lehrte Forscher  versuchten  bereits,  diesen  Erscheinungen 
näher  zu  treten.  So  hält  BETHE  die  weite  und,  wie  er 
annimmt,  „allgemeine"  Verbreitung  der  Päderastie  in  der 
Form  der  Knaben-Podikation  unter  gewissen  Kulturstämmen, 
bei  denen  sie  als  eine  Art  Staatseinrichtung  auftritt,  wie 
unter  den  Dorern  und  Albanesen,  und  so  auch  die  Männer- 
ehen unter  Naturvölkern,  wie  bei  den  Schamanen  (Basiren) 
der  Olo-Ngadju  (Dajak)  im  indischen  Archipel,  durch  den  Hang 
einer  kleinen  Minderheit  zur  Päderastie  allein  nicht  für  ge- 
nügend erklärt  und  glaubt,  gewisse  abergläubische  Vorstellungen 
zu  ihrer  Erklärung  mit  heranziehen  zu  müssen.  Wie  die  Pa- 
pua dem  Urin  und  andere  Stämme  dem  Kot  besondere  Kräfte 
zuschreiben,  so  herrscht  bei  jenen  Stämmen  nach  BETHE 
der  Glaube,  im  Samen  stecke  die  Heldennatur,  die  Energie, 
die  schöpferische  Kraft  des  Mannes  und  würde  durch  den  Mund- 
oder Analkoitus  auf  den  Knaben  übertragen.  Da  die  Tiere 
einen  Widerwillen  gegen  die  anale  Leibesöffnung  nicht  zu 
kennen  pflegten,  habe  der  After  nichts  anstößiges;  andererseits 
gelte  er  auch  als  Eingangspforte  für  böse  Dämonen,  sodaß  der 
Glaube  bestehe,  es  könnten  übersinnliche  Wesen  auch  auf 
diesem  Wege  in  den  Menschen  gelangen.  Daß  derartige  Vor- 
stellungen sich  außer  bei  Naturvölkern  auch  bei  Kulturvölkern 
finden,  wundert  BETHE  nicht,  da  er  die  Titulaturen  .Pri- 
mitive' und  .Naturvölker'  für  durchaus  „schwankende  Be- 
griffe" hält.  Des  von  K.  Th.  PREUSS  für  den  dargelegten 
analoge  Vorgänge  gebrauchten  Ausdrucks  .Zauber'  mag  BETHE 
sich  nicht  bedienen,  obwohl  sich  seine  Auffassung  im  Wesent- 
lichen mit  der  von  PREUSS  deckt  und  auch  seine  Ueber- 
tragung:  Sperma  =  .Seele'  das  nicht  vollkommen  ausdrückt, 
was  er  bezeichnen  will.31  Wenn  EDUARD  MEYER  gegen 
BETHE  vorbringt,  er  überschätze  arg  die  magischen  Vor- 
stellungen, die  mit  der  Podikation  etwa  verbunden  sein 
möchten,  sie  seien  durchaus  sekundär,  nicht  etwa  die  Wurzel 
des  Vorgangs;  wenn  MEYER  ferner  behauptet,  die  Auffassung, 
ja  selbst  die  Forderung  des  Podikationakts  als  magischer 
oder  sogar  als  sakraler  Handlung  ergebe  nicht,  daß  im  realen 


Allgemeiner  Teil  qq 

Leben  jede  solche  Beiwohnung  auch  so  angesehen  würde; 
wenn  MEYER  endlich  für  verkehrt  erklärt,  in  solchen  Fällen 
nach  einer  höhern  einheitlichen  Idee  überhaupt  zu  suchen,32 
so  dürfte  er  wahrscheinlich  Recht  behalten.  Wenn  er  aber 
gegen  BETHE  geltend  macht,  „Homosexualität"  —  er  meint 
gewiß  nur  gleichgeschlechtliches  Leben  —  sei  bei  Mensch  und 
Tier  überall  verbreitet,  so  muß  ihm  entgegengehalten  werden, 
daß  das  von  BETHE  gar  nicht  bestritten  wird,  dieser  viel- 
rmhr  nur  eine  Erklärung  für  die  von  ihm  angenommene  „all- 
gemeine" Verbreitung  der  Knabenpodikation  in  diesem  oder 
jenem  Stamme  fordert. 

In  das  Gebiet  des  Mystisch-Magischen  gehört  auch  die 
in  allen  vier  Gruppen  der  Naturvölker  sich  zeigende  Erschei- 
nung, daß  gleichgeschlechtlich  geartete  Männer  öfter  leitenden 
Einfluß  im  Volksganzen  erlangen.  Sie  pflegen  das  in  einem 
Beruf  zu  erreichen,  der  zu  solcher  Machtfülle  leichter  als 
andere  Berufe  zu  führen  geeignet  ist.  Bei  den  Naturvölkern 
begegnen  uns  auf  Schritt  und  Tritt  gleichgeschlechtliche 
Männer,  die  als  Ärzte  und,  da  bei  den  Primitiven  mit 
der  medizinischen  Kunst  Zauberei  und  Befriedigung  abergläubi- 
scher Bedürfnisse  verbunden  zu  sein  pflegen,  auch  als  Zauberer 
und  Priester  tätig  sind.  So  die  Esenga,  die  Chibados,  die 
Kiranga  unter  den  Negern,  so  die  Basire,  die  Manang  bali, 
die  Santri  birahi,  die  Bissus  unter  den  Malaien,  so  die 
Kayaw  unter  den  Arktikern,  so  die  Papas,  die  Paje,  die 
Hechiceros,  die  Hueies  (Machis)  unter  den  Rothäuten.  CAR- 
PENTER  hat  1911  mit  der  Veröffentlichung  einer  Untersuchung 
der  Beziehungen  des  LTranismus  zu  Priester-  und  Prophetentum 
begonnen.  Er  stellt  als  sein  Ergebnis  hin,  daß  zwar  eine 
„organische  Verbindung"  zwischen  urnischer  Veranlagung  und 
ungewöhnlichen  seelischen  oder  prophetischen  Gaben  bestehe, 
daß  jedoch  in  vielen  Fällen  bloß  ein  übertriebener  Glaube 
an  solche  Beziehungen  vorliege  und  dieser  es  sei,  der  dem 
Urning  den  Schein  der  Zauberei  oder  des  Dämonischen  ver- 
leihe. Verfasser  vorliegender  Schrift  stimmt  dem  zweiten 
Teil  dieses  Ergebnisses  unbedenklich  zu,  doch  vermag  er 
nicht  einzusehen,  warum  ungewöhnliche  seelische  oder  pro- 
phetische   Gaben   einen    besonderen    Vorzug  nur   des    gleich- 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  3 


qa  Allgemeiner  Teil 

geschlechtlich  veranlagten  Mannes  bilden  sollten,  hat  vielmehr 
die  Ueberzeugung  gewonnen,  daß  für  die  seelische  Befähigung 
an  und  für  sich  die  Richtung  des  Liebetriebs  von  gar 
keiner  Bedeutung  ist. 

Bei  Naturvölkern  wird  man  so  wenig  wie  bei  Kulturvölkern 
von  irgend  einer  Rasse  behaupten  dürfen,  daß  ihr  zum  Ho- 
moerotismus  die  Veranlagung  fehle.33  Diese  Veranlagung  ist 
ja  nicht  eine  Eigenschaft  des  Volksganzen,  sondern  bloß 
die  einzelner  Individuen,  und  ein  Unterschied  der  Rassen  in 
dieser  Hinsicht  kann  nur  in  der  Art  und  Weise  liegen,  wie 
die  normal  veranlagte  oder  richtiger  die  der  Fortpflanzung 
dienende  Mehrheit  sich  zur  homoerotischen  Minderheit  stellt, 
ob  sie  diese  gewähren  läßt  oder  an  ihr  Anstoß  nimmt.  Da 
kann  denn,  wie  bei  den  Australnegern,  der  Fall  ein- 
treten, daß  die  dionische  Mehrheit  die  urnische  Minderheit 
sogar  unterstützt,  so  lange  ihr  aus  irgend  welchem 
Grunde  starke  Volksvermehrung  nicht  erwünscht  kommt,  oder 
aber  die  Minderheit  wird  von  der  Mehrheit  bekämpft,  sogar 
zu  vernichten  versucht,  wenn  sie  schnelle  und  starke  Bevöl- 
kerungzunahme als  im  Interesse  der  Herrschenden  liegend 
erachtet,  wie  bei  den  Mexikanern  und  Peruanern. 
Zwischen  diesen  Extremen  liegen  die  zahlreichen  Stämme, 
denen  die  Existenz  ihrer  eigenen  Pädcrasten  vielleicht  kaum 
zum  Bewußtsein  kommt.  Dem  Franzosen,  dessen  Strafrecht 
mit  Paragraphen  gegen  Päderasten  nicht  belastet  ist,  dessen 
Urninge  die  öffentliche  Aufmerksamkeit  daher  kaum  je  be- 
schäftigen, war  es  nach  den  die  Öffentlichkeit  in  Deutschland 
aufwühlenden  gleichgeschlechtliche  Vorgänge  behandelnden,  in 
Tageblättern  aller  Kulturnationen  breitgetretenen  Gerichts- 
verhandlungen, und  besonders  nach  der  Konstituierung  des 
wissenschaftlich-humanitären  Komitees  im  Interesse  der  „Homo- 
sexuellen" und  der  damit  einsetzenden  Agitation  gegen  den 
§  175  des  reichsdeutschen  Strafgesetzbuchs  recht  nahe  gelegt, 
für  die  Päderastie  den  Ausdruck  „deutsches  Laster",  vice 
allemand,  zu  prägen,  obwohl  sie  in  Frankreich  nicht  weniger 
blühen  wird,  als  die  dem  französischen  esprit  interessantere 
Tribadie.  Einem  analogen  Falle  begegnen  wir  unter  den 
Naturvölkern  bei  den  Eingeborenen  von  Fiji.     Der  Fijianer, 


Allgemeiner  Teil  oc 

obwohl  nachweisbar  selbst  von  der  gleichgeschlechtlichen  Nei- 
gung nicht  frei,  hat  für  Päderastie  die  Bezeichnung  ..Treiben 
des  weißen  Mannes"  erfunden.  Und  das  erklärt  sich  ohne 
Schwierigkeit  durch  den  Umstand,  daß  der  Weiße,  in  seiner 
gegen  das  „Laster"  vielleicht  unduldsamen  Heimat  an  er- 
zwungene äußerliche  Zurückhaltung  gewöhnt,  in  einem  sitten- 
freien Lande  unter  zwanglosen  Naturen  sich  nicht  leicht  so 
unauffällig  zu  geben  vermag,  um  sich  der  Aufmerksamkeit 
dieser  harmlosen  Naturkinder  und  ihrer  natürlichen  Spottlust 
zu  entziehen,  und  daß  vorzugsweise  urnisch  veranlagte  arische 
Männer  den  Drang  fühlen  und  wirklich  Ursache  haben,  den 
Ländern  mit  Urningsbedrohung  den  Rücken  zu  kehren. 

Was  der  Verfasser  in  den  beiden  folgenden  Abschnitten, 
der  Päderastie  und  der  Tribadie  bei  den  Naturvölkern,  zu  geben 
imstande  war,  ist  doch,  so  wohlwollend  es  auch  beurteilt  werden 
mag,  nur  ein  dürftiger  Ausschnitt  aus  dem  gleichgeschlechtlichen 
Leben  dieser  Völker  geworden.  Darum  sollte,  wem  Gelegenheit 
geboten  ist,  einem  Naturvolk  näher  zu  treten,  besonders  darauf 
seine  Aufmerksamkeit  richten,  daß  zwar  nicht  unbedingt  als 
homoerotisch  anzusehen,  aber  des  Homoerotismus  dringend 
verdächtig  sind: 

i.  die  sogenannten   Hermaphroditen    (Zwitter),   Mannweiber 
sowohl  als  Weibmänner ; 

2.  die  Männer  in  Weibertracht,  die  Weiber  in  Männertracht 
(Transvestiten  MAGNUS  HIRSCHFELDs) ; 

3.  die  effeminierten  Männer  und  die  virilisierten  Weiber; 

4.  die  Zölibatäre  (ehelose  Männer  und  Frauen). 
GUSTAV  JÄGER  hat,  wohl  nicht  ganz  mit  Recht,  aus- 
geführt, Ehelosigkeit  komme  bei  sich  selbst  überlassenen, 
sexual  entwickelten  Tieren  nicht  vor,  außer  als  vorübergehender 
Zustand  zwischen  Brunst-  oder  Brutperioden;  so  heiße  der 
Buchfink  Fringilla  coelebs,  der  ehelose,  weil  die  Männchen  im 
Winter  am  Brutort  aushalten  und  nur  die  Weibchen  südwärts 
ziehen.  Beim  Menschen  Hege  dem  Zölibat  jedoch  die  „natur- 
wissenschaftliche Tatsache  der  Mono-  und  Homosexualität"  zu- 
grunde. Unter  den  Menschen  gebe  es  nicht  nur  einzelne  In- 
dividuen, sondern  nahezu  ganze  Völker,  bei  denen  die  instinktive 
Sympathie  zwischen  Mann  und  Weib  nicht  bloß  fehle,  sondern 


06  Allgemeiner  Teil 

das  Gegenteil  eingetreten  sei:  instinktive  Antipathie.  Das  sei 
unter  den  Naturvölkern  der  Fall  bei  den  Indianerstämmen 
Nord- Amerikas.34  In  diesen  Ausführungen  steckt  bei  starker 
Übertreibung  doch  gewiß  ein  richtiger  Kern.  Unter  allen 
Naturvölkern  wird  der  ehelose  Stand  als  eine  gesellschaft- 
liche Einrichtung  angetroffen  und  ist  dann  gewöhnlich  von 
Homoerotismus  begleitet  oder  gar  durch  ihn  bedingt.  Daneben 
aber  kommen  bei  allen  Naturvölkern  nicht  allzu  selten  Ehen 
unter  Männern  vor,  was  denen  recht  merkwürdig  er- 
scheinen muß,  welche  die  verschiedenen  allo erotischen  Ehe- 
formen als  hauptsächlich  zum  Wohle  der  Nachkommenschaft 
bewußt  oder  unbewußt  getroffene  Einrichtungen  aufzufassen 
geneigt  sind.  Von  den  Eheformen  werden  zwei  als  der 
Begünstigung  gleichgeschlechtlicher  Gepflogenheiten  ver- 
dächtig stets  sorgfältig  zu  studieren  sein,  nämlich  die 
Polygynie  (Vielweiberei)  als  Begünstigerin  der  T  r  i  - 
b  a  d  i  e  und  die  Polyandrie  (Vielmännerei)  als  Be- 
günstigerin der  Päderastie.  Bezüglich  der  Vielmännerei 
sei  hier  nur  auf  die  Smerenkur  verwiesen,  deren  Eheleben  von 
MAMIA  RINSO  als  rein  polyandrisch,  von  BOGORAS  dagegen 
als   wahrscheinlich   wesentlich    päderastisch   aufgefaßt    wird. 

Gelten  diese  Beobachtungen  für  alle  Völker,  so  kommen 
für  die  Natur  Völker  noch  einige  besondere  hinzu.  Sie  be- 
ziehen sich  vorwiegend  auf  gewisse,  von  den  bisherigen  Be- 
obachtern zumeist  verschleierte  oder  ganz  verschwiegene  Vor- 
gänge bei  den  oft  längere  Zeit  währenden  Beschneidung-  oder 
Initiationfesten  der  Jünglinge  und  bei  den  ihnen 
entsprechenden  Festlichkeiten  für  die  in  die  Pubertätzeit  ein- 
tretenden Mädchen  unter  den  negerartigen  Völkern. 
YRJÖ  HIRN  erklärte  es  für  leicht  verständlich,  daß  im 
Hinblick  auf  den  hohen  Grad  von  „Unsittlichkeit",  den  manche 
wilden  Stämme  erreicht  hätten,  die  alten  Männer  im  Stamme 
zu  solch  radikalen  Mitteln  gegriffen  hätten,  um  die  Knaben 
vom  „homosexuellen  Laster"  abzuschrecken.35  Unter  den 
Rothäuten  hingegen  erfordern  noch  manche  ohne  An- 
nahme gleichgeschlechtlicher  Beziehungen  völlig  unverständ- 
liche Zeremonien,  welche  bei  gewissen  mit  der  Tierverehrung 
oder  dem  Totemismus36   dieser   Naturvölker  im    engsten 


Allgemeiner  Teil  qy 

Zusammenhang  stehenden   Festen  üblich  sind,  ein   vorurteils- 
loses   und    vielleicht    manchmal  recht  schwieriges  Studium.37 


Fast  sämtliche  im  besonderen  Teil  dieser  Arbeit  von  den 
Naturvölkern  berichtete  Tatsachen  gleichgeschlechtlichen 
Lebens  wurden,  gedruckten  Quellen  entnommen.  Aber  fast 
keine  dieser  Tatsachen  entstammt  unmittelbar  dem  Naturvolk 
selber,  von  dem  sie  berichtet  wird,  sondern  beinahe  alle  sind 
aus  arischen  Quellen  geschöpft.  Es  sind  oder  waren  Angehörige 
der  verschiedensten  sogenannten  Kulturvölker,  welche  entweder 
als  Gäste  oder  als  „Herren"  der  Primitiven  die  Lebenseigentüm- 
lichkeiten  dieser  beobachtet  und  das  Gesehene  mitgeteilt  haben. 
Darf  auch  in  den  meisten  Fällen  ohne  viel  Bedenken  angenommen 
werden,  die  angegebenen  Tatsachen  seien  richtig  wahrgenommen 
und  wiedergegeben  worden,  so  ist  das  nicht  stets  ebenso  der  Fall 
mit  dem  Urteil,  das  bei  arischen  Berichten  die  Mitteilung  von 
Tatsachen  zu  begleiten  pflegt.  Nun  aber  stellt  die  hier  zu 
bewältigende  Arbeitleistung  eine  doppelte  Aufgabe;  nämlich 
außer  dem  bloßen  Bericht  über  die  mitgeteilten  Vorgänge  und 
Zustände  selbst  noch  die  Darstellung  ihrer  Beurteilung  durch 
die  Volksgesamtheit.  Und  da,  wie  PECHUEL-LOESCHE  be- 
tont, das  Wichtige  für  die  Beurteilung  eines  Volkes  nicht  das 
ist,  was  bei  ihm  geschieht  —  wo  bliebe,  meint  er,  sonst  unsere 
gepriesene  Kultur!  —  sondern  die  Kenntnis  der  Art,  wie  das 
Geschehene  oder  die  Zustände  von  der  Gesamtheit  aufgefaßt 
werden,38  ist  bedauerlicherweise  gerade  dieser  wichtigere  Teil 
der  Aufgabe  am  meisten  der  Gefahr  ausgesetzt,  einer  ent- 
stellenden durch  die  arische  Brille  geschauten  Darstellung  zu 
verfallen.  Der  Leser  wird  daher  gut  tun,  diesen  Gesichtspunkt 
und  diese  Gefahr  immerdar  im  Auge  zu  behalten.  Behufs 
Erleichterung  eines  selbständigen  Urteils  erscheint  es  an- 
gemessen, eine  Geschichte  des  arischen  Forschens  und  Denkens 
über  unseren  Gegenstand,  soweit  dabei  die  Naturvölker  mit  in 
Betracht  kommen,  in  großen  Zügen  vorauszuschicken. 

Die  im  besondern  Teil  dieses  Werkes  zusammengetragenen 
zerstreuten  Einzelberichte  über  päderastisches  und  tribadisches 
Liebeleben    bei  Naturvölkern  setzen  mit  dem  Jahre  1533  der 


oQ  Allgemeiner  Teil 

christlichen  Ära  ein  und  ihr  erster  Berichterstatter  war  PETRUS 
MARTYR  DE  ANGLERIA.  Alles  bisher  bekannt  gewordene 
Material  umfaßt  daher  einen  Zeitraum  von  nur  etwa  380 
Jahren.  Anfangs  in  größeren  Zwischenräumen,  später  in 
schnellerer  Folge,  fanden  sich  immer  wieder  Schriftsteller, 
welche  es  sich  angelegen  sein  ließen,  den  mit  begreiflicher  Lang- 
samkeit anwachsenden  Stoff  zu  sammeln,  und  zwischendurch 
auch  einige  Persönlichkeiten,  die  sich  mit  den  Tatsachen  genügend 
vertraut  glaubten,  um  allgemeine  Schlüsse  aus  ihnen  abzuleiten. 
Solche  Sammel-Naturen  waren:  Im  16.  Jahrhundert  besonders 
der  Venezianer  GIAMBATTISTA  RAMUSIO  (1485— 1557)  mit 
seinen  dreibändigen  Navigationi  e  viaggi  (1.  Ausgabe  1550, 
1559  und  1556),  im  17.  Jahrhundert  der  Engländer  SAMUEL 
PURCHAS  (1577 — 1628)  mit  seinem  fünfbändigen  Pilgritnes 
und  Pilgrimage  (1625 — 1626),  im  18.  Jahrhundert  der  fran- 
zösische Abbe  LAMBERT.  Während  RAMUSIO  und  PUR- 
CHAS ganze  Originalberichte  in  ihre  Werke  aufnahmen,  kom- 
pilierte LAMBERT  eine  ,, Allgemeine  Geschichte  aller  Völker  der 
Erde",  von  der  dem  Verfasser  dieses  Werkes  13  im  Jahre  1750 
erschienene  Bände  vorlagen.  Er  erwähnt  darin  männliche 
Kurtisanen  am  singhalesischen  Hof,  verweibte  Mannspersonen 
auf  Madagaskar,  Hermaphroditen  von  Luisiana  und  Florida 
und  Tribaden  bei  brasilianischen  Indianern.  Quellen  gibt  er 
fast  nirgends  an,  jedoch  sind  sie  für  den  Kundigen  leicht  zu 
erraten.  Kritik  übt  er  an  den  von  ihm  übernommenen  Mit- 
teilungen noch  nicht.  Das  19.  Jahrhundert  hat  mit  dem  ersten 
nun  abgelaufenen  Jahrzehnt  des  20.  Jahrhunderts  eine  erheblich 
größere  Zahl  von  hier  in  Betracht  kommenden  Schriftstellern  auf- 
zuweisen und  jetzt  treten  auch  zum  ersten  Mal  Forscher  auf, 
welche  die  Naturvölker  als  solche  in  weiterm  Umfange  zum 
Gegenstand  ihres  Sonderstudiums  wählten  unter  Berück- 
sichtigung ihres  gleichgeschlechtlichen  Lebens.  In  chrono- 
logischer Reihenfolge  waren  das:  WAITZ  und  GERLAND, 
BANCROFT,  SCHNEIDER,  KARSCH  und  STEINMETZ, 
eine  Aufzählung,  die  insofern  nicht  einmal  erschöpfend  ist,  als 
in  ihr  alle  die  zum  Teil  sehr  verdienstvollen  Forscher  unberück- 
sichtigt bleiben,  deren  Studium  einem  einzelnen  Naturvolk 
galt  und  deren  Forschungergebnisse  im  besondern   Teil  dieses 


Allgemeiner  Teil 


39 


Werkes  zu  finden  sind.  Alle  andern  hier  in  Betracht  kom- 
menden Erforscher  gleichgeschlechtlichen  Lebens  bei  den 
Naturvölkern  haben  vornehmlich  Kulturvölker  in  den  Kreis 
ihrer  Betrachtungen  gezogen  und  der  Naturvölker  nur  neben- 
her gedacht. 

An  der  Schwelle  des  19.  Jahrhunderts  war  es  das  gelehrte 
Mitglied  der  Pariser  medizinischen  Fakultät,  JUL.  JOS. 
VIREY,  der  in  seiner  1801  erschienenen  zweibändigen  „Natur- 
geschichte des  Menschengeschlechts"  nicht  nur  der  Päderastie 
der  Naturvölker  eingehende  Beachtung  schenkte,  sondern  auch 
schon  nach  natürlichen  Erklärunggründen  für  die  ihm  sonst 
rätselhaften  Erscheinungen  suchte.  Die  von  anderen  mit- 
geteilten Beobachtungen  nahm  er  willig  als  Tatsachen,  doch 
nicht  ohne  Kritik,  hin  und  die  häufige  Ausübung  mannmänn- 
lichen Geschlechtsverkehrs  dachte  er  sich  z.  B.  bei  arktischen 
Naturvölkern  veranlaßt  durch  häufige,  weite  und  längere 
Trennung  der  auf  die  Jagd  ziehenden  Männer  von  ihren  daheim 
zurückbleibenden  Frauen.  Gleichsam  das  tribadische  Gegen- 
stück zu  VIREYs  „Naturgeschichte  des  Menschengeschlechts" 
bildete  dann  desselben  Verfassers  für  die  damalige  Zeit  gewiß 
epochales  Werkchen  „Über  das  Weib",  das  in  2.(  vermehrter 
Auflage  1826  herauskam.  Hier  behandelt  er  die  Tribadie 
einzelner  südafrikanischer  Negerstämme,  gedenkt  aber  auch  der 
päderastischen  Neigungen  gewisser  malaiischer  Stämme,  wie 
der  Tahitier,  und  des  behaupteten  Vorkommens  von  Herm- 
aphroditen bei  den  Patagoniern,  an  das  er  nicht  glauben  will; 
die  mexikanischen  und  peruanischen  Indianer  nimmt  er  gegen 
die  Vorwürfe  der  Spanier,  sie  seien  Sodomiten  gewesen,  in 
Schutz.  Er  stellt  die  Behauptung  auf,  der  in  seinen  geistigen 
Fähigkeiten  beschränkte,  dafür  aber  geschlechtlich  besonders 
gut  beschlagene  Neger  sei  in  seinen  Vergnügungen  mehr  wol- 
lüstig als  ausschweifend  und  suche  nicht  leicht  seine  geschlecht- 
liche Befriedigung  außerhalb  der  „natürlichen  Richtung"  (hör s  de 
l' ordre  naturel) .  Überall  gibt  er  seine  Quellen  an  und  ist  durch- 
aus nicht  ohne  berechtigte  und  zum  Teil  scharfe  Kritik.  In 
der  Polygynie  erblickt  er  mit  OLIVIER  eine  die  Päderastie 
begünstigende  Einrichtung.39 

1837  hat  M.  H.  E.  MEIER  in  seiner  noch  heute  überaus 


SO  Allgemeiner  Teil 

wertvollen  umfassenden  Arbeit  über  Päderastie  in  ERSCH 
und  GRUBERs  Encyklopädie,  der  ersten  monographischen 
Bearbeitung  dieses  Gegenstandes  in  deutscher  Sprache,  obwohl 
sie  vorwiegend  der  Erörterung  der  griechischen  Knabenliebe 
gewidmet  war,  doch  auch  der  Päderastie  bei  den  peruanischen 
Indianern  gedacht.  Was  1838  der  Schweizer  HEINRICH 
HÖSSLI  von  der  Päderastie  der  Naturvölker  mitteilen  konnte, 
entlehnte  er  wesentlich  MEIER.  Und  der  hannoverische  Amts- 
assessor KARL  HEINRICH  ULRICHS  entnahm  wieder 
HÖSSLI  seine  Angaben  von  1864  und  1868  über  die  Peruaner. 

Der  Kulturhistoriker  GUSTAV  KLEMM  hat  in  seiner 
zehnbändigen  allgemeinen  ,,Culturgeschichte  der  Menschheit" 
(1842 — 1853)  gelegentlich  auch  des  gleichgeschlechtlichen  Lebens 
der  Naturvölker  gedacht  und  es  im  zweiten  Bande  (1843)  sogar 
ziemlich  eingehend  behandelt.  Und  ADOLF  WUTTKE  stellte 
in  seiner  zweibändigen  „Geschichte  des  Heidentums"  (1852— 1853) 
Einiges  zusammen  über  gleichgeschlechtliches  Leben  bei  den 
Grönländern,  Kamtschadalen  (Päderastie  und  Tribadie),  Aleuten 
und  mexikanischen  Indianern. 

Schon  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  waren  zwei  geistig 
hervorragende  deutsche  Männer  über  die  Päderastie  als  einer  von 
Kulturzuständen  an  sich  unabhängigen  Erscheinung  oder  als 
eines  Attributes  aller  Zeiten  und  Rassen  sich  völlig  klar  ge- 
worden. Der  katholische  Theologe  JOH.  JOS.  IGNAZ  DÖL- 
LINGER  erklärte  1857  ohne  gelehrten  Ballast  in  seinem  Werke 
„Heidentum  und  Judentum"  :  Ein  Blick  auf  die  dem,, Laster"  an- 
heimgefallenen Völker  genüge,  um  sogleich  erkennen  zulassen,  daß 
die  Bildungstufe  der  Nation  nur  auf  die  Form,  nicht  auf  das 
Wesen  der  Sache  Einfluß  habe.40  Und  1859  gab  ARTHUR 
SCHOPENHAUER  in  seinem  Buche:  ,,Die  Welt  als  Wille  und 
Vorstellung"  der  Überzeugung  Ausdruck,  die  Päderastie  sei  ein 
allgemeiner  Trieb,  denn  erfahrungmäßig  sei  sie,  trotz  ihrer 
„Abscheulichkeit",  zu  allen  Zeiten  und  in  allen  Ländern  der  Welt 
völlig  im  Schwange  und  in  häufiger  Ausübung.  Und  er  glaubte, 
diese  Naturerscheinung  durch  die  Annahme  erklären  zu  können, 
der  die  Auswahl  zur  Geschlechtsbefriedigung  instinktiv  leitende 
Schönheitsinn  würde  irregeführt,  wenn  er  in  Hang  zur  Päde- 
rastie ausarte;  dem  Vorgang  analog,  „wie  die  Schmeißfliege,  statt 


Allgemeiner  Teil  AI 

ihre  Eier,  ihrem  Instinkt  gemäß,  in  faulendes  Fleisch  zu  legen,  sie 
in  die  Blüte  des  Arum  dracunculus  legt,  verleitet  durch  den 
kadaverosen  Geruch  dieser  Pflanze".41  Er  geht  dabei  von  der 
unerwiesenen  Voraussetzung  aus,  aller  Geschlechtsliebe  liege 
durchaus  ein  auf  das  zu  Erzeugende  gerichteter  Instinkt 
zugrunde. 

Die  eigentliche  systematische  Sammeltätigkeit  für  Material- 
beschaffung über  Päderastie  und  Tribadie  bei  den  Naturvölkern 
beginnt  jedoch  erst  mit  der  sechsbändigen  „Anthropologie  der 
Naturvölker"  von  THEODOR  WAITZ  und  GEORG  GERLAND 
(1860 — 1872),  von  WAITZ  für  die  negerartigen  Völker,  die 
amerikanischen  Naturvölker  und  einen  Teil  der  Südsee- Völker 
1860— 1865  begonnen  und  von  GERLAND  mit  dem  Rest  der 
Südsee-Völker  1870 — 1872  zum  Abschluß  gebracht.  Neben 
WAITZ  und  von  diesem  unabhängig  hat  ADOLF  BASTIAN 
in  mehreren  seiner  zahlreichen  Werke  und  Abhandlungen,  be- 
sonders zwischen  1860  und  1889,  durch  vielfache  Hinweise  die 
Aufmerksamkeit  auf  das  gleichgeschlechtliche  Leben  bei  den 
Naturvölkern  gelenkt,  wobei  nur  zu  bedauern  ist,  daß  er  seine 
Quellen  anzugeben  entweder  ganz  unterließ  oder  anscheinend 
nur  dem  Gedächtnisse  entnahm;  wenigstens  hat  sich  heraus- 
gestellt, daß  sie  durchaus  nicht  immer  zuverlässig  sind.  1873 
brachten  FRIEDRICH  MÜLLER  in  seiner  „Allgemeinen  Ethno- 
graphie" und  1874  OSKAR  PESCHEL  in  seiner  „Völkerkunde" 
reiches  und  gewichtiges  Material  über  unseren  Gegenstand  mit 
sorgfältiger  Angabe  der  Quellen  zusammen.  Für  die  ein- 
geborenen Rassen  der  pazifischen  Staaten  Nordamerikas  ver- 
arbeitete 1875— 1876  HUBERT  HOWE  BANCROFT  das  damals 
bereits  ungemein  reche  Material  über  Päderastie  und  Tribadie 
der  nordamerikanischen  Indianerstämme  in  seinen  fünf  starken 
Bänden  über  die  Sitten  und  Gesetze  dieser,  wie  es  scheint, 
baldigem  Untergange  geweihten  Völkerschaften.  Der  bekannte 
Ethnologe  FRIEDRICH  VON  HELLWALD  tat  in  seiner  1875 
erschienenen  „Kulturgeschichte"  den  allgemeinen  Ausspruch, 
„unnatürliche  Laster"  seien  nirgends  häufiger  als  gerade  unter 
wilden  Stämmen 42,  und  lieferte  vielfache  Beweise  für  diese 
Behauptung  in  zahlreichen  ethnologischen  Artikeln  in  GUSTAV 
JÄGERs   „Handwörterbuch  der   Zoologie,   Anthropologie   und 


42  Allgemeiner  Teil 

Ethnologie"  zwischen  1880  und  1892.  Der  Berliner  Rechtslehrer 
JOSEF  KOHLER  wies  bei  jeder  passenden  Gelegenheit  in 
seinen  zahlreichen  Abhandlungen  über  Rechtspflege  zwischen 
1895  und  1901  das  Vorkommen  der  Päderastie  und  Tribadie 
bei  Naturvölkern  mit  gewissenhaftem  Vermerk  seiner  Gewährs- 
quellen nach. 

Die  für  das  Studium  gleichgeschlechtlichen  Lebens  bei 
den  Naturvölkern  interessanteste  Schriftstellergestalt  aus  dem 
letzten  Fünftel  des  19.  Jahrhunderts  ist  aber  unstreitig  der 
aufgeklärte  Engländer  RICHARD  F.  BURTON.  Der  zehnte 
Band  seines  vielbändigen  Werkes  ,  Arabische  Nächte"  von 
i885( — 1886)  enthält  ein  50  Seiten  umfassendes  Kapitel  über 
Päderastie,  dessen  Sammelstoff  für  die  damalige  Zeit  als  über- 
raschend reich  bezeichnet  werden  kann.  Darin  bringt  er  auch  Tat- 
sachenmaterial für  alle  großen  Gruppen  der  Naturvölker  zu- 
sammen. Ein  kritikloser  Abdruck  dieses  Kapitels  mit  allen 
Druckfehlern  des  Originals  findet  sich  im  „Buch  der  Ausstellung 
eines  englischen  Lebemannes"  (Bohemian)  von  1896.  BURTON 
beschränkte  sich  indessen  keineswegs  auf  eine  gründliche  und 
geistvolle  Darlegung  des  ihm  bekannten  päderastischen  Tat- 
sachenmaterials, er  entwickelte  auch  eigene  z.  T.  gute  Ge- 
danken. Die  Päderastie  schrieb  er  einem  natürlichen  Instinkt 
zu  und  betonte,  daß  sie  die  Orientalisten  und  die  Anthropologen 
in  hohem  Grade  interessieren  müsse.  Er  versuchte  sogar  eine 
Erklärung  für  die  ihn  im  höchsten  Maße  interessierende  Natur- 
erscheinung zu  geben  und  glaubte  sie  darin  gefunden  zu  haben, 
daß  ihre  Verbreitung  an  gewisse  geographischeGrenzen  ge- 
bunden sei.  Er  spricht  daher  von  ihrem  Verbreitungsbezirk 
als  einer  sotadischen*)  Zone  und  nennt  die  Päderastie 
dementsprechend  auch  sotadische  Liebe.  BURTON  selbst 
faßt  das  Ergebnis  seiner  umfassenden  Forschungen  in  folgende 
fünf  Punkte  zusammen: 

1.  Geographisch  oder  klimatisch  betrachtet  gibt  es  eine  Zone, 
die  ich  die  sotadische  nennen  will,  deren  westlicher 
Teil  an  die  Nord-  und    Südküste    des    Mittelländischen 


*)    2(ozdJiji    (Sotades)  war  nach  MARTIALIS  ein  griechischer  Dichter, 
dessen  Verse,  rückwärts  gelesen,  einen  schlüpfrigen  Sinn  gaben. 


Allgemeiner  Teil 


43 


Meeres  grenzt  und  zwischen  dem  43  und  300  n.  Breite  liegt. 
Ihre  Länge  beträgt  780 — 800  englische  Meilen  und  schließt 
Südfrankreich,  die  iberische  Halbinsel,  Italien  undGriechen- 
land,  sowie  die  afrikanischen  Küstenregionen  von  Marokko 
bis  Ägypten  ein. 

2.  Im  Osten  verengert  sich  die  sotadische  Zone  und  umfaßt 
Kleinasien,  Mesopotamien,  Chaldäa,  Afghanistan,  Sindh, 
das  Pendschab  nebst  Kaschmir. 

3.  In  Indochina  wird  die  gürtelförmige  Zone  breiter,  indem 
sie  China,   Japan  und  Turkestan  umfaßt. 

4.  Sie  umfaßt  ferner  die  Südseeinseln  und  ganz  Amerika, 
einen  Erdteil,  in  welchem  zur  Zeit  seiner  Entdeckung  durch 
die  Europäer  die  sotadische  Liebe  eine  beständige  Ein- 
richtung aller  Rassen  mit  nur  wenigen  Ausnahmen  ge- 
bildet hat. 

5.  Innerhalbder  sotadischen  Zone  wird  das  „Laster"  vom  Volke 
gebilligt,  hat  sich  selbständig  (endemisch)  entwickelt  und 
wird  höchstens  als  eine  verzeihliche  Schwäche  angesehen. 
Dagegen  üben  die  Rassen  im  Norden  und  im  Süden  dieser 
Zone  das  „Laster"  nur  „gelegentlich"  aus  und  unter  der  Miß- 
billigung der  Mehrheit,  welche  zur  Vollziehung  des  Anal- 
koitus physisch  unfähig  ist  und  ihn  mit  lebhaftem  Wider- 
willen betrachtet.43 

Die  einzige  physische  Ursache  der  Päderastie,  die  BURTON 
finden  konnte,  soll  darin  liegen,  daß  innerhalb  der  sotadischen 
Zone  ein  „Zwittertum"  von  männlichem  und  weiblichem  Tem- 
perament häufig  vorkomme,  außerhalb  dieser  Zone  dagegen 
selten  auftrete.44 

So  geistreich  und  bestechend  die  Hypothese  der  sotadischen 
Zone  in  Hinsicht  auf  die  Beurteilung  der  sotadischen  Liebe 
durch  die  Mehrheit  oder  durch  die  Gesetzgebung  auch  ist,  so  un- 
passend zeigt  sie  sich  gegenüber  der  Verbreitung  der  sotadischen 
Liebe  selbst,  die  keine  Zonenliebe,  sondern  eine  Allerweltliebe  ist, 
oder  wenn  man  lieber  will,  gegenüber  dem  ,, Zwittertum", 
in  welches  BURTON  den  eigentlichen  Trieb  zur  Päderastie 
verlegt.  Dieses  „Zwittertum"  und  mit  ihm  die  Päderastie  ist 
nach  allem,  was  die  Tagesblätter  der  Länder  außerhalb  der 
sotadischen  Zone  darüber  mitteilen,  außerhalb  dieser  Zone  min- 


aa  Allgemeiner  Teil 

destens  ebensohäufig  als  innerhalb.  Mit  vollem  Recht  hat  daher 
schon  der  englische  Arzt  JOHN  ADDINGTON  SYMONDS, 
selbst  ein  Homoerotiker,  in  seinem  „Ein  Problem  der  heutigen 
Ethik"  betitelten  Schrift chen  von  1896  auf  die  Unnahbarkeit 
dieser  Auffassung  hingewiesen  und  dargelegt,  wie  sie  zur  Er- 
klärung päderastischen  Lebens  unter  den  Normannen,  Kelten, 
Skythen,  Bulgaren  und  Tataren  völlig  versage  und  auch  nicht 
ausreiche  zur  Begründung  der  Tatsache,  daß  in  der  sotadischen 
Zone  selbst  zu  verschiedenen  Zeiten  verschiedene  Auffassungen 
von  dieser  Liebe  in  Geltung  gewesen  wären.  Die  sotadische 
Liebe  ist  daher  für  SYMONDS  weder  ein  geographisches  noch 
ein  klimatisches  Problem.  Auch  als  ein  Rassenproblem  will 
er  sie  nicht  gelten  lassen,  stellt  sie  dagegen  als  ein  soziales 
Problem  hin.45  Für  den  Verfasser  dieser  Schrift  ist  sie  aber 
auch  kein  soziales  Problem,  sondern  nur  eine  soziale  Frage. 
Als  Problem  aufgefaßt  kann  sie  lediglich  ein  intellektuelles  sein, 
indem  der  ausschließlich  auf  das  Weib  gerichtete,  allein  die 
Vermehrung  fördernde  Geschlechtsinstinkt  der  Päderastenfeinde 
deren  geistiges  Wesen  beeinflußt  und  so  beherrscht,  daß  er  es 
für  die  Anerkennung  der  Existenzmöglichkeit  und  Existenz- 
berechtigung eines  anders  gearteten,  ihnen  gänzlich  fremden 
und  dem  ihren  scheinbar  entgegenwirkenden  Instinkts  un- 
zugänglich macht. 

1885  86  hat  der  kürzlich  verstorbene  populäre  italienische 
Anthropologe  PAOLO  MANTEGAZZA  vom  ethnologischen 
Standpunkt  aus  in  seinem  zweibändigen  Werke  Gli  Amori  degli 
Uomini  für  die  Kultur-  und  Naturvölker  alles  ihm  bekannt 
Gewordene  über  beide  Formen  der  Liebe  gesammelt  und  der 
frühere  Bischof  von  Paderborn  WILHELM  SCHNEIDER 
das  homoerotische  Material  für  die  Naturvölker  vorgeführt, 
hauptsächlich  um  ihre  Minderwertigkeit  und  die  Notwendig- 
keit ihrer  Beherrschung  durch  die  römische  Kirche  darzutun. 
Dem  letztgenannten  schloß  sich  dann  1900  FRITZ  SCHULTZE 
in  einer  „Psychologie  der  Naturvölker"  mit  gleicher  Ver- 
achtung des  päderastischen  „Lasters"  an. 

Im  letzten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts  haben  sich 
zwei  für  die  Geschichte  der  Homoerotik  auch  der  Naturvölker 
wichtige  fachw  issenschaftliche  Schulen  herausgebildet    und 


Allgemeiner  Teil  Atz 

eine  rege  Tätigkeit  entfaltet :  eine  medizinische  und  eine 
soziologische    Schule. 

Die  medizinische  Schule  leitete  der  österreichische 
Universitätslehrer  RUD.  VON  KRAFFT-EBING  1886  mit 
seiner  Psychopathia  sexualis  ein.  In  der  fünften  Auflage 
dieses  Werkes  von  1890  —  die  zwölfte  erschien  1903  — 
wies  ihr  Verfasser  bereits  auf  den  religiösen  Staatspäderasten 
der  Pueblo  (Zufii),  den  Mujerado,  hin.46  Denselben  für 
die  Beurteilung  der  Päderastie  bei  den  Naturvölkern  so  wichtigen 
Hinweis  brachte  1892  auch  der  Arzt  JAS.  G.  KIERNAN  in 
Chicago.47  In  Deutschland  schenkte  der  praktische  Arzt 
und  Psychologe  ALBERT  MOLL  in  bis  heute  drei  Auflagen 
seines  universellen,  gewissenhaften,  gedankenreichen  und  un- 
geachtet des  überwältigenden  Tatsachenmaterials  klaren  und 
übersichtlichen  Hauptwerkes  „Konträre  Sexualempfindung" 
(1899— 1901)  mit  Anschluß  an  VON  KRAFFT-EBING  auch 
den  Naturvölkern  die  verdiente  Aufmerksamkeit.  FERD. 
STEINGIESSER  hat  durch  sein  bis  jetzt  sechs  Auflagen 
zählendes  Werkchen  „Sexuelle  Irrwege" (  1901 — 1905),  im 
Anschluß  an  BASTIANS  dreibändiges  Werk  von  1860: 
,,Der  Mensch  in  der  Geschichte",  eine  Darstellung  des 
gleichgeschlechtlichen  Lebens  der  Naturvölker  von  medi- 
zinischen Gesichtspunkten  aus  geliefert.  In  Frankreich 
hatte  bereits  1893  der  Arzt  J.  CHEVALIER  seine  „In- 
version sexuelle"  herausgebracht,  ein  Werk,  das  zur  Zeit 
völlig  vergriffen  ist  und  dem  Schreiber  dieses  unerreichbar 
blieb.  Von  RAFFALOVICH  in  „Uranisme  et  Unisexualite" 
(1905)  aus  CHEVALIERs  Werk  mitgeteilte  Stellen  beweisen, 
daß  ihm  nicht  nur  der  Mujerado  der  Puebloindianer  und  die 
Päderastie  in  ihrer  Verbreitung  unter  den  Indianern  von  Cali- 
f  ornien,  Nicaragua  und  Peru,  bei  den  Naturvölkern  auf  Madagaskar 
und  bei  den  Eskimo  bekannt  war,  sondern  daß  er  auch  erkannt 
hatte,  wie  gern  sie  sich  bei  den  genannten  Völkern  mit  religiösen 
Zeremonien  umgibt.  Nach  CHEVALIER  war  die  gleichge- 
schlechtliche Liebe  zu  allen  Zeiten  im  Schwange  und  wurde 
und  wird  bei  allen  Völkern  und  in  allen  Ländern  der  Erde 
geübt,  ohne  an  ein  Zeitalter  oder  an  geographische  Grenzen 
gebunden  zu  sein,  in  allen  Staatsverbänden,  ganz  unabhängig 


a6  Allgemeiner  Teil 

von  Rasse,  Religion  und  Moral.  Sie  ist,  erklärt  CHEVALIER, 
niemals  die  Frucht  fortgeschrittener  Zivilisation  noch  ein  be- 
wußtes Erzeugnis  höherer  Rassen.  Die  Staaten  sterben  dahin, 
die  Religionen  verschwinden,  die  sozialen  Verhältnisse  erleiden 
eine  Umgestaltung  —  bleibend  aber  ist  allezeit  und  allerorten 
der  eingeborene,  auf  das  gleiche  Geschlecht  gerichtete  Liebetrieb, 
ganz  ebenso  als  der  auf  das  andre  Geschlecht  beschränkte.48 
Auf  gleichem  Boden  steht  auch  der  verdienstvolle,  mit  SY- 
MONDS  zu  gemeinsamer  Arbeit  verbunden  gewesene  englische 
Arzt  HAVELOCK  ELLIS,  der  nie  unterließ,  das  Vorkommen 
gleichgeschlechtlichen  Lebens  bei  den  Naturvölkern  zu  betonen 
und  seine  Eigenart  bei  den  verschiedenen  Naturvölkern  dar- 
zustellen. 

Ob  die  Behandlung  des  Homoerotismus  durch  die  heutige 
medizinische  Wissenschaft,  neben  der  die  eth- 
nologische Behandlungsweise  ja  erst  neueren  Datums  ist,  einen 
ausschließlich  günstigen  Einfluß  auf  die  rein  menschliche  Be- 
urteilung dieser  Naturerscheinung  bei  uns  gehabt  habe,  darf 
billig  bezweifelt  werden.  Da  die  Ärzte  vorzugsweise  kranke 
Urninge  kennen  lernen,  liegt  auch  für  den  mit  der  Gleich- 
geschlechtlichkeit als  einer  angeborenen  Veranlagung  völlig  ver- 
trauten Arzt  ständig  die  Gefahr  nahe,  den  Homoerotismus 
mit  krankhaften  Nebenerscheinungen  zu  verquicken  und  so 
ein  falsches  Bild  zu  gewinnen.  Auch  die  mit  Natur- 
völkern in  Berührung  gekommenen  arischen  Ärzte  VAN 
BRERO  und  RENCUREL  haben  sich  von  dieser  Verquickung 
nicht  ganz  freizuhalten  vermocht.  Vorwiegend  die  medizinische 
Literatur  hat  dem  gleichgeschlechtlichen  Empfinden  ganz  all- 
gemein den  Stempel  des  Krankhaften  aufgedrückt.  Dies 
ist  schon  in  den  Bezeichnungen  „konträre  Sexualempfindung", 
„geschlechtliche  Verirrung",  ,, geschlechtlicher  Irrweg",  „sexu- 
elle Inversion"  und  dergl.  enthalten.  Selbst  die  Benennungen 
„sexuelle  Perversion"  für  den  vom  Willen  unabhängigen 
„eingeborenen"  urnischen  Trieb  und  „sexuelle  Perversität" 
für  das  vom  Willen  beeinflußte  „erworbene"  urnische  Gefühls- 
leben sind  nicht  ohne  krankhafte  Beimischung  gedacht. 
Manche  Ärzte  halten  es  sogar  für  möglich,  daß  „Perversität" 
sich   in   „Perversion"   verwandeln   könne. 


Allgemeiner  Teil  ± -j 

Neuestens  (1908)  hat  der  Medizinalrat  P.  NÄCKE  (Hu- 
bertusburg) der  Homoerotik  auch  der  Naturvölker  starkes 
Interesse  entgegengebracht.  Er  faßt  das  Gleichgeschlechtliche 
überhaupt  wohl  mehr  ethnologisch,  jedenfalls  nicht  rein  me- 
dizinisch auf.  Diese  Auffassung  bringt  wenigstens  ein  kurzer 
Aufruf  zum  Ausdruck:  „Sexuelle  Umfragen  bei  halb-  und 
unzivilisierten  Völkern"  betitelt,  in  dem  NÄCKE  bedauert, 
daß  die  Literatur  dem  Studium  sexueller  Perversionen  und 
Perversitäten  fast  gar  nichts  biete.  Die  Homosexualität  der 
Neger,  der  Papua  und  anderer  Völkerschaften  sei  noch  kaum 
untersucht  und  doch  fänden  sich  sicher  Spuren  von  ihr.  Hier 
käme  es  vor  allem  darauf  an,  die  eigentliche  Homo- 
sexualität oder  Inversion,  die  gleichgeschlechtliche  Emp- 
findung, von  bloßen  perversen  Akten  (Pseu  do- Homo- 
sexualität) streng  zu  unterscheiden,  die  durch  Tradition, 
Verführung,  Nachahmung,  ferner  unter  bestimmten  Umständen, 
wie  z.  B.  wenn  Weiber  nicht  zu  erlangen  sind,  auch  von  nor- 
mal Heterosexuellen  ausgeführt  würden.  Als  ein  untrügliches 
Unterscheidungmerkmal,  wo  es  zu  erlangen  ist,  bezeichnet 
er  die  Traumwelt.  In  sexuellen  Träumen  werde 
das  eigentlichste  geschlechtliche  Fühlen  bis  in 
die  feinsten  Details  hin  dargelegt.  Freilich  genüge 
dazu  nicht  ein  einzelner  Traum,  sondern  erst  eine  Reihe  von 
Träumen  möglichst  aus  verschiedener  Zeit.  Sei  nun  solche 
schon  bei  uns  schwer  zu  erhalten,  um  wie  viel  schwerer 
bei  wenig  entwickelten  Völkern!  Man  wisse  ja  noch  so  gut 
wie  nichts  von  der  Traumwelt  der  „Wilden",  obgleich  be- 
hauptet würde,  was  er  aber  für  seine  Person  sehr  bezweifle, 
daß  hier  viel  geträumt  wird.  Habe  man  erst  eine  leidliche 
Trennung  beider  Arten  von  Homosexualität  herbeigeführt,  so 
gelte  es,  über  den  Umfang  der  wahren  Inversion  einen  Über- 
blick zu  gewinnen,  ferner  über  etwaige  Ursachen,  damit  ver- 
bundene Bräuche,  Ansichten,  Überlieferungen,  Lieder  der  Völ- 
ker und  dergl.  Weiter  ob  der  Podikation  gefröhnt  wird  oder 
mutueller  Onanie.  Da  die  echten  Urninge  sehr  häufig  schon 
als  Knaben  gewiße  Eigentümlichkeiten  an  den  Tag  legten, 
so  frage  es  sich,  ob  sich  solches  und  wie  es  sich  bei  unzivi- 
lisierten   Völkern    finde.     Endlich    wäre    die    rechtliche     und 


aQ  Allgemeiner  Teil 

ethische  Stellung  der  Urninge  zur  übrigen  Bevölkerung  fest- 
zustellen. Was  den  Hermaphroditismus  betrifft,  sei 
zu  prüfen,  ob  der  echte  häufiger  oder  seltener  sei  als  bei 
uns  und  wie  er   angesehen  wird. 

Fast  wichtiger  noch  für  das  Studium  des  gleichgeschlecht- 
lichen Lebens  der  Naturvölker,  nur  vom  großen  Publikum 
weniger  beachtet,  ist  die  soziologische  Schule  ge- 
worden. Sie  wurde  durch  mehrere,  gründliche  Literatur- 
kenntnis verratende  Werke  von  CHARLES  LETOURNEAU, 
Professor  an  der  anthropologischen  Schule  zu  Paris,  eine 
„Soziologie"  (2.  Aufl.  1884),  eine  „Entwicklung  der  Moral"  (1887) 
und  eine  „Entwicklung  der  Rechtsprechung  bei  den  Menschen- 
rassen" (1901)  gleicherweise  vorbereitet  und  eingeleitet.  In  diesen 
seinen  Werken  betont  LETOURNEAU  immer  wieder,  die 
Päderastie  sei  mit  nichten  das  Ergebnis  ausgearteter  Zivilisation, 
sondern,  im  Gegenteil,  eines  der  zahlreichen  Erzeugnisse  ur- 
sprünglicher menschlicher  Wildheit  und  ein  Stigma  der  tierischen 
Herkunft  des  Menschengeschlechts,  ein  Memento  qnia  animal  es. 
Für  die  geschlechtlichen  Akte  unter  Geschlechtsgleichen  hat 
LETOURNEAU  einen  eigenen  Ausdruck  geprägt;  er  nennt  sie 
geschlechtliche  Abschweifungen  oder  Seitensprünge  {ecarts  ge- 
nesiques).  Er  verwahrt  sich  ausdrücklich  gegen  die  Auffassung 
der  Päderastie  als  einer  Widernatürlichkeit ;  in  seinen  Augen 
ist  sie  lediglich  eine  Regelwidrigkeit  (deviation)  und  bei  den 
meisten  primitiven  Gesellschaften  im  Schwange,  bei  den  Ka- 
naken  Neu-Kaledoniens,  bei  den  Neu- Seeländern  und  bei  den 
Polynesiern,  bei  den  Rothäuten  ganz  Amerikas  vom  Rio  de  la 
Plata  bis  zu  den  Eskimo.  LETOURNEAU  gibt  für  diese 
Tatsache  eine  Erklärung,  die  von  der  Annahme  einer  indivi- 
duellen Anlage  zu  gleichgeschlechtlicher  Liebe  ganz  absieht  und 
rein  aprioristisch  als  eine  Selbstverständlichkeit  hinstellt,  der 
Mensch  denke  um  so  weniger  über  die  Verschiedenheit  der 
Geschlechter  und  den  Zweck  ihres  Daseins  nach,  je  weniger 
seine  Sittlichkeitbegriffe  entwickelt  und  sein  Verstand  aus- 
gebildet seien,  derart,  daß  wollüstige  Akte,  welche  von  wirklich 
zivilisierten  Gesellschaften  und  Personen  als  unflätig  gebrand- 
markt würden,  der  tierischen  Natur  wilder  Rassen  und  weniger 
entwickelter  Menschen  nicht  widerstrebten.    Die  geschlechtliche 


Allgemeiner  Teil  aq 

Sittlichkeit  entwickle  sich  bei  zivilisierten  Völkern  mehr  und 
mehr.  Naturgemäß  könnten  derlei  urwüchsige  Triebe  niemals 
gänzlich  ausgerottet  werden  und  brächen  als  atavistische  Rück- 
schläge auf  wilde  Instinkte  (retours  ataviques  vers  les  instincts 
sattvages)  auch  bei  den  zivilisiertesten  Völkern  immer  wieder 
hervor.49  In  dieser  Auffassung  liegt  insofern  ein  erheblicher 
Fortschritt,  als  der  gleichgeschlechtliche  Trieb  als  etwas  der 
menschlichen  Natur  Immanentes  erkannt  und  nicht  mehr  als  ein 
Produkt  von  Uberkultur  hingestellt  wird.  Weshalb  aber  dieser 
Trieb  bei  den  Naturvölkern  als  natürlich,  bei  den  Kultur- 
völkern dagegen  als  unsittlich  angesehen  werden  sollte,  ist 
durchaus  nicht  einzusehen.  Die  beiden  Arten  von  Sittlichkeit, 
die  geschlechtliche  oder  niedere  und  die  nicht  geschlechtliche 
oder  höhere  Sittlichkeit,  müssten  nach  LETOURNEAUs  Dar- 
stellung so  verteilt  sein,  daß  bei  den  Naturvölkern  die  höhere 
vorwiegend  entwickelt  ist,  die  niedere  aber  fehlt,  bei  den  Kultur- 
völkern dagegen  der  Fall  umgekehrt  liegt.  Es  fehlt  diesen,  wie 
neben  vielem  anderen  schon  die  barbarischen  Kriege  beweisen, 
tatsächlich  alle  höhere  Sittlichkeit  und  es  soll,  da  doch  einmal 
mit  Sittlichkeit  geprunkt  werden  muß,  wie  der  §  175  des  deut- 
schen Reichsstrafgesetzbuches  beweist,  durch  hohe  Entwicklung 
der  niederen  Sittlichkeit  ein  täuschender  Ersatz  geboten  werden. 
Und  diese  doch  höchst  bedenkliche  Entwicklung  des  mora- 
lischen Sinnes  findet  LETOURNEAU  äußerst  interessant.50 
Die  soziologische  Schule  hat  nun,  in  der  Absicht,  das 
ganze  soziale  Leben,  besonders  die  Rechts-Bräuche  und  -An- 
schauungen der  Naturvölker,  so  lange  das  eben  noch  möglich 
ist,  nach  allen  Richtungen  hin  gründlich  kennen  zu  lernen, 
Fragebogen  zusammengestellt,  welche  dem  Forschung- 
reisenden und  allen  denen,  die  Gelegenheit  haben,  die  Sitten 
der  Naturvölker  aus  eigener  Anschauung  kennen  zu  lernen, 
den  Weg  weisen,  auf  dem  die  Erlangung  dieser  Kenntnis  am 
gründlichsten  möglich  wäre.  Der  erste  derartige  Fragebogen 
hat  den  britischen  Ethnologen  J.  G.  FRAZER  zum  Verfasser: 
Anthropologie  al  Questions  or  Questions  on  the  Manners,  Customs, 
Religion,  Superstitions,  etc.  of  uneivilised  or  semi-eivilesid  peoples 
(Anthropologische  Fragen  oder  Fragen  betreffend  die  Bräuche, 
Gewohnheiten,  Religion,  Aberglauben  und  dergl.  bei  den  Un- 
Kars ch-  Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  4 


co  Allgemeiner  Teil 

zivilisierten  oder  halbzivilisierten  Völkern).  Unter  den  213 
Fragen  dieses  Fragebogens  von  1895  betreffen  drei  das 
gleichgeschlechtliche  Leben : 

No.  130:  Do  the  sorcerers  or  medicine  men  ever  dress  as 
women  ?  (Kleiden  sich  die  Zauberer  oder  Medizin-Männer  stets 
wie  Weiber?) 

No.  134:  Besides  the  case  referred  to  above  (No.  130),  are 
there  any  other  occasions  on  which  men  dress  as  women  or  women 
as  men,  as  at  childbirth,  marriage  and  mourning?  Are  boys 
ever  dressed  as  girls,  and  girls  as  boys  ?  (Gibt  es  außer  dem  in 
Frage  130  erörterten  Fall  noch  irgend  welche  Anlässe,  bei 
denen  Männer  sich  wie  Weiber  und  Weiber  sich  wie  Männer 
kleiden,  so  etwa  bei  einer  Niederkunft,  Hochzeit  oder  Trauer? 
Werden  gewisse  Knaben  stets  als  Mädchen  gekleidet  und 
Mädchen  als  Knaben?) 

No.  135:  What  reasons  do  they  give  for  such  exchanges 
of  dress  ?  (Welche  Gründe  werden  von  den  Eingeborenen  für 
derartigen  Kleidertausch  angegeben  ?)  51 

Dieser  Fragebogen  ist  1907,  auf  507  Fragen  gebracht,  als 
selbständiges  Heftchen  von  52  Seiten  erschienen ;  darin  ist  Frage 
130  zur  Frage  414  geworden  und  sind  die  Fragen  134  und  135 
zu  einer  Frage  435  zusammengefaßt.52 

So  mangelhaft  die  Formulierung  dieser  Fragen  auch  ist 
und  so  wenig  sie  den  Kern  der  Sache  treffen,  kann  doch  das 
Verdienst  ihnen  nicht  abgestritten  werden,  daß  sie  die  Auf- 
merksamkeit weiter  Kreise  auf  den  uns  hier  beschäftigenden 
Gegenstand  lenken. 

Erheblich  deutlicher  reden  die  deutschen  Fragebogen. 
Den  ersten  derartigen  Fragebogen  nach  FRAZER  stellte  der 
bekannte  Berliner  Rechtslehrer  JOSEF  KOHLER,  der  viel- 
seitigste und  fruchtbarste  der  derzeitigen  Berliner  Hochschul- 
lehrer und  ein  durchaus  selbständiger  und  origineller  Kopf, 
1897  zusammen.  Er  beschränkte  sich  auf  100  Fragen.  Nur  eine 
von  diesen  betrifft  auch  den  Gegenstand  vorliegender  Schrift: 

66 :  Welches  ist  die  Strafe  für  Diebstahl  und  Hehlerei  ? 
Für  Körperverletzung  ?  Für  Notzucht  ?  Für  Abtreibung  ?  Für 
widernatürliche  Unzucht  ?  (Kommt  diese  vor  ?  In  welchen 
Formen?     Welche   gelten   als   erlaubt?).      Für    Kriegsverrat? 


Allgemeiner  Teil  :i 

Für  Verletzung  eines  Tabu,  d.  h.  eines  religiösen  Verbots  ? 
Für  Zauberer  ?  Gilt  der  Glaube,  daß  wer  ohne  ersichtlichen  Grund 
stirbt,  von  einem  anderen  durch  Zauber  getötet  worden  ist  ?  M 
Auch  der  verdiente  frühere  Bremer  Rechtsanwalt  ALBERT 
HERMANN  POST,  der  überall  in  seinen  soziologischen  Werken 
alles  mitheranzog,  was  ihm  von  gleichgeschlechtlichem  Leben 
(1889 — 1903)  in  der  Literatur  begegnete,  ist  Verfasser  eines 
solchen  Fragebogens.  In  diesem  bei  STEINMETZ  veröffent- 
lichten „Entwurf  eines  Fragebogens  der  internationalen  Ver- 
einigung für  vergleichende  Rechtswissenschaft  und  Volkswirt- 
schaftslehre zu  Berlin  über  die  Rechtsgewohnheiten  der  afrikani- 
schen Naturvölker"  finden  sich  unter  „Familienverhältnisse" 
und  zwar  unter  „Außereheliche  Verhältnisse"  die  Unterfragen: 

e)  Wird  Päderastie  geübt  ?  wie  wird  dieselbe  beurteilt  ? 

f)  Gibt  es  sich  als  Frauen  gebärdende  Männer  ?  welches  ist 
ihre  Stellung  ?  M 

Obige  Darlegung  soll  nur  dartun,  welch  hohe  Bedeutung 
die  objektive  soziologische  Wissenschaft  der  Gegenwart  den 
Erscheinungen  gleichgeschlechtlichen  Lebens  zuerkennt.  Der 
Berliner  Rechtsgelehrte  JOSEF  KOHLER  hat  seinen  Stand- 
punkt unzweideutig  zum  Ausdruck  gebracht,  indem  er  1897 
die  Erklärung  abgab:  Unzucht  mit  Personen  desselben  Ge- 
schlechts beruhe  fast  durchwegs  auf  Perversitäten,  auf  anormaler 
geschlechtlicher  Veranlagung,  auf  einer  Art  hermaphroditischen 
Wesens,  das  durchaus  nicht  ein  Kulturerzeugnis  sei,  sondern 
sich  auch  bei  Naturvölkern  finde  und  zeitweise  mehr,  zeitweise 
weniger  hervortrete,  ebenso  wie  andere  Perversitäten.  Er  ist 
von  der  Unwiderstehlichkeit  des  homoerotischen  Triebes  so 
durchdrungen,  daß  er  als  ein  von  Gerechtigkeitgefühl  erfüllter, 
wohlwollender  und  denkender  Jurist  den  Wunsch  aussprach, 
nur  die  gewaltsame  Päderastie  und  die  mit  Minderjährigen 
verübte  solle  mit  Strafe  bedroht  bleiben.05  In  seine  Fußstapfen 
ist  1904  mit  starkem  Pathos  ein  aufgeklärter  britischer  Rechts- 
gelehrter, GEORGE  IVES,  getreten.  Dessen  englisch  geschrie- 
bene „Geschichte  des  Strafverfahrens"  enthält  als  17.  Kapitel  die 
„Klassifikation  der  Verbrechen".  Bei  dem  gegenwärtigen  Zustand 
des  Rechts  in  England  mag  er  in  einem  Werke  über  Kriminologie 
die  schwer  zu  erörternde,  neuerdings   als  Sexual-Inversion  be- 


52 


Allgemeiner  Teil 


kannte,    aber  weltalte    Erscheinung  der  gleichgeschlechtlichen 
Zuneigung  nicht  übergehen,  obwohl  sein  Landsmann  STEAD, 
dessen  streitbare   Sittlichkeit  großen  Einfluß  auf  die  Gesetz- 
gebung ausübe,  empfehle,  derartige  Probleme  nicht  öffentlich 
zu  erörtern  und  die  ganze  Frage  in  undurchdringlichem  Schwei- 
gen  zu   begraben.      IVES   vergleicht   die   gleichgeschlechtlich 
Liebenden    mit   den   Linkshändern.     Wie  diese  bilden  sie  in 
jeder  Bevölkerung  eine  Minderzahl,  aber  eine  ewige  Minderzahl, 
die  weder  Gesetze  noch  religiöse  Systeme  jemals  zu  beseitigen 
vermöchten.     Und  wie  unter  den  unehelich  Geborenen,  deren 
Anerkennung  der  Staat  gleichfalls  ablehnt,  stehen  die  Namen 
mancher  dieser  Geächteten  für  alle  Zeit  in  der  Weltgeschichte 
geschrieben.      Ein   Problem,   das   dringend   der   Lösung   harrt, 
ist  ihm  weniger  der  gleichgeschlechtliche  Trieb  selbst,  als  viel- 
mehr die  Erscheinung,  daß  dieser  Trieb,  der  zu  allen  Zeiten 
und  an  allen  Orten  in  der  ganzen  alten  und  neuen  Welt  eine 
Rolle    gespielt    hat,   bei    einigen   Völkern  zu  einem  religiösen 
Kult    sich    ausgestalten    konnte,    während    andere    seine  An- 
erkennung   als  etwas  beinahe    Unmögliches    ablehnen.     IVES 
erklärt  den  gleichgeschlechtlichen  Trieb  für  einen  eingeborenen 
Instinkt  und  als  solchen  für  älter  als  die   Pyramiden.     Un- 
geachtet des  Schweigens  oder  gar  Ableugnens  so  vieler  Reisenden 
und  Missionare  liege  aprioristische  Gewißheit  ihres  Auftretens 
in  jedem  Gemeinwesen  vor.     Die  ganze  Erscheinung  sei  einer 
Betrachtung  mit  den  achromatischen  Linsen  der  Wissenschaft 
dringend   bedürftig.      Die   Natur   habe,    so   scheine   es,    mehr 
Bedürfnisse  und  Bestrebungen,  als  menschliche  Philosophie  sich 
träumen  lasse.     Hier  helfe  es  nichts,  viel  zu  moralisieren  und 
zu   fragen,   warum  solch   ein   Instinkt   wohl  möge  geschaffen 
sein,  noch  zu  erwägen,  welch  eine  Fülle  von  Elend  wohl  wäre 
erspart   worden,    wenn   er   niemals   vorhanden   gewesen   wäre. 
Es  handle   sich  hier  um  ein   praktisches  und  sehr  aktuelles 
Problem,  das  zu  leugnen  unnütz  sei,  das  zu  übersehen  aber  höchst 
unmoralisch  wäre,  da  es  von  den  elementarsten   Grundsätzen 
der  Gerechtigkeit  berührt  werde.     Es  handle  sich  nach  dieser 
Erkenntnis  darum,  die  Natur  des  Phänomens  richtig  zu  erfassen 
und  nicht  mehr  wie  bisher  im   Dunstkreis    einer   verlogenen 
Konvention  „Recht"  zu  sprechen,  das  kein  Recht  sei.56 


Allgemeiner  Teil  cd 

Mit  ßeiseitelassung  aller  theoretischen  Erörterungen  und 
Erwägungen  und  einzig  von  dem  Bedürfnisse  geleitet,  einmal 
das  ganze  für  Naturvölker  vorliegende  gleichgeschlecht- 
liche Tatsachenmaterial  zusammenzubringen,  ließ  KARSCH 
1901  seine  Sammelarbeit:  „Uranismus  oder  Päderastie  und 
Tribadie  bei  den  Naturvölkern"  erscheinen.  Er  stellte  sich 
dabei  auf  den  Boden  der  Auffassung  eines  anerkannt  großen 
Naturforschers,  ROBERT  MAYER,  nach  der  die  Aufgabe  der 
Wissenschaft  beendet  ist,  wenn  eine  Tatsache  nach  allen  ihren 
Seiten  bekannt  geworden.  Nachdem  er  die  unerwiesene  Behaup- 
tung von  Gegnern  gleichgeschlechtlichen  Liebelebens,  es  komme 
bei  Tieren  nicht  vor,  durch  reiches,  der  Literatur  von  ARISTOTE- 
LES an  entnommenes  Material  als  irrig  nachgewiesen  hatte, 
lag  ihm  nun  daran,  einen  gleichen  Einwurf  für  die  Natur- 
völker zu  entkräften  und  er  ist  ganz  überzeugt,  den  Gegner 
widerlegt,  freilich  nicht  überzeugt,  ihn  damit  auch  bekehrt  zu 
haben.  Denn  nun  wird  dieser  sein  Unrecht  zwar  zugeben, 
aber  er  wird  auch  seinen  Einwurf  ändern  und  etwa  sagen, 
daß  doch  die  Naturvölker  für  die  höherstehenden  Kulturvölker 
durchaus  nicht  vorbildlich  seien,  ebenso  wenig  als  die 
Tiere.  Den  zusammengebrachten  Stoff  hat  1902  der  Berliner 
Arzt  IWAN  BLOCH*)  in  seinen  „Beiträgen  zur  Ätiologie  der 
Psychopathia  sexualis"  für  seine  damalige  Auffassung  des  Prob- 


*)  Der  Berliner  Mediziner  Dr.  IWAN  BLOCH  hat  neuerdings  eine 
sehr  beachtenswerte  Wandlung  seiner  Grundanschauung  über  Päderastie  und 
Tribadie  erkennen  lassen.  Noch  1902  waren  ihm  beide  mit  Ausnahme  rein 
klinisch-pathologischer  Fälle  nur  „widernatürliche  Laster";  er  stellte  die 
völlig  unmotivierte  und  leicht  zu  widerlegende  Behauptung  auf,  diese  „Laster" 
kämen  bei  den  Juden  in  „auffallend  geringem  Masse"  vor,  was  sich  aus 
deren  innigem  Familienleben  erkläre,  würden  aber  durch  die  Araber  überall 
hin  verbreitet.  Nach  seinem  neuesten  Werke  aber  „Das  Sexualleben  unserer 
Zeit  in  seinen  Beziehungen  zur  modernen  Kultur"  (Berlin,  Louis  Marcus 
1906;  4. — 6.  Auflage  1908,  XII,  840  und  XX  Seiten  in-8°),  gibt  es  eine 
„originäre,  angeborene,  dauernde  Homosexualität"  (Seite  587),  die  zum 
Teil  ein  Rätsel  ist  (Seite  590)  und  so  „muss  jetzt  der  Standpunkt 
eingenommen  werden,  daß  zwar  auch  zahlreiche  kranke,  degene- 
rierte und  psychopathische  Individuen  geschlechtliche  Anomalien  aufweisen, 
daß  aber  dieselben  Anomalien  und  Verirrungen  außerordentlich  häufig 
bei  gesunden  Personen   vorkommen"    (Seite  519)   und  die  Homosexuali- 


ca  Allgemeiner  Teil 

lems  zurechtgestutzt  und  der  Schriftsteller  LUDWIG  WEST*) 
in  seiner  volkstümlichen  Arbeit  „Homosexuelle  Probleme  im 
Lichte derneuesten  Forschung"  verwendet,  während  M.  BRAUN- 
SCHWEIG die  von  K ARSCH  gewonnenen  und  kurz  formu- 
lierten Ergebnisse  erwähnend  anerkannte.  Einen  großen  Wurf  tat 
der  Finne  EDWARD  WESTERMARCK,  dessen  auch  die 
Naturvölker  im  ganzen  Umfang  berücksichtigendes  Kapitel 
„Homosexualität"  im  zweiten  Band  seines  zweibändigen  Werkes 
„Ursprung  und  Entwicklung  der  Moralbegriffe"  (1908)  einen  sehr 
erheblichen  Teil  der  für  einen  Einzelnen  schwer  zu  bewältigenden 
völkerkundlichen  homoerotischen  Literatur  zusammenfaßt.  Er- 
wähnt seien  hier  noch  einige  einschlägige  Schriften  neueren 
Datums:  Ein  französischer  Arzt  JACOBUS  X  .  .  .  brachte 
1893,  1896  und  1901  in  französisch  und  englisch  geschriebenen 
Werken  ,, Über  die  Liebe"  und  „Über  Liebeleben  in  den  französi- 
schen Kolonien"  auch  einiges  Homoerotisches  über  Naturvölker; 
man  versteht  nicht  recht,  weshalb  die  Werke  anonym  erschienen, 
da  ihr  Inhalt  völlig  unverfänglich  ist.  Aus  dem  Jahre  1903 
liegt  eine  wertvolle  Arbeit  über  Naturvölker  mit  reichen  neuen 
Tatsachen  aus  ihrem  gleichgeschlechtlichen  Leben  von  STEIN- 
METZ vor.  Ein  Schriftchen  von  WEINDEL  und  FISCHER 
(1908)  und  eins  von  REBIERRE  (1909)  nehmen  auch 
auf  Naturvölker  Bezug  und  der  in  homoerotischen  Dingen 
sachverständige  deutsche  Arzt  GEORG  MERZBACH  ließ  1909 
ein  recht  brauchbares  Werkchen  „Die  krankhaften  Er- 
scheinungen des  Geschlechtssinnes"  erscheinen,  in  welchem  der 
Homoerotik  der  Naturvölker  in  Anlehnung  an  WESTER- 
MARCK gebührende  Beachtung  geschenkt  und  auch  einzelnes 
Neue  mitgeteilt  wird.  In  seinem  grundlegenden  Opus:  „Das 
Geschlechtsleben  in  der  Völkerpsychologie"  von  1908  hat  OTTO 
STOLL  der  Homoerotik  der  Naturvölker,  von  denen  ihm  die 


tat  als  Anomalie  „originärer  Erscheinung"  (Seite  591)  demnach  nicht  mehr 
als   „Laster"  bezeichnet  werden   kann. 

Höchst  achtenswert  ist  ein  Gelehrter,  der  einen  als  irrig  erkannten 
Standpunkt  verläßt,  obwohl  er  ihn  mit  Entschiedenheit  und  Ueberzeugung 
vertreten  hatte. 

*)  Hinter  diesem  Pseudonym  soll  der  Verfasser  des  „Gefesselten  Faust", 
JOHANNES   GAULKE.  stecken. 


Allgemeiner  Teil  ~c 

Indianer  bei  seinem  Aufenthalt  in  Südamerika  aus  eigener 
Anschauung  bekannt  geworden  sein  dürften,  einen  breiten 
Raum  gewidmet.  Seinen  päderastischen  Stoff  gruppiert  er  in 
vier  Abteilungen:  i.  Homosexueller  Verkehr  im  Zusammenhange 
mit  religiösen  Anschauungen  (Yukatan,  Guatemala,  Neu- 
Mexico) ;  2.  Homosexueller  Verkehr  infolge  von  Frauenmangel 
(Polynesien) ;  3.  Homosexueller  Verkehr  als  von  der  öffentlichen 
Meinung  tolerierte  Volkssitte  (Darien,  Mexiko,  Cueva,  Sansibar) 
und  4.  Homosexueller  Verkehr  als  im  Geheimen  betriebenes, 
von  der  öffentlichen  Meinung  perhorresziertes  und  vom  Straf- 
recht verfolgtes  Verbrechen  (Mexiko,  Peru).57  An  der  Zu- 
sammenstellung von  KARSCH  aus  dem  Jahre  1901  lobt  er 
mit  Recht  ihre  Sorgfalt,  mit  Unrecht  vielleicht  ihre  Vollständig- 
keit und  findet,  daß  aus  ihr  jedenfalls  die  Lückenhaftigkeit 
und  Unsicherheit  vieler  Angaben  deutlich  hervorgehe.58 

Noch  sei  auf  ein  Schriftchen  des  Arztes  für  Nerven-  und 
psychische  Leiden  Dr.  HANS  FISCHER  in  München  hin- 
gewiesen, für  welches  die  Angabe  des  Erscheinungjahres  fehlt. 
HANS  FISCHER  faßt  den  Urning  als  einen  psychischen  Zwitter 
auf,  den  Uranismus  als  eine  physiologische  Erscheinung.  Diese 
Anomalie  bestehe  seit  den  ältesten  Zeiten  bei  allen  Völkern 
bald  mehr,  bald  weniger,59  sei  also  in  der  Schöpfung  selbst 
begründet  und  könne  daher  nicht  als  widernatürlich  be- 
zeichnet werden.60  Sie  scheint  ihm  eine  Selbsthilfe  der  Natur 
gegen  Übervölkerung  in  Gegenden,  in  denen  die  Dichtigkeit 
der  Menschen  eine  solche  befürchten  läßt.61  Es  habe  alles 
seine  Ursachen  in  der  Ökonomie  der  Natur  und  eine  Beschrän- 
kung der  Übervölkerung  dadurch,  daß  die  Natur  Urninge  in 
größerer  Anzahl  hervorbringe,  sei  jedenfalls  erwünschter,  als 
wenn  Krieg,  Seuchen  und  Hungersnot  die  Menschheit  dezi- 
mieren.62 

Erfreulich  ist  die  Wahrnehmung,  wie  auch  Kreise,  denen 
das  Studium  der  gleichgeschlechtlichen  Liebe  recht  fern  liegt, 
dem  Gegenstande  als  einem  die  ganze  Menschheit  interessierenden 
ihre  Aufmerksamkeit  zuzuwenden  begonnen  haben.  Der 
Berliner  Philosoph  MAX  DESSOIR  erörterte  in  einem  wert- 
vollen Aufsatze  zur  Psychologie  des  Geschlechtslebens  vom 
Jahre  1894,  wahrscheinlich    angeregt  durch  ALBERT  MOLLs 


rg  Allgemeiner  Teil 

„Konträre  Sexualempfindung"  von  1891,  eingehend  das  undiffe- 
renzierte Geschlechtsgefühl  bei  Knaben  zwischen  13  und  15,  bei 
Mädchen  zwischen  12  und  14  Jahren.  Er  glaubt  es  dadurch 
zu  erklären,  daß  diese  Jugend  noch  keine  Einsicht  in  die 
Bedeutung  ihres  Triebes  besitze,  den  wahren  Unterschied  der 
Geschlechter  nicht  kenne  und  infolge  des  Schulunterrichts  täg- 
lich fünf  Stunden  mit  Geschlechtsgleichen  zusammen  sei.  Aus 
dem  Zustande  des  unzerlegten  Geschlechtsdranges,  der  auch 
unverändert  andauern  könne,  ergäben  sich  nach  erfolgter  Weiter- 
entwicklung und  Differenzierung  des  Triebes  die  beiden  Rich- 
tungen der  Heterosexualität  und  der  Homosexualität.  Der 
Verliebte  im  höchsten  Zustande  der  Differenzierung  ist  für 
DESSOIR  kein  Entarteter,  sondern  „ein  in  seiner  Person  dem 
Genie  ähnlich  Geförderter".  „Widernatürliche  Ausschweifungen" 
einzelner  Individuen,  die  zu  allen  Zeiten  und  unter  allen  Völkern 
vorkommen,  hält  DESSOIR  durch  überreizte  Sinnlichkeit  ver- 
anlaßt, gleichgeschlechtlichen  Verkehr  für  selten,  den  Anal- 
koi'tus  am  Manne  für  von  der  gleichen  „Unzucht"  am  Weibe 
übernommen;  der  Geile  suche  im  Knaben  das  Weibliche,  der 
Urning  den  geschlechtlichen,  nicht  den  sozialen  Mann,  der 
undifferenzierte  Knabe  das  Lebenswarme  überhaupt.  Ob  der 
Homosexuelle  heilbar  und  ob  er  als  solcher,  abgesehen  von 
Verführung  und  öffentlichem  Ärgernis,  strafbar  sei,  will  er  unter 
Hinweis  auf  die  Nuancen  unbeantwortet  lassen.  DESSOIR 
ist  durch  den  verstorbenen  Berliner  Kriminal-Inspektor  VON 
MEERSCHEIDT-HÜLLESSEM  mit  den  Kreisen  männlicher 
Homosexueller  in  Berlin  bekannt  geworden.  Aber  diese  Kreise 
erschöpfen  nicht  die  homosexuelle  Wirklichkeit.  Durch  solch 
einseitige  Kenntnis  hat  sich  DESSOIR  manche  sicherlich  irrige 
Ansicht  gebildet,  wie  beispielsweise  die  Vorstellung,  dem 
Homosexuellen  bliebe  die  höchste  Form  der  Liebe,  eine  aus- 
schließliche Lebensliebe,  verschlossen.  Es  gibt  zartbesaitete 
Homosexuelle,  die  homosexuelle  Kreise  scheuen  wie  die  Pest; 
unter  diesen  kann  man  Leute  finden,  denen  die  höchste 
Form  der  Liebe  nicht  verschlossen  blieb.  Die  homosexuelle 
Liebe  ist  ein  vollständiges  Analogon  der  heterosexuellen  Liebe, 
mit  dem  einzigen  Unterschied  der  Unmöglichkeit  einer  Fort- 
pflanzung.    Sollte  aber  dieser  Mangel  ein  ausreichender  Grund 


Allgemeiner  Teil  cn 

sein,  sie  geringer  zu  bewerten  ?  Dann  müßte  auch  ein  treu 
liebendes,  aber  unfruchtbares  Ehepaar  tiefer  im  Werte  stehen 
als  ein  mit  Kindern  gesegnetes. 

Der  weitgereiste  und  auch  mit  Naturvölkern  vielfach  in 
Berührung  gekommene  Naturforscher  und  Naturphilosoph 
RICHARD  SEMON  versuchte  1904  in  einer  geistvollen  Arbeit: 
„Die  Mneme  als  erhaltendes  Prinzip  im  Wechsel  des  organischen 
Geschehens"  auf  seine  naturphilosophische  Manier  die  „homo- 
sexuelle Liebe"  sich  zurechtzulegen.  Er  hält  sie  für  eine  in 
allen  Individuen  schlummernde  Disposition.  Für  diese  An- 
nahme versucht  er  gar  nicht  erst  den  Nachweis,  sie  ist  nur  eine 
Vorbedingung  für  seine  Theorie.  Nach  dieser  Theorie  ist  die 
reizbare  Substanz  des  Organismus,  sei  dieser  Protist,  Pflanze 
oder  Tier,  nach  Einwirkung  und  Wiederaufhören  eines  Reizes 
und  nach  Eintritt  in  den  sekundären  Indifferenzzustand,  dauernd 
verändert.  Weil  die  Reizwirkung  oder  besser  Erregungwirkung 
sich  in  die  organische  Substanz  sozusagen  eingräbt  oder  ein- 
schreibt, nennt  SEMON  sie  deren  engraphische  Wir- 
kung und  die  durch  den  Reiz  bewirkte  Veränderung  der  organi- 
schen Substanz  E  n  g  r  a  m  m ;  die  Summe  der  Engramme, 
die  ein  Organismus  ererbt  oder  während  seines  individuellen 
Lebens  erwarb,  ist  seine  Mneme,  zu  deutsch  etwa  sein  „Ge- 
dächtnis" oder  sein  „Erinnerungbild"  mit  Abzug  der  Bewußt- 
seinsphänomene. Es  gibt  demnach  eine  ererbte  und 
eine  erworbene  Mneme.  Die  Erscheinungen,  welche 
am  Organismus  durch  das  Vorhandensein  eines  bestimmten 
Engramms  oder  einer  Summe  von  Engrammen  hervortreten, 
sind  seine  mnemischen  Erscheinungen.  Nach 
Aufhören  eines  Reizes  kehrt  der  Organismus  über  kurz  oder 
lang  immer  in  den  Indifferenzzustand  zurück.  Eine  dauernde 
Wirkung  übt  ein  Reiz  auf  die  reizbare  Substanz  nur  insofern 
aus,  als  er  ein  Engramm  zurückläßt.  Er  verändert  also  die 
reizbare  Substanz  nur  in  der  Weise,  daß  fortan  der  dem  Reiz 
eigentümliche  synchrone  Erregungzustand  nicht  aUein  durch 
sie  selbst,  sondern  auch  durch  andere  Einflüsse  neu  hervor- 
gerufen oder  ekphoriert  werden  kann ;  diese  Einflüsse 
heißen  ekphorische,  ihre  Wirkung  E  k  p  h  o  r  i  e.  Der 
auf    Grund    der    Ekphorie    eines    Engramms    entstandene 


cß  Allgemeiner  Teil 

Erregungzustand      ist    der     mnemische     Erregung- 
zustand.   Indem  nun  SEMON  diese  seine  Theorie  auf  „ein 
seltsames,  beim  Menschen  zu  beobachtendes  Instinktphänomen, 
die  homosexuelle  Liebe,  d.  h.  die  Liebe  zwischen  zwei  Individuen 
desselben   Geschlechts"   anwendet,   ergibt   sich   das   Folgende: 
„Normalerweise     werden    bei     jedem    menschlichen    Indi- 
viduum mit  Eintritt  der  Geschlechtsreife  nur  die  Engramme 
ekphoriert,    deren    Affekts-    und    sonstige    Reaktionen    als 
intersexuelle    Liebe,    als    Liebe    zum    andern    Geschlecht, 
bezeichnet  werden  können.     Nun  besitzt  aber  jedes  Indi- 
viduum die  ganze  Fülle  der  Engrammkomplexe  des  andern 
Geschlechts,     die     nur     bei    ihm     normalerweise       nicht 
ekphoriert  werden,  nachdem  die  Alternative,  welchen  Ast 
der  geschlechtlichen  Dichotomie  es  durchlaufen  wird,  einmal 
entschieden  ist.     Da  jedes  Individuum  somit  die  Instinkt- 
engramme   des   andern    Geschlechts,   wenn    auch   zunächst 
eben  nur  als  Engramme,  besitzt,  ist  es  vielleicht  nicht  so 
wunderbar,  als  es  zunächst  scheinen  möchte,  daß  sie  unter 
Umständen  auch  ekphoriert  werden  können.    Das  Faktum, 
daß  die  Verführung  zu  homosexueller  Liebe  besonders  bei 
demjenigen   Individuum,  bei  dem  die   divergierenden   En- 
gramme   der    normalen    intersexuellen    Liebe    noch    nicht 
ekphoriert  sind,  verhältnismäßig  leicht  erfolgen    kann  und 
daß  nach  der  ersten   Ekphorie   dieser  Engramme   spätere 
Ekphorien  sehr  erleichtert  sind,  daß  es  sich  also  bei  aller 
Schädlichkeit   für   die   Erhaltung   der   Art   doch   um   eine 
generelle,    in    allen    Individuen    schlummernde    Disposition 
handelt,  wird  durch  Einführung  des  Begriffs  der  mnemischen 
Dichotomie  verständlich  gemacht."63 
Es  bleibt  natürlich  jedem    unbenommen,    diese  Theorie, 
falls  sie  ihm  plausibel  scheint,  sich  zu  eigen  zu  machen  oder 
sie  abzulehnen.     Ihre  Wiedergabe   an   dieser    Stelle    bezweckt 
nur,    zu    zeigen,    in    wie    weiten   Kreisen  man  sich  mit   der 
gleichgeschlechtlichen   Liebe  als  einer    Tatsache    vertraut    ge- 
macht   und    ihr    den  Weg  öffentlicher    Anerkennung  zu   be- 
reiten bereits  begonnen  hat. 

Als  Anhang  zu  einer  Übersicht  der  Sammelquellen,  aus 
denen  das  bekannt  gewordene  Gesamtmaterial  von  Tatsachen 


Allgemeiner  Teil 


59 


über  das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker  im  all- 
gemeinen zu  gewinnen  ist,  muß  hier  noch  einer  Arbeit  gedacht 
werden,  die  sich  zwar  nur  mit  den  Rothäuten  und  Nordasiaten 
befaßt,  jedoch  für  die  Beurteilung  des  Phänomens  des  gleich- 
geschlechtlichen Triebes  bei  diesen  Naturvölkern  in  Betracht 
kommt.       Im    zweiten    Bande    seines    zweibändigen    Werkes 
„Biologische    Studien"    von    1895    berichtet    der    Psychiater 
RUDOLF  ARNDT  zunächst   von  unserem  gemeinen  grünen 
Wasserfrosch  (Rana  csculenta  L.),  er  besitze  eine  große  nervöse 
Reizbarkeit.     Auf  diesen  Zustand  glaubt  ARNDT  dann  gewiße 
„Abwegigkeiten"  des  Geschlechtslebens  dieses  Lurches,   darin 
bestehend,  daß  er  zur  Befriedigung    seines    Geschlechtstriebs 
„in  Ermangelung  von  Weibchen"  sich  an  Männchen  klammert, 
zurückführen  zu  dürfen.     Zum  Teil  ganz  richtig  legt  er  dar, 
diese    Abwegigkeiten    wichen    zwar    von    dem    Gewöhnlichen, 
Durchschnittsgemäßen  und  darum  für  normal  und  von  Menschen 
einer  bestimmten,  idealistischen  Welt-  und  Lebensanschauung 
für  allein  natürlich  Erklärten  ab,  doch  sei  es  falsch,  sie  deshalb 
unnatürlich  oder  widernatürlich  zu  nennen,  da  die  Natur  nur 
Natürliches   hervorzubringen   vermöge.      Diese   Abwegigkeiten 
ständen   mit    dem  Gemütsleben  in  Zusammenhang,    das   sich 
anders  darstelle  als  gewöhnlich,   anders  geartet,   entartet  sei. 
Und    in    diesen    Abwegigkeiten    erkennt    ARNDT    die    ersten 
untrüglichen  Zeichen  vorhandener  Entartung  oder  Degeneration. 
Auf  die  Menschheit  übergehend  findet  der  genannte  Psychiater 
sowohl  in   dem    übernormal     großen    Negerpenis   als   in   dem 
unternormal  kleinen  Penis  der  Rothaut  das  sichere,  wenn  auch 
nur  schwache  Kennzeichen  der  Degeneration.    Die  Träger  dieser 
Stigmata  degenerationis  zeigten  häufig  sehr  starken  Geschlechts- 
trieb    und  pflegten  sich  für  besonders  leistungfähige  Naturen 
zu  halten.    Über  kurz  oder  lang  aber  sähen  sie  sich  gezwungen, 
anregende  oder  aufregende  Mittel  anzuwenden,  um  ihre  Lust 
noch  genießen  zu  können,  und  veranstalteten  zu  diesem  Zwecke 
Orgien.     Wo  aber  Orgien  gefeiert  würden,  ergötzten  sich  Ent- 
artete.     Orgien    seien     die     Feste    Degenerierter    und    damit 
Degenerationkennzeichen.         Männliche       Personen,       welche 
sich     gegen    das    andere    Geschlecht  kalt  oder  gar  ablehnend 
verhielten,  zeigten  nicht  selten  eine  Neigung  zu  Personen  des 


(jo  Allgemeiner  Teil 

eigenen  Geschlechts  oder  nähmen  wohl  gar  diesen  gegenüber 
die  Haltung  des  andern  Geschlechts  an.  Damit  verfielen  sie 
der  denkbar  größten  Degeneration,  der  konträren  Sexual- 
empfindung, dem  Degenerationzeichen  der  allerschlimmsten 
Art.  Dem  läge  jedoch  keineswegs  moralische  Verkommenheit 
im  gewöhnlichen  Wortsinne  zugrunde,  wie  gemeiniglich  an- 
genommen würde.  Vielmehr  seien  die  in  Frage  kommenden 
Personen  zu  dem  bezeichneten  absonderlichen  Verhalten  von 
Hause  aus  angelegt.  Das  genannte  Degenerationzeichen  aller- 
schlimmster  Art  tragen  nun  nach  ARNDT  die  G  u  a  r  a  n  i  , 
deren  Weiber  wenig  menstruiert  würden,  deren  Männer  gegen 
ihre  Weiber  gleichgültig  seien  oder  von  ihnen  nichts  wissen 
wollten.  ARNDT  war  erstaunt,  von  WAITZ,  PESCHEL, 
FR.  MÜLLER  und  anderen  zu  erfahren,  daß  ,,Sodom  und 
Gomorrha,  daß  die  Verirrungen  des  Altertums  bei  allen  Indianern 
Amerikas,  von  den  Peschäräh  an  der  Magelhaenstraße  bis  zu  den 
Innuits  an  der  Beringstraße,  von  den  Quechuavölkern  der 
Anden  bis  zu  den  Bewohnern  der  Pampas,  Llanos  und  Küsten- 
gelände des  Atlantischen  Ozeans,  sich  als  gewöhnliches  Vorkomm- 
nis finden,  daß  sie  auch  bei  den  Nordasiaten  heimisch  sind,  und 
hier  wie  dort,  ohne  daß  viel  oder  vielleicht  auch  bloß  etwas 
Ungehöriges  dabei  gefunden  wird' ' .  Dagegen  sollen  sie  bei  den 
Negern  nach  ARNDT  nicht  leicht  angetroffen  werden,  es  sei 
denn,  daß  die  Türken  sie  ihnen  gebracht  hätten.  Am  meisten 
jedoch  war  er  erstaunt  darüber,  daß  sie  bei  der  Indianer- 
Bevölkerung  Amerikas  so  verbreitet  sein  sollten,  wie  mitgeteilt 
wird,  ohne  daß  die  alte  Welt  sie  ihr  erst  gebracht  hat.  Bei 
der  einfachen  Indianer-Bevölkerung,  die  noch  bis  vor  einigen 
Jahrzehnten  kaum  aus  dem  Naturzustande  herausgekommen 
zu  sein  scheine,  auf  derartige  Degenerationäußerungen  zu 
stoßen,  kam  ihm  unerwartet.  Doch  war  ihm  der  Grund,  warum 
jene  Bevölkerung  immer  mehr  zusammenschrumpfe  und  immer 
rascher  ihrem  Untergang  entgegeneile,  auf  einmal  klar  geworden. 
Indem  ARNDT  zu  der  konträren  Sexualempfindung  noch  andere 
Degenerationzeichen  hinzu  entdeckt,  findet  er  die  armen  In- 
dianer über  und  über  mit  Degenerationzeichen  behaftet  und 
erklärt  sie  für  eine  entartete  Menschenrasse.64  So  stellt  er 
sich  völlig  auf  den  Boden  gewisser  Vorgänger,  des  Domherrn 


Allgemeiner  Teil  6l 

VON  PAUW  und  des  Forschungreisenden  VON  MARTIUS. 
Hätte  sich  nun  ARNDT  der  Mühe  unterzogen,  seine  literarischen 
Studien  über  die  Indianer  und  Nordasiaten  auch  noch  auf  die 
übrigen  Naturvölker  auszudehnen,  und  hätte  er  seinen  Blick, 
wenn  auch  flüchtig,  über  alle  Kulturvölker  schweifen  lassen, 
so  würde  er  es  entweder  für  nötig  befunden  haben,  sein  Urteil 
über  die  Indianer  zu  revidieren,  oder  aber  sich  haben  eingestehen 
müssen,  daß  alle  Völker  der  Erde  ohne  Ausnahme  mit  dem 
ersten  untrüglichen  Degenerationzeichen,  der  konträren  Sexual- 
empfindung, behaftet  seien,  daß  die  ganze  Menschheit  entartet 
sei  und  immer  und  überall  entartet  gewesen  sei!  Es  ist  ja 
auch  unbestreitbar  richtig,  daß  in  gewissem  Sinne  jedes  Volk 
wie  jedes  Einzelwesen  den  Keim  seiner  Entartung  in  sich  trägt. 

Nach  dieser  kurzen  Umschau  über  die  vielen,  welche  der 
Wahrheit  die  Ehre  geben  wollten  und  rückhaltslos,  wenn 
auch  hier  und  da  gewiß  mit  schwerem  Herzen,  wiedergaben, 
was  sie  vorfanden  und  nicht  leugnen  konnten,  soll  noch  ein 
Schriftgelehrter  nicht  ungenannt  bleiben,  der  den  Mut  hatte,  in 
einem  Werke  über  das  Geschlechtsleben  der  Naturvölker  von 
allem  Gleichgeschlechtlichen  einfach  abzusehen,  als  ob  es  gar 
nicht  vorhanden  sein  könnte. 

JOSEF  MÜLLER  hat  1900  eine  Arbeit:  „Das  sexuelle 
Leben  der  Naturvölker"  erscheinen  lassen,  in  welcher  mit 
keinem  Worte  der  gleichgeschlechtlichen  Liebe  gedacht  wird. 
„Statt  der  Anhäufung  massenhaften  Materiales,  unkontrollier- 
barer Reiseberichte  usw."  suchte  J.  MÜLLER  „unter  sorg- 
fältiger Sichtung  und  Kritik  des  reichen  Stoffes  das  Prägnante 
und  Typische  herauszustellen  und  den  gefundenen  Tatbestand 
möglichst  einfach  zu  erklären."  65  Allein  die  gleichgeschlecht- 
liche Liebe  ist  ein  wesentlicher  Bestandteil  des  sexuellen  Lebens 
der  Naturvölker.  Schon  A.  ERMAN  hat  1871  mit  Nachdruck 
betont,  daß  ihr  Vorkommen  bei  Urvölkern  in  der  Anthropologie 
nicht  übersehen  werden  dürfe,  sei  es  nun,  daß  man  wegen 
derselben  den  Menschen  um  so  eher  mit  den  Affen  verwandt 
oder  gerade  umgekehrt  seine  Abstammung  von  irgend  einem 
unverderbten  Tiere  für  unwahrscheinlich  halten  wolle.66 

Auch  die  zweite,  stark  vermehrte  Auflage  der  MÜLLER- 
schen  Arbeit  brachte  über  das  Homoerotische  noch  kein  Sterbens- 


(y2  Allgemeiner  Teil 

wort.''7  Erst  in  der  dritten,  vermehrten  Auflage  von  1906 
schwingt  sich  der  römisch-katholische  Ethnologe  zu  folgender 
unwahrer  Betrachtung  auf,  welche  fast  noch  schlimmer  ist 
als  sein  früheres  Schweigen: 

„U  nnatürliche  Laster  sind  bei  Naturvölkern 
sehr  selten,  nach  Ellis  (Das  konträre  Geschlechtsgefühl, 
deutsch  von  Kurella  S.  3)  „sehr  schwer  nachzuweisen", 
schon  wegen  zu  großer  Unbestimmtheit  der  Berichte.  Die 
Triebanomalie,  welche  den  homosexuellen  Gepflogenheiten 
zugrunde  liegt  und  welche  schon  zu  Männerbordellen  bei 
Kulturnationen  führte,  ist  gleichfalls  den  der  Natur  näher 
stehenden  Stämmen  fernliegend.  Auch  die  eigentliche 
Prostitution  und  ihre  offizielle  Regelung  ist  ja  eine  Segnung 
der  Kultur."  68 

Und  als  Beleg  für  das  seltene  Vorkommen  der  Homoerotik 
unter  den  Naturvölkern  gibt  er  nur  eine  einzige  Literaturstelle 
verschleiert  wieder  und  zwar  eine  tribadische  —  die  päderasti- 
schen  scheinen  noch  weniger  in  sein  System  zu  passen  als 
(für  heteroerotisch  veranlagte  Männer  pflegt  das  so  zu  sein) 
die  tribadischen  — : 

Ein  weiblicher  Cölibat  wird  von  Gandavo  (Archivio  per  l'Antro- 
pologia  1889,  1)  bei  den  Indianern  in  Brasilien  konstatiert:  ,.Es  gibt  unter 
diesen  Indianern  einzelne  Mädchen,  die  keusch  zu  bleiben  beschließen 
und  keinen  Mann  kennen.  Sie  lassen  jede  weibliche  Beschäftigung  und 
ahmen  die  Männer  nach.  Sie  tragen  ihr  Haar  wie  die  Männer  und  jede 
hat  ein  Mädchen,  das  sie  bedient  und  das  bei  ihr  lebt."  (Vgl.  Ellis,  Das 
konträre  Geschlechtsgefühl.     Deutsch  von  Kurella,   S.   187). G0 

Eine  Mitteilung  darüber,  wie  die  Dinge  sich  wirklich  ver- 
halten, würde  freilich  den  völligen  Zusammenbruch  des  ganzen 
künstlichen  Aufbaus  des  Geschlechtslebens  der  Naturvölker  bei 
diesem  Wahrheitsucher  zur  unausbleiblichen  Folge  gehabt  haben. 
Indessen  auch  diesem  Gegner  homoerotischen  Trieblebens 
aus  offenbar  hetero  erotischem  Gegeninstinkt  heraus  soll  sein 
Recht  werden.  Schon  in  der  ersten  Auflage  seiner  Schrift  hat 
er  Seite  50  den  vortrefflichen  und  unanfechtbaren  Grundsatz 
formuliert :  „Nur  durch  sorgfältiges,  unvoreingenommenes  Detail- 
studium können  wir  ein  klares  Bild  der  Naturvölker  gewinnen". 
Und  damit  ist  zu  erwarten,  daß  auch  aus  diesem  Saulus 
noch  einmal  ein  Paulus  wird. 


Besonderer  Teil 


Erste  Abteilung: 

Päderastie  bei  den  Natur- 
völkern 


I. 

Die  negerartigen  (negroiden)  Naturvölker 

A.  Die  Austronesier  (Australier)1 

Die  Eingeborenen  Australiens  sind  keineswegs  auf  so  tiefer 
geistiger  Stufe  stehende  Wesen,  wie  gewöhnlich  angenommen 
wird.  So  wird  ihnen  Talent  für  Sprachen  nachgerühmt,  sogar 
daß  es  größer  als  das  der  Europäer  sei.2  So  unterscheiden  sie 
sehr  wohl  zwischen  höheren  und  niederen  Verrichtungen,  indem 
sie  z.  B.  bei  aller  sonstigen  Roheit  ihrer  metaphysischen  Ideen 
ihren  Gott  A  t  n  a  t  u  sich  ohne  After  vorstellen,  also  ohne 
Notwendigkeit  der  Befriedigung  täglicher  Bedürfnisse,  wie  sie 
dem  physischen  Menschen  anhaften.3  Nach  PURCELL  gäbe 
es  auf  der  Erde  kein  Volk,  dessen  Verständnis  so  schwierig 
wäre,  als  das  der  australischen  Eingeborenen.  Ihre  Gewohn- 
heiten blieben  dem  mit  ihren  Gesetzen  unbekannten  Weißen 
völlig  unverständlich,  erhalte  dieser  aber  einen  Schimmer  ihres 
Innenlebens,  so  finde  er  zu  einem  Erstaunen,  daß  ihre  Gesetze 
solche  höchsten  Ranges  seien  und  erst  dann  habe  er  das  Recht 
erlangt,  über  sie  zu  urteilen.4 

Schon  HASSKARL  betonte  1849  die  Zierlichkeit  der 
jugendlichen  Männer  und  hob  hervor,  daß  die  australischen 
Ureinwohner  „nicht  ganz  frei  von  unnatürlicher  Sinnlichkeit" 
seien.5  Als  Ausflüsse  dieser  „unnatürlichen  Sinnlichkeit" 
werden  einige  mit  der  Beschneidung  der  Knaben  (Kurawellie 
wonkanna)  zusammenhängende  Handlungen  in  Betracht  kom- 
men, welche  GASON  beim  D  i  ä  r  i  -  (Dieryie-)  Stamme 
(Südaustraüen)  beobachtete  und  als  „unbeschreibbare  Gewohn- 
heiten" bezeichnete,  die  „ausnahmelos  so  unzüchtig  und  ekel- 
haft" seien,  daß  er,  selbst  auf  die  Gefahr  hin,  in  seiner  Arbeit 

Kars  ch-Ha  ack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  5 


56  E)ie  negerartigen  Naturvölker 

eine  Lücke  zu  lassen,  sie  übergehen  müsse.6  Wie  GASON 
die  Bedeutung  dieser  Handlungen  unter  schätzt,  so  über- 
schätzen andere  die  Wichtigkeit  gewisser  natürlicher,  überall 
sich  findender  Erscheinungen,  beispielsweise  die  Art,  wie  die 
Männer  nach  längerer  Trennung  von  ihren  Freunden  ihrer 
Wiedersehensfreude  Ausdruck  geben,  was  bei  CURR  von  fast 
jedem  Stamme  aufs  Gewissenhafteste  vermerkt  wird.7  Zu  den 
für  Ethnologen  vom  Schlage  GASONs  „unbeschreibbaren  Hand- 
lungen" dürften  unter  anderen  aber  auch  solche  gehören,  die 
auf  abergläubischen  religiösen  Vorstellungen  beruhen.  Es  ginge 
gewiß  zu  weit,  hier  stets  Homoerotik  vorauszusetzen,  obwohl 
auch  diese  einen  gewiß  nicht  unbedeutenden  Anteil  an  vielen 
Zeremonien  der  Beschneidung  haben  wird  und  diese  Vorgänge 
dem  australischen  Naturpäderasten  ohne  Zweifel  große  Be- 
friedigung gewähren  werden.  GASON  schildert  auch  Begeben- 
heiten, welche  vielleicht  mit  gleichgeschlechtlichem  Sadismus 
zusammenhängen.  Bei  den  D  i  ä  r  i  und  anderen  Stämmen 
gebe  es  Männer,  welche  Jünglinge  von  18  Jahren  auf  eigene 
Faust  einfangen  und  an  ihnen  eine  gewalttätige  Verstümmelung 
vornehmen,  die  sie  der  Fortpflanzungfähigkeit  beraube,  stets 
monatlange  schwere  Leiden  und  öfters  den  Tod  zur  Folge  habe.8 
Handlungen,  deren  Eigenartigkeit  eine  Beziehung  auf  Homoero- 
tik zuzulassen  scheinen,  aber  wahrscheinlich  mit  ihr  keinen 
Zusammenhang  haben,  werden  mehrfach  von  den  Australiern 
berichtet.  Im  Ar  ünt  a- Stamme  in  Mittelaustralien  wird,  wenn 
eine  große  Zahl  von  Männern  sich  zusammenfindet,  nach  einem 
Morde  die  Gelegenheit  zur  Organisierung  einer  Rachegesellschaft 
wahrgenommen.  Die  Zeremonien  bestehen  dabei  wesentlich 
darin,  daß  ein  Bruder  des  Ermordeten  aus  dem  Haare  des 
Toten  einen  Gürtel  (Kinra  urkna)  herstellt,  diesen  in  seiner 
Achselhöhle  festklemmt  und  der  Reihe  nach  mit  jedem  Manne 
der  Rachegesellschaft  die  folgenden  Akte  (Pära  irripuremiia) 
vollzieht:  er  kniet  vor  ihm  nieder,  legt  seinen  Penis  in  dessen 
Hand  und  reibt  ihn  darin;  alsdann  nimmt  er  den  Haargürtel 
aus  seiner  Achselhöhle  und  drückt  ihn  gegen  den  Bauch  seines 
Gegenüber  {Kirra  urkna  illura  ülirima).  Der  Zweck  dieser 
Handlungen  ist,  sein  Gegenüber  zum  Kampfe  zu  stärken  und 
es  zur  Teilnahme  an  dem  Racheakt  zu  verpflichten.    Die  Führer 


Austronesier 


67 


des  so  gebildeten  Rachezuges  gehen  dann  während  desselben 
zu  jedem  Teilnehmer,  bringen  das  eine  Ende  des  Haargürtels 
an  ihren  Penis  und  stecken  das  andere  Ende  in  den  Mund 
ihres  Partners,  indem  sie  ihn  dabei  umarmen  (Atninga).  Dann 
kommen  sie  alle  zusammen  und,  nachdem  jeder  den  Gürtel 
berührt  hat,  preßt  er  Blut  aus  seiner  Harnröhre  und  besprengt 
sich  damit.9 

HELMS  brachte  von  australischen  Knaben  in  Erfah- 
rung, daß  bei  den  Diäri  die  meisten  Männer  masturbieren. 
Den  Samen  sammeln  sie  in  einem  Gefäße,  mischen  ihn  mit 
Wasser  und  einem  Speltkuchen,  den  sie  Xardu  nennen,  und 
essen   dann  alle  davon.1" 

Wenn  man  nun  auch  von  jeder  Beziehung  solcher 
eigentümlichen  und  für  die  Auffassung  der  Naturkräfte  bei 
diesen  Naturkindern  so  charakteristischen  Gewohnheiten  zur 
Homoerotik  gänzlich  absehen  will,  so  bleiben  doch  noch  genug 
über  die  Päderastie  der  Australier  belehrende,  völlig  unzwei- 
deutige Tatsachen  bestehen. 

Eine  besondere  Eigentümlichkeit  vieler  australischen  Jüng- 
lingsweihen ist  der  Gebrauch  einer  allein  für  diese  Feste  ver- 
wendeten mystischen  oder  Geheimsprache.  Sollen  doch  die 
bei  den  Jünglingsweihen  üblichen  Zeremonien  in  allen  ihren 
Teilen  unverletzliches  Geheimnis  bleiben.  Die  Geheimsprache 
findet  daher  niemals  vor  Frauen  oder  in  Gegenwart  solcher 
Jünglinge,  welche  die  Reife  für  die  Weihen  noch  nicht  erlangt 
haben,  Verwendung.  Während  die  Novizen  mit  den  Älteren 
des  Stammes  draußen  im  Busch  weüen,  werden  ihnen  geheime 
Bezeichnungen  für  die  Gegenstände  ihrer  Umgebung,  besonders 
für  die  Tiere,  für  die  Teile  und  die  Verrichtungen  des  mensch- 
lichen Körpers,  sowie  kurze,  allgemein  gebrauchte  Phrasen  bei- 
gebracht.11 Die  Geheimsprache  ist  bei  den  verschiedenen 
Gemeinschaften  eine  andere.  Aus  einigen  dieser  Geheimsprachen 
sind  auch  besondere  Namen  für  Masturbation  durch  MATHE  W  S 
bekannt  geworden.  Und  da  MATHEWS  zwischen  der  un- 
sozialen solitären  Masturbation  (Onanie)  und  der  wechsel- 
seitigen Masturbation,  welche  stets  einen  mehr  oder  weniger 
ausgesprochenen  sozialen  Charakter  trägt,  nicht  unterscheidet, 
wechselseitige  Masturbation  aber  unter  australischen  Stämmen 


68  Die  negerartigen  Naturvölker 

verbreitet  ist,  so  sind  die  auf  Masturbation  bezüglichen  Angaben 
von  MATHEWS  im  Folgenden  ohne  Bedenken  aufgenommen 
worden.  Die  mystische  Sprache  selbst  heißt  bei  den  K  u  r  n  u : 
Tyake,n  bei  den  Kamilaroi:  Yauan.13 

Eine  andere,  noch  wichtigere,  fast  ausschließlich  bei 
Australnegern  beobachtete  und  für  bestimmte  Stammgruppen 
charakteristische  Einrichtung  steht  mit  dem  gleichgeschlecht- 
lichen Leben  dieser  Völker  in  engster  Beziehung,  erscheint 
sogar  von  geradezu  erzieherischer  Wirkung,  die  Subinzision 
(Verstümmelung)  des  Penis.  Gewöhnlich  wird  sie  erst  nach 
der  Zirkumzision  (Beschneidung)  vorgenommen.  Ihre  Er- 
forschung zeitigte  eine  in  mehrfacher  Hinsicht  sehr  beachtens- 
werte Geschichte. 


Figur  i. 
Ein  introzisierter  Penis  (Vulva-Penis),  nach  Walter  E.  Roth 

1845  berichtete  EYRE,  er  habe  in  Australien  einen 
überaus  merkwürdigen  Brauch  bei  den  Eingeborenen  angetroffen, 
dem  er  nirgendwo  sonst  begegnet  sei  und  über  dessen  Ursprung 
er  sich  keine  Vorstellung  machen  könne.  In  vielen  Teilen 
Australiens  wäre  Beschneidung  in  Gebrauch,  aber  auf  der  Port 
Lincoln-Halbinsel  und  längs  der  australischen  Westküste  würden 
die  Eingeborenen  nicht  nur  beschnitten,  sondern  noch  dazu 
verstümmelt.  Alle  von  ihm  untersuchten  Männer  jener  Gegend 
seien  so  verstümmelt  gewesen.  Die  Verstümmelung  würde  an 
Knaben  von  12  bis  14  Jahren  vorgenommen,  an  einigen  sah 
er  die   Wunden  noch  frisch  und  entzündet.    Sie  bestehe  im 


Austronesier 


69 


Aufschlitzen  des  Penis  auf  der  Unterseite  bis  zur  Harnröhre. 
Der  sonderbare  und  unerklärliche  Brauch  deute  auf  eine  starke 
Neigung,  das  schnelle  Wachstum  der  Bevölkerung  hintanzu- 
halten. Seine  Einführung  beruhe  wahrscheinlich  auf  einer 
weisen  Anordnung  der  Vorsehung,  da  die  Bevölkerung  in  einer 
unfruchtbaren  dürren   Gegend  lebe.14 

Nach  EYLMANN  besteht  nun  diese  Verstümmelung 
durchweg  in  der  Bloßlegung  der  Harnröhre  durch  auf  der 
Penisunterseite  ausgeführte  Einschnitte,  welche  vom  Hoden- 
sack bis  zur  Spitzenöffnung  reichen  können.  Ein  Operation- 
helfer, der  rittlings  auf  dem  Bauche  des  zu  operierenden  Knaben 
sitzt,  spannt  dessen  Penis  möglichst  straff  und  an  diesem 
führt  dann  der  Operateur  die  Schnitte  in  wenigen  Zügen  aus. 
Nach  Durchtrennung  der  Haut  wird  die  Wunde  durch  Aus- 
einanderzerren des  Gewebes  mit  Hilfe  beider  Daumen  bis  zur 
Harnröhre  erweitert  (Figur  1).  Durch  starke,  wohl  haupt- 
sächlich dem  die  Harnröhre  einhüllenden  Schwellkörper  ent- 
stammende Blutung  soll  der  Patient  zwar  sehr  geschwächt, 
seine  Schädigung  durch  Verletzung  der  Hauptschwellkörper  des 
Penis  jedoch  von  dem  kundigen  Operateur  vermieden  werden. 
Auch  soll  behufs  sicherer  und  bequemerer  Ausführung  der 
Operation  ein  Känguruhknochen  in  die  Harnröhre  geschoben 
werden.  Die  Operation  wird  wiederholt,  falls  die  Wundränder 
sich  zusammenschließen  und  verwachsen.  Von  der  Operation- 
spalte ist  nur  am  erhobenen  Gliede  etwas  wahrzunehmen. 
Ihr  Vorhandensein  wird  jedoch  an  dem  fast  verdoppelten  Um- 
fang des  Penis  leicht  erkannt.  Für  den  mit  so  einer  künstlichen 
Hypospadie  behafteten  australischen  Eingeborenen  hat  der 
Engländer  den  Spottnamen  whistle-cock  geprägt.1,1 

Nicht  bei  allen  Stämmen  mit  Penisverstümmelung  wird 
die  Operation  genau  in  der  von  EYLMANN  geschilderten  Weise 
vorgenommen.  So  berichtete  WALTER  E.  ROTH  von  den 
Pitta-Pitta  im  Boulia-Bezirk  (Nordwest-Mittel- Queens- 
land), ein  älterer  Mann  lege  sich  über  eine  Vertiefung  bauch- 
wärts  auf  den  Boden  und  über  diesen  strecke  sich  der  zu 
Operierende  mit  nach  oben  gewendetem  Gesicht  hin.  Die 
Operation  wird  an  dem  Liegenden  vollzogen,  dessen  Körper, 
Extremitäten     und    Penis    von    Operationhelfern    in    der   ge- 


7° 


Die  negerartigen  Naturvölker 


wünschten  Lage  gehalten  werden.16  Bei  den  Yaroinga  im 
Upper  Georgina-Bezirk  legen  sich  nach  dem  gleichen  Zeugen 
zwei  alte  Männer  mit  ihrem  Oberkörper  über  die  Wölbung  je 
eines  am  Boden  liegenden  Schildes  mit  geringem  Zwischen- 
räume nebeneinander.  Dann  wird  ein  dritter  Schild  quer  über 
beider  Rücken  in  der  Lendengegend  gelegt  und  auf  der  Wölbung 
dieses  Schildes  hat  der  Novize  sitzend  Platz  zu  nehmen  (Figur  2) . 
Ein  Schwärm  von  Männern  umringt  ihn,  von  denen  einer  des 
Novizen  Kopf  nach  hinten  drückt  und  ihm  einen  Finger  in  die 
Ohren  steckt,  damit  er  weder  von  dem,  was  ihn  umgibt,  etwas 
wahrnehmen,    noch  von  der  Operation  etwas  sehen  kann.17 


Figur  2. 

Haltung  des  Novizen  der  Yaroinga 

während  der  Introzision, 

nach   Walter    E.    Roth 


Figur  3 

Schnitt  des  introzisier- 
ten  Penis    bei   den 
Unde  k  ere  b  in  a  , 

nach  Walter  E.    Roth 


Figur  4. 

Schnitt  des  introzisierten 

Penis  bei  den  Y  aroinga, 

nach  Walter  E.  Roth 


Auch  die  Ausdehnung  des  Schnittes  ist  nicht  überall  die 
gleiche.  MILNE  ROBERTSON  gibt  an,  bei  den  Eingeborenen 
von  De  Grey  River  reiche  der  Penisschlitz  nur  vom  Meatus 
bis  zur  Mitte  des  Gliedes,  bei  den  an  der  Nordseite  des  Murchison 
lebenden  Schwarzen  dagegen  vom  Meatus  über  die  ganze  Länge 
des  Gliedes  bis  zur  Wurzel  des  Hodensacks.18  Nach  CREED 
bleibt  bei  den  Gawler  Ranges-Australiern  die  Operation  auf 
eine  Durchbohrung  der  untern  Harnröhren  wand  im  Penisteile 
vor  dem  Hodensack  beschränkt.19 


Austronesier 


71 


Bei  einigen  Stämmen  bescheidet  sich  das  Zeremoniell 
nicht  mit  einem  einzigen  Schlitz.  So  machen  nach  W.  E. 
ROTH  die  Undekerebinain  Queensland  hinter  dem  Läng- 
schnitt noch  einen  Querschnitt  (wie  in  Figur  3)20  und  die 
Yaroinga  führen  sogar  nach  demselben  Gewährmanne 
zwei  Längschnitte  in  der  Weise  aus,  daß  ein  Hautlappen 
entsteht,  welcher  über  einen  hinter  ihnen  geführten  Quer- 
schnitt herabhängt'21  (wie  Figur  4  in  ihren  beiden  Bildern  zeigt). 

Für  den  Operationakt  hat  MIKLUCHO-MACLAY  die 
Bezeichnung  „Mika"  angenommen,—  HOWITT  den  Namen 
,,Kulpi"  in  Vorschlag  gebracht."  „Kulpi"  wird  aber  bei  den 
D  i  ä  r  i  -  Schwarzen  von  Cooper  Creek  nicht  die  Operation, 
sondern  der  durch  die  Operation  Verstümmelte  genannt,  sodaß 
der  Name  .l/^a-Operation  den  Vorzug  verdient. 

Für  die  iViY&a-Operation,  die  auch  ,,Sturt's  terrible  rite", 
„whistlins,",  „artiiicial  hypospadias"  und  gewöhnlich  Sub- 
i  n  z  i  s  i  o  n  heißt,  hat  WALTER  E.  ROTH,  1897,  um  einen 
gemeinsamen  Terminus  für  die  Subinzision  und  die  dieser  ent- 
sprechende Operation  beim  Weibe  zu  haben,  die  Bezeichnung 
„Introzision"  eingeführt.21 

Der  Schlitz  in  den  Penis  wird  durch  ein  zugespitztes 
Stück  Quarz,  einen  Flintstein,  eine  Muschelschale  oder  neuer- 
dings durch  Glas  beigebracht.  Dieses  Werkzeug,  mit  Harz 
oder  Bindfaden  an  einem  Griff  befestigt,  bildet  das  „Mika- 
Messer".'25  CARL  LOIHOLTZ  hat  ein  solches  „sehr  wert- 
volles" Messer  von  Flintstein  von  den  Eingeborenen  bei  Georgina 
River  erworben,  dessen  Abbildung  hier  wiedergegeben  ist 
(Figur  5).  Das  Messer  ist  sehr  spitz  und  hat  drei  Kanten, 
von  denen  zwei  sehr  scharf  sind,  wodurch  es  zweischneidig 
wird.  Der  Griff  besteht  aus  einem  schwarzen  mit  rotbrauner 
Erdfarbe  bemalten  Harzklumpen.  Wenn  dieser  über  Feuer 
weich  gemacht  worden  ist,  kann  das  Messer  in  ihn  hinein- 
gesteckt werden,  während  im  entgegengesetzten  Ende  des  Griffes 
ein  mit  Kreidefiguren  bemaltes  flaches  Stück  Holz  befestigt 
wird.  Zum  „Mt'Aa-Messer"  gehört  eine  aus  Teebaumrinde 
gefertigte  Scheide.  Nebeneinandergelegte  Rindenstücke  sind 
mit  einer  Art  wahrscheinlich  aus  Opossumhaar  gedrehten  Zwirns 
umwunden.     Außen  ist  die   Scheide   mit   Kreide  bemalt  und 


72 


Die  negerartigen  Naturvölker 


an  einem  Ende  mit  einem  kleinen  rot  gefärbten  Kakadubüschel 
geziert.  Das  Material  zum  Mika-Messer  verschaffen  sich  die 
Eingeborenen,  indem  sie  Feuer  auf  einem  Felsen  entzünden 
und  den  heißen  Stein  durch  Wasserüberguß  kühlen,  wodurch 
Sprünge  im  Gestein  entstehen  und  mit  Leichtigkeit  Stücke 
herausgenommen  werden  können.  LUMHOLTZ  findet  das 
Gerät  mit  so  großer  Sorgfalt  gearbeitet,  daß  man  die  Geschick- 
lichkeit des  Austrainegers  bewundern  müsse.26 


Fig-  5- 
Ein  Mika-Messer  von  Flintstein  mit  Scheide,  nach  Lumholtz 

Das  Lebensalter,  in  welchem  die  Mika-Operation  vor- 
genommen wird,  scheint,  wie  die  Auswahl  der  zu  Operierenden, 
außerordentlich  zu  schwanken.  LUMHOLTZ,  der  „diese  merk- 
würdige Sitte  in  ihren  Einzelheiten  nicht  wiedergeben  möchte", 
berichtet,  bei  einzelnen  Stämmen  westlich  vom  Diamantina 
River  bis  zum  karpentarischen  Golf  würden  so  viel  kleine 
Knaben  operiert,  daß  nur  etwa  5  von  100  bewahrt  blieben, 
bei  andern  Stämmen  dagegen  müsse  sich  mancher  Mann  noch 
als  Vater  eines  Kindes  dem  Gesetze  unterwerfen.27  STUART 
gibt  als  jüngstes    Operationalter  acht  Tage  an,  in  der  Regel 


Austronesier  yg 

sei  es  das  Knaben-  und  Jünglingsalter  von  10,  14  und  18  Jahren; 
wo  Männer  noch  als  Väter  von  zwei  bis  drei  Kindern  zur  Opera- 
tion bestimmt  würden,  suche  man  bei  einem  Stamme  die  starken 
und  handfesten  Kerle  aus,  bei  einem  andern  blieben  just  diese 
von  der  Operation  verschont.28 

Über  die  Entstehung  und  über  den  Zweck  dieser 
eigenartigen  Stammeseinrichtung  sind  die  widersprechendsten 
Meinungen  geäußert  worden.  Die  Aufdeckung  ihres  Zusammen- 
hanges mit  dem  gleichgeschlechtlichen  Leben  blieb  der  alier- 
neuesten  Zeit  vorbehalten. 

Die  Entstehung  der  Operation  als  Stammeseinrichtung 
hegt  sehr  weit  zurück  und  die  sich  ihr  fügenden  Eingeborenen 
scheinen  sie  als  etwas  Gegebenes  und  Unumgängliches  hin- 
zunehmen. Fast  alle  Forscher,  die  sich  über  die  Sache  geäußert 
haben,  fassen  sie  als  etwas  besonders  Grausames  und  Unverständ- 
liches auf,  erblicken  wohl  auch  in  ihr  den  Ausfluß  sadistischer 
Neigung;  sie  ist  ihnen  eine  „grauenvolle  Operation",  ein  „un- 
begreifliches Zeremoniell",  ein  „überaus  sonderbares  Zere- 
moniell", eine  „schreckliche  Gewohnheit".29  Einzig  VAN 
GENNEP  erklärt  sie  für  durchaus  nicht  grausamer  und  auch 
nicht  symbolischer  als  die  gewöhnliche,  weit  verbreitete  Be- 
schneidung. Er  faßt  sie  als  einen  rituellen  Akt  auf,  entstanden 
zu  einer  Zeit,  als  der  Koitus  noch  eine  Stammesangelegenheit 
war ;  so  habe  sie  sich  ohne  irgend  welchen  Nebenzweck  bis  heute 
gewohnheitmäßig  erhalten.30  MILNE  ROBERTSON  hält  es 
nicht  für  unmöglich,  daß  die  Mi£fl-Operation  aus  einer  rohen 
Wundheilkunst,  welche  sich  die  Aufgabe  stellte,  bei  Harn- 
röhrenentzündung Erleichterung  zu  verschaffen,  sich  nach  und 
nach  hätte  entwickeln  können.31  Und  STUART  führt  diesen 
Gedanken  weiter  aus.  Obwohl  er  zu  dem  Ergebnisse  gelangte, 
es  lasse  sich  über  den  Ursprung  der  Afz£a-Operation  etwas 
Bestimmtes  auf  Grund  der  über  sie  gewonnenen  Kenntnisse 
nicht  feststellen,  hält  er  folgende  Art  des  Zustandekommens 
der  Operation  als  Stammesbrauch  nicht  für  ausgeschlossen. 
Unzweifelhaft  habe  es  auch  in  Australien  natürliche  Hypo- 
spadiasten  gegeben.  Könnten  nun  nicht  eingeborene  Weltweise 
beobachtet  haben,  wie  sehr  diese  Mißbildung  den  Koitus  er- 
schwere und  die  Neigung  zu  ihm  herabstimme  ?    Wie  sie  ferner 


nA  Die  negerartigen   Naturvölker 

beim  Koitus  die  Samenflüssigkeit  verschleudere  und  damit  zu 
einer  beschränkten  Vermehrung  beitrage  ?  Durch  solche  Be- 
obachtung könne  recht  wohl  diese  äußere  Operation  als  über- 
legte und  gut  durchdachte  Einrichtung  mit  der  ausdrücklichen 
Absicht  eingeführt  worden  sein,  den  Begattungtrieb  künstlich 
herabzusetzen  und  die  Befruchtung  möglichst  zu  verhindern. 
STUART  hält  die  australischen  Eingeborenen  durchaus  dieser 
Überlegung  für  fähig.  Beweise  für  die  Richtigkeit  der  Auf- 
fassung, sie  hätten  den  Zusammenhang  der  Begattung  mit  der 
Schwängerung  erraten,  liegen  für  STUART  in  den  Tatsachen, 
daß  sie  der  Samenflüssigkeit  die  herrlichsten,  lebenspendenden 
Eigenschaften  zuschreiben  und  daß  eingeborene  Lubra  (Frauen) 
vielfach  nach  einem  Koitus  mit  Bedacht  ihre  Vagina  entleeren 
im  Glauben,  ihrer  Schwängerung  dadurch  vorbeugen  zu 
können.32 

Ein  anderer  Gedanke  scheint  FROGGATT  und  HOWITT 
geleitet  zu  haben.  Die  australischen  Naturvölker  fühlen  sich 
als  Menschen;  sie  bekunden  einen  gewissen  Stolz  und  wollen 
etwas  vor  dem  Tiere  voraus  haben.  Ein  alter  Mann  gab  FROG- 
GATT die  Erklärung,  vor  der  Mi&a-Operation  seien  die  Men- 
schen nicht  besser  als  Hunde  oder  andere  niedere  Wesen.33 
Und  HOWITT  hat  für  den  D  i  ä  r  i  -  Stamm  diese  Denkweise 
bestätigt.  Nur  ein  junger  Mann,  der  Kulpi  geworden  ist  und 
damit  die  höchste  Stufe  der  Beschneidung  erreicht  hat,  wird 
bei  den  D  i  ä  r  i  als  vollkommener  Mann  angesehen.  Ein  Kulpi 
hat  das  Vorrecht,  und  nur  er  allein,  sich  vor  dem  Weibe  in  voll- 
kommen nacktem  Zustande  zu  zeigen.  Es  sind  stets  Kulpi, 
denen  für  die  Wohlfahrt  des  Stammes  wichtige  Entscheidungen 
anvertraut  werden ;  sie  nehmen  die  hervorragendsten  Stellungen 
ein  und  besitzen  starken  Einfluß  auf  die  Regierung. 
Nie  denke  der  Häuptling  Jalina  Piramurana 
daran,  mit  einer  Sondergesandtschaft  an  einen  anderen  Stamm 
einen  Nicht-Kulpi  zu  betrauen,  einfach  deshalb,  weil  der  Nicht- 
introzisierte  weniger  geachtet  sei.  Die  Kulpi  haben  auch  den 
Vortritt  bei  den  großen  Tanzfesten  (Corrobborrees),  wo  sie  die 
ersten  Haupttänzer  und  Zeremonienmeister  darstellen.34  Gegen 
die  Allgemeingültigkeit  dieser  Würdigung  scheint  jedoch  eine 
Angabe    T.    L.     BANCROFTs     zu     sprechen.      Nach    diesem 


Austronesier 


75 


Gewährmanne  hat  nämlich  jede  Gemeinde  einen  Mann  und 
zwei,  bisweilen  auch  drei  Frauen,  an  denen  die  Introzision 
nicht  vorgenommen  wird.  Es  sollen  das  die  Anführer  nebst 
deren  „Königinnen"  sein;  wenigstens  würden  sie  offensichtlich 
von  den  introzisierten  Männern  mit  größter  Ehrerbietung  be- 
handelt.35 

Noch  mehr  als  über  die  möglichen  Entstehungursachen 
der  A/Y&a-Operation  gehen  die  Meinungen  der  Forscher  über 
deren  Zweck  auseinander.  Denn  außer  VAN  GENNEP 
meint  jeder,  daß  doch  ein  Zweck  durchaus  mit  ihr  müsse  ver- 
bunden sein. 

EYRE  und  nach  diesem  GASON,  FOELSCHE,  MIK- 
LUCHO-MACLAY,  MANTEGAZZA  erblicken  in  der  Mika- 
Operation  den  Versuch  der  Eingeborenen,  die  Geburtenziffer 
aus  Gründen  der  Ernährung  einzuschränken.  Besonders 
CREED  sieht  in  ihr  geradezu  die  vollendetste  Form  ausführ- 
baren Malthusianismus.'5''  Diese  Auffassung  beruht  auf  zwei 
Voraussetzungen :  der  unzureichenden  Fruchtbarkeit  des  heimat- 
lichen Bodens  und  der  des  guten  Glaubens  der  Eingeborenen 
an  die  beabsichtigte  Wirkung,  wogegen  das  Eintreten  oder 
Nichteintreten  dieser  Wirkung  dabei  gar  nicht  ins  Spiel  kommt. 

EYREs  bereits  früher  gedachter  Ansicht,  die  von  ihm 
zuerst  beobachtete  und  beschriebene  Penis-Verstümmelung  der 
australischen  Eingeborenen  könne  eine  Gewohnheit  sein,  die 
allzu  schneller  Vermehrung  vorbeugen  solle,  und  wahrscheinlich 
eine  Fügung  der  Vorsehung  in  einem  sterilen  Lande,  wurde 
von  den  verschiedensten  Seiten,  wie  mir  scheint,  zu  Unrecht, 
aufs  Entschiedenste  widersprochen.  FOELSCHE,  MILNE 
ROBERTSON,  LUMHOLTZ,  WALTER  E.  ROTH,  ANDER- 
SON STUART,  T.  L.  BANCROFT  und  R.  H.  MATHEWS 
hoben  hervor,  die  MY&a-Operation  sei  in  Übung  auch  bei  Stäm- 
men in  Landschaften  von  verhältnismäßig  großer  Fruchtbarkeit, 
fehle  dagegen  in  mehr  oder  minder  unfruchtbaren  Landesteilen 
ganz.3'  Aber  diese  Umstände  sprechen  zwar  wohl  gegen  den 
Malthusianismus,  als  direkten  Zweck  gedacht,  keineswegs 
jedoch  gegen  ihn  'als  Ursache  der  Einführung,  weil  ja 
die  Stämme  doch  nicht  alle  seßhaft  blieben,  sondern  gewandert 
sein  dürften,  ohne  daran  zu  denken,  in  einer  sterilen  Gegend 


n&  Die  negerartigen  Naturvölker 

einmal  angenommene  Gewohnheiten  in  einer  günstigeren  Gegend 
ohne  weiteres  wieder  abzulegen;  außerdem  könnte  auch  ein 
reicher  Stamm  von  einem  armen  Stamme  einmal  den  Brauch 
aus  purer  Nachahmungssucht  sich  angeeignet  haben. 

Ein  direkter  Gegenbeweis  wider  die-  Annahme  der  beab- 
sichtigten Kinderbeschränkung  wird  von  den  genannten  For- 
schern in  der  Tatsache  gefunden,  daß  fast  jeder  Knabe  verstüm- 
melt wird,  da  nach  MIKLUCHO-MACLAY  auf  300  operierte 
Knaben  nur  4  intakte  kommen,38  und  daß  überdies  die  verheira- 
teten introzisierten  Männer  durchaus  keinen  Mangel  an  Familie 
leiden.  Dies  scheint  indessen  nur  zu  beweisen,  daß  die  Ein- 
geborenen in  der  künstlichen  Hypospadie  ein  Mittel  zur  Hint- 
anhaltung der  Bevölkerungvermehrung  gefunden  zu  haben 
glauben  und  fürchten,  ohne  dieses  möchte  der  Kindersegen  eben 
noch  reicher  ausfallen.  Wenn  einer  der  sorgsamsten  Beobachter 
australischen  Wesens,  ein  Mann,  der  in  der  ethnologischen 
Pornographie  strengste  Wissenschaftlichkeit  erblickt,  der  hier 
so  oft  schon  genannte  WALTER  E.  ROTH,  erklärt,  daß  der 
Beweis  für  die  Behauptung,  der  künstliche  Hypospadiast  sei 
in  geringerem  Grade  zeugungsfähig  als  ein  Mann  mit  normalem 
Penis,  sich  nicht  erbringen  lasse351,  und  wenn  ANDERSON 
STUART  den  Beweis  dafür  erbringt,  daß  der  Mann  durch  die 
Afz&fl-Operation  in  seiner  Fruchtbarkeit  kaum  beeinträchtigt 
werden  kann,40  so  ist  das  zwar  wissenschaftlich  sehr  wertvoll, 
beweist  aber  nicht  das  geringste  für  oder  gegen  den  Glauben 
der  australischen  Eingeborenen  an  die  Allmacht  der  Mika- 
Operation. 

Der  einzige  wirklich  gerechtfertigte  Einwurf  gegen  den 
Glauben  der  Eingeborenen  an  eine  die  Schwängerung  ver- 
hindernde Wirkung  der  Introzision  liegt  dagegen  in  der  Be- 
merkung von  R.  H.  MATHEWS  und  EYLMANN,  daß  zur 
Einschränkung  der  Bevölkerungziffer  eine  solche  Wirkung  ja 
gar  nicht  erforderlich  sei,  da  die  australische  Lubra  keine  Scheu 
empfinde,  ein  eben  geborenes  Kind,  das  sie  noch  nicht  gesäugt 
hat,  kurzer  Hand  umzubringen.41  Haben  doch  die  Eingeborenen 
am  Herbert  River  nach  MIKLUCHO-MACLAY  sogar  die  brutale 
Gewohnheit,  den  jungen  Mädchen  die  Brustwarzen  auszureißen, 


Austronesier 


77 


wodurch  bei  Mangel  künstlichen  Ersatzes  das  Neugeborene  dem 
Tode  preisgegeben  ist.42 

Nach  dem  praktischen  Lehrsatze  jedoch,  daß  „doppelt 
besser  hält",  ist  auch  damit  der  Beweis  noch  nicht  erbracht, 
EYREs  Erklärungversuch  sei  nicht  mehr  als  eine  naive 
Verlegenheithypothese. 

EYLMANN  meint,  die  Beschneidung  und  mit  ihr  wohl 
auch  die  Penisverstümmelung  könne  lediglich  den  Zweck  haben, 
die  Burschen  mit  einem  bleibenden  Abzeichen  zu  versehen  und 
sie  durch  hochgradige  Einschüchterung  zu  gehorsamen  Werk- 
zeugen der  Stammesältesten  und  zu  willenlosen  Mitgliedern  des 
Männerbundes  zu  machen,  euphemistisch  ausgedrückt:  den 
Zweck  haben,  ihren  Mut  und  ihre  Standhaftigkeit  zu  erproben.43 

Für  ein  bloßes  Zeremoniell,  für  einen  dem  Volke  selbst 
nicht  mehr  erklärlichen  alten  Ritus  sehen  SCHÜRMANN, 
LUBBOCK  und  CURR  die  Mika-Operation  an.44  Nach 
HARDMAN  stand  sie  vielleicht  ursprünglich  in  Verbindung 
mit  Phallusdienst.45 

Sehr  bemerkenswert  ist  die  leider  nicht  weiter  begründete 
Auffassung  EYLMANNs,  die  Einführung  der  Introzision  habe 
nicht  unwesentlich  zur  Wohlfahrt  der  Eingeborenen  bei- 
getragen.46 

Der  hier  mehrfach  genannte  Forscher  WALTER  E.  ROTH 
hatte  1897  die  Mitteilung  gemacht,  daß  die  introzisierten 
Jünglinge  und  Männer  eines  gewissen  Stammes  in  Queensland 
bei  den  Eingeborenen  „Vulva-Besitzer"  heißen.47  Diese 
für  ihr  Geschlecht  nicht  passend  scheinende  Bezeichnung  kann 
doch  nichts  anderes  bedeuten,  als  daß  diese  männlichen  Per- 
sonen durch  die  Introzision  künstlich  ein  Organ  erhalten  hätten, 
welches  sie  zum  Weibe  mache.  Allein  an  diese  doch  so  nahe 
gelegene  Folgerung  hat  W.  E.  ROTH  selbst  zunächst  noch 
nicht  gedacht.  Es  war  vielmehr,  nachdem  bereits  1893  PUR- 
CELL  und  1896  HELMS,  auf  den  Zusammenhang  der  Pe- 
nisverstümmelung mit  gleichgeschlechtlichen  Akten  bei  den 
Australiern  unzweideutig  hingewiesen  hatten,  erst  10  Jahre 
später,  1907,  KLAATSCH  vorbehalten,  W.  E.  ROTH 
auf  den  Zusammenhang  der  Operation  mit  dem  bei  den 
Australnegern        weit       verbreiteten       gleichgeschlechtlichen 


nQ  Die  negerartigen  Naturvölker. 

Leben  hinzuweisen.  Während  seines  Aufenthalts  in  der 
Landschaft  Broome  zu  Ende  1905  und  Anfangs  1906  hatte 
nämlich  KLAATSCH  hauptsächlich  durch  Missionare  der 
Beagle  Bay  eine  „Erklärung"  der  Introzision  in  Erfahrung 
gebracht,  gegen  deren  Anerkennung  er  zunächst  sich  sträubte. 
Danach  dient  nämlich  die  Spalte  ihres  Penis  einem  Teile  der 
introzisierten  Männer  dazu,  von  noch  nicht  introzisierten 
Jünglingen  oder  von  der  Geschlechtsreife  nahen  Knaben, 
mit  denen  sie  ein  Genossenschaft-  und  Liebe-Verhältnis 
auf  Zeit  eingehen,  sich  geschlechtlich  gebrauchen  zu  lassen. 
Nach  reiflicher  Erwägung  fand  dann  KLAATSCH  die  „Er- 
klärung" der  für  ihn  abstoßenden  Erscheinung  in  der  Schwierig- 
keit der  jüngeren  männlichen  Glieder  einiger  Stämme,  junge 
Weiber  zu  erlangen,  da  diese  sich  im  Besitze  der  alten  Männer 
befänden.  KLAATSCH  erblickt  in  dem  vom  „Vulva-Träger 
oder  -Besitzer"  zur  Befriedigung  seines  Geschlechtstriebes  an- 
genommenen Knaben  oder  Jüngling  mit  normalem,  noch  nicht 
introzisierten  Penis  nur  und  in  allen  Fällen  das  Surrogat  für 
die  fehlende  Lubra.is 

Auch  dem  Ethnologen  W.  SCHMIDT  erscheint  die  Un- 
gewißheit über  den  eigentlichen  Zweck  der  Afj^a-Operation, 
nachdem  die  Meinung,  sie  behindere  die  Befruchtung,  sich  nicht 
mehr  aufrecht  erhalten  lasse,  durch  KLAATSCHs  „Ent- 
deckung" beseitigt.  Er  nimmt  sogar  an,  die  Eingeborenen 
selber  hielten  die  gleichgeschlechtlichen  Akte  für  den  Zweck 
der  Afj&a-Operation.  Und  in  dem  Gebrauche  der  männlichen 
„Vulva-Besitzer"  zu  gleichgeschlechtlichen  Handlungen  offen- 
bart sich  ihm  eine  Verderbtheit,  zu  der  genau  stimme,  daß 
ausgerechnet  im  Gebiete  aller  Stämme  mit  Subinzision  sexuelle 
Ausschweifungen  auch  sonst  bedeutend  häufiger  wären,  als 
unter  den  übrigen  australischen  Stämmen,  besonders  denen  des 
Südostens.  Ausleihen  ihrer  Frauen,  Orgien  bei  Festlichkeiten, 
wie  denen  der  Initiation,  bis  selbst  zur  Aufhebung  der  Klassen- 
verbote und  nächsten  Verwandtschaftsgrade  seien  Dinge,  die 
gerade  im  Gebiete  dieser  Stämme  nicht  selten  anzutreffen 
wären.  Die  Annahme,  welche  KLAATSCH  vertritt,  die  ganze 
Einrichtung  sei  aus  Frauenmangel  hervorgegangen,  läßt  sich 
nach  W.  SCHMIDT  deshalb  nicht  aufrecht  erhalten,  weil  der 


Austronesier 


79 


in  dem  gleichgeschlechtlichen  Verhältnisse  den  Mann  ver- 
tretende aktive  Teil  ein  Knabe  ist,  der  passive,  die  Frau  ver- 
tretende Teil  dagegen  ein  erwachsener  Mann.49  Damit 
zeigt  W.  SCHMIDT  nur,  daß  er  über  eine  rein  äußer- 
liche Auffassung  homoerotischer  Verhältnisse  noch  nicht  hin- 
ausgekommen ist.  Oberflächlichste  Beobachtung  homoerotischer 
Beziehungen  bei  den  Kulturvölkern,  unter  denen  er  beständig 
lebt  und  die  wahrzunehmen  sich  ihm  täglich  Gelegenheit  bietet, 
würde  ihm  dartun,  wie  gar  häufig  auch  knabenhebende  Männer 
sind,  die  gern  die  passive  Rolle  übernehmen. 

VON  REITZEN STEIN  ist  dann  noch  einen  Schritt 
weiter  gegangen.  Nach  seiner  Vorstellung  dient  die  Mika- 
Operation  einer  „Art  von  Wollust",  einer  „Art  von  Homo- 
sexualität" und  weniger  der  Abhilfe  des  Frauenmangels  für  die 
jungen  Leute.  Er  verwertet  auch  die  neue  „Entdeckung"  als 
einen  der  besten  Beweise  für  seine  Lieblingsidee :  die  Australier 
heßen,  trotzdem  bei  ihnen  Frauenmangel  herrsche  und  Kinder 
ihnen  sehr  erwünscht  seien,  doch  die  Ejakulation  des  Ver- 
gnügens wegen  verderben,  weil  sie  nicht  wüßten,  daß  sie  mit 
der  Befruchtung  des  Weibes  zusammenhängt,  weil  ihnen  der 
Kausalzusammenhang  zwischen  Geschlechtsverkehr  und  Emp- 
fängnis gänzlich  unbekannt  sei.  Und  in  der  von  ihm  behaupteten 
ursprünglichen  Unkenntnis  des  Befruchtungvorgangs  bei  Natur- 
völkern erblickt  er  eine  direkte  fördernde  Einwirkung  auf  die 
Entwicklung  der  „Homosexualität".50  Aber  abgesehen  von 
der  durch  K.  TH.  PREUSS  51  kürzlich  hervorgehobenen  Un- 
wahrscheinlichkeit  einer  solchen  Unkenntnis  bei  den  Austral- 
negern,  einer  Unkenntnis,  von  der  sie  doch  schon  die  durch 
ihren  Totemismus  bedingte  intime  Beschäftigung  mit  der  Tier- 
welt bald  hätte  abbringen  müssen,  muß  auch  die  Anwendung 
des  Begriffes  „Homosexualität"  in  dieser  allgemeinen  Form 
beanstandet  werden;  handelt  es  sich  doch  zunächst  nur  um 
geschlechtliche  Handlungen  unter  Geschlechtsgleichen,  da  es 
in  keinem  FaUe  feststeht,  wie  weit  ihnen  wirklich  homoero- 
tisches Triebleben  zugrunde  liegt. 

Es  kann  einem  Zweifel  nicht  unterhegen,  daß  gleich- 
geschlechtliche Handlungen  nur  Gelegenheitfolge  , 
keineswegs    Zweck     der    M  i£a-Operation    sind    und    daß 


go  Die  negerartigen  Naturvölker 

KLAATSCK,  W.  SCHMIDT  und  VON  REITZENSTEIN, 
soweit  sie  eine  Erklärung  des  Zweckes  der  Mi&a-Operation 
in  der  Homoerotik  erblicken,  sicher  weit  eher  als  EYRE, 
bezüglich  seiner  Erklärung  durch  die  Sterilität  der  Land- 
schaft und  den  Malthusianismus,  sich  auf  einem  Irrwege 
befanden.  Die  strikte  Widerlegung  der  Auffassung,  die  „künst- 
liche Verwandlung  des  Mannes  in  ein  Weib"  durch  die  Mika- 
Operation  geschähe  zum  Behufe  gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs,  liegt  in  dem  Umstände  begründet,  daß  bei 
allen  Stämmen  mit  Mika-Operation  und  eben  nur  bei  diesen, 
dem  durch  die  Operation  erweiterten  Penis  des  Mannes  das 
Geschlechtsorgan  der  weiblichen  Jugend  durch  eine  analoge 
Operation  (Introzision)  angepaßt  wird.  Nach  EYLMANN 
besteht  dieser  operative  Eingriff  bei  der  Lubra  nicht  etwa  in 
einer  Zerreißung  der  Scheiden  wände,  sondern  lediglich  in  einer 
etwas  gewaltsamen  Durchtrennung  des  Hymen  und  einer  Er- 
weiterung des  Scheideneingangs.  Ungeachtet  dieser  Erweiterung 
muß  der  Introzisierte  seinen  unförmlich  breiten,  in  Erektion 
befindlichen  Penis  zur  Erleichterung  des  Koitus  einspeicheln 
und  mit  der  Hand  zusammendrücken.52 

Die  Erforschung  der  Entstehung  und  des  Zwecks  der 
iW7£a-Operation  erscheint  somit  von  neuem  geboten.  Von  den 
Eingeborenen  dürfte  direkte  Aufklärung,  selbst  wenn  sie  solche 
geben  können,  kaum  zu  erwarten  sein;  denn,  wie  T.  L.  BAN- 
CROFT  versichert,53  nehmen  sie  an,  man  mache  sich  über  sie 
lustig  und  sie  täuschen  dann  die  Ausfrager  mit  Absicht. 

In  ihrer  Verbreitung  wäre  laut  GRAEBNER  die  vielfach 
mit  der  Subinzision  verbundene  Beschneidung  in  Australien 
mit  einer  anderen  der  wichtigeren  Kulturerscheinungen  nirgends 
verknüpft.  Da  die  Basis  ihrer  Verbreitung  an  der  australischen 
Nordküste  hegt,  könnte  an  Übertragung  aus  Indonesien  ge- 
dacht werden;  doch  spricht  GRAEBNER  lieber  ein  non  liquet 
aus.54 

Die  Ausübung  der  Introzision  als  Stammeseinrichtung 
greift  nun  vom  Nordwesten  Australiens  fast  über  §•  des  Landes 
nach  Osten  und  Süden  hinüber.  Die  meisten  australischen 
Stämme,  die  sie  nicht  haben,  beschränken  sich  auf  die  Be- 
schneidung.65 


Austronesier  8l 

Die  Sitte  der  MYÄa-Operation  wird  angegeben:  Im  Nord- 
westen für  die  Karkurrerra,  Alinjerra,  Würurrerra  (Wilruddidda) 
und  Ullparidja  im  Gebiete  der  Musgrave,  Petermann,  Tomkinson 
und  Mann  Ranges  (BASEDOW)  ;56  im  Westen  für  die  Schwarzen 
am  De  Grey  und  Murchison  River  (MILNE  ROBERTSON)  ;57 
im  Norden  für  den  Leeanuwa  Stamm  bei  Borroloola  (STRET- 
TON)  58  und  den  Spinifex-Bezirk  (STUART).59  Im  Westen 
femer  für  die  meisten  Stämme  im  weiten  QueDgebiete  der 
drei"  Flüsse:  Fitzroy,  Margaret  und  Ord  River,  unter  ihnen 
die  Kisha,  Gunyan,  Lungar,  Nining,  Jarrau  und  Walmaharri 
(MATHEWS).60  Im  Süden  für  die  Gawler  Schwarzen  (MILNE 
ROBERTSON)  ;57  für  nicht  weniger  als  17  von  32  Stämmen 
der  Kolonie  Südaustrahen :  die  Urabunna,  Diäri,  Yändruwünta, 
Yauroworka,  Wonkagnurra,  Agaminni,  Arünta,  Lurritji,  Kai- 
titje,  Illiaura,  Wagai,  Waramunga,  Wolperi,  Tjingale,  Goarango, 
Binbinka  und  Jöngmän  (bei  diesen  heißt  die  MiÄa-Operation 
Kulpi  ankana) ;  für  alle  Stämme  zwischen  dem  15.  und 
30.  Breitengrade  61  (EYLMANN) ;  für  die  Wungarabunna,  Diäri, 
Kukatha,  Wonkongnüru,  Gnämeni,  Yandruwuntha,  Kuyanni, 
Wungaranda,  Andijirigna,  die  Stämme  bei  Barrier  Range  und 
wahrscheinlich  auch  die  am  Murray  62  (HELMS);  für  die  Nasim 
zwischen  Roper  River  und  Nicholson  River  an  der  Westküste 
des  Golfes  von  Carpentaria  (MIKLUCHO-MACLAY)  ;63  für  die 
Anula,  Mara  und  Binbinka  (Binbinga)  am  Golf  von  Carpen- 
taria64 (BASEDOW);  für  die  Urabunna65  (BASEDOW).  In 
Queensland  für  die  Kalkadoona58  (PALMER) ;  für  die  Stämme 
im  ganzen  Gebiete  des  Cooper,  Georgina  und  Mulligan  River 
und  für  alle  zwischen  dem  Diamantina  River  und  dem  carpen- 
tarischen  Golf66  (ETHERIDGE,  LUMHOLTZ,  BANCROFT); 
für  die  Bezirke  Boulia,  Leichhardt-Selwyn  und  Upper  Georgina, 
westwärts  ins  Northern  Territory  hinein,  südwärts  nach  Middle 
Diamantina  und  nordwärts  bis  Burketown  und  die  Wellesby 
Inselgruppe,  insonderheit  für  die  Pitta-Pitta,  Yaroinga  und 
Undekerebina 67  (WALTER  E.  ROTH).  Endlich  für  die 
Schwarzen  am  Herbert  River  beim  See  Parapitshuri 68  (MIK- 
LUCHO-MACLAY). 

Es  ist  überaus    wahrscheinlich,  daß  bei  allen  diesen  wie 
den  im  folgenden  Abschnitt  behandelten  Stämmen,  überhaupt 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  6 


g2  Die  negerartigen   Naturvölker 

bei  allen  Stämmen  mit  Mi^a-Operation,  das  gleichgeschlecht- 
liche Leben  der  Australier  im  Zusammenhange  mit  dieser 
Stammeseinrichtung  eine,  bei  den  übrigen  Stämmen  unmögliche, 
besondere  Form  angenommen  hat,  auch  wenn  von  einigen  darüber 
nichts  sollte  in  Erfahrung  gebracht  werden.  Eine  Angabe 
EYLMANNs,  Missionare  von  Hermannsburg  und  Kilalpanina 
hätten  ihm  gegenüber  behauptet,  die  jungen  Burschen  der 
Stationen  ließen  sich  nach  der  Subinzision  nicht  so  oft  Ver- 
gehen gegen  die  Sittlichkeit  zuschulden  kommen,  als  vor  ihr, 
selbst  wenn  sie  als  „young  inen"  noch  jahrelang  unverheiratet 
blieben,69  deutet,  wie  auch  EYLMANN  anzunehmen  scheint, 
auf  Täuschung  der  Missionare  hin  und  hängt  wohl  sicher 
mit  gleichgeschlechtlichem  Leben  zusammen. 

i.  Die  australischen  Stämme  mit  Mika-Operation  (Intro- 
zision)     (Kulpi-Stämme) 

Bei  den  Kimberley  in  Nordwestaustralien  gilt,  wie 
HARDMAN  mitteilt,  der  Regel  nach  das  weibliche  Geschlecht 
als  unbestreitbares  Eigentum  der  älteren  und  einflußreicheren 
Männer  [Dalübrr).  Es  soll  daher  tatsächlich  schwer  sein,  einen 
verheirateten  jungen  Mann  unter  30  oder  40  Jahren  zu  finden, 
und  so  sei  man  auf  einen  —  für  manchen  auch  gewiß  nicht 
unangenehmen  —  Ausweg  verfallen.  Hat  ein  kleiner  Knabe 
(  Yadnp ;  ebenso  heißt  aber  auch  das  weibliche  Kind)  das 
fünfte  Lebensjahr  erreicht,  so  wird  er  Chookado  (Tschukado) 
und  gewöhnlich  als  ,, Knabe-Frau"  einem  heiratfähigen  jungen 
Manne  (Wilgieing  oder  Billalu)  beigegeben,  falls  eine  „Weib- 
Frau"  für  ihn  nicht  zur  Verfügung  steht;  und  zwar  so  lange, 
bis  im  10.  Lebensjahre  die  Beschneidunggebräuche  an  dem 
Knaben  vorgenommen  werden.  Nach  seiner  Beschneidung 
heißt  der  Knabe  Balillie,  später,  nach  der  Introzision,  Wongalong 
und  schließlich  als  eigentlicher,  heiratfähiger  Mann  Wilgieing. 
Über  die  Beziehungen  zwischen  dem  Billalu  und  seiner  „Knabe- 
Frau"  ist  der  Gewährmann  nicht  im  klaren.  Zweifellos  bestehe 
zwischen  ihnen  ein  geschlechtliches  Verhältnis.  Aber  die  Ein- 
geborenen wiesen  mit  Schaudern  und  Ekel  die  Unterstellung 
von  „Sodomie"  zurück  (repudiate  with  horror  and  disgust 
the    idea    of    Sodomy)."0  Dann  gibt  es  nur  zwei  Möglichkeiten: 


Austronesier  ß~ 

entweder  ist  das  Entsetzen  der  Eingeborenen  erheuchelt  oder 
es  handelt  sich  nicht  um  Podikation  (Sodomie),  sondern  um 
einen  anderen  gleichgeschlechtlichen  Akt,  eine  Möglichkeit,  an 
welche  der  Gewährmann  nicht  gedacht  zu  haben  scheint. 

Nach  PURCELL  heißt  der  Chookado,  sobald  er  Knabe- 
Frau  geworden,  im  Kimberley-Distrikt  Miillawongah.  Auch 
nach  diesem  Gewährmanne  bekommt  jedes  überschüssige 
männliche  Glied  des  Stammes  statt  eines  für  ihn  nicht  vor- 
handenen Mädchens  einen  Knaben  von  5 — 7  Jahren  beigegeben. 
Zu  seiner  geschlechtlichen  Befriedigung  kitzelt  der  Mann  den 
Penis  des  Knaben,  bis  Erektion  erfolgt,  legt  dann  sein  ver- 
stümmeltes Glied  rings  um  das  des  Knaben  und  hat  einen 
Samenerguß.71 

PATERSON  versichert,  allen  Kimberley-Männern 
würde,  gewöhnlich  im  16.  oder  17.  Jahre,  der  Penis  auf- 
geschlitzt. Die  Angabe  einiger  Beobachter,  daß  bestimmte 
Personen  davon  verschont  blieben,  um  der  Vermehrung  der 
Rasse  zu  dienen,  weist  er  als  ein  Märchen  zurück.  „Bei- 
nahe alle"  Kimberley -Männer  und  Nordaustralier  überhaupt 
halten  sich  nach  diesem  Augenzeugen  Knaben,  mit  denen 
sie  wechselseitig  masturbieren.  Die  zum  Wollustakt  gereizten 
Knaben  stecken  ihren  Penis  in  den  Penisschlitz  der  Männer. 
Sie  behaupten,  viel  mehr  aus  Gefälligkeit  als  aus  Wollust 
diesen  Verkehr  zu  pflegen.'2 

Durch  BASEDOW  erfährt  man,  daß  im  „Wonga- 
T  c  h  i  t  c  h  e"  (der  Sprache  des  Karkurrerra-  Stammes ; 
Wonga  =  Sprache)  Tchuka  „Vulva"  bedeutet  und  Tchuka 
moranni  „Cohabitieren"  heißt.73  Schon  die  Bezeichnung  des 
5 — 7  jährigen  Knaben  als  Tchnkado  scheint  darauf  hinzuweisen, 
daß  er  eine  Rolle  als  „Mädchen"  zu  spielen  berufen  ist. 

Beim  Karkurrerra-  Stamme  heißt  die  am  etwa 
16  jährigen  Jüngling  nach  vollzogener  Beschneidung  {Delldinge) 
übliche  Subinzision  laut  BASEDOW:  KaUolcumlana  (kallo- 
kulldano)  .74  Die  Opera tion wunde  wird  mit  heißer  Asche 
bedeckt  und  später  mit  Emufett  behandelt.  Die  Eingeborenen 
sollen  selbst  den  Grund  nicht  kennen,  der  sie  zur  A/t£a-Operation 
veranlaßt  und  sich  lediglich  auf  ihre  Vorfahren  berufen.75 

6 


84  Die  negerartigen  Naturvölker 

Wenn  eine  Jagdbeute  erlegt  wurde,  geben  die  U  1 1  - 
p  a  r  i  d  j  a  -  Leute  ihrer  Befriedigung  nach  BASEDOW  öfters 
in  drastischer  Weise  Ausdruck.  So  umtanzen  sie  einen  Mann, 
der  ein  Känguruh  getötet  hat,  und  alle  stellen  dabei  ihr  intro- 
zisiertes  Glied  zur  Schau,  indem  sie  ihren  Penis  aufrichten 
und  den  Schlitz  so  weit  als  möglich  auseinander  breiten.76 

Im  Kisha-  Dialekt  heißt  nach  MATHEWS  die  Mika- 
Operation  Jabuting,  die  entsprechende  Operation  bei  der  Lubra 
Tulbaugamburraunain.  Masturbation  heißt  Thurinbumarling. 
Für  „Sodomie"  gibt  es  kein  besonderes  Wort,  vielmehr  gilt 
die  Bezeichnung  für  den  Begattungsakt  überhaupt,  Ballimberaid, 
auch  für  Podikation.77  Der  Analkoitus  erscheint  den  Kisha- 
Leuten  demnach  nicht  einmal  als  etwas  Regelwidriges.  Sie 
stehen  auf  dem  Standpunkt  des  französischen  Arztes  JACOBUS 
X  .  .  .,  der  den  After  für  ein  richtiges  akzessorisches  Ge- 
schlechtsorgan78 erklärt. 

Die  älteren  Missionare  und  Gründer  der  Beagle  Bay- 
Station  hatten  nach  KLAATSCH  in  der  ersten  Zeit  viel  mit 
angeblichen  unzüchtigen  Bräuchen  zu  kämpfen,  welche  mit  den 
Beschneidungfesten  zusammenhingen.79 

In  der  Landschaft  Broome  an  der  Nordwest-Küste 
Australiens  pflegen,  nach  Berichten  christlicher  Missionare  bei 
Beagle  Bay  an  KLAATSCH,  Jünglinge  und  solche  Knaben, 
die  entweder  schon  geschlechtsreif  geworden  sind  oder  es  doch 
bald  werden,  etwa  vom  10.  bis  zum  14.  Lebensjahre, 
miteinander  gegenseitig  zu  masturbieren.  Es  würde,  meint 
KLAATSCH,  lächerlich  sein,  wenn  die  in  diese  „scheuß- 
lichsten und  schmutzigsten  aller  Handlungen"  voll- 
kommen eingeweihten  Missionare  sie  bestreiten  wollten. 
Bei  dem  Stamme  der  Niol-Niol  gehen  introzisierte  Männer 
oder  Wamba  mit  noch  nicht  introzisierten  Jünglingen  oder 
Knaben,  Walebel  80,  eine  innige  Verbindung  ein.  Beide  Freunde 
verpflichten  sich  zur  Herbeischaffung  ihres  täglichen  Bedarfes. 
Solches  Bündnis  eines  Wamba  mit  seinem  Walebel  dauert  so 
lange,  wie  dieser  nicht  introzisiert  und  nicht  selbst  zum  Wamba 
geworden  ist.  Solcher  Bund  ist  aber  dann  insofern  ein  ehelicher, 
als  gegenseitige  geschlechtliche  Befriedigung  zwischen  Wamba 
und   Walebel  üblich  ist.      Er  ähnelt  also  einer  Ehe    auf  Zeit. 


Austronesier  Qc 

Nach  Aussage  eines  kundigen  Eingeborenen  von  Ost-Kimberley 
erweitert  behufs  geschlechtlicher  Befriedigung  der  Wamba  den 
Schlitz  seines  Penis,  so  daß  er  bis  zum  Hodensack  offen  steht. 
Der  Walebel  steckt  dann  seinen  Penis  in  das  so  entstandene 
Loch  des  Wamba-Penis.  Indem  der  rücklings  am  Boden  liegende 
Knabe  den  Penis  des  Wamba  mit  den  Händen  ergreift,  reibt 
er  ihn  so  stark  und  so  lange,  bis  bei  beiden  Beteiligten  Samen- 
erguß erfolgt.  An  Leichen  von  Männern  mit  introzisiertem 
Penis  konnte  sich  KLAATSCH  von  der  Möglichkeit  und  Durch- 
führbarkeit des  behaupteten  Geschlechtsakts  überzeugen,  und 
er  gibt  an,  daß  die  durch  die  Introzision  gebildete  Öffnung  des 
Penis  genügend  erweiterungfähig  ist,  um  einen  Knabenpenis 
aufzunehmen.  Der  Bürgermeister  von  Broome,  WARDEN, 
der  17  Jahre  im  Lande  gelebt  hatte,  belehrte  KLAATSCH, 
es  bestehe  bei  den  Wamba  hinsichtlich  ihrer  Knaben  große 
Eifersucht  und  von  den  durch  ihn  zu  schlichtenden  Streitig- 
keiten, die  unter  der  schwarzen  Bevölkerung  von  Broome  sehr 
häufig  seien,  hätten  mehr  in  Knaben  (Walebel)  ihren  Anlaß 
gehabt   als  in  Weibern  (Litbra).81 

Die  Penis-Verstümmelung  heißt  nach  KLAATSCH  bei 
den  N  i  o  1  -  N  i  o  1 :  Waninge.82 

In  Aufzeichnungen  französischer  Mönche  fand  KLAATSCH 
sonderbare  Beziehungen  des  Geistes  Wallangan,  eines  mythi- 
schen Schlangenwesens,  Urhebers  der  Beschneidung  und  der 
M*'£a-Operation  unter  den  Niol-Niol,  zu  Fledermäusen 
und  Enten  angegeben.  Diese  sollen  zuerst  beschnitten  worden 
sein.81 

Eine  „Gewohnheit  empörender  Natur",  beim  Chin- 
g  a  1  e  e  (Tschingalih)-  Stamme  im  nördlichen  Südaustralien  be- 
obachtet, läßt  den  Schluß  auf  sehr  ausgedehnte  homoerotische 
Betätigung  unter  diesen  Australiern  zu,  umsomehr,  als  die 
Erforschung  dieser  Gepflogenheiten  nur  mit  beträchtlicher 
Schwierigkeit  möglich  war.  Alte  Männer  ohne  Lubra  (Weiber) 
waren  statt  deren  von  einem  oder  zwei  Knaben  begleitet,  über 
die  sie  eifersüchtig  wachten.  Der  Beobachter,  RAVENS- 
CROFT,  hielt  diese  Männer  anfangs  für  Kranke  und  kam  erst 
durch  Ausfragen  eines  mitteilsamen  und  intelligenten  Knaben 
hinter   den   wahren   Zusammenhang.      Dieser   Knabe,   der   zu 


86  Die  negerartigen  Naturvölker 

solch  einem  alten  Manne  gehörte  und  dessen  Aussagen  später 
bestätigt  worden  sind,  wurde  durch  Worte  und  Gebärden  von 
den  Gedanken  des  Beobachters  unterrichtet.  Er  lachte,  schüt- 
telte den  Kopf  und  stellte  durch  eine  sehr  verständliche  Panto- 
mime die  Vorgänge  dar.  Sobald  der  alte  Mann  sich  geschlecht- 
lich zu  befriedigen  wünscht,  legt  er  sich  am  Feuer  nieder, 
winkt  den  verlangten  Knaben  zu  sich  heran  und  nimmt  ihn 
in  sitzender  Stellung  vor  sich.  Nach  dem  Aufwände  von 
Energie,  die  der  Knabe  bei  seiner  weiteren  Darstellung  ge- 
brauchte, die  er  gelegentlich  durch  Spucken  in  die  Hand 
belebte,  muß  nach  RAVENSCROFT  die  Hervorbringung  der 
für  den  Geschlechtsakt  erforderlichen  Erregung  ein  recht  müh- 
samer Prozeß  sein.  Seine  Vermutung,  der  Knabe  beschwindle 
ihn,  erregte  bei  diesem  einen  plötzlichen  und  heftigen  Unwillen, 
dem  er  den  denkbar  kräftigsten  Ausdruck  in  Worten  gab.84 

Über  Masturbation  und  „Sodomie"  hat  bis  1897  der  auf- 
merksame WALTER  E.  ROTH  bei  den  Eingeborenen  von 
Nord-West-Mittel- Queensland  nichts  in  Erfahrung  gebracht, 
wie  er  ausdrücklich  versichert.85  Er  ist  bei  seinen  „pornographi- 
schen" Studien  gar  nicht  auf  den  Gedanken  gekommen,  daß 
die  bei  den  Pitta-Pitta  in  der  Landschaft  Boulia  ge- 
bräuchliche Bezeichnung  der  introzisierten  Männer  direkt  auf 
gleichgeschlechtliches  Leben  hinweist.  Diese  Männer,  die  „whistle 
cock"  der  Engländer,  heißen  nämlich  nach  ihm  meko-maro, 
zu  deutsch  Vulva-Besitzer  (von  me-ko  =  Vulva  und  ma-ro 
als  Besitzzeichen).86  —  Bei  diesem  von  W.  E.  ROTH  ein- 
gehender erforschten  Stamme  heißt  ein  Knabe  vor  der  Be- 
schneidung anfangs  Koueri  (Kooeri),  später,  sobald  der  Bart 
keimt,  Yuppieri  ;87  sein  noch  unbeschnittenes  Glied  ist  Nulla 
maro  [Nulla  =  Vorhaut,  maro  Besitzzeichen).88  Mit  der  ersten 
Beschneidungzeremonie  wird  der  Jüngling  zum  Katikatimaro 
(Kati  =  Kopf),89  mit  der  dritten  zum  Koukourimaro  (Kookoori- 
maro),  mit  der  vierten  zum  Murukkundi;90  sein  beschnittenes 
Glied  heißt  nun  Moondo.91  Der  völlig  entwickelte  introzisierte 
Mann  heißt  Kana.92  Dem  Koueri  entspricht  im  weiblichen 
Geschlecht  die  Maid  A miri  (bei  den  Ulolinya:  Wapari), 
dem    Yuppieri  die    Maid  Kanari;  die     Stadien    Katikatimaro, 


Austronesier  87 

Koukourimaro   und   Murukkundi    sind     beiden    Geschlechtern 
gemeinsam.93 

Nach  HELMS  heißen  die  bei  Aufnahme  der  14-  bis  16- 
jährigen  Jünglinge  in  den  Kreis  der  Männer  üblichen  Feier- 
lichkeiten in  der  Sprache  der  Wungarabunna:  Wilyuru, 
Beschneidung:  Pndnapa,  Subinzision:  Yerupa.  Yerupa  be- 
deutet Schlitz.  Auch  die  weibliche  Geschlechtsöffnung  wird 
daher  bisweilen  mit  Yerupa  bezeichnet,  obwohl  ihr  eigent- 
licher Name  Pintiia  ist.04 

2.  Die  australischen   Stämme   ohne  Mika-Operation  (In- 

trozision) 

BASEDOW  erzählt  von  den  Larrekiyain  West-Austra- 
lien, daß  in  der  zweiten  ihrer  ßö//2'er-(Beschneidung-)Zeremonien, 
der  M '  ollin  ya,  die  männlichen  Teilnehmer  einen  Klagegesang 
anstimmen,  der  wie  das  Wehklagen  der  Weiber  bei  einer  Trauer- 
feier wirke  und  ein  solches  auch  darstellen  solle.  In  auffallendem 
Kontraste  zu  diesem  scheinbar  feierlichen  Vorgange  ende  die 
ganze  Szene  mit  fröhlichem  Gelächter,  unter  welchem  es  zu 
mancherlei  Zwischenrufen  und  zu  Kritiken  des  Nachahmung- 
geschicks des  einen  oder  des  anderen  der  mitwirkenden  Jüng- 
linge in  der  Hervorbringung  weiblicher  Laute  komme.95  — 
Bei  dieser  Gelegenheit  dürften  die  feminin  Veranlagten  ihre 
ganze  ihnen  eingeborene  Kunst  entfalten. 

Die  Y  u  a  1  e  a  i  in  Queensland  nennen  nach  MATHEWS 
Masturbation:   Kaiaiabilla,   Sodomie:   Nididharri.96 

Bei  den  K  o  g  a  i  in  Queensland  heißt  nach  MATHEWS 
Masturbation:  Dhirgabudhanga  ;  Dhirga  ist  männlicher  Samen, 
Budhanga  Abtreibung.97 

Wenn  die  Knaben  des  W  i  r  a  d  j  u  r  i-(Wiradthuri-,  Wirai- 
juri-)  Stammes  auf  Neu-Süd- Wales  mannbar  werden,  wird  ein 
Fest  ihrer  Einweihung  gefeiert.  Die  Sittenlehre,  welche  bei 
dieser  Gelegenheit  ihnen  beigebracht  wird,  erscheint  dem 
Europäer  auf  den  ersten  Blick  im  höchsten  Grade  unsittlich 
und  läßt  sich  nicht  leicht  wiedergeben.  In  pantomimischen 
Tänzen  werden  ihnen  nach  HOWITT  verschiedene  Verletzungen 
gegen  Eigentum  und  Keuschheit  vorgeführt,  aber  indem  die 
das  Fest  leitenden  Greise  und  die  bestellten  Wächter  der  Knaben 


88  Die  negerartigen  Naturvölker 

diese  Darstellungen  bieten,  teilen  sie  den  Jünglingen  mit,  was 
die  Folgen  wären,  wenn  sie  nach  dem  Verlassen  des  Einweihung- 
lagers die  dargestellten  Verletzungen  begehen  würden.  So  sagt 
z.  B.  ein  Greis:  „Wenn  ihr  von  hier  nun  fortgeht  und  etwas 
dem  Aehnliches  tut,  was  ihr  hier  sehet,  so  sollt  ihr  sterben," 
d.  h.  entweder  durch  magische  oder  durch  unmittelbare  Gewalt. 
Dasjenige  nun,  was  auf  diese  Art  verboten  wird,  ist  dadurch 
genügend  gekennzeichnet,  daß  unter  anderem  darunter  sich 
befinden:  der  Mangel  an  Achtung  vor  den  Greisen,  die  Not- 
zucht, die  Päderastie,  die  Selbstbefleckung;  den  Jünglingen 
aber  wird  es  bei  Todesstrafe  untersagt,  etwas  von  dem  zu  er- 
zählen, was  sie  bei  dieser  Einweihungfeierlichkeit  zu  hören 
und  zu  sehen  bekommen.98 

Für  die  Murrumbidgee  wird  von  MATHEWS  an- 
gegeben, daß  bei  ihren  Burbung  (Initiationfesten)  jeden  Morgen 
und  jede  Nacht  verschiedene  Tiere  nachgeäfft  werden.  Alle  ihre 
Beschneidung-Tänze  und  szenischen  Aufführungen  beständen, 
wie  gewöhnlich,  aus  „abscheulichen"  und  „unzüchtigen"  Dar- 
stellungen, welche  in  der  betreffenden  Abhandlung  nicht 
könnten  beschrieben  werden.  Die  Novizen  dürften  von  allem, 
was  gesagt  und  getrieben  wird,  nicht  das  geringste  verraten, 
sie  dürften  nicht  einmal  lachen,  wie  lächerlich  und  widersinnig 
es  auch  sein  möge."  —  Widersinnig  (preposterous)  erscheint 
das  alles  vielleicht  nur  dem  Europäer. 

Ähnliches  wird  vom  gleichfalls  südostaustralischen  Ka- 
milaroi- Stamme  durch  MATHEWS  mitgeteilt.  Zu  den 
Beschneidungzeremonien  {Bora)  gehören  auch  die  folgenden: 
Die  Knaben  und  Jünglinge  nehmen  dem  Kuringal  (Weihevater) 
gegenüber  in  einer  Reihe  Aufstellung  und  mit  denjenigen  von 
ihnen,  welche  zuletzt  die  Prüfungen  bestanden  hatten,  werden 
allerlei  „unzüchtige"  Stellungen  gebildet  „zu  dem  Zwecke,  die 
lustigen  oder  ausgelassenen  Novizen  abzuschrecken"  und  sobald 
die  letzte  derartige  Vorführung  vorüber  ist,  schlägt  ein  zu  ihrer 
Bewachung  bestellter  alter  Mann  ihnen  mit  einer  keulenartigen 
Hiebwaffe  (waddy)  über  den  Kopf.  Einzelne  dieser  panto- 
mimischen Vorstellungen  werden  nach  dem  Gewährmanne 
eigens  zu  dem  Behuf e  aufgeführt,  um  die  Knaben  zu  lehren, 
von  der  Masturbation  und  von   „Sodomie"  abzulassen.100  — 


Austronesier  8o 

In  diesen  Weihespielen,  soweit  sie  Nachahmungen  von  Lebens- 
szenen sind,  zeigt  sich  die  dramatische  Begabung  des  Volkes 
(KOHLER).101 

Der  Kamilaroi-Jüngling  heißt  nach  MATHEWS  vor  der 
Bora  (Beschneidung)  Wommorai,  gleich  nach  ihr  Tuggabilli, 
später  Kubbora.102  Für  Masturbation  haben  die  Kamilaroi  das 
Wort  Kaiaiabilli,  für  „Sodomie"  die  Bezeichnung  Nididharri.103 
Während  in  der  alltäglichen  Verkehrssprache  Giwir  oder  Murrt 
Mann,  Waiama  der  alte  Mann,  Inar  Weib,  Dhun  Penis,  Buru 
Hoden,  Yangal  Vulva,  Nyi  Podex,  Ngingin  Wollust,  Thadha 
oder  Nginge  Koitus  bedeutet,  lauten  die  entsprechenden  Be- 
zeichnungen ihrer  Geheimsprache  (  Yauan) :  Maimba  oder  Maim- 
bang  (Mann),  Muddhagala  (alter  Mann),  Winnilwanga  (Weib), 
Dhihiburringa  (Penis),  Burumbanna  (Hoden),  Wungodhe  oder 
Biddheru  (Vulva),  Murumburnge  (Podex),  Dharmu  (Wollust) 
und  Wungogurrilli  (Koitus).11'4 

Die  K  ü  r  n  ü  in  New  South  Wales  haben  für  Masturbation 
nach  MATHEWS  das  Wort  Burtaburtamuntha.105  In  der 
Alltagssprache  heißt  nach  demselben  Gewährmanne  Penis 
Wira,  Hoden  Mulu,  Vulva  Bullt,  Podex  Dhitti,  Koitus  Bainn- 
gullana.  Die  entsprechenden  Bezeichnungen  ihrer  Geheim- 
sprache (Tyake)  lauten:  Mendiburnki  (Penis),  Kurlu-burlkali 
(Hoden),  Kurla  (Vulva),  Dhittimukku  (Podex)  und  Baingulla 
(Koitus).106 

Die  Darkinung  in  New  South  Wales  haben  nach 
MATHEWS  für  Masturbation  die  Bezeichnung  Ganmillutthi.107 

Ein  Thurrawal-  Jüngling  in  New  South  Wales  heißt 
nach  demselben  Forscher  vor  der  Beschneidung  Yangobadyang, 
gleich  nach  ihr  Wurugalgang,  später  Wurugal.10*  Das  Wort 
für  Masturbation  ist  Kuüakuüabailli,  für  „Sodomie"  Büm- 
buyürdin.im 

Die  Kümbainggeri  von  New  South  Wales  nennen 
nach  MATHEWS  Masturbation  Mulga-mulgai.n0  Eifersüchtig 
heißt  bei  ihnen  marrarailu   (traurig:  narrawai). 

Die  Beschneidung-Zeremonien  der  Eingeborenen  von 
Victoria  sind  nach  MATHEWS,  soweit  sie  im  Busch  spielen, 
bisweilen   „unzüchtig".     Aber  die  Novizen  dürfen  mit  keiner 


OO  Die  negerartigen  Naturvölker 

Silbe  etwas  verraten;  auch  dürfen  sie  nicht  lachen,  wie  sehr 
sie  auch  zum  Besten  gehalten  werden.112 

Bei  den  Y  ot  a-Y  o  t  a  in  Victoria  gibt  es  nach  MATHEWS 
für  Masturbation  das  Wort  Dyilluii,  für  „Sodomie"  Dhana- 
dhan.96 

Aus  der  Brabirrawulung-  Sprache  von  Victoria 
bezeichnet  MATHEWS  als  das  Wort  für  Masturbation  Damut.113 

In  der  Tyattyalla  (Tyat'tyal-la)  Sprache  von  Victoria 
heißt  nach  MATHEWS  Masturbation  Buyurmullang,  „Sodomie" 
Dyangamiimuk.113  Daß  mit  Sodomie  hier  Podikation  und  nichts 
anderes  gemeint  sein  kann,  ergibt  sich  bestimmt  aus  der  Zu- 
sammensetzung des  Wortes,  indem  Mam  Podex  bedeutet. 

Soweit  bekannt  hat  es  unter  den  Eingeborenen  Australiens 
ein  rechtliches  Verbot  mannmännlicher  Geschlechtsakte  nie- 
mals gegeben.114 

Nach  alledem  kann  die  Behauptung  von  WAITZ  llD 
und  FRIEDRICH  MÜLLER11'1,  „unnatürliche  Laster",  wenn 
damit  gleichgeschlechtliche  Handlungen  gemeint  sein  sollen, 
seien  in  Australien  unbekannt,  unmöglich   zu  Recht  bestehen. 


B.  Die  rielanesier 

Es  sei  hier  vorausgeschickt,  daß  bei  Jünglingsweihen  unter 
den  Melanesiern  höchstens  Beschneidung  üblich  ist;  einzig  für 
die  Bewohner  der  Neuhebriden  wird  auch  die  Sitte  der 
iWY&a-Operation  angegeben. 

Der  französische  Arzt  JACOBUS  X  .  .  .  schildert  als 
Augenzeuge  die  männlichen  Geschlechtsorgane  der  Melanesier 
als  wohlgebildet,  aber  nicht  so  mächtig  entwickelt  als  die  des 
afrikanischen  Negers.  Im  Gegensatz  zu  diesen  weise  die  Eichel 
ziemlich  lebhaft  violettrote  Färbung  auf.11' 

Nach  WAITZ"3  und  FRIEDRICH  MÜLLER  "«  sollen 
„unnatürliche  Laster"  in  Melanesien  unbekannt  sein.  Wenn 
mit  ..unnatürlichen  Lastern"  auch  mannmännlicher  Geschlechts- 
verkehr verstanden  wurde,  ergibt  sich  die  Unrichtigkeit  dieser 
Behauptung  aus  der  folgenden  Darstellung  zur  Genüge. 

1.  Die  Papua 

SCHELLONG  hebt  mehrfach  den  intelligenten  Ausdruck 
des  Papua-Auges  hervor,  durch  den  der  Papua  auf  eine  höhere 
Stufe  gehöre,  als  man  ihm  gewöhnlich  zuerkennt.  Auch  der 
Ausdruck  der  Wildheit  sei  der  Papua-Physiognomie  nicht 
eigentlich  eigen  und  darin  stehe  er  nicht  so  tief  wie  der  rohe 
Australneger.1'5 

Der  Papua-Knabe,  am  Papua-Golf  Siare-sora  genannt, 
heißt  mit  dem  10.  Lebensjahr  Eravo  und  hat  sich  dann  dem  Gott 
Kcvave  zu  widmen.  Darauf  wird  er  Heava  (in  der  Mehrzahl 
llalai-asu)  und  als  Jüngling  zum  Heapu.  In  dieses  Lebens- 
alter fällt  seine  Beschneidung  (Helei).  Aus  den  Heapus  werden 
die  Semase  (Krieger)  genommen.  Um  in  die  Reihen  der  Krieger 
einzurücken,  muß  der  Jüngling,  rücklings  auf  dem  Boden 
liegend,  den  frischen  Urin  eines  der  Heeresführer  trinken,  den 


Q2  Die  negerartigen  Naturvölker 

dieser,  über  ihm  stehend,  unmittelbar  in  seinen  Mund  träufeln 
läßt;  damit  wird  er  frei  und  selbständig  und  hat  das  Recht,  nun 
an  den  Mysterien  des  Tiparu-Festes  teilzunehmen.  Da  nicht 
jeder  Mann  ein  Heeresführer  werden  kann,  so  wird  von  manchem 
darüber  geklagt,  daß  er  als  Jüngling  Urin  habe  trinken  müssen, 
daß  aber  kein  Jüngling  von  seinem  Urin  zu  kosten  bekomme.119 
Der  Grund  dieser  Einrichtung  ist  wohl  die  abergläubische 
Vorstellung,  daß  der  Heerführer  durch  seinen  Urin  seine  soldati- 
schen Fähigkeiten  und  seine  männliche  Kraft  auf  den  Hea-pu 
übertrage,  wodurch  dieser  erst  frei  und  selbständig  würde.121' 
Einem  gefallenen  großen  Kriegshelden  schneidet  der  Papua 
den  Penis  ab  und  schreibt  auch  diesem  besondere  Kräfte  zu. 
Aber  der  Aberglaube  erstreckt  sich  auch  auf  andere  Körper- 
teile. So  werden  die  Fingernägel  eines  Siegers,  aber  nur  die  der 
rechten  Hand,  geschabt  und  die  Krumen  den  Speisen  bei- 
gemischt; wer  von  diesen  Speisen  genießt,  dem  wächst  die 
Kraft  und  die  kriegerische  Wildheit.121  Das  Hineinspielen 
homoerotischer  Neigung  in  alle  diese,  wie  besonders  in  viele 
bei  den  Beschneidung-Zeremonien  übliche  Bräuche  ist 
natürlich  nicht  ausgeschlossen,  aber  ihre  Grundlage  bildet  sie 
jedenfalls  nicht. 

Die  Denkweise  des  Papua  über  geschlechtliche  Dinge 
erläutert  wohl  am  besten  die  folgende  Mitteilung  des  Rev. 
JAMES  CHALMERS:  Beiden  Kiwai-Insulanern  (Britisch-Neu- 
Guinea)  ist  es  Sitte,  daß  die  Heerführer,  bevor  sie  in  den  Krieg 
ziehen,  mit  ihren  Frauen  in  den  benachbarten  Moguru- (Be- 
schneidung-) Wäldern  den  Koitus  vollziehen;  wird  der  Penis 
recht  steif,  so  glaubt  man  an  einen  sicheren  Sieg,  wenn  nicht, 
an  einen  Mißerfolg.  Diesem  ihrem  Glauben  geben  die  Heer- 
führer auch  Ausdruck,  wenn  sie,  ins  Dorf  zurückgekehrt,  nach 
dem  Erfolg  ihres  Ausflugs  gefragt  werden.122 

Von  irgend  welchen  „widernatürlichen  Ärgernissen"  an 
der  Neu-Guinea  von  Australien  trennenden  Torres-Straße  hatte 
HADDON  bis  1890  nichts  gehört 123  und  er  neigte  daher  der 
Meinung  MAC  FARLANEs  zu,  die  westlichen  Eingeborenen- 
Stämme  Neuguineas  an  der  Torres-Straße  seien  ein  schönes 
Beispiel  geschlechtlicher  Moral  der  Naturvölker  vor  Berührung 
mit  anderen  Nationen.124    Aber  1908  teilt  HAVELOCK  ELLIS 


Melanesier 


93 


mit,  von  H  a  d  d  o  n  gehört  zu  haben,  ein  Eingeborener  an 
der  Torres-Straße  habe  die  Sodomie  als  Mittel  zur  Nieder- 
haltung der  Bevölkerung  in  Schutz  genommen.125 

Unter  den  Eingeborenen  von  Mowat  (Daudei,  West- 
Neu-Guinea)  soll  denn  auch  Päderastie  in  der  Form  der  Podi- 
kation („Sodomie")  stark  betrieben  und  sogar  direkt  vom 
Volke  begünstigt  werden,  „weil  zu  starke  Vermehrung  der 
Bevölkerung  der  jüngeren  Generation  der  Verheirateten  un- 
erwünscht" sei.126 

Nach  KRIEGER  soll  im  Westen  von  Neu  Guinea,  be- 
sonders in  der  Nähe  des  Katau-Flusses,  weniger  im  Osten, 
,,Sodomiterei"  ein  „verbreitetes  Laster"  sein.,26/' 

SELIGMANN  hat  die  Eigentümlichkeiten  von  zwei 
papuanischen  Päderasten  in  Bulaa  (Britisch  Neu-Guinea)  ein- 
gehend geschildert.  Der  eine  Homoerot,  G  i  m  a  ,  etwa  30  Jahre 
alt,  war  ein  vornehmer,  bei  der  Regierung  großes  Vertrauen 
genießender,  sehr  intelligenter  Mann.  Durchaus  männlich  in 
seiner  Erscheinung,  lebhaft,  unternehmend  und  energisch,  ward 
er  ein  Mann  von  Bedeutung  und  dann  bald  eine  feste  Stütze 
der  Regierung;  als  solcher  trug  er  eine  Jacke  und  kurze  Hosen. 
Es  war  aber  im  Stamme  der  Bulaa  allgemein  bekannt,  daß 
seine  Lenden  und  Hinterbacken  eine  vollkommene  weibliche 
Tatauierung  aufwiesen,  ohne  welche  ein  Mädchen  nicht  für 
heiratfähig  gilt,  daß  dabei  jedoch  seine  Genitalien  normal 
waren.  Man  erzählte  sich  von  ihm,  er  habe  früher,  gleich  nach 
Eintritt  der  Pubertät,  die  passive  Rolle  der  Sodomie  gespielt, 
später  jedoch  geheiratet,  aber  Kinder  nicht  gezeugt  und  sein 
Weib  wegen  Untreue  verstoßen,  habe  dann  als  Junggeselle 
gelebt  und  bis  zuletzt  gewöhnlich  die  passive  Rolle  wieder 
weiter  auf  sich  genommen.12' 

Ein  Garia  namens  Unase,  etwa  50  Jahre  alt,  un- 
verheiratet, hatte  angeblich  schon  bald  nach  Eintritt  der 
Pubertät  von  Ausübung  des  normalen  Koitus  „Abstand  ge- 
nommen." Seine  Zitzen  waren  normal  entwickelt,  die  Brust 
behaart,  die  Geschlechtsorgane  normal,  behaart,  der  Penis 
vielleicht  etwas  klein;  seine  Stimme  klang  hell.  Er  gesellte 
sich  gewöhnlich  den  Weibern  zu,  begleitete  diese  auf  ihren 
Handelszügen  zur  Küste  und  trug  dabei  seinen  Handelsgegen 


(vi  Die  negerartigen  Naturvölker 

stand  an  einem  um  seine  Stirn  geschlungenen  Bande,  so  wie 
die  Weiber  es  tun.  Im  Hause,  im  sozialen  Leben,  wie  auch  bei 
seiner  Arbeit  im  Garten  vertrat  er  ein  Weib.  Trotzdem  hatte 
er  bei  einer  Gelegenheit  an  einem  Kriegszuge  teilgenommen 
und  auf  seinem  Rücken  zeigte  er  die  Tatauierung,  welche  den 
erfolgreichen  Männermörder  kennzeichnet.128 

SELIGMANN  gedenkt  noch  eines  dritten  „pseudo- 
hermaphroditischen",  zwei  Generationen  zurückliegenden  Falles, 
der  wohl  ein  Weib  betrifft  und  bei  der  Tribadie  zur  Sprache 
kommt. 

Bei  der  Initiation  der  jungen  Bugilai-Männer  in  Britisch 
Neu-Guinea  wird  nach  einer  hinterlassenen  Mitteilung  des 
Rev.  CHALMERS  Sodomie  getrieben,  nicht  jedoch  Bestialität, 
wie  das  bei  anderen  Stämmen  üblich  sei.129  Auf  Kiwai  Island, 
Fly  River,  in  Britisch  Neu-Guinea  werden  nach  demselben  Ge- 
währmanne aus  Holz  verfertigte  bis  drei  Fuß  hohe  Figuren 
der  Gottheiten  Kurumi,  Uruparu  und  Paromiti 
bei  der  Initiation  (Moguru)  benutzt.  Zu  deren  Vorführung 
werden  im  Moguru-Busch  umständliche  Feste  veranstaltet,  bei 
denen  die  Jünglinge  ebenso  rot  und  weiß  gefärbt  erscheinen 
als  jene  Figuren  ihrer  Götter.  Wenn  die  Novizen  diese  Figuren 
erblicken,  werden  sie  von  den  alten  Männern  mit  Feuerregen 
überschüttet.  Sie  werden  unter  Androhung  schrecklicher 
Strafen,  der  Ermordung,  Vergiftung  oder  einer  unheilbaren 
Krankheit  gewarnt,  von  dem  Gesehenen  und  Geschehenen 
irgend  etwas  verlauten  zu  lassen.  Die  mehr  geheimen  und 
„unmoralischen"  Vorkommnisse  mag  CHALMERS  nicht  schil- 
dern.130 

LAWES  charakterisiert  in  seinem  Wörterbuche  der  Motu- 
Stämme  bei  Port  Moresby  auf  Neu-Guinea  Siusiu  als  einen 
„unanständigen"  Tanz  der  seebereiten  Leute  auf  dem  Lakatoi. 
Dieses  ist  ein  durch  Verbindung  von  drei  oder  mehr  weiten 
Kähnen  miteinander  hergestelltes  Fahrzeug  der  Eingeborenen. 
Worum  es  sich  dabei  handelt,  wird  gar  nicht  einmal  an- 
gedeutet.130!1 

Den  Papua  von  Deutsch  Neu-Guinea  (Kaiser  Wilhelms- 
Land)  wären,  wenn  es  nach  HAGEN  ginge,  „gewisse  Laster" 


Melanesier 


95 


der  Eingeborenen  vom  Bismarck-  und  Salomonsarchipel  „ganz 
unbekannt".131 

Nach  WAHNES  wird  unter  den  Papua  von  Neu-Guinea, 
den  Kai-Leuten  bei  Finschhafen  und  den  B  ongu  bei  Stephans- 
ort, wer  keine  Frau  hat,  verachtet.  Es  gilt  das  Junggesellen- 
tum  als  Zeichen  von  Impotenz.132  Derselbe  Gewährmann 
weiß  auch  von  einem  „obszönen"  Tanze  zu  berichten.  In  Bongu 
kauern  Männer  in  zwei  Reihen  nieder;  ein  Mann  läuft  mit 
gebeugten  Knien  zwischen  ihnen  auf  und  ab,  beständig  ulde 
rufend,  was  begatten  heißt.133  Bei  diesen  Stämmen  wird  die 
Begattung  nach  Art  der  Vierfüßler  und  nur  im  Freien  voll- 
zogen; geübt  wird  jedoch  auch  geschlechtliche  Befriedigung 
beim  Weibe  unter  den  Brüsten  von  der  Seite  her.132 

Von  „etwas  vorzeitigen  Vergnügungen"  bei  den  Papua 
von  Finschhafen  (Kaiser  Wilhelms-Land)  berichtet  ganz  all- 
gemein SCHELLONG.  Beim  Papua  von  Finschhafen  er- 
wacht nach  diesem  Beobachter  mit  13  bis  14  Jahren  der 
Geschlechtstrieb.  Die  Beschneidungfestzeit  heißt  Barium, 
der  Beschnittene  Ssagus.  Offene  Verletzungen  von  Anstand 
und  guter  Sitte  sollen  im  Leben  dieser  Leute  gänzlich  aus- 
geschlossen und  auch  bei  der  nackt  gehenden  Jugend  nicht 
zu  befürchten  sein.  Der  Koi'tus  wird  in  vollster  Heimlichkeit 
im  Busch  ausgeführt.  Wer  ihn  andere  wahrnehmen  läßt 
oder  wer  ihn  bei  anderen  belauscht,  gilt  als  meijing,  was 
wahrscheinlich  verrückt  oder  blödsinnig  bedeutet,  da  der 
Papua  beim  Aussprechen  dieses  Wortes  sich  an  die  Stirn 
faßt.  Junggesellen,  Gna  tengoom,  in  vorgeschrittenen  Jahren 
sind  eine  Seltenheit.134 

Herr  Dr.  MAX  MOSZKOWSKI,  der  kürzlich  von 
einer  Forschungexpedition  nach  Holländisch  Neu-Guinea 
heimgekehrt  ist,  versichert  dem  Verfasser,  daß  dort  im 
Männerhause,  in  Doreh  Rum  sram,  in  Pauwi  am  Mamberamo 
Mampussia  geheißen  (nicht  Kanuwai  oder  Karuwari,  was 
von  Korvar,  Ahnenbild,  abzuleiten  sei),  Masturbation  und 
Podikation  häufig  und  völlig  ungeniert  ausgeübt  werden. 

Sorgfältige  Studien  KOHLERs  über  das  Recht  der 
Papua  haben  ergeben,  daß  bei  ihnen  Bestrafung  gleichgeschlecht- 
licher Akte  niemals  üblich  war.134  ä 


g6  Die  negerartigen  Naturvölker 

2.  Die  Kanaken 

a)Die  Eingeborenen  desBismarck-Archipels 

Den  Eingeborenen  der  Bismarck-Inseln  sind  laut  HAGEN 
„gewisse  Laster  geläufig".131 

Von  den  Leuten  der  im  Bismarck-Archipel  unweit  der 
Küste  von  Neu-Guinea  bei  Finschhafen  gelegenen  Insel  Tamion- 
gedu  hat  der  Missionar  BAMLER  durch  den  Oberstabsarzt 
DEMPWOLFF  Einzelzüge  ihres  intimsten  Geschlechtslebens 
bekannt  werden  lassen.  Die  T  a  m  i  s  huldigen  neben  dem 
ehelichen,  der  Fortpflanzung  dienenden  Geschlechtsverkehr  als 
Regel  noch  freier  Liebe,  welche  lediglich  das  Vergnügen  zum 
Zwecke  hat.  Für  das  freie  Liebesverhältnis  gibt  es  ein  besonderes 
aus  dem  Stamm  für  Damo  (Mann)  oder  Diwi  (Weib)  und  dem 
Possessivpräfix  oder  Besitzzeichen  für  einen  Genußgegenstand 
zusammengesetztes  Wort,  Kangdamo  oder  Kangdiwi,  zu  deutsch 
„Genußmann"  und  „Genußweib"  oder  „Genußmensch"  über- 
haupt. Während  es  im  Eheleben  überaus  schamhaft  zugehen 
soll  und  Beischlaf  nur  in  Form  gegenseitiger  Umarmung  statt- 
findet, werden  mit  dem  Genußmenschen  andere  Verkehrsformen 
geübt,  wie  Tadedyong  kamoada,  bei  welcher  das  Weib  über 
dem  liegenden  Manne  hockt  und  „Okularinspektion"  stattfindet. 
Der  Kuß,  auch  der  Zungenkuß,  soll  unbekannt  sein,  jedoch  in 
der  Erregung  Beißen  vorkommen.  Nächtliche  Pollutionen  sieht 
die  lebhafte  Phantasie  der  Tami-Leute  für  Wirkung  des  Ge- 
schlechtsverkehrs mit  Geistern  an:  Aweawe  tarn  geit.  Ein  Geist, 
je  nach  der  Geschlechtsrichtung  des  Erregten  in  Gestalt  eines 
Kangdamo  oder  einer  Kangdiwi,  legt  sich  nachts  zu  dem  Träu- 
menden und  fliegt  am  Morgen  als  Schmetterling  wieder  von 
dannen.  Onanie  würde  von  Kindern  getrieben,  Päderastie 
komme  „nur"  bei  Knabenspielen  vor.  l3° 

Die  Eingeborenen  der  Insel  B  i  r  a  r  a  (Neubritannien, 
Neupommern)  sind  nach  dem  Grafen  PFEIL  einem  „Laster" 
zugetan,  von  dem  man  weiß,  daß  es  auf  Tombara  (Neuirland, 
Neumecklenburg)  allgemeine  Verbreitung  hat,  jedoch  in  ge- 
ringerem Grade.  Dieses  Laster  ist  eine  wechselseitige  Mastur- 
bation, deren  die  Birara  gelegentlich  sich  gegenseitig  beschul- 
digen.136 


Melanesier 


97 


Auf  der   Gazellehalbinsel  (Neu- Pommern) ,  besonders  im 
Nordosten    der    Insel,    bestehen    geheime    Verbindungen    der 
Männer,   Marawot  oder  Ingiet,   welche  eine  weit  in  die   Ver- 
gangenheit des  Volkes  zurückreichende  Einrichtung  darstellen. 
Zuverlässige  Angaben  über  sie  zu  erlangen,  ist  nach  R.  PAR- 
KINSON   recht  schwierig.     Einer  ihrer  Hauptzwecke  ist,  die 
Mitglieder  in  das  Zauberwesen  einzuführen  und  sie  mit  den 
zahlreichen   Zauberformeln   bekannt   zu   machen,    welche   ent- 
weder häusliches  Glück,   Gedeihen  der  Familie,   Schutz  gegen 
Krankheiten  und  böse  Geister  (Ingiet  warawaququ  oder  mora- 
mora,   d.    h.    der  glücklich   machende   Zauber,   ququ    =    froh, 
glücklich  sein),  herbeiführen,  oder  aber  Krankheiten,  Verderben 
und   Tod   über   mißliebige   Nebenmenschen   heraufbeschwören 
sollen    (Ingiet    na    matmat    oder    winerang,    der    todbringende 
Zauber,  mat  =  tot).    Die  Ingiet  geben  auch  Zaubergegenstände, 
wie   einfache   oder   an   den   Enden   mit   Tabuschnecken   oder 
Peleblättern  verzierte,  heilkräftig  gemachte  Fäden  oder  Schnüre, 
Kunubu,  aus,  die  vom  Volke  zur  Vorbeugung  einer  Erkrankung 
oder   zur   Heilung   einer    Krankheit   getragen   werden.      Viele 
Knaben  werden  schon  im  Kindesalter  in  den  Ingiet  aufgenommen, 
erlernen  dann  aber  erst  später  den  z.  T.  obszönen  Bundestanz, 
der  auch  Ingiet,  Iniet  oder  Ingiat  heißt.    An  diesem  dürfen  sie 
bald  teilnehmen,  da  ein  Knabe  auf  Neu-Pommern  bereits  mit 
14   oder  15  Jahren  in  seinem  ganzen  Auftreten  und  Betragen 
völlig  einem  erwachsenen  Manne  gleicht.     Die  Einführung  in 
einen  Ingiet  berechtigt  zum  Beitritt  zu  allen  anderen  Ingiet- 
verbindungen.    Der  Ingiet  ist  so  tief  mit  dem  ganzen  seelischen 
Leben  der  Eingeborenen  verwachsen,  daß  keine    Überredung 
der  Missionare,  geschweige  denn  der    Machtbefehl   einer    Be- 
hörde, imstande  wäre,   ihn  auszurotten.    Der  Ingiet  würde  sich 
weiter  erhalten  und  sich  nur  noch  in  tieferes  Geheimnis  hüllen, 
als  das  heute  der  Fall  ist.     Für  ihre  Versammlungen  haben 
die  Ingiet-Mäxmer  ihren  besonderen  Platz  (Marawot  oder  Mora- 
tnora)  mit  einem  zentralen  Tanzplatz  (Baiana  marawot ;  Baiana 
=  Bauch,  Mittelpunkt).  Der  ganze  Festplatz  mit  der  auf  ihm 
befindlichen    Hütte   wird   durch   einen   hohen,    dichten   Zaun 
abgesperrt,  um  den  uneingeweihten  Weibern  und  Kindern  die 
Beobachtung  der  Vorgänge  auf  ihm  unmöglich  zu  machen.137 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  7 


q8  Die  negerartigen  Naturvölker 

Bei  den  Ingietiesten  nun,  insonderheit  bei  der  festlichen 
Aufnahme  der  Knaben  als  neuer  Mitglieder,  werden  von  den 
Tänzern  Gesänge  im  höchsten  Falsett  angestimmt  und  Tänze 
aufgeführt,  welche  sich  von  den  sonstigen  öffentlichen  Tänzen 
durch  periodisches  gleichzeitiges  Aufstampfen  eines  Fußes  aller 
Tänzer  auf  den  Erdboden  und  gewisse  „Obszönitäten"  unter- 
scheiden. Diese  ,, Obszönitäten"  bestehen,  da  nur  Männer  und 
Knaben  zugegen  sind,  aus  gleichgeschlechtlichen  Akten.  Sie 
werden  an  den  Novizen  vor  den  Augen  aller  Anwesenden  voll- 
zogen. Ein  älterer  Ingiet  verläßt  den  Baiana  marawot  und 
kehrt  völlig  nackt,  von  oben  bis  unten  mit  Kalk  beschmiert, 
wieder.  In  den  Händen  hält  er  das  eine  Ende  einer  Kokos- 
matte, und  alsbald  zerrt  er  sich  mit  einem  der  jugendlichen 
Novizen  eine  Zeitlang  herum,  bis  beide  übereinander  purzeln 
und  zu  Boden  fallen,  auf  welchem  die  ,, Scheußlichkeit"  vor 
sich  geht.  Alle  Neuaufgenommenen  ohne  Ausnahme  müssen 
sich  der  Reihe  nach  dieser  Prozedur  unterwerfen.138  Der  Ge- 
währmann bemerkt,  daß  Sodomie  (Podikation)  nach  den 
Begriffen  der  Eingeborenen  eine  Unsitte  nicht  sei,  da  man 
sie  mehr  als  eine  „lächerliche"  Handlung  betrachte.  Es  erfordere 
eine  jahrelange  Bekanntschaft  mit  den  Eingeborenen  und  ein 
unbedingtes  Vertrauen  zu  dem  Frager,  wenn  ein  solches  Natur- 
kind dazu  gebracht  werden  solle,  diese  Sache  zu  verraten. 
Freilich  nicht,  weil  er  sich  ihrer  schäme  und  sie  für  Unrecht 
halte,  denn  „alle  anderen"  Eingeborenen  täten  genau  dasselbe 
und  seine  Vorfahren  hätten  ebenso  gehandelt.  Sollten  ihm 
dennoch  Skrupel  kommen,  dann  tröste  er  sich  mit  dem  Ge- 
danken, daß  es  nun  einmal  gebräuchlich  sei.  Der  Kanake 
sei  aber  dermaßen  von  der  dem  Geheimbunde  innewohnenden 
Macht  überzeugt,  daß  er  sich  vor  dessen  Zauberwesen  wie  vor 
nichts  anderem  fürchte.  Des  Gewährmannes  Aufzeichnungen 
beruhen  auf  ausführlichen  genauen  Mitteilungen  von  Ein- 
geborenen und  sind  ihm  von  seiten  der  weißen  Missionare  wie 
von  den  farbigen  Lehrern  verschiedentlich  durchaus  bestätigt 
worden.  Die  Kaiserlich  deutsche  Behörde  habe  neuerdings  auf 
Veranlassung  der  christlichen  Missiongesellschaft  Maßregeln 
ergriffen,  um  diesem  „Unwesen"  zu  steuern.  Es  sei  aber 
fraglich,  ob  das  Verbot  eine  Wirkung  haben  werde.     Höchst 


Melanesier 


99 


wahrscheinlich  werde  das,  was  vordem  in  halber  Öffentlichkeit 
geschah,  alsdann  im  geheimen  weitergetrieben  und  dadurch  das 
Übel  nur  verschlimmert  werden.  Ein  so  tief  wurzelnder  Aber- 
glaube lasse  sich  nicht  auf  einmal  durch  ein  Machtgebot  ver- 
nichten. Erst  müsse  der  Aberglaube  ausgerottet  werden  und 
das  könnten  einzig  die  Missionare  vollbringen,  allerdings  nicht 
in  wenigen  Dezennien.  Blühe  doch  in  Europa  trotz  vielhundert- 
jährigen Christentums  noch  heute  manch  alter  Aberglaube, 
gegen  den  die  Kirche  nichts  auszurichten  vermöge  und  so 
werde  es  auch  bei  den  Kanaken  gehen.  Die  nach  seiner  Auf- 
fassung aus  dem  Ingiet  entspringenden  „Scheußlichkeiten" 
könnten  vielleicht  eingeschränkt,  mit  den  Jahren  sogar  völlig 
abgeschafft  werden,  aber  das  damit  verbundene  Zauberwesen 
und  das  Anrufen  der  Geister  werde  noch  lange,  wenn  auch  im 
geheimen,  blühen  und  seinen  Einfluß  ausüben.139  Nach  der 
Meinung  des  Verfassers  dieser  Schrift  dürfte  es  sich  damit 
gerade  umgekehrt  verhalten. 

Auf  der  Neu-Lauenburg- Gruppe  ist  nach  PARKINSON 
die  /ngt'rfverbindung  ebenso  allgemein  verbreitet  wie  auf  der 
Gazellen-Halbinsel.  Man  sei,  obgleich  christliche  Missionen 
dort  seit  etwa  1875  tätig  sind,  womöglich  in  diesem  Kultus  des 
krassesten  Aberglaubens  noch  strenger  und  gehe  noch  weiter, 
als  auf  der  Gazellenhalbinsel,  obgleich  von  weißen  wie  von 
farbigen  Lehrern  dagegen  geeifert  würde  —  ein  Beweis,  wie 
wenig  es  gelinge,  den  Geheimbünden  beizukommen.140 

Diesen  Kanaken  muß  übrigens  ein  besonders  empfänglicher 
Sinn  für  männliche  Jugendschönheit  eigen  sein  und  zwar  nicht 
nur  den  Weibern,  sondern  auch  den  Männern.  Wie  WIN- 
THUIS  berichtet,  feiert  der  Nordoststamm  der  Gazelle-Halb- 
insel in  seiner  bilderreichen  und  dadurch  für  Europäer  schwer 
verständlichen  Sprache  schöne  Jünglinge  auf  die  mannigfachste 
Art.  Seine  Bilder  entlehnt  er  der  Natur  und  seinem  Wirt- 
schaftsleben. Er  vergleicht  den  bildschönen  Jüngling  dem 
glatten  Holze;  er  ist  ihm  ein  Hai  —  und  was  für  einer;  wie 
ein  Reicher  vom  armen  Volke  wird  der  Schöne  von  allen 
angestaunt  und  bewundert;  mit  den  für  Männer  und  Frauen 
bestimmten  Betelnüssen  will  man  nur  ihn  allein  beschenken; 
er  ist  wie  das  was  bei  der  Speise  oben  aufliegt:  Fleisch  oder 

7* 


IOO  Die  negerartigen   Naturvölker 

Fisch,  das  Beste  und  von  jedem  am  meisten  Begehrte  des 
Essens;  er  ist  wie  das  Blatt,  in  dem  die  Speise  aufgetragen 
wird,  unzerrissen,  prächtig  und  tadellos.141 

Es  wäre  höchst  interessant  zu  erfahren,  wie  die  S  u  1  k  a 
auf  Neu-Pommern  über  gleichgeschlechtlichen  Verkehr  denken, 
da  nach  ihrer  Auffassung  durch  den  geschlechtlichen  Verkehr 
zwischen  Mann  und  Weib  beide  Personen  verunreinigt  werden. 
Worin  diese  Verunreinigung,  Sile  oder  Sie  genannt,  besteht, 
sollen  die  Sulka  selbst  nicht  angeben  können.  Ein  junges 
Ehepaar  muß  sich  von  Sie  durch  ein  Verfahren,  parur  o  Sie 
mang,  reinigen,  in  welchem  die  Beteiligten  durch  ältere  Ge- 
schlechtsgenossen unterwiesen  werden.  Die  mit  Sie  behafteten 
werden  sonst  von  allen  gemieden.  Auch  diejenigen  Personen, 
welche  nur  zwei  andere  in  geschlechtlichem  Verkehre  betrafen 
(rum  o  Sie),  bedürfen  dieser  Reinigung  durch  vereinfachtes 
Verfahren  (RASCHER). 14I|2 

Obwohl  die  Kanaken  in  gleichgeschlechtlichen  Akten  sonst 
nichts  zu  erblicken  pflegen,  was  gegen  die  Moral  verstößt, 
bekunden  sie  doch  dabei  ein  sehr  stark  entwickeltes  Zartgefühl 
für  die  feinere,  höhere,  eigentliche,  nicht  geschlechtliche  Moral, 
welche  im  heutigen  europäischen  Kirchenchristentum  fast  ganz 
durch  die  geschlechtliche  Moral  erdrückt  wird.  Eine  hübsche, 
von  JOS.  MEIER  mitgeteilte  Erzählung  der  eingeborenen 
Küstenbewohner  der  Gazelle-Halbinsel  möge  diese  Behauptung 
rechtfertigen.  In  der  Erzählung  „Ein  sonderbares  Ereignis 
beim  Steigen  auf  das  Ingiet-Kletterhaus"  betrügen  Ingietleute 
den  jungen  Koch  ihrer  Speisen  mehrmals  um  seinen  verdienten 
Anteil,  indem  sie  ihm  eine  Besorgung  auftragen  und  inzwischen 
seinen  Anteil  verzehren.  Der  Knabe,  von  seinem  Vater  zu 
Hause  gefragt,  was  er  gegessen  habe,  klagt  diesem  sein  Geschick. 
Und  der  Vater,  der  kein  Ingiet-Mitglied  ist,  übergibt  seinem 
Sohne  geheime  Zauberdinge.  Wie  dann  nach  Besteigen  des 
Kletterhauses  die  Ingietleute  auf  der  Plattform  stehen,  beugt 
sich  plötzlich  das  Kletterhaus  auf  den  Boden  und  schlägt  dort 
auf.  Die  schuldigen  Ingietleute  werden  alle  in  Lokokiakia,  in 
die  leblosen  Gegenstände  verwandelt,  welche  sie  bei  ihrem  Sturze 
berühren,  in  einen  Strauch,  einen  Farnstock,  eine  Schmarotzer- 
pflanze, einen  Steinblock,  eine  Bodenerhebung,  während  dem 


Melanesier  IOI 

betrogenen  Knaben  nicht  das  geringste  geschieht.142  —  Es 
herrscht  möglichste  geschlechtliche  Freiheit,  auch  für  Päde- 
rasten  —  aber  der  „leichte"  Betrag,  der  Mißbrauch  des  Schwä- 
cheren, gilt  als  todeswürdige  Gemeinheit!  Wie  weit  sind  doch 
diese  armen  ungläubigen  „Wilden"  noch  hinter  der  „wahren", 
der  Kirchen-Kultur  zurück!  Es  ist  höchste  Zeit,  daß  darin 
Wandel  geschaffen  wird! 

Die  „unsittlichsten"  Kanaken  dürften  nach  dem  Grafen 
PFEIL  die  Eingeborenen  von  Tombara  (Neuirland,  Neumecklen- 
burg) sein,  deren  Weibern  vor  und  auch  nach  der  Heirat  das 
Recht  zustehen  soll,  ihre  Gunst  beliebig  zu  verschenken,  während 
dieses  bei  den  Birara  (Neubritannien.  Neupommern)  entschieden 
nicht  der  Fall  sei.  Auf  Tombara  wird  außerdem  wechselseitige 
Masturbation  unter  Männern  nach  demselben  Zeugen  in  solchem 
Umfange  ausgeübt,  daß  die  Männer  angeblich  ihrer  Frauen 
zur  Befriedigung  ihres  Geschlechtstriebes  nicht  bedürfen.  Zwei 
Männer  legen  ihre  Penis  aneinander,  umwickeln  beide  mit 
einem  Blattstück,  kitzeln  sie,  und  setzen  dann  ihre  Körper  in 
schwingende  Bewegung,  bis  das  beabsichtigte  Ziel,  der  Samen- 
erguß, erreicht  ist.  Von  der  Wirkung  dieser  Gewohnheit  auf 
die  Rassenvermehrung  hat  man  nach  dem  Grafen  PFEIL  noch 
keine  Kenntnis;  gleichwohl  bezeichnet  er  sie  als  „verderb- 
lich".136 

Jedenfalls  hindert  die  „üble  Gewohnheit",  wenn  sie 
wirklich  so  verbreitet  sein  sollte  und  hier  nicht  wieder  einmal 
die  noch  üblere  Gewohnheit  des  Übertreibens  vorhegt,  die 
Männer  durchaus  nicht  daran,  sich  in  das  Joch  einer  Ehe  zu 
begeben.  Denn  zwei  deutsche  Forschungreisende,  der  Marine- 
Stabsarzt  EMIL  STEPHAN  und  der  gelehrte  Forscher  FRITZ 
GRAEBNER,  welche  1904  die  Inseln  von  der  Küste  von 
Umuddu  bis  zum  Kap  St.  Georg  bereisten,  haben  nur  einen 
einzigen  mannbaren  Junggesellen  an  der  ganzen  Küste  in 
Laklak  kennen  gelernt.  Dieser,  namens  A  m  b  o  i  w  o  s  s, 
zählte  etwa  23  Jahre  und  hatte  noch  nie  ein  Weib  berührt. 
Seine  „Entschuldigung"  lautete  „ich  bin  zu  arm,  ich  bin 
zu  faul".143  Hätten  die  Forscher  versucht,  zu  ermitteln,  ob 
Homoerotik  hinter  dieser  Armut  und  Faulheit  stecke,  würden 
sie  diese  Entschuldigung  vielleicht  als  eine  faule  erkannt  haben. 


102  Die  negerartigen    Naturvölker 

Gewiß  darf  man  annehmen,  daß  die  Einrichtung  der  von  den 
genannten  Forschern  genau  beschriebenen  Junggesellenhäuser 
bei  diesen  Kanaken  gleichgeschlechtlicher  Betätigung  eher 
förderlich   ist   als  ihr   im  Wege  steht. 

Im  Museum  für  Völkerkunde  zu  Leipzig  befindet  sich  ein 
mit  bunten  Farben  bestrichenes  Holzschnitzwerk  aus  Neu- 
Irland  (Sammlung  Weber  1882-3,  No.  279).  Es  war  vor 
einem  Kanakenhause  aufgestellt  gewesen  und  zeigt  ein  auf 
einem  bäuchlings  liegenden  Kanaken  den  Analkoitus  voll- 
ziehendes, mit  Papageienschnabel  und  -Krallen  bewehrtes 
Fabeltier.  FRIEDRICH  S.  KRAUSS  deutet  das  Schnitz- 
werk so:  Ein  Kanake  litt  unter  wollüstigen  Alpträumen.  Um 
sich  den  gefürchteten  Besuch  des  Alps  vom  Leibe  zu  halten, 
stellte  er  das  Schnitzwerk  vor  seinem  Hause  auf,  damit  der 
getäuschte  Alp  im  Glauben,  der  Platz  sei  schon  besetzt,  seines 
Weges  ziehen  und  den  Mann  in  Ruhe  lassen  möge.  KRAUSS 
meint,  in  der  sotadischen  Zone,  zu  der  Neu-Irland  wohl  gehöre, 
erleide  der  Kanake  im  Traume  nur,  was  ihm  auch  in  nüchterner 
Wirklichkeit  nichts  Ungewohntes  sei.141 

SORGE  glaubt  nicht,  daß  Paederastie  auf  den  Nissan- 
Inseln  im  Südosten  von  Neumecklenburg  geübt  wird,  wenig- 
stens hat  er  noch  nie  etwas  darüber  gehört  —  was  freilich 
wenig  beweist.  Als  Frauen  verkleidete  Männer  gebe  es  dort 
auch  nicht.141 


b)     Die     Eingeborenen    der    Salomonsinseln 

er  5 
„gewisse  Laster  geläufig".131 


Den  Eingeborenen  der  Salomons-Inseln  sind  laut  HAGEN 


c)  Die  Eingeborenen  der  Neu-Hebriden 
Der  französische  Arzt  JACOBUS  X  .  .  .  lernte  auch  in 
Santo  auf  den  Neu-Hebriden  einen  Eingeborenen  mit  künst- 
licher Hypospadie  des  Penis  kennen;  sie  war  ihm  zur  Zeit 
seiner  Pubertät  durch  einen  Talcata  (medizinischen  Zauberer) 
anoperiert  worden  und  der  Spalt  reichte  von  der  Eichel  bis  zur 
Wurzel  des  Hodensacks.  Nach  der  Operation  war  ihm  die 
Wunde  mit  gekauten  Kräutern  bedeckt  und  um  den  Penis 
eine  Binde  aus  feiner  Baumrinde  gelegt  worden.     Der  Träger 


Melanesier 


103 


dieser  Hypospadie  behauptete,  daß  er  nicht  der  einzige  so 
Operierte  im  Lande  sei,  die  Operation  vielmehr  ziemlich  häufig 
an  durch  den  Häuptling  bestimmten  Personen  von  dem 
Takata  ausgeführt  würde.1"0 

Der  in  Noumea  beschäftigte  junge  Eingeborene  der  Neu- 
Hebriden  findet  nach  dem  Arzte  JACOBUS  X.  .  .  schwer  Ge- 
legenheit zur  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  mit  dem  Weibe. 
Das  Weib  seiner  eigenen  Rasse  soll  den  ihm  ergötzlicheren  und 
lohnenderen  Umgang  mit  dem  weißen  Manne  vorziehen.  Und 
was  die  weißen  Weiber  angehe,  so  sei  es  leichter  für  ihn,  eine 
Nadel  in  einem  Heuhaufen  zu  finden.  Der  junge  Neu-Hebride, 
ohne  einen  Pfennig  Vermögen,  habe  gar  keine  Aussicht,  für 
seine  Person  Liebe  zu  erwecken.  Vielmehr  sei  er  ein  Gegen- 
stand des  Abscheus  selbst  für  die  weiße  Freigelassene  oder  das 
Weib  eines  Verbannten,  auch  wenn  es  nicht  eben  wählerischen 
Geschmack  besitze.  Dieser  Zustand  führe  die  jungen  Ein- 
geborenen wie  bei  den  Neu-Kaledoniem  gewaltsam  zur  Päde- 
rastie. Ohne  durchschlagende  Beweise  dafür  erbringen  zu 
können,  hat  der  Gewährmann  den  Eindruck  gewonnen,  daß 
dieser  gleichgeschlechtliche  Verkehr  sich  ohne  die  ausgeklügelten 
Wollüste  der  Orientalen  vollziehe  und  der  Neu-Hebride  in  seiner 
Notlage  nur  das  französische  Sprichwort  anwende:  „Wer  keine 
Drosseln  hat,  der  ißt  eben  Amseln".  Er  genieße  die  Amseln 
einfach  geröstet,  ohne  Brühe  und  ohne  das  Tier  mit  Speck 
gespickt  zuhaben.  Er  wolle  lediglich  seinem  Liebedrang  Genüge 
tun  unter  steter  Bereitschaft,  ein  Gleiches  zu  gewähren.  Weit  sei 
er  davon  entfernt,  sich  dessen  zu  rühmen,  denn  nur  sehr  schwer 
bringe  man  ihn  dazu,  die  Wahrheit  einzugestehen.  Dem 
Gewährmanne  gelang  das  nur  mittels  einiger  Silbermünzen 
als  Lockspeise  und  unter  der  Zusicherung  tiefsten  Geheim- 
nisses.14' 

d)  Die  Eingeborenen   N  e  u -K  a  1  e  doniens 

Der  Neu-Kaledonier  geht,  wie  der  Marinearzt  PATOUIL- 
LET  1873  angibt,  so  nackt,  daß  aus  einem  Paar  Handschuhen 
die  ganze  feinste  Toilette  für  zehn  Eingeborene  hergestellt 
werden  könnte.  Indessen  beleidige  die  Nackheit  dieser  Schwarzen 


ICM  Eie  negerartigen   Naturvölker 

das  Europäer-Auge  nicht  so  wie  die  der  Weißen,  im  Gegenteil, 
sie  wirke  so,  als  sei  der  Schwarze  vollkommen  bekleidet.148 

JACOBUS  X  .  .  .  schildert  die  männlichen  Geschlechts- 
organe der  Neukaledonischen  Kanaken  als  wohl  gebildet,  aber 
nicht  so  mächtig  entwickelt  als  die  der  Neger.  Sie  stehen  in 
der  Mitte  zwischen  dem  Neger  und  dem  Mitteleuropäer.  Der 
Penis  in  der  Erektion  halte  14  bis  18  Zentimeter  Länge  bei 
3%  bis  5  Zentimeter  Durchmesser,  selten  mehr,  bis  19  Zentimeter. 
Der  Durchschnitt  sei  16  :  4.  Die  Eichel  sei  nicht  schwarz  wie 
die  des  Negers  und  dunkler  als  die  Penishaut,  vielmehr  lebhaft 
rot;  der  Neu-Kaledonier  gleiche  hierin  manchem  Italiener, 
z.  B.  einem  Sizilianer.149 

Der  Ingenieur  JULES  GARNIER  hat  zwischen  1863  und 
1867  einem  den  Europäern  dargebotenen  Schauspiel  an  der 
Ostküste  Neu-Kaledoniens  beigewohnt.  Dreißig  bis  vierzig 
unter  den  Schönsten  des  Stammes  ausgesuchte  junge  Männer 
holten  eine  Last  und  stürmten  alle  zusammen  im  Laufschritt 
über  die  Ebene  mit  ihrer  schweren  Bürde,  die  sie  zu  Füßen 
ihrer  Häuptlinge  niederlegten.  Alsdann  kehrten  sie,  immer 
laufend,  zu  einem  großen  Haufen  Jamswurzeln  zurück,  um 
eine  neue  Ladung  davon  mitzunehmen,  und  so  fort.  Auf  diesem 
ungestümen  Laufe  folgte  ihnen  die  erregte  Menge,  umtanzte 
sie  und  schwang  dabei  ihre  Waffen.  Das  eigenartige  Schau- 
spiel hätte  jeden  Europäer  gefesselt;  kein  Maler,  kein  Bildhauer 
wäre  wohl  müde  geworden  in  Bewunderung  der  jugendlichen 
Eingeborenen.  Schönere  Menschenexemplare  hätten  selten  in 
einem  Atelier  Modell  gestanden.150  GARNIER  versäumt 
nicht  hervorzuheben,  wie  die  Neu-Kaledonier  bei  ihren  Festen 
gegenüber  Fremden  ängstlich  den  Anstand  wahren.101 

Der  Neukaledonier  ist  nach  MONTROUZIER  nicht  sehr 
liebenswürdig;  vergebens  hat  aber  der  Franzose  nach  einer 
anderen  Tugend  bei  ihm  gesucht.  Er  ist  intelligent,  aber  faul, 
schurkisch,  grausam  und  über  jeden  Ausdruck  geil.152  Der 
Marine-Chirurg  V.  DE  ROCH  AS  fand  auf  Neukaledonien  die 
moralische  Erziehung  der  Kinder  völlig  vernachlässigt,  ja  sie 
war  gänzlich  unbekannt  und  es  fehlte  dem  Volke  sogar  ein 
Wort  für  diesen  Begriff.  Die  natürliche  Folge  davon 
sei  vorzeitiger   Geschlechtsverkehr,  eine  weniger  natürliche 


Melanesier  IO> 

aber,  daß  die  Ungebundenheit  in  ein  „gräßliches,  unquali- 
fizierbares  Laster"  ausarte,  für  das  die  wenigstens  in  Worten 
so  sehr  schamhaften  Engländer  eine  Bezeichnung  nicht  hätten 
finden  können;  jenes  Laster  nämlich,  das  die  Weiber  zu  über- 
flüssigen Möbeln  zu  stempeln  strebe.153 

Nach  BOURGAREL,  der  lange  Jahre,  bis  etwa  1860, 
unter  den  Neukaledoniern  lebte,  hausen  ihre  Weiber  für  sich 
allein  und  nur  selten  weilt  ein  Ehepaar  unter  demselben  Dache. 
Des  Nachts  kommen  die  Männer  zu  größeren  oder  kleineren 
Gruppen  in  einer  Hütte  zusammen  und  hier  ereignen  sich  die 
„unflätigsten"  Szenen,  über  die  der  Gewährmann  sich  nicht 
aussprechen  will.  Diese  „schreckliche  Ausgelassenheit"  sei  be- 
sonders zu  Kanala  in  außerordentlichem  Grade  verbreitet. 
Die  Entstehung  oder  die  Ursache  dieser  „Verderbtheit"  blieb 
dem  Zeugen  gänzlich  unbekannt.  Einige  hätten  gemeint,  da 
die  Insel  fast  nichts  hervorbringe,  seien  die  Kanaken  aus  Furcht 
vor  Hunger  darauf  bedacht,  daß  die  Bevölkerung  sich  nicht 
allzu  sehr  vermehre,  denn  ohnehin  seien  sie  während  eines  Teils 
des  Jahres  auf  fremde  Hilfe  angewiesen.  Aber  dieser  Mal- 
thusianismus habe  wenig  Wahrscheinlichkeit  und  eine  weniger 
verdorbene  Bevölkerung  würde  es  vorziehen,  den  Boden  fleißiger 
zu  bebauen,  um  nötigenfalls  eine  noch  zahlreichere  Bevölkerung 
ernähren  zu  können.  Andere  behaupteten,  die  Männer  ver- 
achteten gründlich  das  weibliche  Geschlecht;  die  Weiber  seien 
ihre  richtigen  Sklaven ;  und  da  sie  sich  von  diesen  nicht  wollten 
beherrschen  lassen,  hätten  sie  die  Gewohnheit  angenommen, 
sich  weit  von  ihrer  Gesellschaft  zu  entfernen,  um  unter  sich 
allein  leben  zu  können,  und  daher  stamme  die  „verdorbene 
Geschmacksrichtung".  Diese  Hypothese  aber  scheine  ihm  die 
Frage  bloß  zu  umschreiben,  nicht  jedoch  zu  beantworten. 
Endlich  habe  man  gemeint,  da  in  mehreren  Stämmen,  wie 
den  Kanala,  das  weibliche  Geschlecht  das  minder  zahlreiche 
sei  und  jeder  Edle  wenigstens  zwei  Frauen  habe,  sei  eine  große 
Menge  der  männlichen  Bevölkerung  gezwungen,  im  Zölibat 
(in  Ehelosigkeit)  zu  leben  und  hebe  daher  ...  (er  wagt  es  nicht 
auszuschreiben:  das  eigene  Geschlecht).  Diese  Ursache  schien 
dem  Zeugen  die  wahrscheinlichste,  denn  die  Strenge,  mit  der 
der   Ehebruch   bestraft   werde,   verschulde   sein   sehr   seltenes 


Io6  Die  negerartigen  Naturvölker 

Vorkommen;  es  gebe  dessenungeachtet  Weiber,  die  aus  der 
Prostitution  ein  Gewerbe  machten.  So  vermindere  sich  die 
Bevölkerungziffer  beständig  und  in  erschreckender  Schnellig- 
keit; der  Stamm  der  Balade  sei  dem  Erlöschen  nahe.154 

Noch  ein  dritter  französischer  Forscher  hat  1879  Mit- 
teilungen über  die  Lebensgewohnheiten  der  Neu-Kaledonier 
veröffentlicht,  aus  denen  hervorgeht,  daß  Päderastie  bei  ihnen 
Volkssitte  ist.  Nach  FOLEY  gibt  es  auf  Neu-Kaledonien 
Dörfer  verschiedener  Art.  Reiche  und  befestigte,  wie  Poepo, 
liegen  auf  einem  vollständig  geschützten  Platze.  Auf  dem 
Wege  von  Poepo  nach  Ballad  dagegen  trifft  man  andere, 
ärmere  und  unbefestigte,  weithin  sichtbare  Dörfer  in  weniger 
günstiger  Lage.  Die  Hütten  der  Eingeborenen  in  diesen  zweierlei 
Dörfern  sind  ebenfalls  verschieden.  In  den  befestigten  Dörfern 
hat  man  zwei  Arten  von  Hütten :  große  und  höhere,  ausschließ- 
lich zum  Gebrauche  der  Männer,  und  kleine,  niedrigere,  nur 
für  die  Weiber  mit  ihren  Kindern  bestimmt.  Alle  Hütten  einer 
Art  bilden  eine  für  sich  abgeschlossene  Gruppe.  Die  Hütten 
der  Männer  liegen  einander  gegenüber  und  grenzen  so  nahe 
aneinander,  daß  ein  Labyrinth  von  Gängen  gebildet  wird,  durch 
welche  ein  Ortsunkundiger  sich  gar  nicht  hindurch  findet;  alle 
Männerhütten  sind  reich,  aber  so  gleichartig  verziert,  daß  sie 
sich  nicht  von  einander  unterscheiden  lassen;  die  Gruppe  der 
Männerhütten  wird  ganz  von  Pfahlwerk  eingeschlossen.  Die 
Hütten  der  Weiber  sind  einfach  verziert  und  liegen  außerhalb 
der  Befestigung.  In  den  ärmeren  Dörfern  bewohnen  zwar  beide 
Geschlechter  eine  und  dieselbe  Hütte,  welche  vollständig  unter 
Bäumen  verborgen  liegt  und  daher  schwer  zu  finden  ist;  aber 
die  Männer  schlafen  auf  der  einen,  die  Frauen  mit  den  Kindern 
auf  der  anderen  Seite  der  Hütte.  Außer  den  seßhaften  Dorf- 
bewohnern birgt  die  Insel  noch  umherziehende  Nomaden- 
stämme, die  weder  Dörfer  anlegen  noch  überhaupt  feste  Hütten 
besitzen;  diese  Stämme  werden  in  den  Dörfern,  deren  Nähe 
sie  aufsuchen,  um  zu  lagern,  nicht  geduldet;  sie  reissen  dürres 
Kraut  aus  der  Erde,  fügen  es  zu  einem  Haufen  und  zünden 
es  an;  halten  sie  den  Boden  durch  die  Glut  des  Feuers  für 
genügend  erwärmt,  so  löschen  sie  das  Feuer  und  strecken  sich 
in  der  Asche  zum  Schlafe  aus;  auch  bei  diesen  Nomaden  aber 


Malanesier 


107 


schlafen  die  Männer  von  den  Frauen  getrennt.  Außer  der 
Sitte  der  nächtlichen  Geschlechtertrennung  haben  alle  Stämme 
Neu-Kaledoniens  noch  die  Sitte  gemeinsam,  daß  sie  ihren 
Geschlechtstrieb  niemals  in  der  Hütte,  sondern  nur  im  Gehölz 
befriedigen  und  daß  der  Begattungakt  in  der  Stellung  der 
Hunde  vollzogen  wird.  Diese  Naturvölker  bilden  zwar  Familien- 
verbände, in  denen  die  Eltern  ihre  leiblichen  Kinder,  die  Kinder 
ihre  Eltern  und  auch  die  Geschwister  einander  als  solche 
kennen ;  aber  es  fehlt  ihnen  der  häusliche  Herd  und  das  gemein- 
same Gattenlager;  die  Einwohner  eines  Dorfes  speisen  gemein- 
sam und  die  beiden  Geschlechter  schlafen  getrennt.  Die 
Männer  stehen  untereinander  in  einer  mit  Päderastie  eng  ver- 
flochtenen, vielleicht  auf  ihr  beruhenden  Waffenbrüderschaft. 
Die  vielen  Frauen,  welche  zur  Zeugung  dienen,  sind  nur  Sklaven 
und  Lasttiere  der  Männer  und  werden  von  diesen  nach  Laune 
verstoßen ;  neben  ihnen  gibt  es  in  geringerer  Anzahl  alte  Weiber 
und  in  jedem  Dorfe  einige  Buhlerinnen;  die  alten  Weiber 
wissen  als  Zauberinnen  sich  Achtimg  zu  verschaffen  und  fertigen 
die  wenigen  Gerätschaften  an,  deren  man  bedarf;  die  Buhle- 
rinnen aber  sind  die  geborenen  Feinde  der  Päderastie;  sie 
suchen  durch  Putz  und  herausfordernde  Gebärden,  in  denen 
sie  es  zu  einer  großen  Kunst  bringen,  die  Männer,  und  zwar 
vornehmlich  die  Oberhäupter,  für  sich  zu  gewinnen.155 

Im  13.  oder  14.  Lebensjahre  erreicht  der  junge  Kanake 
nach  dem  französischen  Arzte  JACOBUS  X  .  .  .  das  Pubertät- 
alter.  Vor  dem  20.  Jahre  aber  kann  er  nicht  Krieger  werden. 
Da  er  bis  dahin  ein  weibliches  Wesen,  eine  Popine,  ohne  sich 
schwerer  Bestrafung  durch  seinen  Häuptling  auszusetzen,  nicht 
berühren  darf,  befände  er  sich  in  einer  mißlichen  Lage.  Das 
sei  der  Grund,  weshalb  der  junge  Kanake,  der  vor  der  Pubertät 
masturbiere,  sich  nach  erfolgter  Geschlechtsreife  dem  Anal- 
koitus zuwende  und  sich  damit,  so  gut  es  eben  gehe,  bescheide. 
Sobald  er  dürfe,  wende  er  sich  ganz  dem  Weibe  zu.  Er  sei 
nicht  so  wie  die  alten  Orientalen  geartet,  daß  er  sich  mit 
gleicher  Lust  dem  Weibe  und  dem  Manne  zuwende  und  mit 
größter  Leichtigkeit  die  aktive  und  die  passive  Rolle  bei  gleich- 
geschlechtlicher   Befriedigung    übernehme.      Der    Analkoitus 


jo8  Die  negerartigen  Naturvölker 

werde  von  ihm  rein  tierisch  ohne  alles  Raffinement  ausgeführt. 
Alle  Sodomiten  seines  Bekanntenkreises  unter  den  Kanaken 
haben  den  Gewährmann  die  Zeichen  aktiver  und  passiver 
Podikation  erkennen  lassen.166  Der  französische  Stabsarzt 
macht  hier  den  Fehler,  daß  er  in  gleichgeschlechtlichem  Ver- 
kehr immer  lediglich  Notdurft,  niemals  Naturveranlagung 
erkennt. 

Bei  seiner  Schilderung  der  2V*'a«-Feste  stellt  sich  der 
Pere  LAMBERT,  als  ob  er  keine  Ahnung  davon  hätte,  daß 
auch  Tänze  der  Männer  allein,  ohne  Weiber,  den  Prinzipien 
seiner  Kirchen-Moral  zuwider  laufen  könnten.  157 

e)    Die    Fiji-    oder    Viti-Insulaner158 

MARINER  teilt  mit,  auf  Fiji  wären  um  1817  die  Kinder 
von  ihren  Eltern  schon  mit  drei  oder  vier  Jahren  verheiratet 
oder  verlobt  worden;  die  Tonganer,  welche  Fiji  besuchten, 
hätten  darüber  Klage  geführt,  daß  ihnen  Umgang  mit  Weibern 
bei  der  großen  Eifersucht  ihrer  Ehemänner  unmöglich  gewesen 
sei.15s  Die  soziale  Stellung  der  Frau  war  auch  noch  um  1853 
nach  ERSKINE  eine  recht  hohe  und  der  Verkehr  der  Ge- 
schlechter unter  einander,  ohne  schwärmerische  Gefühle  aus- 
zulösen, ein  äußerst  zarter,  solange  nicht  das  schlechte  Beispiel 
des  weißen  Kulturmenschen  die  gute  Sitte  verdarb.  In  Rewa 
habe  der  Häuptling  Thakonauto,  der  mehr  als  die  meisten 
andern  Häuptlinge  diesem  üblen  Einflüsse  ausgesetzt  gewesen 
sei,  selber  die  Ausschweifungen  so  auf  die  Spitze  getrieben, 
daß  der  Häuptling  Thakomb au  bei  seinem  Besuche  in  Rewa 
Thakonautos  Haus  voll  Ekel  verlassen  habe.160 

Die  Beschneidung  ist  allgemein  in  Gebrauch.  Sie  wird 
an  den  Jünglingen  im  Alter  vom  16.  bis  zum  20.  Jahre  vor- 
genommen als  feierlicher  aber  nicht  religiöser  Akt.  Es  ereignen 
sich  dabei  Dinge,  „gegen  die  Einwendungen  gemacht  werden 
können"  ;  leider  sind  die  Vorgänge  nicht  geschildert,  doch  darf 
man  wohl  eben  deshalb  ohne  weiteres  auf  päderastische  Akte 
schließen.  Haben  sich  die  jungen  Männer  der  nationalen  Ein- 
richtung unterworfen,  so  wird  die  Macht,  über  sie  zu  herrschen, 
den  Weibern  übertragen,  welche  selten  unterlassen,  ihre  Gewalt 


Melanesier 


109 


in  recht  fühlbarer  Weise  auszuüben.1'  Da  aber  Vielweiberei 
gestattet  ist,  bleiben  schon  deshalb  viele  Männer  unbeweibt.162 
Diese  widmen  sich  besonders  dem  Waffendienste.  Die  Art, 
wie  das  geschieht,  ist  höchst  eigenartig  und  erweckt  den  An- 
schein eines  Verlöbnisses.  Von  den  beiden  Männern,  welche 
den  Waffenbund  eingehen,  spricht  man  als  von  Mann  und 
Frau,  „um  die  Innigkeit  ihrer  Verbrüderung  anzudeuten".  In 
dieser  gegenseitigen  Hingebung  verpflichten  sich  beide  zur 
Gemeinsamkeit  im  Wollen  und  Handeln,  einander  beizustehen 
in  jeder  Gefahr,  sich  wechselseitig  bis  zum  Tode  zu  verteidigen 
und,  wenn  nötig,  zusammen  zu  sterben.  Will  einer  der  beiden 
Männer  eine  Ehe  mit  einer  Person  des  andern  Geschlechts 
eingehen,  so  wird  der  bisherige  Kontrakt  förmlich  für  null 
und  nichtig  erklärt.  Ein  solches  soldatisches  Liebesverhältnis 
bestand  beispielsweise  zwischen  Mbetelambandei  und 
M  b  o  m  b  o  in  Vatukarakara.  Ersterer  fiel  in  der  Schlacht ; 
als  M  b  o  m  b  o  von  der  Gefahr  hörte,  in  der  sein  Freund 
schwebte,  eilte  er  zu  seiner  Hufe  herbei;  da  er  zu  spät  kam, 
tötete  er  sich  selbst,  um  den  Tod  seines  Freundes  zu  rächen.163 
Nach  SEEMANN  hätte  auch  „jeder  andere"  Fijianer  seinen 
Busenfreund,  an  den  er  sich  durch  die  stärksten  Bande  leiden- 
schaftlicher Zuneigung  gefesselt  fühle.1" 

Den  Strophen  ihrer  Lieder  gliedert  sich  stets  ein  Rund- 
gesang, Didena  genannt,  voll  unschicklicher  Anspielungen  an, 
die  selten  in  irgend  einer  Beziehung  zum  Inhalt  der  Lieder 
stehen;  aber  gerade  in  ihnen  erblickt  der  Fijianer  die  Feinheit 
und  den  Reiz  des  Liedes.  Unter  dem  „reinigenden"  Emflusse 
des  Christentums  nimmt  daher  ein  Eingeborener  an  den  nächt- 
lichen Tänzen,  welche  von  diesen  Liedern  begleitet  werden, 
nicht  mehr  teil.  Erst  die  Kenntnis  dieser  Tatsache  befähigt 
diejenigen,  welche  die  Gepflogenheit  der  Missionare,  den 
Nationaltanz  zu  mißbilligen,  verurteilen,  zu  der  nach  Meinung 


I  :; 


der  Missionare  einzig  richtigen  Auffassung 

Nach  WATERHOUSE  ist  die  durchschnittliche  Lebens- 
dauer des  Fijianers  nicht  groß  und  liefert  die  Naturgeschichte 
der  Fiji-Rasse  einen  besonders  reichen  Anteil  an  physischen 
Unregelmäßigkeiten,  wie  Albinos,  Hermaphroditen, 
Zwergen    und    sechsfingerigen    Familien.156      Unter     „Herma- 


HO  Die  negerartigen  Naturvölker 

phroditen"  sind  hier  wahrscheinlich  wieder  nur  weiblich  ver- 
anlagte Männer  von  zwitterhafter  Erscheinung  gemeint. 

GUSTAV  JÄGER  läßt  einen  Ungenannten  sagen: 
„BERTHOLD  SEEMANN  erzählte  lustige  homosexuale  Ge- 
schichten von  den  Fidschi-Inseln."""  Dieses  muß 
mündlich  geschehen  sein;  denn  die  durch  Zitate  nicht  belegte 
Behauptung  findet  sich  in  SEMANNNs  Werken  nicht  bestätigt; 
es  müßte  denn  die  Schilderung  des  Auftretens  eines  als  Weib 
verkleideten  und  ein  Weib  nachäffenden  Mannes  gemeint  sein, 
dessen  blosses  Erscheinen  bei  seinen  Zuschauern  eine  Flut  von 
Witzen  hervorrief  und  schallendes  Gelächter  auslöste,185  mit 
Homoerotik  darum  aber  nicht  notwendig  zu  schaffen  haben  muß. 

Unter  den  Fijianern  gibt  es,  wie  BASIL  THOMSON  1908 
feststellt,  „einige  Arten  von  Perversion,"  doch  sind  sie  nicht 
gewöhnlich.  Sie  werden  nach  ihm  für  verächtlich  angesehen, 
keineswegs  aber  als  verbrecherisch  und  schrecklich.  „Vergehen 
wider  die  Natur"  seien,  so  scheint  ihm,  auf  die  Inland- Stämme 
von  West-Vitilevu  beschränkt,  welche  am  wenigsten  durch 
Verkehr  mit  Europäern  beeinflußt  wurden.  Und  dort  seien 
sie  zweifelsohne  schon  in  weit  zurückliegender  Zeit  gelegentlich 
ausgeübt  worden.  Sonderbarerweise  heiße  die  „widernatürliche 
Handlung"  dort  Valavala  vavalangi,  d.  h.  des  weißen  Mannes 
Treiben.169  In  einem  viel  Staub  aufwirbelnden  Falle,  der  einen 
diesem  ,, Laster"  fröhnenden  Europäer  betraf,  habe  der  1882 
verstorbene  König  von  Fiji  oder  Tui  Viti,  Thakombau, 
dem  Lüstling  befohlen,  seinen  Machtbereich  zu  verlassen.  Der 
Ausgewiesene  sei  dann  später  auf  den  Neu-Hebriden  ermordet 
worden."0 

Nur  wenige  „Verbrechen"  werden  von  den  Fijianern  als 
solche  strenge  verurteilt:  Diebstahl,  Ehebruch,  Fruchtabtrei- 
bung, Zauberei,  Verletzung  eines  Tabu,  Achtungverletzung 
gegen  das  Oberhaupt,  Brandstiftung  und  Verräterei.  Der  von 
einem  Häuptling  begangene  Mord  wird  für  weniger  abscheulich 
angesehen  als  der  geringfügigste  Diebstahl  von  einer  Person 
niederen  Standes  ausgeführt.173  „Sodomie"  befindet  sich  also 
unter  den  strafbaren  Handlungen  in  der  Gerichtsbarkeit  der 
Fijianer  nicht. 


Melanesier  III 

Die  allgemeine  Angabe  von  YVAITZ  II5  und  FRIEDRICH 
MÜLLER,110  „unnatürliche  Laster",  unter  denen  ohne  Zweifel 
auch  Päderastie  einbegriffen  sein  dürfte,  seien  auf  den  Fidschi- 
inseln unbekannt,  bedarf  nach  dem  hier  Beigebrachten,  so 
dürftig  es  ist,  doch  gar  sehr  der  Einschränkung. 

3.  Die  Harafuren 

Gemäß  einem  Bericht  des  katholischen  Kaplans  DE 
ARGEN  SOLA  aus  dem  Jahre  1609  wohnten  zu  Anfang  des 
17.  Jahrhunderts  auf  Celebes  in  zahlreichen  kleinen  Städten 
Harafuren  (Alfuren,  Arfuren) .  Sie  liebten  es  sehr,  die 
abgeschlagenen  Köpfe  ihrer  Feinde  vor  ihren  Häusern  auf- 
zupflanzen. Der  Kopfjäger,  welcher  die  meisten  Köpfe  heim- 
brachte, wurde  dementsprechend  am  höchsten  geehrt.  In  ihren 
Städten  gab  es  „abscheuliche  Häuser  sodomitischer  Unzucht". 
Auf  der  Insel  Temate  existierten  damals  solche  Häuser  nicht, 
wohl  jedoch  auf  der  weiter  südlich  gelegenen  Insel  Amboina.1'5 
Aus  neuerer  Zeit  erfährt  man  durch  WILHELM  JOEST  1895 
nicht  uninteressante  Einzelheiten  über  dieses  merkwürdige  Volk, 
das  vielleicht  bald  nur  mehr  der  Geschichte  angehören  wird,  von 
der  Insel  Seram  (sprich  Serang,  gewöhnlich  Ceram  geschrieben). 
Der  Wuchs  bei  beiden  Geschlechtern  wird  als  „überraschend 
schön"  bezeichnet.173  Die  unverheirateten  jungen  Männer 
schlafen  vom  15.  Lebensjahre  an  gemeinsam  in  einem  großen 
öffentlichen  Gebäude,  BaiUo,  das  in  keinem  Dorfe  fehlt."* 
Unter  den  Männern  gibt  es  zwei  Verbindungen  oder  Korps, 
Uli  oder  Pata  siwa  und  Uli  oder  Pata  lima  {Uli  heißt  „Bruder", 
Pata  „Korps").1'0  Den  dem  Christentum  gewonnenen  176  Män- 
nern der  Strandalfuren  verleiht  die  Art,  ihr  langes,  stark  ein- 
gefettetes Haar  in  der  Mitte  gescheitelt  und  durch  einen  runden 
Schildpattkamm  aus  der  Stirn  zurückgekämmt  zu  tragen,  etwas 
Weibliches,  Weibisches;  ein  Eindruck,  der  durch  die  Sitte  der 
Leute,  sich  jede  Spur  von  Bart  abzurasieren,  noch  verstärkt 
wird.1"  Bei  diesen  „Wilden"  wird,  meint  JOEST,  bald  die 
Stunde  geschlagen  haben,  in  welcher  der  letzte  dem  vorletzten 
den  Kopf  abschneidet.178 

Zwischen  DE  ARGENSOLA  und  JOEST  liegen  fast 
volle   dreihundert  Jahre.     Kopfjäger   sind   die   Harafuren  in- 


112  Die   negerartigen  Naturvölker 

zwischen  geblieben.  Ob  auch  Sodomiten,  darüber  schweigt 
der  neuere  Ethnograph  sich  hartnäckig  aus,  wie  er  das  auch 
sonst  selbst  bei  den  stärksten  Anlässen  zu  tun  pflegt.  Sind 
nun  seine  heutigen  Männerhäuser  oder  Baileo  etwa  identisch 
mit  den  „abscheulichen  Häusern  sodomitischer  Unzucht"  im 
17.  Jahrhundert?  Der  Verfasser  glaubt,  das  annehmen  zu 
dürfen.  Ist  doch  zu  gleichgeschlechtlichen  Annäherungen, 
die  schon  durch  bloß  enges  Zusammenleben  zahlreicher  junger 
Männer  überall  so  leicht  entstehen,  hier  in  der  besonders 
betonten  „überraschenden  Schönheit"  des  Harafuren  für  den 
homoerotisch  veranlagten  Genossen  unzweifelhaft  ein  ver- 
stärkter Anreiz  gegeben,  in  ihrer  Weibähnlichkeit  aber  ein 
gewisser  Reiz  dazu  sogar  für  die  Weiber  Liebenden.  Auch 
über  die  höchst  wahrscheinlich  vorhandene  Verschiedenheit 
der  Zwecke  von  zweierlei  Männerbünden  fehlt  leider  jede 
Andeutung. 

4.  Die  Singhalesen 

Als  besonders  auffällig  für  die  Singhalesen,  die 
zugleich  mit  den  zwerghaften  W  e  d  d  a  als  Ureinwohner  der 
Insel  Lanka,  Singhala,  Ilangei,  Taprobane  oder  Ceylon  gelten, 
wird  übereinstimmend  die  Weibähnlichkeit  ihrer  Männer  hervor- 
gehoben. Sie  erscheint  noch  verstärkt  durch  weibartige  Haar- 
tracht und  Kleidung.  Ihrem  weibähnlichen  Äußeren  entspricht 
ein  weiches  Wesen,  das  jedoch  kriegerische  Züge  keineswegs 
ausschließt.179 

Der  alte  ROBERT  KNOX  will  nun  während  seines 
Aufenthalts  auf  Ceylon  um  1675  niemals  auch  nur  den  Namen 
eines  „Verbrechens"  gehört  haben,  „das  von  verschiedenen 
Orten  des  Orients  nur  allzu  wohl  bekannt"  sei.180  Indessen 
muß  auf  Grund  seiner  eigenen  Schilderungen  angenommen 
werden,  daß  er  sich  in  dieser  Auffassung  getäuscht  habe,  obwohl 
es  eben  diese  Schilderungen  sind,  welche  ihm  zu  jener  Bemerkung 
den  Anlaß  gaben.  Die  Gewohnheiten,  welche  damals  auf  Ceylon 
bestanden,  sind  derartige,  daß  sie  ohne  Annahme  gleich- 
geschlechtlicher Beziehungen  überhaupt  gänzlich  unverstanden 
blieben.  Der  nach  Verschmelzung  der  neun  Provinzen  des 
Landes   damalige   einzige    König   der   Insel,    Radja-Siga 


MeUnesier 


113 


(König  Löwe),  war  durch  den  von  ihr  geehelichten  Oberpriester 
Tirinanxy  der  angeheiratete  Sohn  der  von  den  Portu- 
giesen getauften  Königin-Witwe  „Dona  Catharina". 
Nach  Verdrängung  seiner  beiden  Stiefbrüder,  der  Söhne 
der  Königin-Witwe  mit  ihrem  ersten  Gatten,  dem  an- 
gestammten Könige,  hatte  er  den  Thron  allein  inne  und  besaß 
damals  das  Aussehen  eines  Fünfzigers,  obwohl  er  beinahe 
achtzig  Jahre  zählte.  Er  mißachtete  alle  Moden  seines  Landes  und 
bildete  sich  seine  eigenen.1"1  Er  enthielt  sich  des  geschlecht- 
lichen Umgangs  mit  dem  Weibe  und  verlangte  dasselbe  von 
den  Unvermählten  seines  Hofes.  Hier  duldete  er  weder  Ehe- 
bruch noch  Lnzucht  (paillardise).  Erfuhr  er  von  Ausschwei- 
fungen seiner  Hofleute,  so  ließ  er  sie  töten  und  die  beteiligten 
Weiber  strenge  bestrafen.  Da  auch  des  Nachts  seine  Spione 
zu  ihm  Zugang  hatten,  konnte  ihm  kaum  ein  Ereignis  bei 
Hofe  entgehen. l>"  Die  Königin  hatte  er  zwanzig  Jahre 
überhaupt  nicht  gesehen ;  er  ließ  sie  in  Kandy  zurück,  während 
er  mit  seinem  Hofe  in  Digligy-Neur  weilte.  Seinen  eigenen 
Vergnügungen  gab  er  sich  stets  nur  in  größter  Heimlichkeit 
hin.ls3  Seine  Leibgarde  bestand  aus  Negern. 1S*  Nur  für 
seine  Küche  bevorzugte  er  das  weibliche  Geschlecht.1** 

Die  Mehrzahl  seiner  Offiziere  waren  sehr  schöne  junge 
Leute  aus  vornehmer  Familie.  Damit  es  ihm  an  solchen  nie- 
mals mangele,  waren  die  Provinz- Gouverneure,  seine  Dissavas, 
beauftragt,  ihm  schöne  junge  Knaben  aus  guten  Häusern  an 
seinen  Hof  zu  senden.  Diese  gingen  stets  barhaupt  und  trugen 
das  Haar  lang,  bis  auf  die  Schultern  herabhangend. 1Vj  Bis- 
weilen ließ  er  einen  jungen  Mann,  nachdem  dieser  ihn  kurze 
Zeit  bedient  hatte,  ohne  jeden  erkennbaren  Grund,  noch  bevor  er 
in  seines  Herrn  Gewohnheiten  sich  hatte  einleben  können,  kurzer 
Hand  enthaupten.  Die  unglücklichen  Eltern  dieser  Jünglinge, 
deren  Dienst  beim  Könige  sie  von  Steuern  befreite,  waren 
dagegen  machtlos,  mußten  sich  sogar  nicht  selten  Konfiskation 
ihres  Vermögens  zugunsten  des  Königs  gefallen  lassen.  Selten 
gelang  es  einem  dem  Tode  Verfallenen  zu  entweichen.  Im 
Verlaufe  einiger  Jahre  kam  es  auch  wohl  vor,  daß  ein  Schöner 
zum  Günstling  heranwuchs,  zu  Ehren  gelangte  und  später 
seinen  Erzeugern  zurückgegeben  wurde.  Die  jungen  Leute  aber, 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  3 


I  I  <  m      Die  negerartigen  Naturvölker 

welche  beim  Könige  in  besonderer  Gunst  standen,  hatten  nicht 
die  Freiheit,  mit  ihren  Freunden  zusammenzukommen.  Auch 
durften  sie  kein  weibliches  Wesen,  nicht  einmal  ihre  eigene 
Mutter  sehen."' 

Zu  diesem  Bilde  will  nicht  recht  die  Angabe  von  KNOX 
passen,  der  König  habe  in  nur  ihm  allein  erlaubter  Blut- 
schande mit  seiner  Tochter  ein  Kind  gezeugt,  das  mit  der 
Mutter  im  Kindbett  gestorben  sei.1"  Seine  Andeutung  aber, 
er  habe  von  Natur  zur  Grausamkeit  geneigt,  denn  er  habe 
Ströme  von  Blut  vergossen,  ohne  daß  man  sagen  könne,  warum,18-' 
macht  die  geschilderte  Lebensart  wohl  weniger  verständlich, 
als  die  Annahme  gleichgeschlechtlicher  Veranlagung,  verbunden 
mit  starkem,   durch  das  Herrschertum  geförderten   Sadismus. 

Nach  ROBERT  KNOX  war  damals  den  singhalesischen 
Priestern  die  Ehe  und  die  geschlechtliche  Vermischung  mit 
einem  Weibe  untersagt.1"0 


In  Kandy  bestand,  wie  JOINVILLE  1807  schilderte, 
Polyandrie  (Vielmännerei).  Prostitution  als  Gewerbe  (Vaissia 
Darmi ;  Darmi  =  Gewerbe)  war  nicht  nur  gestattet,  sondern 
sogar  geschützt.1"  Den  Priestern  war  es  verboten,  zu  ehelichen 
und  Beischläferinnen  zu  halten.  Junge  Leute  konnten  von 
ihrer  Pubertät  an,  falls  sie  ein  wenig  lesen  gelernt  und  geringe 
Kenntnis  der  Vorschriften  ihrer  Religion  sich  angeeignet  hatten, 
Priester-Novizen  (Sa man  Eroo  Ounanse)  werden.  Vor  ihrer  Zulas- 
sung jedoch  wurden  sie  geprüft  und  von  ihren  Antworten  hing  es 
ab,  ob  sie  ihr  Ziel  erreichten.  Unter  den  ihnen  vorgelegten 
Fragen  befanden  sich  die  folgenden :  ob  sie  an  Fallsucht  litten 
oder  mit  Aussatz  behaftet  wären;  ob  sie  als  Sklaven  geboren 
seien;  ob  ihre  Eltern  noch  lebten  und  ob  sie  deren  Zustimmung 
zum  Priesterberufe  erlangt  hätten ;  ob  sie  Hermaphro- 
diten wären.1"'  Es  ist  nicht  klar,  ob  hier  körperliches  Zwitter- 
tum  gemeint  ist;  wahrscheinlich  nur  der  sogenannte,  der  homoe- 
rotische Hermaphroditismus,  der  anderwärts,  wie  beispiels- 
halber in  der  Vorstellung  der  Rothäute,  eine  so  große  Be- 
deutung hat  und   dem   Indianer  eine  geläufige  Sache  ist. 


Melanesier  B  \  x  ^ 

Hermaphroditismus  spielt  auch  in  der  fabelreichen  Ge- 
schichte ihrer  Vergangenheit  bei  den  Singhalesen  eine  große 
Rolle.193  Doch  scheint  hier  wenigstens  zum  Teile  wahres 
Zwittertum  der  Geschlechtsorgane  gemeint  zu  sein.  Denn  diese 
Zwitter  verkehrten  nach  der  Sage  geschlechtlich  fruchtbar 
untereinander  und  aus  ihrer  Nachkommenschaft  gingen  die 
Kasten  der  Valendcs  (Velendes)  oder  Tehittes  (Tehetis),  der 
Vadighe  und  der  Tchouderes  hervor.1"4 


Für  die  gegenwärtige  Zeit  versichert  der  französische  Arzt 
JACOB  US  X  ...  als  Augenzeuge,  daß  Päderastie  unter  den 
Singhalesen  auf  Ceylon  „selten"  sei.195  Er  hat  sie  eben  nicht 
häufiger  wahrgenommen. 


8* 


C'Die  Neger1'1 

Einer  allgemein  gültigen  Charakteristik  auf  Grund  der 
vorhandenen  Literatur  bietet  der  Neger  die  denkbar  größten 
Schwierigkeiten.  Platzen  doch  bei  seiner  Schilderung  alle 
Gegensätze  aufeinander.  Es  scheint  ebenso  leicht  zu  sein  über 
ihn  das  Schlechteste  als  das  Beste  zu  melden.  Eine  um- 
sichtige und  von  jeder  Nebenabsicht  freie  Darstellung  der 
Negerpsyche  hat  der  alte  PRUNER  entworfen.19'  In  dem 
folgenden  Versuche  wird  aber  auch  gegenteiligen  Auffassungen 
Raum  gelassen. 

Der  Gesichtsausdruck  des  Negers  soll  das  Mienenspiel 
des  Stimmungwechsels  vermissen  lassen,  welches  die  weißen 
Menschen  auszeichnet.  Die  Bewegungen  der  Seele  würden 
mehr  oder  weniger  verschleiert  und  einzig  das  Auge  könne 
bei  dieser  Menschenrasse  als  Seelenspiegel  in  Betracht  kommen. 
Alle  übrigen  Gesichtsteile  zeigten  „Stumpfsinn".  Und  wie  die 
leibliche  Bildung  eine  Mischung  von  Kindheit  und  Veralterung 
enthalte,  so  führe  die  Seelenforschung  zu  dem  gleichen  Er- 
gebnisse.198 

Nach  einem  der  neuesten  Schilderer  wäre  der  Neger  wie 
das  Kind:  gutmütig  und  sanft  oder  auch  bösartig  und  un- 
gebärdig, je  nachdem  er  behandelt  wird.  Mit  ein  wenig  Takt- 
gefühl und  Wohlwollen,  das  einer  gewissen  Stetigkeit  nicht 
ermangelt,  sei  es  leicht,  sein  lebhaftes  Temperament  zum 
Guten  zu  lenken.1"9  Nach  einer  weiblichen  Gewährperson 
dagegen  ist  er  durchaus  kein  Kind,  sondern  eben  —  Neger."* 
Der  Neger  Afrikas  ist,  meint  ABEL  HOVELAQUE,  so  wie 
er  ist:  weder  besser  noch  schlechter  als  die  weiße  Rasse;  er 
gehört  einfach  einer  anderen  intellektuellen  und  moralischen 
Entwicklungphase  an.t01  Und  STEPHAN  VON  KOTZE  führt 
dies  unter  Warnung  vor  der  Rassenkreuzung  weiter  aus:  der 


Neger  117 

Keger  sei  kein  Kind,  weder  persönlich  noch  als  Rasse.  Er 
sei  nicht  jung,  sondern  ganz  so  ausgewachsen,  ganz  so  alt 
als  wir.  Und  er  sei  auch  nicht  etwa  zurückgeblieben,  sondern 
habe  sich  in  s  e  i  n  e  r  Richtung,  die  freilich,  wie  die  der  Biene 
und  Ameise,  eine  evolutionelle  Sackgasse  sei,  entwickelt,  so 
weit  es  ihm  gelingen  konnte.21"  Soll  doch  nach  FOURNIER 
die  Neger-Rasse  die  älteste  Menschen-Rasse  sein.203  BÜTTI- 
KOFER  erklärt  den  Neger  wenigstens  für  ein  ,,Kind  des  Augen- 
blicks".204 BASTIAN  hält  ihn  für  ziemlich  anstellig,  aber 
seine  ganze  Entwicklung  hänge  ab  von  der  ersten  Anleitung, 
die  ihm  zuteil  wird.  Bei  Aufnahme  in  die  Faktoreien  sei  sein 
Gehirn  eine  völlig  unbeschriebene  Tafel,  aber  jedes  Eindrucks 
fähig.  In  Afrika  erlebe  man  täglich  die  Umwandlung  eines 
gemeinen  Negers  in  einen  Fürsten.  Der  magere,  krumm- 
beinige, furchtsame  Nigger,  einige  Wochen  von  den  Abfällen 
eines  englischen  Tisches  gefüttert,  gehe,  im  buchstäblichen 
Wortsinne,  wie  ein  Pudding  auf  und  metamorphosiere  sich  in 
einen  schönen,  stark  gebauten  Schwarzen,  der  leicht  begreift 
und  das  arme  Bettelvolk  verachtet,  dem  er  selber  angehört.205 
BASTIAN  bestätigt  damit  die  Angabe  PRUNERs  von  der 
vorteilhaften  Veränderung  des  Negers  durch  hinreichende 
Nahrung  und  passende  Übung,  welche  durch  Neger  als  Arbeiter 
auf  europäischen  Schiffen  oder  in  amerikanischen  Bergwerken, 
wo  ihre  Leistungen  die  des  Europäers  überträfen,  erwiesen  sei.206 
Gleich  BASTIAN  sind  auch  andere  Kenner  der  Verhältnisse 
aus  eigener  Anschauung  überzeugt,  daß  der  Neger  ebenso 
bildungfähig  sei,  als  der  Weiße,  sobald  ihm  Gelegenheit  zum 
Lernen  geboten  wird.  Einen  Beweis  dafür  liefert  nach  BÜTTI- 
KOFER  der  Negerstaat  Liberia,  dem  es  seit  seiner  Gründung 
(1816)  und  seiner  Unabhängigkeiterklärung  (1847)  nie  an  einem 
guten  Kerne  geschulter  und  gebildeter,  aus  Amerika  zurück- 
gekehrter Neger  gefehlt  habe;  zu  seinen  hervorragendsten 
Geistern  gehöre  der  Freiheitdichter  T  e  a  g  e.207  Auch  BURCK- 
HARDT  bekannte  sich  zu  der  Ansicht,  durch  angemessene 
Erziehung  könnten  die  Negervölker  leicht  so  gehoben  *)  werden, 

*)  Der  wissenschaftliche  Forschungreisende  Herr  GÜNTHER  TESS- 
MANN  (Lübeck)  teilt  mir  freundlichst  mit,  die  Frage,  wieweit  der  Neger 
geistig  gehoben  werden  könne,  habe  er  im  letzten  Abschnitt  seines  dem- 
nächst erscheinenden  Pangwe- Werkes  ausführlich  behandelt. 


jj3  Die  negerartigen  Naturvölker 

daß  sie  den  Weißen  nahe  und  vielleicht  gleich  kämen.208    Einer 
völlig  abweichenden  Auffassung  gibt  aber  PRUNER  Ausdruck. 
Nach  ihm  wäre  alle  Fähigkeit  des  Negers  auf  die  Nachahmung 
beschränkt.     Eine  fünfhundert] ähr ige  Geschichte  möchte  hin- 
reichen, diejenigen  zu  enttäuschen,  welche  sich,  durch  die  Ein- 
bildungkraft   verleitet,     allzu   sanguinischen    Hoffnungen   hin- 
geben.    Seit  undenklichen  Zeiten  seien  die  Negervölker,  obwohl 
in  Berührung  mit  den  gebildetsten  Nationen  des  Erdballes,  in 
einem  beinahe  stationären  Zustande  verblieben.    Auf  dem  Welt- 
theater hätten  sie  immer  eine  sehr  untergeordnete  Rolle  gespielt 
und  nie  eine  Geschichte  gehabt,  ein  Besitz,  dessen  sich  doch 
jedes   zu   einem  höheren  Geschicke  berufene   Volk   aus   seiner 
Kindheit  rühme.     Er  hält  es  für  ebenso  abgeschmackt,  den 
Neger  als  eine  besondere   Menschen  a  r  t  aufzufassen,    als    zu 
fordern,    alle   Menschen  familien   seien   dazu   berufen,   die 
gleiche  Aufgabe  auf  der  Erde  zu  erfüllen.  Er  zweifelt  ebenso  sehr 
an  ihrem  Berufe  zur  Bildung,  als  er  die  Eingriffe  in  die  Freiheit 
unserer   schwarzen    Brüder   verabscheut.      Sollte    Bildung    bei 
ihnen  sich  verwirklichen,  so  würde  sie  auf  jeden  Fall  eine  von 
der  unsrigen   sehr    verschiedene    sein."1''      Auch    READE   läßt 
den    Neger  die  Weißen   nachäffen,    wie    der  Affe  den  Neger 
nachäfft.''"     Einzig    das  findet  er  hervorhebenswert,  daß  der 
junge  Negerknabe  bedeutend  scharfsinniger  und  hinterlistiger 
als  der  Erwachsene  sei.2"     Für    MANTEGAZZA  ist  der  Neger 
gar  nur  ein   Mensch  gewordener  Affe  (scimmia    umanizzatä) .'  ' 
Indem  aber  der    Engländer    READE    in    seiner    Gering- 
schätzung der  Fähigkeiten  des  Negers  sich  gegen  dessen  Gleich- 
stellung mit  dem  Weißen  verwahrt,  Schutzherrschaft  der  Weißen 
verlangt  n*  und  den  Untergang  der  Negerrasse  für  eine  bloße 
Frage   der  Zeit   und   für  höchst  wünschenswert   erachtet,   ja, 
ganz   Afrika  bereits   in    Bälde   ausschließlich   von   der   weißen 
Rasse    —    natürlich    vorwiegend    von    Söhnen    und    Töchtern 
Albions  —  bevölkert  träumt,  stellt  er  sich  damit  doch  in  ent- 
schiedensten Gegensatz  zu  PRUNER.     Zwar  beschränkt  sich 
ja  auch  für  diesen  die  Fähigkeit  des  Negers  auf  Nachahmung;'" 
aber  so  wenig  der  Europäer  je  dem  Mongolen  seine  Steppen, 
dem  Araber  seine  Wüsten  streitig  machen  könne  und  werde, 
so  wenig  ist  nach  PRUNER  an  eine  Verdrängung  der  Neger- 


Neger 


II9 


Völker  aus  dem  Mittelpunkte  Afrikas  zu  denken.  Höchstens 
könnten  äthiopische  Mischlinge  im  Laufe  der  Jahrtausende 
deren  Wohnsitze  einnehmen,  da  der  Arier  noch  weniger  als 
der  Semit  dort  lebensfähig  sei.  Alle  physischen  und  psychischen 
Charaktere  des  Negers  findet  PRUNER  in  dieser  Hinsicht  im 
genauesten  Einklänge  mit  der  Außenwelt.  Von  der  Schwärzung 
der  Haut  bis  zur  spärlichen  YVollperrücke  gewinne  alles  seine 
Bedeutung.  Selbst  im  edelsten  aller  Sinnesorgane,  im  Auge, 
zeige  die  abgeplattete  und  kleine  Hornhaut  neben  der  über- 
schwänglichen  Menge  von  Farbstoff  eine  für  jene  tropischen 
Lichtströme  die  beste  Anpassung  liefernde  Einrichtung.'" 
Jedenfalls,  sagt  dementsprechend  SCHURTZ,  sind  die  Neger- 
stämme unbedingt  die  gesundesten,  zukunftsreichsten  „Wilden" 
der  Erde.J  ' 

Die  vorherrschenden  Triebe  des  Negers  findet  PRUNER 
in  Sinnlichkeit  und  Trägheit,  bald  angeregt,  bald  abgespannt. 
Habe  der  Neger  seine  physischen  Bedürfnisse  mit  den  ersten 
besten  Gegenständen  befriedigt,  höre  alle  geistige  Beschäftigung 
bei  ihm  auf  und  der  Leib  überlasse  sich  dem  Sinnengenusse 
und  der  Ruhe.15"  Der  Trieb  zur  Trunkenheit,  zum  Spiele, 
zum  Tanze,  zu  den  Vergnügungen  der  Geschlechtslust  und 
zum  Putze  ist  nach  PRUNER  der  mächtigste  Hebel  im 
ganzen  Lebenskreise  des  Negers.  Seine  ganze  Industrie  in 
Eisen,  Holz  und  Häuten  beschränke  sich  auf  die  Befriedigung 
der  Putzsucht.  Statt  sich  zu  bedecken  putze  er  sich."'6  Seine 
Leidenschaft  für  Tanzen  und  Singen  wird  vielfach  hervor- 
gehoben. In  schönen  Mondscheinnächten  tanzt,  so  führt 
PECHUEL-LOESCHE  aus,  halb  Afrika,  urwüchsig,  aus  Natur- 
drang, wie  schwärmende  Tiere.  Nichts  würde  gewissenhafter 
und  hingebender  betrieben  als  das  Tanzen.  Es  sei  eine  wich- 
tige Aufgabe,  über  der  beinahe  das  Vergnügen  selbst  vergessen 
werde.2"  STARR  glaubt,  den  Neger  erschöpfend  zu  kenn- 
zeichnen mit  den  drei  Eigenschaften:  er  lacht,  singt  und  tanzt." '' 
Er  hebt  aber  besonders  hervor  seine  Begabung  für  Sprachen 
und  seinen  reichen  Sprichwörterschatz.  m  Nach  GRETE 
ZIEMANNs  Schilderung  ist  der  Neger  eine  Mischung  von 
treuherzigem  Vertrauen  und  naiver  Frechheit,  überaus  empfäng- 
lich für  äußern  Putz  und  Staat,  oberflächlich,  aber  nicht  ohne 


220  ^e  negerartigen  Naturvölker 

Humor.220  Allein  über  den  Schlaf  des  Negers  glaubt  KANDT 
ein  ganzes  Buch  verfassen  zu  können.221 

Die  Familienbande  sind  nach  PRUNER  beim  Neger  sehr 
schlaff.  Der  Mann  als  Vater  bekümmert  sich  wenig  um  sein 
Haus.  Nur  das  Weib  ist  mit  dem  Macht-  und  Wut-Instinkte 
des  wilden  Tieres  bewaffnet.  Daher  stammt  die  vielfach  hervor- 
gehobene außerordentliche  Zärtlichkeit,  ja  abgöttische  Liebe 
der  Mutter  zu  ihren  Kindern,  die  von  den  Eltern  fast  niemals 
geschlagen  werden  sollen,  und  die  Liebe,  ja  fast  abgöttische 
Verehrung  der  Kinder,  besonders  der  Knaben,  für  die  Mutter, 
während  sie  dem  Vater  mehr  fremd  gegenüberstehen.  Der  Ver- 
kauf von  Kindern  oder  nächsten  Verwandten,  den  besonders 
hungrige  Neger  ohne  den  mindesten  Anstand  vollziehen,  soll 
nie  andere  Gründe  haben  als  die  Befriedigungmöglichkeit 
physischer  Bedürfnisse.222 

Fälle  von  Grausamkeit  des  Negers  besonders  gegen  Tiere 
dürften  wohl  mehr  auf  Mangel  an  Überlegung  als  auf  Lust  an 
Qualen  anderer  Lebewesen  zurückzuführen  sein.223  Fremd  ist 
ihm  nach  PRUNER  alle  Zerstörungwut,  sogar  die  Leiden- 
schaft für  den  Krieg,  zu  dem  er  nur  aus  Hunger  getrieben  wird. 
Die  im  Felde  erbeuteten  Sklaven  verkaufe  er  nicht,  halte  es 
überhaupt  selten  der  Mühe  wert,  Gefangene  zu  machen,  gebe 
vielmehr  anderer  Beute  den  Vorzug.  Selbst  Mitleid  spricht 
PRUNER  dem  Negerherzen  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
nicht  ab.216  Unwissenheit  und  Aberglaube  aber  reißen,  wie 
FOA  wahrnahm,  anscheinend  sanfte  und  gute  Negervölker  zu 
unerhörten  Handlungen  hin;  man  sollte  sie  zu  manchen  Grau- 
samkeiten nicht  für  fähig  halten,  wenn  man  beobachte,  wie 
sie  tanzen,  lachen  und  singen.224 

Eine  gute  Eigenschaft  glaubt  READE  dem  Neger 
lassen  zu  müssen:  einen  trefflichen  Hausdiener  abzugeben, 
reinlich  und  peinlich  zu  sein.225  Aber  auch  diese  „Tugend" 
führte  schon  PRUNER  auf  besondere  Motive  zurück.  Die 
Anhänglichkeit  der  Neger  an  ihre  Herren  sei  eine  zweifelhafte 
Tugend,  nur  zu  oft  schlage  sie  ohne  irgend  eine  erkennbare 
Ursache  in  eben  so  unvertilgbaren  Haß  um.  Es  fehle  dem 
Neger  an  aller  Beharrlichkeit.  Dieser  Mangel  an  Stetigkeit 
durchdringe  sein  ganzes  Wesen:  momentanes  Aufbrausen  und 


Neger  121 

einen  Augenblick  später  völlige  Apathie;  außerordentliche 
Heftigkeit  in  den  augenblicklichen  Anwandlungen  der  Seele 
ohne  gehörigen  Nachhalt  in  den  ihnen  folgenden  Willens- 
äußerungen. Sobald  ihm  die  Möglichkeit,  seine  physischen 
Bedürfnisse  zu  befriedigen,  fehle,  verliere  das  Leben  für  ihn 
allen  Wert.  Wo  nicht  Leidenschaft  sich  einmenge,  scheine  eine 
Art  Vernunftreligion  die  Handlungweise  des  Negers  zu  regeln. 
Den  Glauben  an  höhere  Wesen  ersetze  ihm  die  Anbetung  von 
Naturgegenständen  oder  Fetischen.216 

Die  Eifersucht  des  männlichen  Negers  hat  nach  PRUNER 
nur  fleischliche  Motive  und  der  ehelichen  Treue  versichert  er 
sich  durch  mechanische  Mittel,  wie  teilweise  oder  gänzliche 
Vernähung  der  weiblichen  Scham.198 

Es  ist  wohl  ein  sehr  einseitiges  Bild,  das  READE  vom 
Leben  des  typischen  Negers  entwirft :  durch  Moralgesetze  nicht 
in  Schranken  gehalten  verlebe  er  seine  Tage  in  Müßiggang, 
seine  Nächte  in  Ausschweifungen,  mindestens  aber  mit  Tanzen 
und  Singen,  mißbrauche  Kinder,  verbringe  seine  Jugend  in 
vorreifen  Lastern,  schmachte  sein  Mannesalter  hindurch  an 
Krankheiten  und  verfalle  einem  frühen  Tode.226  Der  Neger 
sei  lasterhaft,  wollüstig,  frivol  und  effeminiert.227  Sehr  frühes 
Ergrauen  der  Männer  und  Kurzlebigkeit  der  männlichen  Neger 
in  Afrika  —  gegenüber  Longevität  der  Neger  in  den  Pflanzungen 
Amerikas  —  wird  auch  von  PRUNER  behauptet.228 

Eine  besondere  Auffassung  vom  Neger  hat  sich  READE 
in  siebenjährigem  Studium  gebildet,  indem  er  die  Negerin  als 
mannartig  und  brutal,  den  Neger  als  feminin  (weibisch)  bezeich- 
net. Der  männliche  Neger  besitze  geschmeidige,  volle,  stets 
nach  weiblichem  Typus  gebaute  Glieder,  gerundete  Arme  und 
schöngeformte  Beine  mit  zierlichen  kleinen  Füßen.  Als  der 
Gewährmann  zu  Bathurst  die  ersten  Neger  erblickte,  hielt 
er  alle  Männer  in  ihren  langen  Roben  für  Frauen.229  Im  Gegen- 
satze zu  den  beschränkten,  mürrischen  und  phlegmatischen 
Weibern  fand  er  die  Männer  lebhaft,  furchtsam,  neugierig  und 
schwatzhaft.  Ihre  Freundschaften  pflegen  sie  nach  Weiberart, 
sie  umarmen  einander,  schlafen  beisammen  auf  einer  Matte,  ver- 
trauen einander  ihre  Geheimnisse  an,  verraten  einander  und 
geraten,  wenn  zwei  einem  Herrn  dienen,  leicht  in  schreckliche 


j22  Die   negerartigen   Naturvölker 

Eifersucht.230     Auch   PECHÜEL-LOESCHE    findet,    daß   den 
Mannern  am  meisten  die  Mannhaftigkeit  fehle.'231 

Körperlich  stellt  der  Neger  einen  durchaus  selbständigen 
Typus  dar.  Sein  Becken  ist  bedeutend  kleiner  und  enger  als 
das  des  Weißen,  keilförmig  und  stark  nach  rückwärts  geneigt, 
woraus  sich  sein  eigentümlicher,  steifer,  fast  hoheitsvoller,  das 
Gesäß  stark  nach  hinten  wendender  Gang  erklärt.'232  Sein 
Penis  ist  voluminöser  als  der  des  Europäers,  aber  er  schwillt  mit 
geringerer  Kraft  an.'233  In  den  erektilen  Organen,  besonders 
dem  Penis,  bildet  die  Haut  nicht  mehr  ein  einfaches  Netz, 
sondern  warzenförmige  Vorsprünge.234  An  Größe  des  Penis 
übertrifft  der  Neger  alle  Völker  der  Erde  und  bildet  darin 
einen  Gegenpol  zum  Indianer,  dessen  Glied  durch  ausser- 
ordentliche Kleinheit  auffällt.  Und  dieser  exklusive  Charakter 
bleibt  dem  Neger  auch  in  der  Urheimat  der  Rothaut  treu.235 
Ob  die  ungeheure  Lebenskraft,  die  darin  ihren  stärksten  Aus- 
druck findet,  daß,  wie  JOEST  hervorhebt,  die  Indianer  aus- 
sterben, die  Buschneger  in  Amerika  aber  sich  vermehren,236 
mit  dieser  Veranlagung  zusammenhängt,  bleibt  indessen  zweifel- 
haft. Wenigstens  wird  eine  besondere  Stärke  seiner  Zeugung- 
kraft mehrfach  bestritten. 

Genauere  Angaben  über  die  Dimensionen  des  Negerpenis 
finden  sich  bei  dem  französischen  Arzte  JACOBUS  X  .  .  .  . 
Im  schlappen  Zustande  mißt  der  Negerpenis  in  Französisch- 
Guiana  5  bis  6  Zoll  *)  bei  ix4  bis  11/,  Zoll  Durchmesser.  Wah- 
rend der  Erektion  schwillt  er  aber  verhältnismäßig  schwach 
an,  da  er  nur  6%  bis  8  Zoll  Länge  bei  2%  bis  2V0  Zoll  Durch- 
messer erreicht.  Er  wird  auch  nie  so  hart  wie  beim  Europäer, 
dem  Hindu  und  dem  Chinesen,  bleibt  vielmehr  so  weich,  daß 
er  in  der  Hand  wie  eine  hohle  Röhre  stark  elastischen  schwarzen 
Kautschuks  sich  anfühlt.837  Beim  afrikanischen  Neger  lernte 
der  Gewährmann  wieder  andere  Dimensionen  kennen.  Penis- 
längen  von  j3ii  bis  8  Zoll  bei  2  Zoll  Durchmesser  waren  keine 
Seltenheit,  bei  Negern  vom  Senegal  und  vom  Obern  Nigir  sogar 
Längen  von  93/4  bis  10  Zoll  bei  2%  Zoll  Durchmesser.238  Die 
stärksten    vom    Zeugen    angetroffenen    Penis    gehörten    einem 


*)    1   Zoll  {inch)  =    25,4  Millimeter. 


Neger  I23 

20jährigen  Bambara:  11%  Zoll  Länge  bei  2,6  Zoll  Durchmesser  23a 
—  und  einem  Kita-Malinke :  fast  12  Zoll  Länge  bei  22/=,  Zoll 
Durchmesser.'-40  Diese  Zeugunginstrumente  bezeichnet  der 
Gewährmann  als  wahrhalt  fürchterliche  Maschinen,  als 
Schrecken  aller  schwarzen  Weiber;  sie  glichen  mehr  der  Rute 
eines  kleinen  Esels  als  einer  menschlichen  und  dieser  Eindruck 
werde  noch  durch  die  Gewohnheit  des  Negers  gesteigert,  seine 
Schamteile  zu  enthaaren.  Den  Träger  eines  solchen  Gebildes 
nennt  er  einen  menschlichen  Hengst.237  Negerknaben  hätten 
selten  weniger  als  6*4  Zoll  Penislänge  bei  i:ij4  Zoll  Durch- 
messer.237 

Als  wahrscheinliche  Ursache  solch  starker  Penisausbildung 
sieht  der  Gewährmann  die  Beschneidung  an.241  Da  jedoch 
Beschneidung  auch  bei  vielen  Völkern  üblich  ist,  ohne  zu 
annähernd  ähnlicher  Bildung  Anlaß  zu  geben,  wird  wohl  dem 
Rassencharakter  der  wesentlichste  Einfluß  zuerkannt  werden 
müssen. 

Unter  der  Negervorhaut  wird  nach  JACOBUS  X  .  .  . 
stets  nur  eine  sehr  geringe  Menge  talgartigen  Smegmas  an- 
getroffen; er  läßt  es  dahingestellt,  ob  Sauberkeit  oder  eine 
physiologische  Eigentümlichkeit  davon  die  Ursache  sei.242  Die 
noch  unbeschnittene  Vorhaut  bildet  beim  Neger  ein  der  Eichel 
vorgelagertes  Polster.243 

Der  Penis  des  afrikanischen  wie  auch  des  amerikanischen 
reinen  Negers  ist  schwarz.  Auch  die  Farbe  der  Eichel  und 
der  Vorhaut,  beim  Europäer  schwankend  zwischen  Hellfleisch- 
farbe  und   Hellrot,  ist  beim  Neger  wie  die  der  übrigen  Haut.244 

Die  Negerin  ist  vorderschamig.  Ihre  großen  Schamlefzen 
sind  schwächer  entwickelt  als  die  der  weißen  Frau;  dagegen 
zeigen  sich  die  kleinen  Lefzen  öfters  stark  entwickelt  und  die 
Klitoris  häufig  ungemein  groß.  Die  Menstruationperiode  tritt 
zwischen  dem  10.  und  13.  Jahre  ein,  die  klimakterische  Periode 
nach  dem  30.  Lebensjahre.  Obwohl  es  Frauen  gibt,  die  bis 
10  Kinder  gebären  und  eine  in  einem  Teile  Westafrikas  sogar 
mit  Strafe  bedrohte  Fruchtbarkeit  besitzen,  ist  eine  vielfach 
behauptete  überschwängliche  Fruchtbarkeit  dem  Negerweibe 
nach  PRUNER  nicht  eigen.245  Die  Frühreife  aber  erklärt  den 
von  GRETE   ZIEMANN   hervorgehobenen   Umstand,  daß  die 


124  ^'e  neoerarti.?en  Naturvölker 

Mädchen  mit  8  bis  10  Jahren  schon  „verdorben"  sind.246  Nach 
derselben  Augenzeugin  nährt  die  Negermutter  3  bis  4  Jahre 
nur  einen  Sprößling,  mehr  zu  nähren  verbietet  ihr  Aberglaube, 
sodaß  sie  nur  alle  3  bis  4  Jahre  niederkommt,  eine  Gewohnheit, 
welche  der  Zeugin  die  Polygynie  beim  Neger  erst  verständlich 
machte.24' 

Im  allgemeinen  gilt  der  Neger  dem  Europäer  als  häßlich. 
Daß  es  aber  auch  für  den  europäischen  Geschmack  schöne 
Neger  gibt,  steht  außer  Frage.  Für  FRED.  MARQUORDT 
war  es  eine  Freude,  die  meist  wohlgeformten  Gestalten  der 
fleißigen,  arbeitsamen  Ja-lus  oder  Kavirondo  (ge- 
sprochen Kafirondo),  eines  ostafrikanischen  Bantuvolks  am  Vic- 
toria Nyanza-See,  „nackend,  wie  Gott  sie  geschaffen,"  bei  der 
Feldarbeit  zu  sehen.  Hier  erst  verstehe  man  die  Tendenz  der 
in  Berlin  erscheinenden  „Schönheit".  Der  Reisende,  der  diese 
schönen  Menschengestalten  zu  sehen  Gelegenheit  habe,  denke 
mit  Wehmut  daran,  wie  in  nicht  allzu  ferner  Zeit  die  vor- 
dringende „Kultur"  und  zelotische  übereifrige  Missionare  sie 
mit  europäischen  Fetzen  und  Lumpen  behängen  würden.  Es 
sei  aber  ein  Irrtum,  zu  glauben,  ihre  geschlechtliche  Sittsamkeit 
stehe  darum  tiefer.  Genau  das  Gegenteil  sei  der  Fall.  Die 
Suaheli-  Damen  an  der  Küste  und  in  den  Städten  des 
Innern  gingen  nach  europäischen  Begriffen  wohl  bekleidet, 
hielten  aber  eine  Prüfung  ihrer  Sittsamkeit  mit  ihren  nackten 
Kavirondo-  Nachbarinnen  in  keiner  Weise  aus.248 

Bei  den  Negern  auf  Martinique  nahm  Pater  LABAT  um 
1698  regelmäßige  Gesichtszüge  wahr  und  er  sah  Exemplare 
von  beiden  Geschlechtern  wie  zum  Malen  geschaffen  und  von 
wunderbarer  Schönheit.249 

Nach  Eintritt  der  Pubertät  beginnt  beim  Negerknaben 
eine  durchaus  einseitige  Entwicklung  des  Gemütslebens.  Seine 
ganze  Gedankenwelt  wird  in  dieser  kritischen  Periode  fast  ohne 
jede  Ablenkung  von  geschlechtlichen  Dingen  beherrscht.  Diese 
vielfach  berichtete  Tatsache  bezeichnet  JOHNSTON  als  des 
Negers  große  Schwäche.  Ausgestattet  mit  mehr  als  gewöhn- 
licher Geschlechtspotenz  lebt  er  ohne  Künste  und  Wissen- 
schaften und  ohne  feinere  Sinnengenüsse  dahin  und  die  Natur 
bietet  ihm  als  einzigen  großen  Genuß  den  Geschlechtsverkehr. 


Nejer  jo? 

Für  seine  gute  Natur  spricht,  daß  er  trotz  alledem  selten  wissent- 
lich „unanständig"  oder  der  Schlüpfrigkeit  ergeben  ist.  In 
Afrika,  diesem  Lande  der  nach  DEGRANDPRE  und  READE 
abstumpfenden250  Nacktheit,  sah  JOHNSTON  im  Zeiträume 
von  sieben  Jahren  eine  „unanständige"  Gebärde  nur  bei  kleinen 
Jungen.  Alle  anstößigen  Tänze  und  Zeremonien  werden  dem 
Fremden  eben  nicht  vorgeführt,  mit  solchen  bleiben  sie  ganz 
unter  sich.251  So  kann  KANDT  zwei  Dezenzen  beim  Neger 
unterscheiden:  eine  mildere  Dezenz  im  Verkehre  mit  seinen 
Rassegenossen  und  eine  strengere  im  Verkehr  mit  den  Weißen.252 
Die  Wohlanständigkeit  der  Neger  beim  Baden  hebt  auch 
GRETE  ZIEMANN  als  wohltuend  hervor.253  Ungeachtet  ihres 
durch  die  geringe  Ausdehnung  der  Hütten  bedingten  engen 
Zusammenhausens  begehen,  wie  FOA  betont,  die  Neger  in  ihrer 
Behausung  niemals  eine  „unsittliche"  Handlung.254  Wie  ge- 
schickt muß  der  Neger  es  verstehen,  den  äußeren  Anstand  zu 
wahren,  wenn  es  wahr  ist,  daß  nach  GUSTAV  FRITSCH  es 
jedenfalls  keiner  großen  Einsicht  bedürfe,  um  zu  erkennen, 
die  Sinnlichkeit  und  die  beim  Mangel  an  „Moral"  daraus  folgende 
„Unsittlichkeit"  liege  im  afrikanischen  Blut.255  Sicherlich 
muß  die  vortreffliche  Einsicht  PECHUEL-LOESCHEs  nicht 
so  leicht  zu  gewinnen  sein,  nach  welcher  wohlformulierte 
Sittlichkeitbegriffe  der  Europäer  leider  weniger  der  Selbst- 
zucht dienen,  als  daß  sie  verleiten,  die  eigene  Vortrefflichkeit 
nach  Reden,  die  Mangelhaftigkeit  anderer  nach  Handlungen 
einzuschätzen.258 

Einen  entscheidenden  Wendepunkt  in  seinem  jungen 
Leben  bedeutet  für  den  Negerburschen  vieler  Stämme  die  Be- 
schneidung (Circumcision,  Initiation).  An  sich  vielleicht  nur 
eine  sanitäre  Operation,  soll  sie  nach  READE  aus  dem  Phallus- 
kult  als  phallisches  Opfer  entstanden  sein.  Unter  Berück- 
sichtigung des  breiten  Raumes,  den  der  Phallus  in  der  Fetisch- 
religion besonders  der  Westafrikaner  einnimmt,  wird,  wie 
READE  ausführt,  die  Verehrung  dieses  Emblems  leicht  ver- 
ständlich in  einem  Lande,  in  dem  die  Männer  selten  kraftlos, 
die  Weiber  selten  unfruchtbar  sind.257 

Der  Beschneidungakt  ist,  bei  den  Stämmen  Liberias  z.  B., 
mit  einem  einjährigen  Aufenthalt  der    Novizen  238  im  Zauber- 


126  Die  negerartigen   Naturvölker 

walde  (englisch  greegree-bush)  verbunden.  Beinahe  jede 
größere  Stadt  in  Westafrika  weist  einen  Zauberwald  für  Knaben, 
in  der  YVei-Sprache  Bery  oder  Betty,  und  einen  für  Mädchen, 
in  der  Negersprache  Sandy,  auf.  Was  dort  vorgeht,  bleibt  für 
den  Unbeteiligten  in  mystisches  Dunkel  gehüllt.  Wer  nicht 
gutwillig  sich  einstellt,  wird  durch  einen  großen  „Teufel",  in 
der  Wei-Sprache  Soh-bah  [Soll :  Teufel,  bah :  groß)  auf- 
gegriffen.259 Recht  eigenartig  ist  das  von  WEULE  geschilderte 
Verhalten  der  heranwachsenden  Mädchen  gegenüber  den  aus 
dem  Zauberwalde  (ostafrikanisch  Daggara)  ins  Dorf  zurück- 
gekehrten Knaben.  „Was  habt  ihr  nur  im  Busch  gemacht?" 
fragen  die  kleinen  Mädchen  ihre  früheren  Gespielen,  „früher 
hattet  ihr  doch  ein  langes  spitzes  Ding;  jetzt  ist  es  kurz  und 
rund".  ,Das  haben  uns  die  Männer,'  so  lautet  die  vorgeschriebene 
Antwort,  .in  den  Leib  zurückgeschoben  und  zugebunden'. 
Vom  Schneiden  sollen  die  Mädchen  nichts  erfahren.260 

Fast  allgemein  wird  dem  Neger  das  zartere  Liebe- 
empfinden abgestritten  [Ic  scntimcnt  romancsque  ü  n  y  a 
pas).261  Der  Kuß  sei  ihm  unbekannt;  es  fehle  ihm  dafür 
der  Name.'262  Den  wissenschaftlichen  Ausdruck  für  diese  Ver- 
anlagung hat  KANDT  mit  den  Worten  gegeben:  Der  Kon- 
trektationtrieb  spiele  im  Verhältnis  zum  Detumeszenztriebe 
eine  ganz  untergeordnete  Rolle.""3  Die  Liebeneigungen  der 
Neger  sollen  nach  KANDT  nicht  wie  die  der  Weißen  individuell 
differenziert,  ja  selbst  auf  einen  Typus  nur  sehr  unbestimmt 
und  unsicher  gerichtet  sein.  Ihrem  primitiven  Liebeleben 
ständen  die  Himmel  der  Leidenschaft  nicht  offen,  aber  auch 
ihre  Hölle  bleibe  ihnen  verschlossen.  Nur  in  einem  Punkte 
behauptet  KANDT,  lediglich,  weil  es  ihm  so  paßt,  und  in 
einem  gewissen  Widerspruch  mit  seinen  vorgenannten  Fest- 
stellungen, apodiktisch,  daß  das  Liebeleben  der  Neger  ein  be- 
stimmt gerichtetes,  nämlich  ein  ausschließlich  „he- 
terosexuelles" sei.264  Und  hierin  steht  er  durchaus 
nicht  allein,  ohne  doch  deshalb  das  Rechte  getroffen  zu  haben. 

Von  den  allerverschiedensten  Seiten  wird  als  unumstöß- 
lich sicher  hingestellt,  daß  geschlechtliche  „Perversitäten"  bei 
Negern  überhaupt  nicht  vorkämen.  Jedenfalls  aber  gehörten 
Masturbation,     Homosexualität,     Masochismus    und     alle    die 


Neger  127 

übrigen  meist  für  krankhaft  angesehenen  Erscheinungen  des 
sexuellen  Trieblebens  unter  den  Negern  in  Afrika  zu  den  aller- 
größten Seltenheiten,  und  zwar  auch  solche  auf  heterosexuellem 
(iebiete.  Bei  den  Stämmen  des  Innern  seien  sie  nach  Ver- 
sicherung des  Bischofs  von  Bukumbi  und  Beichtvätern  kaum 
vom  Hörensagen  bekannt.265  Als  die  allerwichtigsten  und 
physiologisch  interessantesten  Tatsachen  werden  in  dieser  Hin- 
sicht von  OETKER  die  folgenden  bezeichnet:  nur  äußerst 
selten  fänden  sich  beim  Neger  vorzeitige  sexuelle  Phantasie- 
produkte oder  unnatürliche  Manipulationen  und  doch  sähen 
und  hörten  die  Negerkinder  von  Jugend  auf  alles,  was  mit  dem 
Geschlechtsleben  der  Tiere  und  des  Menschen  zusammen- 
hängt.268 

In  der  Tat  fließen  die  Quellen  der  Belehrung,  welche 
diese  so  allgemein  hingestellte  Behauptung  als  der  Wirklichkeit 
und  den  Analogieschlüssen  im  Wege  hinwegzuspülen  ver- 
möchten, verhältnismäßig  schwach.  Aber  das  erklärt  sich 
doch  höchst  einfach  und  wenigstens  zum  Teile  völlig  aus- 
reichend, zunächst  als  eine  naturgemäße  und  unausbleibliche 
Folge  von  KANDTs  zwei  Dezenzen.  Und  andererseits  ver- 
sichert uns  FOA,  für  einen  Europäer  sei  es  äußerst  schwierig, 
trotz  aller  Sorgfalt,  die  er  auf  Beobachtung  der  Sitten  des 
Negers  verwende,  und  ungeachtet  die  Eingeborenen  ihm  vollstes 
Vertrauen  schenken,  genau  zu  wissen,  wo  die  Wahrheit  aufhört 
und  die  Erfindung  einsetzt.224 

CUREAU  gibt  an,  einige  Neger  der  Küstengebiete  seien 
„einsamen  Lastern"  ergeben.  Und  da  er  niemals  solches  von 
Negern  im  Innern  des  Landes  gehört  habe,  besonders  nicht 
aus  solchen  Gegenden,  in  denen  Männer  und  Frauen  in  an- 
nähernd gleicher  Zahl  vorhanden  sind,  führt  er  die  Sitte  auf 
■Alkohol,  auf  Nervosität  und  auf  Einfluß  der  weißen  Rasse 
zurück.267  Diesem  schnellfertigen  Urteil  seien  einige  Erfahrung- 
tatsachen gegenübergestellt.  Der  deutsche  Arzt  JULIUS  FAL- 
KENSTEIN erklärte  1877,  die  „immer  noch  stark  beschul- 
digte Onanie"  dürfe  als  eine  Ursache  der  Kahlköpfigkeit 
nicht  mit  in  Rechnung  gestellt  werden,  da  sich  sonst 
„nur  sehr  wenige"  Loango-Schwarze  ihres  Haarschmucks 
erfreuen  könnten,  —  das    heißt    also,    daß   fast    alle  Loango- 


128  Oie  nejjerartigen  Naturvölker 

Neger  masturbieren.  Und  DUNCAN  GREENLEES  be- 
richtete 1895,  die  Eingeborenen  Südafrikas  seien  sehr  der 
Masturbation  ergeben  und  trieben  sie  noch  in  der  Irrenanstalt 
Grahamstown  Asylum.  Die  Beobachtungen  erstreckten  sich 
über  19  Jahre  (1875 — 1894)  und  auf  473  Eingeborene  (113 
Kaffern,  104  Hottentotten,  53  Bastards  und  46  Fingos),  davon 
319  Männer  zwischen  25  und  30  Jahren  und  154  Frauen  im 
Alter  von  30  bis  35  Jahren. 26s 

JACOBUS  X  .  .  .  erklärt  die  Negerrasse  für  die  wol- 
lüstigste aller  Menschenrassen.265'  Das  hindert  ihn  durchaus 
nicht,  auf  Grund  dürftigster  Erfahrung  ohne  alles  Bedenken 
die  apodiktische  Erklärung  abzugeben,  Masturbation  komme 
beim  Neger  sehr  selten  vor;  auch  könne  er  über  „Perversionen" 
der  sexuellen  Leidenschaften  unter  den  Negern  sich  ganz  kurz 
fassen,  da  „Päderastie"  ihnen  fast  unbekannt  wäre.270  Dabei 
verschlägt  es  ihm  gar  nichts,  daß  seine  weiteren  Ausführungen, 
so  unsäglich  dürftig  sie  auch  sind,  doch  dieser  Behauptung 
schon  direkt  widersprechen.  Seine  sämtlichen  Studienobjekte 
in  zwei  Erdteilen  bestanden:  in  Südamerika  aus  einem  podi- 
zierten  jungen  Mulatten  und  einem  podizierten  Negerjungen, 
in  Afrika  aus  einem  Liebespaare  junger  männlicher  Bambara- 
Neger. 

MONRAD  scheint  als  erster  die  Behauptung  von  der  Selten- 
heit speziell  der  Negerpäderastie  aufgestellt  zu  haben  und  daß 
sie  durch  Beispiel  der  weißen  Rasse  bei  den  Negern  Eingang 
fände.271  Aber  schon  BURTON  hat  ihre  Geltung  bereits 
wesentlich  eingeschränkt.272  Nach  JOHNSTON  wären  nur  die 
Neger  knaben  „lasterhaft".273  Auch  RUDOLF  ARNDT,  der 
über  die  weite  Verbreitung  der  Päderastie  unter  den  Indianern 
sein  Erstaunen  ausdrückt,  behauptet  dagegen  mutig,  daß  sie 
bei  den  Negern  nicht  leicht  angetroffen  werde,  es  sei  denn, 
die  Türken  hätten  sie  ihnen  gebracht.274  Als  verhältnismäßig 
selten  erklärt  sie  auch  noch  WESTERMARCK,  außer  bei 
arabisch  sprechenden  Negervölkern  oder  in  Gegenden  Afrikas, 
wie  Zanzibar,  die  stark  unter  arabischem  Einflüsse  stehen.275 
Ebenso  spricht  sich  MERZBACH  für  ein  anscheinend  selteneres 
Vorkommen  der  Homosexualität  bei  den  Eingeborenen  Afrikas 
aus.276    Sehr  scharf  äußert  sich  KANDT.    Bei  der  durch  Jahr- 


Neger  129 

hunderte  in  einer  Schule  fremder  Einflüsse  erzogenen  Be- 
völkerung der  Küste  möchten  die  Verhältnisse  anders  liegen. 
Was  jedoch  aus  dem  Innern  Afrikas  von  Sonderbarkeiten  im 
Sexualverkehr  bei  diesem  und  jenem  Stamme  erzählt  würde, 
stelle  sich  bei  näherer  Besichtigung  stets  als  schmutziges  Ge- 
wäsch europäischen  Ursprungs  heraus  und  als  Erfindung  psychi- 
scher Exhibitionisten.277 

Ist  das  Bestreiten  des  Vorkommens  der  Päderastie  unter 
einer  Negerbevölkerung  aussichtlos,  werden  schleunigst  andere 
Völker,  und  zwar  Kulturvölker,  dafür  verantwortlich  gemacht  — 
ihre  Auswahl  ist  ja  groß  genug:  die  Nubier  von  Bischof 
SCHNEIDER,  die  Türken  von  ARNDT,  die  Araber 
von  WESTERMARCK,  wie  oben  angegeben,  oder  fremde 
Einflüsse  überhaupt  von  KANDT.  SYMONDS  geht  sogar 
soweit,  anzunehmen,  das  Fehlen  oder  die  Seltenheit  der  Päde- 
rastie bei  den  Negern  sei  den  ausgezeichneten  Bräuchen  der 
Geschlechterweihe  und  der  Erziehung  im  Pubertätalter  zu- 
zuschreiben, und  er  erklärt  es  kurzweg  für  eine  Schande  der 
heutigen  Zivilisation,  diese  Bräuche  nicht  angenommen  zu 
haben.278 

Die  deutsche  Tagespresse  behandelte  neuerdings  einen 
Fall  von  Ausweisung  eines  deutschen  Staatsangehörigen,  des 
Farmers  und  Leutnants  a.  D.  Viktor  v.  A.*),  aus  dem 
deutschen  Kolonialbereiche  als  Folge  seines  homoerotischen 
Verkehrs  mit  afrikanischen  Eingeborenen,  v.  A.  hatte  in 
Deutsch- Südwestafrika  sehr  großes  Terrain  käuflich  erworben 
und  länger  als  ein  Jahrzehnt  bewirtschaftet,  außerdem  neun 
Jahre  vor  seiner  Ausweisung  eine  Regierungfarm  zur  Bewirt- 
schaftung erhalten,  die  just  im  Jahre  seiner  Ausweisung  in 
sein  Eigentum  übergehen  sollte.  Am  9.  August  1906  erhielt 
er  vom  Gouverneur  v.  Lindequist  einen  Ausweisung- 
befehl, auf  Grund  dessen  er  das  deutsche  Schutzgebiet  zu  ver- 
lassen hatte.  Wegen  an  Schwarzen  angeblich  begangener 
„unsittlicher"  Handlungen  war  er  zu  Gefängnisstrafe  verurteilt 
worden,  nach  seiner  Behauptung  zu  Unrecht  und  auf  Grund 
von  Urteilen,  die  sich  auf  falsche  Aussagen  von  Eingeborenen 


*)  Der    volle    Name    des  Gemaßregelten  soll   Viktor   von  Alten  sein. 
Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  9 


iqo  Die  negerartigen  Naturvölker 

stützten.  Sein  gegen  die  Ausweisung  eingelegter  Einspruch 
wurde  vom  Gouverneur  und  dann  auch  seine  Klage  wegen 
Schadenersatzes  gegen  den  Reichsfiskus  verworfen.279 

Wenn  die  Verurteilung  des  V.  v.  A.  zu  Unrecht  geschah, 
so  haben  die  Schwarzen  ein  bequemes  Mittel  gefunden,  ihre 
weißen  Unterdrücker  los  zu  werden.  Erfolgte  aber  die  Ver- 
urteilung zu  Recht,  so  trifft  sie  einen  Mann  sehr  hart,  der  durch 
fünfzehnjährigen  Aufenthalt  in  einem  deutschen  Schutzgebiete 
an  dessen  klimatische  Verhältnisse  und  Lebensbedingungen  sich 
allmählich  gewöhnt  hatte  und  seiner  eigenen  Angabe  nach  mit 
den  Verhältnissen  in  Deutschland  nicht  mehr  vertraut  war, 
da  die  Ausweisung  es  ihm  unmöglich  macht,  seinen  eigenen 
Grund  und  Boden  wieder  zu  betreten.  Eine  so  empfindliche 
Bestrafung  ist  einzig  unter  Annahme  der  richterlichen  Vor- 
stellung verständlich,  der  Verurteilte  habe  die  von  ihm  be- 
gangenen „unsittlichen"  Handlungen  an  Schwarzen  erst  in 
Südwest-Afrika  eingebürgert  oder  einzubürgern  versucht. 

Wie  aber  über  diesen  Punkt  in  anderen  staatserhaltenden 
Kreisen  gedacht  wird,  lehrt  ein  Aufsatz  in  einem  deutschen 
Blatte,  das  sich  als  „nationale  Tageszeitung  für  soziale  Reform" 
bezeichnet  und  dessen  Begründer  der  Hofprediger  S  t  ö  c  k  e  r 
war.  Hier  heißt  es:  Wer  im  Sinne  Seumes  und  der  alten  sen- 
timentalen Dichter  und  Schriftsteller  der  Onkel  Tom-Periode 
über  die  Herrschgelüste  der  Deutschen  in  Afrika  spricht,  habe 
sich  den  Wind  fremder  Erdteile  nie  um  die  Nase  wehen  lassen 
und  kenne  nicht  die  Sitten  der  Heidenvölker.  Wir  müßten 
endlich  mit  der  unseligen  Fiktion  brechen,  als  läge  Sodom 
und  Gomorrha  in  Europa  und  anderswo  läge  überall 
das  Land  frommer  Sitte.  „In  Deutsch- Südwest"  wären  wir 
durch  den  Krieg  zum  Erlöser  eines  geknechteten  Volkes  ge- 
worden. Bis  dahin  wäre  der  „Kapitän"  der  Herr  gewesen, 
dem  alles  Vieh,  dem  alle  Weiber  gehörten,  der  sich  gemästet 
habe,  während  seine  Leute  hungern  und  mühsam  sich 
Feldkost,  Ointjes  und  andere  Knollen  aus  der  Erde  hätten 
graben  müssen.  Und  die  unnatürlichstenLaster, 
die  wir  bei  uns  für  den  letzten  Reizzustand 
einer  überentwickelten  Kultur  hielten, 
wären    dort    am    lichthellen    Tage,    am  Feld- 


Neger  131 

rain,  gang  und  gäbe  gewesen.  Genau  so 
sei  es  in  unzähligen  andern*)  Gegenden 
der    Erde.280 

Also  Ausweisung  eines  Reichsdeutschen  aus  einem  deut- 
schen Schutzgebiete  in  Afrika  für  Handlungen,  die  unter  den 
schwarzen  Eingeborenen  am  lichthellen  Tage,  am  Feldrain  gang 
und  gäbe  waren!  Dabei  scheut  das  nationale  Blatt  sich  nicht, 
als  Ehrenretter  schwarzer  Moral  aufzutreten  und  zugleich  der 
deutschen  Moral  ein  vernichtendes  Urteil  zu  sprechen,  ein 
vergifteter  Pfeil,  der,  so  hoffen  wir,  nur  den  Schützen  und 
seinen  Anhang  trifft.  Es  wagt  zu  sagen:  „Eines  haben  die 
Eingeborenen  meist  allerdings  vor  uns  voraus:  sie  sind  ehr- 
licher als  wir,  sie  lernen  erst  durch  uns  die  Notwendigkeit  von 
Schloß  und  Riegel  kennen.  Aber  in  sittlicher  Beziehung  — 
im  engeren  Sinne  des  Wortes  **)  —  stehen  sie  überall  tief  unter 
uns.  Erst  die  Eroberung  bringt  auch  hier  die  Besserung." 
Das  „nationale"  Heuchlerblatt  hat  offensichtlich  an  den  ge- 
häuften geschlechtlichen  Sensationprozessen  des  letzten  Jahr- 
zehnts im  frommen  Preußen  noch  nicht  genug!  Und 
wenn  das  deutsche  Volk  die  ihm  ins  Antlitz  geschleuderte  Ver- 
leumdung des  Lügenblattes  „für  soziale  Reform"  auf  sich  sitzen 
lassen  müßte,  dann  wäre  es  wahrlich  besser,  Deutschland  würde 
eine  Neger-Kolonie,  als  es  wäre  auch  nur  das  winzigste  Stück- 
chen vom  schwarzen  Erdteile  deutsches  Schutzgebiet  geworden ! 

Der  Neger  im  aethiopischen  Afrika 

1.  Helle  Südafrikaner  und  afrikanische  Zwergvölker 

Die    Hottentotten    (Naman    oder    Khoi- 

Khoin)281 

PETER  KOLB,  Rektor  zu  Neustadt  an  der  Aysch,  redete 

schon  1719  von  „Halss  traf  fliehen  oder  Criminal  Sachen",  von 

„großen  Uebertrettungen",  die  er  aber   „nicht  nennen  mag", 

weil  er  selber  keine  „Exempel"  davon  unter  den  Cralls-Hotten- 

totten  gesehen  habe.     Doch  rückt  er  schließlich  damit  heraus, 


*)  Der  ungenannte  Verfasser  meint  natürlich:  heidnischen  Gegenden 
der  Erde. 

**)  Kürzer    und    deutlicher     hätte     der     Schmäher    sagen    können:  in 
geschlechtlicher  Beziehung. 


102  Die  negerartigen  Naturvölker 

sie  wenigstens  „mit  dem  Namen  anzuzeigen,  nämlich  die  Blut- 
schande und  die  Sodomie."  282  Der  alte  treffliche  Schulmann 
drückt  sich  weit  sachgemäßer  und  vorsichtiger  aus,  als  so  viele 
neuere  von  sich  oft  sehr  eingenommene  Forscher:  er  sagt  nicht, 
daß  Sodomie  bei  den  Hottentotten  nicht  vorkomme.  Gelegent- 
lich führt  er  ein  „gräulich  Schändwort"  an,  das  vielleicht  genug 
besagen  dürfte,  nämlich  Köetsire,  ein  Wort,  das  lateinisch 
nequam  (etwa  Lüstling)  bedeute.283  Liegt  es  da  nicht  nahe, 
an  eine  Reminiszenz  des  gelehrten  Rektors  aus  seinen  Klas- 
sikern zu  denken?  Warf  doch  CICERO  die  Frage  auf:  „Quid 
est  nequius  viro  effeminato"  (Was  gibt  es  Schlimmeres  als  einen 
weibischen  Mann)?  Vielleicht  ist  Steatopygie  (Fettärschigkeit), 
diese  höchst  charakteristische  Bildung  der  Hottentottin,  eins 
der  Kennzeichen  des  effeminierten  Hottentotten;  denn  G. 
FRITSCH  versichert,  daß  Steatopygie  auch  bei  Jünglingen 
bisweilen  vorkomme.284 

THOS.  J.  LUCAS  hat  schon  1878  angegeben,  Keuschheit 
sei  eine  den  Hottentotten  unbekannte  Tugend.285 

LEONHARD  SCHULTZE  legt  eingehend  dar,  wie  durch 
die  Einwanderung  der  Weißen  das  Hottentottenvolk  der  Ver- 
armung verfiel,  die  Vielweiberei  seltener  wurde  und  der  Ge- 
schlechtsverkehr verwahrloste.286  Auf  unehelichen  Geschlechts- 
verkehr stand  früher  Prügelstrafe,  die  als  Akt  öffentlicher 
Sittenpflege  vollzogen  wurde.287  Bei  der  sinnlichen  Frühreife 
des  Volkes  haben  Knaben  oft  schon  Geschlechtsverkehr,  ehe 
sie  den  Kinderspielen  entwachsen  sind.288  Während  ehedem 
(vor  30 — 40  Jahren)  geschlechtliche  Sittenstrenge  unter  den 
Hottentotten  üblich  war,  wird  jetzt  selbst  am  freiesten  Ge- 
schlechtsverkehr nicht  mehr  Anstoß  genommen. 2Sy 

Der  Hottentotte  besitzt  nach  LEONHARD  SCHULTZE 
einen  tief  eingewurzelten  Charakterzug  von  Brüderlichkeit,  der 
sich  auch  in  einer  Art  Liebegaben- Verhältnis  kund  gibt,  für 
das  im  Deutschen  das  entsprechende  Wort  fehlt,  dem  Soregus 
oder  der  Soreschaft.  Eingeleitet  wird  das  Soreverhältnis  durch 
Zutrinken  von  Sorewasser,  einem  Trunk,  der  dem  oder  der  Er- 
wählten gereicht  wird,  nachdem  der  Geber  oder  die  Geberin 
zuvor  davon  getrunken  hat.  „Ein  Knabe,  der  auf  diese  Weise 
in  ein  näheres  Verhältnis  zu  einem  alten  Hottentotten  trat, 


Neger  133 

bekam  ein  Pferd  und  etliche  Stück  Kleinvieh  geschenkt;  er 
überlebte  seinen  Wohltäter,  fühlt  sich  aber  noch  heute  ver- 
pflichtet, dessen  Kindern  später  —  darüber  mögen  20  Jahre 
vergehen  —  einmal  ein  Gegengeschenk  zu  machen,  wenn  ihn 
auch  niemand  dazu  zwingen  könnte."  Charakteristisch  für 
das  Soreverhältnis  ist,  daß  es  keinerlei  Rechtsschutz,  wie  etwa 
ein  Tauschgeschäft,  beansprucht,  sondern  lediglich  auf  gegen- 
seitigem Vertrauen  beruht.  Eine  Prüfung  der  treibenden 
Motive  gab  L.  SCHULTZE  in  keinem  Falle  Anhalt  zu  der 
Annahme,  Gewinnsucht  könne  im  Spiele  gewesen  sein ;  ob  beim 
Sorebrauch  geschlechtliche  Neigungen  von  vornherein  mit- 
spielen, wagt  er  nicht  zu  entscheiden. 2S'J 

Bei  den  heutigen  christlichen  kolonialen  Hottentotten 
wird  nach  KOHLER  „Unzucht"  je  nach  den  Umständen  mit 
50  bis  100  Hieben  in  einem  Vollzuge  bestraft.290 

Von  den  Buschmännern  oder  San291  und  von 
den  afrikanischen  Zwergvölkern292  scheint  auf 
Päderastie  Bezügliches  in  der  Literatur  nicht  vorhanden  zu 
sein.293  Diese  Annahme  wurde  neuerdings  von  W.  SCHMIDT 
für  die  Pygmäen  bestätigt.294 

Auf  Anfrage  teilte  der  sonst  gründliche  Kenner  der  hellen 
Südafrikaner,  Herr  Geheimrat  Professor  Dr.  GUSTAV 
FRITSCH  (Berlin),  unter  dem  23.  Dezember  1900  gütigst 
brieflich  dem  Verfasser  folgendes  mit: 

„über  Päderastie  unter  südafrikanischen  Eingeborenen 
„habe  ich  überhaupt  nichts  in  Erfahrung  gebracht  und  bin 
„überzeugt,  daß  sie,  damals  wenigstens,  überhaupt  kaum 
„vorgekommen  ist.  Die  Abneigung  gegen  die  Perversität 
„sehe  ich  daher  als  dem  Naturzustand  entsprechend  an."295 
Diese  Ansicht  wird  jedoch  durch  beinahe  jede  Seite  der 
vorliegenden  Zusammenstellung  als  eine  irrige  dargetan. 

2.  Bantuneger 296 
Nach  einem  Ungenannten,  wahrscheinlich  dem  früheren  Gou- 
verneur von  Kamerun,  JESKO  VON  PUTTKAMER,  kommen 
nach  Art  der  „Hermaphroditen"  unter  den  Indianern  als  Frauen 
sich  gebärdende  Männer  zwar  bei  den  von  ihm  selber  studierten 
Banaka  und  Papuku  nicht  vor,  wohl  aber  ist  solches  von  anderen 


Ioa  Die  negerartigen  Naturvölker 

Negerstämmen  bekannt.297  Von  welchen  Stämmen,  wird  leider 
nicht  bemerkt.  Der  Hauptmann  und  Kompagniechef  in  der 
Kaiserlichen  Schutztruppe  für  Deutsch-Ostafrika,  E.  NIG- 
MANN,  teilt  mit,  daß  verschiedentüch  farbige  Soldaten  ver- 
schiedener Stämme  —  welcher  Stämme,  wird  auch  hier  nicht 
angegeben  —  wegen  Päderastie  (es  ist  wohl  Podikation  gemeint) 
hätten  bestraft  werden  müssen.298 

Im  Banturecht,  wenigstens  im  ostafrikanischen,  findet 
sich  nach  KOHLER  Bestrafung  päderastischer  Handlungen 
nicht.299 

a.  Kaffern  :m 
.^Uber  die  Vorgänge  bei  den  Beschneidungfesten  der 
Küsten-  und  Gebirgsstämme  der  Kaffern  wird  nach  Mc  CALL 
THEAL  strengstes  Schweigen  beobachtet;  dennoch  sind  „ge- 
wisse schreckliche  Bräuche"  (certain  horrible  customs),  welche 
dabei  üblich  sind  —  und  die,  eben  weil  sie  auch  von  dem 
englischen  Gewährmanne  verschwiegen  werden,  höchstwahr- 
scheinlich gleichgeschlechtlicher  Natur  sind  —  bekannt  ge- 
worden. Nach  demselben  Autor  herrscht  unter  den  Kaffern 
Polygynie,  nur  bei  den  Gebirgsstämmen  Polyandrie  ,301 
eine  Abweichung,  welche  vielleicht  auch  mit  besonderen 
homoerotischen  Verhältnissen  zusammenhängt.  Auch  JA- 
MES BRYCE  spricht  von  „widerwärtigen  und  abscheu- 
lichen Bräuchen",  die  unter  den  Kaffern  bei  der  Zulassung 
der  Knaben  und  Mädchen  zum  Kreis  der  Erwachsenen, 
sowie  bei  verschiedenen  Festen  geübt  werden,  von  der  englischen 
Regierung  aber  verboten  sind.  Leider  ist  Genaueres  weder 
über  die  dafür  in  Betracht  kommenden  Stämme  noch  über 
die  Bräuche  selbst  angegeben.301/2 

a)  Die  Südostkaffern 
Bei  den  A  m  a  x  o  s  a  lag  um  1840  die  Erziehung  der 
Knaben  nach  DOHNE  ganz  den  Männern  ob;  von  ihnen 
wurden  die  Knaben  bei  den  Beschneidungfesten  von  neuem 
mit  Geheimnissen  bekannt  gemacht,  welche  sie  beim  Vieh- 
hüten schon  kennen  lernten  und  schon  selbst  im  Verborgenen 
übten.302  Da  sie  bei  Verlust  ihres  Lebens  als  Kinder  sich 
nicht  das  Geringste  erlauben  durften,  machte  sie  das  Bewußt- 


Neger  135 

sein,  nach  ihrer  Beschneidung  als  Männer  zu  gelten,  in  der 
ersten  Zeit  häufig  übermütig  und  ausschweifend,  was  ihnen 
aber,  wenn  sie  ertappt  wurden,  teuer  zu  stehen  kam,  da  die 
Geschenke,  die  sie  erhalten  hatten,  ihnen  wieder  abgenommen 
wurden.303  In  „fleischlicher  Lust''  waren  die  Am  a  x  o  s  a  gänz- 
lich versunken  und  das  junge  Volk  war  hierin  ganz  zügellos 
und  unbändig.304  Dabei  lebten  sie  im  allgemeinen  sehr  friedlich 
und  ärgerten  einander  wenig.305  „Widernatürliche  Unzucht" 
soll  bis  1858  den  Amaxosa  „beinahe"  vollkommen  unbekannt 
gewesen  sein.  Während  seines  fünfundzwanzigjährigen  Aufent- 
haltes unter  den  Tambookies  hat  WARNER  nur  von 
einem  einzigen  Falle  von  ,, Sodomie"  gehört;  er  wurde 
als  Kriminalfall  behandelt  und  der  Täter  mußte  die  durch  den 
Häuptling  festgesetzte  Buße  von  fünf  Stück  Vieh  erlegen.306 
BROWNLEE,  nach  dem  die  Buße  für  „widernatürhche  Un- 
zucht" in  Zahlung  von  fünf  bis  zehn  Stück  Vieh  bestand,  ist 
niemals  ein  Fall  zu  Ohren  gekommen.307 

Wenn  ein  Mann  sich  hartnäckig  ohne  Penishülle  zeigt, 
wird  er  vom  Häuptling  bestraft.  Zieht  ein  Mann  einem  anderen 
aus  Bosheit  oder  sonst  einem  Grunde  die  Penishülle  ab, 
hat  er  als  Buße  dem  Kläger  ein  bis  fünf  Stück  Vieh  abzu- 
treten.308 

Nicht  unverdächtig  lautet  eine  Schilderung  LIVING- 
STONEs.  Um  1857  sah  er  unter  den  vor  ihm  noch  wenig 
besuchten  Temba  viele  Stutzer  (dandies) ,  deren  Schultern 
ganz  naß  von  Fett  waren,  das  aus  dem  feuchten  Haare  herab- 
tropfte und  deren  Körper  an  allen  Teilen  mit  Zierat  bekleidet 


war 


309 


ß)  Die  Amazulu  (Sulus;  Landeens   bei  Living- 

s  t  o  n  e)  310 
Die  Amazulu  werden  als  ein  ausgezeichnetes  Krieger- 
volk geschildert.  Ihre  Soldaten  mußten  in  alten  Zeiten  ehelos 
bleiben,  um  für  nichts  besorgt  sein  zu  müssen  und  als  junge 
Gatten  ihr  junges  Weib  (Gobisile)  nicht  mehr  lieben  zu  können 
als  die  Tapferkeit.  So  ist  es  in  ihrem  aus  vier  Teilen  bestehenden 
Religionsystem,  Abteilung  Unkiilimkulu  (Schöpfunglehre) 
niedergelegt,  aber  längst  außer  Brauch  gekommen.311 


I  o6  Die  negerartigen  Naturvölker 

HIRN  glaubt  die  Knabenweihezeremonien  bei  den  A  m  a  - 
z  u  1  u  ,  wie  sie  von  FRITSCH  312  geschildert  sind  und  wie  sie 
keinesfalls  in  irgend  einer  anderen  noch  so  stark  herunter- 
gekommenen Nation  möglich  seien,  mit  homoerotischen  Lastern 
in  Verbindung  bringen  zu  müssen,  wie  das  von  MATHEWS 
für  die  K  a  m  i  1  a  r  o  i  mit  Recht  geschehen  sei.313  Ein  solcher 
Zusammenhang  ist  jedoch  nicht  nachgewiesen  und  die  Knaben- 
weihefeste sind  sicher  nicht  aus  gleichgeschlechtlichen  Ten- 
denzen hervorgegangen,  wenn  sie  auch  den  Päderasten  will- 
kommene Gelegenheit  zur  Befriedigung  ihrer  natürlichen  Triebe 
darbieten  mögen.  Gewisse,  von  WOOD  illustrierte,314  sadistisch 
erscheinende  Gewohnheiten,  wie  das  Sechu,  bei  dem  die  14- 
jährigen  Weiheknaben  mit  Peitschen  aus  Moretloa  (Grewia 
flava)  gezüchtigt  werden,  kommen  nach  LIVINGSTONE  außer 
bei  den  Bamangwato  nur  noch  bei  zwei  Stämmen  vor. 
Sechu  ist  ein  Teil  der  £og^e?-a-(Beschneidung-)Zeremonien;  sie 
finden  sich  bei  allen  Betschuanen  und  Kaffern ;  unter  den  10-  bis 
14- oder  15 -jährigen  Knaben  werden  von  den  Banona  (Männern) 
bestimmte  Basimanes  (Knaben)  als  Gesellschafter  für  einen  der 
Söhne  des  Häuptlings  ausgewählt.315 

c)  Die  Matabelen  und  die  Betschuanen 
Der  Matabele-  König  Lo  Bengula  hatte  84 
Frauen.316  Bei  den  M  a  k  o  1  o  1  o  heiraten  die  wohlhabenden 
Greise  alle  hübschen  jungen  Mädchen  weg,  von  denen  sie 
wegen  ihrer  Häßlichkeit  und  ihres  Alters  gehaßt  werden.  Die 
armen  jungen  Leute  müssen  mit  dem  vorlieb  nehmen,  was 
übrig  bleibt,  ein  sozialer  Zustand,  der  nach  LIVINGSTONE 
ein  gut  Teil  zur  „Immoralität"  beiträgt.317 

Von  Bestrafung  oder  Verbot  der  Päderastie  bei  den 
Betschuanen  ist  nach   KOHLER  nichts  bekannt.318 

Mit  einer,  wie  bei  BASTIAN  gewöhnlich  nur  leicht  hin- 
geworfenen gelegentlichen  Bemerkung,  die  zweifellos  hierher- 
gehört, läßt  sich  leider  für  den  Augenblick  nichts  besseres  an- 
fangen,   als    sie    wörtlich  wiedergeben.     BASTIAN    schreibt: 
Der    Weibermann    von    Mankopane    (in    Süd-Afrika) 
nimmt   alle   Weibsmanieren   und   -Ausdrücke   an,   Weiber- 
arbeit tuend  (Endemann).3189 


Neger  137 

Diese  Bemerkung  BASTIANS  betrifft  die  S  o  t  h  o  (Bas- 
suto)  oder  „Bettler",  einen  Stamm  der  Betschuanen. 

d)  Die  Nordkaffern 
iach  NIGMANN  ist  Päderastie  bei  den  W  ah  ehe  früher 
unbekannt  gewesen.  Eingeborene  Gewährleute  versicherten 
ihn  einzeln  und  übereinstimmend,  erst  seit  Einrücken  der 
Truppe,  bei  der  verschiedentlich  farbige  Soldaten  anderer 
Stämme  solcher  Abnormitäten  wegen  bestraft  werden  mußten, 
davon  gehört  zu  haben.298 

KOHLERs  Studie  über  das  Recht  der  Wahehe, 
welches  sich  vorzugsweise  auf  NIGMANN  stützt,  vermag  daher 
auch  nichts  Rechtsgeschichtliches  über  deren  Päderastie  bei- 
zubringen.319 

b.  Südwestliche  Bantimeger 

a)  Die  Ondonga 
Bei  den  Ondonga  gibt  es  nach  RAUTANEN  Päde- 
rasten,  jedoch  werden  sie  gehaßt.  Es  gibt  auch  Männer,  die 
sich  als  Frauen  gebärden,  sie  werden  aber  verabscheut.  Sie 
haben  ihren  besonderen  Namen:  Esenga  (Eshenga),  in  Mehr- 
zahl Omasenge  (Omashenge).  Die  meisten  dieser  Männer  sind 
Zauberer  (Oonganga).320 

p1)  Die  Ovaherero  (Herero)  321 
Nach  HEDWIG  IRLE  kann  von  Kindererziehung  bei 
den  heidnischen  Herero  keine  Rede  sein ;  eher  wären 
die  Kinder,  wenigstens  die  Knaben  mit  ihrem  Schmeichelnamen 
Okauta  (Bogenschützen  oder  Bögelchen),  die  Herren  ihrer 
Eltern.322 

I.  IRLE  versichert,  man  könne  die  jungen  Männer 
ebenso  wie  die  jungen  Mädchen  der  Herero  fast  schön  nennen. 
Doch  daure  das  nur  kurze  Zeit  und  die  Sünden  des  Heiden- 
tums, Unzucht  und  alle  möglichen  Leidenschaften  prägten  neben 
anderen  Verunzierungen  den  Gesichtern  ihren  entstellenden 
Stempel  auf.323  Erstaunlich  sei  bei  ihrem  oft  so  sitten-  und 
zuchtlosen  Leben  ihre  strotzende  Gesundheit.324  Fast  beständig 
befänden  sie  sich  unter  der  Herrschaft  der  Sinnenreize  und 
der  Fleischeslust.     Die  Kinder  seien  schon  vom  10.  Jahre  an 


lo8  Die  negerartigen  Naturvölker 

oft  zügellos  in  der  Unzucht,  wüßten  aber  ihre  Unarten  durch 
unglaubliche  Verstellungkunst  meisterhaft  zu  verbergen.  Das 
starke  Herumliegen  dieser  Nomaden  mit  dem  Vieh  habe  ihr 
„sittliches  Gefühl"  abgestumpft  und  bis  nahe  auf  den  Null- 
punkt gebracht.325  Aber  trotz  der  ungezügelten  „Unsittlichkeit" 
gäbe  es  im  Volke  jugendliche  Personen  von  tiefem  Scham- 
gefühl.326 Ihnen  die  Fähigkeit  jeder  edleren  Regung  abzu- 
sprechen und  sie  dem  Tiere  gleichzustellen,  sei  wider  die  Wahr- 
heit; sie  seien  zwar  schlecht,  aber  nicht  so  schlecht,  wie  manche 
Weiße  unter  ähnlichen  Verhältnissen  sein  würden,  und  von 
Natur  nicht  so  schlecht,  wie  sie  es  durch  Berührimg  mit  ge- 
wissen Weißen  zu  werden  pflegten.327  Nach  demselben  Gewähr- 
manne waren  die  im  Römerbriefe  I,  18 — 31  bezeichneten  Sünden 
der  Heiden  *)  auch  die  der  Herero.328  „Unnatürliche  Ver- 
brechen" kämen  vor.  Notzucht  und  Blutschande  aber  seien 
unerhört.329 

Von  Gesetzen  gegen  Päderastie  weiß  man  nach  KOHLER 
im  Rechte  der  Ovaherero  nichts.330 

y)  Negerstämme  des  Sambesitales  und  der  an- 
grenzenden Landschaften 
LIVINGSTONE  berichtet  von  seinen  Leuten,  den  Sam- 
besi-Negern Mohorisi  und  Pitsane,  sie  hätten  in  jedem 
Dorfe  der  befreundeten  Balunda  ihren  Freund  oder  Mole- 
kaue  gehabt.  „Es  scheint" ,  meint  dazu  FREIMARK, 
,,dass  diese  Freundschaften  nicht  ohne  sexuelle  Beimischung 
waren."330/31  Aus  LIVINGSTONEs  Text  geht  das  aber 
nicht  hervor.  Ganz  im  Gegenteil!  Zugestanden,  dass  dem 
Worte  Molekane  die  Nebenbedeutung  homoerotischer  Zu- 
neigung zuerkannt  werden  dürfe,  so  erscheint  doch  die  Heran- 
ziehung gerade  dieser  Stelle  als  Beleg  dafür  unmöglich ,  weil 
LIVINGSTONE  mitteilt,  Mohorisi  habe  aus  der  Stadt  Ka- 
tema  und  Pitsane  aus  der  Stadt  Shinte,  in  Übereinstimmung 


*)  Es  lautet  aber  Römer  I.  27:  ,,Und  desgleichen  verliessen  auch  die 
Männer  den  natürlichen  Gebrauch  des  Weibes  und  entbrannten  in  ihren 
Begierden  gegen  einander,  indem  sie  Männer  mit  Männern  Schändlichkeiten 
trieben  und  so  den  Lohn,  der  ihrer  Verirrung  gebührte,  an  sich  selbst  emp- 
fingen." 


Neger  139 

mit  den  politischen  Plänen  der  Balunda-    und  der  Makololo- 
Häuptlinge,  sich  ein  Weib  geholt. 

c.  Sessliafte  ostafrikaiiische  Bantuvölker 

SCHNEIDER  bemerkt,  Päderastie  und  andere  „un- 
natürliche Laster"  in  den  östlichen  Negerländern  seien  durch 
die  Nubier  dorthin  importiert  worden;331  in  den  Ouellenwerken 
von  WERNE  und  COMBES,  auf  die  SCHNEIDER  sich  beruft, 
ist  davon  nichts  enthalten. 

Von  Bestrafung  der  Päderasten  enthält  das  Recht  der 
ostafrikanischen  Bantuneger  nichts  (KOHLER)  2" 

a)    Stämme   am   Nyassa   und   am   unteren 
Sambesi 

1.  Die  Tongastämme332 
OSKAR  BAUMANN  ist  der  einzige  Ethnograph,  welcher 
den  ,, konträrsexuellen"  Erscheinungen  bei  den  Negervölkern 
tiefere  Aufmerksamkeit  geschenkt  zu  haben  scheint;  zu  be- 
merken ist  nur,  daß  die  Darstellung  des  von  ihm  Beobachteten 
sichtlich  vollständig  unter  dem  Einflüsse  der  Lektüre  der 
KRAFFT-EBING-MOLL-Literatur  zustande  kam.  Nach  BAU- 
MANN soll  bei  der  männlichen  Negerbevölkerung  Zansibars 
sowohl  angeborene  als  auch  erworbene  konträre  Triebrichtung 
ziemlich  häufig  vorkommen,  angeborene  unter  den  Stämmen 
Inner- Afrikas  aber  seltener  auftreten;  die  größere  Häufigkeit 
in  Zanzibar  schreibt  er  dem  Einflüsse  der  Araber  zu,  welche 
zusammen  mit  Komorensern  und  wohlhabenderen  Swahili- 
Mischlingen  das  Hauptkontingent  zu  den  ,,Erworben-Konträren" 
stellen  sollen.  Bei  diesen  Leuten  trete,  da  sie  meist  sehr  früh 
zum  Geschlechtsgenusse  gelangten,  bald  Übersättigung  ein, 
welche  es  ihnen  nahe  lege,  durch  konträre  Akte  neuen  Anreiz 
zu  suchen,  nebenher  aber  auch  normale  Akte  auszuführen. 
Später  gingen  sie  jeder  Libido  zum  weiblichen  Geschlecht  ver- 
lustig und  würden  aktive  Päderasten,  um  mit  eintretender  Im- 
potenz zu  passiver  Päderastie  überzugehen;  ihre  Objekte  ge- 
hörten fast  ausschließlich  der  schwarzen  Sklaven-Bevölkerung 
an;  nur  selten  gäben  sich  arme  Freie,  Araber,  Belutschen  u.  a. 
aus  Gewinnsucht  dazu  her.     Die  zur  Podikation  auserlesenen 


140  Die  negerartigen  Naturvölker 

halbwüchsigen  Sklaven  würden  von  jeder  Arbeit  ferngehalten, 
gut  gepflegt  und  planmäßig  verweichlicht.  Anfangs  behielten 
sie  am  normalen  Geschlechtsakte  Gefallen  und  blieben  auch 
normal,  wenn  sie  nicht  zu  lange  als  Lust-Knaben  Verwendung 
fänden;  geschähe  dieses,  so  schrumpfe  allmählich  das  Skrotum, 
das  Glied  verliere  die  Fähigkeit  zur  Erektion  und  das  Indi- 
viduum finde  nur  noch  an  passiver  Päderastie  Geschmack. 
Und  Nachahmung  dieser  fremden  Sitten  sei  es,  durch  welche 
auch  Zanzibar-Neger  zu  konträren  Akten  gelangten.  Da 
diesen  Negern  eigene  Sklaven  vielfach  nicht  zur  Verfügung 
ständen,  habe  sich  eine  männliche  Prostitution  entwickelt, 
welche  sich  teils  aus  früheren  Lustknaben  der  Araber,  teils  aus 
anderen  Negern  ergänze.  Die  Betreffenden  lebten  hauptsächlich 
in  N  g  a  mb  o  und  betrieben  ihr  Gewerbe  ganz  öffentlich ;  manche 
unter  ihnen  trügen  Weiber-Kleidung;  bei  fast  jedem  Tanze  in 
Ngambo  könne  man  sie  mitten  unter  den  Weibern  sehen; 
andere  erschienen  in  männlicher  Tracht,  trügen  jedoch  an 
Stelle  der  Mütze  ein  Tuch  um  den  Kopf  geschlungen;  viele 
endlich  verschmähten  jegliches  Abzeichen.  Die  meisten  dieser 
Leute  sollen  nach  BAUMANN  an  Mastdarm-Leiden,  die  sie 
anfangs  durch  Verstopfen  mit  Tüchern  und  Anwendung  von 
Parfüms  zu  verbergen  trachteten,  zugrunde  gehen;  alle,  sowohl 
aktive  als  passive  Päderasten  ständen  im  Rufe,  starke  Trunken- 
bolde zu  sein,  woher  es  komme,  daß  die  Swahili-Bezeichnung 
für  Säufer  (Wahvi)  vielfach  direkt  für  Päderast  angewendet 
werde.  Männer  von  geboren-konträrer  Sexualität  entbehrten 
von  Jugend  auf  des  Triebes  zum  Weibe,  fänden  vielmehr  an 
weiblichen  Arbeiten,  wie  Kochen,  Mattenflechten  u.  dergl. 
Vergnügen;  sobald  ihre  Angehörigen  dieses  bemerkten,  fügten 
sie  sich  ohne  Widerstreben  dem  Tatbestande  dieser  Eigenheit; 
der  junge  Mann  lege  Weiberkleidung  an,  trage  das  Haar  nach 
Weiberart  geflochten  und  benehme  sich  völlig  als  Weib;  sein 
Verkehr  bestehe  hauptsächlich  aus  Weibern  und  männlichen 
Prostituierten;  geschlechtliche  Befriedigung  suche  er  wesent- 
lich in  Podikation  und  in  beischlafähnlichen  Akten;  kufira 
heiße  podizieren,  kufirwa  podiziert  werden;  in  ihrer  äußeren 
Erscheinung  seien  die  geboren-konträren  Männer  von  männ- 
lichen Prostituierten  nicht  zu  unterscheiden;  gleichwohl  sähen 


Neger  14] 

die  Eingeborenen  zwischen  ihnen  einen  scharfen  Unterschied, 
indem  sie  die  berufsmäßigen  Lustknaben  verachteten,  das  Ver- 
halten der  geborenen  Konträren  dagegen  als  Willen  Gottes 
(Amri  ya  muungu)  zu  dulden  pflegten.  Für  homosexuale 
Männer  habe  die  Swahili-Sprache  die  Bezeichnung  Mke-simume 
d.h.  Weib,  kein  Mann;  doch  fände  auch  der  Ausdruck  Mzebe 
und  das  dem  Arabischen  entlehnte,  eigentlich  Impotente  be- 
deutende Hanisi  auf  sie  Anwendung.  Das  arabische  Gesetz 
sei  in  der  Verfolgung  der  männlichen  Konträren,  obwohl  der 
Qorän  die  Päderastie  streng  verbiete,   ziemlich   tolerant.333 

OTTO  STOLL  bemerkt  zu  diesen  Ausführungen  BAU- 
MANNs,  die  er  in  mehrfacher  Hinsicht  sehr  lehrreich  findet, 
daß  die  Behandlung  der  Homosexuellen  dort  zulande  eine  viel 
naturgemäßere  und  vernünftigere  sei,  als  in  Europa,  und  er 
findet  es  daher  begreiflich,  daß  Europäer  mit  homosexuellen 
Neigungen,  seien  diese  nun  angeboren  oder  erworben,  gerne 
den  Orient,  Ägypten,  Konstantinopel  usw.  aufsuchen,  um  un- 
gestört durch  die  europäischen  Strafgesetze  ihren  Neigungen 
nachleben  zu  können. 333a 

Schon  16  Jahre  vor  BAUMANNs  Angaben.  1882,  hat 
der  erste  Herausgeber  eines  ,,Dictionary"  der  Suaheli-Sprache, 
der  englische  Missionar  L.  KRAPF,  die  in  einem  „Wörter- 
buch" so  gut  als  verlorene  Mitteilung  gebracht,  Hermaphro- 
dit heiße  im  Kisuaheli  Mumemke,  von  Mume  =  Mann 
und  Mke  =  Weib,  also  „Mannweib'-;  Hermaphrodit  heiße 
aber  auch  Mume  si  Mke  (Mann,  nicht  Weib)  und  Mke  si 
Mume  (Weib,  nicht  Mann).  Solch  ein  „Zwitter"  habe,  so 
sei  erzählt  worden,  als  Sklave  bei  dem  frühern  Festungkom- 
mandanten in  Mombas  gelebt.334  Daß  die  Suaheli-Neger 
Worte  für  „Hermaphroditen"  haben,  beweist  genügend,  daß 
solche  bei  ihnen  nicht  gar  zu  selten  sind.  Als  eine  dem 
Arabischen  entlehnte  Bezeichnung  für  den  passiven  Sodomiten 
oder  Catamiten  gibt  KRAPF  Hdnithi  an.334a  Für  Sodomie 
hat  die  Suaheli- Sprache  nach  SACLEUX  1891  den  Terminus 
Zambi  ya  Kaumu  Lut'i  (etwa:  Sich  der  Wollust  mit  einem 
Genossen  ergeben),  für  Sodomit  die  Bezeichnung  Kaumu  Lut'i 
(etwa:  Wollüstling  mit  einem  Genossen) .334b  Nach  MADAN 
heißt  Sodomie  im  Kisuaheli  Kufira   und   Kufirana,  aber  auch 


142  Die  negerartigen  Naturvölker 

—  und  wohl  erst  infolge  des  Einflusses  der  Missionare  — 
Thambi  ya  watit  wa  Sodom  (Sünde  der  Männer  von  Sodom).334c 
Hanisi  heißt  nach  MADAN  weibisch,  weichlich,  nach  VEL- 
TEN  impotent  und  Zwitter.334d  Mtu  wa  kike  ist  nach  VEL- 
TEN  ein  weibischer  Mensch  und  fanget  kike  heißt  sich  weibisch 
betragen.33'6 

Unter  den  Knaben  des  Atonga- Stammes  herrscht  nach 
Mitteilung  eines  Missionars  an  JOHNSTON  ein  Laster,  das  er 
nicht  einmal  mit  verschleierndem  Latein  bezeichnen  mag  und 
von  dem  er  vermutet,  daß  ihm  die  männliche  Jugend  aller 
Negerstämme  huldige.335 

2.  Die  M  a  n  j  a  n  g  a 
LIVINGSTONE  war  einmal  überrascht,  einem  jungen 
Mann  mit  dem  Pelele,  dem  Oberlippenring  der  Manj  anga-Weiber, 
zu  begegnen.336  Ob  es  sich  dabei  um  einen  Weibmann  (man- 
womart)  handelte,  wird  nicht  angedeutet.  An  einer  späteren 
Stelle  bemerkt  LIVINGSTONE,  ihm  sei  erzählt  worden,  im 
Stamme  der  Mabiha  trügen  beide  Geschlechter  den  Pelele.337 

3.  Die  Wassiba  in  Kissiba 
Ein  Zwiegespräch  mit  einem  Eingeborenen,  Lwamgira, 
in  Bukoba  im  Dezember  1907  teilt  der  Landrichter  H.  AUTEN- 
RIETH   mit.    Er  nahm  Gelegenheit,  an  Hand  des  KOHLER- 
schen  Fragebogens  den  intelligenten,  Kisuaheli  redenden  Mann 
über  das  Wassiba-  Recht  auszufragen. 
Frage:  „Widernatürliche  Unzucht?" 
Antwort:  „So  etwas  gibt  es  gar  nicht." 
Der   Ausfrager  gesteht   selber   zu,   daß   Ausfragen   eines 
Einzelnen  zur  Feststellung  eines  Stammesrechts  nicht  genüge.338 
Genau  genommen  hat   Lwamgira  durchaus   nicht  so 
unrecht:    Päderastie    als   „widernatürliche   Unzucht"   gibt    es 
gar  nicht. 

REHSE  glaubt,  behaupten  zu  dürfen,  , .widernatürliche 
Unzucht"  zwischen  Personen  gleichen  wie  verschiedenen  Ge- 
schlechts käme  in  Kiziba  bei  einem  Baziba  nicht  vor.  Es  ist 
ihm  versichert  worden,  daß  man  vorkommenden  Falles  einen 
solchen  Mann  für  „viehisch"  halten  und  des  Landes  verweisen 


Neger  143 

würde.  Auch  Selbstbefriedigung  soll  nach  REHSE  bei  Männern 
nicht  vorkommen.  Unzucht  mit  Kindern  würde  mit  Fesselung 
bis  zu  10  Tagen  bestraft.339 

b)    Stämme   zwischen   der   Ostküste   und   den 
großen    Seen 

1 .  Die  Waschambala 
Bei  den  Waschambala  in  Schambalei  (Usam- 
bara)  wird  nach  dem  Missionar  F.  H.  LANG  Päderastie  geübt, 
gilt  aber  als  grobe  sittliche  Verirrung,  die  strenge  Strafen 
nach  sich  zieht;  leider  fehlen  genauere  Daten  völlig.  Als 
Weiber  sich  gebärdende  Männer  soll  es  nicht  geben.340 

2.  Die  Wapokomo 
Der  Missionar  AUGUST  KRAFT  in  Ngao  am  Tana  er- 
klärt, Päderastie  sei'bei  den  Wapokomo  unbekannt,  auch  als 
Frauen  sich  gebärdende   Männer  gebe  es  bei  diesem  Neger- 
stamme nicht.341 

3.  Die  Wadschagga 

Der  Oberleutnant  in  der  Kaiserlichen  Schutztruppe  für 
Deutsch-Ostafrika  M.  MERKER  stellte  fest,  „widernatürliche 
Unzucht"  finde  sich  nicht  imStrafrechte  der  Wadschagg  a.342 
Daraus  aber  den  Schluß  zu  ziehen,  Päderastie  sei  den  Wad- 
schagga unbekannt,  würde  sehr  unvorsichtig  sein  . 

GUTMANN  führt  unter  den  todeswürdigen,  durch  Lynch- 
justiz gesühnten  Verbrechen  der  W  a  d  s  c  h  a  g  g  a  die  „So- 
domie" nicht  auf.343 

4.  Die  W  a  g  o  g  o 

Von  als  Weiber  verkleideten  Zauberern  ist  dem  Geist- 
lichen HENRY  COLE  nichts  bei  den  W  a  g  o  g  o  bekannt 
geworden.344 

Dahingegen  muß  COLE  zugestehen,  daß  ihre  Tanzfeste 
nicht  harmlosem  Vergnügen  dienen,  sondern  Gelegenheit  zu 
Liebeabenteuem  böten  und  „ein  Deckmantel  für  Unsittlichkeit" 
seien.345 


1^4  ^'e  neoerart'gen  Naturvölker 

Auch  nach  dem  Missionar  J.  E.  BEVERLEY  gibt  es  bei 
diesem  Stamme  als  Weiber  sich  gebärdende  Männer  nicht. 
Päderastie  komme  aber  unter  ihnen  vor,  wenn  auch  nicht 
allgemein. 346 

5.  Die  Wauyamwesi 
Der  Forschungreisende  OSCAR  BAUMANN  lernte  einen 
effeminierten  Unyamwesi  kennen,  der  Podikation  mit  sich 
treiben  ließ.347  Nach  dem  Hauptmann  und  Stationchef 
PUDER  in  Tabora  dagegen  käme  ,  .widernatürliche  Unzucht" 
bei  den  Wanyamwesi  gar  nicht  vor.348 

6.  Die  Avungura 
CZEKANOWSKI  hat  1909  ganz  allgemein  festgestellt, 
daß  bei  den  Avungura  „Homosexualismus  recht  verbreitet" 
ist.  Ob  es  sich  um  mann-männlichen  oder  weib-weiblichen 
Geschlechtsverkehr  oder  um  beides  handelt,  wird  nicht  an- 
gedeutet. Auch  bleibt  unklar,  ob  Homoerotik  gemeint  ist  oder 
bloß  gelegentliche  Akte  unter  Geschlechtsgleichen  beobachtet 
wurden.349  Des  Gewährmannes  Mitteilung  ist  aber  nur  als 
eine  vorläufige  anzusehen. 

d.  Stämme  am  Kongo  und  in  Nieder-Guinea350 

a)  Küstenstämme  südlich  vom  Kongo  (das  ehe- 
malige Königreich  Kongo)351 
Im  Jahre  1606  konnten  die  Priester  Gaspar  Aze- 
v  e  r  e  d  u  s  und  Antonius  Sequerius  in  Loanda,  der 
Hauptstadt  von  Angola,  nicht  nur  feststellen,  daß  der  Soba 
C  a  f  a  g  n  a  mehr  als  300  Frauen  sein  eigen  nannte,  sondern 
sie  trafen  daselbst  auch  sehr  viele  Zauberer,  die,  obgleich 
Männer,  das  weibliche  Geschlecht  nachahmten,  sich  nach  weib- 
licher Art  kleideten,  so  saßen  und  so  sprachen,  sich  aber  dessen- 
ungeachtet „mit  dem  schmachvollen  Namen  Mann  anrufen 
ließen."  Diese  „schamlosen  Personen"  verheirateten  sich,  gleich 
als  ob  sie  Weiber  wären,  mit  Männern,  um  sich  mit  diesen  „in 
verkehrter  männlicher  Begierde  zu  vereinigen,"  und  sie 
rechneten  sich  dieses  noch  zur  Ehre  an.  Man  nannte  sie  Chi- 
bados.3*2      Angola  wies  gegen  1854  nach  LIVINGSTONE  noch 


Neger  145 

23  eingeborene  Sobas  (Fürsten)  auf,  hatte  300  Götzenhäuser 
und  3232  unverheiratete  Personen.353  BASTIAN  bezeichnet 
übrigens  die  Angolaneger  als  die  sanftesten  und  in  der  Me- 
chanik geübtesten  unter  allen  Negern  Afrikas.354 

Der  alte  Ordensprediger  JE  AN-B  APTI STE  LAB  AT  erzählt 
1732  von  einer  „Sekte"  der  gemeinsten  Neger  des  Königreichs, 
den  Nquiti.  Zu  ihren  Zusammenkünften  wählten  sie  sich  die 
vom  Verkehr  am  meisten  abgelegenen  Plätze  aus,  die  tiefsten  und 
bewaldetsten  Täler,  in  welche  „ihr  Licht  zu  spenden  die  Sonne 
sich  scheuen  würde"  ob  der  „scheußlichen  Schmutzereien",  die 
dort  begangen  würden.  Die  schamlosesten  Neger  strömten  dort 
haufenweise  zusammen,  um  ihre  „brutale  Leidenschaft"  zu 
befriedigen.  Alle  von  den  Missionaren  aufgewandten  Be- 
mühungen, diese  „Schandbuben"  auseinander  zu  treiben,  seien 
bis  dahin  vergeblich  gewesen.  Die  „schändlichen"  Mitglieder 
dieser  „Sekte"  gingen  nach  wie  vor  erhobenen  Hauptes  einher 
und  gäben  sich  keine  Mühe,  sich  zu  verbergen.  Man  erkenne 
ihren  Aufenthalt  an  einer  großen  Zahl  vor  ihren  Hütten  im 
Halbkreise  aufgepflanzter,  mit  nur  wenig  Kunst  bemalter  und 
roh  zugeschnittener  Baumstämme,  welche  ihre  Götzenbilder 
darstellten.355  Auch  von  äußerst  unzüchtigen  Tänzen  der 
Kongoneger,  dem  Npambuatari,  Quitombc,  Quiscia  und  Quingaria. 
nach  ihren  Erfindern  oder  nach  der  Landschaft,  in  der  sie 
besonders  beliebt  waren  benannt,  weiß  LABAT  zu  berichten.356 
Der  schamloseste  Tanz  aber  sei  der  Mampombo  gewesen.  Dieser 
habe  bei  den  Negern  auf  den  Amerikanischen  Inseln  als  Calenda 
wieder  aufgelebt.357 

Ein  im  Königreich  Kongo  in  höchstem  Ansehen  ge- 
standenes Amt  war  das  des  ersten  Opferpriesters.  Dieser, 
Ganga-Ya-Chibanda  genannt,  mußte  nach  LABATs  absichtlich 
unklar  gehaltener  Darstellung  „ein  frecher,  unverschämter, 
unzüchtiger,  äußerst  schurkischer,  ehrloser  Kerl"  sein.  Ge- 
wöhnlich wäre  er  weiblich  gekleidet  gewesen.  Seinen  Ruhm 
habe  er  darin  erblickt,  als  „Große  Mutter"  tituliert  zu  werden. 
Er  hätte  die  schwersten  Verbrechen  begehen  und  jede  Schur- 
kerei verüben  können,  ohne  befürchten  zu  müssen,  dafür  mit 
dem  Tode  bestraft  zu  werden.  Seine  geistlichen  Vorrechte 
hätte  er  dazu  benutzt,  sich  Vorteile    aller   möglichen   Art    zu 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  IO 


146  Die  negerartigen  Naturvölker 

verschaffen.  Die  Frauen  der  Serails  hätten  sich  durch  seine 
Gesellschaft  besonders  geehrt  gefühlt.  Bei  seiner  Bestattung 
hätten  die  ihm  unterstellten  Ganga  seinen  Leichnam  getragen 
und  es  wären  so  unanständige  und  schändliche  Zeremonien 
dabei  vorgekommen,  daß  das  Papier  erröten  würde,  welches 
man  mit  deren  Schilderung  beschmutzte.  Sein  glücklicher 
Nachfolger  hätte  den  Leib  der  ,, Großen  Mutter"  geöffnet,  um 
ihm  das  Herz  und  andere  wichtige  Organe  zu  entnehmen. 
Die  abgeschnittenen  Finger  und  Zehen  hätte  er  als  unbezahl- 
bare Reliquien  aufbewahrt  oder  als  Mittel  wider  alle  Krank- 
heiten, an  denen  der  Mensch  überhaupt  leiden  kann,  verkauft. 
Der  Augenzeuge,  auf  welchen  LABAT  sich  beruft,  würde  am 
liebsten  von  diesem  Ganga  ganz  geschwiegen  haben,  wenn 
nicht  seine  Pflicht  als  gewissenhafter  Korrespondent  und  das 
Informationbedürfnis  der  Missionare  die  Mitteilung  unver- 
meidlich gemacht  hätten.357'8  Bei  dem  Ganga- Ya-Chibanda 
scheint  es  sich  um  einen  Päderasten  zu  handeln  und  sein 
ähnlich  klingender  Name  dürfte  ihn  sogar  mit  den  Chibados 
von  Angola    in  direkte   Verbindung  bringen. 

Um  1786 — 1787  kannten  die  Kongoneger,  wie  der  fran- 
zösische Forschungreisende  L.  DEGRANDPRE  versichert, 
keine  Schamhaftigkeit.  Ihre  Kinder  und  Sklaven  gingen  nackt. 
Die  Europäer  nahmen  auch  bald  selbst  die  den  Negern  eigen- 
tümliche kalte  geschlechtliche  Gleichgültigkeit  an  und  sahen 
ohne  die  geringste  Empfindung  Reize,  welche  sonst  ihre  Huldi- 
gung herausgefordert  hätten.358  Einige  Personen,  in  eine  Art 
von  Sack  gekleidet,  der  mit  weißen  Federn  besetzt  und  selt- 
sam zusammengeflickt  war,  mit  Mützen  von  eben  der  Art  wie 
die  Kleidung,  das  Gesicht  durch  den  Schnabel  und  den  halben 
Kopf  eines  Pelikan  *)  bedeckt,  führten  eine  Art  Schauspiel 
auf:  Sie  trugen  einen  ungeheuren  Priap  mit  vielem  Gepränge 
umher  und  setzten  ihn  vermittelst  einer  Feder  in  Bewegung. 
Dabei  machten  sie  die  ekelhaftesten  und  unanständigsten  Ge- 
bärden und  nahmen  die  schamlosesten  Stellungen  zum  höchsten 
Ergötzen  der  Zuschauer  ein.  Den  Wilden  erschien  nichts  be- 
lustigend,   was   nicht   einige    Beziehung   auf   das   geschilderte 


*)  Es    liegt    kein    Grund  vor,  DEGRANDPREs   pelican    (I  118)  mit 
, .Löffelgans"  zu  übersetzen,  wie  das  von  seinem  Uebersetzer  (248)  geschah. 


Neger 


147 


Schauspiel  erkennen  ließ.  DEGRANDPRE  bekennt,  der 
arischen  Begriffe  von  Sittsamkeit  sich  so  wenig  haben  ent- 
äußern zu  können,  daß  er,  um  das  Zartgefühl  (la  däicatesse) 
seiner  Leser  zu  schonen,  nur  eine  sehr  ungetreue  Darstellung 
jenes  Schauspiels  geliefert  habe.359  Derselbe  Forscher  hörte  dort 
häufig  ein  Schimpfwort,  das  er  sich  nie  hat  erklären  können, 
nämlich  das  Wort  Kinkololo,  welches  Rebhuhn  *)  bedeute. 
Die  Kongoneger  hätten  diese  Bezeichnung  für  den  äußersten 
Schimpf  angesehen  und  es  allemal  auf  den  Vorwurf  erwidert, 
eine  Cama,  d.  i.  eines  der  Nebenweiber  des  Königs,  verführt 
zu  haben,  was  als  großes  Verbrechen  gelte.360  Vielleicht  ist 
dieses  Rätsel  lösbar.  Da  der  Neger,  wie  jedes  Naturvolk,  ein 
scharfer  Naturbeobachter  ist,  so  dürfte  den  Kongonegern  aus 
eigener  Anschauung  ebenso  gut,  wie  dem  griechischen  Weisen 
ARISTOTELES  vielleicht  nur  vom  Hörensagen,  bekannt  ge- 
wesen sein,  daß  es  unter  den  Rebhühnern  große  Päderasten 
gibt.361  Und  so  dürfte  sich  das  Schimpfwort  Kinkololo  auf  die 
einfachste  Weise  und  ganz  ungezwungen  erklären. 

Des  Baptisten-Missionars  BENTLEY  großes  Wörterbuch 
der  Kongo-Sprache  in  San  Salvador  gibt  über  Kinkololo  keinen 
Aufschluß.  Für  Venveiblichung  wird  darin  die  Bezeichnung 
Zeze  und  Uzeze  angegeben.361/2 

Nach  TORDAY  und  JOYCE  gibt  es  bei  den  B  a  m  b  a  1  a 
ein  Wort  für  sexuelle  Moral  nicht,  da  ihnen  der  Begriff  fehlt. 
Jungfräulichkeit  hat  bei  ihnen  nicht  die  geringste  Bedeutung, 
weshalb  das  weibliche  Geschlecht  schon  lange  vor  der  Ge- 
schlechtsreife freien  Geschlechtsverkehr  pflegt.  Lediglich  „in- 
folge davon"  sollen  Onanie,  „widernatürliche  Laster"  und  Pro- 
stitution bei  ihnen  unbekannt  sein.  Andererseits  habe  ge- 
schlechtliches Übermaß  üble  Wirkung  auf  das  geistige  und 
physische  Vermögen  des  Stammes  ausgeübt.  Ehelosigkeit  sei 
selten  und  nur  eine  Folge  von  Armut  „oder  eines  Bildung- 
fehlers".362 Als  Reizmittel  verwende  man  Kolanuß.  Unfrucht- 
barkeit sei  selten;  ein  steriler  Mann  heiße  Mokobo,  eine  sterile 


•)  Kinkololo,  ce  qui  signifie  perärix:  DEGRANDPRE  I  195.  — 
Nach  dem  Omithologen  Anton  Reichenow  kommen  im  fraglichen 
Gebiete  viele  Arten  Rebhühner  aus  den  Gattungen:  Francolinus  (Franco- 
lin)  und  Pternistes  (mit  nackter  Kehle,  im  Walde  lebend)  vor. 


1^.8  Die  negerartigen  Naturvölker 

Frau  Wafa-kisita.363  Auch  Kastration  sei  ihnen  nicht  un- 
bekannt; kastrieren  heiße  kotota,  der  Kastrat   Tongo.36* 

Starke  Verbreitung  der  Knabenliebe  hat  auf  Grund  der 
Mitteilungen  eines  portugiesischen  Kaufmanns  der  Forschung- 
reisende HERMAN  SOYAUX  für  die  B  ä  n  g  e  1  a  im  Cassand- 
sche-Tale  angegeben.  Der  Stamm  steht  als  Handelsvolk  in 
sehr  gutem  Rufe  und  genießt  bei  den  Weißen  unbegrenzten 
Kredit.  Während  der  Mann  sich  auf  Reisen  befindet,  pflegt 
seine  zurückgebliebene  Frau  mit  andern  Männern  Umgang; 
kehrt  dann  der  Gatte  heim,  läßt  er  sich  die  betreffenden  Männer 
namhaft  machen  und  fordert  durch  den  Dschäga  die  gesetz- 
liche Buße  für  Ehebruch  (Opända)  von  ihnen  ein.  Die  Knaben- 
liebe soll  nun  deshalb  unter  den  Bängela  so  stark  ver- 
breitet sein,  weil  die  Männer  auf  ihre  mitunter  viele  Monate 
währenden  Geschäftsreisen  die  Frauen  nicht  mitnehmen.365 
Es  ist  aber  nicht  ohne  weiteres  verständlich,  warum  die  Reisenden 
dort,  wo  sie  ihre  Knaben  finden,  nicht  auch  Bekanntschaften 
mit  Weibern  anknüpfen  könnten.  Der  Sinn  des  Mitgeteilten 
ist  vielmehr  mit  anderen  Worten  der :  viele  Bängela  machen 
aus  ihrer  Ehe  ein  gutes  Geschäft,  ihre  Wollust  aber  ist  die 
Knabenliebe.  Wie  ungern  SOYAUX  die  Tatsache  der  Päde- 
rastie unter  den  von  ihm  hoch  eingeschätzten  Kongonegern 
vermerkt  hat,  zeigt  sich  darin,  daß  er  jede  Andeutung  davon 
im  Register  seines  Werkes  sorgsam  vermied.  Und  daß  SO- 
YAUX, der  das  „Laster  der  Knabenliebe"  bei  Negerstämmen 
selber  nicht  beobachtet  zu  haben  scheint,  das  Bedürfnis  einer 
als  Entschuldigung  dienenden,  wenn  auch  mißlungenen  Er- 
klärung fühlte,  ist  durch  seine  wahrscheinlich  gänzliche  Un- 
kenntnis dieser  Naturerscheinung  leicht  verständlich  und  ver- 
zeihlich. 

Bei  den  Kongonegern  galten  zu  Anfang  des  19.  Jahr- 
hunderts als  Kapitalverbrechen  einzig  Giftmischerei  und  Ehe- 
bruch. Mord  wurde  im  Wege  der  Blutrache,  Diebstahl  mit 
Rückerstattungpflicht  bestraft  oder  der  Verbrecher  wurde 
zum  Sklaven  gemacht  (TUCKEY).366  Von  Verfolgung  und 
Bestrafung  der  Päderasten  verlautet  nichts. 


Neger  149 

irf)  Küstenstämme  nördlich  vom  Kongo 

1.  Die  Loango-Neger 

Über  merkwürdige  Fälle  von  Keuschheitzwang  bei  den 
L  o  a  n  g  o  berichtete  BASTIAN.  In  der  alten  Hauptstadt  von 
Kakongo,  Numtschenjo  oder  Tschingele,  wohnt  nach  dem 
Ableben  eines  Königs,  bis  der  neue  König  gekrönt  ist,  in  dem 
Fetischhause  der  königlichen  Familie  ein  Knabe,  der  allein 
zu  den  heiligen  Räumen  erlaubten  Zutritt  hat.  Seme  Hut  und 
Pflege  ist  fünf  Ministem  anvertraut.  Sobald  er  zum  Pubertät- 
alter gelangt,  wird  er  durch  einen  andern  Unmündigen  ersetzt 
und  sollte  er  sich  während  der  Dauer  seiner  Repräsentierung 
zu  geschlechtlichen  Ausschweifungen  mit  einem  Mädchen  ver- 
führen lassen,  wird  er  getötet  oder  verjagt.  Von  allen  Ein- 
nahmen wird  ihm  durch  den  Reichsregenten  der  königliche 
Anteil  abgeliefert.367  Der  Koch  des  Königs  von  Angoy  muß 
sich  keusch  halten;  wenigstens  darf  er  nicht  mit  einer  Frau 
zusammenleben.368  Missionare  des  18.  Jahrhunderts  sahen  im 
Dorfe  Lubü  einen  Knaben  und  ein  Mädchen,  denen  nicht  nur 
das  Heiraten,  sondern  jede  „Verletzung  der  Keuschheit"  bei 
Todesstrafe  für  ihr  ganzes  Leben  verboten  war.369  Diese  Er- 
scheinungen sind  recht  auffällig  gegenüber  der  sonstigen  Un- 
gebundenheit  des  Volkes  in  geschlechtlichen  Dingen.  Denn 
nach  BASTIAN  steht  im  Fetischhause  des  Dorfes  Tombo  der 
Götze  Kondi-mambo  mit  langem  Geschlechtsglied  und 
neben  ihm  seine  Frau  Umgulambenzi  mit  halb  ab- 
gewandtem Gesicht.37"  Im  Dorfe  Umkotschi  steht  der  Fetisch 
Konda-mambo  mit  langem  Geschlechtsglied  und  wird  von 
den  Vorübergehenden  durch  Verbeugen  begrüßt.371  In  Mongo- 
Tombe  war  für  jede  geschlechtliche  Vermischung  dem  Fetisch 
Jinbanganga  eine  Sühne  zu  zahlen.37-  Ob  auch  für 
homoerotische  wird  nicht  besonders  angegeben. 

Wie  der  Forschungreisende  Herr  GÜNTHER  TESS- 
MANN  mir  mitteilt,  sind  die  L  o  a  n  g  o  ihrer  Päderastie  wegen 
ziemlich  bekannt.  Gewiß  ist  sie  heute  unter  den  Loango  all- 
gemein verbreitet.  Im  französischen  Kongo,  woselbst  Loango 
vielfach  als  Diener  und  Träger  verwendet  werden,  steht  dieser 
Stamm  im  Rufe    großer    Giftmischer    und    Päderasten.     Herr 


xcro  Die  negerarttgen  Naturvölker 

TESSMANN  konnte  selbst  beobachten,  daß  unter  den  Trägem 
der  sogenannte  Headman  (Oberleiter),  der  für  gewöhnlich  frei 
geht  und  nur  die  Aufsicht  zu  führen  hat,  oft  eine  Last  trug, 
ein  anderer  dagegen  unbelastet  ging.  Herrn  TESSMANN 
zufolge  kann  man  mit  Sicherheit  annehmen  (eine  Ansicht, 
die  ihm  auch  von  den  Franzosen  bestätigt  worden  ist),  daß 
letzterer  der  Geliebte  des  Headman  sei;  öffentlich  allerdings 
heiße  es,  er  sei  krank  oder  fußwund.  Herr  TESSMANN  hält  für 
zweifellos,  daß  ein  gewisser  Prozentsatz  unter  den  Negern  über- 
haupt, ebenso  wie  bei  der  arischen  Rasse,  gleichgeschlechtlich 
veranlagt  ist.  Das  Hervortreten  gleichgeschlechtlichen  Lebens 
wird  indessen  durch  ihre  religiösen  Anschauungen  gehemmt, 
die  alles  Geschlechtliche  als  „Sünde"  verdammen  und  infolge- 
dessen übersinnliche  Mächte,  die  Zuwiderhandlungen  be- 
strafen, annehmen.  In  dem  Augenblicke  nun,  da  die  eben 
beleuchteten  Anschaumigen  ins  Wanken  geraten,  erobert  sich 
die  niedergehaltene  Sinnlichkeit  ihr  Gebiet  zurück  und  die 
Anzahl  der  Homosexuellen  steigt  gerade  bei  der  dem  Neger 
eigentümlichen  Veranlagung  (sieh  KANDT)  besonders  schnell. 
Den  Hauptanstoß  aber,  der  die  erwähnten  Anschauungen  er- 
schüttert und  sie,  gleich  einem  tönernen  Kolosse,  beim  Um- 
stürze in  tausend  Stücke  zerschlägt,  bildet  nach  TESSMANN 
eine  gegensätzliche  Kultur  und  Religion,  die  christliche  in 
höherem  Grade  noch  als  die  mohamedanische.  Von  ungleich 
geringerer  Bedeutung  dagegen  ist  nach  Herrn  TESSMANN  das 
unmittelbare  Vorbild,  das  natürlich  zugleich  mit  der  Haupt- 
kraft wirkt  und  die  Zersetzung  beschleunigt.  Aber  die  Mög- 
lichkeit einer  Wirkung  ist  dieser  bloß  sehr  begrenzt  wirkenden 
Nebenkraft,  dem  Vorbilde,  nur  dadurch  gegeben,  daß  die  Be- 
rührung mit  der  Gesamtheit  der  fremden  Kultur  so  vernichtende 
Vorarbeit  leistete.  Bei  den  Loango  erachtet  Herr  TESSMANN 
neben  der  Hauptkraft  auch  die  Nebenkraft,  das  Vorbild  der 
Portugiesen,  als  wirksam. 

Als  schweres  Verbrechen  gilt  den  Loangonegern,  wie 
PECHUEL-LOESCHE  auseinandersetzt,  besonders  Notzucht, 
,, Unzucht"  dann,  wenn  sie  im  Freien  und  auf  blanker  Erde 
begangen  wird.  Von  Zwillingen  zweierlei  Geschlechts  wird 
mindestens  ein  Kind  umgebracht,  weil  ihr  enges  Zusammen- 


Neger  151 

sein  im  Mutterleibe  für  unsittlich,  unheimlich  und  unglück- 
bringend gilt.373  An  so  engem  Beisammensein  von  Kindern 
des  gleichen  Geschlechts  scheint  man  demnach  Anstoß  nicht 
zu  nehmen.  Als  leichteres  Verbrechen  gilt:  Beischlaf  im 
Freien  und  auf  blanker  Erde,  auch,  wie  einige  behaupten,  in 
einem  Räume,  in  welchem  zugleich  andere  sich  aufhalten.373 
Gleichgeschlechtlicher  Verkehr  an  sich  wird  demnach  als  Ver- 
brechen nicht  angesehen. 

PECHUEL-LOESCHE  weiß  auch  von  Gynäkomasten  bei 
den  Loangonegern  zu  erzählen:  zwei  Brüder  mit  weiblichen 
Brüsten,  einer  14,  der  andere  20  Jahre  alt,  waren  ihrer  „un- 
natürlichen Reize"  wegen  mit  dem  „Verbot  belastet",  jemals 
ein  Weib  zu  berühren."74  Da  auch  der  Vater  der  beiden  jungen 
Männer  weibliche  Brüste  besaß,  scheint  es  sich  um  eine  Familie 
zu  handeln,  in  der  diese  Bildung  erblich  war.  Kam  bei  einem 
der  beiden  Brüder  Gleichgültigkeit  gegen  das  andere  Geschlecht 
oder  gar  „widernatürliche"  gleichgeschlechtliche  Veranlagung 
hinzu,  so  konnte  das  Verbot  für  ihn  wenig  bedeuten,  ihn  jeden- 
falls nicht  so  bedrücken,  wie  PECHUEL-LOESCHE  annimmt. 
Denn  unter  den  Loangonegern  dürfte  es  ebenso  wie  überall 
genügend  männliche  Individuen  geben,  welche  just  in  dem  mit 
dieser  Form  männlichen  Feminismus  geschmückten  Jüngling  den 
ihnen  sympathischen  Lustgefährten  erkennen. 

2.  Die  Pangwe375 
Über  das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Pangwe*) 
hat  der  Forschungreisende  Herr  GÜNTHER  TESSMANN  aus 
Lübeck,  der  sich  längere  Zeit  im  Lande  der  N  t  u  m  und  Fang 
aufhielt,  wertvolles  Material  für  diese  Arbeit  zur  Verfügung 
zu  stellen  die  große  Güte  gehabt.  Die  Pangwe  bestehen 
aus  200 — 300  000  Köpfen  und  bewohnen  ein  etwa  176  000  qkm 
großes  Land.  Mit  den  in  der  Nähe  der  Küste  oder  größerer 
Stationen  im  Inneren  wohnenden  Elementen  verhält  es  sich 
wie  mit  den  L  o  a  n  g  o.  Sonst  im  Innern  ist  jedoch  der  freie 
Pangwe  ein  anderer  und  allein  von  ihm  soll  hier  die  Rede  sein. 
Herr  TESSMANN  schreibt: 


*)  Nach  Herrn  TESSMAXXs  gefälliger  Mitteilung  besteht  der  Stamm 
der  Pangwe  aus  den  7  Unterstämmen  der  Jaunde,  Mwele,  Bene, 
Bulu,  Xtum,  Fang  und  M  o  k  u  k. 


I  c2  Die  negerartigen  Naturvölker. 

Es  gibt  eine  aus  Lehm  hergestellte  (Fetisch-)  Figur,  Ngi 
genannt,  die  unter  dem  Bilde  des  Gorilla  (auf  Pangvve  ngi) 
die  Stärke  des  alles  reinigenden  Feuers  verbildlichen  soll. 
Der  Ngi  hat  neben  anderm  die  Aufgabe,  für  Reinlichkeit 
in  geschlechtlicher  Beziehung  zu  sorgen  und  zwar  erstens 
.  dafür,  daß  nicht  am  Tage  kohabitiert  wird,  zweitens,  daß 
der  gleichgeschlechtliche  Verkehr  zwischen  Männern  nicht 
überhand   nehme.      Widrigenfalls   straft   der   Ngi   die   be- 
treffenden Sünder  mit  Lepra  (Aussatz),  der  fürchterlichsten 
Krankheit  im  Pangwegebiete.    Wie  die  Pangwe  über  diesen 
Verkehr  denken,  zeigt  ein  Märchen,  das  eines  der  interessan- 
testen ist,  die  ich  gesammelt  habe  und  das  hier  folgen  möge. 
DieGeschichte  vom  Scho-bo-num-e-kub- 
b'ogbuale-ba-jem-e-kidi-a-lenne    und    der 
Akükedanga-be-bongo-be-ntüudumo. 

Es  war  einmal  ein  Mann  namens  Bongo-be-ntüu- 
d  u  m  o  ,  der  hatte  eine  Tochter,  die  hieß  Akükedanga- 
be-bongo-be-ntüudumo*)  und  war  sehr  schön. 

Einmal  nun  trafen  sich  vier  Liebhaber  auf  dem  Wege, 
die  alle  zur  Geliebten  wandern  wollten  und  als  sie  sich  einander 
fragten:  ,Zu  wem  gehst  du?'  hieß  es  auf  allen  Seiten:  „Zur 
Akükedanga".  Da  sagten  sie:  „Gut  denn,  laßt  uns  gemein- 
sam hingehen  und  sehen,  wen  das  Mädchen  liebt".  Die  Liebhaber, 
die  nicht  einer  Familie  entstammten,  hießen  so:  Scho-bo- 
s  c  h  u  a  **) ,  der  zweite  Scho-bö-ngönne-ma-kö- 
make  (d.  h.  ich  gehe  aus  um  wiederzukehren),  der  dritte 
Scho-bö-kaa-jem-bodscho-melang  (d.  h.  der 
keine  Schlechtigkeiten  kennt)  und  der  vierte  Scho-bo- 
num-e-kub-b'ogbuale-ba-j  em-e  -  k  i  d  i-a-lenne 
(d.  h.  männliches  Huhn  und  Frankolin  ***),  sie  wissen,  wann 
der  Morgen  anbricht).  So  kamen  denn  die  vier  Liebhaber  in 
das  Dorf,  wo  sie  den  Vater  des  Mädchens  aufsuchten.  Der 
sagte:  „0!  wie  kommen  vier  Mann  so  an,  es  ist  doch  nur  ein 
Mädchen!    Aber  wir  können  ja  einmal  sehen."     Die  Mutter 


*)  Der  Name  Akükedanga  kommt  von  akuk,  Achatitta-Schnecke, 
und  adang,  übertreffen,  also  eine,  die  noch  schöner  als   eine  Schnecke  ist. 
**)  so  bo  zua.     Die  Bedeutung  dieses  Namens  blieb  unbekannt. 
***)  Francolinus   squamatus  Cass.,  ein  Vogel,    dessen  Ruf  dem  unserer 
Wachtel  entspricht  (TESSMANN). 


Neger  153 

sagte  ebenfalls:  ,,0!  vier  Mann!  ich  weiß  sicher,  daß  dieser  oder 
jener  Liebhaber  gekommen  ist  nnd  wenn  das  Mädchen  ihn 
liebte,  schlief  er  mit  ihr;  liebte  es  ihn  nicht,  so  ging  er  wieder 
nach  Hause.  Aber  so  vier  Mann  auf  einmal?"  Da  sagten 
die  jungen  Leiite:  „Sehen  wir  zu,  wen  das  Mädchen  liebt". 
Das  Mädchen  liebte  aber  den  Sc  ho-  .  .  .  .  lenne,  während 
der  Vater  den  Scho-bo-schua,  die  Mutter  den  Scho- 
.  ,  .  .  make  und  der  Bruder  des  Mädchens  den  S  c  h  o  -  .  .  .  . 
melang  liebte.  So  schliefen  alle  zusammen  in  der  Hütte 
und  das  Mädchen  schlief  mit  dem  Scho-  .  .  .  lenne  auf 
dem  Bette.  Als  aber  Scho-  .  .  .  lenne  das  Mädchen  um- 
armen wollte,  sagte  einer  der  andern  drei  vom  andern  Bette 
her:  ,0!  wie  ist  dieses  Mädchen  geil!  Gleich  den  ersten  Tag 
läßt  es  sich  vom  Liebhaber  umarmen!'  Da  sagte  das  Mädchen: 
„O!  wie  redet  dieser  Mensch  so!  Laß  ab,  wir  wollen  einen  andern 
Tag  wählen".  Nachts  aber  fragte  der  Liebhaber  des  Mädchens: 
.Willst  du  mich  nicht  heiraten?'  Das  Mädchen  war  einver- 
standen, und  so  beschlossen  sie,  daß  der  Liebhaber  nicht  des 
Nachts  das  Mädchen  rauben  sollte,  da  ja  die  andern  jungen 
Leute  das  vielleicht  gemerkt  hätten,  sondern  am  Tage;  sie 
wollten  sagen,  sie  gingen  zum  Baden.  So  geschah  es  auch. 
Der  Mann  ging  am  nächsten  Tage  vorgeblich  zum  Wasser, 
wohin  das  Mädchen  ihm  folgte,  und  beide  wanderten  in  das 
Dorf  des  Liebhabers.  Als  am  Nachmittage  die  beiden  nicht 
wieder  kamen  und  es  offensichtlich  wurde,  daß    Scho-.... 

lenne  das  Mädchen  entführt  hatte,  wandte  sich  Scho- 

make  an  die  Mutter,  die  ihn  ja  gern  hatte,  und  machte  ihr 
Vorwürfe.  Die  Mutter  sagte  aber:  „O!  was  kann  ich  dafür; 
ich  stecke  doch  nicht  in  der  Haut  des  Mädchens".  Da  wurde 
Scho-  .  .  .  .  make  zornig,  nahm  ein  Buschmesser,  schlug 
auf  die  Mutter  ein  und  tötete  sie  auf  der  Stelle.  Dann  ging 
er  fort  nach  Hause.  Scho-bo-schua,  den  der  Vater 
liebte,  machte  diesem  ebenfalls  die  schlimmsten  Vorwürfe,  wieso 
das  Mädchen  dazu  käme,  davonzulaufen.  Der  Vater  sagte: 
„0!  ich  kann  nichts  dafür;  wenn  ich  das  Mädchen  wäre,  hätte 
ich  nicht  so  gehandelt;  ich  stecke  doch  auch  nicht  in  der  Haut 
des  Mädchens".  Als  sich  Scho-bo-schua  damit  nicht 
zufrieden  geben  wollte,  ging  der  Vater  dem  Manne,  der  das 


1^4  Die  negerartigen  Naturvölker 

Mädchen  entführt  hatte,  nach  und  verlangte  von  ihm  den 
Brautpreis.  Den  gab  Scho-  .  .  .  lenne  ihm  auch  und  der 
Vater  ging  damit  zurück  und  sagte  zu  Scho-bo-schua: 
,,Hier  ist  das  Geld;  ich  bezahle  dich  damit".  Scho-bo- 
schua  aber  sagte:  „Nein!  das  will  ich  nicht".  Da  nahm 
der  Vater  eine  seiner  Frauen  und  das  Geld  und  wollte  dem 
Scho-bo-schua  das  als  Entschädigung  anbieten.  Aber 
der  nahm  es  nicht,  sondern  sagte :  ,Nein !  ich  will  es  nicht ; 
vielmehr  werden  wir  immer  zusammen  sein;  wenn  du  pissest, 
werde  auch  ich  pissen;  wenn  du  austrittst,  werde  ich  dabei 
sein;  wenn  du  schläfst,  werde  ich  mit  dir  auf  einem  Bette 
schlafen.'  So  machte  Scho-bo-schua  es  auch  und  beide 
schliefen  zusammen.  Schließlich  aber  wurden  beide  an 
Frambosia,  Erdbeerkrankheit  {Mabadda).  krank  und  starben 
daran.  Scho-.  .  .melang  schlief  mit  dem  Bruder  des 
Mädchens  auf  einem  Bette  und  beide  bekamen  Aussatz  (Sam) 
und  daran  starben  auch  diese. 

Man  ersieht  daraus,  erklärt  TESSMA.NN,  daß  der  Raub 
des  Mädchens  für  nichts  erachtet  wird,  ja  sogar  der  Todschlag 
der  Mutter  straffrei  ausgeht,  während  der  Versuch  (ob  er  aus- 
geführt wurde,  sagt  das  Märchen  nicht  bestimmt)  der  gleich- 
geschlechtlichen Liebe  so  schrecklich  geahndet  wird;  ferner, 
daß  Päderastie  nur  oder  hauptsächlich  nur  neben  dem  Ver- 
kehr mit  Weibern  vorkommt;  ausgesprochene  Päderasten 
sind  sehr  selten,  Gelegenheitpäderasten  häufiger.  Die  Folge 
dieser  Anschauung  von  der  Päderastie  in  Verbindung  mit 
der  Verfolgung  der  Päderasten  durch  den  Ngi-Geist  ist, 
daß  kein  Pangwe  jemals  zugeben  würde,  es  gebe  bei  ihnen 
Päderastie.  Und  ähnlich  ist  es  bei  anderen  Negervölkem. 
Hier  gilt  eben  der  Satz,  daß  man  nur  sagen  darf,  man  habe 
von  Päderastie  nichts  gehört,  nicht  aber,  daß  es  diese  Sitte 
nicht  gebe;  sexuelle  Beziehungen  gibt  der  Neger  überhaupt 
nicht  zu. 

Aber  trotz  Ngi  und  Lepra  gibt  es  eine  Anzahl  junger 
Leute  bis  zu  25  Jahren,  ältere  selten,  die  mit  andern  gleich- 
geschlechtlich verkehren.  Man  sagte  mir,  ältere  Leute 
nähmen  einen  kleinen  Jungen,  der  ja  —  wie  die  Pangwe 
sagen  —  weder  Verstand  noch   Scham  besitzt  und  redet 


Neger  155 

ihm  zu:  ,,bi  abo  pfianga"  (wir  machen  Scherz,  Spaß).  In 
einer  Ntum-Ortschaft  - —  N  t  u  m  ist  ein  Unterstamm  der 
Pangwe  —  mit  etwa  100  männlichen  Einwohnern  gab 
es  zwei  jugendliche  männliche  Paare.  Knaben  verkehren 
sehr  häufig  geschlechtlich  miteinander  und  im  Fanggebiet 
wurde  mir  bekannt,  daß  etwa  achtjährige  Jungen  sich  gegen- 
seitig mit  einem  Bündel  Blätter,  in  dem  statt  Essen  Erde 
zusammengerafft  ist,  beschenken.  Nimmt  der  Beschenkte 
scheinbar  von  der  „Speise",  so  gilt  das  als  Einwilligung; 
wirft  er  das  Bündel  weg,  als  Weigerung.  Ganz  kleine  Kinder 
von  vier  Jahren  an  verkehren  in  Abwesenheit  der  Mutter 
in  den  Häusern  miteinander,  einerlei,  ob  mit  Mädchen  oder 
Jungen.  Die  Päderastie  findet  nur  in  einer  Form  [in  anum) 
statt  und  zwar  auf  den  Betten,  meistens  nachts,  wo  ja  doch 
manchmal  mehrere  zusammenliegen,  besonders  an  fremden 
Plätzen,  wo  natürlich  nicht  jeder  ein  Bett  für  sich  erhalten 
kann.  Bei  solchen  Forschungen  muß  jedenfalls  darauf  ge- 
achtet werden,  daß  die  steten  Angaben  der  Neger,  ihnen 
sei  derartiges  gar  nicht  bekannt,  durchaus  nicht  der  Wirk- 
lichkeit entsprechen,  obwohl  es  manchmal  und  von  einzelnen 
durchaus  wahr  gemeint  ist,  gerade  wie  anderwärts  auch. 
Im  allgemeinen  sind  ja  Forscher  und  sogar  solche,  die  sich 
nicht  so  leicht  täuschen  lassen,  immer  leichter  geneigt,  sich 
einen  besseren  als  einen  schlechteren  Begriff  zu  bilden,  wenn 
man  bloß  einen  Negermund  als  Quelle  benutzt.  Meine  auf 
Tatsachen  beruhenden  Nachforschungen  haben  aber  ergeben, 
daß  die  Pangwe  wie  wohl  die  meisten  Bantuvölker  Mittel- 
afrikas, bei  bloß  beginnender  Zersetzung  ihrer  alten  Stammes- 
Anschauungen,  sehr  leicht  zu  Päderastie  übergehen,  daß 
jedoch,  wie  auch  schon  aus  dem  Märchen  hervorgeht, 
Päderastie  in  Einzelfällen  immer  bestand,  obgleich  sie  von 
der  Masse  des  Volkes  verurteilt  und  Fremden  gegenüber 
niemals  zugegeben  wird. 

Onanie  ohne  auslösende  Wirkung  ist  allgemein  üblich. 
Sie  wird  von  allen  ausgeführt  und  zwar  durch  Quirlen  des 
Gliedes  ähnlich  wie  beim  Feuermachen  mit  Stöcken.  Man 
nennt  es  a  woo  metschang  (d.  h.  sich  kratzen,  eigentlich  den 
Crocco,  d.  i.  jede  Art  von  Hautkrankheit,  vom  Jucken  an, 


1^6  Die  negerartigen  Naturvölker 

auslösen).  Sehr  selten  nur  tritt  Samenerguß  ein,  aber  es 
kommt  vor  und  zwar  bei  geilen  Naturen.  A  ne  ajie  heißt: 
er  ist  geschlechtlich  über  oder  unter  Normal,  d.  h.  ent- 
weder zu  geil  oder  zu  ohnmächtig  (impotent).  Durch  Auf- 
und  Abreiben  der  Hände  wird  nur  eine  Erektion  des  Gliedes 
erstrebt,  aber  der  Prozeß  selten  weitergeführt. 

Bestialität  kommt  kaum  bei  den  Pangwe  vor. 
Über  das  von  ihm  entdeckte  höchst  wertvolle  Märchen 
vom  Scho-...lenne  und  der  schönen  Akükedanga 
möge  noch  eine  kritische  Erörterung  gestattet  sein.  Das  Märchen 
ist  zwar  vorwiegend  ein  gleichgeschlechtliches,  verfolgt  aber 
dessenungeachtet  offensichtlich  den  Zweck,  in  Übereinstimmung 
mit  dem  allgemeinen  Volksglauben  den  gleichgeschlechtlichen 
Verkehr  als  eine  Sühne  heischende  Verfehlung  hinzustellen. 
Es  ist  also  unverkennbar  ein  päderastisches  Märchen  aus 
normalgeschlechtlicher  Volksphantasie  heraus.  Dies  wird  noch 
dadurch  verdeutlicht,  daß  in  ihm  der  Ngi  den  nach  rein  mensch- 
lichem Empfinden  doch  sehr  gemeinen  Mörder  der  Mutter, 
den  Scho-  .  .  .  make,  straflos  ausgehen  läßt,  da- 
gegen über  den  Scho-bo-schua  als  Beischläfer  des 
Vaters  das  Strafgericht  des  Aussatzes  verhängt,  eben- 
so wie  über  die  anderen  Päderasten  des  Märchens.  Das 
Märchen  deutet  zwar  an,  wie  stark  bei  den  Pangwe 
im  allgemeinen  Volksempfinden  das  gleichgeschlechtliche  Trieb- 
leben verbreitet  sein  muß,  aber  irgend  welche  Schlüsse  auf 
Häufigkeit  oder  Seltenheit  und  auf  die  Art  des  gleichgeschlecht- 
lichen Empfindunglebens  der  urwüchsigen  Naturpäderasten 
unter  diesen  Negern  läßt  es  keineswegs  zu,  um  so  weniger  als 
es  dieses  Triebleben  lediglich  als  eine  gegebene  Tatsache  und 
einzig  in  seiner  äußeren  Erscheinung  hinnimmt,  eine  wirkliche 
Kenntnis  des  eigentlichen  Wesens  und  der  natürlichen  Unter- 
lagen gleichgeschlechtlicher  Liebe  dagegen  gänzlich  ver- 
missen läßt.  Und  das  kann  auch  für  den,  der  mit  Volkspoesie 
sich  beschäftigt  hat,  durchaus  nicht  überraschend  sein.  Sie 
wird  und  muß  wie  die  Kunstpoesie  stets  vorwiegend  heteroero- 
tisch sein,  nicht  nur  deshalb,  weil  die  Mehrheit  der  Menschen 
heteroerotisch  veranlagt  ist  oder  durch  die  natürliche 
Sehnsucht    nach     Kindern    zu    heteroerotischem    Geschlechts- 


Neger  157 

verkehre  gedrängt  wird,  sondern  auch  wegen  der  durchgehenden 
Feigheit  der  homoerotisch  veranlagten  Minderheit  und  deren 
Scheu,  sich  in  den  Augen  der  Mehrheit  lächerlich  zu  machen 
oder  sich  vor  ihr  eine  Blöße  zu  geben.  Beim  Neger  kommt 
noch  etwas  Besonderes  hinzu.  Wenn  ein  erwachsener  Mann  un- 
verheiratet gestorben  ist,  erzählt  GUTMANN  von  den  W  a  d  - 
schagga  -  Negern,  suche  man  für  ihn  eine  Frau  behufs  Ver- 
mählung im  Totenreiche.  Sein  Vater  begebe  sich  zu  einem 
Manne,  dessen  Tochter  unverheiratet  starb,  und  spreche:  „Gib 
mir  deine  tote  Tochter  für  meinen  toten  Sohn,  der  allein  ist". 
Wenn  dann  der  Vater  des  Mädchens  gelegentlich  eine  Ziege 
schlachte,  bringe  er  deren  Kopf  zum  Vater  des  Burschen.  Der 
begrabe  den  Tierkopf  als  Symbol  des  Mädchenhauptes  im 
Grabe  seines  Sohnes  unterhalb  des  Grabmals  und  pflanze  die 
drei  für  Frauen  gebräuchlichen  Totensteine  als  eine  Erinnerung 
an  die  drei  Kochsteine,  an  denen  eine  Negerfrau  ihr  Leben 
lang  beschäftigt  ist,  über  dem  Grabe  auf.  Bei  dieser  Handlung 
spreche  er  zum  Sohne:  .Heute  hast  du  Hochzeit'.  Dann  bringe 
er  sinnbildlich  oder  wirklich  die  üblichen  Opfer.  Bei  reichen 
Leuten  komme  es  auch  vor,  daß  ein  Vater  für  einen  unverheiratet 
gestorbenen  Sohn  selbst  ein  Mädchen  heirate.  Die  Hochzeit 
werde  dann  wie  jede  andere  vollzogen,  ohne  daß  man  des  Toten 
durch  eine  Handlung  gedenke.  Aber  die  betreffende  Frau  heiße 
die  Frau  des  Toten.  Wenn  der  Name  des  Vaters  Muco  sei 
und  der  tote  Sohn  Nsau  geheißen  habe,  führe  jene  Frau  des 
Muco  den  Namen  Frau  des  Nsau  und  ihre  Kinder  vom  Vater 
des  Verstorbenen  führten  den  Namen  des  Toten,  gälten 
als  Kinder  des  Nsau.316  Es  ist  bei  solcher  Auffassung  vom 
Werte  des  Lebens  schon  merkwürdig  genug,  wenn  erwachsene 
Personen  unverheiratet  bleiben.  Wie  weit  diese  Schilderung 
auch  für  die  P  a  n  g  w  e  zutrifft,  ist  freilich  zweifelhaft.  Herrn 
TESSMANN  ist  von  den  Pangwe  nicht  bekannt,  daß  ein  so 
großer  Wert  auf  Heirat  oder  Nachkommenschaft  gelegt  wird, 
wie  bei  den  W  a  d  s  c  h  a  g  g  a. 

3.  Die  Kamerun-Neger377 
Im    Kamerunnegerrecht     ist    nach    KOHLERs    Studien 
nichts  von  einer  Bestrafung  der  Päderasten  enthalten.378  Daraus 


158  Die  negerartigen  Naturvölker 

aber  etwa  auf  das  Fehlen  solcher  Männer  schließen  zu  wollen, 
wäre  grundfalsch.  Im  Gegenteil  wird  nach  einem  ANONYMUS, 
vermutlich  dem  früheren  Gouverneur  von  Kamerun,  JESKO 
VON  PUTTKAMER,  unter  den  B  a  n  ä  k  a  und  B  a  p  u  k  u 
Päderastie  „sehr  viel  geübt",  „besonders  durch  Männer,  die 
längere  Zeit  von  ihren  Frauen  entfernt  leben".  Ihre  geheime 
Ausübung  ließe  auf  öffentliche  Verurteilung  schließen. 
Als  Frauen  sich  gebärdende  Männer  kämen  in  diesen  beiden 
Stämmen  nicht  vor.  Ein  Mann,  der  sich  solchermaßen  be- 
tragen habe,  sei  für  geisteskrank  gehalten  worden.379  Nach 
VON  PUTTKAMER  hielten  sich  die  der  Päderastie  ergebenen 
Kamerunneger,  da  diese  als  entehrend  gelte,  besonders  an  der 
Küste  auf  und  würden  von  ihren  Stammesgenossen  offenkundig 
verachtet.380 

Bei  den  D  u  a  1 1  a  -  Negern  haben  sich  nach  HAMMER 
..ungeachtet  ihrer  Vielweiberei"  Befriedigungformen  des 
Liebetriebes  ^eingeschlichen",  die  wir  ,, teils  als  Raffinements, 
teils  als  Laster  zu  betrachten  gewöhnt  sind".  So  komme 
außer  Selbstbefriedigung  auch  gegenseitige  Masturbation  nicht 
nur  zwischen  Jünglingen  und  Jungfrauen,  sondern  auch  unter 
Jünglingen  im  gleichgeschlechtlichen  Sinne  vor.  Irgend  welche 
Anhaltspunkte  für  die  Annahme,  es  gäbe  unter  dem  Aequator 
ein  „drittes  Geschlecht",  dem  mannweiblicher  Verkehr  lebens- 
länglich verschlossen  bleibt,  konnte  HAMMER  nicht  gewinnen.381 

Bei  den  B  a  k  w  i  r  i  (Bakwili,  Bakhwiri),  einem  „zum  Teil 
noch  unverdorbenen,  harmlosen"  Menschenschlag,381'2  ist  nach 
dem  Stationchef  LEUSCHNER  Päderastie  und  sind  als  Weiber 
sich  gebärdende  Männer  unbekannt.382 

-')  Stämme  am  mittleren  und  oberen  Kongo 
Nach  H.  H.  JONHSTONs  Schilderung  ist  wohl  nirgendwo 
in  Afrika  der  Phallusdienst  so  offen  und  so  allgemein 
wie  am  Stanley  Pool.  In  den  Wäldern  gibt  es  wunderbare 
Tempel  aus  Stroh  und  Holz,  die  das  Phallus-Symbol  bergen. 
Mit  dem  Phallusdienst  sind,  soweit  der  Gewährmann  es  in 
Erfahrung  zu  bringen  vermochte,  keine  wirklich  unzüchtigen 
Zeremonien  verbunden,  wenigstens  sind  die  Symbole  in  den 
Augen  der  Eingeborenen  Gegenstand  bloßer  Ehrerbietung.    Die 


Neger  159 

an  den  Einweihungfesten  teilnehmenden  Knaben  werden  be- 
schnitten und  es  sind  bei  der  Weihe,  die  ein  Phallusdienst 
ist,  anscheinend  nur  Männer  zugegen.  Sie  heißen  Inkimba,  sind 
Knaben  von  14  und  Männer  bis  40  Jahren;  sie  bilden  eine 
Art  von  Freimaurerbund,  der  gewisse  Paßworte  oder  Kenn- 
zeichen führt  383  und  also  auch  eine  Art  Geheimsprache  hat, 
wie  einige  australische  Stämme. 

1.  Die  Ba-Yaka 
Wie  TORDAY  und  JOYCE  mitteilen,  ist  bei  den  B  a  - 
y  a  k  a  Geschlechtsverkehr  nur  den  Verheirateten  erlaubt ;  hat 
ein  unverheirateter  Mann  mit  einem  Mädchen  Umgang  gehabt, 
muß  er  dem  Vater  des  Mädchens  eine  Geldbuße  entrichten, 
während  das  Mädchen  straflos  ausgeht.  Der  Jungfräulichkeit 
einer  Braut  wird  große  Bedeutung  beigelegt.  Masturbation 
wird  oft  bei  geselligem  Zusammensein  wechselseitig  geübt 
und  ist  unter  Knaben  häufig;  Podikation,  Bestialität  und  ähn- 
liche „Laster"  aber  sollen  unbekannt  sein.384 

2.  Die  Ba-Huana 

Bei  den  B  a  h  u  a  n  a  macht  sich  nach  TORDAY  und 
JOYCE  geschlechtliche  Sittlichkeit  durch  ihr  Fehlen  bemerk- 
bar. Die  jungen  Männer  geben  sich  dem  Geschlechtsverkehr  nach 
Belieben  schon  von  sehr  früher  Jugend  an  hin,  die  Mädchen 
bereits  vor  der  Pubertät.  Masturbation  ist  bei  Kindern  häufig 
und  zwar  sowohl  Selbstbefleckung  als  wechselseitige  Befriedi- 
gung.385 

3.  Die  Bangala 

Die  Männer  der  kriegerischen  Bangala  am  oberen 
Kongo  starren  nach  WARD  bei  jeder  Gelegenheit  in  Waffen. 
Ein  unbewaffneter  Mann  wird  verächtlich  behandelt  und  man 
ruft  ihm  zu:  „Geh  und  pflege  die  Kinder!"  Hoch  ausgebildet 
ist  bei  diesem  Stamme  die  Blutsbrüderschaft,  Ti  n'deko,  deren 
zeremoniöses  Wesen  einen  religiösen  Anstrich  hat.386 

Nach  dem  Missionar  COMBIER  geben  sich  die  Bangala 
den  „scheußlichsten  Lastern"  mit  zügelloser  Freiheit  hin,  ohne 
Sorge  und  ohne  Gewissensbisse.  Der  Zölibat  des  katholischen 
Priesters  ist  für  sie  ein  unfaßbares  Mysterium.     Der  fromme 


160  Die  negerartigen  Naturvölker 

Vater  möchte  die  Ursache  solcher  sexuellen  Zügellosigkeit  in  der 
völligen  Unbekanntschaft  dieser  Schwarzen  mit  dem  zukünftigen 
Schicksal  der  Guten  und  der  Bösen  erblicken.387 

Blieb  der  französische  Missionar  undeutlich,  ist  ein  Eng- 
länder einmal  um  so  deutlicher  geworden. 

WEEKS  erklärt  es  für  unbestreitbar,  daß  unter  den 
Bangala  sowohl  solitäre  als  mutuelle  Masturbation  getrieben 
wird.  Wenn  Männer  umherstehen,  spielen  sie  unbewußt  an 
ihrem  Gliede,  auch  dann,  wenn  um  sie  herum  weiße  Leute  stehen 
oder  sitzen,  seien  das  nun  Männer  oder  Frauen.  WEEKS  hat 
manchesmal  durch  Wort  oder  Zeichen  die  Aufmerksambeit  der 
Neger  auf  diese  Gewohnheit  gerichtet ;  dann  hörten  sie  sofort 
damit  auf  und  schienen  sich  darüber  zu  schämen.  Nie  sah 
unser  Gewährmann  solches  bei  Weibern;  er  meint  aber,  daß 
wahrscheinlich  nur  ihre  Krinolinen-artigen  Kleider  das  nicht 
zuließen.  Die  Bekleidung  der  Männer  und  der  Knaben  mache 
die  Ausführung  des  Aktes  sehr  leicht,  befördere  sogar  den  Reiz 
dazu  durch  die  stattfindende  Reibung.  Eingeborene  in  langen 
weiten  Hosen  hat  er  niemals  den  Akt  so  offen  wie  die  anderen 
vornehmen  sehen.  WEEKS  vermutet  in  diesem  Übel  die  Ursache 
der  Kreuzschmerzen,  von  denen  die  Bangala,  Männer  wie 
Knaben,  häufig  befallen  werden,  gelegentlicher  Schwellungen 
des  Gemachtes  und  vieler  anderen  ihrer  Leiden.388 

Nach  WEEKS  ist  ferner  Sodomie  zwischen  Männern  unter 
den  Bangala  sehr  häufig  (very  common)  und  bringt  gar  nicht 
oder  nur  wenig  Schande.  Sie  soll  ganz  allgemein  statt  des 
Verkehrs  der  Männer  mit  Weibern  eintreten,  wenn  die  Männer 
fremde  Städte  besuchen  oder  während  der  Zeit,  da  sie  auf  den 
Fischfangplätzen  fern  von  den  Weibern  ihrer  Familie  weilen. 
Wenn  in  früherer  Zeit  ein  Mann  den  sodomitischen  Akt  mit 
einem  Weibe  beging,  verfiel  er  der  Todesstrafe.  Gegenwärtig 
wird  er  von  den  Älteren  der  Familie  und  der  Gemeinde  nur  noch 
mit  schwerer  Geldbuße  bestraft.  Die  Sodomie  mit  einem 
Weibe  gilt  nicht  bloß  als  eine  Familien-Beleidigung,  sondern 
als  eine  Beschimpfung  des  Gemeinwesens,  daher  die  Älteren 
der  Stadt  an  der  Verhörung  und  Bestrafung  des  Übeltäters  sich 
beteiligen.389 


Neger  161 

4.  Die  Basonge 
Nach  ROBERT  SCHMITZ  stößt  man  unter  den  B  a  s  o  n  g  e 
hin  und  wieder  auf  Fälle  „widernatürlichen  Lasters",  jedoch 
„nur"  bei  jungen  Burschen.390 

5.  Die  Mayombe 

Dem  Ingenieur  DIEDERICH  ist  unter  den  verweichlichten 
Mayombe  weder  „Homosexualität  noch  ein  anderes  ähn- 
liches Laster"  zur  Kenntnis  gekommen391  (was  gegen  ihr 
Vorkommen  nichts  beweist). 

6.  Die  Mangbetu 

Wenn  man  dem  Major  HAXOLET  Glauben  schenken 
will,  existiert  Sodomie  unter  den  Mangbetu  nicht.  Der 
Gewährmann  muß  aber  sehr  leichtgläubig  sein,  da  er  an- 
nimmt, seit  der  Herrschaft  der  Belgier  komme  Masturbation, 
die  demnach  vorher  geherrscht  haben  muß,  nicht  mehr  vor.392 
Und  das  alles,  obschon  die  Mangbetu  nach  demselben 
Zeugen  sehr  wollüstig  sind.393 

Laut  Angabe  des  Majors  BRUNEEL  findet  sich  Ehe- 
losigkeit nur  in  der  unteren  Klasse,  bei  den  Sklaven,  wäre  aber 
„lediglich"  durch  Armut  verschuldet.  Enthaltsamkeit  sei  sicher 
völlig  unbekannt.394 

e.  Stämme  der  Wahumastaaten 

Es  gibt,  wie  aus  des  Geistlichen  J.  ROSCOE  Forschungen 
hervorgeht,  nur  zwei  Stämme  unter  den  Bantu-Negern,  bei 
denen  Vielmännerei  (Polyandrie)  angetroffen  wird :  die  B  a  z  i  b  a 
und  die  B  a  h  i  m  a  in  Uganda,  während  sonst  Vielweiberei 
(Polygynie)  die  Regel  ist.  Die  geschlechtlichen  Sitten  der  Ba- 
hima  seien  äußerst  locker;  wenn  ein  Freund  einen  Mann  besuche, 
so  schlafe  er  mit  ihm  und  seiner  Frau  auf  einem  Bette.395  Das 
Brüderschaftwesen  fand  ROSCOE  hoch  ausgebildet.396  FEL- 
KIN  fand  die  Waganda,  welche  den  Hauptbestandteil  der 
5  Millionen  Bewohner  von  Uganda  bilden,  das  600  000  Mann 
ins  Feld  stellen  kann,397  sehr  unanständig;  „widernatürliche 
Beziehungen"  seien  bei  ihnen  durch  die  Araber  eingeführt, 
würden  aber  mächtig  verabscheut,   seien  daher  „glückkcher- 

Ka  rsch-Haack.  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  1 1 


162  Die  negerartigen  Naturvölker 

weise"  auch  selten;  als  Strafe  stehe  der  Schandpfahl  darauf;398 
eine  besondere  Kriminalpolizei  gebe  es  bei  ihnen  nicht.399 
Es  erscheint  demgegenüber  gerechter  und  auch  einfacher, 
statt  die  Araber  oder  andere  Völker  dafür  verantwortlich  zu 
machen,  in  geschlechtlichen  Dingen  mit  G.  FRITSCH  ,,die 
Natur  als  eine  durchaus  genügende  Lehrmeisterin"  gelten  zu 
lassen  .400 

O.  BAU  MANN  lernte  einen  eff  emanierten,  der  passiven 
Päderastie  ergebenen  Mann  der  Waganda  aus  Uganda 
kennen.401 

Als  für  die  Waganda  eigentümlich  sei  erwähnt,  daß 
König  M  t  e  s  a  gegen  7000  Frauen  hatte  mit  70  Söhnen  und 
88  Töchtern.402 

Für  die  W  a  r  u  n  d  i  liegen  neuere,  zwar  ziemlich  wider- 
spruchsvolle, jedoch  für  den,  der  sehen  kann,  sehr  bezeichnende 
Angaben  von  dem  Missionar  VAN  DER  BÜRGT  vor.  Die  „wider- 
natürlichen Laster"  wären  demnach  bei  den  Eingeborenen  von 
Urundi  „sehr  selten,  wenn  nicht  völlig  unbekannt".  Vergebens 
würde  man  bei  ihnen  nach  den  raffinierten  Perversitäten  europäi- 
scher Städte  und  Henochien  suchen.  Die  jungen  Warundi  er- 
laubten sich  manche  Ausgelassenheit  und  die  ..Unzucht"  der 
Masturbation  scheine  bei  Knaben  ziemlich  häufig  vorzukommen. 
Da  aber  der  Barundi  Schamgefühl  besäße,  bekäme  man  wirklich 
schimpfliche  Akte  im  Freien  sehr  selten  zu  Gesicht;  der  Sünder 
verstecke  sich.403  Die  ..widernatürlichen  Greuel",  die  man  für 
gewisse,  sehr  herabgekommene  und  „wahrhaft  vom  Teufel  be- 
sessene" Stämme  nachgewiesen  habe,  beobachte  man  bei  den 
Warundi  nicht.404  Umsomehr  muß  es  dann  auffallen,  von 
demselben  Gewährmanne  nicht  weniger  als  fünf  Kirundi- 
Namen  für  Sodomie  neben  zwei  Bezeichnungen  für  Sodomit  405 
außer  einem  Worte  für  Bestialität  406  beigebracht  zu  finden : 
Für  Sodomie  Kuswerana  nk'imbwa,  Kitkonöka,  Kwitomba, 
Kuranana  inyuma  und  Kü'nyo;  für  Sodomit:  Umuswezi  und 
Umukonotsi.  Wird  dem  frommen  Verfasser  noch  jemand  das 
dieser  Wörterliste  beigefügte  Beschwichtigungwörtchen :  „In- 
connuc"  (Unbekannt)  glauben  mögen?  Ein  „Laster"  soll  einem 
Naturvolk  unbekannt  sein,  für  das  es  nicht  weniger  als  fünf 
Bezeichnungen  in  seiner  Sprache  hat !  Ferner  besitzt  die  Sprache 


Neger  163 

der  Warundi,  das  Kirundi,  demselben  Gewährmann  zufolge, 
noch  zwei  Bezeichnungen  für  „Hermaphrodit",  Ikihindu  und 
Ikimaze.M1  Da  letzteres  Wort  zugleich  Junggeselle,  Zölibatär, 
Hagestolz  bedeuten  soll408  und  auch  noch  andere  Worte  für 
Hagestolz  und  ehelosen  Stand  vorhanden  sind.409  dürfte 
Ikihindu  der  Kirundi-Name  für  den  geborenen  oder  Natur- 
Päderasten    mit    femininem    Einschlag  sein. 

Aber  damit  nicht  genug!  Bei  der  Schüderung  religiöser 
Zeremonien  durch  VAN  DER  BÜRGT  muß  man  notwendig 
auf  die  Vermutung  kommen,  er  sei  mit  sehenden  Augen  blind 
gewesen.  Der  Priester,  Kiranga,  gilt  bei  den  Warundi  als  Ver- 
treter des  Gottes  Rikiranga,  als  dessen  Vermittler  und 
ganz  und  gar  von  der  genannten  Gottheit  beherrscht.  In  den 
Augen  der  Warundi  ist  der  Kiranga  zwar  ein  Mensch,  aber  ein 
außergewöhnlicher,  eine  Art  Prophet  oder  Heiliger,  ein  wan- 
delnder Mönch,  ein  Beschauer.  Er  ist  eine  geheiligte  Person. 
Rikiranga  wohnt  in  ihm.  So  versteht  man,  wenn  die 
Warundi  behaupten,  ihre  großen  Geister  Interna,  Ryangombe 
und  Rikiranga  wären  Menschen  gewesen  und  hätten  einmal 
gelebt.  Es  schien  VAN  DER  BÜRGT,  daß  gewisse  Kiranga 
für  „Hermaphroditen"  gehalten  würden.  Der  Kiranga  von 
Uzumbura  unter  dem  Häuptling  Kiyogoma  galt  als 
solcher  bei  sämtlichen  Einwohnern.  Er 
kleidete  sich  bei  allen  Gelegenheiten  wie  ein  Weib  (was  ein 
anderer  Murundi  niemals  tun  würde),  obgleich  er  Mannes- 
Allüren  zur  Schau  trug.  Seitdem  VAN  DER  BÜRGT  diesen 
Priester  zum  ersten  Male,  am  20.  November  1896,  im  Kraal 
des  Kiyogoma  zelebrieren  sah,  legte  er  sich  immer  wieder 
die  Frage  vor,  ob  dieser  herkulische  Teufelsmensch  mit  den 
sonderbaren  Allüren,  von  zwei  akoluthischen*)  Weibern,  dieneben 
dem  Koloß  als  kleine  Mädchen  erschienen,  links  und  rechts 
geleitet,  ein  Mann  oder  ein  Weib  wäre.  Und  noch  1903, 
bei  Abfassung  seines  schönen  Buches  über  das  Kirundi,  konnte 
VAN  DER  BÜRGT  ein  sicheres  Urteil  nicht  gewinnen,  war 


*)  Der  Autor  schreibt  „akolythisch" ;  da  das  Wort  nicht  von 
äziüXvios  =  frei,  ungehindert,  sondern  von  äx6Xov9og  =  Meßgehilfe, 
Meßdiener,  abgeleitet  werden  muß,  ist  „akoluthisch"  ohne  Zweifel 
richtiger. 


164  Die  negerartigen  Naturvölker 

aber  nicht  abgeneigt,  an  Hermaphroditismus  zu  glauben.  In 
gewissen  Einzelheiten  des  Warundi-Kultus  findet  er  sogar  eine 
Anspielung  auf  die  „Tatsache"  der  Zwitterbildung.  So  hätten 
ihre  Ivigabiro  (Vorfahrenhütten)  zwei  Türen,  ihre  rituellen 
Pfeifen  zwei  Köpfe,  ihre  Intango  (Opferkrüge)  zwei  Öffnungen.410 
Der  vermeintliche  Hermaphroditismus,  das  Scheinzwitter- 
tum  dieses  Warundi-  Priesters  dürfte  wohl  ein  Analogon 
zu  dem  Feminismus  der  Chibados  von  Angola  sein. 

3.  Die  Sudanneger411 
a.  Stämme  des  Küstenlandes  von  Oberguinea 

a)  Stämme  im  Gebiete  der  Nigirmündung:412 
Efik-Neger 

Die  Bezeichnung  eines  weibischen  Mannes  in  der  Efik- 
Sprache  ist  nach  GOLDIE  Nwan-nwan,  während  ein  echtes 
Weib  Nwan  idibi  heißt.4123  Ein  weibischer  Mann  heißt  ferner 
Uman  owo,  indem  Uman  Weib  und  Owo  Mann  bedeutet. 412b 
Für  impotent  hat  die  Efik-Sprache  die  drei  Bezeichnungen: 
ududu,  ikemeke  und  o/o/mw/4120  leider  erfährt  man  nichts 
über  deren  Sonderbedeutung.  Verkehrt  (preposterous)  oder 
ungewöhnlich  heißt  etikuo.il2d  Bestialität  heißt  Idü  unam.i12' 
Gelüste  nach  gesetzwidrigem,  unzüchtigem  Geschlechtsverkehr, 
gewiß  nur  in  arischem  Sinne  (ob  Podikation  gemeint?),  heißt 
Use.     Owo  use  ist  ein  Wollüstling.4121 

Wenn  MACGREGOR  Efik-Leute  nach  der  Bedeutung  des 
Wortes  Sibi  fragte,  lächelten  sie  und  erklärten  ihm,  die  Be- 
deutung nicht  zu  kennen.  Der  Grund  davon  sei  dieser:  In  der 
Efik-Sprache  würde  Nsisibi  fast  nur  gebraucht,  um  Liebe  aus- 
zudrücken. Dieser  Terminus  bezeichne  aber  zugleich  eine  solche 
Menge  der  abscheulichsten  Sünden,  daß  die  Selbstachtung  dem 
Efik-Neger  das  Zugeständnis  verbiete,  irgend  etwas  darüber 
zu  wissen.413 

ß)  Stämme  der  Sklavenküste:  Ewe-Neger 
Ganz  eigenartig  scheint  sich  die  Päderastie  im  König- 
reiche D  a  h  o  m  e  y  entwickelt  zu  haben.  Die  schrankenlose 
Selbstsucht  des  Herrschers  von  Dahomey,  der,  als  vollkommen 
mit  seinem  Lande  identisch,  einfach  „der  Dahomey"  genannt 


Neger  165 

wird,  belegte  fast  alle  Frauen  seines  Landes  für  seine  Person  mit 
Beschlag;  die  Mehrzahl  der  Männer  im  Volk,  an  der  ihnen  zu- 
sagenden Befriedigungweise  des  Geschlechtstriebes  hierdurch 
verhindert,  ahmte  das  von  Päderasten  ihnen  gegebene  Beispiel 
nach,  und  die  Päderastie,  einmal  Volkssitte  geworden,  wurde 
dann  später  vom  Herrscher  und  von  den  Vornehmen  angenom- 
men, um  so  zu  einer  gesetzmäßigen  Einrichtung  ausgestaltet  zu 
werden  (BASTIAN).41*  Nach  FLEURIOT  DE  LANGLE  gibt 
es  in  Whydah  bei  Hofe  eine  Art  „Eunuchentum",  welches 
aber  nicht,  wie  anderwärts,  nur  eine  private  Wache  für  den 
Frauenharem  des  Herrschers  darstellt,  sondern  eine  Staats- 
einrichtung ist;  die  Lagredis  oder  Effeminierten  des  in 
jeder  Beziehung  unumschränkten  Dahomeyherrschers  werden 
unter  den  Söhnen  der  Vornehmen  des  Landes  ausgewählt  und 
in  ihrer  frühesten  Jugend  zum  Genüsse  von  Getränken 
gezwungen,  welche  die  Leidenschaften  des  Blutes  ersticken; 
ihr  Oberhaupt,  selbst  ein  Effeminierter,  spielt  am  Hofe  eine 
bedeutende  Rolle  und  gehört  zum  Staatsrate.  Die  Gesandten 
gehen  nur  in  Begleitung  von  zwei  Lagredis  auf  Reisen,  und  diese 
sind  verpflichtet,  deren  Verträge  zu  überwachen  und  über 
Ausführung  derselben  dem  absoluten  Könige  unmittelbaren 
Bericht  zu  erstatten.415  Nach  BARRET  wird  der  Dahomey- 
könig  von  einem  Rate  seiner  Landesgrößen,  die  demütige 
Schmeichler  seiner  Willensäußerungen  sind,  in  der  Regierung 
des  Landes  unterstützt ;  mit  der  Verwaltung  des  ganzen  großen 
Königreiches  sind  acht  hohe  Beamte  beauftragt:  ein  Mehou 
als  erster  Minister,  ein  Minghan  als  zweiter  Minister,  ein  Kam- 
bode  als  Kammerherr,  ein  Avoghan  oder  Yavogan  als  Kom- 
mandant von  Whydah,  ein  Gao  und  Po'issou  als  Kriegsminister, 
ein  Cabecere  als  Distriktsgouverneur,  ein  Racadere  als  Adjutant 
des  Königs  und  ein  Tolonu  (Tolonou)  als  erster  „Eunuch" 
und  Mundschenk  des  Königs;  diesem  Tolonu  sind  die  Frauen 
und  Effeminierten  des  Königs  unterstellt,  und  sein  Rang  ist 
so  hoch,  daß  er  unmittelbar  zwischen  den  König  und  seinen 
ersten  Minister  sich  gestellt  sieht.416  Als  Residenz  des  Königs 
gilt  nicht  Whydah,  sondern  Abomey  (oder  Agbome,  die  durch 
Tore  geschlossene  Stadt) ;  nie  erscheint  der  König  in  Whydah 
(franz.   Ouidah),   welches   die    Stadt   der   Weißen  ist.417     Bei 


l66  Die  negerartigen  Naturvölker 

NORRIS  wird  außer  von  Hängebetten-Trägern  noch  von 
„Verschnittenen"  berichtet,  welche  die  Portechaise-Träger  ab- 
lösten.418 Ihrer  nahmen  dreißig,  wie  Weiber  gekleidet,  an  einer 
Art  Prozession  teil  und  jeder  hielt  eine  blinkende  eiserne  Gerte 
in  seiner  Hand.419 

Die  Schwierigkeit,  völlige  Aufklärung  über  das  Wesen  des 
Eunuchentums  in  Dahomey  zu  erhalten,  hebt  nach  BURTON 
auch  JACOBUS  X  . . .  hervor.  Die  Eunuchen  seien  persönliche 
Sklaven  des  Königs  und  trügen  den  würdevollen  Titel: 
königliche  Weiber  oder  Akho'si  (von  Akoshu,  König,  und 
'si,  Weib).  Die  Operation  würde  in  den  Palästen  selbst 
ausgeführt  und  bestehe  in  Entfernung  der  Hoden;  sie  sei 
gefährlich,  wenn  sie  über  das  20.  Lebensjahr  hinaus  auf- 
geschoben wird.  In  ganz  Yoruba  seien  Eunuchen  an  allen 
Höfen  zu  finden.420 

In  ihrem  Volkrecht  der  Epheneger  konnten  HENRICI 
und  KOHLER  über  Bestrafung  von  Päderasten  nichts  mit- 
teilen.421 

y)  Stämme  der  Goldküste:  Odschi-Neger 
Der  Pfarrer  H.  C.  MONRAD  glaubte  1822  den  Negern 
der  Goldküste  nachrühmen  zu  müssen,  daß  sie  sich  den  „wider- 
natürlichen Lastern"  nicht  hingäben,  was  dagegen  den  in 
Afrika  Handel  treibenden  Europäern,  besonders  den  Portugiesen, 
nachgesagt  würde;  daß  sie  vielmehr  solche  „Sünden"  mit 
lebhaftem  Abscheu  betrachteten.422  „Jeder"  junge  Neger,  so 
behauptet  mutig  der  dänische  Pfarrer,  habe  seine  Geliebte, 
mit  der  er  sehr  intim  zusammenlebe,  obwohl  er  sie  selten  heirate. 
Unverheiratete  Weiber  rasierten  nach  MONRAD  alle  behaarten 
Körperteile,422/3  was  wohl  auf  Geschmacksrichtung  der  Männer 
für  frühe  Jugend  einen  Schluß  gestattet. 

HUTCHINSON  wußte  1861  von  einem  sonderbaren 
„Familien-Aberglauben"  der  Neger  der  Goldküste,  Aschantis 
und  Alt-Kalabars  zu  erzählen.  Leute  von  Stand  und  Besitz 
kauften  sich  einen  Sklaven  ihres  Geschlechts  oder  wählten 
unter  denen,  die  sie  bereits  im  Hause  hatten,  einen  jugend- 
lichen Sklaven  aus.  Dieser  erhielt  den  Titel  Crabbah  oder 
Ocra.h,  was  bedeuten   solle,  daß  er   in  Zukunft  als  die  Seele 


Neger  167 

oder  der  Geist  seines  Herrn  oder  seiner  Herrin  anzusehen 
sei.  Als  äußeres  Kennzeichen  trugen  diese  Lieblinge  eine 
goldene  Kette  oder  eine  Schnur  weißer  Perlen  mit  daran 
befestigtem  breitem  goldenen  Medaillon  um  den  Hals.  So 
lange  sie  sich  gut  führten,  wurden  sie  mit  größter  Nachsicht 
behandelt.  Die  Aschanti  pflegten  die  Ocrahs  nach  dem  Ab- 
leben ihres  Herrn  zu  töten,  wenn  dieser  ein  hervorragender 
Mann  gewesen  war,  da  sie  es  für  nötig  hielten,  daß  sie 
jenen  in  die  andere  Welt  hinüberbegleiteten.  Und  ein  ähn- 
licher Massenmord  von  Sklaven  mit  der  gleichen  Tendenz 
war  auch  in  Alt-Kalabar  beim  Tode  eines  Helden  üblich.423 
Für  FREIMARK  „deutet"  diese,  nach  HUTCHINSONS 
Annahme  wohl  ausschließlich  durch  abergläubische  Vorstel- 
lungen ins  Leben  gerufene  Sitte  „auf  herrschende  Homo- 
sexualität".423/4 Solche  Auffassung  möchte  insofern  zutreffen, 
als  wahrscheinlich  mancher  Neger  mit  päderastischen  und 
manche  Negerin  mit  tribadischen  Neigungen  unter  den  be- 
zeichneten Stämmen  sich  der  Ocrahs  als  einer  vorgefunde- 
nen willkommenen  Einrichtung  auch  zur  Befriedigung  gleich- 
geschlechtlicher Bedürfnisse  bedienen  wird,  derart,  daß  ohne 
Bedenken  die  religiöse  Sitte,  sich  Ocrahs  zu  halten,  als  ein 
Päderastie  und  Tribadie  begünstigender  Brauch  bezeichnet 
werden  kann. 

Der  Missionsarzt  VORTISCH  findet  die  Neger  der  Gold- 
küste nicht  unintelligent,  gutmütig,  heiter,  gastfrei  und  gelehrig, 
aber  faul,  verlogen,  mehr  oder  weniger  diebisch,  abergläubisch, 
furchtsam  und  „sittlich  ziemlich  tief  stehend".424  Daß  darunter 
hier  nicht  etwa  Mangel  eigentlichen  moralischen  Empfindens, 
sondern  bloße  geschlechtliche  Freiheit,  auch  wenn  sie  durchaus 
nichts  Unsittliches  an  sich  trägt,  gemeint  ist,  geht  aus  der 
Bemerkung  hervor,  daß  „Unsittlichkeit"  eines  der  verbreitetsten 
Laster  des  Volkes  sei,  das  durch  unsittliches  Leben  und  böses 
Beispiel  vieler  Europäer,  übermäßigen  Schnapsgenuß,  oft  sehr 
ungenügende  Bekleidung  der  Leute  und  die  jedem  Blicke 
offenen  Höfe  und  Hütten  schlimm  beeinflußt  würde.425  Ge- 
nauere Erforschung  verdiente  wohl  die  Beobachtung  eines 
Missionars  bei  Totenfeierlichkeiten.  Bei  Begoro  soll  danach 
die   Sitte  bestehen,  daß  Männer  als  Frauen  und  Frauen  als 


168  Die  negerartigen  Naturvölker 

Männer  verkleidet  beim  Leichenbegängnis  an  das  Grab  treten 
und  einen  Palmkern  ausspeien,  den  sie  im  Munde  tragen.426 
Der  Leutnant  A.  B.  ELLIS  weiß  nichts  von  Verboten 
mannmännlichen  Liebelebens  für  die  Eingeborenen  der  Gold- 
küste mitzuteilen.427 

d)  Stämme  der  Elfenbeinküste 

Im  Strafrecht  der  Negerstämme  der  Elfenkeinküste,  das 
KOHLER  auf  Grund  der  Werke  des  französischen  Gouverneurs 
der  Cöte  d'Ivoire,  F.-J.  CLOZEL,  und  des  französischen  Ge- 
richtspräsidenten in  Bingerville,  ROGER  VILLAMUR,  be- 
arbeitet hat,428  spielt  Päderastie  keine  Rolle.  Auch  wird  ihrer 
in  den  Originalwerken  der  genannten  Franzosen  mit  keiner 
Silbe  gedacht.429  Dieser  Umstand  braucht  indessen  nicht  not- 
wendig durch  etwaiges  Fehlen  homoerotischen  Trieblebens  bei 
den  Stämmen  der  Elfenbeinküste  bedingt  zu  sein.  Er  wird 
vielmehr  hinreichend  durch  die  Tatsache  erklärt,  daß  auch  in 
Frankreich  homoerotisches  Geschlechtsleben  nicht  unter  Strafe 
steht.  Es  kommt  jedoch  noch  ein  zweiter  Erklärunggrund 
hinzu.  Wie  KOHLER  hervorhebt,  sind  CLOZELs  und  VIL- 
LAMURs  Darlegungen  im  wesentlichen  die  Beantwortung 
eines  von  der  französischen  Regierung  ihren  Beamten  in  Afrika 
vorgelegten,  „offenbar  von  ganz  unkundiger  Hand  ent- 
worfenen" 43"  Fragebogens.  Und  in  diesem  Fragebogen  wird 
eben  auch  die  Frage  nach  dem  Vorkommen  und  den  Erschei- 
nungformen der  Päderastie  vollkommen  vermißt. 

e)  Stämme  von  Liberia 

Von  den  K  r  u  431  ist  bekannt,  daß  sie,  besonders  die 
Krujungen,  ihrer  Anstelligkeit  und  Sprachgewandtheit  wegen 
gern  von  Negern  anderer  Stämme  auf  Zeit  in  Dienst  genommen 
und  von  ihnen  mit  dem  Schmeichelnamen  „monkey"  (Affe) 
belegt  werden.  Nach  Hörensagen  sind  ihre  Dienste  vielfach 
auch  päderastischer  Art.  FRIEDRICH  VON  HELLWALD 
charakterisiert  die  Kruneger,  deren  Selbstname  früher  C  1  a  h  o 
war,  jetzt  G  r  e  b  o  ist,  als  „sinnlich  und  eitel",  aber  als  den 
stärksten  Negerschlag  ganz  Afrikas.431''2 


Neger  169 

Unter  den  Krujungen  ist  nach  HAMMER  gleich- 
geschlechtlicher Verkehr  „nicht  selten".  Er  sei  jedoch  nicht 
als  eingeschlepptes  Kulturlaster  aufzufassen,  sondern  der  auf 
Arbeit  gehende  Krujunge  verkehre  gleichgeschlechtlich,  weil 
er  an  ausreichendem  normalen  Verkehr  mit  D  u  a  1 1  a  -  Mäd- 
chen durch  Standesbewußtsein  gehindert  sei.  Als  die  Haupt- 
ursache des  gleichgeschlechtlichen  Verkehrs  gilt  dem  Gewähr- 
manne, wie  den  meisten,  welche  von  der  Naturpäderastie 
keine  Ahnung  haben,  die  übermäßig  gesteigerte  Sinnlichkeit, 
die  einerseits  als  Enthaltsamkeitstörung  auftrete,  andererseits 
als  Ausschweifungfolge,  als  Reizhunger  des  Ausschweifenden, 
als  Gieren  nach  immer  neuen  Reizen  entstehe.432 

t)  Stämme  vom  oberen  Senegal  und  Nigir 
Den  meisten  muselmännischen  Schwarzen  der  D  i  a  k  i  t  e 
Sarrakolesenim  französischen  Sudan  soll,  wie  der  Kreis- 
befehlshaber NICOLE  berichtete,  die  Päderastie  unbekannt 
sein  und  die  Richter  (Kadis)  von  der  Sache  auch  nur  wissen, 
was  sie  im  Qorän  darüber  gelesen  hätten.  Hieraus  ergebe  sich, 
daß  sie  im  Lande  nicht  geübt  werde.  Gleichzeitig  aber  teilt 
NICOLE  mit,  es  gebe  unter  diesen  Negern  Männer,  die  ein 
vollständig  weibliches  Äußere  „annähmen",  und  ihre  Stimme, 
ihr  Gang,  ihr  Anzug  sei  wie  bei  einer  Frau;  wie  die  Weiber 
trügen  sie  Zierate  in  den  Ohren  und  Ringe  an  den  Pulsen 
und  Fußknöcheln.  Dabei  hätten  sie  doch  Frauen,  mit  denen 
sie  lebten.  Sie  würden  als  Irre  betrachtet;  sie  bezweckten  aber 
wahrscheinlich  nur,  einige  Geschenke  und  einiges  Geld  von 
denen  zu  erschleichen,  welche  sich  durch  dieses  weibliche  Äußere 
hätten  täuschen  lassen.433  Zu  dieser  vollständig  schiefen  Auf- 
fassung richtig  wahrgenommener  Erscheinungen  bemerkte  sehr 
treffend  STEINMETZ: 

Sind  diese  Leute  nicht  im  Grunde  echte  „effemines" 
(Weiblinge)  ?  Warum  nennt  der  Volksmund  sie  sonst  ver- 
rückt und  nicht  schlaue  Betrüger?  Daß  sie  mit  Frauen 
leben,  spricht  nicht  genügend  gegen  diese  Auffassung.  Nur 
falls  sie  das  aus  geschlechtlicher  Neigung  tun  sollten,  wären 
sie  freilich  ,,invertis"  (Mitmacher).  Es  wäre  interessant, 
näheren  Aufschluß  hierüber  zu  erhalten.434 


I^O  Die  negerartigen  Naturvölker 

C.  G.  F.  SCOTT  ELLIOT  behauptet,  der  Einfluß  der 
Araber  auf  die  Mandingo  wirke  geradezu  „vernichtend"; 
diese  würden  moralisch  korrumpiert  und  physisch  zugrunde 
gerichtet.435  Die  Art,  wie  dieser  üble  Einfluß  sich  geltend 
machen  soll,  wird  freilich  nicht  dargelegt.  Bei  dem  Ruf  als 
große  Päderasten  jedoch,  in  welchem  die  Araber  stehen,  ist  die 
Annahme,  ELLIOT  habe  nichts  anderes  als  eben  Päderastie 
im  Auge  gehabt,  durchaus  nicht  so  ohne  weiteres  von  der 
Hand  zu  weisen. 

Unter  den  Bambara  (Senouf),  nach  LABAT  einem 
prächtigen  Negerstamme,436  soll  es,  wie  der  Kreishauptmann 
G.  TELLIER  behauptet,  im  Kreise  Kita  von  Päderastie  „keine 
Spur"  geben.437  Und  warum  nicht?  Man  höre:  „Die  Frauen 
sind  doch  allzu  leicht  zu  haben".438  Möge  aber  noch  ein  anderer 
Zeuge  zum  Worte  kommen! 

Der  französische  Arzt  JACOBUS  X  .  .  .  hat  eine  Schil- 
derung des  Senegalnegers  entworfen,  welche  nur  dadurch  zu- 
stande kommen  konnte,  daß  er  von  der  Naturveranlagung  zur 
Homoerotik  keine  Ahnung  hatte.  Der  freie  Senegal-Neger 
podiziert  nach  diesem  Gewährmanne  niemals,  selbst  Mastur- 
bation kommt  bei  ihm  nur  sehr  wenig  vor.  Die  Reibung  der 
leicht  reizbaren  Schleimhaut  der  Eichel  des  beschnittenen 
Gliedes  erfordere  ja  zur  Samenentleerung  erheblich  längere 
Zeit  als  die  Kopulation.  Nur  der  unbeschnittene  Senegal- 
negerbursche masturbiere,  indem  er  die  Vorhaut  zu  beträcht- 
licher Länge  ausziehe.  Sei  er  aber  erst  beschnitten,  halte  er 
Masturbieren  für  schimpflich;  auch  ständen  ihm  dann  ja  zur 
Befriedigung  seiner  sexuellen  Wünsche  Weiber  genug  zur  Ver- 
fügung. Beim  Sklaven  aber  verhalte  es  sich  anders.  Möge  er 
beschnitten  oder  unbeschnitten  sein,  stets  habe  er  zum  Verkehr 
mit  Weibern  weniger  Gelegenheit  als  der  freie  Neger.  Daher 
komme  es  bei  ihm,  wie  überall  in  menschlichen  Gesellschaften, 
denen  es  an  Weibern  mangele,  zu  wechselseitiger  Podikation, 
bei  der  jeder  abwechselnd  die  aktive  und  die  passive  Rolle 
spiele.  So  sei  es  wenigstens  bei  zwei  jungen  Bambara- 
Schützen  gewesen,  die  er  als  Arzt  untersucht  habe.  Sie  stammten 
von  der  Poststation  in  Kita,  wo  sie  nach  Gefangennahme  eines 
Sklaventransports  bei  einer  Sarrakolesen-Karawane  in  Freiheit 


Neger  171 

gesetzt  worden  waren.  Schon  vor  ihrem  20.  Jahre  waren 
sie  eingestellt.  Dem  Arzt  gestanden  sie,  daß  unter  den  Ge- 
fangenen und  den  Sklaven  päderastische  Praktiken  so  lange 
geübt  zu  werden  pflegten,  als  ihnen  Weiber  unerreichbar  seien, 
daß  aber  sofort  damit  aufgehört  würde,  wenn  Weiber  zu  haben 
wären.  Die  beiden  Schützen,  ein  schwarzes  C  a  s  t  o  r  -  und 
P  o  1 1  u  x  -  Paar,  setzten  ihre  „unnatürlichen  Gewohnheiten" 
aber  auch  in  der  Freiheit  noch  fort,  bis  sie  sich  in  Saint-Louis 
in  ein  Negerweib  teilten,  das  ehebrecherische  Weib  eines 
Schützen,  der  sich  auf  einer  Expedition  im  Innern  befand.439 

b.  Heidnische  Stämme  der  Haussastaaten 

Von  den  dunkelschwarzen,  keineswegs  häßlichen  K  a  d  o  - 
Negern,  die  völlig  nackt  gehen,  weiß  GERHARD  ROHLFS 
zu  berichten,  daß  die  jungen  Burschen  bis  zu  20  Jahren  ihr 
Haar  in  mit  Glasperlen  besetzte  Zöpfe  flechten  und  auch 
Schnüre  von  Glasperlen  um  den  Hals  binden:  ein  weibischer 
Putz,  mit  dem  weder  die  kräftige  Muskulatur  des  Körpers  noch 
die  Bewaffnung  mit  Bogen  und  Pfeilen  harmoniere.440 

Von  den  dunkelschwarzen  A  f  o  -  Negern  in  dem  etwa 
500  Seelen  zählenden  einsamen  Gebirgsdorfe  Ego,  berichtet 
GERHARD  ROHLFS,  bei  den  unverheirateten  unbekleideten 
Burschen  seien  (um  1867)  beide  Arme  von  oben  bis  unten  mit 
messingnen  Spangen,  bei  manchen  auch  die  Füße  mit  Messing- 
kettchen  geschmückt  und  die  Hüften  mit  Perlenschnüren  um- 
wunden, ganz  wie  in  Segseg  und  Bautschi  bei  den  Frauen.  Es 
sei  überhaupt  eigentümlich,  wie  die  Weibertracht  der  einen 
Gegend  in  der  andern  von  den  Männern  getragen  würde  und 
ebenso  umgekehrt.  Trotz  der  Einfachheit  der  Trachten  sei 
auch  bei  den  innerafrikanischen  Negern  ein  Wechsel  in  den 
Moden  keineswegs  ausgeschlossen.  Es  komme  vor,  daß  dieselbe 
Sorte  Glasperlen,  die  bei  einem  Stamme  sehr  beliebt  gewesen, 
nach  einiger  Zeit  gar  nicht  mehr  von  ihm  gekauft  würde,  weil 
der  Geschmack  sich  inzwischen  einer  neuen  Sorte  zugewendet 
habe.441 

Diese  Schilderungen  enthalten  zwar  nichts  von  unzwei- 
deutigem Homoerotismus.  Da  indessen  die  Neigung  femini- 
ner Mannspersonen,  sich  weiblich  zu  kleidenoder  zu  schmücken, 


172 


Die  negerartigen  Naturvölker 


in  ihnen  gänzlich  unbeachtet  blieb,  war  der  Gewährmann 
offensichtlich  außer  Stande,  Erscheinungen,  die  etwa  auf  Fe- 
minismus beruhten,  von  denen  zu  unterscheiden,  die  nur  ein 
Ergebnis  der  Mode  waren. 


■  &"■ 


c.  Negervölker  des  zentralen  Sudan  (Nigritien) 

Päderastie,  „so  häufig  in  Asien  und  Nordafrika,"  war 
im  Sudan  1792  bis  1798,  wie  W.  G.  BROWNE  versichert, 
wenig  bekannt  oder  wurde  mindestens  weniger  ausgeübt,  eine 
Erscheinung,  welche  der  Zeuge  auf  die  minder  abhängige 
Stellung  des  Weibes  im  Sudan  zurückführt.  Vielweiberei 
herrschte  ohne  Begrenzung;  ihr  allgemeiner  Gebrauch  ver- 
hinderte, sie  als  verbrecherisch  oder  schamlos  anzusehen.442 
Für  WERNE  dagegen  ist  das  „schändliche  Laster  der  Päde- 
rastie", welches  in  Griechenland  wie  im  ganzen  Orient  über- 
haupt gleichsam  zu  Hause  sei,  selbst  ohne  alle  Scham  zum  Gegen- 
stande der  Unterhaltung  gemacht  werde,  glücklicherweise  im 
ganzen  Lande  Sudan  weder  bei  den  Eingeborenen  noch  bei 
den  arabischen  Stämmen  bekannt.  Daß  jedoch  die  Türken 
von  dem  Größten  bis  zum  Kleinsten  es  zu  verbreiten  bemüht 
seien  und  sich  ihre  Knaben  hielten,  die  man  Pust  nenne,  ver- 
stehe sich  von  selbst.443  Nicht  nur,  daß  sie  auf  ihren  Schiffen 
obszöne  Manipulationen  mit  den  Buben  vornähmen,  suchten 
sie  auch  die  Knaben  der  Eingeborenen  mit  Glaskorallen  zu 
gewinnen  und  ließen  sie  durch  die  türkischen  Soldaten  ein- 
fangen, was  natürlich  bloß  im  Scherze  geschehe.  Für  WERNE 
war  es  ein  empörender  Anblick,  besonders  wenn  er  bedachte, 
auf  welche  „gräßliche  Art  die  Moralität  dieser  Völker  von  vorn 
herein  durch  die  türkischen  Bestien  untergraben"  werde.  Was 
man  dem  Hauptmann  Selim  Agä,  dem  Russen,  in  Bezug  auf 
die  griechische  Liebe  nachsagte,  fand  WERNE  hier  zur  Genüge 
bestätigt;  da  Stander  vor  der  Kajüte  des  Selim  Kapitän  und 
faßte  einen  dort  befindlichen  eingeborenen  Knaben  auf  eine 
unanständige  Art  an.  Die  Eingeborenen  aber  standen  am 
Ufer  nahe  dabei  und  lachten,  „da  sie  die  Bedeutung  dieser 
Unanständigkeit  nicht  kannten".  Werne  befand  sich  eben- 
falls am  Lande,  wo  er  sich  einige  Holzproben  absägen  ließ,  und 
schrie  sogleich  drohend  dem  Moskowiten  zu;  dieser  aber  hörte 


Neger  173 

nicht  auf  ihn,  bis  W  e  r  n  e  ein  Stück  Holz  nahm,  um  es  dem 
Hauptmann  an  den  Kopf  zu  schleudern.  T  h  i  b  a  u  t  und 
Sabatier  hinderten  ihn  an  der  Ausführung  dieser  Absicht 
und  meinten,  man  müsse  sich  über  eine  solche  Sache  hinweg- 
setzen.444 

Nach  BARTH  sind  „unnatürliche  Laster"  in  Bornu  im 
allgemeinen  unbekannt.445  Die  Erzählung,  an  welche 
diese  Bemerkung  geknüpft  wird,  rechtfertigt  die  gemachte 
Einschränkung. 

a)  Die  K  a  n  u  r  i 
Unter  den  Bornu-Freunden  B ARTHs  waren  um  diese  Zeit 
die  „belehrendsten"  Schitima  M  akaremma  und  Amssakai. 
Der  erstere  dieser  beiden,  der  ein  Hofmann  der  alten  Dynastie 
gewesen  war  und  sein  Leben  durch  seine  Intrigen  gerettet 
hatte,  war  ein  höchst  gescheiter  alter  Mann,  aber  ein  an- 
erkannter Gauner,  dem  „unnatürliche  Laster"  zugeschrieben 
wurden,  „die  im  allgemeinen  in  diesen  Gegenden  unbekannt 
zu  sein  scheinen".  Er  war  der  einzige  mit  der  Geschichte  der 
alten  Dynastie  wohl  vertraute  Mann;  außerdem  sprach  er  die 
Kanori-(Kanuri-)  Sprache  mit  so  ausgezeichneter  Schönheit,  wie 
BARTH  es  von  niemanden  außer  ihm  gehört  hatte.  Er  besaß  zwei 
sehr  schöne  Töchter,  deren  eine  er  so  glücklich  war  mit  dem  Vezier  zu 
verheiraten,  deren  andere  mit  dessen  Gegner  '  A  b  d  e'  R  a  h  m  ä  n. 
Das  war  der  Glanzpunkt  seines  intriganten  Daseins ;  aber  bald 
darauf,  im  Dezember  1853,  ward  er  mit  dem  einen  dieser  beiden 
Schwiegersöhne,  dem  Vezier  Hadj  Beschir,  von  dem  anderen 
Schwiegersohne  hingerichtet,  und  bei  der  Teilnahme,  die  BARTH 
für  das  unglückliche  Ende  seines  Freundes,  des  Veziers,  hatte, 
tat  ihm  nichts  mehr  leid,  als  daß  er  mit  diesem  Schurken  zu- 
sammen war  hingerichtet  worden.446 

h)  D  i  e  F  u  r 
Die  .Volkstänze  der  Für  waren  nach  BROWNE  (1792 
bis  1798)  von  Männern  oder  von  Frauen  allein  oder  gemischt 
aufgeführt,  bald  feierlich,  bald  wollüstig.447  Vielweiberei  war 
unbegrenzt  und  das  Volk  artete  in  der  Befriedigung  der  Wollust 
mit  Weibern  so  völlig  aus,  daß  es  wenig  Gewicht  auf  Zurück- 


I  ~.±  Die  negerartigen  Naturvölker 

haltung    und   Schicklichkeit    legte.     Dies  hatte    das  „Gute", 
daß  „Päderastie  selten"  war.448  Sie  kam  also  deßungeachtet  vor. 

d.  Negerstänime  am  obern  Nil 

a)  Die  D  j  u  r 
SCHWEINFURTH  erzählt,  in  neuerer  Zeit  habe  sich  von 
den  ursprünglichen  Sitten  der  D  j  u  r  gar  vieles  verloren,  so 
der  Brauch  des  gegenseitigen  Anspeiens.  Früher  als  Begrüßung 
allgemein  verbreitet,  später  in  Vergessenheit  geraten,  war  der 
Gewährmann  nur  zweimal  davon  Zeuge.  In  diesen  Fällen 
drückte  das  Bespeien  den  höchsten  Grad  intimer  Zuneigung 
aus,  eine  Art  Schwur  der  Treue  und  Ergebenheit,  wie  denn 
die  Afrikaner  sich  überhaupt  in  für  den  Arier  sonderbaren 
Bräuchen  und  fremdartigem  Hokuspokus  zu  überbieten  suchen, 
wenn  einem  Freundschaftbiindnis  die  rechte  Weihe  und  ein 
feierlicher  Ausdruck  gegeben  werden  soll.450 

p)  Die  Dinka 
In  den  Augen  des  Dinka  und  der  andern  Neger  des  oberen 
Nil  wird  der  Mann  schon  durch  die  bescheidenste  Bekleidung 
zum  „Weibe";  so  werden  alle  Nubier,  die  sich  überall  „Türken" 
nennen  lassen,  von  den  Dinka  „Weiber"  geheißen.  Den  For- 
schungreisenden GEORG  SCHWEINFURTH,  den  sie  bis  auf 
Gesicht  und  Hände  stets  in  einer  Kleiderhülle  stecken  sahen, 
nannten  sie  nur  „das  Weib  des  Türken".451 

Y)  Die  S  a  n  d  e  h  (Niam-Niam)  m 
SCHWEINFURTH  berichtete  1872  über  einen  bei  den 
Niam-Niam  als  Nsanga  bezeichneten  Sängerstand.  Da  der 
Nsanga  auf  seinem  Hut  einen  ungeheuren  Busch  von  Hahnen- 
federn trägt,  die  beim  taktmäßigen  Schütteln  des  Kopfes 
mit  den  langen  Flechten  seines  Haars  zu  einem  großen  Ge- 
wirr ähnlich  dem  Medusenhaupte  zusammenschmelzen,  bildet 
er  eine  possierliche  Figur.  Mit  seinen  Stimmitteln  verfährt 
er  so  haushälterisch  als  eine  ausgediente  Primadonna;  denn 
nur  in  seiner  nächsten  Nähe  kann  man  vernehmen,  was  er 
singt.  Sein  Instrument  ist  die  nationale  Gitarre,  deren  feines 
Geklimper  vortrefflich  zu  dem  säuselnden,  näselnden  Rezita- 


Neger  175 

tiv  des  Sängers  paßt.  Das  entspricht  indessen  ganz  der 
Eigenart  des  Niam-Niam,  der  im  Gegensätze  zu  seinen  Nach- 
barn für  lärmende  Musik  keinen  Sinn  bekundet  und  dessen 
Gesangeskunst  stets  den  Charakter  eines  Liebegeflüsters  trägt. 
Das  Gewerbe  des  Nsanga  soll  ungeachtet  der  großen  Vorliebe 
des  Niam-Niam  für  musikalische  Genüsse  kein  sehr  geachtetes 
sein,  da  mit  dem  Namen  dieser  Sänger  auch  die  „unsittlich 
und  ehelos  lebenden  Weiber,  die  unter  keinem  Volke  fehlen", 
bezeichnet  werden.  Der  Gewährmann  sagt  keineswegs  mit 
nackten  Worten,  läßt  aber  deutlich  durchblicken,  daß  der 
Xsanga  nur  im  Nebenberufe  Sänger  sei,  daß  sein  Haupt - 
gewerbe  dagegen  das  der  weiblichen  Nsanga,  nämlich  die 
Prostitution,  bilde.453     So  versteht  ihn  auch  FREIMARK.453'4 

Wie  CUREAU,  Administrator  der  Kolonien,  berichtet, 
leidet  der  Stamm  der  Sandeh  stark  unter  Frauenmangel.  Die 
Häuptlinge  (Sultane)  aller  Grade  werben  fast  die  ganze  weib- 
liche Bevölkerung  für  sich  an,  um  unter  dem  Schutze  strenger 
Strafen  am  Hofe,  Mbanga,  ungeheure  Harems,  Bodimoh,  an- 
zulegen. Die  Untertanen,  die  Soldaten  und  das  Gesinde  müssen 
mit  dem  vorlieb  nehmen,  was  die  Machthaber  ihnen  übriglassen. 
Für  die  fehlenden  Frauen  träten  nun  junge  Burschen  ein,  die 
ein  Reisender  mit  einem  anständigen  Euphemismus  als  „Kriegs- 
diener" (servants  d'armes)  bezeichnet  habe.  Diese  jungen 
Burschen  finden  sich  in  den  Dörfern  (Zeribas)  *)  in  großer  Zahl. 
Sie  tragen  ihr  Haar  kunstvoll  geteilt,  die  Arme  und  den  Hals 
mit  Verzierungen  überladen,  um  die  Lenden  einen  wolligen 
Schurz;  ihr  mit  öl  eingeriebener  Körper  gewähre  einen  zier- 
lichen Anblick.  Auch  den  Soldaten  (Bazingers)  stehen  jeder- 
zeit einige  solche  besonders  abgerichtete  Burschen  zur  Ver- 
fügung, welche  ihnen  auf  ihren  Märschen  folgen  (Tafel  1). 

Diese  N dongo-tchi-la  tragen  die  Flinte  ihres  Herrn,  seine 
Hängematte  und  in  einem  kleinen  Beutel  die  Pfeife  und  die 
Feuerstöcke  nebst  einigen  Handvoll  Hirsemehl.     Im  Feldlager 


*)  Nach  GEORG  SCHWEINFURTH  (Im  Herzen  von  Afrika,  Leip- 
zig 1878  Seite  5)  sind  die  Seriba  (Zeriba)  von  Palisaden  umschlossene 
Dörfer,  zugleich  Stapelplätze  für  Elfenbein,  Munition,  Tauschwaren  und 
Lebensmittel.  Nach  PHILIPP  PAULITSCHKE  (Ethnographie  Nordost- 
Afrikas,  Berlin  1893  I  131)  sind  sie  mit  Palisaden  (Angol)  eingezäunte 
Hürden  für    300  Kamele,    seltener  für  mehr  als  diese  Zahl  von  Tieren. 


I'yö  Die  negerartigen  Naturvölker 

besorgen  sie  die  Küche,  richten  die  bescheidene  Biwak-Wirt- 
schaft ein  und  erfüllen  mit  einem  Wort  alle  Pflichten  und 
leisten  alle  Verrichtungen  der  fehlenden  Weiber.  Diese  Sitten, 
besonders  die  Ersetzung  weiblicher  Wesen  durch  junge  Männer, 
möchte  CUREAU  auf  türkischen  Einfluß  zurückführen.454  Das 
wird  kaum  erforderlich  sein.  Erklärt  er  doch  selbst,  ähnlichen 
Sitten  begegne  man,  wenngleich  nicht  stets  mit  derselben  Be- 
ständigkeit und  nicht  überall  in  ganz  derselben  Weise, 
an  verschiedenen  Orten  in  allen  Ländern  Afrikas,  in  denen 
die  Handelserfordernisse  die  Männer  einer  Karawane  oder  die 
Ruderer  auf  Monate  von  ihren  Dörfern  fernhalten.  Das  von 
CUREAU  wahrgenommene,  nur  mit  heteroerotischem  Auge 
und  unter  vollständiger  Ausschaltung  der  Naturpäderastie  ge- 
schilderte gleichgeschlechtliche  Negerleben  muß  unter  den 
Sandehs  nicht  nur  besonders  stark  entwickelt  sein,  sondern 
auch  sehr  öffentlich  hervortreten,  da  CUREAU  so  nebenher 
behaupten  kann,  es  sei  nicht  eben  eine  der  kleineren  Ursachen 
der  Entvölkerung  des  Landes  (n'est  pas  une  des  moindres  causes 
de  depeuple7nent).iMl'' 

6)  Die  Dor 
GEORG  SCHWEINFURTH  fand  um  1870  bei  wenigen 
Völkern  Zentralafrikas  den  Gebrauch  der  verschiedenartigsten 
Schmucksachen  und  Zierate  so  allgemein  wie  bei  den  erdig- 
rotbraunen  B  o  n  g  o  -  Negern,  den  Dor  der  D  i  n  k  a.  Die 
Männer  jedoch  machten  sich  nichts  aus  solchem  Tand.  Dessen- 
ungeachtet habe  man  nicht  selten  auch  Bongomänner  mit 
Schmucksachen  weibischer  Art  sich  behängen  sehen.  Einige 
trugen  die  Ohrränder  mit  Ringen  und  halbmondförmigen 
Kupferplättchen  besetzt.  Andere  steckten  wie  Weiber  in  die 
durchlöcherte  Oberlippe  einen  kupfernen  Nagel  mit  pilzförmigem 
Knopf,  hin  und  wieder  sogar  kleine  Kupferscheiben,  am 
häufigsten  Ringe  oder  ein  Stück  Strohhalm.  Andere  wieder 
schmückten  sich  mit  einer  Art  Bracelets,  bestehend  aus  einer 
Menge  von  Metallringen,  die  nebeneinander  eng  an  der  Hand 
anliegen,  so  daß  sie  eine  Art  Metall-Manschette,  Danga-Bor 
genannt,  d.  h.  „Ringe  nebeneinander",  um  den  Unterarm 
bilden.455  Ob  dieser  Geschmack  gewisser  Männer  mit  gleich- 
geschlechtlichem Leben  zusammenhängt,  erfährt  man  nicht. 


Neger  177 

Die  Nandi'j 
Über  sehr  merkwürdige,  in  ihrer  Bedeutung  leider  völlig 
ungeklärte  Vorgänge    unter  den  Nandi    weiß    HOLLIS    zu 
berichten.     In  Intervallen  von  je  7  Vi  Jahren  findet  bei  diesem 
Negerstamme  die  Beschneidung   (Tum,    Tutndo)  ihrer  10-  bis 
20-,  meist   15-  bis   19-jährigen  Burschen  statt,   durch  welche 
sie  der  Kriegerkaste  einverleibt  werden.      Je  zehn   Jünglinge 
teilt  man  zwei  älteren  Männern  (Moterenik)    zum    Aufenthalt 
in  einer  Wald-Hütte  (Menjet)  in  der  Nähe  eines  Flusses  zu; 
in  dieser  Hütte  müssen  sie  sechs  Monate  nach  der  Operation 
zubringen.     Bei  den  dort  aufzuführenden  Tänzen  (Cheptüet  und 
Aiuyet)  sind  die  Jünglinge  als  Mädchen  gekleidet,  um  nach  der 
Operation  als  Tarusiot  diese  Tracht  sogar  mit  Frauenkleidung 
(Nyorkit)   und  einem    riesigen    Kopfschmuck,   dem   Kimaran- 
guchet,   zu   vertauschen,   unter   dem   das    Gesicht   völlig   ver- 
schwindet.    Sobald  der  Jüngling  die  Frage:  ,,\Vas  ähnelt  dem 
Geräusch  der  Scheide  beim    Koitus?"    vorschriftmäßig  dahin 
beantwortet  hat:   ,,Das  leise  Rauschen,  das  über  dem  Feuer 
zischelt,"  gilt  er  als  Erwachsener.455;'61'    Bei  der  der  Beschneidimg 
der  Knaben  entsprechenden  Mädchenweihe  tragen  die  Jung- 
frauen   Männertracht    und    Keulen    in    der    Hand.453,61"      Man 
könnte  geneigt  sein,  anzunehmen,  dieses  Verfahren  bezwecke 
eine  Abscheidung  der  femininen  Knaben  und  der  virilen  Mädchen 
von  den  übrigen  normalen.     Wie  HOLLIS  ferner  angibt,  be- 
haupten die   Nandi,   die    Hyäne   (Kimaket,   Kimaketyet),  von 
A.  HARDINGE  das  lebende  Mausoleum  ihrer  Toten  genannt, 
sei  ein  Hermaphrodit.455  6\    Es  wäre  von  Interesse  zu  ermitteln, 
wie  sie  zu  dieser  Vorstellung  gekommen  sind.  Vielleicht  hängt 
sie     mit    ihrem    Glauben    zusammen,    daß    die    Hyäne    als 
heiliges  und  als  Totem-Tier  des  T  u  n  g  o  -  Clans,  des  geachtet- 
sten  Clans  unter  den  Nandi,  mit  den  Geistern  in  Verbindung 
stehe,    falls    sie    auch    diese    für     hermaphroditisch    ansehen. 
Immerhin  beweist  diese  Vorstellung,   daß   dem  Nandi  der 
Begriff   „Hermaphrodit"   kein   unbekannter   ist.      Blutbrüder- 


*)  Anhangsweise  sind  hier  noch  die  Nandi,  aus  nördlicheren  Ge- 
genden in  Britisch  Ost-Afrika  eingewanderte  Neger,  angeführt,  welche  nach 
HOLLIS  eine  Mischung  der  Nil-Neger  mit  Bantublut  sein,  ausserdem  aber 
auch  etwas  von  Zwergvölkern  (Pygmäen)  und  dazu  einen  hamitischen  Ein- 
schlag aufweisen  sollen. 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  12 


iy8  Die  negerartigen  Naturvölker 

schalt  (Palureshin)  soll  erst  seit  etwa  zehn  Jahren,  durch  die 
M  a  s  a  i  eingeführt,  bei  den  N  a  n  d  i  bestehen.455/6*1  Für 
Stutzer  (dandy)  haben  sie  das  Wort  Kipleleya.*55!6* 
Als  Verbrechen  gelten:  Mord,  Überfall,  Diebstahl,  Ehebruch, 
Blutschande,  Selbstmord,455/6f  während  von  Sodomie  keine 
Rede  ist. 

Neger  der  ostafrikanischen  Inseln 

Die  Insel  Nossi  Be 
Auf  der  kleinen  Insel  Nossi  Be  herrscht  nach  dem  Be- 
richt des  Praef.  Apost.  P.  WALTER  die  Päderastie  weniger 
als  der  Geschlechtsverkehr  der  Männer  mit  Frauen.  Nur  zu 
Ankisimane,  innerhalb  der  Jassandava-Bai,  bei  der 
Königin  B  i  n  a  o  wird  sie  eifrig  ausgeübt.  Die  Päderasten 
gehen  dort  zwar  straflos  aus,  unterliegen  aber,,  glücklicherweise" 
der  öffentlichen  Verachtung.456  Ob  es  sich  hier  um  Neger 
oder  um  Malaien  handelt,  ist  aus  der  Quelle  nicht  zu  ent- 
nehmen . 

Die  Neger  der  großen  Insel  Madagaskar 
Bei  den  auf  der  Südspitze  der  Insel  Madagaskar  an  der 
Antongil-Bai  wohnenden  Manghabei  herrschten  nach 
FLACOURT  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  sehr  lockere 
Sitten;  schon  kleine  Knaben  und  kleine  Mädchen  trieben 
Liebespiele  im  Beisein  ihrer  Eltern,  welche  darüber  lachten 
und  selbst  dazu  den  Anreiz  gaben;  bisweilen  trieben  kleine 
Buben,  ohne  Scham,  in  Gegenwart  ihrer  Eltern,  ausschweifende 
Spiele  mit  Kälbern  und  Zicken.  Die  Sklaven  in  ihrer  Mittel- 
losigkeit, die  ihnen  unmöglich  machte,  den  Mädchen  ihre 
Dienste  zu  bezahlen,  gebrauchten  zur  Befriedigung  ihrer  Be- 
gierden ohne  Strafe,  ja  ohne  Tadel,  die  Kühe  ihrer  Herrschaft. 
Auch  gab  es  einige  verweiblichte  und  als  impotent  geltende 
Männer,  welche  man  Tsecats  nannte;  diese  gebärdeten  und 
kleideten  sich  wie  Weiber  und  stellten  den  Burschen  nach; 
sie  „taten,  als  seien  sie  in  dieselben  verliebt",  und  boten  ihnen 
auch  an,  mit  ihnen  zu  schlafen;  sie  legten  sich  selber  Frauen- 
namen bei  und  spielten  die  Rolle  verschämter  und  schüchterner 
Mädchen.     Dennoch  soll  nach    demselben    Gewährmanne    bei 


Neger 


179 


den  Manghabei  Sodomie  nicht  in  Gebrauch,  ja  diesem  Stamme 
ganz  unbekannt  gewesen  sein.  Auf  seine  Erkundigungen  näm- 
lich bei  den  Tsecats  selbst,  weshalb  sie  so  lebten,  erhielt  FLA- 
COURT  die  Auskunft,  sie  widmeten  sich  dieser  Lebensführung 
seit  ihrer  Jugend,  gemäß  der  Sitte  ihres  Landes,  hätten  das 
Gelübde  der  Keuschheit  abgelegt,  und  daß  sie  die  Gesellschaft 
junger  Burschen  suchten,  gehe  weder  aus  niedrigen  Absichten 
hervor,  noch  werde  ihre  Zuneigung  von  unanständigen  Hand- 
lungen begleitet ;  dieses  alles  wurde  ihm  auch  von  seinen  Negern 
und  deren  Frauen  bestätigt;  dieselben  erklärten,  die  Tsecats 
dienten  durch  ihre  Lebensart  Gott;  sie  verabscheuten  die 
Weiber  und  wollten  ihnen  nicht  beiwohnen.457 

Was  von  dieser  Darstellung  glaubhaft  ist,  geht  aus 
dem  folgenden   deutlich  hervor. 

Nach  LASNET  ist  unter  den  Sakalavenan  der  West- 
küste Madagaskars  die  Päderastie  ziemlich  verbreitet.458  Es  gibt 
bei  ihnen  auch  normal  gebildete  Männer,  welche  sich  voll- 
kommen als  Weiber  fühlen;  schon  in  früher  Jugend  werden 
diese  ihres  zarteren  und  schwächlicheren  Aussehens  wegen  wie 
Mädchen  behandelt  und,  mit  den  Jahren  als  Frauen  angesehen, 
legen  sie  auch  deren  Kleidung  und  nehmen  deren  Charakter 
und  Gewohnheiten  an.  Große  Sorgfalt  verwenden  sie  auf  ihre 
weibliche  Tracht;  ihr  Haar  tragen  sie  lang,  in  kugelförmig 
endende  Zöpfe  geflochten;  in  ihren  Ohren  hängen  Ringe  mit 
Silberstücken;  am  linken  Nasenflügel  haftet  ein  Geldstück; 
Handgelenk  und  Fußwurzel  werden  mit  Bändern  geschmückt; 
dem  Weibe  noch  mehr  ähnlich  zu  sehen,  bilden  sie  deren  Brüste 
durch  Lappen  nach ;  alle  Behaarung  wird  sorgfältig  vom  Körper 
entfernt;  auch  der  wiegende  weibliche  Gang  und  die  weibliche 
Stimme  ist  ihnen  eigen.  Einen  Mann,  der  ihr  Gefallen  erregt, 
bezahlen  sie,  auf  daß  er  bei  ihnen  schlafe;  sie  lassen  ihn  in 
ein  mit  Fett  gefülltes  Ochsenhorn,  das  sie  zwischen  die  Beine 
klemmen,  den  Koitus  ausführen  oder  dulden  Podikation.  Ver- 
langen zum  Weibe  kennen  sie  nicht,  und  eine  durch  Weiber 
bei  ihnen  veranlaßte  Erektion  ist  ausgeschlossen.  Ihre  Be- 
schäftigung besteht  aus  leichterer  Frauenarbeit  in  Haushalt 
und  Küche,  im  Strohflechten  und  dergl.  Sie  hüten  weder 
das  Vieh,  noch  beteiligen  sie  sich  am  Kriege.    Die  Geschlechts- 

12* 


180  Die  negerartigen  Naturvölker 

natur  dieser  Männer,  welche  bei  den  Sakalaven  Sekatra 
heißen,  wird  von  jedermann  anerkannt  und  ihnen  sogar  eine 
gewisse  übernatürliche  Macht  zugeschrieben,  denn  man  fürchtet, 
ein  Sekatra  könne  ihm  zugefügte  Beleidigungen  durch  Fluch 
und  Krankheit  rächen.459 

Über  die  Bedeutung  der  Worte  Tsecats  und  Sekatra  er- 
fährt man  weder  bei  FLACOURT  noch  bei  LASNET  etwas. 
Vielleicht  sind  sie  Zusammensetzungen  von  Tseik,459*  was  saka- 
lavisch  Kind,  und  Katra,ii9b  was   ein  Spiel  bedeutet. 

Weiteres  über  die  Eingeborenen  von  Madagaskar  findet 
der  Leser  bei  den  malaiischen  Naturvölkern. 

Der  Neger  in  Nordafrika  und  im  Ausland 
Neger  in  Nordafrika 

BURCKHARDT  berichtete  1819  über  die  massenhafte 
Aufnahme  schwarzer  Soldaten  in  die  ägyptisch-türkische 
Armee.  Die  türkischen  Soldaten  kauften  in  Oberägypten 
Sklavenknaben,  zögen  sie  in  ihrem  Dienste  auf  und  kleideten 
und  bewaffneten  sie,  sobald  sie  ein  gewisses  Alter  erreicht  und 
die  türkische  Sprache  erlernt  hätten.  Sie  würden  hernach  in 
die  Kompagnie  oder  in  das  Korps  eingeschrieben,  das  ihr  Herr 
befehligt.  Dieser  Binbaschy  beziehe  von  der  Regierung  dann 
den  monatlichen  Sold  für  solche  Sklaven  so  gut  wie  für  jeden 
andern  Soldaten,  den  er  unter  seinem  Befehl  habe,  lasse  ihn 
aber  in  seine  eigene  Tasche  fließen,  so  daß  für  ihn  das  Sklaven- 
halten eine  Quelle  der  Bereicherung  sei,  da  die  Regierung 
gegen  die  Dienste  der  Schwarzen  nie  etwas  einzuwenden  habe. 
Anfangs  des  19.  Jahrhunderts  seien  jährlich  600  bis  800  Sklaven 
von  den  türkischen  Offizieren  in  Ägypten  erworben  worden.460 
Wenn  BURCKHARDT  ganz  allgemein  behauptet,  diese  schwar- 
zen Sklaven  wären  von  den  Türken  „mißhandelt"  worden,461 
so  kann  das  ohne  wesentliche  Einschränkungen  der  Wahrheit 
kaum  entsprechen  oder  es  müßte  anders  zu  verstehen  sein. 
Denn  wohl  dürften  bei  der  weltbekannten  leichten  Hinneigung 
des  Türken  zur  Päderastie  die  jugendlichen  Schwarzen  ihren 
Offizieren  zu  erotischen  Zwecken  haben  dienen  müssen. 

OSKAR  LENZ  traf  um  1880  als  eine  ,, schlimme  Unsitte" 
das    Halten    „verschnittener    Negerburschen"    in    mehr    oder 


Neger  181 

minder  großer  Zahl  zu  päderastischen  Zwecken  in  aller  Öffentlich- 
keit bei  höhern  Beamten  462  und  bei  Großen  463  Marokkos. 
Diese  wählten  ihre  Buben  gewöhnlich  unter  den  Kindern  ihrer 
eigenen  , .Sklaven"  aus  den  B  a  m  b  a  r  a  ländern  des  Sudan. 
Die  Sklaverei  sei  aber  nur  ein  Dienstverhältnis,  von  schlechter 
Behandlung  der  „Sklaven"  bekäme  man  nie  etwas  zu  hören 
oder  zu  sehen.464 

Neger    in    Amerika 

Im  spanischen  Amerika  führen  die  Neger  nicht 
die  Bezeichnung  Negro,  sondern  heißen  Pretos,  die  Negerinnen 
Pretas.™  VON  ESCHWEGE  teilt  mit,  zu  Ende  des  18.  und 
Anfangs  des  19.  Jahrhunderts  seien  infolge  der  außerordent- 
lichen Abnahme  der  Goldgewinnung  weit  weniger  Pretos  in 
Minas  Geraes  eingeführt  worden.  Da  man  „schlechterdings 
nicht  darauf  sah  und  bedacht  war",  die  schwarzen  Sklaven  zum 
Zwecke  der  Fortpflanzung  zu  verheiraten,  so  seien  sie  größten- 
teils den  „schändlichsten  Lastern"  ergeben  gewesen.  Die  Anzahl 
der  Weiber  habe  in  gar  keinem  Verhältnisse  zu  der  der  Männer 
gestanden  und  statt  daß  die  Bevölkerung  in  dem  aufblühenden 
Staate  gewachsen  wäre,  habe  sie  sich  wesentlich  durch 
Abnahme  der  Neger  vermindert.466  Am  Beginne  des  19.  Jahr- 
hunderts ergaben  sich  in  Rio  de  Janeiro  nach  AUG.  DE  SAINT- 
HILAIRE  die  Pretos  gar  zu  häufig  verweichlichendem  Müßig- 
gange und  der  Landstreicherei.467  Dessenungeachtet  besteht 
für  ihn  kein  Zweifel,  daß  die  afrikanische  Rasse  in  Brasilien 
sich  vervollkommne,  die  kaukasische  dagegen  sich  verschlech- 
tere.468 Ähnlich  hebt  JOEST  wiederholt  hervor,  wie  die  Busch- 
neger in  der  neuen  Welt  sich  vermehren,  während  deren  Ein- 
geborene, die  Indianer,  aussterben.236 

JACOBUS  X  .  .  .  meint,  bei  den  südamerikani- 
schenNegern  wären  Weiber  heute  so  leicht  zu  erlangen,  daß 
das  von  ihm  behauptete  Fehlen  der  Päderastie  bei  der  Neger- 
rasse eigentlich  gar  nicht  verwunderlich  sei.  Er  scheint  demnach 
einzig  Weibermangel  als  Ursache  der  Päderastie  zu  kennen. 
Seiner  Behandlung  unterzogen  sich  nur  zwei  nach  erduldeter 
„unnatürlicher  Kopulation"  erkrankte  Mannspersonen.  Ein 
junger  Mulatte,  der  an  Gonorrhoea  litt,  verweigerte  über  die 


182  Die  negerartigen  Naturvölker 

Person  und  die  gesellschaftliche  Stellung  seines  Liebhabers  jeg- 
liche Auskunft.  Ein  15J ähriger  Negerbube  hatte  seiner  Mutter, 
einer  Weißwäscherin,  eingeredet,  ein  Ziegenbock  sei  ihm 
nachgelaufen  und  habe  ihn  mit  seinen  Hörnern  in  den  Hintern 
gestoßen.  Der  Arzt  fand  Verletzung  und  Entzündung  des 
Afters  vor.  Auf  seine  Androhung,  den  Patienten  nicht  eher 
heilen  zu  wollen,  als  bis  er  die  ganze  Wahrheit  bekannt  habe, 
gestand  der  Eingeschüchterte  alles  ein,  was  der  Arzt  von  ihm 
zu  wissen  verlangte.  Ein  Araber,  der  einen  Kleinhandel  mit 
Branntwein  und  Likören  betrieb,  hätte  ihn,  da  er  nicht 
zahlen  wollte  oder  konnte,  betrunken  gemacht  und  dann  ge- 
schlechtlich gebraucht.  Die  Verletzung  des  Burschen  sei  die  natür- 
liche Folge  des  großen  Mißverhältnisses  im  Umfange  der  benutz- 
ten Körperteile  gewesen.  Da  der  After  des  Knaben  eine  sehr 
deutliche  Trichterbildung  (Infundibulum)  aufwies,  sei  er  aber 
zweifellos  bereits  daran  gewöhnt  gewesen,  sich  podizieren  zu 
lassen.  Diese  beiden  Fälle  sind  die  einzigen,  die  der  Arzt 
JACOBUS  X  .  .  .  während  eines  dreijährigen  Aufenthalts 
in  Französisch-Guiana  kennen  lernte.469  Wie  sich 
nun  mit  diesen  Fällen  seine  Erklärung  reimt,  Europäer  oder 
andere  Fremde  könnten  die  „Päderastie"  nicht  nach  den  An- 
tillen und  nach  Französisch-Guiana  verschleppen,  weil  die 
Schwarzen  dieser  Länder  solche  „Laster"  verabscheuten,470  ist 
nicht  leicht  zu  verstehen,  da  der  eine  Podizierte  überhaupt  nicht, 
der  andere  nur  durch  Drohung  zum  Verrat  an  seinem  Lieb- 
haber zu  bewegen  war. 

Von  den  Negern  auf  den  westindischen  Inseln 
erzählt  PAUL  ERDMANN  ISERT,  1788— 1790,  eine  ihrer 
größten  Leidenschaften  sei  das  Tanzen,  worin  sie  Meister  wären. 
Der  Tanz  an  sich  aber  sei  es  doch  nicht,  was  ihnen  den  meisten 
Zeitvertreib  verschaffe;  sondern  sie  setzten  ihr  größtes  Ver- 
gnügen darein,  allerhand  unzüchtige  Stellungen  einzunehmen 
und  geile  Bewegungen  auszuführen.  Dabei  würde  der  Takt 
sehr  genau  beobachtet,  denn  die  Neger  hätten  ein  feines  Gehör.471 

Die  Leidenschaft  der  Neger  für  den  Tanz  auch  in  Amerika 
hatte  schon  1698  der  Pater  LABAT  wahrgenommen  und  fest- 
gestellt, daß  sie  ihm  in  der  neuen  Heimat  ebenso  sehr  huldigten 
als  in  ihrer  afrikanischen    Urheimat.     Er  meint  sogar,  es  gebe 


Neger  183 

kein  Volk  auf  Erden,  dem  er  so  sehr  Hauptleidenschaft  sei, 
als  dem  Neger.472 

Beobachtungen  desselben  Paters  aus  dem  Jahre  1698  auf 
Martinique  zeigten  ihm,  daß  die  dortigen  Neger  schon 
in  früher  Kindheit  Dinge  trieben,  die  erst  geschlechtsreif en 
Leuten  zuständen.  Er  überraschte  dort  Neger-Knaben  und 
-Mädchen,  von  denen  die  ältesten  kaum  neun  Jahre  zählen 
konnten,  unter  Bananenbäumen  in  Ausübung  geschlechtlicher 
Akte;  seine  christliche  Liebe  übergab  die  kleinen  Übeltäter  der 
Köchin  des  Hauses,  um  sie  tüchtig  auspeitschen  zu  lassen.473 

LYDSTON,  ein  Arzt  in  Chicago,  berichtete  mehrfach 
über  einen  mit  Hypospadie  behafteten  „hermaphroditischen" 
Halbneger  (Mulatten)  aus  seiner  Nachbarschaft.  Eine  Gonor- 
rhoea-Epidemie  unter  den  Jünglingen  der  Gegend  zwang  ihn 
als  Arzt,  die  Quelle  der  ansteckenden  Krankheit  zu  ermitteln 
und  er  fand  sie  bald  in  dem  hypospadischen  Neger.  Dieser, 
von  Gewerbe  Koch,  lockte  „gewohnheitmäßig"  junge  Männer 
an,  um  erotische  Beziehungen  mit  ihnen  anzuknüpfen.  LYD- 
STON kombinierte,  der  Neger  habe  sich  eine  schwere  Gonorrhoea 
bei  einem  Weibe  geholt,  sich  dann  passiv  von  den  jungen 
Leuten  im  Alter  von  10 — 17  Jahren,  die  alle  in  der  Nachbar- 
schaft des  Hauses  wohnten,  in  dem  er  sein  Gewerbe  betrieb, 
gebrauchen  lassen,  und  so  diese,  von  denen  mehrere  in  LYD- 
STONs  Behandlung  kamen,  angesteckt.474 

Der  Herausgeber  der  bedeutendsten  medizinischen  Zeit- 
schrift Nordamerikas,  des  ,, Alienist  and  Neurologist", 
C.  H.  HUGHES,  gab  in  seinem  Blatte  1893  nach  einer  glaub- 
würdigen Quelle  bekannt,  daß  in  der  Stadt  Washington,  D.  C, 
eine  Jahres- Versammlung  männlicher  Neger  abgehalten  würde, 
welche  ,,drag  dance"  (Phallus-Tanz)  heiße.  Es  sei  eine  Orgie 
wollüstigster  Ausschweifung,  die  zu  schildern  die  Feder  zu 
schwach  sich  erweise.  Ein  ähnlicher  Verband  sei  nach  zu- 
verlässiger Angabe  kurz  vorher  in  der  Stadt  New- York  durch 
die  Polizei  unterdrückt  worden. 

Bei  dieser  „düsteren  Aufführung  geschlechtlicher  Um- 
kehrung" erscheinen  angeblich  alle  männlichen  Teilnehmer 
wollüstig  in  weibliche  Tracht  gekleidet,  mit  kurzenÄrmeln  und  am 
Halse  tief  ausgeschnittener  Bluse,  mit  den  üblichen  Ballsaal- 


ißt  Die  negerartigen  Naturvölker 

Verzierungen  und  Schmucksachen  der  Weiber,  mit  ieder-  und 
bändergeschmückter  Kopfbedeckung,  mit  Strumpfbändern, 
Hemdkrausen,  Blumen,  Handkrausen  u.  dergleichen.  Auch  be- 
nehmen sie  sich  ganz  wie  Weiber.  Stehend  oder  auf  einem 
Untergestell  sitzend,  indessen  für  jeden  Teilnehmer  erreichbar, 
ist  die  völlig  nackte  „Königin",  ein  Mann,  zugegen.  Sein 
mit  einem  Bande  verziertes  Phallusglied  wird  dem  ,, Anstarren 
und  Betasten"  aller  Mitglieder  dieser  „lüderlichen  Bande  sexuell 
Verkehrter  und  Phallus-Hurer"  der  Reihe  nach  ausgesetzt. 

Unter  denen,  die  alljährlich  zu  dieser  „unglaublich  un- 
züchtigen" Handlung  sich  versammeln,  befinden  sich  Köche, 
Friseure,  Aufwärter  und  andere  Angestellte  Washingtoner 
Familien,  sogar  einige  auf  der  gesellschaftlichen  Stufenleiter 
höher  gestellte  Personen,  die  bei  einer  Regierungbehörde 
untergeordnete  Stellungen  bekleiden.475 

Bei  diesen  zweifellos  ziemlich  naturgetreu  wiedergegebenen 
Vorgängen  handelt  es  sich  wohl  um  nichts  anderes  als  um  ein 
alljährlich  zu  gleicher  Zeit  wiederkehrendes  Stiftungfest 
eines  Bundes  oder  mehrerer  Verbände  von  ausgesprochenen  Na- 
turpäderasten  und  deren  Mitläufern. 


II. 

Die  malaiischen  Naturvölker 

Die  Malaien  im  engern  Sinne 

Die  malaiischen  Knaben  sollen  sehr  anstellig  sein  und 
besonders  als  Hausdiener  sich  vortrefflich  eignen.1  Der  Malaie 
besitzt  einen  stark  ausgeprägten  Wollusttrieb.  Gesellt  sich 
Gewinntrieb  hinzu  oder  liegt  große  Armut  vor,  so  stellt  sich 
die  Prostitution  ein,  die  häufig  ist  und  oft  sogar  von  den  Eltern 
des  Gewinnes  halber  gefördert  wird.2 

Der  französische  Arzt  JACOBUS  X  .  .  .  stellt  die  männ- 
lichen Geschlechtsorgane  des  Malaien  mit  denen  der  Annamiten 
in  Formbildung,  Farbe  und  Ausbildung  ziemlich  auf  gleiche 
Stufe.  Demnach  würde  ihre  volle  Entwicklung  kaum  vor 
dem  20.  Lebensjahr  erreicht.  Die  Vorhaut  des  jungen  Bur- 
schen, der  mit  14  bis  15  Jahren  geschlechtsreif  sei,  wäre  von 
Mittellänge  und  bilde  daher  auch  nicht  ein  der  Eichel  vor- 
gelagertes Kissen,  wie  es  für  die  afrikanischen  Negerrassen 
charakteristisch  sei.  Der  Präputialring  sei  gewöhnlich  eng, 
erweitere  sich  durch  Masturbation  und  gestatte  dann  das  freie 
Austreten  der  Eichel.3  Die  Geschlechtsteile  des  erwachsenen 
Mannes  seien  nur  mäßig  ausgebildet,  jedoch  stärker  als  bei 
den  Annamiten,4  so  daß  der  Malaie  fraglos  männlicher  als  der 
Annamit  erscheine.8 

WAITZ  stellte  1865  die  allgemeine  Behauptung  hin,  den 
Malaien  seien  geschlechtliche  „Ausschweifungen"  fremd.6  Es 
mag  ihm  dabei  die  Angabe  des  alten  CRAWFURD  vorgeschwebt 
haben,  wonach  für  das  bei  den  Persern,  bei  den  Hindus  und 
ganz  besonders  bei  den  Chinesen,  die  sich  selbst  für  die  fort- 
geschrittensten Nationen  Asiens  hielten,  vorgeblich  so  häufige, 


186  Die  malaiischen  Naturvölker 

„verabscheuungwürdige  und  unnatürliche  Laster"  bei  den 
Inselbewohnern  des  indischen  Archipels  nicht  einmal  ein  Name 
vorhanden  sei,  ja,  ihre  Gewohnheiten  in  dieser  Hinsicht  voll- 
kommen rein  und  tadellos  seien.  Und  selbstverständlich  hätten 
alle  diese  harmlosen  Völker  keine  Gesetze  gegen  Verbrechen, 
welche  von  ihnen  gar  nicht  begangen  würden.7  In  dieser 
Erklärung  ist  nur  das  völlige  Fehlen  malaiischer  Gesetze 
gegen  gleichgeschlechtliche  Betätigung  richtig,  alles  übrige  da- 
gegen grundfalsch  und  wahrscheinlich  dem  Monographen  nur 
von  dem  Widerwillen  gegen  diese  Art  Geschlechtsnatur  und 
von  der  Überschätzung  der  Tugendboldigkeit  seiner  Lieblinge, 
der  Malaien,  eingegeben  worden;  jedenfalls  bleibt  auffällig,  daß 
jeglicher  Hinweis  auf  die  angeführte  Stelle  im  Index  des  großen 
CRAWFURDschen  Werkes  vergeblich  gesucht  wird.8  Es  liegt 
hier  der  seltene,  beachtenswerte  Fall  vor,  daß  einmal  ein 
älterer  Schriftsteller  vollkommen  versagt,  während  sonst 
gerade  umgekehrt  die  Alten  Tatsachen  mitzuteilen  lieben, 
welche  von  den  Neueren,  gewiß  nicht  aus  Wahrheitdrang, 
unterdrückt  und,  wenn  schon  mitgeteilt,  gern  entstellt  werden. 
In  der  Tat  scheint  eine  malaiische  Gesetzgebung,  die  einen 
sodomitischen  Paragraphen  enthielte,  überhaupt  niemals  existiert 
zu  haben. 9  Was  aber  das  Vorkommen  gleichgeschlechtlicher  Akte 
unter  Malaien  angeht,  ist  nach  A.  B.  MEYER  verbreiteter  noch 
als  die  Perforation  des  Penis  bei  den  Völkern  des  ostindischen 
Archipels  die  Päderastie.  Von  Java  sei  sie  bekannt;  von 
Borneo  sei  vielfältig,  u.  a.  von  SCHWANER,  davon  berichtet; 
im  Süden  von  Celebes  und  auf  den  Philippinischen  Inseln  hörte 
MEYER  selber  davon.  Wie  weit  diese  „Verirrung"  auf  den 
Philippinen  ursprünglich  sei,  will  er  nicht  beurteilen;  im  Süden 
von  Celebes  wäre  sie  keinesfalls  von  Europäern  eingeführt 
worden.10 

JACOBS  hat  um  1880  Päderastie  bei  den  Baliern  in 
starker  Übung  getroffen;  nur  auf  Lombok  sei  sie  streng  be- 
straft worden;11  sie  fehlte  also  auch  hier  nicht.  Und  nach 
WILKEN  1889  tritt  sie  im  ganzen  indischen  Archipel  noch 
allgemeiner  in  Erscheinung  als  Tribadie;  ausdrücklich  gibt  er 
sie  an  für  die  B  a  1  i  n  e  s  e  n  ,  D  a  j  a  k  s  (O  1  o  -  N  g  a  d  j  u)  , 
die  Philippiner,  die  Maduresen  und  die  A  t  j  e  h  s.12 


Malaien  im  engern  Sinne  187 

In  der  hier  benutzten  Literatur  wird  einzig  und  allein  für  die 
Eingeborenen  von  Sungei  Ujong  auf  Malakka  sogar  die  „Neigung 
zu  Verbrechen  und  geschlechtlicher  Lasterhaftigkeit"  durchaus 
und  allgemein  in  Abrede  gestellt.13 

Die  Behandlung,  welche  die  Päderastie  der  Malaien  durch 
einige  europäische,  insbesondere  holländische  Autoren  erfuhr, 
ist  eine  so  eingehende,  eine  so  intime  und  ungeachtet  des  viel- 
fach erkennbaren  Widerstrebens  gegen  den  nach  arischen  Be- 
griffen abstossenden  Gegenstand  so  liebevolle,  daß  sie  in  starkem 
Gegensatz  zu  der  der  Neger  steht.  Sie  macht  dadurch  eine 
allgemeine  Schilderung  des  malaiischen  Wesens  an  dieser  Stelle 
vollkommen  entbehrlich. 

Die  Urbewohner  der  malaiischen  Halbinsel  (Malakka) 

Für  „Hermaphroditen"  hat  der  Malaie  nach  RAFFLES 
zwei  Bezeichnungen:  Banchi  und  Wandu ;14  nach  VON  DE 
WALL  zwei  andere :  Mati-poetjoekh  für  die  den  Weibern  gegen- 
über unvermögenden  Männer,  welche  sich  deshalb  auch  als 
Frauen  kleiden,  und  Kedie  für  die,  welche  wirklich  doppelten 
Geschlechtes  sind.15  Als  Bezeichnung  für  die  geschlechtlich 
unvermögenden  männlichen  Personen  geben  SKEAT  und 
BLAGDEN  Lakebus  (l'kbus)   an.16 

Nach  KLINKERT  (1869)  wäre  Kedi  ein  Mann  oder  eine 
Frau,  die  sich  so  kleiden  und  so  gebärden,  als  ob  sie  zum  andern 
Geschlecht  gehörten:  Weibmann,  Mannweib.161 

Das  „Mannwijf"  „im  unzüchtigen  Sinn"  heißt  auf 
Malaiisch  nach  VAN  EYSINGA  (1855)  Bantji  und  Päpaq  oder 
Roebiä  ;17  die  beiden  ersten  Bezeichnungen  gelten  auch  für  den 
„Hermaphroditen"  ;18  ferner  ist  in  Gebrauch  das  arabische  Wort 
Chontza  19  (nach  VAN  DER  BERG  chonthä,  nach  VAN  DER 
TUUK  choentza  geschrieben).20  Der  „Sodomit"  heißt  malaiisch 
nach  VAN  EYSINGA  Djindiq;  doch  wird  auch  die  javanische 
Bezeichnung  Orang  pälat  und  die  arabische  Orang  lawwäth  an- 
gewendet.21 Sodomie  heißt  malaiisch  nach  VAN  EYSINGA 
Pälat(?)  oder  (arabisch)  liwäth  und  lawäthat.22  Nächtliche  Pol- 
lution ist  auf  malaiisch  nach  VAN  DER  TUUK   Ihthiläm.23 

Nach  VAN  DER  TUUK  entsprechen  den  Gandrungs  oder 
Lustknaben  der  Balinesen  die  P antun  der  Malaien;  „sie  sind 
sehr  unkeusch".24 


188  Die  malaiischen  Naturvölker 

Podikation  heißt  auf  malaiisch:  Main  pantat.25  Pantat 
ist  Podex,26  nia'in  oder  main  bedeutet  spielen.263 

Das  alles  sind  zwar  nur  Bezeichnungen,  aber,  nament- 
lich bei  einem    Naturvolk,    gewiß    nicht    ohne    großen  Wert. 

In  der  Landschaft  Queda  (Quedah,  Keida)  auf  der  West- 
küste der  Halbinsel  Malakka  waren  die  Malaien  um  1785  nach 
HAENSELs  Schilderung  im  äußersten  Maße  den  „schlimmsten 
Wollüsten"  ergeben  und  zeigten  bei  Befriedigung  ihrer  Leiden- 
schaften kein  Schamgefühl.  Und  bei  allen  ihren  „Lastern"  ge- 
fielen sie  sich  darin,  sich  zu  brüsten,  als  hätten  sie  den  rich- 
tigen Glauben.27 

KNOCKER  schildert  auf  Grund  langjähriger  Erfahrung 
und  engster  Berührung  die  malaiischen  Urbewohner  von 
Sungei  Ujong  als  von  streng  moralischem  Lebens- 
wandel, derart,  daß  sie  weder  Ehebruch  noch  Ehescheidung 
kennen,  jeder  Mann  nur  ein  Weib  habe,  auch  dann,  wenn  er 
deren  zwei  oder  drei  ernähren  könne,  und  daß  sie  offenbar 
nicht  einmal  Neigung  zur  Unzucht  in  irgend  einer  Form  be- 
sitzen.13 SKEAT  hatte  aber  schon  früher  dargelegt,  wie 
malaiischen  Dichtern  in  ihren  Liebegesängen  wenigstens  der 
Sinn  für  männliche  Schönheit  keineswegs  abgeht,  wenn  auch 
die  poetischen  Vergleiche  dem  Europäer  höchst  sonderbar  vor- 
kommen mögen.  In  diesen  Liebe liedern  wird  nämlich  der 
malaiische  Ganymedes  gerühmt  als  Träger  einer  Stimme 
gleich  der  des  Propheten  David;  eines  Antlitzes  gleich  dem 
des  Propheten  Joseph;  einer  Zunge  sich  ringelnd  gleich 
einer  brandenden  Woge  oder  einer  magischen  Schlange;  einer 
Zahnreihe  gleich  einer  Herde  (schwarzer)  Elephanten;  eines 
Lippenpaares  gleich  einer  Prozession  von  Ameisen.28  Die 
poetische  Literatur  der  Urmalaien  verdiente  dieser  Sonder- 
barkeit ungeachtet  auf  diesen  Punkt  hin  eine  eingehende 
und  wohlwollende  Untersuchung. 

Im  Recht  der  Urstämme  von  Malakka  wird  nach  KOHLER 
ein  Verbot  der  Päderastie  nirgends  angetroffen.29 

Die  malaiischen  Urbewobner  der  Sunda-Inselu 

Wenn  es  nach  MARSDEN  ginge,  wären  die  verschiedenen 
Arten  der  „schrecklichen  und  ekelerregenden  Verbrechen",  die 


Malaien  im  engern  Sinne  189 

man  mit  Nachdruck  als  „widernatürlich"  bezeichne,  bis  1783 
auf  Sumatra  vollständig  unbekannt  gewesen;  auch  hätte  keine 
der  dortigen  Sprachen  Ausdrücke  für  derartige  Begriffe.30  Was 
von  diesen  Behauptungen  wie  von  derartigen  allgemeinen  Fest- 
stellungen überhaupt  zu  halten  ist,  dürfte  die  nachfolgende 
Darstellung  hinreichend  aufklären. 

Die  Lampong  (Südostsumatra) 
Unter  den  Lampong  auf  Südost- Sumatra  gibt  es  „Herma- 
phroditen", welche  nach  RAFFLES  Bläding'an  heißen.31 

Die  Atchinesen  (Atjehers.  Atjehs) 
Wie  KRUYT  um  1875  schildert,  herrschte  in  Atjeh  an 
der  Nordostküste  Sumatras  die  größte  „Unsittlichkeit",  unter 
den  Hochgestellten  ebenso  arg.  wenn  nicht  noch  ärger,  als  unter 
den  Niederen.  Man  könne  den  Frauenmangel  eigentlich  eher 
als  eine  Folge,  denn  als  Ursache  dafür  ansehen.  Die  schamlose 
Offenherzigkeit,  mit  der  die  Atchinesen  unter  einander  und 
selbst  Fremden  gegenüber  dieser  Sittenlosigkeit  Geltung  ver- 
schafften, ließ  KRUYT  vermuten,  daß  sie  in  Atjeh  „Bürgerrecht" 
erlangt  habe.  Knaben  im  Alter  von  9  bis  12  Jahren,  wahr- 
scheinlich meist  von  Nias  eingeführt,  hübsch  in  Seide  gekleidet, 
mit  goldenen  und  silbernen  Arm-  und  Fuß-Bändern  geziert, 
erheiterten  die  Männerwelt  am  Abend  und  während  der  Nacht 
durch  Gesang  und  Tanz.  Es  sind  die  Sedattis.  Den  meisten 
Oberhäuptern  gehörten  einige  dieser  Sedattis  als  persönliches 
Eigentum,  sie  lieferten  aber  gewöhnlich  ein  paar  davon  an  die 
Bevölkerung  ihrer  abgelegenen  Pfefferpflanzungen  zu  deren 
Vergnügen.32  In  der  Regel  kehrte  der  größte  Teil  der  Pflanzer, 
vor  allem  die  vornehmsten,  jedes  Jahr  nach  Ablauf  des  Pfeffer- 
pflückens  mit  dem  verdienten  Gelde  nach  ihren  Wohn- 
plätzen zu  den  daheimgelassenen  Frauen  und  Kindern  zurück. 
Nur  ein  kleiner  Teil  niederer  Leute  bliebe  zur  Bewachung  der 
Weiden  und  Gärten  auf  den  Pflanzungen  und  ergäbe  sich, 
ohne  Frauen,  mit  den  jungen  von  den  Oberhäuptern  eigens 
zu  diesem  Zweck  ihnen  geschenkten  Tanzknaben,  den  Sedattis, 
der  „rohesten  und  unnatürlichsten  Unsittlichkeit".33  Diese 
Schilderung  legt  die  Vermutung  nahe,  daß  nur  solche  Männer  auf 


190 


Die  malaiischen  Naturvölker 


den  Pfefferpflanzungen  sich  zurückhalten  ließen,  welche  der 
Frauen  nicht  bedurften,  sondern  den  Umgang  mit  diesen 
Knaben   liebten,  d.  h.  Naturpäderasten. 

Nach  JACOBS  kommt  wechselseitige  Masturbation  unter 
den  jungen  Atchinesen  verschiedenen  Geschlechts  auf  der 
gemeinsamen  Schlafstelle  (Peratha)  schon  vor,  wenn  an  ein 
Eindringen  des  Penis  (Deboh)  noch  lange  nicht  zu  denken  ist.34 
Kommt  es  dann  zum  Koitus  und  beklagt  sich  das  Mädchen 
am  nächsten  Morgen,  so  erteilt  eine  weise  Frau  (Bidan)  die  nötige 
Aufklärung.35  Gegenseitige  Masturbation  bei  Tag  und  Nacht 
bleibt  dann  auch  nach  der  Heirat  im  Atjehschen  Familienleben 
bestehen,  so  daß  durchschnittlich  vier  Kinder  von  einer  Mutter 
die  höchste  Zahl,  fünf  bis  sieben  aber  sehr  selten  sind.36  Dessen- 
ungeachtet spricht  JACOBS  als  Kenner  des  Atjehschen  Volkes 
aus  eigener  Anschauung  die  Überzeugung  aus,  daß  die  euro- 
päische Gesellschaft  unendlich  viel  mehr  zynische  Unsittlichkeit 
in  allen  Teilen  des  Volkes  aufweise  als  die  Atjehs;  daß  Ehebruch 
und  Jungfernschändung  bei  den  Atjehs  zwar  auch  vorkämen, 
jedoch  eine  geringere  Ausbreitung  hätten  und  durch  die  herr- 
schenden Gesetze  viel  strenger  geahndet  würden  als  in  der 
europäischen  so  hochgepriesenen  gebildeten  Gesellschaft.  Das 
sei  wieder  einmal  die  Geschichte  vom  Splitter  und  Balken.  Die 
Schriftsteller,  welche  die  Atjehs  als  ein  besonders  unmorali- 
sches Volk  verschrien,  hätten  entweder  nur  nach  dem  täu- 
schenden Scheine  geurteilt  oder  ihre  Auskünfte  aus  einer  den 
Atjehs  feindlichen  Quelle  geschöpft,  etwa  von  den  dort  lebenden 
Arabern  oder  Malaien,  die  mit  den  Großen  im  Lande  heulten, 
den  einfachen  Mann  aber  haßten  und  verabscheuten,  weil  er 
den  Vorschriften  des  Gottesdienstes  nur  teilweise  nachkomme. 
Gerade  in  Hinsicht  des  sexuellen  Lebens  habe  er  unter  den 
verschiedenen  Völkern  Indiens  keines  kennen  gelernt,  das  höher 
stände  als  die  Atjehs.37 

Man  sage  nun,  kein  Atjehscher  Vornehmer  zeige  sich  im 
Volke,  ohne  von  einer  Rotte  ,, Schandjungen"  umgeben  zu 
sein,  je  höher  er  im  Range  stehe,  von  desto  mehr.  Kein  Fest 
endige  ohne  Orgien  und  Bacchanalien  der  anstößigsten  Art, 
selbst  die  Grabstätten  ihrer  Heiligen  seien  Treffpunkte  des 
Auswurfs  der  Atjehschen  Gesellschaft,  in  der  Trinkgelage  und 


Malaien  im  engem  Sinne  jpi 

perverse  Liebesauftritte  Kette  und  Einschlag  wären.38  Ja, 
ein  Atjehsches  Oberhaupt  (Bijo),  das  sich  amtlich  auf  Reisen 
befinde,  lasse  sich  von  einem  halben  oder  ganzen  Dutzend 
Schandjungen  begleiten,  welche  durch  die  Vornehmen  für  ihre 
perversen  Lüste  angeworben  würden.  Auch  erblicke  man  darin 
durchaus  kein  Übel,  da  man  sich  öffentlich  und  am  lichten 
Tage  mit  ihnen  sehen  lassen  dürfe.39  JACOBS  sucht  die  Päde- 
rastie, die  stets  aufs  Tapet  gebracht  würde,  um  die  Unsittlichkeit 
des  Atjehschen  Volkes  zu  beweisen,  und  die  ja  nach  einigen 
Berichterstattern  erstaunlich  stark  im  Schwange  sein  soll,  auf 
ihren  wahren  Umfang  zurückzuführen.  Wie  er  aber  seinen 
Gegnern  das  Prädikat  „Stubenethnologen"  beilegt,  kann  er 
selbst  nicht  ganz  von  dem  Vorwurf  freigesprochen  werden,  in 
der  Reinigung  seiner  Atjehs  etwas  zu  weit  gegangen  und  etwas 
zu  summarisch  verfahren  zu  sein. 

Die  als  Schandjungen  bezeichneten  Sedati  (Sadati)  sind 
nach  JACOBS  Burschen,  welche  hier  und  da  des  Abends  in 
den  Kampongs  vor  den  Versammelten  einige  kleine  Stücke 
(Pantoens)  vortragen  und  dazu  sogenannte  Tänze,  die  eigent- 
lich nur  Verrenkungen  ihrer  Glieder  sind,  aufführen.  Von 
solchen  Sedatis  unterhalte  fast  jeder  Kampong  einen  oder  zwei. 
Im  Kampong  gelten  sie  als  Eigentum  der  Vereinigung  einiger 
Kampong-Bewohner,  einer  Kongsie.  Die  Kongsie  bestreite 
die  verschiedenen  Ausgaben  für  den  Unterricht  und  die  meist 
prächtige  Ausstattung  der  Knaben,  ziehe  dafür  aber  auch  sämt- 
liche Einnahmen  ein.39 

Wenn  nun  z.  B.  ein  Oeleebalang  dem  Gouvernementshause 
oder  einem  anderen  Oeleebalang  einen  amtlichen  Besuch  ab- 
stattet, mietet  der  Besuchte  eine  Anzahl  solcher  Sedati  von  ver- 
schiedenen Kongsies  zu  diesem  Anlaß.  Die  Knaben  erscheinen  in 
ihre  besten  Gewänder  gekleidet,  nicht  als  eine  Art  Pagen  in 
Mädchenkleidern,  wie  man  behaupte.  Sobald  solch  ein  Sedati 
Neigung  zu  perversen  sexuellen  Handlungen  zeigen  sollte,  höre 
er  auf,  Sedati  zu  sein  und  werde  entfernt.40 

Um  seine  Leser  von  der  Richtigkeit  seiner  Ansichten  zu 
überzeugen,  führt  JACOBS  einen  seiner  Atjehschen  Bericht- 
erstatter, einen  schlichten  Mann  aus  dem  Volke,  redend  ein. 


192 


Die  malaiischen  Naturvölker 


Ich  weiß  nicht,  läßt  er  ihn  sagen,  wie  Sie  über 
dergleichen  Dinge  denken;  doch  kann  ich  Sie  wohl  versichern, 
daß  ich  für  mich  davor  Ekel  habe.  Außerdem  ist  es  doch 
wohl  auffallend,  daß  ich  unter  meinen  Bekannten  noch  nie 
jemanden  angetroffen  habe,  der  zu  derlei  unnatürlichen 
Verrichtungen  neigte.  Ich  sollte  denken,  daß  dies  in 
jemandes  Natur  liegen  muß,  daß  man  da,  wo  Frauen  ge- 
nügend vorhanden  sind  und  man  also  auf  natürliche  Weise 
seinen  Geschlechtstrieb  befriedigen  kann,  nur  dann  sich 
dem  gleichen  Geschlecht  zuwendet,  wenn  man  dazu  eine 
krankhafte  Anlage  besitzt. 

Daß  solche  Personen  in  Atjeh  vorkommen  mögen,  mag 
ich  nicht  leugnen;  ich  könnte  Ihnen  sogar  ein  paar 
namhaft  machen,  von  denen  solches  heute  zum  mindesten 
erzählt  wird.  Aber  kommen  die  in  andern  Ländern,  etwa 
in  den  Niederlanden,  nicht  auch  vor?  Ich  stelle  mir  vor, 
daß  der  Mann  da,  wo  er  auf  natürliche  Art  seinem  Geschlechts- 
triebe genügen  kann,  unmöglich  seine  Zuflucht  zu  männ- 
lichen Wesen  zu  nehmen  nötig  hat,  es  sei  denn,  er  wäre 
gemütskrank;  und  es  sollte  mich  wundern,  wenn  solch 
eine  Abirrung  hier  mehr  als  anderswo  vorkäme.40 

Auch  nach  JACOBS  kommen  in  Atjeh  unzweifelhaft 
Personen  beiderlei  Geschlechts  mit  ,, perverser"  Geschlechts- 
neigung vor,  ebenso  wie  man  solche  überall  außerhalb  Atjeh 
antreffe.  Die  Atjehschen  Strafrichter  aber  hätten  dagegen 
nicht  solch  scharfe  Strafbestimmungen  wie  in  der  europäi- 
schen Gesellschaft  —  was  sehr  richtig  sei.  In  dem  Teile  von 
Groß- Atjeh,  welcher  innerhalb  der  niederländischen  Gründung 
liegt,  sei  ihre  Anzahl  aber  sicher  nicht  größer  als  überall  anders. 
Eben  weil  diese  Beschuldigung  so  oft  und  zuweilen  von  scheinbar 
Befugten  ausgesprochen  wäre,  habe  er  eine  möglichst  gewissen- 
hafte Untersuchung  darüber  angestellt  und  sei  zu  dem  Schlüsse 
gekommen,  daß  die  Beschuldigung  zum  mindesten  für  den  Teil 
von  Atjeh,  den  er  zum  Gegenstande  seiner  Forschungen  gemacht 
habe,  ganz  und  gar  unrichtig  sei.  Der  Ursprung  von  derlei 
Märchen  sei  schon  wieder  bei  den  im  Lande  hausenden  Arabern 
und  Fremdmalaien  zu  suchen.  Einen  dieser  letztern,  der  schon 
seit  sieben  Jahren  in  Atjeh  unter  Atjehern  lebe,  deren  Sprache 


Malaien  im  engern  Sinne  Iqo 

vollständig  beherrsche  und  Schreiberarbeit  im  Bureau  des 
Magistrats  von  Oleh-leh  verrichte,  habe  er  einmal  über  diesen 
Gegenstand  ausgefragt.  Und  er  habe  unmittelbar  zur  Antwort 
erhalten,  daß  nichts  wahrer  wäre  als  diese  Gerüchte.  Er 
selbst  wisse  es  natürlich  auch  wieder  nur  vom  Hörensagen: 
ein  Sedati  sei  an  sich  ein  Anek  miel,  ein  Bursche,  der  durch 
seinen  Besitzer  angeblich  für  das  Sedati-Spiel,  in  Wirklichkeit 
jedoch  für  dessen  perverse  Liebhabereien  gehalten  werde. 
Der  Eigner  des  einzigen  innerhalb  besagten  Gebietes  zur 
Zeit  existierenden  Sedati  sei  denn  auch,  so  habe  der  Malaie  er- 
zählt, hinreichend  dafür  bekannt.  Von  diesem  wirklich  einzigen 
im  Gebiete  noch  gehaltenen  Sedati  hat  nun  JACOBS  ermittelt, 
daß  er  sich  im  Kampong  Emperoen  bei  Belang  befand.  Der  Eig- 
ner des  Burschen,  der  diesen  auch  beherbergte,  war  der  Tekoe 
Panglima  Mesdjid  Raja.  Er  war  nicht  nur  ver- 
heiratet, sondern  besaß  sogar  zwei  Frauen  und  von  einer  zwei 
Kinder.  Weitere  Kommentare  zu  den  Erklärungen  des  Malaien 
scheinen  JACOBS  gänzlich  überflüssig  zu  sein!41  Aber  hier 
läßt  sich  JACOBS  auf  einem  Widerspruch  mit  einer  früheren 
Erörterung,  die  ihn  sein  übertriebener  Reinigungeifer  offenbar 
vergessen  machte,  ertappen.  Hatte  er  doch  festgestellt,  selbst 
Personen  mit  perverser  Geschlechtsneigung  sollten  sich  in 
Atjeh,  besonders  in  den  höheren  Ständen,  doch  eine  Frau  an- 
schaffen, die  dann  freilich  meist  schon  bald  wegen  Nicht- 
erfüllung der  sexuellen  Verpflichtungen  des  Ehemannes  Klage 
auf  Ehescheidung  stelle,  es  sei  denn,  man  gewähre  ihr  einige 
Freiheiten  und  verstehe  es,  sie  durch  Geschenke  für  sich  zu 
erhalten.42 

Schließlich  ist  JACOBS  gerecht  genug,  sich  seinen  Wider- 
sachern auf  einige  Schritte  zu  nähern.  Ob  die  Päderastie  in 
den  höher  gelegenen  Teilen  von  Atjeh  und,  wie  man  behaupte, 
an  der  WTest-  und  Ostküste,  nicht  doch  mehr  hervortrete,  ent- 
ziehe sich  vorderhand  seinem  Urteil.  Es  sei  in  der  Tat  nicht 
unwahrscheinlich,  daß  während  der  Pfefferernte,  wenn  große 
Züge  von  Männern  aus  allen  Orten  von  Atjeh  zusammen- 
strömten, um  einige  Monate  hindurch  als  Pfefferpflücker  tätig 
zu  sein,  die  Päderasten  aus  allen  Gegenden  ebenfalls  dorthin 
zögen  und  einander  dort  ein  Stelldichein  gäben,  weil  sich  ihnen 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  13 


i94 


Die  malaiischen  Naturvölker 


dort  die  beste  Gelegenheit  böte,  neue  Bekanntschaften  an- 
zuknüpfen und  ihren  abnormen  Geschlechtstrieb  in  ausgiebigster 
Weise  zu  befriedigen.  Dieses  sei  jedoch  vorläufig  eine  Ver- 
mutung und  müsse  in  jedem  Falle  noch  durch  eine  Unter- 
suchung an  Ort  und  Stelle  nachgewiesen  werden.  Da  diese  For- 
schung jedoch  zur  Zeit  noch  außerhalb  seines  Planes  liege, 
beschränke  er  sich  auf  die  Erklärung,  daß  es  in  dem  von  ihm 
erforschten  Teile  von  Groß-Atjeh  mit  der  Päderastie  nicht 
schlimmer  stehe  als  in  jedem  anderen,  auch  europäischen 
Gemeinwesen.43 

Der  Unterschied  in  der  Auffassung  von  den  Sedati  besteht 
also  wesentlich  darin,  daß  sie  nach  KRUYT  eine  den  Knaben- 
liebhabern eigens  dienende  Kaste  als  Mädchen  gekleideter 
Knaben  bilden,  während  JACOBS  zwar  sowohl  ihre  weibliche 
Kleidung  wie  auch  ihren  Liebedienst  als  eigentliches  Gewerbe, 
nicht  jedoch  ihre  gelegentliche  Hingabe  an  Päderasten  be- 
streitet. Die  Wirklichkeit  dürfte  wohl  bald  dem  einen,  bald 
dem  andern  Gewährmanne  Recht  geben. 

Von  JACOBS  liegt  aber  noch  eine  weitere  Angabe  vor. 
Zu  den  seltenen  Personen,  die  wegen  angeborener  oder  später 
erworbener  Leibesgebrechen  zur  Fortpflanzung  ganz  und  gar 
ungeeignet  sind,  rechnet  er  auch  die  „Hermaphroditen".44 
Hermaphroditismus  (Oelaja)  soll,  wie  man  ihm  sagte,  vereinzelt 
in  Groß-Atjeh  vorkommen.  Im  Kampong  Poenge  (Moekim 
Missigit  raja),  bei  Kota  Radja,  habe  ein  „Hermaphrodit"  ge- 
wohnt, der  in  Frauenkleidern  einherging  und  unverheiratet  war. 
Die  Person  sei  wenigstens  von  jedem  Atjeh  für  Oelaja  gehalten 
worden.     JACOBS  selbst  hat  sie  nie  zu  sehen  bekommen.45 

Die  Batta  (B  attaer,  Battake  r) 
Über  das  Sexualleben  der  Battaer  (Battaker)  auf 
Sumatra  teilt  JUNGHUHN  46  mit,  sie  hätten  ein  Gesetz, 
welches  Ehebrecher  ohne  Gnade  verurteile,  aufgegessen  zu 
werden,  während  sonst  von  allen  übrigen,  selbst  den  schwersten 
Vergehen  Loskaufbarkeit  möglich  sei;  dieses  Gesetz  habe  eine 
große  Keuschheit  der  Weiber  in  den  Battaländern  zur  Folge, 
so  daß  JUNGHUHN  versichern  zu  können  behauptet,  ihre 
Keuschheit  komme  beinahe  der  der  Nonnen  gleich  und  leite 


Malaien  im   engern  Sinne  ig; 

sich  davon  ab,  daß  die  Weiber  niemals  in  Versuchung  kämen. 
Das  genannte  strenge  Gesetz  gegen  Ehebrecher  erscheine  auf- 
fallend bei  einem  Volke,  das  sonst  gerade  nicht  als  Muster 
der  Moralität  dastehe,  indem  das  „Laster  der  Sodomie"  all- 
gemein verbreitet  sei  und  nicht  bestraft  werde.  Dessen- 
ungeachtet soll  der  Battaer  nach  JUNGHUHN  4T  ..ohne  be- 
deutende Wollust"  sein,  womit  wieder  nicht  recht  die  Angabe 
stimmen  will,  daß  die  Battaer  ihre  Särge  und  nachher  ihre 
Gräber  mit  unkeuschen  Holzstatuen,  die  sich  hauptsächlich 
durch  ihre  unverhältnismäßig  großen  Genitalien  auszeichneten, 
verzierten,  —  eine  Eigentümlichkeit,  von  der  sich  bei  den 
J  a  v  a  n  e  n  keine  Spur  finde.4* 

Den  Batta  fehlt,  wie  der  Missionar  KÖDDING  darlegte, 
ein  eigentlicher  Priester  stand,  doch  könne  man  den  Datu 
(Zauberer,  Arz-t)  als  Priester  gelten  lassen,  insofern  er  in  den 
meisten  Fällen  bestimme,  ob,  wann,  wo  oder  wem  zuerst  ge- 
opfert werden  solle  oder  müsse,  und  in  allen  Fällen  die 
ganze  Opferhandlung  leite.  Zum  Datu  werde  ein  Mann  mehr 
durch  Studium  als  durch  freie  Wahl.  Neben  dem  Datu  gebe 
es  noch  zwei  Arten  von  Medien:  Die  Sibaso  als  Medien  für 
himmlische  Geister,  denen  Schwein,  Hund  u.  a.  unrein  seien, 
und  Hasiaran  oder  Hasandaran  als  Medien  für  irdische  Geister. 
Bei  fast  allen  Opfern  werden  die  Geister  befragt  und  fast  alle 
Opfer,  die  im  Hause  auf  einem  Querbalken,  im  Freien  auf 
einem  Gerüst  aus  Bambusstäben,  Langgatan,  niedergelegt 
werden,  sind  mit  Paukenmusik  verbunden.49  Dieses  sei  hier 
erwähnt  unter  Hinweis  auf  die  Möglichkeit,  der  Datu  bei  den 
Battas  mit  seinen  Medien,  den  Sibaso  und  Hasiaran,  könnte  etwas 
dem  Basir  der  Dajaken  und  dem  Bissu  der  Bugis  Analoges 
darstellen.  Scheint  doch  schon  nicht  ohne  Bedeutung,  daß 
die  Sibasos,  die  Schamanen  der  Battas,  „meist  sensible  Personen" 
sind,50  ähnlich  entsprechenden  Personen  auf  den  Inseln  Buru, 
Leti,  Moa  und  Lakor,  die  von  RIEDEL  sogar  als  „neu- 
ropathisch"  bezeichnet  werden.51  Auch  berichtet  neuerdings 
WARNECK,  der  Tanz  (Tortor)  stehe  bei  den  Batta  durchaus 
im  Dienst  des  Kultus.5-'  Durch  den  Mission-Inspektor  WAR- 
NECK erfährt  man  auch,  daß  die  unverheirateten  jungen 
Männer  zusammen  in  der  Reisscheune  schlafen,53  daß  in  Sprich- 

13* 


ig6  Die  malaiischen  Naturvölker 

Wörtern  (Umpama)  schöne  moralische  Regeln  niedergelegt  sind 
und  daß  die  Sitte  den  Ehebruch,  den  Diebstahl,  die  Willkür, 
den  Meineid  und  die  Unhöflichkeit  verbietet.54 

Für  „Sodomie  treiben"  haben  die  Battaker  im  Tobasch- 
Dialekt  nach  VAN  DER  TUUK  „verblümte"  Bezeichnungen. 
So  lautet  eine  Redensart:  Jemandem  einen  Durijan-Kern  in 
den  Hintern  stecken,  um  ihn  wachzuhalten,  wenn  er  auf 
Wache  bei  den  Durijan-Bäumen*)  Kamerad  geworden  ist.54,5 

Von  einem  Verbot  mannmännlicher  Geschlechtsakte  ist 
nirgends  die  Rede. 

Die  Minangkabau 
KOHLERs     Studie   über   das   Recht   der   Minangkabau 
auf  Sumatra  war  nicht  in  der  Lage,  über  kriminalistische  Ver- 
folgung von  Päderasten  auch  nur  das  Geringste  zu  berichten.55 

Die  Dajaks  (Dajacken,  Olo  Ngadju)56 
Im  allgemeinen  zeichnen  sich  die  Olo  Ngadju  oder 
Dajaks  (Daj  acken)  durch  Stärke  und  Regelmäßigkeit  des 
Körperbaues  aus.  Ihre  Physiognomie  erinnert  an  die  kau- 
kasische Rasse.57  Dieser  „wilde"  Stamm  auf  Borneo  58  stellt 
ein  sehr  geselliges  Volk  dar.  Der  Dajak  liebt  nichts  mehr 
als  seine  Familie  um  sich  zu  haben.  Großväter  rauben  ihre 
Großkinder;  und  auch  während  der  schweren  Arbeit  der  Ernte- 
zeit, die  nur  den  ganz  Alten  zu  Hause  zu  bleiben  gestattet, 
verlangen  diese,  von  lustigen  Gruppen  Jugendlicher  umringt 
zu  sein.59 

Die  Dajaks  sind  außerordentlich  tätige  Händler  und 
lernen  schnell  den  Wert  der  Münze  schätzen.  Sie  sollen  scharf- 
sinniger sein  als  andere  Malaien,  so  daß  sie  von  den  Chinesen  schon 
nach  einjährigem  Verkehr  sich  nicht  mehr  betrügen  lassen.60 
Die  Dajaks  gehören  zu  den  malaiischen  Stämmen,  welche 
von  den  Kulturströmungen  unberührt  blieben,  die  vor  etwa 
15  Jahrhunderten  von  Indien  ausgingen.  Sie  entbehren 
daher    gleich    all    diesen    einer     Schrift,    deren    sich    ihnen 


*)  Ein  in  Süd-Tenasserim  wild  wachsender  Baum,  Durio  zibethinus 
Murr ,  der  Doerian  bom  der  Holländer.  Das  Fleisch  seiner  nach  der 
Zibethkatze  genannten  Frucht  soll  einen  äußerst  strengen  Geruch  haben, 
aber  so  köstlich  schmecken,  wie  sonst  nichts  auf  der  Welt. 


Malaien  im  engem   Sinne  107 

nahe  verwandte  Stämme,  wie  die  Javanen,  Balis, 
Bugis,  Makasaren,  Tagalas,  Bisayas,  Battas,  Redjangs 
und  Lampongs  bedienen.  Sie  ermangeln  so  eines  Mittels, 
das  es  diesen  Stämmen  erleichterte,  sich  über  das  Ni- 
veau von  Naturvölkern  mehr  oder  weniger  zu  erheben. 
Gleichwohl  werden  die  Äußerungen  ihres  geistigen  Lebens  für 
durchaus  nicht  gering  befunden.  In  ihren  Rätseln,  Sprich- 
wörtern (Sewul)  und  Gleichnissen  (Tanding  oder  Tindong)  be- 
tätige sich  Mutterwitz  und  feinste  Beobachtungsgabe.61  Sehr 
reich  muß  die  Dajak-Sprache  sein.  Allein  für  den  Begriff 
„Freund"  hat  sie  drei  Bezeichnungen:  befreundete  dajakische 
Männer  nennen  einander  Ulae ;  seinen  malaiischen  Freund 
bezeichnet  man  mit  den  Worten  Urai  oder  Urai  unda,  seinen 
chinesischen  Freund  mit  Tangkai.62 

Schon  1846  hat  HUPE  hervorgehoben,  daß  bei  den 
Dajaks  auf  Borneo  die  Päderastie  „allgemein"  sei.  Indem  die 
Dajaks  sich  „unnatürlichen  Sünden"  hingeben,  tun  sie  aber 
diesem  Gewährmanne  zufolge  nichts,  was  über  die  gewohnten 
Grenzen  des  Heidentums  hinausgeht.  Nur  daran  nahm  HUPE 
Anstoß,  daß  sie  solchen  „schamlosen  Menschen"  noch  eine 
besondere  Achtung  bekunden;  und  das  mache  sie  zu  „wahren 
Sklaven  des  Satans".63  Eine  geschlossene  und  hochgeehrte 
Päderastengesellschaft  bilden  nämlich  die  Basire  (Bazire, 
Bassire).6*  Gewisse  Männer  schließen  sich  gewöhnlich  den 
Bliangs  oder  Priesterinnen  an,  kleiden  sich  wie  diese  und  bilden 
mit  ihren  kräftigeren  Stimmen  einen  Sängerchor.  Das  sind 
auf  Borneo  die  sogenannten  Babassirs  oder  „Verschnittenen" 
(Kastraten,  Eunuchen).  HUPE  zeigt  sich  besonders  darüber 
verwundert,  daß  die  Bliangs,  deren  Stand  ein  hohes  Alter  auf- 
weise, durch  diesen  Anschluß  so  gar  nichts  von  ihrem  Ansehen 
verloren  hätten,  ja  sogar  beinahe  als  heilig  verehrt  würden; 
er  findet  aber  diesen  Anschluß  für  „Teufelsdiener"  sehr  folge- 
recht, da  sie  ihr  ganzes  Leben  dem  „Fürsten  der  Hölle" 
gewidmet  hätten.  Ihre  Entscheidung  gelte  einfach  als  Gottes- 
wort; sie  würden  überall  um  Rat  gefragt  und  dienten  haupt- 
sächlich als  Ärzte  in  allen  Krankheiten.  Kennen  sie  doch  alle 
Geheimnisse,  haben  sie  doch  alle  Zaubermittel  in  ihrer  Gewalt 
und  vermögen  sie  doch  die  Lebenszeit  eines  jeden  zu  bestimmen; 


ig8  Die  malaiischen  Naturvölker 

bei  jeder  Krankheit  wissen  sie  voraus,  ob  sie  tödlich  oder  heilbar 
ist,  und  durch  Zauberei  können  sie  ihre  Feinde  auch  aus  weiter 
Entfernung  krank  werden  oder  sterben  lassen.  Zu  ihren  vor- 
nehmsten Beschäftigungen  gehören  nach  HUPE  ihre  ärztliche 
Praxis  und  das  Reinigen  der  Wohnungen  vom  Sial,  d.  i.  von 
allem,  was  Übel  und  Unheil  bringt.65  Im  Stromgebiet  des 
Barito  auf  Borneo  sind  die  Bazire  nach  SCHWANER  (1853) 
Männer,  welche  die  Gunst  der  Götter  ebenso  genießen  wie 
die  Bilians  (Priesterinnen).  Sie  lassen  sich  von  den  Männern 
zu  gleichartigem  Zwecke  wie  die  Bilians  gebrauchen.  Trotz 
dieses  „abscheulichen  Berufes"  entgehen  sie  der  wohlverdienten 
Verachtung.66  Mit  unverschämtem  Gesichtsausdruck  sehe  man 
den  Bazir  in  festlichen  Zusammenkünften  beim  Oberhaupt 
der  Bilians  den  Gesang  leiten.  Sie  würden  besser  bezahlt  als 
die  Bilians 67  und  ihre  Zahl  müsse  in  frühem  Jahren  viel 
größer,  die  der  Bilians  dagegen  erheblich  geringer  gewesen  sein. 
Bilians  und  Bazire  treffe  man  nur  bei  den  Ngadju  von  Poeloe 
Petak  (Pulopetak)  sowie  längs  Mittel-  und  Nieder-Kapoeas ;  in 
den  Gegenden  des  Barito- Stromes  ausschließlich  Bazire,  welche 
die  Kunst  verständen,  mittelst  Singsangs  Kranke  zu  heilen  und 
das  Verlangen  der  Menschen  nach  den  Göttern  diesen  kundzu- 
geben und  als  Vermittler  zu  dienen.  In  den  höher  gelegenen 
Gebieten  der  Kapoeng  Moeroeng,  bei  den  Ot  Danom,  unter- 
zögen sich  die  Frauen  der  Reichen  diesen  heiligen  Geschäften.68 
SCHWANER  hebt  als  eine  seltene  und  ganz  besondere 
Ausnahme  im  Stande  der  Bazire  hervor,  daß  bei  einer  ihm 
zu  Ehren  veranstalteten  Festlichkeit  in  Tampang  ein  Bazir, 
der  mit  sechs  Bilians  den  Gewährmann  verherrlichende  Lobes- 
lieder zu  Gehör  brachte,  sich  nicht  der  „unnatürlichen  Liebe" 
ergab,  vielmehr  alle  seine  Habe  den  Gunstbeweisen  der  Bilians 
zum  Opfer  brachte.  Er  war  nur  wie  eine  Bilian  gekleidet, 
schlug  aber  den  Katampang  und  war  Vorsänger.69  HARDE- 
LAND  versicherte  1859,  Basir  nenne  man  in  Kahaian  sowohl 
die  Männer  (Basir  hatuä)  als  die  Frauen  (Basir  bawi),  „welche 
aus  Zauberei  und  zugleich  aus  Unzucht  ein  Gewerbe  machen".70 
In  Pulopetak  nenne  man  nur  solche  Männer  Basire ,  die  Weiber 
Bilians.  Die  Basire  seien  als  Weiber  gekleidet;  sie  würden 
bei  Götzenfesten  und  zu  sodomitischen  ,, Greueln"  gebraucht; 


Malaien  im  engern  Sinne 


199 


manche  seien  förmlich  an  andere  Männer  verheiratet.  Die- 
jenigen, welche  nur  als  Zauberer,  nicht  auch  als  Sodomiten 
fungierten,  nenne  man  basir  totok,  Mondbasire.  Die  Basirc 
würden  sehr  gesucht  und  noch  teurer  bezahlt  als  die  Bilians, 
da  man  vermeine,  daß  ihre  Zaubersprüche  u.  dergl.  mehr 
Wirkung  hätten.71  Basir  bedeute:  unfruchtbar,  babasir  oder 
basibasir :  wie  ein  Basir,  wie  ein  Weib  (in  Kleidung,  Betragen), 
schwach,  faul,  feige.72 

Äußerst  wertvolles  Material  zur  Beurteilung  der  Päderastie 
bei  den  Dajaks  brachte  1870  der  Leutnant  und  Zivil-Befehls- 
haber PERELAER.  Bassir  ist  danach  ein  männlicher  Bilian 
und  der  eigentliche  Oberpriester  der  Dajaks.  Sein  Lohn  für 
Ausübung  eines  Priesteramtes  beträgt  /  2.50;  eine  Oepoh, 
die  älteste  Bilian,  erhält  nur  /  1.25  und  jede  andere  Bilian 
f  0.75.  Indessen  bildet  die  Ausübung  ihres  Priesteramtes 
weder  für  die  Bilians  noch  für  die  Bassire  das  einzige  Mittel 
zum  Gelderwerb.  Die  Bilians  in  den  Hinterlanden  sind  zu- 
gleich öffentliche  Frauen  und  die  Bassire  machen  durch  die 
ganzen  Dajaklande  hin  einen  Beruf  aus  den  „Greueln,  die  das 
Feuer  des  Himmels  auf  Sodom  herniederregnen  ließen".  Ja,  in 
Mittel-Kahajan  gibt  es  Bassire,  welche  völlig  gesetzmäßig  mit 
einem  Manne  verheiratet  sind  und  als  Weib  sein  Bett  teilen. 
Diese  „Greuel"  haben  für  die  Dajaks  ab- 
solut nichts  Widernatürliches.  Die  gleich- 
geschlechtliche „Unzucht"  wird  bei  ihnen  in  allen  Ständen 
unter  beiden  Geschlechtern  angetroffen  und  der  Dajak  er- 
blickt darin  so  wenig  Verbrecherisches,  daß,  wenn  ein  Ober- 
priester gefragt  wird,  welchen  Beruf  oder  welches  Handwerk 
er  ausübe,  er  mit  einem  „unbeschreiblich  gemeinen  Lachen" 
erwidert:  „ich  bin  Bassir" .™  Diese  „verbrecherische"  Gewohn- 
heit sei  in  den  Sitten  der  Dajaks  so  tief  eingewurzelt,  daß  man 
ruhig  annehmen  könne,  es  gebe  nur  sehr  wenig  Männer,  welche 
sich  ihrer  nicht  schuldig  gemacht  hätten.  Und  diese  „greuliche 
Sittenlosigkeit"  könne  neben  dem  „koppensnellen"  getrost  als 
eine  der  vornehmsten  Ursachen  der  Entvölkerung  oder  besser 
der  geringen  Bevölkerung  von  Borneo  bezeichnet  werden. 
Man  könne  tagelang  die  großen  und  kleinen  Ströme  in  den 
dajakischen  Distrikten  hinunter  und  hinaufrudern,  ohne  eine 


200  Die  malaiischen  Naturvölker 

Hütte  zu  erblicken,  ja  ohne  selbst  die  Spur  eines  menschlichen 
Wesens  zu  gewahren.  Und  doch  lasse  sich  der  Dajak  vorzugs- 
weise an  den  Ufern  der  Ströme  nieder.  In  den  malaiischen 
Distrikten,  in  denen  ein  solcher  Grad  von  Unzucht  nicht  herrsche, 
werde  das  Gegenteil  wahrgenommen,  indem  man  daselbst  ent- 
schieden Übervölkerung  verspüren  könne.  Für  die  Bassire 
gilt  die  Päderastie  als  etwas  so  durchaus  Selbstverständliches, 
daß  in  den  Midden-Kapoeas  Bassire,  welche  sich  auf  Ausübung 
ihres  Priester amts  beschränken,  als  Mondbassire  (Bassir  totok) 
bezeichnet  werden.  Obwohl  die  Bassire  und  die  Büians 
durchweg  geehrt  sind  und  eine  ihnen  zugefügte  Beleidigung 
mit  doppelter  Buße  gestraft  wird,  sieht  dennoch  niemand 
gern  eines  seiner  eigenen  Kinder  Bassir  oder  Bilian  werden. 
Und  die  meisten  zwischen  Eltern  und  Kindern  vorkommenden 
Meinungverschiedenheiten  entspringen  daraus,  daß  diese 
Bilian  oder  Bassir  werden,  jene  solches  aber  nicht  zugeben 
wollen.74  Durchweg  sind  die  Büians  ziemlich  freie  und  meist 
sehr  junge  Frauen,  obschon  unter  ihnen  auch  abscheuliche  und 
zahnlose  „Biester"  angetroffen  werden.  Gewöhnlich  wählt 
man  hübsche  Mädchen  und  schlanke  Jungen  von  10  bis  12  Jahren 
dazu  aus.  Zuerst  wird  ihnen  das  Singen  und  das  Trommel- 
schlagen beigebracht.  Sobald  sie  darin  einigermaßen  Übung 
erlangt  haben,  begleiten  sie  die  Bilians  auf  das  erste  Fest. 
Aber  von  diesem  Augenblick  an  sind  sie  auch,  sowohl  Mädels 
als  Jungens,  jeder  „Unzucht",  jedem  „Greuel"  preisgegeben. 
Nicht  selten  auch  gibt  ein  Kind,  natürlich  durch  andere  dazu 
aufgestachelt,  vielleicht  bereits  zu  der  „abscheulichen  Unzucht" 
verführt,  seinen  Eltern  bekannt,  daß  es  Bilian  oder  Bassir 
werden  wolle.  Hat  es  dann  das  Alter  von  16  Jahren  erreicht, 
so  können  die  Eltern  nach  dem  dajakischen  Recht  (Adat)  sich 
nicht  dagegen  auflehnen.75 

Die  Kleidung  der  Bassire  gleicht  in  allen  Teilen  der  der 
Büians,  nur  fehlt  ihnen  das  Kopftuch.  Auch  im  Privatleben 
gehen  sie  in  Frauenkleidung  und  tragen,  gleich  Frauen,  das 
Haar  in  der  Mitte  der  Stirn  gescheitelt.75 

Die  Päderastie  der  Dajaks  liegt  tief  in  ihrem  Wesen  be- 
gründet und  kommt  auch  in  ihrer  Mythologie  zum  Ausdruck. 
Nicht  nur  wimmelt  es  in  ihren  elysäischen  Gefilden,  den  Kawah- 


Malaien  im   engern  Sinne  201 

wohan-boelau ,  von  Bassiren  und  Bilians,  sondern  auch  ihre 
Menschenentstehungsage  bezeugt  das.  Neben  Mahatara 
verehrt  der  Dajak  als  dessen  wichtigste  Handlanger  die 
Sanggiangs,  gutartige  und  hilfbereite  Wesen;  von  beiderlei 
Geschlecht  haben  sie  in  früheren  Zeiten  auf  Erden  gelebt. 
Ihre  Entstehung  sowie  die  der  Menschen  geschah  nach  den 
Dajaks  auf  folgende  Weise: 

Lange  nachdem  er  das  Weltall  geschaffen,  schuf  Maha- 
tara nicht  etwa  einen  Mann  und  eine  Frau,  vielmehr  zwei 
Jünglinge,  Sambaja  Sangir  und  Sambaja  Sang- 
g  i  a  n  g  ,  welche  viele  Jahre  in  größter  Eintracht  und  unter 
größten  Genüssen  mit  einander  verlebten.  Als  sie  einmal  in 
einem  klaren  See  zusammen  badeten,  entdeckten  sie  zwei 
Stücke  Eisen,  von  denen  eins  auf  der  Oberfläche  des  Wassers 
trieb,  das  andere  auf  dem  Grunde  lag.  Beide  griffen  nach 
den  Eisenstücken.  Der,  dem  das  treibende  Eisen  zufiel,  ward 
Stammvater  der  Sanggiangs;  der  andere,  der  das  gesunkene 
Stück  Eisen  erwarb,  wurde  zum  Stammvater  der  Menschen. 
Beide  Jünglinge  heirateten ;  woher  indessen  ihre  Frauen  kamen, 
verrät  die  Legende  nicht.  Da  aber  die  Frauen  schon  bald  mit 
einander  nicht  eins  werden  konnten  und  auch  weil  die  beiden 
Jünglinge,  aufgestachelt  durch  ihre  Frauen,  öfters  gegen- 
einander gerieten,  entstand  Zwist.  Und  dieser  Zwist 
pflanzte  sich  unter  ihren  Nachkommen  fort.  Man  fing  an, 
aus  dem  gefundenen  Eisen  Waffen  herzustellen,  und  es  kam 
schließlich  zu  einem  hitzigen  Kampf,  in  dem  auf  beiden 
Seiten  viele  getötet  wurden.  Aber  obschon  die  Sanggiangs 
viel  mächtiger  und  stärker  waren,  hatten  sie  dennoch  einen 
empfindlichen  Nachteil,  da  die  Menschen,  welche  sie  mit  ihren 
aus  dem  treibenden  Eisen  hergestellten  Waffen  töteten,  einige 
Stunden  später  wieder  auflebten  und  vollen  Anteil  an  dem 
Kampfe  nahmen.  Sobald  die  Sanggiangs  dies  bemerkten,  be- 
eilten sie  sich,  Frieden  zu  schließen.  Da  jedoch  die  Ratgeber 
beider  Parteien  erkannten,  daß  ein  Friede  nur  von  kurzer 
Dauer  sein  würde  und  trotz  erfolgter  Versöhnung  die 
Sanggiangs  ausgerottet  werden  sollten,  faßten  diese  den  Ent- 
schluß, die  Erde  zu  verlassen  und  nach  dem  Poelau  oder  Lewoe 
Sanggiang    (Sanggiang-Eiland),   einer   Insel  im   Wolkenmeere, 


202  Die  malaiischen  Naturvölker 

auszuziehen.  In  ihre  neue  Insel-Heimat  aber  führten  die 
Sanggiangs  eine  Menge  Basire  (Bassire)  mit.76 

Während  die  im  obigen  wiedergegebenen  Darstellungen 
mehrerer  Gewährmänner  den  Eindruck  erwecken,  die  Basire 
der  Dajaks  seien  gleichgeschlechtlich  empfindende  Männer  von 
Naturveranlagung  und  vorzugsweise  solche  Personen  wählten 
den  Basirberuf,  verwahrt  sich  der  Arzt  VAN  BRERO  aus- 
drücklich gegen  eine  Identifizierung  des  Basirtums  mit  der 
„konträren  Sexualempfindung".  Bei  den  Dajaks  stehe  das 
gleichgeschlechtliche  Leben  in  innigster  Beziehung  mit  dem 
religiösen  ..Schamanismus",  dessen  Name  aus  Sibirien  stamme. 
Und  wie  die  weiblichen  Schamanen  Prostituierte  seien,  so 
würden  die  männlichen  Basire  mit  Männern  verheiratet  und  be- 
nähmen sich  wie  Weiber,  nachdem  sie  eine  „Geschlechtsver- 
änderung" angenommen  hätten  —  eine  Verallgemeinerung,  die 
in  diesem  Umfang  zweifellos  nicht  zutreffen  dürfte  und  vielleicht 
überhaupt  eine  willkürliche  Auffassung  ist.  VAN  BRERO  findet 
die  Analogie  dieser  Erscheinung  in  dem  Wahn  der  Geschlechts- 
veränderung bei  Irren.  Durch  Opfern  von  Weihrauch,  monotone 
Tänze,  Gesang  und  Musik  würden  dafür  empfängliche  Personen 
in  Ekstase  versetzt  und  prophezeiten  in  diesem  Zustande  gött- 
liche Offenbarungen.  Der  Übergang  zur  Ekstase  sei  bisweilen 
von  Nervenzufällen,  Singen,  Schreien,  sichauf  dem  Boden  Wälzen, 
Tanzen  und  Springen  mit  verdrehten  Gesichtszügen  begleitet,  bis 
oftmals  Bewußtlosigkeit  eintrete.  Man  habe  es  hier  mit  denselben 
hypnotischen  Zuständen  zu  tun,  entstanden  aus  Suggestion 
von  seiten  der  Umgebung  und  seiner  selber,  welche  im  16.  und 
17.  Jahrhundert  wiederholt  und  epidemisch  in  Europa  an- 
getroffen wurden.77  VAN  BREROs  zum  mindestens  einseitige 
Auffassung  des  Basirtums  ignoriert  aber  vollständig  die  wahren 
Unterlagen  homoerotischen  Empfindens,  die  ihm  wahrscheinlich, 
wenn  überhaupt,  nur  theoretisch  bekannt  geworden  sind. 

In  ganz  ähnlicher  Weise  geschieht  das  von  denjenigen  Ge- 
währmännern, welche  den  Manang  bali  der  See-Dajaks 
charakterisiert  haben.  Am  natürlichsten,  aber  auch  mit 
äußerster  Dürftigkeit  schilderte  ihn  bereits  1862  SPENSER 
ST.  JOHN:  Obwohl  diese  Priester  ohne  Zweifel  Männer 
seien,     wollten    doch    einige    durchaus    als     Weiber     gelten, 


Malaien  im   engern  Sinne  203 

oder  kleideten  sich  vielmehr  als  solche  und  ließen  sich  als 
Weiber  behandeln.  In  Lingga  hätte  aber  von  30  Manang  bali 
nur  ein  einziger  seine  Mannestracht  aufgegeben.78  1863 
führte  der  Lord  Bischof  von  Labuan  auf  Borneo  aus,  ge- 
wisse eigenartige  religiöse  Bräuche  der  See-Dajaks  beruhten 
wesentlich  auf  ihrer  Furcht  vor  dem  bösen  Geist  und  auf 
dem  Suchen  nach  einem  Mittel  zu  dessen  Versöhnung.  Die 
See-Dajaks  hätten  ihre  Zauberer  und  Hexen,  die  Manangs 
oder  Geister-Doctoren.  Entschließe  sich  jemand,  Manang 
zu  werden,  nehme  er  Namen  und  Tracht  des  Weibes  an  und 
verheirate  sich  mit  einem  Manne,  der  ihn  begleiten  müsse, 
um  ihn  zu  beschützen  und  für  ihn  zu  kämpfen.  Das  hindere 
ihn  jedoch  nicht,  gleichzeitig  ein  Eheweib  sich  zuzulegen. 
Den  Manang  ziehe  man  in  solchen  Krankheitfällen  zu  Rate, 
die  man  dem  Einflüsse  abgeschiedener  Seelen  zuschreibe. 
Bei  ihren  Bezauberungen  bedienten  sich  die  Manang  ge- 
wisser Worte,  die  sich  von  Mund  zu  Mund  fortpflanzten, 
deren  Sinn  jedoch  keiner  verstände,  geheimnisvoller  Worte, 
die  wahrscheinlich  Überbleibsel  der  Sprache  eines  weit  altern 
Stammes  seien.78"9  Nach  HENRY  LING  ROTH,  1896, 
ist  der  Manang  bali  oder  unechte  Mann  der  See- 
Dajaks  auf  Nord -Borneo  eine  sehr  außergewöhnliche 
Mannsperson  und  schwer  zu  beschreiben:  er  ist  ein  Mann 
in  Weibertracht.  Dieser  und  jener  behaupte,  aus  Gehorsam 
gegen  einen  ihm  zu  drei  verschiedenen  Zeiten  in  Träumen 
überbrachten  übernatürlichen  Befehl  diese  Tracht  angelegt  zu 
haben.  Hätte  er  die  Aufforderungen  mißachtet,  würde  er  dafür 
mit  seinem  Leben  haben  büßen  müssen.  Bevor  ihm  gestattet 
wird,  weiblichen  Anzug  anzulegen,  würde  er  geschlechtlich 
unfähig  gemacht.  Dann  veranstalte  er  ein  Fest  und  lade  das 
Volk  dazu  ein.  Er  gebe  ihm  Tuak  zu  trinken  und  opfere  ein 
oder  zwei  Ferkel  behufs  Abwendung  übler  Folgen  vom  Stamme 
„wegen  dieser  Vergewaltigung  der  Natur".  Sollte  er  etwas 
von  alledem  unterlassen,  werde  für  jedes  folgende  Unglück, 
Mißernte  und  Ähnliches,  ihm  die  Schuld  zugeschrieben  und 
schwere  Buße  auferlegt.  Von  der  Zeit  an  aber  werde 
er  in  jeder  Hinsicht  wie  ein  Weib  behandelt  und  be- 
schäftige   sich     nur    mit     weiblichen     Obliegenheiten.      Sein 


204  D'e  malaiischen  Naturvölker 

Hauptlebensziel  bestände  darin,  weibliche  Gebärden  und 
Gewohnheiten  so  getreu  nachzuahmen,  daß  sie  von  denen 
wirklicher  Weiber  nicht  zu  unterscheiden  seien,  und  je  treff- 
licher ihm  dies  gelänge,  desto  höher  werde  er  eingeschätzt. 
Wenn  es  ihm  glücke,  einen  unbesonnenen  jungen  Kerl  zu 
bereden,  eine  Nacht  bei  ihm  zu  schlafen,  erreiche  seine  Freude 
den  Höhepunkt,  er  entlasse  ihn  bei  Tagesanbruch  mit  einem 
Geschenk  und  prahle  dann  offen  vor  den  Weibern  mit  seiner 
Eroberung,  wie  er  das  zu  nennen  beliebe.  Er  trage  auch  Sorge 
dafür,  daß  sein  Ehemann  (falls  er  einen  hat)  es  entdecke. 
Dieser  mache  viel  Wesens  davon  und  zahle  das  Strafgeld  dem 
jungen  Kerl  gern  zurück.  Da  Zwischenfälle  dieser  Art  zu 
zeigen  bezwecken,  wie  erfolgreich  der  Manang  bali  das  weib- 
liche Wesen  nachahme,  werde  er  danach  eingeschätzt  und  steige 
in  der  Achtung  seiner  Stammesgenossen  zu  einem  voll- 
kommenen Individuum  empor.  Indem  seine  Dienste  von  allen 
begehrt  würden  und  er  für  seine  Mühe  gut  bezahlt  würde, 
sammle  er  bald  Reichtümer  an,  und  wenn  seine  Vermögens- 
verhältnisse das  irgend  gestatten,  nehme  er  sich,  falls 
ehelos,  einen  Ehemann,  um  seine  angenommene  Würde  (als 
Weib)  noch  vollständiger  auszugestalten.  Solange  er  jedoch 
arm  sei,  könne  er  nicht  einmal  von  Heirat  träumen,  da  einzig 
die  Aussicht  auf  Erbschaft  einen  Mann  verleiten  könne,  sein 
Ehemann  zu  werden  und  so  dem  Gelächter  des  ganzen  Stammes 
zu  verfallen.  Die  Lage  des  Ehemannes  eines  Manang  bali 
sei  in  keiner  Weise  beneidenswert;  sein  „Weib"  zeige  sich  sehr 
eifersüchtig  und  strafe  jede  kleine  Untreue  mit  einer  Geldbuße. 
Die  wahren  Weiber  betrachteten  den  Ehemann  mit  offener 
Verachtung  und  die  Männer  mit  heimlicher  Abneigung.  Das 
Haupt  vergnügen  des  mit  einem  Manang  bali  verheirateten 
Mannes  aber  bestehe  darin,  zu  sehen,  wie  sein  Quasi-Weib 
Schätze  aufhäufe ;  und  ferner  darin,  auf  sein  schnelles  Ableben 
zu  hoffen,  so  daß  er  das  Vermögen  bald  erben  könne.  Es 
sei  schwer,  genau  anzugeben,  in  welchem  Alter  ein  Mann 
Manang  bali  werden  dürfe.  Eine  Tatsache  stehe  fest:  Er  würde 
niemals  dazu  als  zu  einem  Gewerbe  erzogen,  sondern  ent- 
schließe sich  jung  und  auch  bei  plötzlich  auftretender  Neigung 
in  reiferm  Alter  allein  aus  freier  Wahl  dazu. 


Malaien  im  engern  Sinne  205 

Gewöhnlich  sei  der  künftige  Manang  bali  kinderlos,  jedoch 
komme  es  vor,  daß  er  Kinder  habe,  in  welchem  Fall  er  ge- 
zwungen sei,  ihnen  ihr  Erbteil  auszuzahlen,  um  ohne  Ver- 
pflichtungen seine  neue  Laufbahn  anzufangen.  Wenn  er  aber 
heiratet  und  Kinder  liebt,  könne  er  Kinder  anderer  Leute 
adoptieren,  was  er  häufig,  sogar  regelmäßig  tue,  außer,  es 
träfe  sich,  daß  sein  Ehemann  ein  Witwer  mit  eigener  Familie 
wäre,  in  welchem  Falle  diese  Familie  nun  die  seinige  würde. 
Wie  HUGH  BROOKE  LOW  '8  erlebte,  ist  der  Manang  bali 
stets  eine  Person  von  großem  Einfluß;  nicht  selten  bringt  er 
es  zum  Dorfobersten.  Seine  Beliebtheit  leitet  er  nicht  bloß  von 
der  Häufigkeit  und  Verschiedenheit  seiner  Kuren  her,  sondern 
größtenteils  von  seiner  humanen  Eigenschaft  als  Friedenstifter, 
in  welcher  er  sich  besonders  auszeichnet.  Alle  geringfügigen 
Streitigkeiten  werden  ihm  unterbreitet  und  er  bringt  es  regel- 
mäßig fertig,  beide  Parteien  zufrieden  zu  stellen  und  gutes 
Einvernehmen  wieder  herbeizuführen.  Dann  wieder  stellt  er 
öfters  das  Vermögen  seinen  Anhängern  zu  Diensten,  und  wenn 
diese  in  Schwierigkeiten  stecken  oder  von  Unglück  verfolgt 
werden,  ist  er  immer  zu  helfen  bereit.  Nach  diesem  erfahrenen 
Gewährmanne  ist  der  Manang  bali  als  Staatseinrichtung  auf 
die  isoliert  wohnenden  Stämme  der  See-Daiaks  beschränkt: 
die  Ulu-Ais,  Kanaus,  Tutong,  Ngkaris  und  Lamanaks.  Auch 
den  Undups,  Baiaus,  Sibuyaus  und  Saribas  ist  er  keineswegs 
unbekannt,  jedoch  unter  ihnen  nicht  eigentlich  in  Mode,  viel- 
leicht infolge  der  Nähe  der  Malaien,  welche  unablässig  die  Ein- 
richtung lächerlich  machen  und  versuchen,  sie  in  üblen  Ruf  zu 
bringen.80  —  Nur  den  Berg-Dajaks  (Hill  Dajaks)  sollen  Manang 
bali  ganz  unbekannt  sein.81 

ANDREW  LANG  stellt  die  Manang  bali  der  Dajaks  direkt 
in  Parallele  mit  den  men-women  oder  „Mannweibern"  der  nord- 
amerikanischen Indianer. 82 

KOHLE Rs  Studie  über  das  Recht  der  Dajaks  auf  Borneo  83 
bot  ihm  keine  Gelegenheit,  über  strafrechtliche  Verfolgung  von 
Päderasten  zu  berichten. 


r>ofa  Die  malaiischen  Naturvölker 

Die  M  Hanau  auf  Sarawak 
SELIGMANN  berichtete  über  einen  mohamedanischen 
M  i  1  a  n  a  u  in  Sibu  am  Rejang  Flusse  auf  Sarawak.  Der  Mann 
namens  Budok  bat,  wahrscheinlich  an  Elephantiasis  leidend, 
um  Medizin  gegen  Schwellungen  beider  Hoden.  Untersuchung 
lehnte  er  ab,  man  bemerkte  jedoch,  daß  er  einen  schwarzen 
Schleier  trug,  so  wie  ihn  malaiische  Weiber  und  in  Kuching  die 
Prostituierten  tragen.  Seine  Stimme  klang  leise,  nicht  hell 
und  scharf.  Dünnknochig,  war  er  etwas  zierlich  gebaut,  im 
ganzen  aber  von  männlicher  Erscheinung.  Man  sagte,  er  habe 
normale  Brüste  und  Genitalien,  aber  keine  Neigung  zu  aktivem 
Geschlechtsverkehr;  statt  dessen  spiele  er  die  passive  sodo- 
mitische  Rolle.  Er  saß  mit  den  Weibern  im  Hause  zusammen 
und  wie  diese  nähte  er  und  verfertigte  er  Kleidungsstücke, 
bück  Kuchen  und  reinigte  die  Reisfelder  von  Unkraut.  Er 
trag  so  oft  als  möglich  Weiberkleider.84 

Nach  demselben  Gewährmanne  hat  sich  bei  dem  wie 
die  Malaien  gekleideten  und  Sagobau  betreibenden  ruhigen 
Volk  der  M  i  1  a  n  a  u  der  Mohammedanismus  stark  verbreitet, 
es  liege  aber  kein  Grund  vor  anzunehmen,  daß  er  zu  sexueller 
„Perversion"  geführt  oder  solche  aufgemuntert  habe.85  Dazu 
wird  es  auch  bei  den  Milanau,86  gleichwie  anderswo,  des  Mo- 
hammedanismus kaum  bedürfen,  soweit  sie  in  der  innersten  Na- 
tur eines  Mannes  liegt. 

Die  Javanen 

Bei  den  Javanen  schneiden  weder  Mann  noch  Weib 
ihr  Haar,  beide  lassen  es  zu  ihrer  natürlichen  Länge  auswachsen, 
im  Gegensatz  zu  den  Malaien  und  den  B  u  g  i  s  (Ugis), 
die  es  kurz  schneiden.87 

Von  der  Eigentümlichkeit  der  B  a  1 1  a  s  ,  ihre  Särge  und 
nachher  ihre  Gräber  mit  „unkeuschen"  Holzstatuen,  die  sich 
hauptsächlich  durch  ihre  unverhältnismäßig  großen  Geschlechts- 
teile auszeichnen,  zu  verzieren,  findet  sich  nach  JUNGHUHN 
keine  Spur  bei  den  Javanen.  Wohl  aber  sollen  sie  stark  wollüstig 
sein,  doch  der  Gemeine  weniger  als  der  Häuptling  und  die 
Fürsten;  die  Fürsten  von  Solo  und  Djocjo  seien  aller  Art 
Wollust  ergeben  gewesen;  die  zahlreichen  Prinzen  und  Halb- 


Malaien  im  engern  Sinne  207 

prüizen  zu  Djocjokarta  hätten  um  1835  ihre  geschlechtliche 
Wollust  zuweilen  auf  eine  so  unnatürliche  Art  ausgeübt,  daß 
es  ans  Unglaubliche  grenzte;  so  war  einer  von  diesen  feinen 
Herren  unter  allen  Geschöpfen  vorzugsweise  in  Enten  ver- 
liebt.88 

Für  „Hermaphrodit"  gibt  RAFFLES  1817  als  javanische 
Bezeichnung  Kawi  an ;  die  gleiche  Bedeutung  habe  das  javanische 
Sunda-Wort  Mälawäding  auf  Westjava.89  Nach  PIJNAPPEL 
(1863)  entspricht  dem  malaiischen  Wort  Papak  für  Herma- 
phrodit das  javanische  Pepak.89*  Nach  KLINKERT  (1892) 
heißt  Hermaphrodit  auf  Java:  Batttji.i9h  „Sodomit"  heißt 
nach  VAN  EYSINGA  javanisch  Orang   pdlat{?).90 

Wie  sich  unter  der  dajakischen  Geistlichkeit  ein  aus- 
gesprochenes Päderastentum  breit  macht,  ist  solches  auch  der 
javanischen  Geistlichkeit  nicht  fremd. 

VETH  möchte  in  dem  kleinen,  unter  dem  orthodoxen 
Namen  Santri  birahi  sich  verbergenden  Anhang  der  Santris 
oder  javanischen  Schamanen  ein  Überbleibsel  des  Siwaismus 
erblicken.  Das  Wort  Birahi,  Lust,  Begierde,  Geschlechtstrieb, 
weise  auf  eine  „unzüchtige"  Lebensweise  hin,  wie  sie  sich  in 
vielen  alten  Gottesdiensten  mit  der  Verehrung  der  Naturkräfte 
verbunden  finde.  Jedoch  hält  er  auch  die  Möglichkeit  des 
Zusammenhangs  mit  einem  polynesischen  Naturdienste  nicht 
für  ausgeschlossen.  Gewiß  aber  ließen  sich  die  Santri  birahi 
mit  den  Bastren  der  Dajaks  vergleichen,  wie  man  auch  bei  den 
javanischen  Taledeks  oder  öffentlichen  Tänzerinnen  noch  man- 
cherlei Verwandtes  mit  den  dajakschen  Bilians  bemerken  könne. 
Diese  Santri  birahi  scheeren  sich  den  Scheitel  und  tragen  ein 
aus  Rotan  geflochtenes  Käppchen,  gleich  den  anderen  Santris, 
verehren  jedoch  statt  Allah  die  angestammten  Dewas  und 
Widadaris.  Sie  halten  in  der  Gesellschaft  von  Tanzmädchen 
und  öffentlichen  Frauen  geheimnisvolle  Zusammenkünfte  ab, 
in  denen  unter  Begleitung  des  T erbang  oder  Tamburin  „un- 
züchtige" Tänze  aufgeführt  werden.  Genaueres  bleibt  dem 
Wissensdurstigen  vorbehalten.  Denn  der  keusche  VETH  will 
den  Schleier  nicht  weiter  lüften,  der  die  Lebensweise  dieses 
„Kehrichts  der  Javanischen  Gesellschaft"  bedeckt.91 


208  Die  malaiischen  Naturvölker 

Aber  die  Päderastie  bleibt  bei  den  Javanen  nicht  auf  die 
anscheinend  rein  femininen  Santri  birahi  beschränkt.  An  den 
Höfen  zu  Soerakarta  und  Jogjakarta  gibt  es  nach  VETH 
vornehme  oder  zum  Harem  gehörende  Frauen  (Serimpi),  welche, 
niemals  mehr  als  vier  an  Zahl,  in  prächtigem  Gewände  in  den 
Palästen  der  Großen  Tänze  aufführen;  ähnliche  Tänzerinnen 
[Bedaja)  dürfen  ausschließlich  bei  den  Fürsten,  bis  zur  Zahl 
von  neun,  anwesend  sein, 92  wenn  aber  Prinzen  oder  Regenten 
eine  Truppe  Bedajas  unterhalten,  deren  Zahl  sieben  nicht 
übersteigen  darf,  so  besteht  diese  nicht  selten  zumeist  aus 
Jünglingen  in  Frauengewand  oder  Beksä.93  Über  die  Pro- 
stitution bei  den  Javanen,  ihre  Verbreitung,  ihre  Ursachen  und 
das  Elend,  das  sie  mit  sich  bringt,  auch  über  diesen  traurigen 
Gegenstand  will  VETH  lieber  seinen  bekannten  züchtigen 
Schleier  breiten.94 

Bei  den  Malaien  im  östlichen  Teile  der  Insel  Java  kennt 
man  nach  VAN  BRERO  (1905)  männliche  und  weibliche  Per- 
sonen mit  von  Kindheit  an  bestehenden  „konträr-sexuellen 
Neigungen",  welche  sich  in  jeder  Richtung,  in  Kleidung,  Hal- 
tung, Spielen  u.  dergl.  äußern.  Diese  Leute  führen  den  gemein- 
samen Namen  „Wandu".  Ihre  geschlechtliche  Befriedigung  soll 
durch  bloße  Berührungen  herbeigeführt  werden.  Obgleich  die 
Sachlage  nicht  verheimlicht  wird,  ist  es  nach  dem  Gewährmanne 
einem  Arzt  doch  schwer,  richtige  Auskünfte  zu  bekommen 
und  der  Forscher  läuft  große  Gefahr,  sich  etwas  aufbinden  zu 
lassen.  Körperliche  Untersuchungen  hat  VAN  BRERO  nicht 
anstellen  können.95  Der  vielfach  gedankenlos  nachgeplapperten 
Behauptung,  gleichgeschlechtliche  Neigung  habe  ihre  Wurzel  in 
Masturbation,  steht  VAN  BREROs  Bemerkung  im  Wege,  daß 
Masturbation  unter  den  malaiischen  Irren  wenig  beobachtet 
würde.95 

Die  Maduresen 

Die  maduresische  Bezeichnung  für  „Hermaphrodit"  ist 
nach  RAFFLES  (1817) :  Bandu.9« 

Bei  den  Maduresen  wird  die  Päderastie  öffentlich 
gepflegt,  ohne  daß  darin  irgend  Tadelnswertes  erblickt  würde. 
Ein  Madurese  namens  B  a  h  m  a  n  stand  wegen  Mordes  vor 
Gericht.     Er  lebte  mit  dem  zwölfjährigen  Knaben  Sibin  in 


Malaien  im   engern  Sinne  20Q 

einem  Liebe  Verhältnisse.  Eines  Abends  war  S  i  b  i  n  aus- 
geblieben, weshalb  B  a  h  m  a  n  ihn  suchen  ging.  Er  fand  ihn 
schlafend  im  Bethäuschen  eines  gewissen  H  a  m  i  s  i  n  ,  wo 
beide  und  noch  einige  andere  Personen  lagen  und  ruhten.  In 
seiner  wilden  Eifersucht  stieß  Bahman  dem  schlafenden 
H  a  m  i  s  i  n  ein  Messer  in  die  Brust.  Für  die  Volksauffassung 
ist  nun  der  Umstand  bezeichnend,  daß  Bahman  vor  Gericht 
nicht  nur  ohne  alle  Umschweife  sein  Liebeverhältnis  zu  S  i  b  i  n 
eingestand,  sondern  sogar  weiter  mitteilte,  daß  ihr  Zusammen- 
leben mit  Zustimmung  von  S  i  b  i  n  s  Eltern  stattgefunden 
habe,  die  dafür  hin  und  wieder  auch  Bezahlung  empfangen 
hätten.  Besondere  Beachtung  aber  verdienen  die  einfachen 
Antworten  eines  der  Zeugen  auf  die  Fragen  des  Gerichts- 
vorsitzenden : 

Frage:  Was  halten  Sie  von  dem  Angeklagten  ? 

Antwort:  Er  ist  ein  braver  Mensch.  An  seinem  Be- 
tragen ist  nichts  auszusetzen. 

Frage:  Ist  Ihnen  denn  von  seinem  Verhältnis  zum 
S  i  b  i  n  nichts  bekannt  ? 

Antwort:   Jawohl. 

Im  Protokoll  der  Gerichtszeitung  steht  der  junge  S  i  b  i  n 
als  B  ahm  ans   „männliche  Mätresse"   angeführt.97 

Die  Balier  (Balinesen) 

Auf  Balinesisch  heißt  Onanie  treiben  njoktjok.  Nach 
VAN  DER  TUUK  ist  dieses  „Laster"  zwar  nicht  allgemein, 
wird  aber  besonders  diesem  Volksstamme  nachgesagt.98 

Für  „Hermaphrodit"  hat  der  Balier  nach  RAFFLES 
(1817)  die  Bezeichnung  Banchi.1* 

Für  Päderastie  hat  die  Bali- Sprache  die  Bezeichnung 
Menjelit;  wie  es  scheint,  wird  sie  vorwiegend  in  der  Form  der 
Podikation  in  ganz  Bali  „auf  arge  Weise"  betrieben  und  kaum 
mit  dem  Schleier  des  Geheimnisses  bedeckt.99 

VAN  ECK  berichtet  1879,  der  B  a  1  i  e  r  verstehe  ganz 
ausnehmend  die  Kunst,  selbst  Dingen,  welche  die  Zunge  zu 
nennen  verweigere,  einen  frommen  Anstrich  zu  geben.  So 
lasse  sich  das  balinesische  Volk  von  weiblichen  Wervales  und 
Sangyang  und   auch   von   männlichen  Gandmngs    (gandroeng) 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  14 


2io  -Die  malaiischen  Naturvölker 

durch  mysteriöse  Spiele  unterhalten,  die  als  ein  Anhängsel  des 
Yolksgottesdienstes  anzusehen  seien.  Die  Gandrungs  aber  seien 
Dustknaben  oder  „Schandbuben"  und  ihr  zeitweiliges  Auftreten 
sei  für  den  in  seiner  Art  frommen  Balie  rreligiöses  Bedürfnis.100 

Über  die  Gandrungs  erfährt  man  Genaueres  bei  JACOBS. 
Es  sind  Knaben  im  Alter  von  10  bis  12  Jahren,  die  als  Tanz- 
mädel verkleidet  unter  Begleitung  des  Gamelan  oder  des 
kompleteren  Semar-pegoelingan  Tänze  aufführen.  Ihre  Klei- 
dimg besteht  aus  einem  prächtigen  Sarong,  der,  bis  unter  die 
Arme  emporgezogen,  durch  eine  breite,  reich  mit  Golddrat 
durchwebte  Bauchbinde  befestigt  wird,  einem  hoch  aufgebauten, 
mit  Blumen  und  Flittergold  reichlich  verzierten  Kopfschmuck 
und  dem  um  die  Hüften  geschlungenen  Salendang  (balinesisch 
Ontjer),  dessen  Enden  frei  herabhangen.  Dazu  kommen  bis- 
weilen prächtige  Armbänder  und  ein  Fächer.  So  erwecken 
diese  Jungen  bei  dem  Unkundigen  leicht  die  Vorstellung,  daß 
es  Mädel  seien,  die  dort  nach  dem  Takte  der  Musik  so  lieblich 
dahinschweben  und  kokett  mit  den  Armen  gestikulieren, 
während  die  eine  Hand  einen  der  Zipfel  des  Ontjer,  die  andere 
den  Fächer  anmutig  festhält.  Doch  weiß  der  Kundige  schon,  daß 
es  Jungen  sind,  und  es  „ekelt"  den  Europäer,  wenn  er  sieht, 
wie  Männer  aller  Stände  und  Rangstufen  der  balinesischen 
Gesellschaft  ihnen  Kepengs  (chinesisch  Pasmunt)  anbieten, 
um  schließlich  zuweilen  in  den  sonderbarsten  Stellungen  Tänze 
mit  diesen  Knaben  auszuführen.  Und  es  ,, ekelt"  den  Europäer 
noch  mehr,  wenn  er  weiß,  daß  diese  Knaben  bisweilen  nach  ihren 
langen  perpendikulären  Exerzitien  genötigt  werden,  totmüde 
und  abgemattet  noch  horizontale  Manöver  mit  den  Meist- 
bietenden zu  dulden,  nachdem  sie  von  den  einen  sich  haben 
streicheln,  von  den  anderen  sich  haben  küssen  lassen.  Und 
hierin  sieht  der  Balier  nichts,  hieraus  macht  er  vollends  kein 
Geheimnis  [wie  es  der  heuchlerische  Europäer  tut]  und  weiß 
es  sogar  mit  einem  Dufthauch  von  Gottesdienst  zu  umkleiden. 
Aber  viele  dieser  Knaben  sollen  Schrunden  oder  Hautrisse 
(Rhagaden)  und  Geschwüre  am  After  davon  tragen,  dahinsiechen 
und  ein  vorzeitiges  Ende  finden.101 

Der  Gottesdienst  der  Balier  zeigt  einen   außerordentlich 
sinnlichen  Charakter.     Ihre  Götterbilder  in  den   Tempeln  und 


Malaien  im  engern  Sinne  211 

längs  der  Wege  bezeugen  das.  Auch  die  Genüsse,  welche  sich 
die  Balier  in  einem  bessern  Jenseits  (Niskala)  für  gute  irdische 
Handlungen  erträumen,  sind  sinnlicher  und  äußerst  wollüstiger 
Art.  Der  balinesische  Himmel  wimmelt  von  göttlichen  Baja- 
deren, von  bildschönen  männlichen  und  weiblichen  Engeln 
(Widiadara),  die  den  Göttertrank  {Amreta)  umherreichen,  und 
unaussprechliche  Genüsse  sind  den  besten  Baliern  dort  vor- 
behalten.102 

Während  auf  Bali  päderastischer  Liebebefriedigung  kein 
Hindernis  im  Wege  stand,  soll  auf  Lombok  nach  JACOBS 
1883  die  Päderastie  streng  verboten  gewesen  und  soll  das  Auf- 
treten von  Gandrungs  auf  dieser  Insel  nicht  geduldet  worden 
sein.103 

Die  Makasaren  (Mankasaren) 

Schon  im  Jahre  1676  berichtete  der  Missionar  DOMINGO 
FERNANDEZ  NAVARRETE,  freilich  bloß  nach  Hörensagen, 
über  päderastische  Ehen  unter  den  Makasaren  auf  der  Insel 
Caile.  In  dem  dortigen  Königreich  soll  es  unter  dem  „un- 
glückseligen und  unglücklichen"  Fürsten  Carrin  Patin 
G  a  1  o  a  „gewissen  verderbten  Mannspersonen"  gestattet  ge- 
wesen sein,  Weiberkleidung  zu  tragen.  Auch  verheirateten  sich 
dort  Männer  mit  jenen  Scheinmännern,  weil  sie  mehr  Neigung 
besaßen,  sich  mit  jenen  „Ungeheuern",  als  mit  Weibern  ge- 
schlechtlich zu  vereinigen.104 

Weitere  Angaben  über  die  Makasaren  findet  man 
im  folgenden  Abschnitt  über  die  B  u  g  i  s. 

Die  Bugis  (Buginesen) 
Die  Bugis  werden  als  die  größten  Prahlhänse  und  Kuppler 
auf  dem  ganzen  malaiischen  Archipel  geschildert,  zugleich  aber 
als  die  tapferste  und  kräftigste  Rasse.  Die  Freiheit  ihrer 
Staatseinrichtungen  erlaube  ihnen  den  offensten  Ausdruck  ihrer 
Empfindungen.105 

Als  den  sonderbarsten  Brauch,  den  er  im  Königreich 
Wajo  in  der  Hauptstadt  Tesöra,  an  der  Südküste  von  Celebes, 
beobachten  konnte,  bezeichnete  1840  JAMES  BROOKE  in 
seinem  Tagebuch  den,  daß  einige  Männer  als  Frauen  gekleidet 
gingen  und  einige  Frauen  als  Männer.     Und  zwar  das  nicht 


212  Die  malaiischen  Naturvölker 

etwa  nur  gelegentlich,  sondern  ihr  ganzes  Leben  hindurch. 
Dabei  unterzögen  sie  sich  freiwillig  all  den  Beschäftigungen 
und  Pflichten  des  angenommenen  Geschlechts.  Was  die 
Männer  angeht,  schien  dem  Gewährmanne,  daß  die  Eltern 
eines  Knaben,  wenn  sie  gewisse  Weichlichkeiten  in  Gestalt 
und  Erscheinung  bei  ihm  wahrnahmen,  dadurch  veranlaßt 
wurden,  ihren  Sohn  einem  der  Rajahs  zum  Geschenk  an- 
zubieten, von  dem  er  auch  gern  angenommen  wurde.106  Wajo 
stand  unter  sechs  Rajahs  (Fürsten)  und  hatte  damals  von  allen 
vier  Königreichen  die  freiesten  Einrichtungen.107  Solche 
Jünglinge  erlangten  oft  großen  Einfluß  auf  ihren  Herrn,  ähnlich 
wie  in  der  Türkei,  deren  Geschichte  von  Belegen  des  Empor- 
kommens junger  Günstlinge  zu  Ehren  und  höchstem  Ansehen 
voll  sei.  Es  will  indessen  den  Gewährmann  nach  allem,  was 
er  in  Erfahrung  bringen  konnte,  dünken,  daß  diese  Gewohnheit 
bei  den  Bugis  nicht  zu  solchen  Lastern  geführt  habe,  wie  sie 
die  Schande  des  westlichen  Asiens  bilden  sollen.108  A.  B. 
MEYER  gibt  dagegen  ausdrücklich  an,  gerade  aus  Süd- 
Celebes   von  Päderastie  gehört  zu  haben.109 

Auch  unter  den  Bugis  in  Pagattan  und  Samarindah  auf 
Koetei  an  der  Ostküste  von  Borneo  gab  es  um  1847  solche 
„unglückliche  Geschöpfe"  in  Menge.  Der  Gewährmann, 
H.  VON  DE  WALL,  meint,  es  sei  bei  ihnen  die  männliche 
Kraft  unentwickelt  geblieben,  weshalb  er  sie  „impotentes" 
nenne  und  weshalb  sie  selbst  sich  auch  als  Frauen  kleideten, 
alle  weiblichen  Obliegenheiten  verrichteten  und  sich  unter  den 
Frauen  aufhielten.  Die  Bugis  nennen  sie  Tjelebei  (malaiisch 
Mati  poetjoekh) .  Die  buginesischen  Fürsten  und  Großen  hätten 
derlei  Leute  gern  in  ihrem  Gefolge.  Viele  unter  ihnen  hätten 
es  in  der  Bereitung  ihres  heimischen  Gebäcks  zu  einem  hohen 
Grade  von  Vollkommenheit  gebracht.  VON  DE  WALL  lenkt 
die  Aufmerksamkeit  der  Physiologen  besonders  auf  den  Um- 
stand, daß  „alle"  Tjelebei,  „obwohl  doch  impotent",  sodaß  an 
(aktive)  Päderastie  bei  ihnen  durchaus  nicht  zu  denken  sei, 
trotzdem  eine  besondere  Neigung  für  schöne,  wohlgebaute 
Jünglinge  kundgäben  und  diese  mit  denselben  Liebkosungen 
zu  überschütten  suchten  wie  ein  Liebhaber  sein  Mädchen. 
Einige  leichtsinnige  Jungen   ließen   sich  diese  Ausbrüche  eines 


Malaien  im  engern   Sinne  213 

liebenden  Herzens  bereitwilligst  gefallen,  um  den  unglücklichen 
Liebhaber  auf  alle  mögliche  Weise  zu  prellen.  Die  gewöhnliche 
Belohnung  bestehe  in  einer  Kleinigkeit  an  Geld  oder  Nasch- 
werk. Unter  den  Tjelebei  hielten  sich  auch  die  Herma- 
phroditen auf,  welche  bei  den  Buginesen  zahlreicher  als 
bei  anderen  Stämmen  angetroffen  zu  werden  schienen.  Für 
diese  doppelgeschlechtlichen  Wesen  hätten  die  Bugis  keine 
andere  Bezeichnung  als  eben  auch  Tjelebei;  die  Malaien  aber 
hätten  für  sie  das  Wort  Kedie.  Der  Tjelebei  sei  gewöhnlich 
hager  von  Gestalt  und  habe  ein  blasses  und  kränkliches  Aus- 
sehen, matte  Augen  und  eine  „heisere"  Stimme.  Die  Maskerade 
dieser  „Unglücklichen",  sei,  meint  der  Gewährmann,  wohl  eine 
uralte  Gewohnheit,  welche  verhüten  solle,  daß  sie  als  Männer 
noch  mehr  Aufsehen  erregten.110  Nach  MATTHES  bedeutet 
Tjelebai  oder  Tjdla-bäi  jemanden,  der  sich  fälschlich  (tjäla) 
für  ein  Weib  (Bai)  ausgibt,  d.  h.  einen  Mann,  der  sowohl  in 
Kleidung  als  Manieren  das  Aussehen  eines  Weibes  annimmt, 
und  wird  auch  von  einem  Hahn  gebraucht,  der  wie  eine  Henne 
ausschaut,  indem  er  Federn  der  Henne,  aber  einen  Kamm  und 
Lappen  trägt.111  Bai  heißt  jedoch  auch  impotens  112  und  „Herma- 
phrodit".113 Für  „Hermaphrodit"  gibt  es  indes  im  Buginesi- 
schen nach  MATTHES  noch  eine  zweite  Bezeichnung, 
nämlich  Wäli.lis 

Außer  den  Tjelebei  kennen  die  Makasaren  und  die 
Buginesen  noch  einen  besonderen  aus  Päderasten  bestehenden 
Stand,  die  Bissus,  eine  Art  von  Zauberern,  die  es  verstehen, 
sich  in  den  Geruch  der  Heiligkeit  zu  setzen,  indem  sie  vorgeben, 
von  einem  höheren  Geiste  beseelt  zu  sein.  Diese  Bissus  haben 
überall  Zugang,  sogar  in  die  Schlafgemächer  jugendlicher  Für- 
stinnen, da  sie  meistens  den  Eindruck  machen,  daß  sie  zum 
Koitus  unfähig  seien.114  Bei  den  Bugis  in  Süd-Celebes  sind  die 
Bissus  die  heidnischen  Priester  und  überall  bekannt.  Nach  der 
Tradition  stammen  sie  vorwiegend  aus  dem  Reiche  Loewoe, 
dem  „Lande  der  Erde",  in  das  nach  der  heimischen  Überlieferung 
Batära-goeroe,  der  älteste  Sohn  des  obersten  Him- 
melsgottes, in  einem  Bambus  herabfuhr ;  hier  wollte  er  das  noch 
formlose  Chaos  in  einen  für  Menschen  bewohnbaren  Aufenthalt 
verwandeln  und,    nicht  allein   mit   We-Nj  ili-timo,  der  aus 


2ij.  Die  malaiischen  Naturvölker 

dem  Meer  emporgetauchten  Tochter  des  Gottes  der  Unterwelt, 
sondern  auch  mit  anderen  himmlischen  und  unterirdischen 
Schönen  ehelich  verbunden,  die  noch  leere  Erde  zum  ersten  Male 
mit  Menschen  bevölkern.  Für  den  Ursprung  der  Bissus  aus 
diesem  einmal  vom  Gottessohne  bewohnt  gewesenen  Lande 
Loewoe  spricht  besonders  die  Sprache,  deren  sie  sich  bedienen, 
vor  allem,  wenn  sie  durch  höhere  Eingebung,  wie  sie  behaupten, 
in  der  sogenannten  Göttersprache  reden,  welche  in  vielen 
Punkten  mit  dem  Buginesischen  des  alten  Heldengedichts  über- 
einstimmt, in  welchem  Batära-goeroes  Aufenthalt  auf 
Erden,  sowie  die  Schicksale  seiner  Nachkommen  und  noch  viele 
andere  Helden  besungen  werden.  Die  Geister,  mit  denen  in 
Verbindung  zu  stehen  die  Bissus  vorgeben,  sind  gewöhnlich 
Batära-goeroe  und  We-Njili-timo  mit  ihren 
Söhnen  und  Töchtern,  zugleich  mit  vielen  andern  Götter- 
sprößlingen, die,  nach  einem  zeitweiligen  Aufenthalt  auf  Erden, 
in  das  Vaterland  ihrer  Vorfahren  zurückkehren  und  dann 
fortdauernd  lebendige  Teilnahme  bekunden  für  ihre  auf  Erden 
hinterlassene  Nachkommenschaft,  derart,  daß  niemand  unter  dem 
Monde  ohne  einen  dieser  himmlischen  oder  unterirdischen  Vor- 
fahren als  seinen  besonderen  Schutzgeist  gefunden  wird.  Der 
Gewährmann  wundert  sich  daher  nicht,  daß  die  Bissus,  die, 
wie  man  meint,  in  der  allernächsten  Beziehung  zu  den  himm- 
lischen und  irdischen  Geistern  stehen,  unter  einem  so  wenig 
entwickelten  Volke,  wie  die  Bugis,  überall  mit  offenen  Armen 
empfangen  werden.  Das  Vertrauen,  welches  die  Bissus  ge- 
nießen, geht  so  weit,  daß  sie,  die  durchweg  vorgeben,  impotent 
zu  sein  und  daher  in  Makasar  vom  Volke  vielfach  Kween  (nach 
dem  Makasarischen  käwe  —  impotent)  genannt  werden,  an  den 
Höfen  jederzeit  als  Priester  bis  zu  den  innersten  Gemächern  der 
jungen  Prinzessinnen  freien  Zugang  haben.  Von  einem  mit 
dieser  Freiheit  getriebenen  Mißbrauch  ist  dem  Gewährmanne 
wenigstens  nie  etwas  bekannt  geworden.  Läge  ein  solcher  je 
vor,  so  würde  er  wie  Blutschande  behandelt  und  mit  dem  Tode 
durch  Ertränken  bestraft.  Daß  bei  den  Bissus  die  „unnatürliche 
Sünde",  deren  Namen  MATTHES  lieber  verschweigen  will, 
auch  so  häufig  wie  bei  den  Bassiren  von  Borneo  vorkomme, 
bezweifelt  er.     Das  allein  wisse  er,  daß  sie  für  ihn  stets  etwas 


Malaien  im  engern   Sinne  21^ 

Ekelerregendes  hatten,  schon  wegen  ihrer  weiblichen  Kleidung 
und  weiblichen  Manieren,  vor  allem  aber,  weil  sie  zuweilen  eine 
Art  von  Vertraulichkeit  zeigten,  die  man  bei  Männern  ungern 
antreffe.  Er  bekennt:  Der  Umgang  mit  diesen  Geschöpfen 
läge  daher  durchaus  nicht  in  seinem  Geschmack  und  aus- 
schließlich im  Interesse  seiner  Forschungen  habe  er  sie  von 
Zeit  zu  Zeit  in  seine  unmittelbare  Nähe  zugelassen.115  Auch  die 
Reisenden  und  Forscher  PAUL  und  FRITZ  SARASIN  sind 
im  Dorfe  Pesaku  im  Palutale  auf  Celebes  einem  Bissn  begegnet, 
dem  Besitzer  des  ihnen  angewiesenen  Quartieres.  Er  fiel  ihnen 
ganz  eigenartig  auf.  Wie  ein  Weib  gekleidet,  gebärdete  er  sich 
auch  ganz  so,  mit  kurzen  raschen  Bewegungen  und  kleinen 
Schritten,  sprach  mit  Fistelstimme,  verrichtete  auf  einem  Näh- 
kissen weibliche  Handarbeit  und  trug  das  lange  Haar  nach 
Weiberart.  Als  das  „wunderliche  Wesen"  nach  einem  andern 
Hause  sich  entfernt  hatte  und  die  fremden  Reisenden  sich  nach 
ihm  erkundigten,  lachten  die  Leute  und  sagten,  es  sei  ein 
Halbweib.  Es  sei  eben  ein  Bissu  gewesen,  eine  Art  männlicher 
Priester,  die  sich  als  Frauen  tragen  und  gebärden,  wie  sie  weithin  im 
malaiischen  Archipel  verbreitet  seien,  besonders  aber  bei  den 
Bugis.116  Nicht  nur  im  Volke,  auch  an  den  Fürstenhöfen 
spielten  sie  immer  noch  eine  große  Rolle.  Dem  Islam  sei  es 
nicht  gelungen,  das  Ansehen  dieser  heidnischen  Priesterkaste 
zu  brechen.117 

Es  erscheint  nicht  völlig  ausgeschlossen,  daß  gewisse  an- 
gebliche Zwangsvorstellungen  oder  Zwangsempfindungen,  welche 
bei  den  Bugis  auf  Süd-Celebes  beobachtet  worden  sind,  mit 
gleichgeschlechtlicher  Liebe  Zusammenhang  haben.  Es  handelt 
sich  um  bisweilen  stundenlange,  von  großer  Ermattung  gefolgte 
Angstanfälle,  bei  denen  die  Kranken  vermeinen,  daß  ihr  Penis 
sich  in  den  Bauch  zurückziehen  wolle,  was  den  Tod  herbei- 
führen würde,  wenn  nicht  der  Kranke  selbst  oder  ein  anderer 
frühzeitig  genug  das  Glied  festhalte.  Diese  Vorstellung  soll  als 
Krankheit, A'oro.angesehen,  aber  dennoch  verheimlicht  werden.11" 

Nach  ENGELHARD  finden  sich  Bissus  auf  Saleij  er 
nicht.  Sollten  sie  auf  dieser  Insel  hier  oder  dort  einmal  auf- 
tauchen, würde  ihnen  doch  nirgends  die  Bedeutung  beigelegt 
werden,  deren  sie  sich  auf  Celebes  erfreuen.11" 


2i6  ^le  malaiischen  Naturvölker 

Die  malaiischen  Völker  der  Philippinen120 

Solange  die  malaiischen  Urbewohner  der  Philippi- 
nischen Inseln,  die  Philippinenmalaien  oder  die  Pintados 
der  Spanier,  in  ihrem  Heidentume  dahin  lebten,  hätte  man 
nach  DE  MORGA  niemals  gehört,  daß  sie  auf  die  „unnennbare 
Sünde  wider  die  Natur"  verfallen  wären.  Erst  nach  dem  Er- 
scheinen der  Spanier  auf  den  Philippinen,  durch  den  Verkehr 
mit  diesen  und  noch  mehr  mit  den  aus  China  eingewanderten 
Kaufleuten,  den  Sangleys,  die  diesem  „Laster"  überaus  ergeben 
gewesen  sein  sollen,  hätten  auch  Malaien  dem  „neuen  Laster" 
angehangen,  Männer  sowohl  als  Weiber.  Und  nicht  wenig 
Maßregeln  sollen  gegen  solches  Treiben  in  Anwendung  gebracht 
worden  sein.121  Klingt  diese  Auffassung  DE  MORGAs  schon 
an  sich  höchst  unwahrscheinlich,  so  erregt  sie  entschiedenstes 
Bedenken  im  Hinblick  auf  die  Eigenartigkeit  der  hier  bereits  ge- 
schilderten, den  Philippinenmalaien  nächst  verwandten  Stämme. 
Auch  hat  A.  B.  MEYER  ihre  Richtigkeit  bezweifelt.  Auf  den 
Philippinischen  Inseln  hörte  er  selbst  von  Päderastie,  erklärt 
jedoch,  nicht  entscheiden  zu  wollen,  wie  weit  solche  „Verirr- 
ung"  auf  diesen  Inseln  endemisch  war;122  sie  dürfte  aber 
hier  so  wenig  wie  im  südlichen  Celebes  von  Europäern  ein- 
geschleppt worden  sein.  Auch  nach  BLUMENTRITT 
herrschte  große  Unsittlichkeit  auf  den  Philippinen  schon 
zur  Zeit  der  Ankunft  der  Spanier  bis  tief  in  das  17. 
Jahrhundert:  die  „Unzucht"  war  besonders  bei  den 
Visayern  „grenzenlos";  hatten  doch  diese  sogar  die  Erfindung 
künstlicher  Penis  gemacht,  um  die  unstillbaren  Gelüste  der 
verbuhlten  Weiber  befriedigen  zu  können,  und  ähnliche  Mittel 
zur  Sättigung  „unnatürlicher  Wollust"  besaßen  sie  noch  mehr;123 
daher  WEULE  von  ihrem  „Laster"  und  ihrer  „bodenlosen  Un- 
zucht" sprechen  kann.124 

Wenn  die  Tagalen  unter  sich  sind,  singen  sie,  wie  der 
Barfüßlermönch  DE  ZUNIGA  berichtet,  unzüchtige  Lieder  und 
machen  unanständige  Bewegungen.  Alle  ihre  Handlungen,  Ge- 
spräche und  Gesänge  atmen  Lüsternheit  und  strotzen  von 
schlüpfrigen  Witzen,  die  von  der  Zuhörerschaft  belacht  werden, 
„sowohl  von  denen,  die  gute  Kleider  tragen,  als  von  denen,  die 
ihre   Nahrung  sich  erbetteln  müssen".     Diejenigen,  welche  in 


Malaien  im  engern  Sinne  217 

Gesang  und  Tanz  das  Geringste  leisten,  pflegen  die  Scham- 
losesten zu  sein,  am  zurückhaltendsten  aber  die,  welche  der 
Anmut  im  Tanze  nicht  entbehren.125  Im  Angesicht  der 
Missionare  überschritten  sie  ungeachtet  ihrer  sonstigen 
Ausgelassenheit  die  Grenzen  der  Wohlanständigkeit  nie.126  An 
den  Jünglingen  wird  Beschneidung  vorgenommen,  welche 
tagalisch  Sonat  heißt.127 

Nach  ELIGIO  FERNANDEZ  in  seinem  Wörterbuche 
der  Tagalischen  und  Pampango-  Sprache  haben  die 
Eingeborenen  für  „Hermaphrodit"  die  Bezeichnung  Binabai. 
Es  ist  wohl  ausgeschlossen,  daß  damit  der  anatomische  Zwitter 
gemeint  sei.127/8 

Die  malaiischen  Bewohner  der  Sulu-Inseln 

Auf  den  Sulu-Inseln  scheint  Päderastie  eine  ver- 
breitete Sitte  gewesen  zu  sein.  Als  im  Januar  1588  THOMAS 
CANDISCH  auf  seiner  Seefahrt  die  Insel  Ca  pul  berührte, 
traf  er  die  meisten  Leute  nackt,  die  Männer  höchstens  mit 
einem  aus  Bananenblättern  hergestellten,  ihre  Geschlechtsteile 
bedeckenden  Schurze;  dieser  Schurz  wurde  zwischen  die  Beine 
geklemmt  und  vorn  über  dem  Nabel  befestigt.  Die  Seefahrer 
beobachteten  bei  den  männlichen  Eingeborenen  eine  merk- 
würdige Art  von  Inf ibulation :  jedem  männlichen  Kinde  wurde 
nach  der  Beschneidung  ein  Nagel  von  Zinn  durch  die  Eichel 
der  Rute  getrieben;  die  Spitze  des  Nagels  war  gespalten  und 
dann  umgebogen,  der  Nagelkopf  bildete  ein  Krönchen;  die 
durch  das  Eintreiben  des  Nagels  verursachte  Verwundung  heilte 
im  Kindesalter,  ohne  dem  infibulierten  Kinde  viel  Pein  zu  be- 
reiten; die  Leute  zogen  den  Nagel  heraus  und  steckten  ihn  je 
nach  Bedarf  und  Gefallen  wieder  in  die  Eichel.  Um  sich  von 
der  Richtigkeit  dieser  Tatsache  selbst  zu  überzeugen  und  wohl 
auch  aus  begreiflicher  Neugier,  machten  die  Begleiter  von 
CANDISCH  selber  die  Probe  des  Ausziehens  und  Ein- 
steckens  dieses  Nagels  bei  einem  der  Söhne  des  Häuptlings 
(Kaziken),  einem  zehnjährigen  Knaben.  Diese  Sitte  oder 
Gewohnheit  war  angeblich  auf  Betreiben  der  Weiber  eingeführt 
worden;  als  diese  nämlich  sahen,  daß  die  Männer  stark  der 
Sodomie    (Päderastie)   ergeben   waren,   unterbreiteten   sie   den 


2l8  Die  malaiischen  Naturvölker 

Häuptlingen  ein  Gesuch  und  erlangten  für  die  Zukunft  den 
Gebrauch  der  beschriebenen  Infibulation,  um  der  für  sie  so 
großen  Unannehmlichkeit  vorzubeugen.128  Zu  dem  letzten 
Punkt  bemerkt  sehr  mit  Recht  DE  PAUW,  die  Beschreibung 
PRETTIEs  gebe  keine  Vorstellung  davon,  in  welcher  Weise 
durch  den  Gebrauch  des  Nagels  der  Erfolg  hätte  erreicht  werden 
können,  den  man  von  ihm  erwartet  habe ;  es  sei  gewiß,  daß  er 
die  Männer  ebenso  hindere,  wenn  sie  richtig,  als  wenn  sie 
unrichtig  koitieren  wollten.129 

Die  Nikobaresen 

Nach  HAENSEL  waren  die  Nikobaresenim  Gegen- 
satz zu  ihren  grimmigen  Nachbarn  auf  Malakka  im  allgemeinen 
gut  und  freundlich  von  Gemüt,  außer  wenn  sie  durch  Eifersucht 
oder  durch  Herausforderungen  gereizt  wurden  und  wenn  ihre 
unwiderstehlichen  Leidenschaften  sie  zu  Ausschweifungen  ver- 
leiteten, von  denen  dänische  Soldaten  erzählen  konnten.130 
Auf  Nancauwery,  einer  der  südlichsten  Nikobaren-Inseln,  lebten 
beide  Geschlechter  von  ihrer  Kindheit  an  ohne  jede  Einschrän- 
kung und  begingen , ,  j  ede  Art  Abscheulichkeit' ' ,  oft  bis  zum  völligen 
Ruin  ihrer  Gesundheit  und  ihrer  Kräfte  schon  in  sehr  früher 
Jugend.  Sie  lebten  meist  nicht  in  geregelter  Ehe,  bevor  sie 
ihre  besten  Jahre  hinter  sich  hatten,  nur  wenige  hat  HAENSEL 
kennen  gelernt,  die  sich  früh  verheirateten,  einander  Treue  und 
ihre  Familie  in  guter  Ordnung  hielten.  Dennoch  habe  man 
ein  Recht,  diese  gegen  ihre  Freunde  stets  hilfsbereiten  ,, Wilden' ' 
als  eine  gut  veranlagte  Rasse  zu  bezeichnen.131 

Die  malaiischen  Urbewohner  der  Insel  Formosa 

Eine  lebenswahre  Schilderung  des  Liebelebens  der 
„Wilden"  Formosas  in  den  chinesischen  Annalen  Tai-wan-fu-chih 
des  17.  Jahrhunderts  hat  FRIEDR.  HIRTH  durch  Über- 
setzung  dem   Europäer   zugänglich   gemacht: 

Wenn  Mann  und  Frau  sich  des  Umganges  enthalten, 
gleichviel  ob  Kinder  vorhanden  sind  oder  nicht,  so  wird 
überall  und  mit  jedem  Unzucht  getrieben.  Während  der 
heißen  Jahreszeit  sieht  man  Männer  und  Weiber  nackt,  in 
Paaren  hockend,  den  Beischlaf  vollziehen,  doch  vermeiden 


Malaien  im  engem  Sinne  2 IQ 

die  Erwachsenen,  sich  dabei  von  den   Jüngeren  sehen  zu 

lassen.132 
Ohne  an  dem  Vorkommen  der  Päderastie  unter  den 
„Wilden"  Formosas  im  geringsten  zu  zweifeln,  scheint  mir  doch 
obige  Schilderung  einen  Hinweis  auf  sie  durchaus  nicht  zu 
enthalten,  vielmehr  ausschließlich  normale  Promiskuität  dar- 
zustellen. Es  ist  daher  völlig  unverständlich,  wie  IWAN 
BLOCH  in  diesem  aus  chinesischer  Feder  stammenden  Sitten- 
gemälde nicht  allein  ohne  weiteres  gleichgeschlechtliche  Akte 
wahrnimmt,  sondern  sogar  findet,  daß  diese  Darlegung  „auf 
das  Zustandekommen  der  geschlechtlichen  Verirrungen  ein 
bedeutsames  Licht"  werfe.133  Die  gleichgeschlechtlichen  Akte 
kommen  ohne  allen  Zweifel  auf  ebenso  einfachem  Wege  zu- 
stande, wie  die  verschiedengeschlechtlichen  —  nämlich  auf  dem 
Wege  des  instinktiven  Trieblebens. 

Die     malaiischen     Bewohner     der   Insel    Madagaskar     (die 

Madagassen) 

Wenn  der  alte  DAPPER  1668  von  den  Bewohnern  Mada- 
gaskars den  allgemeinen  Ausspruch  tat:  „Die  Sodomiterey  ist 
bei  ihnen  nicht  bekannt,"  134  so  widerlegte  er  schon  selber  seine 
Behauptung  durch  die  Aufnahme  der  Tsecats  in  sein  Werk, 
worüber  das  Genauere  unter  den  Negern  der  Insel  Madagaskar 
(Seite  178 — 180  dieses  Werkes)  zu  finden  ist. 

Die  Malaien  der  großen  Insel  Madagaskar  sind  nicht 
Urbewohner  dieser  Insel,  sondern  erst  im  12.  oder  13.  Jahr- 
hundert eingewandert  und  vielfach  mit  Negern  vermischt. 
IWAN  BLOCH  und  MAGNUS  HIRSCHFELD  haben  diese 
Tatsache  übersehen  und  daher  eine  aus  dem  Jahrbuch  für 
sexuelle  Zwischenstufen  entnommene  Notiz  über  Päderastie  bei 
Malaien  auf  Madagaskar  mit  ungenauer  Quellenangabe  und 
ohne  Autorschaft,  bei  KARSCH  nicht  wiederzuerkennen  ver- 
mocht.135 

Die    Betanimenen 
Bei  den  Betanimenen  bilden  die  Tänzer,  welche  zur 
Erhöhung  der  Festfreuden  in  den  Dörfern  beitragen,  eine  ge- 
trennte,   wenn    auch    nicht    zahlreiche    Klasse    von    Männern. 
Sie  haben  nach  DE  LACOMBE  besondere  Sitten  und  Bräuche, 


220  Die  malaiischen  Naturvölker 

leben  abgesondert,  verheiraten  sich  niemals  und  hassen  und 
verabscheuen  die  Weiber  [d.  h.  wohl  nur  den  geschlechtlichen 
Verkehr  mit  ihnen],  obwohl  sie  deren  Kleidung  tragen  und 
deren  Stimme,  Gesten  und  Eigentümlichkeiten  ,, kopieren";  sie 
tragen  in  den  Ohren  breite  Ringe,  um  den  Hals  goldene  oder 
silberne  Bänder  mit  Korallen  oder  gefärbten  Glaskugeln  und 
an  den  Armen  silberne  Spangen ;  sie  rasieren  sich  sorgfältig ;  man 
nennt  sie  Sekatses,  d.  h.  Bastarde,  „vielleicht,  weil  es  unehe- 
liche Kinder  sind".  Übrigens  pflegen  diese  Tänzer  einfache 
Sitten  zu  haben,  sie  leben  sehr  mäßig,  sind  beständig  auf 
Reisen  und  werden  überall,  wohin  ihr  Weg  sie  führt,  gern 
aufgenommen;  zuweilen  erhalten  sie  sogar  beträchtliche  Ge- 
schenke; Vornehme  geben,  nachdem  die  Tänzer  ihnen  einige 
Tage  hindurch  die  Zeit  angenehm  vertrieben  haben,  bei  deren 
Abreise  als  Geschenk  zwei  oder  drei  Sklaven  mit.  Diese  Tänzer 
sind  zugleich  die  Nationaldichter  oder  Barden  der  Betanimenen, 
indem  sie  Lobgesänge  dichten  auf  diejenigen,  von  denen  sie 
angemessen  bezahlt  werden.136 

Die    Hovas    oder    Huven 

Auch  unter  den  Hovas  kommen  Sekatses-zrtige,  effe- 
minierte  Männer,  z.  B.  in  Miarinarivo,  vor.  Sie  heißen  nach 
RENCUREL  (bei  LASNET)  in  Emymien  Sarimbavy,  von  sar, 
Bild,  und  vavy,  Weib.137  Von  ihnen  gilt  im  allgemeinen  das- 
selbe, was  von  den  Sakalaven,  die  aber  nicht  Malaien, 
sondern   Neger  sind,  mitgeteilt  wurde  (siehe  vorher  S.  179). 

Nach  einem  kurzen,  bei  LASNET  1899  veröffentlichten 
Bericht  hat  RENCUREL  seine  Erfahrungen  1900  selbst  ein- 
gehender geschildert.  Da  nur  außerordentlich  wenig  Genaues 
über  Päderasten  unter  den  Naturvölkern  bekannt  gemacht 
worden  ist,  dürfte  es  sich  lohnen,  diese  Erfahrungen  ausführlich 
wiederzugeben : 

Im  August  1897  stellte  sich  im  madagassischen  Hospital 
zu  Tananarivo  dem  Arzte  Dr.  RENCUREL  ein  Eingeborener 
vor  mit  dem  Ersuchen  um  eine  Bescheinigung  seiner  Unfähigkeit 
zur  Arbeit.  Er  ließ  durchblicken,  daß  er  für  die  schweren 
Arbeiten  der  Männer  überhaupt  nicht  gebaut  sei  und  das  von 
ihm  Geforderte  nicht  zu  leisten  vermöge.     Da  er  dem  Arzte 


Malaien  im  engem   Sinne  221 

aber  von  ziemlich  kräftiger  Konstitution  zu  sein  schien  und 
auf  eine  Krankheit  sich  nicht  berufen  konnte,  lehnte  der  Arzt 
es  ab,  ihn  von  der  Arbeit  freizumachen.  Erstaunt  über  die 
ihm  gegebene  fremdartige  Begründung  erfragte  er  sich  Aus- 
kunft von  seinem  Dolmetscher,  der  ihm  erklärte,  daß  der 
Mann  ein  Sarimhavy  sei.  RENCUREL  legt  dann  die  Aus- 
künfte dar,  die  er  über  die  Sitten  dieser  Personen  hat  erlangen 
können  und  im  Anschlüsse  daran  seine  eigenen  Untersuchungen 
an  zwei  Sarimhavy.  Wir  wollen  hier  den  umgekehrten  Weg 
einschlagen  und  seine  Untersuchungen  seinen  allgemeinen 
theoretischen  Erörterungen  vorausschicken. 

Der   Sarimhavy  wird   als   ein  in  seiner  äußern  Erschei- 
nung und   seiner    ganzen   Lebensart    zum   Weibe   gewordener 
Mann  angesehen.    Der  Name  bedeutet:  Ebenbild  der  Frau.138 
I.  Beobachtung.139  —  X.,  etwa  28  Jahre  alt,  bei  Tana- 
narivo  geboren,  ein  Hova. 

Seine  Mutter  hatte  sieben  Kinder,  darunter  ein  Mädchen, 
alle  noch  lebend  und  gesund,  außer  einem  mit  einem  Hals- 
Auswuchs  behafteten  Sohne;  es  handelt  sich  dabei  um  ein  in 
gewissen  Städten  Emyrniens  häufig  auftretendes  Kropfleiden. 
Die  Untersuchung  direkter  nervöser  oder  persönlicher 
Antezedentien  ergab  nichts  von  Belang. 
Religionbekenntnis  protestantisch. 

Als  Kind  verkehrte  er  mit  Mädchen,  spielte  mit  seiner 
einzigen  Schwester  und  liebte  seine  Brüder  nicht;  nach  dem 
Grunde  befragt  gab  er  zur  Antwort:  er  wisse  ihn  nicht. 

In  der  Schule  besuchte  er  die  Mädchenklasse,  obwohl  die 
Lehrerin  sein  Geschlecht  kannte.  Er  verließ  die  Schule  etwa 
im  elften  Jahre,  ohne  lesen  und  schreiben  zu  können.  Seine 
Mutter  lehrte  ihn  Betsileo- Seide  spinnen,  nähen  und  weben. 
Da  er  die  Gesellschaft  der  Knaben  mied,  mußte  die  Mutter 
ihn  schlagen,  um  ihn  zum  Verkehr  mit  Altersgenossen  zu 
zwingen.  Sein  Vater  versuchte  durch  Geld  Versprechungen  ihn 
zum  Aufgeben  seiner  selbstgewählten  Mädchenkleidung  zu  be- 
wegen, um  sie  mit  denen  seines  Geschlechts  zu  vertauschen. 
Er  widerstand  indessen  allen  Versuchungen.  Er  ließ  sich  auch 
fernerhin  wie  seine  Gespielinnen  putzen. 


222  Die  malaiischen  Naturvölker 

Von  Charakter  war  er  stets  sanft,  gutartig,  kinderliebend. 
Ein  nervöses  Leiden  schien  in  seiner  Erinnerung  keine  Spur 
hinterlassen  zu  haben.     Alkoholiker  war  er  nicht. 

Er  hatte  niemals  einen  Sarimbavy  zum  Freunde  und  in 
seiner  Familie  ist  er  der  einzige  Sarimbavy. 

Gegenwärtig  fühlt  er  sich  glücklich,  „Weib  zu  sein".  Er 
gibt  der  weiblichen  Tracht  den  Vorzug.  Er  fühlt  sich  von 
Scham  ergriffen  in  Gesellschaft  von  Männern.  Niemand  hat 
ihm  je  seine  Gewohnheiten  zum  Vorwurf  gemacht;  überall  wird 
er  als  Weib  angesehen,  und  das  bereitet  ihm  Freude. 

Den  Koitus  übte  er  nur  einmal,  im  27.  Lebensjahre  aus, 
und  zwar  im  Zustande  der  Trunkenheit,  was  ihm  sehr 
selten  zustieß,  und  nur  auf  lebhaftes  Betreiben  des  betreffenden 
Weibes.  Er  holte  sich  Blennorrhagie.  Bei  dieser  ersten  Be- 
ziehung zu  einem  Weibe  empfand  er  keinerlei  Wollust;  er  will 
sie  nicht  wiederholen,  selbst  ohne  etwas  fürchten  zu  müssen. 

Von  den  Mädchen,  mit  denen  er  zusammenlebt,  läßt  er 
sich  frisieren  und  er  frisiert  auch  sie.  Nie  hat  er  die  Salaka  ge- 
tragen, das  Kleidungstück,  das  den  Mann  vom  Weibe  unter- 
scheidet. 

Untersuchung:  Normal  gebaut,  Größe  1.70  m.  Brust- 
umfang 0.86  m.  Gesicht  glatt.  Muskulatur  schwach  ent- 
wickelt. Schultern  gerundet;  fettiges  Zellgewebe  reichlich,  aber 
keine  Wohlbeleibtheit. 

Gaumen  spitzbogig,  Zäpfchen  angewachsen;  Bezahnung 
schön,  regelmäßig.  Geschlechtsorgane  gut  entwickelt,  Eichel 
frei,  Hoden  voluminös;  Schamgegend  enthaart. 

Er  leidet  weder  an  Alpdrücken,  noch  an  Halluzinationen, 
noch  an  nächtlichen  Pollutionen ;  nie  hat  er  an  sich  selbst  mastur- 
biert. 

Er  empfindet  nie  Verlangen  gegenüber  einem  Weibe; 
gleichwohl  besitzt  er  eine  ausgesprochene  Sympathie  für  die 
schönen  unter  ihnen,  ohne  den  Wunsch  zu  fühlen,  geschlecht- 
liche Beziehungen  mit  ihnen  anzuknüpfen.  Es  fehlt  ihm  nicht 
an  Erektionen. 

Seine  Stimme  ist  grell,  von  weichem  Klang  und  hoher 
Tonlage.  Er  bestreitet,  jemals  anormale  sexuelle  Beziehungen 
gehabt  zu  haben.     After  normal. 


Malaien  im  engem  Sinne  223 

II.  Beobachtung.140  —  X.,  etwa  25  Jahre  alt.  Wuchs 
über  Mittelgröße. 

Er  hat  sechs  Brüder,  alle  groß  und  gesund;  er  ist  das 
vierte  Kind  und  der  einzige  Sarimbavy  seiner  Familie. 

Krankhafte  Antezedentien  liegen  nicht  vor.  Die  Mutter 
starb  plötzlich,  ohne  vorher  krank  gewesen  zu  sein.  Die  Ursache 
des  Ablebens  seines  Vaters  ist  unbekannt.  Früh  wurde  er 
Waisenknabe. 

Persönliche  Antezedentien:  er  hatte  die  Blattern. 

Als  beim  Tode  der  Mutter  der  alte  Vater  niemanden  zum 
Wasserholen  hatte,  verwendete  er  diesen  Sohn  dazu,  während 
sonst  diese  Arbeit  gewohnheitmäßig  von  den  Mädchen  ge- 
leistet wird.  Seitdem  trägt  er,  wenn  er  sich  recht  erinnert, 
Mädchenkleider;  sein  Alter  zu  diesem  Zeitpunkte  vermag  er 
nicht  genau  anzugeben.  Sein  Haar  wuchs  frei,  ohne  jemals 
beschnitten  zu  werden.  Er  behauptet,  mit  alledem  nicht  zu- 
frieden gewesen  zu  sein,  aber  das  Elend  habe  ihn  gehindert, 
seine  Tracht  zu  ändern. 

In  seiner  Kindheit  hat  er  Freunde  nicht  besessen. 

So  blieb  er  etwa  2%  Jahre  bei  seinem  Vater.  Nach  dessen 
Tode  wurde  er  von  seiner  Großmutter  väterlicherseits  auf- 
genommen, bei  der  er,  aus  Gewohnheit,  seine  Lebensweise 
beibehielt. 

Die  Schule  hat  er  nicht  besucht;  er  spielte,  tanzte  und 
sang  mit  den  Mädchen,  die  sich  um  sein  Geschlecht  nicht 
kümmerten.  Er  empfand  Scham,  sich  männlichen  Kindern 
zuzugesellen. 

Seine  Hauptbeschäftigung  waren  die  Arbeiten  der  jungen 
Mädchen. 

Niemals  hat  er  einen  Sarimbavy  zum  Freunde  gehabt. 

Gegenwärtig  verfertigt  er  Matten,  webt,  verpflanzt  den 
Reis,  alles  Beschäftigungen,  welche  den  Frauen  obliegen.  Seit 
sehr  langer  Zeit  bevorzugt  er  die  Gesellschaft  der  Frauen,  die 
zu  liebkosen  er  sich  nicht  einfallen  läßt,  auch  wenn  sie  reizend 
sind.  Vor  mehr  als  drei  Jahren  schlief  er  unter  den  Mädchen 
und  hatte  auch  einige  Male  geschlechtliche  Beziehungen  zu 
ihnen,  aber  stets  nur  auf  deren  Betreiben  hin.  Er  fand  daran 
niemals  Vergnügen,  obgleich  er  sich  entsinnt,  zur  Ejakulation 


224 


Die  malaiischen  Naturvölker 


gekommen  zu  sein.  Seit  drei  Jahren  hat  er  keine  solchen  Be- 
ziehungen mehr  angeknüpft.  Er  masturbiert  nicht  an  sich  selbst; 
er  hat  weder  erotische  Träume,  noch  nächtliche  Samenverluste, 
noch  spontane  Erektionen.  Um  ihn  zur  Ausübung  des  Koitus 
zu  bringen,  mußten  die  Frauen  längere  Zeit  die  Erektion  auf- 
rechterhalten.    Kinder  meint  er  nicht  gezeugt  zu  haben. 

Normal  gebaut :  Geschlechtsorgane  groß,  Eichel  frei.  Be- 
haarungsystem anscheinend  gut  entwickelt,  gewisse  Gesichts- 
teile sind  von  alter  Enthaarung  glatt.  Muskulatur  weich. 
After  normal.  Keinerlei  Mißbildung.  Haupthaar  lang.  Zäpf- 
chen angewachsen;  Gaumen  regelrecht;  Gebiß  regelmäßig. 
Stimme  durchdringend. 

Der  Mann  behauptet,  niemals  anormale  sexuelle  Be- 
ziehungen gehabt  zu  haben. 

Was  nun  RENCUREL  außer  diesen  beiden  Fällen  eigener 
Erfahrung  durch  Ausfragen  und  Mitteilungen  anderer  hat  fest- 
stellen können,  ist  folgendes: 

Noch  als  Kind  steckt  man  den  Sarimbavy  in  Mädchen- 
kleider. Bisweilen  geben  Eltern,  welche  nur  Knaben  haben  und 
doch  auch  eine  Tochter  zu  besitzen  wünschen,  selbst  einem 
ihrer  Söhne  weibliche  Erziehung.  In  anderen  Fällen  muß  ein 
Knabe,  um  als  Mädchen  auftreten  zu  können,  den  väterlichen 
Willen  brechen. 

Der  Sarimbavy  sucht  nun,  sei  es  aus  Instinkt,  sei  es  aus 
erzwungener  Wahl,  die  Gesellschaft  kleiner  Mädchen  als  Spiel- 
gefährtinnen. Er  meidet  dagegen  die  Knaben  oder  wird  ge- 
zwungen, sie  zu  meiden.  Der  Sarimbavy  kann  demnach  dop- 
pelten Ursprungs  sein,  aus  eigener  Wahl  oder  erzwungen. 
Auch  im  letzteren  Falle  wird  es  ihm,  wenn  er  seinem  Vater,  der 
ihn  in  eine  weibliche  Entwicklungrichtung  drängen  möchte, 
sich  vergeblich  widersetzt,  doch  anscheinend  leicht,  die  Sitten, 
die  ihm  aufgenötigt  werden,  anzunehmen,  obwohl  sie  keines- 
wegs zu  seinem  Geschlecht  passen. 

Zum  Burschen  herangereift,  läßt  er  das  Haar  lang  wachsen 
und  knüpft  es  zum  Chignon,  nach  Art  armer  Frauen,  da  er 
gewöhnlich  auch  der  niederen  Klasse  angehört.  Zur  Arbeit 
gezwungen,  lernt  er  die  Anfertigung  von  Spitzen,  lernt  nähen, 
flechten  von  Matten   (Saabika)  und   weben,    beschäftigt    sich 


Malaien  im  engern   Sinne  225 

mit  Wassertragen :  alles  weiblicher  Beschäftigung.  Gleich 
Frauen  ist  er  mit  einem  langen  Rock  aus  Leinwand  und 
einer  großen  weißen  Lamba  bekleidet.  Endlich  erwachsen 
rupft  er  sich  das  Barthaar  aus. 

Inzwischen  haben  sich  seine  Organe  regelrecht  entwickelt. 
Bei  der  Prüfung  ergibt  sich,  daß  die  Schultern  gerundet  sind 
und  ihre  Vorsprünge  bei  den  Kontraktionen  wenig  deutlich 
hervortreten ;  daß  das  Fettzellengewebe  an  den  Gelenken  eine 
dicke  Lage  bildet  und  ihnen  so  eine  weiche  Beschaffenheit 
verleiht;  daß  der  biceps  (der  zweiköpfige  Oberarmmuskel), 
der  deltoideus  (der  Deltamuskel,  Armheber),  der  triceps  cruralis 
und  suralis  (der  dreiköpfige  Kniebeuge-Fußstreck-Muskel)  weder 
die  Festigkeit  noch  die  Geschmeidigkeit  zeigen,  die  sonst  bei 
Personen  von  gleicher  Gesamt-Konstitution  angetroffen  werden; 
daß  die  Hände  klein,  die  Gelenke  geschmeidig  und  schmal  sind : 
man  weiß  ja,  wie  das  Hovaweib  seine  Finger  pflegt  und  kennt 
die  Feinheit  seiner  Sehnen. 

Hinsichtlich  seiner  Gesch  lechtsorgane  sind  die  Hoden  und  ist 
die  Rute  vollkommen  normal  gebildet,  die  Eichel  bedeckt.  Das 
Haarsystem  scheint  an  all  den  Stellen,  wo  es  nicht  seit  lange 
fortgebeizt  wurde,  sehr  reich  entwickelt,  besonders  an  der  Scham 
und  in  der  Achselgegend. 

Die  Stimme  zeigt  eine  interessante  und  beachtenswerte 
Sonderart:  sie  ist  grell,  von  hoher  Tonlage,  ähnlich  der  eines 
Kastraten.  Es  ist  das  eine  Erscheinung  von  bemerkenswerter 
Regelmäßigkeit ;  der  Sarimbavy  spricht  mit  demselben  Stimmfall, 
mit  dem  gleichen  Klang  wie  ein  Weib,  und  zwar  ohne  jede 
Absichtlichkeit  oder  gar  Berechnung.  Er  bringt  die  Laute 
in  großer  Vollendung  unbewußt  hervor;  es  wäre  unmöglich, 
ihn  einige  Worte  in  der  Baßlage  aussprechen  oder  singen  zu 
lassen.     Sein  Lachen  ist  durchdringend  wie  das  eines  Kindes. 

In  Hinsicht  seines  Charakters  und  seiner  Sitten  ist  der 
Sarimbavy  durchaus  nicht  weniger  interessant.  Wie  er  in  be- 
ständiger Berührung  mit  Frauen  deren  Kleidung,  deren  Tätig- 
keiten „angenommen"  hat,  so  scheint  ihm  auch  deren  Charakter 
zur  zweiten  Natur  „geworden".  Er  ist  sanft,  scheu,  von  furcht- 
samem Aussehen,  seine  Schwäche  mit  dem  Zauber  einer  gewissen 
Kindlichkeit   verhüllend.     Er   fühlt   sich   unter   Männern   be- 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  15 


22Ö  Die  malaiischen   Naturvölker 

schämt,  er  liebt  ihre  Gesellschaft  nicht,  als  ob  er  Furcht 
vor  ihrer  ein  wenig  brutalen  Rauheit  habe;  er  zeigt  sogar 
Schamhaftigkeit,  welche  ihm  seine  Mitschwestern  sicher  nicht 
beigebracht  haben  können  in  einem  Lande,  in  dem  Prosti- 
tution die  Regel  ist. 

Als  der  Arzt  den  einen  seiner  beiden  Sarimbavy  fragte, 
ob  er  irgendwelche  geschlechtlichen  Beziehungen  eingegangen 
sei,  schien  sein  Gesicht  (die  Hovas  sind  nicht  schwarz)  zu 
erröten,  und  mit  einer  Geste,  die  nicht  der  Anmut  entbehrte, 
führte  er  den  Lamba  unter  sein  Kinn  und  erwiderte:  „veta, 
veta"  (ich  habe  Abscheu  davor,  eigentlich:  ich  habe  Scham). 
Beide  waren  nur  mit  genauer  Not  dazu  zu  bringen,  zum  Zwecke 
der  Untersuchung  vor  Dolmetscher  und  Arzt  sich  zu  ent- 
kleiden. Die  Kleider,  die  Bewegungen,  die  Manieren  und 
schließlich  die  Stimme  schlössen  sich  zum  vollständigen  Trug- 
bilde eines  Weibes  zusammen. 

Der  Sarimbavy  hat  sich  „so  vollständig  von  seiner  eigent- 
lichen männlichen  Persönlichkeit  losgelöst",  daß  er  kein  Ver- 
langen nach  dem  Koitus  fühlt,  wie  gut  auch  seine  Organe  imstande 
wären,  dazu  zu  treiben,  und  obwohl  er  inmitten  junger  mann- 
barer Mädchen  von  stets  leichten  Sitten  lebt.  Erektionen 
treten  bei  ihm  sehr  selten  auf;  sie  scheinen  gewissermaßen 
lästig.  Auf  die  Frage  des  Arztes,  ob  er  ein  hübsches  Mädchen 
einem  garstigen  vorziehe,  zauderte  er  keinen  Augenblick,  so 
zu  antworten,  wie  alle  Welt  es  tut ;  als  er  ihn  aber  veranlassen 
wollte,  diese  Bevorzugung  in  wollüstige  Annäherung  umzusetzen, 
vermochte  der  Sarimbavy  nicht,  ihm  zu  folgen.  Die  Ehe  liegt 
dem  Sarimbavy  nicht,  selbst  nicht  zu  dem  einzigen  Zwecke 
des  Besitzes  von  Kindern.  Und  doch  wird  dieser  in  Emymien 
als  Ehrenpflicht  angesehen.  Ein  Mädchen  wird  gewöhnlich 
vom  zukünftigen  Gatten  versuchsweise  genommen  und  die  Ehe 
erst  später  geschlossen,  das  sterile  Mädchen  aber  preisgegeben. 
Dem  Sarimbavy  bereitet  der  Koitus,  wenn  er  ihn  übt,  was  stets 
nur  auf  dringendes  Bitten  des  Weibes  geschieht,  keine  an- 
genehme Empfindung.141 

Hat     nun,      fragt    RENCUREL,      der     Sarimbavy 
anormale     geschlechtliche      Beziehungen  ? 
Diese  Frage,  meint  er,  lasse  sich  in  Anbetracht  der  „Falschheit" 


Malaien  im   engern  Sinne  227 

der  Hovas  schwer  beantworten.  Indessen  glaube  er  nach  einem 
umständlichen  Verhör  und  nachdem  er  seitens  sachkundiger 
Madagassen  Auskünfte  erhalten  habe,  behaupten  zu  können, 
daß  bis  auf  seltene  Ausnahmen  der  Sarimbavy  sich  nicht  zu 
einem,, widernatürlichen"  Akt  hergebe.  Der  Anus  sei  tatsächlich 
bei  den  untersuchten  Sarimbavy  nicht  trichterförmig  gewesen ; 
ohne  diesem  allzu  unzuverlässigen  Kennzeichen  große  Be- 
deutung beizumessen,  genüge  es,  sein  Fehlen  festzustellen.  Der 
Mundkoitus  scheine  auch  nicht  den  Sitten  der  Sarim- 
bavy eigentümlich  zu  sein.  Es  gebe  gleichwohl  Sarim- 
bavy in  geringer  Zahl,  welche  dafür  bekannt  seien,  daß  sie  sich 
prostituierten ;  in  diesen  Fällen  würde  der  Koitus  zwischen  den 
Schenkeln  ausgeführt,  von  hinten  her  zwischen  den  genäherten 
Schenkeln,  nicht,  „wie  bei  den  Invertierten",  durch  Ein- 
dringen in  den  After.  Allein  das  sei  in  Emyrnien  die  Aus- 
nahme und  man  könne  als  Regel  annehmen,  daß  der  Sarimbavy 
geschlechtliche  Beziehungen  irgend  welcher  Art  nicht  eingehe. 
Und  dieser  Charakter  verleihe  ihm   seine  Eigenartigkeit.142 

Auf  Grund  der  Untersuchung  von  nur  zwei  Sarimbavy  und 
sich  stützend  auf  die  erlangten  Auskünfte  über  die  Sarimbavy 
überhaupt  beantwortet  sich  RENCUREL  seine  Frage,  ob 
man  den  Sarimbavy  als  einen  „Invertierten"  ansehen  müsse, 
dahin :  Seine  Gewohnheiten  seien  nicht  charakteristisch  genug, 
da  ja  die  Inversion  bei  ihm  vor  anormalen  geschlechtlichen 
Beziehungen  Halt  mache,  um  ihn  mit  dieser  Klasse  unterschiedlos 
zusammenzuwerfen.  Er  müsse  vielmehr  eine  Sondergruppe 
bilden,  die  der  geschlechtslosen  Invertierten, 
da  sie  jedwedem  Geschlechtsakt,  welcher  Art  er  auch  sein 
möge,  sich  abgeneigt  zeigten.143 

Und  zu  diesem  Ergebnis  gelangt  der  Arzt,  obwohl 
er  i.  auf  das  angebliche  äußere  Kennzeichen  erlittener  Podi- 
kation, den  trichterförmigen  After,  den  er  bei  seinen  beiden 
Sarimbavy  nicht  vorfand,  als  unzuverlässig  keinen  Wert  legt; 
obgleich  er  2.  von  der  Falschheit  der  Hovas  überzeugt  ist,  eine 
Falschheit,  welche  in  diesem  Falle  nicht  einmal  vorzuliegen 
braucht,  indem  das  Abstreiten  geschlechtlichen  Umgangs  mit 
Männern  seitens  der  ausgefragten  Sarimbavy  sich  durch  scham- 
hafte Zurückhaltung  vollständig  erklärt;    und   obschon  ihm  3. 


228  ^ie  malaiischen  Naturvölker 

mitgeteilt    war.    daß    es   sich  prostituierende  Sarimbavy  gebe. 
Das  ist  wirklich  zu  viel  für  logisches  Denken! 

Seine  Prüfung,  ob  die  Ursachen  der  angenommenen 
Perversion  vielleicht  in  einer  Art  von  religiösem  Fanatismus  oder 
in  irgend  einem  Familien-Aberglauben  zu  suchen  seien,  führte 
den  Arzt  zu  keinem  bestimmten  Ergebnisse.  Angenommen 
selbst,  die  bloße  Autorität  der  Eltern  sei  stark  genug,  um  einem 
noch  jugendlichen  Menschen  anormale  Gewohnheiten  aufzu- 
nötigen, findet  er  es  doch  in  hohem  Grade  erstaunlich,  daß 
das  reifere  Alter  den  Sarimbavy  nicht  an  seine  eigentlichen 
Funktionen  erinnere!  Andererseits  wisse  man,  daß  der  Vater 
bisweilen  ausserstande  sei,  seinen  Sohn  dem  Charakter  und  den 
Gewohnheiten  seines  Geschlechts  zuzulenken.  Nach  alledem 
glaubt  er  sich  zu  dem  Schlüsse  berechtigt,  daß  der  Ursprung 
der  „Perversion"  des  Sarimbavy  bald  in  der  Natur  des  Indi- 
viduums selbst  hege,  bald  in  seinem  Vorleben  usw. ;  und 
obwohl  die  bei  den  beiden  untersuchten  Sarimbavy  hervor- 
gehobenen physischen  Stigmata  der  Entartung  weder  zahlreich 
noch  auch  sehr  deutlich  seien,  könne  man  doch  sagen,  der 
Sarimbavy  sei  wie  alle  Invertierten  ein  Entarteter.143 

Und  diese  Lehre  des  Franzosen  RENCUREL  von  den 
geschlechtslosen  Invertierten  hat  der  niederländische  Arzt  VAN 
BREROauf  Java  ohne  jede  Kritik  1905  als  wissenschaftlich  aus- 
reichend fundierte  Wahrheit  hingenommen;  und  auch  er 
sieht  diese  „geschlechtslose  Geschlechtsverirrung"  für  teils 
angeboren,   teils   erworben  an.14* 


Die  Polynesier 

Wie  JOHN  DüNMORE  LANG  dargelegt  hat.  gleichen 
die  VölkerderSüdseein  ihrer  physischen  Beschaffenheit 
sowie  auch  in  ihrem  allgemeinen  Charakter  sehr  stark  den 
Malaie  n.145  Mehrfach  werden  fast  alle  diese  Völker  als  von 
ganz  hervorragender  Schönheit  geschildert.146  BERTHOLD 
SEEMANN  versichert  um  1845 — 1851,  es  habe  bei  ihnen  „alle 
Laster  der  zivilisierten  Welt"  gegeben  und  es  sei  daher  der 
Glaube  ohne  allen  Grund,  daß  der  Verkehr  mit  zivilisierten 
Völkern  die  „Wilden"  irgend  ein  neues  Laster  lehren  könne.147 
Im  Punkte  der  Sinnlichkeit,  meint  VON  HELL  WALD,  könne 
dem  Polynesier  keine  andere  Rasse  an  die  Seite  gestellt  werden.148 
Die  „Sittenlosigkeit"  sei  nirgends  größer  als  bei  ihnen.  Und 
obgleich  die  Zustände  seit  hundert  Jahren  sich  wesentlich  „ge- 
bessert" hätten,  sei  die  jetzt  herrschende  ..Gesittung"  doch 
nur  eine  äußere  Tünche.149 

Die    Samoaner 

Der  Kapitän  ERSKINE  weiß  nicht  genug  die  Reinlichkeit 
und  Wohlanständigkeit  der  Samoaner  zu  loben,  Eigen- 
schaften, welche  diese  Inselbewohner  hoch  über  gewisse  ver- 
achtete zivilisierte  Nationen  stellten.  Wie  bedenklich  auch 
immer  die  ..Sittlichkeit"  der  beiden  Geschlechter  beschaffen  sein 
möge,  nie  habe  er  während  seines  Aufenthaltes  auf  Samoa 
ein  unanständiges  Wort  gehört  oder  eine  zweideutige  Handlung 
wahrgenommen.150  Freigebigkeit  und  Gastlichkeit  werden  von 
OTTO  E.  EHLERS  als  die  beiden  hervorstechendsten  Eigen- 
schaften des  samoanischen  Volkscharakters  bezeichnet.151 

Bei  so  weitgehendem  äußerlichen  Schliff  könnte  es  kaum 
überraschen,  wenn  in  der  europäischen  Literatur  über  Päderastie 
bei  den   Samoanem  wenig  oder  nichts  sich  vorfinden   sollte. 


230 


Die  malaiischen  Naturvölker 


Tatsächlich  ist  dem  Verfasser  dieser  Kompilation  nicht  eine 
einzige  hierher  gehörige  Angabe  begegnet.  Der  deutsche 
Marine-Oberstabsarzt  AUGUSTIN  KRÄMER  hat  in  seinen 
beiden  großen  neueren  Werken  über  Samoaloä  den  Gegenstand 
nicht  einmal  gestreift.  Gleichgeschlechtliches  Leben  dürfte  aber 
auf  Samoa  ebenso  wenig  fehlen  wie  auf  Tahiti,  Hawaii  und 
auf  den  Marschallinseln.  In  der  Tat  hat  der  eben  genannte 
Forscher  denn  auch  nach  einer  während  Niederschrift  dieser  Arbeit 
erschienenen  Abhandlung 153  die  etwas  stark  verspätete  Ent- 
deckung gemacht,  daß  „Perversitäten  in  allen  Formen"  bei 
Naturvölkern  vorkommen,  „was  man  bislang  fast  für  aus- 
geschlossen hielt".  Seine  „letzten  Forschungen"  bestätigten 
das  sogar  „in  auffallender  Weise".  Ob  diese  letzten  Forschungen 
KRÄMERs  auch  die  Samoaner  betreffen  und  nicht  etwa 
irgend  ein  anderes  Naturvolk,  wird  bedauerlicherweise  in  seiner 
hoffentlich  bloß  vorläufigen  Mitteilung  nicht  angedeutet. 
Auf  Anfrage  des  Verfassers  hat  aber  diesem  Herr  Professor 
Dr.  AUGUSTIN  KRÄMER  unter  dem  19.  März  191 1  in 
freundlichster  Weise  brieflich  bestätigt,  daß  die  Perversitäten 
in  fast  allen  Formen  bei  allen  Völkern,  auch  gerade 
bei  den  Primitiven,  vorzukommen  und  hier  sogar  völlig 
in  Schwang  zu  sein  schienen.  Während  bei  uns  die  meisten, 
die  sich  nicht  speziell  mit  dieser  Frage  beschäftigten,  Ärzte 
einbegriffen,  die  verschiedenen  technischen  Namen  der  ein- 
zelnen Formen  kaum  oder  gar  nicht  anzugeben  wüßten,  sei 
er  überrascht  gewesen,  bei  den  Eingeborenen  Melanesiens 
und  der  Karolinen  fast  nur  prompte  Antworten  zu  bekommen, 
wie  von  Spezialisten. 

Auf  Samoanisch  heißt  nach  PRATT  der  Mann  Tagata 
oder  Tane,15i  das  Weib  Fafine;155  ein  unverheirateter  Mann 
ist  ein  Taataanoa,  ein  unverehelichtes  Weib  eine  Nofofua.156 
Auf  weiblich  geartete  Mannspersonen  unter  den  Samoanern 
weist  das  Samoawort  Faafafine,  „Nicht  ganz  Weib"  oder 
„Nichtweib"  hin,  das  nach  PRATT  weibisch,157  nach  W.  VON 
BÜLOW  „Hermaphrodit"  bedeutet  und  von  diesem  Gewähr- 
manne, gewiß  irrtümlich,  als  Bezeichnung  körperlicher  Miß- 
bildung genommen  wird,158  während  nach  PRATT  Amio 
faafafine   weibliches   Betragen   eines   Mannes   bedeutet,159   ein 


Polynesier  23 1 

Ausdruck,  der  deutlich  genug  das  bezeichnet,  warum  es  sich 
hier  wesentlich  handeln  dürfte.  Auch  um  einen  Ausdruck  für 
sodomitische  Akte  scheint  der  Samoaner  durchaus  nicht  ver- 
legen zu  sein;  denn,  wie  PRATT  angibt,  heißt  von  hinten 
gebrauchen:  Sese,  0  le  ulaga,160  zu  deutsch  etwa:  scherzhafte, 
belustigende  Verwechslung,  und  dürfte  wohl  kaum  anders  als 
sodomitisch  gedeutet  werden  können. 

Der  Samoaner  verehrt  nach  GEORGE  TURNER  einen 
Haushaltung-  oder  Familien-Gott  Satia,  der  die  Macht  besitzt, 
sich  je  nach  Laune  in  einen  Mann  oder  ein  Weib  zu  verfleisch- 
lichen. Wünscht  er  den  Beischlaf  mit  einem  bestimmten  Weibe, 
nimmt  er  Mannesgestalt  an ;  verlangt  ihn  nach  einem  männlichen 
Wesen,  tritt  er  als  Weib  in  Erscheinung.161 

Nach  demselben  Gewährmann  soll  Keuschheit  bei  den 
Samoanern  nur  dem  Namen  nach  vorhanden  sein.  Von  Kindheit 
auf  sind  ihre  Ohren  den  obszönsten  Gesprächen  zu  lauschen 
gewöhnt  und  bei  dem  engen  Zusammenhausen  oft  großer 
Familien  ist  „Immoralität",  mit  der  er  nur  geschlechtliche  Frei- 
heit   meint,     die    natürliche    und  die  überwiegende  Folge.162 

G.  TURNER  erzählt  auch  von  nächtlichen  Zusammen- 
künften der  Männer,  bei  denen  sie  in  ihrem  kurzen  Blätter- 
schurze erscheinen.  Auf  nächtlichen  Gelagen  wird  oft  bis  zum 
lichten  Tage  getanzt  und  geschmaust.  Mit  ihren  Tänzen,  die 
bald  von  den  Männern,  bald  von  den  Frauen  allein,  nur  ge- 
legentlich gemischt  ausgeführt  werden,  sollen  „alle  Arten  von 
Unanständigkeit"  in  Worten  und  Gebärden  verbunden  sein.163 

Eine  wichtige  Rolle  im  Leben  des  Samoaner- Jünglings 
spielt  die  Tatauierung.  Ein  nicht  tatauierter  Mann  konnte 
noch  gegen  Ende  des  neunzehnten  Jahrhunderts  auf  Samoa, 
wie  GEORGE  TURNER  berichtet,  nicht  an  Heirat  denken ; 
auch  war  er  beständig  der  Verhöhnung  ausgesetzt  und  galt  als 
lächerliche  Person,  ,,als  ob  er  arm  und  von  niederer  Geburt 
wäre  und  kein  Recht  hätte,  in  Gesellschaft  von  Männern  mit- 
zureden". Sobald  er  jedoch  sich  hatte  tatauieren  lassen,  gesellte 
er  sich  ohne  Gefahr  zur  großen  Masse  und  sah  sich  selber  für 
berechtigt  an,  auf  die  Achtung  und  die  Vorrechte  reiferer  Jahre 
Anspruch  zu  erheben.  War  daher  ein  junger  Mann  16  Jahre  alt 
geworden,  trug   er  selbst  und  trugen  seine  Freunde  Sorge,  daß 


202  Die  malaiischen  Naturvölker 

er  möglichst  mit  einem  jungen  Häuptlingssohne  tatauiert  wurde. 
Für  ein  halbes  oder  ein  volles  Dutzend  gleichzeitig  zu  tatau- 
ierender  Jünglinge  waren  bis  ein  halbes  Dutzend  Fachleute, 
Tufuga  tätatau,  erforderlich.  Auf  Samoa  galt  nämlich  das 
Tatauieren  so  gut  wie  das  Häuserbauen  als  ein  Kunstgewerbe 
und  wurde  gut  bezahlt.  Die  Einführung  dieser  Gewohnheit 
schrieben  die  Samoaner  den  Göttinnen  Taemä  und  Tita  faingä 
oder  der  lustigen  Tila  zu  und  diese  Gottheiten  wurden  von  den 
Tatauierern  als  die  Beschützer  ihrer  Kunst  verehrt.  Beide 
Göttinnen  schwammen  der  Sage  nach  von  Fiji  nach  Samoa, 
um  hier  die  Tatauierkunst  einzuführen.  Als  sie  Fiji  verließen, 
mußten  sie  singen:  ,,Tatauieret  das  Weib  und  nicht  den  Mann". 
Als  sie  aber  nach  der  langen  Tour  auf  Samoa  eintrafen,  hatten 
sie  den  Gesang  vergessen  und  sangen  nun:  „Tatauieret  den 
Mann  und  nicht  das  Weib".  So  kam  es  bei  den  Samoanern 
zu  dem  Brauch,  die  allgemeine  Ausübung  der  Schwarzfärbe- 
kunst vorwiegend  auf  den  Mann  zu  beschränken.  Und  unter 
den  kunstreichen  Händen  des  Samoaners  ist  die  Tatauier- 
technik  zu  einer  künstlerischen  Höhe  ausgebildet  worden,  wie 
sie  kein  anderes  Volk  der  Erde  erreicht  hat.164 

Das  zur  Tatauierung  verwendete  Instrument  war  nach 
GEORGE  TURNER  ein  längliches  Stück  Menschenknochen 
aus  den  Beckenschaufeln  (os  ilium),  welches  die  Tatauierer  sich 
in  Kriegszeiten  oder  bei  Metzeleien  in  größerer  Anzahl  ver- 
schafften. Das  eine  Ende  wurde  kammzahnartig  zugeschnitten, 
das  andere  in  einem  Stück  Rohr  befestigt,  sodaß  das  Ganze 
einer  kleinen  Hacke  glich.165  Die  Zähne,  in  eine  Mischung 
von  Nußasche  mit  Wasser  getaucht,  dringen,  mit  einem  kleinen 
Hammer  leicht  geklopft,  in  die  Haut  ein  und  punktieren 
die  ganze  Fläche,  über  die  sich  die  Tatauierung  erstrecken  soll. 
Der  größere  Teil  des  Mittelleibes,  über  die  Hüften  abwärts 
bis  zum  Knie  hinab,  vorn  und  hinten,  wurde  mit  der  Tatau- 
ierung bedeckt,  nur  hier  und  dort  wechselte  sie  ab  mit  regel- 
mäßigen zierlichen  Streifen  unpunktierter  Haut. 

Diese  Tatauierung  ruft,  mit  Kokosnußöl  bestrichen,  in  der 
Entfernung  leicht  den  Eindruck  hervor,  als  trüge  der  Tatauierte 
schwarzseidene  Kniehosen,  wie  es  von  dem  Sergeanten 
Behrens  um  1772  auch  wirklich  aufgefaßt  wurde.     Da  sie 


Polvnesier 


233 


sich  über  eine  ausgedehnte  Oberfläche,  den  Rücken,  die  Hinter- 
backen, den  Bauch  und  die  Oberschenkel  erstreckt,  ist  die 
Operation  eine  recht  lästige,  schmerzvolle  und  nach  AUGUSTIN 
KRÄMER  166  sogar  lebensgefährliche  Sache.  Auf  einem  Bündel 
alter  Tuche  streckt  sich  der  Jüngling  bauchwärts  aus,  um  Lenden 
und  Kreuz  zu  erheben  und  straff  zu  spannen.167  Die  Operation 
wird  von  einem  Ältesten  oder  Meister  {Matal,  Autü  o  fuga 
oder  Titfugä)  mit  etwa  sechs  Gehilfen  ^Autufnga),  beim  Häupt- 
lingssohne mit  besonderer  Sorgfalt,  ausgeführt.168  Früher  wurde 
die  Tatauierung  nicht  ohne  öffentliches  Gepränge  in  einem 
etwas  abgelegenen  Tatauierhause  (Malae)  vorgenommen I89 
oder  eine  Hütte  eigens  für  die  Operation  gebaut;166  gegen- 
wärtig dagegen  ziehen  die  Tatauierer  im  Lande   umher.170 

Nachdem  der  Jüngling  längere  Zeit  unter  den  Händen 
des  Tatauierers  gelitten  und  geblutet  hat  und  seine  Geduld 
erschöpft  ist,  wird  ihm  Pause  zur  Ruhe  und  Heilung  gewährt, 
bis  nach  Ablauf  von  2  bis  3  Monaten  die  ganze  kunstvolle  Arbeit 
am  lebenden  Leibe  vollendet  ist.  Gute  Freunde  bemühen  sich 
inzwischen  um  die  Zerstreuung  des  Armen.  Sie  schleppen 
Nahrungmittel,  feine  Matten  und  heimatliche  Kleider  herbei, 
die  freilich  größtenteils  zur  Belohnung  für  die  Tatauierer  bestimmt 
sind.171  Nach  TURNER  wäre  nun  diese  Sitte  gegen  Ende 
des  vorigen  Jahrhunderts  eingeschränkt  gewesen  und  drohte 
zu  verschwinden,  wenn  nicht  lockere  Jünglinge  sie  noch  immer 
für  männlich  und  hochachtbar  hielten  und  Elternstolz  ebenso 
gedacht  hätte,  sodaß  der  Brauch  sich  dennoch  behauptete.172 
KRÄMER  dagegen  bestreitet  solches  Zurückgehen  und  hält 
es  für  ebensowenig  wünschenswert  wie  wahrscheinlich,  solange 
auf  Samoa  der  hochgeschürzte  Lavalava  getragen  wird  und 
die  europäische  Hose  nicht  in  Mode  kommt.  Einzig  auf  Manu'a 
hätten  die  Missionare  mit  ihrem  Tatauier-Verbot  bedingten 
Erfolg  aufzuweisen  gehabt,  indem  seit  1898  die  Sitte  an  Ort 
und  Stelle  wirklich  aufgegeben  sei.  Allein  die  dortigen  Jüng- 
linge zögen  alle,  um  der  nationalen  Sitte  zu  huldigen,  nach 
Tutuila,  und  müßten,  tatauiert  zurückgekehrt,  eine  Kirchen- 
buße von  20  Mark  (5  Dollars)  erlegen  —  was  der  Mission  wenig 
zur  Ehre  gereiche  und  ebenso  verwunderlich  sei  wie  das 
Verbot  selbst.173 


2"3A  Die   malaiischen  Naturvolker 

Diese  hier  eingeflochtene  Schilderung  steht  augenscheinlich 
zwar  in  gar  keiner  Beziehung  zur  Homoerotik,  ist  jedoch  not- 
wendig geworden,  weil  GEORGE  TURNER  sich  dahin  äußerte, 
die  mit  der  Tatauierung  verbundene  Zeit  Verschwendung, 
Schlemmerei  und  „Immoralität"  habe  manche  Eingeborene  ver- 
anlaßt, sie  zu  mißbilligen,  und  weil  SCHIDLOF,  obwohl  er 
„weit  davon  entfernt  ist,  immer  gleich  Homosexualität  an- 
zunehmen", doch  die  Auffassung  vertritt,  TURNER  müsse 
unter  Immoralität  gleichgeschlechtliche  Liebschaften  mit 
den  zu  Tatauierenden  verstanden  haben. 

Aus  TURNERs  Äußerungen,  sagt  er,   läßt  sich  unter 
Berücksichtigung  der  Begleitumstände  schließen,  daß  auch 
die  Samoanerjünglinge  erotische  Freundschaften  mit  Gleich- 
geschlechtlichen  —   SCHIDLOF  meint  Geschlechtsgleichen 
—  pflegten  .  .  .     Während   der   sehr  schmerzhaften  Tatau- 
ierung bemühten  sich  die  Freunde  des  Operierten,  ihm  mit 
Speise  und  Trank,  durch  Lieder  und  freundliche  Reden  Mut, 
Geduld    und    Schmerzlinderung    zu    verschaffen.      Wenn 
TURNER  auf  eine  Unmoral  hindeutet,  so  mag  es  sich  mög- 
licherweise um  onanistische  Akte  handeln,  zu  denen  vielleicht 
die   Freunde   oder    die    Tatauierer   Beihilfe   leisteten.      Es 
brauchte  da  ebensowenig  Homosexualität  im  engeren  Sinne 
vorhanden  zu  sein,  wie  sich  aus  Schuljungen,  die  mutuelle 
Onanie   trieben,    später   vollkommen   normal   empfindende 
Männer  entwickelten.  174 
TURNERs  Darstellung  legt  nun  wirklich  diese  Annahme 
SCHIDLOFs    recht  nahe;  auch  hat  TURNER  unter  ,,immo- 
rality"  als  prüder  Engländer  gewiß  nichts  anderes  verstanden 
als  geschlechtliche  Freiheiten,  da  bei  diesen  Puritanern 
alle  Unmoral  in  der  Geschlechtlichkeit  zu  gipfeln  pflegt.   Allein, 
wie  aus  AUGUSTIN  KRAME Rs  Schilderung  der  Tatauierung- 
zeremonien  hervorgeht,  finden  sie  in  völliger  Öffentlichkeit  statt 
und  es  nehmen  an  ihnen  Weiber  und  junge  Mädchen,  sogar  die 
Dorfjungfer*)  teil.    Sie  halten  dem  Jüngling  den  Kopf,  kneten 


*  i  Wie  der  Häuptling  eines  samoanischen"  Dorfes  oder  Sprengeis  einer 
Dorfschaft  seinen  Lieblingssohn  (Manaia)  zu  seinem  Nachfolger 
bestimmt,  lässt  er  seine  meist  anmutige  und  bescheidene  Lieblingstochter 
schon    früh   an  die  Spitze   der   jungen  Mädchen   seines  Dorfes   als  Führerin 


Polynesier  235 

ihn,  legen  ihre  Hände  auf  seinen  nackten  Leib  und  seine  Glied- 
maßen, damit  sie  nur  recht  ruhig  liegen.175  Das  dürfte  wohl 
genug  für  die  „immorality"  des  Engländers  sein.  Nun  könnte 
man  freilich  noch,  wie  SCHIDLOF  auch  zu  fühlen  scheint, 
glauben,  daß  zu  dem  recht  eigenartigen  Gewerbe  des  samoani- 
schen  Tatauierers  sich  vorwiegend  mannliebende  Männer 
drängten.  Jedoch  bei  einem  naiven  Naturvolk  dürfte  das 
kaum  besonders  einladend  sein  und  sonst  Gelegenheit  genug 
zur  gleichgeschlechtlichen  Befriedigung  sich  bieten.  Und  über- 
dies ist  nach  KRÄMER  das  Tatauiergeschäft  auf  Samoa  früher 
meist  in  der  Familie  erblich  gewesen.176 

Die  Tonganer 

Die  Rarotonganer  (zu  sprechen  Toganer)  sind  den 
Tahitiern  nahe  verwandt  und  besaßen  nach  JUNG  „deren  gute 
Eigenschaften  sämtlich,  ohne  von  der  bei  diesen  herrschenden 
Demoralisation  befleckt  zu  sein".177  In  Gebrauch  ist  bei  ihnen 
die  Beschneidung  der  Knaben,    Tefe.1"18 

Von  Päderastie,  obgleich  sie  den  sittlichen  Charakter  ihrer 
westlichen  Nachbarn  schände  und  angeblich  auch  schon  die 
Eingeborenen  einiger  Südsee-Inseln  infiziert  habe,  soll,  so  be- 
hauptet MARINER,  der  Tonganer  keine  blasse  Ahnung  haben.179 

Die  Tahitier 
Als  DE  BOUGAINVILLE  zwischen  1766  und  1769  auf 
Tahiti  weilte,  hatte  er  die  Empfindung,  daß  die  Luft,  welche 
man  atmete,  die  Gesänge  der  Eingeborenen,  ihr  fast  immer 
von  geilen  Stellungen  begleiteter  Tanz,  alles,  alles  in  jedem 
Augenblick  an  die  Süßigkeiten  der  Liebe  gemahne,  alles  ver- 
locke, sich  ungesäumt  ihnen  hinzugeben.180 

Der  General-Konsul  der  Vereinigten  Staaten  auf  den 
Ozeanischen  Inseln,  MOERENHOUT,  konnte  um  1830  nicht 
umhin,  seiner  Verwunderung  über  die  naive  Unbefangenheit 
Ausdruck  zu  geben,  mit  welcher  diese  aller  Verlogenheit  baren 


(Sa'o)  der  Mädchengemeinschaft  (Aiialuma)  treten  und  macht  sie  zur 
Dorfjungfer  (Taupou),  für  deren  Jungfräulichkeit  ältere  Schutzfrauen 
(Soafafine)  verantwortlich  sind.  Sieh  AUGUSTIN  KRÄMER,  die  Samoa- 
Inseln  I   Seite  32. 


236 


Die  malaiischen  Naturvölker 


Naturmenschen,  die  T  a  h  i  t  i  e  r  ,  Männer,  Frauen  und  Kinder, 
über  alles  sich  aussprachen,  jedes  Ding  beim  richtigen  Namen 
nennend ;  sie  kannten  eine  Ausschweifung,  die  ihnen  verwerflich 
schien,  überhaupt  nicht;  sie  fanden  in  ihren  Vergnügungen 
weder  Regel  noch  Maß;  es  gab  für  sie  weder  Schande  noch 
Tadel,  und  Verbrechen  existierten  nicht  für  sie.181 

Unfähig,  in  einfach  wollüstigen  Vergnügungen  Befriedigung 
zu  finden,  gaben  sich  die  Tahitier,  wie  MOERENHOUT  meint, 
alsbald  den  sonderbarsten  Vergnügungen  hin;  und  indem  sie 
in  ihrer  Übersättigung  neue  Wollüste  ausklügeln  wollten,  hätten 
sie  unfehlbar  der  ungeheuerlichsten  Unzucht  verfallen  müssen.182 
Auf  seiner  Fahrt  von  den  Marquesas-Inseln  nach  Tahiti 
zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts  traf  WILSON  in  verschiedenen 
Distrikten  Männer,  welche  sich  wie  Weiber  kleideten,  mit  diesen 
an  der  Verfertigung  von  Zeugen  arbeiteten,  dieselben  Nahrung- 
mittel zu  sich  nahmen  und  überhaupt  denselben  Gesetzen  unter- 
worfen waren  wie  die  Weiber;  diese  durften  auch  weder  mit 
den  Männern  noch  von  deren  Speisen  essen,  sondern  besaßen 
eigene  Pflanzungen  zu  ihrem  Privatgebrauche.  WILSON  hebt 
besonders  hervor,  daß  die  Polynesier  „ungeachtet  dieser  und 
anderer  bei  ihnen  im  Schwange  befindlicher  Laster"  in  Gegen- 
wart der  Engländer  niemals,  weder  in  Gebärden  noch 
Handlungen,  irgend  etwas  Anstößiges  begingen.183 

Tahiti  oder  Otaheiti  hatte  eine  Klasse  von  Männern, 
welche  sich  in  Weibertracht  kleideten,  weiblichen  Beschäftigungen 
nachgingen,  in  Betreff  ihrer  Ernährung  und  dergleichen  den- 
selben Einschränkungen  unterworfen  waren  wie  die  Frauens- 
personen und  gleich  diesen  die  Gunst  der  Männer  zu  gewinnen 
strebten ;  sie  zogen  dabei  d  i  e  Männer  allen  anderen  vor,  welche 
mit  ihnen  zusammen  lebten  und  auch  ihrerseits  allem  Umgange 
mit  Weibern  entsagten.  Solche  Männer  hießen  Mahhous 
(Mahoos).  Sie  pflegten  die  angedeutete  Lebensweise  öfters 
schon  in  früher  Jugend.  Da  zur  Zeit  WILSONS  nur  6  bis  8 
Mahhous  in  Tahiti  vorhanden  waren,  so  wurden  sie  vorzugsweise 
von  den  vornehmsten  Anführern  begehrt  und  gehalten.  Selbst 
von  den  Weibern  wurden  diese  Menschen  nicht  verachtet, 
sondern  beide  lebten  miteinander  in  Freundschaft.  WILSON 
hatte   einen   sachkundigen   Begleiter  gebeten,    daß    er,    wenn 


Polvnesier 


237 


ein  Mahkou  auf  ihrem  Wege  sich  blicken  ließe,  denselben  ihm 
zeigen  möchte,  und  so  bekam  er  einen  in  dem  Gefolge  des 
Häuptlings  Pomarre  zu  sehen;  der  Malihou  ging  wie  ein 
Weib  gekleidet  und  ahmte  die  Stimme  und  jede  Eigenheit  des 
Weibes  nach.1"'  Als  WILSON  den  Häuptling  Pomarre 
fragte,  wer  jener  sei,  antwortete  dieser:  ,Taata,  mawhu' ,  d.  h. 
ein  Mann,  ein  Mahhou,  und  als  WILSON  seinen  Bück  auf  den 
„Kerl"  heftete,  verbarg  dieser  sein  Gesicht;  anfangs  legte  der 
L'nkundige  dies  als  Scham  aus,  bald  aber  erkannte  er,  daß 
es  ein  Weibertrik  sein  solle.185  Diejenigen  Männer  auf  Tahiti, 
welche  nicht  reich  an  Zeugen,  an  Schweinen  oder  an  englischen 
Artikeln  waren,  mit  denen  sie  ein  Weib  sich  hätten  erkaufen 
können,  mußten  ohne  ein  solches  sich  behelfen;  das  führte 
nun  zwar  nicht  zur  Enthaltsamkeit,  wohl  aber  dahin,  daß  sie 
in  erschreckendem  Maße  Onanie  trieben,  welche  sie  nachher 
unfähig  machte,  Weibern  beizuwohnen  —  aber  WILSON  lehnt 
es  ab,  alle  „Verbrechen  dieser  Art",  welche  bei  den  Tahitiern 
vorkamen,  mitzuteilen,  da  sie  ,,zu  entsetzlich"  seien, !8<i  und 
er  wiU  üeber  einen  Schleier  über  Gewohnheiten  decken,  die  „zu 
scheußlich"  wären,  als  daß  man  ihrer  erwähnen  könnte.187 
TURNBULL  sah  anfangs  des  19.  Jahrhunderts  zwei  Mahhous, 
den  einen  im  Gefolge  Pomarres,  den  anderen,  wie  er  an 
TURNBULLs  Wohnung  vorüberging.  Die  „Gottlosigkeit" 
dieser  Menschen  schien  ihm  groß  genug,  um  das  unmittelbare 
Gericht  des  Himmels  auf  sie  herabzurufen;  er  glaubte,  Gottes 
Hand  sei  unter  ihnen  schon  sichtbar,  und  die  Tahitier  würden, 
wenn  sie  sich  nicht  änderten,  unter  der  Zahl  der  Nationen 
nicht  mehr  lange  verbleiben;  das  Schwert  der  Krankheit  sei 
nicht  minder  wirksam  als  die  Wasser  der  Sündflut !  188  TURN- 
BULL bestätigt  mit  Genugtuung  WILSONs  Angabe,  daß  den 
Mahhous  Gunst  fast  nur  von  Seiten  der  Häuptlinge  zuteil  werde. 
Der  Kronprinz  Otoo,  Sohn  Pomarres,  sei  ein  „Un- 
geheuer von  Ausschweifung"  gewesen  und  seine  „Laster  spot- 
teten aller  Beschreibung".189  W.  ELLIS  traf  gegen  1830 
ähnliche  Verhältnisse  an;  er  weist  aber  nur  auf  sie  hin,  ohne 
sie  genau  zu  bezeichnen;  er  wünscht  alles  in  Dunkelheit  zu 
lassen,  so  daß  man  nie  recht  weiß,  was  er  eigentlich  meint. 
Es   herrschten  nach  ihm  auf   Tahiti    „unnatürliche  Bräuche", 


238 


Die  malaiischen  Naturvölker 


für  deren  Ausübung  man  nicht  nur  die  Sanktion  der  Priester 
fand,  sondern  sogar  auf  das  direkte  Beispiel  einer  Gottheit 
als  vorbildlich  hinweisen  konnte.190  Die  Schilderung,  welche 
der  Apostel  PAULUS  (Römer  i,  27)*)  von  den  Heiden  gebe, 
passe  vollkommen  auch  auf  die  Tahitier.191 

LÖHR  bezeichnet  die  „Taheiter"  als  die  gutmütigsten 
unter  den  Bewohnern  der  Gesellschaftinseln.192  Er  verbreitet 
sich  über  den  bei  ihnen  bestehenden  Orden  der  Arreoys,193 
der  Kindermord  und  Fruchtabtreibung  auf  seine  Fahne  ge- 
schrieben habe,  nach  DE  BOUGAINVILLE  aber  nur  aus  Jung- 
gesellen und  kinderlosen  Männern  besteht.194  So  schändlich 
ihm  Kindermord  und  Fruchtabtreibung  erscheint,  noch  un- 
vergleichlich schändlicher  als  die  Arreoys  gelten  ihm  die  Mahous, 
gewisse  „Ungeheuer",  die  „sich  bestreben",  in  allen  Stücken, 
Kleidung,  Gebärden,  Koketterie  usw.  den  Weibern  zu  gleichen, 
so  wie  sie  auch  unter  Weibern  lebten,  wie  diese  arbeiteten  und, 
seltsam  genug,  von  diesen  nicht  mit  Abscheu  angesehen  wür- 
den.195 Das  dürfte  auch  der  Hauptgrund  sein,  weshalb  sich 
nach  JUNG  die  Tahitier  durch  „Sittenlosigkeit"  besonders  aus- 
zeichnen sollen.196 

SCHNEIDER  meint,  TURNBULL  habe  den  Mahhou 
richtig  als  jnonster'  bezeichnet,  ein  Ausdruck,  den  er  mit  un- 
geheuer' übersetzt  und  akzeptiert; 197  RATZEL  dagegen  findet, 
daß  von  den  ..Ausschreitungen"  bei  den  Tahitiern  viel  dem  ge- 
samten Kulturzustande  der  Polynesier  zuzuschreiben  sei  und 
daß  vorzugsweise  Leichtsinn  und  Müßiggang  die  Bedingungen 
seien,  welche  die  „geschlechtlichen  Zügellosigkeiten",  besonders 
der  oberen  Klassen,  „ins  Unglaubliche"  hätten  ausarten  lassen.198 

Nach  MELVILLE  ist  der  1821  verstorbene  P  o  m  a  r  e  e  IL 
(Tafel  II)   selbst  Päderast  gewesen.199 

Unter  den  späteren  christlichen  Gesetzen  in  Huahine  befand 
sich  nach  W.  ELLIS  eins,  das  XVI.,  welches  „unnatürliche 
Verbrechen"  {unnatural  crime)  betraf  und  lebenslängliche  Ver- 
bannung oder  siebenjährige  ununterbrochene  schwere  Arbeit 
als  Strafe  über  den  verhängte,  welcher  ihrer  schuldig  befunden 
wurde.200 


*)   Der  Wortlaut   dieser   Stelle  ist   bereits  Seite    138   Note  *)  wieder- 
gegeben. 


Tafel  II 


Zu  Sei'e  238 


Pomarre   II.   (f  1821),   päderastischer  Häuptling   der  Tahitier, 
nach  William   Ellis 


Polvnesier 


239 


Dem  Ingenieur  JULES  GARNIER  fiel  bei  den  Tahitiern 
eins  besonders  unangenehm  auf:  er  sah  Männer,  welche  sich 
wie  Weiber  mit  Blumen  bekränzten.  Er  fand  die  Tahitier 
überhaupt  weibisch.  Ihre  Sanftmut  schien  ihm  jedoch  mehr 
ein  Zeichen  würdelosen  Gemüts  als  das  einer  wahrhaft  edlen 
Seele.201  Er  sah,  wie  Greise.  Männer,  Weiber  und  Kinder 
den  unbeschreiblichsten  sexuellen  Ausschweifungen  sich  hin- 
gaben. Es  geschah  das  nach  seiner  Schilderung  unter  dem 
Einflüsse  ihres  aus  Orangen  gewonnenen  Alkohols,  so  daß  GAR- 
NIER die  Frage  stellt,  ob  der  Apfel  des  Paradieses  nicht  auch 
eine  Orange  gewesen  sei.202 

Auch  die  Areois  boten  ihm  Schauspiele  ,, unbeschreiblicher" 
Orgien  dar.203 

Neben  unzweideutigen  päderastischen  gab  es,  wenn  man 
MELVILLE  Glauben  schenken  darf,  auf  Tahiti  auch  noch 
..ideale  Freundschaften",  und  Bündnisse  nach  Art  der  grie- 
chischen, wie  zwischen  Dämon  und  P  h  i  n  t  i  a  s  ,  welche 
einem  heroischen  Wesen  entspringen,  sind  dort  unter 
Freunden,    Taxos,  nichts  Seltenes.204 

Übrigens  hatte  Kapitän  BEECHEY  die  Empfindung,  daß 
durch  den  Verkehr  mit  den  Europäern  die  schrankenlose  Be- 
friedigung der  geschlechtlichen  oder  sinnlichen  Leidenschaften 
der  Tahitier  zwar  eine  Milderung  erfuhr  und  ihre  Unenthaltsam- 
keit  einer  äußerlichen  Enthaltsamkeit  gewichen  ist,  daß  die 
..Wilden"  dafür  aber  an  Wahrhaftigkeit  und  wohlwollendem 
Wesen  ganz  erheblich  verloren  haben  und  daher  in  ihrer  Eigen- 
art eher  erniedrigt  als  erhoben  worden  sind.205 

JACOBUS  X  .  .  .  erklärt  den  heutigen  20  bis  25jährigen 
Tahitier  für  den  vollendetsten  Typus  menschlicher  Körper- 
schönheit. Der  Taue  verbindet  danach  Kraft  mit  Zierlichkeit, 
wobei  das  Gesäß  etwas  weibliche  Rundung  und  Fülle  zeigt. 
Er  könnte  nach  diesem  Augenzeugen  das  Modell  der  antiken  Statue 
des  indischen  B  a  c  c  h  u  s*)  gewesen  sein.206  Seine  Geschlechts- 
organe erinnern  an  die  des  Mitteleuropäers,  an  den  der  Taue 


*  Der  Bacchus  der  altrömischen  Kunst  entspricht  dem  alt- 
griechischen Dionysos,  dem  altägyptischen  O  s  i  r  i  s  ,  dem  altindischen 
S  c  h  i  w  a  und  sein  Typus  ist  eine  zum  Weiblichen  neigende  Jünglings- 
gestalt. 


24. o  Die  malaiischen  Naturvölker 

auch  in  der  Hautfarbe  gemahnt,  nur  daß  er  stattlicher  ge- 
wachsen, kräftiger  gebaut  und  von  schönerem  Typus  ist.  Der 
meist  zylindrische  Penis  von  schöner  dunkelroter  Färbung  mit 
Beimischung  von  Ocker  und  Sepia  hat  durchschnittlich  18 
(16 — 20)  Zentimeter  Länge  bei  4 — 5  Zentimeter  Durchmesser, 
selten  mehr,  überaus  selten  bis  22  Zentimeter  Länge.  Bei  der 
Erektion  erhärtet  der  Penis  und  steht  beim  20jährigen  Tane 
fast  aufrecht,  so  daß  er  den  Leib  berührt,  was  nach  dem  Gewähr- 
mann beim  halbweich  bleibenden  Penis  des  afrikanischen  Negers 
fast  unmöglich  ist.  Die  Eichel  ist  verhältnismäßig  groß.  Der 
Hoden  soll  größer  sein  als  bei  irgend  einer  andern  Menschen- 
rasse und  die  Größe  eines  Hühnereis  erreichen.  Mit  15  bis 
16  Jahren,  selten  schon  mit  12  Jahren,  sei  er  bereits 
so  entwickelt  wie  beim  20jährigen  Europäer  und  habe  Taubenei- 
größe.  Obwohl  wenig  Bartwuchs  vorhanden  ist,  bedecke  sich 
doch  die  Scham  mit  reichlicher  zarter  und  gekräuselter,  schwarzer 
oder  kastanienbrauner  Behaarung.207  Frühreif  bereite  der  Tane 
schon  mit  11  bis  12  Jahren,  mitunter  im  10.  Lebensjahre  sich 
auf  Liebeabenteuer  vor.  Um  die  Eichel  frei  zu  bekommen, 
nehme  er,  wenn  er  uriniert,  die  Vorhaut  zwischen 
Daumen  und  Zeigefinger,  wodurch  für  den  Abfluß  des  Harns 
nur  eine  kleine  Öffnung  bleibt;  indem  nun  der  Harn  sich  staut, 
bildet  die  Vorhaut  um  die  Eichel  einen  mit  Harn  gefüllten 
Sack,  und  da  der  junge  Bursche  das  täglich  oftmals  wieder- 
holt, erweitere  sich  mechanisch  allmählich  die  Öffnung.  Genügt 
das  nicht,  die  Eichel  frei  zu  machen,  schneide  der  Bursche  das 
Bändchen  mit  einem  scharfen  Feuersteine  ein  und  heile  die 
Wunde  durch  Auflegung  von  mit  arnicaartigem  Pflanzensaft  ge- 
tränkter Baumwolle  ungefährlich  und  schmerzlos.  Alsdann 
beginne  sofort  sein  Umgang  mit  dem  weiblichen  Geschlecht.208 
Der  Koitus  wird  von  vorn,  selten  von  hinten  geübt.209  Zwischen 
dem  20.  und  40.  Lebensjahre  besitzt  nach  demselben  Gewähr- 
manne der  Tane  einen  außerordentlich  starken  Entladung- 
trieb. Er  ist  imstande,  ohne  Erschöpfung  zu  verspüren,  all- 
täglich des  Abends  und  des  Morgens  den  Begattungakt  zu 
vollziehen,  bei  besonderen  Anlässen  täglich  sogar  sechs-  bis 
achtmal,  einzelne  noch  stärker  veranlagte  Tanes  zehn-  bis  zwölf- 
mal.210    Für   den   Europäer   schätzt   der   genannte    Arzt   die 


Polynesier  24 1 

Leistung  bei  einem  Manne  zwischen  20  und  35  Jahren  bei 
zeitweilig  täglich  einmaligem  Koitus  auf  höchstens  sechsmalige 
Befriedigung  in  einer  Nacht,  die  gewöhnliche  Leistung  des 
Tane  aber  für  einen  ganz  außerordentlich  seltenen  Fall.211 
Diese  hohe  geschlechtliche  Potenz  des  Tane  erklärt  sich  der 
Zeuge  durch  dessen  müßiges  und  sorgloses  Dahinleben,  das 
dem  des  neapolitanischen  Lazzarone  gleiche,  wobei  die  Art 
seiner  aus  salziger  Brühe  und  phosphorreichen  Fischgerichten 
bestehenden  Ernährung,  die  schon  das  stärkste  Aphrodisiakum 
bilde,  zu  Hilfe  komme.  Dazu  geselle  sich  noch  die  Wirkung 
des  Genusses  süßlicher  Tropenfrüchte,  während  Geflügel  und 
Schweinefleisch  nicht  nur  seine  allgemeine  Muskelkraft  erhalten, 
sondern  dem  Organismus  sehr  wohl  auch  den  Ersatz  der  durch 
oft  wiederholte  Samenausscheidung  sich  ergebenden  Verluste 
ermöglichen  könnten.212  Die  wesentlich  geschlechtlichem  Liebe- 
leben geweihte,  ursprünglich  freie  Kultur  der  Tahitier  213  steht 
nach  JACOBUS  X  ...  im  schroffsten  Gegensatze  zu  der 
des  blöden  Albion.  Mit  der  gewaltsamen  Einführung  der  bri- 
tischen sogenannten  Kultur  habe  Tahiti  aufgehört,  den  von 
DE  BOUGAIXVILLE  ihm  beigelegten  Namen  Xonvelle  Cythere 
zu  verdienen.  Hier  habe  der  frostige  Karpfen  sich  dem  geilen 
Kaninchen  vermählt.  Das  Ergebnis  aber  wäre  Heuchelei  und 
Trunksucht  gewesen.214  Die  Leute,  die  vor  der  Ankunft  der 
Europäer  in  ihrem  irdischen  Paradiese  glücklich  dahinlebten, 
ohne  viel  Arbeit,  in  moralischer  (geschlechtlicher)  Sorglosigkeit, 
freier  Liebe  und  dem  Vergnügen  in  jeder  Gestalt  geneigt,  die 
zu  COOKs  Zeit  noch  an  100  000  zählten,  seien  auf  kaum 
10  000  zusammengeschmolzen  und  wahrscheinlich  dem  völligen 
Untergange  verfallen.215 

JACOBUS  X  .  .  .  bestreitet  nicht,  daß  es  in  Tahiti,  wie 
in  allen  Ländern,  auch  eingeborene  Päderasten  gebe ; 
allein  das  seien  überaus  seltene  Ausnahmen,  welche  nichts 
wider  die  verhältnismäßige  „Moralität"  der  Rasse  besagten. 
Jedenfalls  habe  es  Knabenkultus  auf  Tahiti  niemals  gegeben 
und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  sei  der  Tane  weniger 
verdorben  als  gewisse  europäische  Völker,  wie  beispielsweise 
die  Italiener,  bei  denen  der  Podex  oder  culo  stets  auf  glühende 
Verehrer  habe  rechnen  können.216    Der  französische  Arzt  begeht 

Karsch-Haack.  Pas  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  16 


242  -D'e  malaiischen  Naturvölker 

hier  wieder  den  Kardinalfehler,  Podikation  mit  Päderastie  zu 
verwechseln  und  das  mannmännliche  Liebeleben  sich  einzig 
unter  dem  Gesichtswinkel  der  Podikation  vorzustellen,  was 
doch  schon  deshalb  eine  unverzeihliche  Gedankenlosigkeit  ist, 
weil  bezüglich  seiner  Gesäßteile  der  Mann  vor  dem  Weibe  auch 
nicht  das  Allergeringste  voraus  hat. 

Die  Paumotua 

Von  den  schönen  und  unternehmenden  Eingeborenen  der 
durch  Perlenfischerei  berühmten,  1606  durch  de  Ouiros  ent- 
deckten 78  Niedrigen  Inseln  sollen  nur  noch  ein  paar 
Tausend  übrig  sein.217 

Für  Sodomie  hat  die  Paumotua-Sprache  nach  TREGEAR 
das  Wort  Honipaki,  von  honi  ==  Koitus;  218  was  paki  heißt 
hat  TREGEAR  unterschlagen.219  Den  weibischen,  effeminierten 
Mann  bezeichnen  die  Paumotua- Worte  Tarorirori  22°  und 
Hupehupe.221  Karioi  heißt  nicht  nur  ein  Junggeselle,  sondern 
auch  ein  Lüder j an.222  Für  Beschneidung  gibt  es  das  Wort 
Tehega.223 

Die  Markesas-Insulaner 
Obgleich  der  Geograph  PINKERTON  an  die  behauptete 
besondere  Schönheit  der  Markesas-Insulaner  nicht  glauben  will,224 
muß  doch  etwas  Wahres  daran  sein.  Die  Schönheit  der  jugend- 
lichen Männer  und  der  Knaben  etwa  vom  10.  Lebensjahre  an 
stach  schon  den  Spaniern  im  Anfange  des  17.  Jahrhunderts, 
besonders  PEDRO  FERNANDEZ  DE  OUIROS,  sehr  ins  Auge. 
Dieser  konnte  in  seinem  Reise-Bericht  den  Seufzer  nicht  unter- 
drücken, solch  wunderschöne  Geschöpfe  im  Lande  der  Un- 
gläubigen dem  Verderben  überlassen  zu  müssen.225  Ihre  ge- 
rundeten Formen,  ihre  festen  Gelenke  und  ihre  geschmeidigen 
Bewegungen  hätten  etwas  Weibliches  und  alle  gäben  vortreff- 
liche Modelle  für  Bildhauer  und  Maler  ab.226 

Der  erste  Marine-Chirurg  der  ,, Solide",  ROBLET,  über- 
zeugte sich  1791,  daß  man  auf  der  1595  entdeckten  Insel 
Wahitahö  (Santa-Christina  de  Mendana)  kein  Geheimnis 
aus  einer  gewissen  Liebe  mache,  aus  einem  beiden  Geschlechtern 
eigenen  „Laster",  dem  „Laster  der  Nation".227    Nicht  nur  hat 


Polvnesier 


243 


man  den  Franzosen  kleine  Mädchen  dargeboten,  die  acht  Jahre 
alt  zu  sein  schienen,  keinesfalls  aber  älter  als  neun  Jahre  waren; 
man  hat  auch  in  aller  Öffentlichkeit  Männer  und  Frauen 
sich  Akten  hingeben  sehen,  welche  man  sonst  öffentlich  nur 
bei  Haustieren  zu  beobachten  pflegt,  und  zwar  unter  dem 
brausenden  Jubel  der  zahlreichen  Zuschauer  beiderlei  Ge- 
schlechts. ROBLET  und  seine  Reisegefährten  wurden  unter 
anderem  auch  Zeugen  der  Mithilfe  alter  \\ 'eiber  bei  der 
Vergewaltigung  eines  kaum  15jährigen  Mädchens,  einer  Ver- 
gewaltigung, die  ungeachtet  seines  Sträubens  und  Schreiens 
vollzogen  wurde;  und  sie  waren  auch  unfreiwillige  Zeugen  der 
Handlungen  eines  ,, widernatürlichen"  Mannes  .  .  .  MARCHAND 
erklärt  es  für  unmöglich,  sich  vorzustellen,  zu  welcher  Höhe 
die  „Auflösung"  der  Sitten  auf  der  genannten  Insel  gestiegen 
war.  Seine  Feder  sträube  sich,  Einzelheiten  zu  schildern,  da 
sie  zu  aufregend  seien  selbst  unter  verschleierter  Hülle.  Das 
könnte  höchstens  den  Zweck  haben,  die  Menschen  über  die 
Schändlichkeiten  ihres   Geschlechts  erröten  zu  machen."8 

Auf  N  u  k  a  h  i  v  a  (Nukuheva)  gibt  es  eine  Klasse  von 
Männern,  welche  als  fliegende  Troubadoure  oder  Sänger  von 
Stamm  zu  Stamm  wandernd  ihren  Erwerb  suchen.  Bei  größeren 
Festlichkeiten  führen  sie  auch  Tänze  auf.  Sie  sind  zugleich 
Stegreifdichter  und  Musiker.  Aber  alle  diese  mannigfachen 
Talente  genügen  noch  nicht,  ihnen  einige  Bedeutung  zu  ver- 
schaffen. Denn  ihre  weibischen  Gewohnheiten  ziehen  ihnen, 
wie  VINCENDON  -  DUMOULIN  und  DESGRAZ  versichern  zu 
dürfen  glauben,  die  Geringschätzung  einer  Bevölkerung  zu, 
welche  ihre  schönen  Künste  nur  wenig  zu  würdigen  weiß.  Es 
sind  die  Hohis  oder  Koioas,  die,  auf  Kriegsruhm  verzichtend, 
die  ,,  Stutzer"  (dandys)  der  Bevölkerung  ausmachen. 
Wie  die  Weiber  verreiben  sie  einen  aus  dem  Safte  der  Papa- 
Wurzel  gewonnenen  gelben  Puder  mit  Kokosöl  auf  der  Haut. 
Er  macht  den  Teint  weiß  und  weiß  ist  die  Tabu-Farbe;  auch 
verleiht  er  der  Haut  einen  für  Europäer  üblen  Geruch.229 
Einige  Hokis  übernehmen  auch  Schauspielerrollen  bei  den  großen 
öffentlichen  sog.  ÄM&a-Festen  und  im  Theater  (Tahotia).230 
Diese  Klasse  erinnert  stark  an  die  Tsecats  bei  den  llangha- 
b  a  i  -  Negern  auf  Madagaskar. 

16* 


244 


Die  malaiischen  Naturvölker 


Nach  MELVILLE  sind  auf  Nukahiva  die  Männer 
der  H  a  p  p  a  um  1847  viel  zahlreicher  als  die  Frauen  gewesen. 
Kein  Mann  hatte  daher  mehr  als  ein  Weib,  aber  kein  Weib 
in  reiferen  Jahren  hatte  weniger  als  zwei  Gatten.  Einem  Knaben 
wurde  ohne  förmlichen  Ehebund  ein  Mädchen  beigegeben. 
Beide  bildeten  ein  Paar,  das  später  als  solches  von  einem 
reiferen  Manne  geheiratet  wurde.  Der  Mann  heiratete  also 
ein  Mädchen  und  einen  Jüngling.231  So  eigentümlich  diese  Ehe 
erscheint,  ist  sie  doch  wohl  nur  eine  besondere  Form  der 
Polyandrie. 

Wie  VON  HELLWALD  1892  berichtete,  ist  „Unzucht"  auf 
Nukahiva  noch  vielfach  im  Schwange,  „obgleich  das 
Christentum  schon  manche  Anhänger  zählt;  doch  ist  dieses 
bloß  ein  ganz  äußerliches".232  Nach  demselben  Gewährmanne 
wird  bei  den  Markesasinsulanern  Freundschaft  dadurch  inniger, 
daß  Namenaustausch  stattfindet.  Dabei  gibt  es  zwei  Grade 
der  Freundschaft.  Der  gewöhnliche  Freund,  Ehoa,  hat  nur 
ein  Anrecht  auf  einfache  Zuvorkommenheiten;  dem  intimen 
Freunde,  Ikoa,  aber  darf  man  nichts  abschlagen.233 

Die  Sandwich-Insulaner 
Das  Weib  auf  Hawaii  fällt  jung  und  schön  der  Sinnenlust, 
alt   und   unnütz   der   Brutalität   zum   Opfer,   nach  JARVES' 
Schilderung.234 

Sowohl  vor  Zeiten  als  auch  noch  in  den  sechziger  Jahren 
des  19.  Jahrhunderts  bestanden  nach  REMY  die  Wohnungen 
der  Eingeborenen  von  Hawaii  aus  Hütten  von  Pandanus- 
Blättern  oder  von  Rasen  und  bildeten  nur  einen  einzigen  Raum, 
in  welchem  alle  Familienangehörigen  und  Gäste  unter  Matten 
nächtigten.  Infolge  dieses  engen  Zusammenhausens  bildete  sich 
eine  sittliche  Verweichlichung  aus,  die  besonders  die  Kinder 
ergriff  und  eine  schrankenlose  Vermischung  herbeiführte. 
Scham  war  ein  unbekannter  Begriff;  die  „Verbrechen  wider  die 
Natur",  Sodomie  und  Bestialität,  waren  allgemein.  REMY 
liefert  zu  seiner  Schilderung  aber  noch  einen  sehr  merkwürdigen 
Zusatz :  unter  10  000  Geburten  solle  wenigstens  einHerma- 
phrodit stecken,  es  solle  solchen  Misch wesen  eine  ebenso 
lange  Lebensdauer  wie  den  anderen  beschieden    sein  und  sie 


Polynesier  245 

sollen  mehr  den  Geschmack  der  Weiber  als  den  der  Männer 
hinsichtlich  ihrer  geschlechtlichen  Begierden  teilen.235 

Setzt  man  für  Hermaphrodit:  Weibmann  oder 
passiver  Päderast,  so  wird  man  der  Wahrheit  nahe  sein. 

Der  christliche  Missionar  WILLIAM  ELLIS  gesteht  nur 
ganz  allgemein,  die  Sitten  und  Bräuche  der  Eingeborenen  von 
Owhyhee  (Hawaii),  die  der  Förderung  ihrer  Wohlfahrt  dienen 
sollten,  hätten  in  steigendem  Maße  seine  Aufmerksamkeit 
gefesselt,  ihr  Aberglaube  jedoch,  ihre  tiefe  sittliche  Stufe, 
ihre  Unwissenheit  und  ihre  Lasterhaftigkeit  sein  aufrichtigstes 
Mitleid  wachgerufen235/6  —  ein  Mitleid,  das  von  den  Be- 
dauerten selber  gewiß  gar   nicht  verstanden  wurde. 

Für  den  Akt  der  Podikation  unter  Männern  hat  die 
hawaiische  Sprache  nach  A.  BASTIAN  die  Bezeichnung: 
Ai-kane,  wörtlich:  Zusammen  (ai)  der  Männer  (kane).236 

Ungeachtet  der  „allgemeinen  Verderbtheit"  gehören  doch 
Fälle  von  wahrer  Leidenschaft  und  Liebe  nicht  zu  den  Selten- 
heiten. Als  stärkster  Beweis  von  Freundschaft  gilt  nach 
JARVES  der  Namenaustausch.  Umarmung  mit  Nasen- 
berührung ist  die  leidenschaftlichste  Art  der  Begrüßung.237 

ULRICHS  erzählt  von  förmlich  priesterlich  eingesegneten 
urnischen  Liebebündnissen,  die,  wie  man  ihm  mitgeteilt,  seit 
Jahrhunderten  zahlreich  und  ganz  der  Sitte  gemäß  auf  den 
Sandwichsinseln  und  anderen  Inseln  der  Südsee  beständen. 
Der  junge  Geliebte  heiße  ,,Mayo" ■  Mit  dem  Verlobten  teile  er 
Tisch  und  Bett.  Sie  seien  unzertrennlich.  Zuvor  aber  gingen 
sie  zum  Priester  und  die  Einsegnung  würde  feierlich  erteilt. 
Als  Quelle  sei  ihm  genannt:  Dumont  d'Urville:  Reise  in  die 
Südsee  und  zum  Südpol.23'/83  ULRICHS  hat  es  offenbar 
unterlassen,  diese  Angaben  selber  nachzuprüfen.  In  DUMONT 
D'URVILLEs  genanntem  Reisewerk  kommt  eine  Bezeichnung 
Mayo  gar  nicht  vor ;  auch  ist  darin  nichts  mit  dem  Geschilderten 
Übereinstimmendes  enthalten.  Mehrfach  wird  dagegen  von 
leidenschaftlichen,  sogar  eifersüchtigen  Freundschaften  zwischen 
Personen  männlichen  Geschlechts  berichtet,  von  Freundschaften, 
die  zwischen  Angehörigen  derselben  Insel  oder  verschiedener 
Inseln,  deren  Bewohner,  auch  wenn  sie  miteinander  in  Feind- 
schaft lebten,   doch  diesen  Freundschaften   keine   Hindernisse 


246 


Die  malaiischen  Naturvölker 


bereiteten,  oder  sogar  zwischen  Eingeborenen  und  Personen 
fremder  Rassen  geschlossen  werden.  So  war  1838  ein  bild- 
schöner junger  Bursche  von  Nuka-Hiva,  Mateomo,  der 
Freund  oder  Tayo  (Taio)  eines  französischen  Leutnants;237/8'1 
ein  anderer,  namens  Theodoro,  war  Tayo  des  Franzosen 
DUBOUZET,  dessen  Rufnamen  er  angenommen  hatte.237/80 
Von  ähnlichen  Freundschaften  berichtet  auch  MELVILLE. 
WILSON  fand  solche  Freundschaften  ferner  zwischen  verschie- 
denen Geschlechtern.  So  war  sogar  ein  Mahhou  der  Tayo  d.er 
I  d  d  i  a  h ,  der  Gemahlin  des  Königs  P  o  m  a  r  r  e  von  Ota- 
heite.237/8'1  Es  scheint  demnach,  das  Ta yo-Verhältnis  habe 
nicht  eigentlich  auf  Sinnlichkeit  beruht,  wenn  diese  auch 
deshalb  noch  nicht  verpönt  zu  sein  brauchte. 

Nach  VON  HELLWALD  wären  die  Sandwich-Insulaner 
oder  Hawaiier  die  eigentlichen  Kanaken  oder  „Menschen".238 

Die  Maori 

Die  heutigen  Bewohner  von  Neu-Seeland  sind  vor 
zwei  oder  drei  Jahrhunderten  wahrscheinlich  von  Polynesien 
hergekommen  und  haben  seitdem  die  Urbewohner  der  Insel 
ausgerottet.  Die  Überlieferungen  aus  der  Zeit  ihrer  Seereisen 
berichten  auch  über  ihre  Ankunft  auf  Neu-Seeland  durch  ver- 
schlagene Kanus  (Boote).239 

Der  Neuseeländer,  Thongata  moury,  ist  empfindsam;  nach 
längerer  Trennung  reiben  sich  Freunde  und  Verwandte  gegen- 
seitig die  Nase  und  vergießen  Tränen  der  Rührung.240  Das 
hindert  die  Maori  nicht,  ein  reines  Kriegervolk  zu  sein,  das 
weder  Priesterschaft  noch  Tempel  noch  Idole  (Götter-  oder 
Götzen-Bilder)  kennt  und  dem  in  seiner  Sprache  ein  Wort  für 
Schönheit  fehlen  soll.241 

In  der  Vorstellung  des  Maori  besteht  ein  inniger  Zu- 
sammenhang zwischen  der  geschlechtlichen  Leistungfähigkeit 
des  Mannes  und  seinem  Mute;  daher  bezeichnet  das  W'ort  toa, 
tapfer,  beide  Tugenden  zumal.  Diese  Eigentümlichkeit,  die 
indessen  nichts  für  Naturvölker  Ungewöhnliches  bedeutet, 
sondern  bei  den  Maori  wohl  nur  in  noch  stärkerem  Grade  als 
z.  B.  bei  den  Papua  auf  Kiwai*)  sich  geltend  machen  dürfte, 

*)   Hierüber  ist   Seite  92  vorliegenden   Werkes   zu   vergleichen. 


Polynesier  247 

gestaltet  nach  GUDGEONs  Ausspruch  den  Phalluskult  bei 
den  Maori  ganz  besonders  merkwürdig.  Der  Sonderzustand 
seines  Geschlechtsgliedes,  dessen  mystischer  Name  Tawhito  ist, 
spielt  bei  einem  für  eine  mörderische  Schlacht  bestimmten 
Krieger  (Toa  Taua)  im  Glauben  der  Maori  eine  große  und 
wichtige  Rolle.-42 

Für   Sodomie   und   Sodomitieren  hat  die   Maori-Sprache 
die    Bezeichnung    Pohane.243      Duldung    der    Sodomie    heißt 
whak-pohane,    eigentlich:    die   Hinterbacken  zum   Koitus  dar- 
bieten.244    Sehr  beachtenswert  erscheint,  daß  die  Maori  dem 
Sodomitieren  auch  noch  einen  anderen  Sinn,  der  mit  Zauberei 
Zusammenhang  haben  dürfte,  beilegen.    In  der  alten  Mythologie 
dieses  seetüchtigen  und  seekühnen  Volkes,  der  Horo  Uta  oder 
Taki-Tumu  Wanderung,  hat  der  Sohn  desU  e-nuku  und  der 
Pai-mahu-tanga,      Rua-tapu,    zu   deutsch   etwa : 
„das  heilige  Loch",  eines  Tages  alle  seine  ins  Meer  gestürzten 
Reisegefährten    getötet.      Nur    zwei   Männer,    P  a  i  k  e  a    und 
Hae-ora;  sind  dem  Tode  des  Ertrinkens  entgangen.    P  a  i  - 
k  e  a  ist  voll  Zuversicht,  wieder  an  Land  zu  kommen,  indem 
er   auf   die   Hilfe   einer    Siphonophore    [Physalia),    des   Meer- 
schweins und  des  Waltieres  rechnet.    Dann  ruft  ihm  Hae-ora 
zu :  „Bücke  dich  nieder".    Das  tut  P  a  i  k  e  a.    Und  Hae-ora 
bläst  ihm  seine  Unterweisungen  von  hinten  in  die  Eingeweide, 
, ,sodomitiert"  ihn  {pohane).     Darauf  sagt  Hae-ora:    „Steh 
auf  und  geh,    und  wenn  du  wieder  Land  erreichst,  wirst  du 
passende  Kleider  finden.     Mit  ihnen  eröffne  das  neue  (Lebens-) 
Jahr,  so  daß,  wenn  du  beim  Feuer  sitzest,  du  etwas  habest,  wo- 
mit du  deinen  Körper  wärmen  und  dich  gegen  die  Kälte  der 
Winterzeit  schützen  kannst".     Danach  hat  Rua-tapu  auch 
Hae-ora  getötet  und  P  a  i  k  e  a  verfolgt.245 

Von  den  durchaus  kriegerischen  Eingeborenen  in  E  a  k  e  n  o- 
m  a  o  u  v  i  im  Norden  Neuseelands  berichtete  bereits  gegen 
Ende  des  18.  Jahrhunderts  MARION,  sie  hätten  sich  nur  zum 
Schutz  gegen  Kälte  bekleidet  und  beide  Geschlechter  keinen 
Begriff  von  [geschlechtlicher]  Scham  besessen.  Bemerkenswert 
erschien  den  französischen  Besuchern  die  zierliche  Gestalt  der 
jugendlichen  Männer.  Die  Männer  zeigten  große  Gleichgültigkeit 
gegen  das  andere  Geschlecht,  dabei  aber  zärtliche  Liebe  zu  ihren 


248 


Die  malaiischen   Naturvölker 


Kindern.  Die  Franzosen  nahmen  bei  den  Maori  Geschmacks- 
richtungen wahr,  welche  „der  Natur  widerstreben"  (qui  choquent 
la  nature)  und  zwar  bei  den  Männern  auch  selbst  im  Gebrauche 
ihrer  Frauen.246 

Das  war  um  1791.  Aus  neuerer  Zeit  ging  auf  die  Fragen 
FRAZERs  130  und  134 — 135*)  von  TREGEAR  eine  Antwort 
für  die  Maori  ein.  Danach  kleiden  sich  ihre  Zauberer  niemals 
wie  Weiber ;  indessen  seien  Männer-  und  Frauen-Tracht  einander 
überaus  ähnlich:  das  Weib  trage  nur  Matten  von  zuweilen 
etwas  feinerer  Qualität  als  gemeinhin  der  Mann,  während  die 
mächtigen  Haarstühle  ausschließlich  den  Häuptlingen  zukämen 
und  ohne  Zweifel  für  das  Volk  Tapu  wären.247  Austausch  der 
Kleider  der  beiden  Geschlechter  käme  auch  sonst  nicht  vor. 
Beischlaf  aber  sei  in  keiner  Form  irgend- 
wie   verböte  n.248 


*)   Diese    Fragen   finden    sich    bereits     Seite   49 — 50   des  allgemeinen 
Teils   vorliegenden   Werkes   abgedruckt. 


Die  Mikronesier 

Die  Karolinen-Insulaner 
Durch  BORN  erfährt  man  Einiges  über  das  Tanzwesen 
der  Yapleute.  Gemeinsame  Tänze  der  Männer  und  Frauen 
gibt  es  nicht.  Jedes  Geschlecht  tanzt  nur  unter  sich;  bei  den 
meisten  Aufführungen  des  einen  Geschlechts  darf  das  andere 
sogar  nur  beschränkt  zugegen  sein,  indem  es  für  höchst  un- 
schicklich gilt,  wenn  bei  den  Tänzen  der  Männer  Frauen  und 
Mädchen  zuschauen.  Nur  die  Mädchen  aus  anderen  Dörfern 
dürfen  ohne  Verhüllung  des  Gesichts  mit  einer  Matte  anwesend 
sein,  ein  Verbot,  das  aber  durch  verstecktes  Zuschauen  der 
Frauen  desselben  Dorfes  im  Busch  oft  umgangen  wird.249 
BORN  unterscheidet  dezente  und  obszöne  Tänze  der  Männer. 
Auch  dezente  Tänze  haben  ein  sexuelles  Grundmotiv.  Obszön 
und  eindeutig  ist  ein  Reihentanz  mit  Onanierbewegungen  und 
wilden  tnä-mä-Ruien ;  mä  aber  bedeutet  in  der  Yapsprache 
begatten.  Bemerkenswert  erscheint,  daß  Kindern  das  Zu- 
schauen bei  allen,  auch  den  obszönsten  Tänzen  erlaubt  ist.250 
Nach  OTTO  FINSCH  zeugt  der  Gesichtsausdruck  der 
Ponapesen  auf  den  östlichen  Karolinen  „meist  von  Dumm- 
heit, Stumpfheit  oder  Sinnlichkeit".  Den  Knaben  im  Alter 
von  7 — 8  Jahren  wird  der  linke  Hoden  durch  ein  geschärftes 
Stück  Bambus  exstirpiert,  angeblich,  weil  man  dadurch  einer 
möglichen  Orchitis  für  immer  vorzubeugen  glaubt  und  weil  die 
Mädchen  einhodige  Männer  „schöner  und  begehr licher"  finden. 
Auf  Ninatabutabu,  einer  der  Freundschaftinseln,  hat  fast 
jeder  junge  Mann  über  20  Jahre  nur  einen  Hoden,  den  rechten. 
Knaben  von  12  bis  14  Jahren  wetteifern  darin,  gemeinschaftlich 
einen  Operateur  zu  finden  und  jeder  will,  um  seinen  persön- 
lichen Mut  zu  beweisen,  als  erster  sich  operieren  lassen.  Die 
Männer   Ponapes   sind   nach   demselben    Forscher    „mehr   als 


250 


Die  malaiischen  Naturvölker 


viehisch  und  roh"  und  „im  Gebiete  der  Sinnlichkeit  ebenso 
stark  als  viehisch".  So  wird  ein  Stück  Fisch  in  die  Vulva 
gesteckt  und  von  den  Männern  allmählich  herausgeleckt. 
..Keuschheit,  Sittsamkeit  und  Ehre"  in  arischem  Sinne  soll 
bei  diesen  Völkern  überhaupt  nicht  vorhanden  sein.251 

Diese  Schilderung  des  Geschlechtslebens  der  Karolinen- 
Insulaner  enthält  zwar  keine  Andeutung  von  Päderastie. 
Indessen  ist  ohne  weiteres  einleuchtend,  daß  bei  einem  Volke 
mit  völlig  zwangloser  alloerotischer  Geschlechtlichkeit  auch 
der  Päderast  keinen  Anlaß  haben  kann,  seinen  geschlecht- 
lichen Neigungen  Zwang  aufzuerlegen,  wenn  der  Befriedigung 
seiner  Natur  keine  gesetzliche  Grenze  gesteckt  ist.  Von 
einem  Verbot  der  Päderastie  in  irgend  einer  Form  unter  den 
Karolinen-Insulanern  ist  aber  bisher  nichts  bekannt  geworden. 
Bestätigt  wird  die  dargelegte  Auffassung  durch  Herrn  Pro- 
fessor Dr.  AUGUSTIN  KRÄMERs  briefliche  Mitteilung  an 
den  Verfasser,  Seite  230  dieses  Werkes,  welche  die  Häufig- 
keit fast  aller  Formen  von  „Perversitäten"  für  die  Eingebo- 
renen der  Karolinen  besonders  betont. 

Die  Pelau-Ins ulaner 
Wie  J.  S.  KUBARY  mitteilt,  ist  Selbstbefleckung,  Mala- 
balaber,  auf  den  Pelau-Inseln  eine  „ziemlich  allgemeine 
Unsitte"  des  jungem  Geschlechts.  Den  Eltern  flöße  sie  be- 
sondere Besorgnis  nicht  ein.  Ebenso  sei  auch  Päderastie, 
Outibenet  er  a  ptil,  unter  erwachsenen  Personen  nicht  unbekannt, 
käme  aber  nur  vereinzelt  vor.  Beide  Arten  von  Vergehen  wären 
straflos.  Aber  ihre  öffentliche  Besprechung  sei  ohne  Verletzung 
des  Anstandes  unmöglich.  Schon  die  bloße  Erwähnung  ihrer 
Namen  gehöre  zu  den  unzüchtigen  Redensarten,  Adalböjos, 
deren  man  im  Beisein  von  Frauen  und  auch  sonst  nicht  öffent- 
lich sich  bedienen  dürfe.252  WESTERMARCK  scheint  aus 
diesen  Angaben  den  völlig  ungerechtfertigten  Schluß  zu  ziehen, 
daß  die  Pelau-Insulaner  ein  „nicht  homosexuell  veranlagtes 
Naturvolk"  seien.253  Zurücksetzung  der  Minorität,  in  diesem 
Falle  der  Homoerotiker,  durch  die  Majorität,  in  diesem  Falle 
die  Heteroerotiker,  kommt,  wenngleich  verhältnismäßig  selten, 
doch   auch    bei   Naturvölkern  vor.      Und   überdies   hat    der 


Mikronesier 


25 1 


gleiche,  für  die  Pelauer  sachverständige  Gewährmann  noch 
eine  andere  Schilderung  gegeben,  welche  den  Beweis  dafür 
erbringt,  daß  das  Weiblingtum  im  Wesen  dieser  Insulaner 
ebenso  steckt  als  in  dem  der  anderen  Naturvölker,  für  die 
es  erwiesen  ist,  und  daß  es  auch  öffentliche  Anerkennung 
findet.  Nach  KUBARY  geschieht  es  manchmal,  daß  eine 
weibliche  Gottheit  sich  einen  jungen  Mann  zur  Priesterin 
erwählt  und  dieser  dann  ganz  als  Frau  angesehen 
und  behandelt  wird.  Bei  Gelegenheiten  legt  er  Frauen- 
tracht an,  „nimmt  auf  den  Hals  ein  Stück  Geld"  und  be- 
arbeitet auch  manchmal  eine  Taropatsche.  Die  „Nach- 
ahmung geht  so  weit",  daß  sein  „sittlicher"  Ruf  bei  den 
meisten  Leuten  „sehr  niedrig"  steht.'251 

Die  Marshall-Insulaner 
Auf  J  a  1  u  i  t  (Ralik)  pflegen  nach  Angabe  des  deutschen 
Reichskonsuls  HERNSHEIM  Mädchen  und  Knaben  schon 
lange  vor  erreichter  Pubertät  geschlechtlichen  Umgang  mit- 
einander. Auch  „unnatürliche  Laster"  stehen  daselbst  „in  hoher 
Blüte".255  Wenn  dagegen  der  stellvertretende  Landeshauptmann 
SENFFT  behauptet,  sich  als  Frauen  gebärdende  Männer  gebe 
es  auf  Jaluit  nicht  und  Päderastie  komme  daselbst  nicht  vor,2,>b 
so  wäre  es  vorsichtiger  von  ihm  gewesen,  bei  der  reinen  Wahrheit 
zu  bleiben  und  nur  zu  bekennen,  daß  er  persönlich  von  derlei 
Erscheinungen  nichts  wahrgenommen  habe. 

Von  einem  Verbot  der  Päderastie  bei  den  Marshall- 
Insulanern  ist  nach  KOHLERs  Studien  aus  deren  Recht  nichts 
bekannt  geworden.237 


in. 

Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

in  Nordostasien  und  Nordamerika 

Die  in  diesem  Abschnitt  untergebrachten  Völkerstämme 
sind  im  wesentlichen  die  Beringvölker  im  Sinne  von 
PESCHEL,  die  Arktiker  im  Sinne  von  FR.  MÜLLER 
und  RATZEL,  die  P  o  1  a  r  v  ö  1  k  e  r  im  Sinne  von  BYHAN.1 
Ihre  Rassenzugehörigkeit  wird  außerordentlich  verschieden  be- 
urteilt, ist  zum  Teil  noch  ziemlich  ungewiß  und  untereinander 
entbehren  sie  eines  engern  Zusammenhangs.  Dieser  ist  eigent- 
lich nur  durch  den  gleichartigen  Kulturzustand  und  den  gemein- 
samen Wohnbezirk  gegeben.  Da  ein  Teil  von  ihnen  den  äußersten 
Nordosten  Asiens  bewohnt,  der  Rest  aber  in  Nordamerika  und 
in  Grönland  schon  seit  vorgeschichtlicher  Zeit  heimatet, 
finden  sie  sich  hier  in  die  beiden  Abteilungen  der  A  ltasiaten, 
mit  den  Tschuktschen,  Korjaken,  Itelmen, 
Aleuten  und  A  i  n  o ,  und  der  Eskimo,  mit  den  größeren 
Hauptgruppen  der  K  o  n  j  a  g  e  n  und  der  Grönländer, 
gruppiert. 

Die  mongolenartigen   und   die  isolierten   Naturvölker 
des  nordöstlichen  Asiens  (Beringvölker) 

Die  Jukagiren2    (Yukaghiren) 

Nachdem  die  Jukagiren  mit  den  R  u  s  s  e  n  in  engere 

Berührung  gekommen  sind,  ist  es,  wie  JOCHELSON  ausführt, 

schwierig  geworden,  über  ihren  eigentlichen  Charakter  zu  urteilen. 

Unzweifelhaft  sei  die  russische  Unterdrückung  und  Mißhandlung 


2:;j.  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

nicht  spurlos  über  sie  hingegangen.    Neben  den  Kamtschadalen 
seien  die  Jukagiren  der  scheueste  Stamm  in  Sibirien.3 

Sehr  früh  beginnt  bei  den  Jukagiren  der  Geschlechts- 
verkehr, beim  Jüngling  spätestens  mit  dem  16.  Lebensjahre. 
Alsdann  besuchen  die  jungen  Männer  die  Mädchen  nach  Eintritt 
ihrer  Reinigung  des  Nachts  in  deren  Zelten.  Ein  Zeremoniell 
zur  Pubertätzeit  kennt  der  Jukagire  wenigstens  gegenwärtig, 
nach  200Jährigem  russischen  Einflüsse,  nicht.4  Von  päderasti- 
schen  Beziehungen  oder  verweibten  Männern,  wie  solche  noch 
heute  bei  den  Tschuktschen  vorkommen  und  früher  bei  den 
Korjaken  und  den  Kamtschadalen  an  der  Tagesordnung  waren, 
hat  JOCHELSON  bei  den  Jukagiren  nur  noch  Spuren  vor- 
gefunden, nämlich  in  der  Kleidung  der  Schamanen,  welche 
zum  Teil  eine  weibliche  ist.  Diese  Neigung,  sich  als  Weib  zu 
verkleiden,  ruft  auch  in  ihm  die  Vorstellung  in  Weiber  um- 
gewandelter Männer  hervor,  welche  bei  den  genannten  Stämmen 
nicht  allzu  selten  waren.5  BOGORAS  traf  unter  den  russischen 
Kreolen  oder  Mischlingen  in  der  unteren  Kolyma,  die  sich  von 
den  russifizierten  Jukagiren  derselben  Gegend  nicht  wesentlich 
unterscheiden,  einen  alten  Mann,  der  ein  bärtiges  Gesicht  und 
die  äußern  Geschlechtsteile  des  Mannes  besaß.  Dessenungeachtet 
benahm  er  sich  sein  ganzes  Leben  hindurch  wie  ein  Weib. 
Er  trug  weibliche  Kleidung,  verrichtete  Frauenarbeit  und  be- 
diente sich  sogar  in  seiner  Unterhaltung  mit  Vorliebe  der 
weiblichen  Art,  wozu  die  russische  Sprache  zahlreiche  Ge- 
legenheiten biete.  Seine  Nachbarn  nannten  ihn  Supan,  was 
die  dort  übliche  russische  Bezeichnung  für  einen  verweibten 
Mann  sei  und  auch  auf  eingeborene  Fälle  bei  Jukagiren  an- 
gewendet würde.6 

Die  Tschuktschen7 
Nach  WRANGEL 1823  war  Päderastie  unter  den  Tschukt- 
schen etwas  ganz  Gewöhnliches  und  wurde  durch- 
aus nicht  im  mindesten  geheim  gehalten.  Es  fanden  sich  unter 
diesen  rohen  Naturmenschen  junge,  wohlgebildete  Burschen, 
die  sich  zur  Befriedigung  „widernatürlicher  Lüste"  her- 
gaben. Solche  Burschen  kleideten  sich  mit  einer  gewissen 
Sorgfalt,  putzten  sich  mit  allerlei  weiblichen    Zieraten,    Glas- 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  2  SS 

perlen  u.  dergl.  heraus  und  scherzten  und  kokettierten  mit  ihren 
Verehrern  ebenso  „frei",  wie  etwa  ein  junges  Mädchen  mit 
seinem  Verlobten.  WRANGEL  und  seine  Begleiter  konnten 
nicht  iimhin.  ihrem  Abscheu  darüber  Ausdruck  zu  geben;  doch 
das  hätten  die  Leutchen  durchaus  nicht  begriffen,  vielmehr 
hätten  sie  gemeint,  es  sei  ja  nichts  Arges  und  ein  jeder  folge 
darin  seinem  Geschmack.  Höchst  auffallend  erschien  dem 
Beobachter  die  Verbreitung  der  Päderastie  bei  einem  rohen 
Volk  und  unbegreiflich  blieb  ihm,  wie  dieses  nach  seiner  Auf- 
fassung durchaus  unnatürliche  Laster  unter  Naturmenschen 
entstehen  und  bestehen  konnte,  da  es  ihnen  doch  an 
Weibern  nicht  fehlte  und  bei  den  Tschuktschen  die 
Ehe  nicht,  wie  es  bei  den  Jakuten  und  Jukaghiren  der  Fall  sei, 
durch  Erlangung  des  Kalym  erschwert  werde,  sondern  ohne  alle 
Schwierigkeiten  geschlossen  und  auch  ebenso  leicht  wieder  auf- 
gehoben werden  könne.8  K.  E.  VOX  BAER  bemerkt,  bei  den 
Tschuktschen  herrsche  die  Sitte,  daß  einige  Männer  die  Stelle 
der  Weiber  vertreten.9 

Wie  B.  DE  ZENZINOFF  1903  berichtete,  glauben  die 
nomadischen  Tschuktschen  an  Kit-Ogan  und 
opfern  diesem  höchsten  Wesen  Renntiere.  Unter  ihren  Priestern 
oder  Schamanen,  männlichen  wie  weiblichen,  gebe  es  viele 
Bauchredner.  Bisweilen  erkläre  ein  männlicher  Schamane 
,, plötzlich",  er  sei  Weib  geworden,  kleide  sich  infolgedessen  weib- 
lich und  heirate  sogar  einen  Mann.10 

Einige  Gewohnheiten  der  Tschuktschen  gehen,  wie  BO- 
GORAS  versichert,  über  „menschliche",  d.  h.  wohl  nur  arische 
Fassungkraft  hinaus.  Sie  sind  Heiden  und  es  ereigne  sich 
häufig,  daß,  unter  dem  „übernatürlichen"  Einflüsse  eines  ihrer 
Schamanen,  ein  Tschuktschen- Junge  von  16  Jahren  „urplötzlich" 
sein  Geschlecht  verlassen  wolle  und  sich  einbilde,  ein  Weib 
zusein.  Er  nehme  weibliche  Tracht  an,  lasse  sein  Haar  wachsen 
und  widme  sich  ausschließlich  weiblicher  Beschäftigung.  Außer- 
dem nehme  dieser  Verleugner  seines  Geschlechts  einen  Ehemann 
in  seine  Vurte  auf  und  leiste  jeden  Dienst,  der  gewöhnlich  dem 
Weibe  obliegt,  in  unnatürlicher  aber  freiwilliger  Unterwerfung. 
Solche  abnorme  Geschlechtsänderungen  hätten  die  verworfenste 
Unsittlichkeit  der  Gemeinschaft  zur  Voraussetzung  und  schienen 


2^6  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

von  den  Schamanen  kräftig  unterstützt  zu  werden,  indem  sie 
derartige  Fälle  auf  einen  Befehl  ihrer  Gottheit  zurückführten.  So 
könne  es  sich  ereignen,  daß  in  einer  Yurte  der  Ehemann  ein  Weib, 
die  Ehefrau  aber  ein  Mann  sei.  BOGORAS'  Begleiter  habe 
mehrere  Tage  in  einer  Yurte  verweilt,  in  der  das  ,,Er-Weib"  ein 
großer  wohlaussehender  Mann  mit  starkem  Schnurrbart  war, 
der ,, Sie-Hausherr"  dagegen  ein  kleines  Weib  in  mittleren  Jahren. 
Ersterer,  mit  langem  Haar,  trug  Weiberkleidung  und  saß, 
Renntierfelle  flickend,  schüchtern  in  einer  Ecke  des  Zeltes. 
BOGORAS  war  auch  Zeuge  noch  anderer  Kombinationen 
(vergl.  Tribadie).  BOGORAS  gibt  an,  dieser  Geschlechtswechsel 
führe  gewöhnlich  zur  Priesterschaft,  fast  alle  Schamanen  wären 
früher  Verleugner  ihres  Geschlechts  gewesen  und  von  ihren 
Stammesgenossen  mit  heiliger  Scheu  angesehen  worden.  Drei 
Jahre  hat  BOGORAS  zu  Kolymsk  in  Nord-Sibirien  zugebracht 
und  solange  er  im  Settlement  von  Nijni-Kolymsk  sich  befand, 
Gelegenheitgehabt,  den  „verderblichen' '  Einfluß  der  eingeborenen 
Tschuktschen  auf  die  russische  Bevölkerung  wahrzunehmen. 
Derselbe  Mangel  an  geschlechtlicher  Moral  herrschte  auch  in 
der  Stadt.  Gemeinsamkeit  der  Weiber,  Trunkenheit  und  all- 
gemeine Gesetzlosigkeit  waren  an  diesem  von  aller  Verbindung 
mit  der  Welt  abgeschnittenen  Orte  in  solchem  Grade  zur  Tages- 
ordnung geworden,  daß  die  größten  Ungeheuerlichkeiten  in  den 
Augen  dieser  Unglücklichen  als  durchaus  natürlich  galten  und 
kein  Versuch  gemacht  wurde,  gleichgeschlechtliche  Leidenschaft 
zu  verhehlen.  Ungesetzlicher  Verkehr  zwischen  Russen  und 
Eingeborenen  war  nicht  minder  häufig.  Das  Leben  der  nor- 
malen Männer  gipfelte  in  dem  Sprich worte:  ein  Weib  sei  keine 
Birne,  die  von  einem  einzelnen  könne  verschluckt  werden.11 

Später  ist  BOGORAS  der  für  ihn  so  absonderlichen  Er- 
scheinung mit  zunehmendem  Interesse  näher  und  näher  getreten 
und  hat  über  die  Homoerotik  der  Tschuktschen  reiches  und 
schönes  Material  zutage  gefördert,  wobei  nur  zu  bedauern  ist, 
daß  er  die  ganze  Erscheinung  nicht  rein  als  solche,  sondern  mehr 
und  mehr  einzig  in  ihrer  Verquickung  mit  dem  Schamanismus 
studierte  und  betrachtete.12  Mit  der  Geschlechtsreife  stellen  sich 
bei  manchem  Tschuktschen  schamanistische  Kräfte  ein.  Ein 
junger  Mann,  der  vorher  keinerlei  Anzeichen  von  Absonderlichkeit 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  2s7 

darbot,  wird  „plötzlich"  tiefsinnig.  Tag  und  Nacht  bringt  er 
im  Freien  fern  vom  Hause  zu  oder  aber  er  hält  sich  beständig 
im  Schlaf  räume  auf,  ohne  ihn  je  zu  verlassen.  Er  verweigert 
Nahrungaufnahme  und  Verkehr  mit  Männern  und  läßt  alle 
an  ihn  gerichteten  Fragen  unbeantwortet.  Für  diesen  nicht 
unbedenklichen  Zustand  macht  der  Tschuktsche  die  Geister 
verantwortlich,  welche  ihn  durch  Einfluß  auf  den  zum  Scha- 
manen auserlesenen  veranlassen  sollen.  Und  der  Zustand 
endet  oftmals  mit  Erkrankung  oder  gar  mit  dem  Tode  des 
jungen  Mannes,  der  „verurteilt  schien,  Schamane  zu  werden". 
Die  einzigen  Mittel,  die  ihn  wieder  zur  Genesung  führen  können, 
sind  ununterbrochenes  Trommelschlagen  einige  Wochen  hin- 
durch, von  dem  „Neubegeisterten"  selbst  ausgeführt,  und  damit 
verbundenem  Singen  und  Versuchen  im  Bauchreden.  So  vor- 
bereitet empfängt  der  zur  Geschlechtsänderung  verurteilte  junge 
Tschuktsche  eine  zweckdienliche  Botschaft  von  seinen 
Geistern  und  muß  „sogleich"  Weiberkleidung  anlegen,  Weiber- 
stimme sich  aneignen,  weibliche  Arbeiten  zu  verrichten  lernen 
und  seine  ganze  frühere  männliche  Vergangenheit  vergessen. 
Er  muß  sehr  schüchtern  werden  und  gleich  einem  jungen 
Mädchen  sich  schämen,  einem  Fremden  ins  Gesicht  zu  sehen. 
Ist  diese  Änderung  vollzogen,  schaut  er  oder  vielmehr  „sie" 
nach  einem  Liebhaber  aus,  zu  dem  „ihr"  auch  durch  „ihre" 
Schutzgeister  verholfen  wird,  welche  die  Herzen  der  jungen 
Männer  zu  „ihr"  hinleitet  und  sie  mit  der  Leidenschaft  der 
Liebe  begeistert.  Nach  einer  Weile  wird  dann  der  mehr  oder 
minder  völlig  Verweibte  an  einen  Mann  verheiratet  und  verlebt 
den  Rest  seines  Daseins  im  Ehestande,  in  dem  er  mit  vollster 
Freiwilligkeit  die  Pflichten  einer  Hausfrau  erfüllt.  Solche  voll- 
kommene Geschlechtsänderung  ist  jedoch  keineswegs  häufig. 
Bei  einem  Tschuktschen- Stamme  von  2000  Männern  hörte 
BOGORAS  von  nur  fünf  Fällen.  Zahlreicher  sind  schon  Fälle 
von  nur  teilweiser  Geschlechtsänderung,  wobei  der  verweibte 
Mann  zwar  Weiberkleidung  und  Weiberstimme  annimmt,  den- 
noch aber  selbst  ein  Weib  besitzen  und  mit  ihm  Kinder 
zeugen  kann.13 

Den  Tschuktschen  überhaupt  schildert  BOGORAS  als  sehr 
sinnlich;   er  freue  sich  über  zotige  Sprüche  und  unzüchtige  Ge- 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  IJ 


2^8  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

bärden.  Von  einem  Weibe,  das  er  begehrt,  abgewiesen,  neige 
er  zu  Notzucht  und  Raub.  Manche  seiner  Lieblings-  und 
Spott-Namen  seien  sehr  unzüchtig.14  Gewisse  Gesänge  schil- 
derten den  Begattungakt  und  gäben  bei  diesem  vorkommende 
Laute  nachahmend  wieder.15  Schamane  heißt  Enenilin,  was 
Priester  und  Arzt  bedeutet.16  Nervöse  und  stark  reizbare 
Temperamente  (Minirkilqin)  seien  am  meisten  für  den  schama- 
nistischen  Ruf  der  Geister  empfänglich.17 

Eine  wichtige  Rolle  im  Leben  des  Schamanen  spielen  seine 
Geschlechtsorgane.  Insonderheit  sind  es  die  Verzauberungen, 
zu  deren  Wirksamkeit  die  Ausführung  ganz  eigenartiger  Vor- 
schriften als  erforderlich  gilt.  Will  ein  Schamane  eine  be- 
stimmte Person  verzaubern,  muß  er  sich  völlig  nackt  entkleiden 
und  sein  Haus  mitten  in  der  Nacht  verlassen,  während  der 
Mond  sichtbar  ist.  Dann  muß  er,  auf  allen  Vieren  sich  be- 
wegend, den  Mond  anrufen  und  die  Worte  sprechen:  ,,0  Mond! 
Dir  zeige  ich  meine  Geschlechtsteile.  Nimm  dich  meiner 
Wünsche  an.  Vor  dir  habe  ich  kein  Geheimnis.  Verhilf  mir 
zu  dem  Manne  so  und  so."  Indem  er  so  spricht,  sucht  der 
Schamane  zu  weinen,  um  das  Mitleid  des  Mondes  zu  er- 
wecken. Sind  seine  Gedanken  auf  Schädigung  einer  anderen 
Person  gerichtet,  macht  er  entsprechende  Bewegungen  mit  dem 
Munde,  als  ob  er  etwas  erschnappe  und  verschlinge,  was  sein 
Verlangen  nach  Unschädlichmachung  seines  Opfers  versinn- 
bildlichen soll.  Die  Tschuktschen  glauben,  daß  nach  Ver- 
zauberungen dieser  Art  die  beabsichtigte  Wirkung  nicht  aus- 
bleibe.18 

Die  Geschlechtsänderung  einer  Mannsperson  in  ein  Schein- 
weib heißt  nach  BOGORAS  Yirka-laoul-vairgin,  eigentlich  ein 
verweibter  Mann  (Yirkalaoul)  seiend  (JOCHELSON  schreibt: 
Irkalaoul);  ein  verweibter  Mann  heißt  aber  auch  Neoutschitschä, 
eigentlich:  ähnlich  einem  Weibe.19  BOGORAS  unterscheidet 
bei  den  Tschuktschen  drei  Grade  der  Verweiblichung  des  Mannes. 

Den  niedrigsten  Grad  stellen  die  Mannspersonen  dar,  deren 
Weibähnlichkeit  sich  ausschließlich  in  der  weiblichen  Art  des 
Flechtens  und  Ordnens  ihres  Kopfhaars  zeigt.  Dieser  Brauch 
ist  unter  den  Tschuktschen  weit  verbreitet  und  wird  nicht  bloß 
von  Schamanen  auf  Befehl  der  Geister  angenommen,  sondern 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  2S0 

auch  von  kranken  Personen  auf  Anordnung  von  Schamanen. 
In  diesem  Falle  besteht  der  Zweck  darin,  das  Aussehen  des 
Patienten  so  zu  verändern,  daß  er  den  Geistern  (Kelet)  unkennt- 
lich wird,  hängt  demnach  mit  Aberglauben  zusammen  und  hat 
mit  Homoerotik  anscheinend  nichts  zu  schaffen. 

Der  zweite  Grad  der  Verweiblichung  wird  gekennzeichnet 
durch  Annahme  weiblicher  Kleidung,  welche  zum  Behufe 
schamanistischer  oder  ärztlich-zauberischer  Erfolge  stattfinden 
kann.  Sie  schließt  durchaus  nicht  vollkommene  Geschlechts- 
änderung ein.  Kimiqai  z.  B.,  der  für  seine  Person  auf 
schamanistische  Kräfte  Anspruch  machte,  trug  Weiberkleider, 
die  er  schon  in  früher  Jugend  angenommen  hatte,  als  er  an 
einer  Krankheit  litt,  die  ihn  zwang,  Tag  für  Tag  fast  ununter- 
brochen im  Innenraum  der  Hütte  zu  liegen,  und  ein  Geist 
ihm  diese  Tracht  verordnete.  Dabei  hatte  er  ein  Weib  mit 
vier  Kindern.  Seine  Wangen  waren  mit  Stoppeln  schwarzen 
Bartes  bedeckt,  sodaß  BOGORAS  meint,  es  könnte  kein 
Zweifel  obwalten,  welchem  Geschlechte  Kimiqai  wirklich  an- 
gehörthabe.  Auch  einem  jungen  Eingeborenen  von  Indian  Point 
(Kap  Tschukotskoj),  Caivu  urgin,  hatte  ein  Schamane 
verordnet,  Weibertracht  anzulegen,  um  ihn  von  einem  chroni- 
schen Leiden,  an  dem  er  seit  seiner  Kindheit  litt,  zu  befreien. 
Veranlassung  zu  diesem  Kunstgriff  soll  indessen  keinesfalls 
häufig  sein,  weil  der  sichtbarste  Ausdruck  der  „Verwandlung", 
die  Annahme  weiblicher  Kleidung,  an  sich  noch  nicht  die  außer- 
ordentliche Kraft  überträgt,  welche  als  wesentlich  der  Ge- 
schlechtsänderung zugehörig  gilt. 

Der  dritte  Grad  der  Geschlechtsänderung  ist  eine  voll- 
ständige „Verwandlung".  Ein  junger  Mann,  wenn  er  bis  dahin 
allen  Bestrebungen  und  Sitten  seines  Geschlechts  sich  unter- 
worfen hatte,  hört  damit  „plötzlich"  auf  und  nimmt  die  des 
Weibes  an.  Er  wirft  Büchse  und  Lanze,  den  Lasso  des  Renntier- 
treibers und  die  Harpune  des  Seehundjägers  fort  und  greift 
zur  Nadel  und  zum  Fellschabeisen.  Den  Gebrauch  dieser 
weiblichen  Handwerkzeuge  lernt  er  geschwind,  weil  die  Geister 
ihm  allezeit  behilflich  sind.  Sogar  seine  Sprechweise  schlägt 
von  der  männlichen  in  die  weibliche  um.  Gleichzeitig  verändert 
sich  sein  Körper,  wenn  nicht  in  seiner  äußeren  Erscheinung,  so 

17* 


260  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

doch  wenigstens  in  seinen  Fähigkeiten  und  Kräften.  Er  geht 
der  männlichen  Stärke,  der  Geschwindigkeit  des  männlichen 
Ganges,  der  Ausdauer  im  Kampfe  verlustig  und  erwirbt  dafür 
die  Hilflosigkeit  des  Weibes.  Sein  ganzes  seelisches  Wesen 
ändert  sich.  Der  verweibte  Mann  verliert  seinen  rohen  Mut 
und  seine  Streitlust  und  wird  scheu  gegen  Fremde,  er  wird 
sogar  Freund  müßigen  Geschwätzes  und  eingenommen  von  der 
Pflege  kleiner  Kinder.  Ganz  allgemein  gesprochen  wird  er  ein 
Weib  mit  der  leiblichen  Erscheinung  eines  Mannes.20  Wenn  aber 
die  Geister  an  den  Unrechten  geraten,  so  kann  es  auch  vor- 
kommen, daß  der  junge  Tschuktsche,  der  Schamane  mit  vollkom- 
mener Geschlechtsveränderung  werden  soll,  dem  Gehorsam 
gegen  den  Ruf  der  Geister  seinen  Tod  vorzieht.21  Denn  die 
freiwillige  Geschlechtsveränderung  ist  das  wichtigste  der  eigent- 
lichen „Verwandlung".  Der  verweibte  Mann  beginnt  sich  als 
Weib  zu  fühlen.  Er  sucht  die  Gunst  und  das  Wohlwollen  von 
Männern  zu  gewinnen  und  hat  mit  Hilfe  der  Geister  auch  leicht 
Erfolg.  So  wetteifern  junge  Männer,  mehr  als  er  nur  wünschen 
kann,  um  seine  Zuneigung.  Aus  seinen  Freiern  wählt  er 
sich  seinen  Liebhaber  und  nimmt  nach  Ablauf  einer  gewissen 
Zeit  einen  Ehemann.  Seine  Ehe  wird  mit  den  auch  sonst 
üblichen  Feierlichkeiten  vollzogen  und  BOGORAS  muß  zu- 
gestehen, daß  sie,  eine  Zweimännerehe,  doch  eine  durchaus 
gediegene  Vereinigung  bilde,  welche  oftmals  bis  zum  Tode  des 
einen  der  beiden  Partner  währe.  Solch  Paar  lebe  beinahe  in 
derselben  Weise  wie  das  übrige  Volk.  Der  Mann  pflegt  seine 
Herde  und  geht  jagen  und  fischen,  derweilen  das  „Weib"  den 
Haushalt  besorgt  und  alle  häuslichen  Arbeiten  verrichtet. 
Den  Koitus  vollziehen  sie  auf  „perverse  Art",  nach  „Weise  des 
Sokrates",  wobei  das  „Weib"  stets  die  passive  Rolle  spielt. 
Dabei  sollen  einige  dieser  verweibten  Männer,  wie  man  BO- 
GORAS glauben  machen  wollte,  nicht  nur  das  männliche  Be- 
gehren gänzlich  einbüßen,  sondern  schließlich  sogar  weibliche 
Organe  bekommen.  Andere  dagegen  sollen  sich  heimlich  eigene 
Weiber  halten  und  mit  diesen  Kinder  zeugen.22 

Die  verweibten  Männer  behalten  nach  BOGORAS  ihre 
früheren  Namen  bei;  wenigstens  hatten  alle  die,  welche  der 
Gewährmann   kennen   lernte  oder  von  denen  er  hörte,  Manns- 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  261 

namen.  Nur  einer  wurde  Ker-amoelen,  „Weiberkleid- 
Amoelen",  genannt,  ein  Name,  dessen  letzter  Teil  aber  Manns- 
name ist.  In  merkwürdigem  'Widerspruche  damit  werden  nach 
BOGORAS  einigen  Personen  aus  dem  gemeinen  Volke  von 
Schamanen  weibliche  Namen,  bald  bei  der  Geburt,  bald  später, 
beigelegt.  Sollte  es  sich  bei  diesen  etwa  um  verweibte  Männer 
handein,  die  nicht  Schamanen  sind?   Oder  um  Kranke? 

Der  Zustand  eines  verweibten  Mannes  ist  nach  BOGORAS 
so  eigenartig,  daß  er  viel  Klatsch  und  Scherz  unter  den  Nach- 
barn hervorruft.  Aber  solche  Scherze  werden  nur  im  Flüsterton 
gewechselt,  weil  das  Volk  außerordentliche  Ehrfurcht  vor  dem 
„verwandelten"  Schamanen,  viel  größere  als  vor  dem  gewöhn- 
lichen hat.  In  einer  unter  den  Tschuktschen  weithin  in  Umlauf 
befindlichen  Erzählung  nimmt  ein  verweibter  Mann,  in  Weiber- 
tracht gekleidet,  mit  anderen  Gliedern  seiner  Familie  am 
Zusammentreiben  einer  Renntierherde  teil.  Die  Frau  seines 
Bruders  verspottet  ihn  mit  den  Worten:  „Dieser  hier  mit  den 
Weiberhosen  scheint  nicht  eben  viel  zu  helfen".  Der  verweibte 
Mann  nimmt  das  übel  auf  und  verläßt  das  Familien-Lager. 
Er  begibt  sich  an  die  Grenze  des  Gebiets  der  Korjaken,  die 
ihn  in  seinem  Reisezelt  überfallen.  Er  aber  erwehrt  sich  seiner 
Feinde  mit  übernatürlichen  Mitteln,  nimmt  ihnen  ihre  Herden 
fort  und  zeigt,  in  seine  Heimat  zurückgekehrt,  seinen  Ver- 
wandten den  neu  erworbenen  Wohlstand  mit  den  Worten: 
„Seht  hier,  was  der  mit  den  Weiberhosen  für  euch  zu  erwerben 
fähig  war."23 

Überdies  glaubt  der  Tschuktsche  von  jedem  verweibten 
Mann,  er  habe  unter  den  Geistern  einen  besondern  Beschützer, 
der  meistens  die  Rolle  eines  übernatürlichen  Ehemannes,  eines 
Kcle-uiiäqutsch  (etwa  uwe  kutsch  gesprochen)  spiele.  Und  dieser 
übernatürliche  Ehemann  gilt  als  das  wahre  Haupt  der  Familie. 
Seine  Anordnungen  vermittelt  der  verweibte  Mann.  Dessen 
menschlicher  Ehemann  muß  sie  auch  unter  dem  Druck  der  Be- 
fürchtungsofortiger Bestrafung  gläubig  ausführen.  So  hat  in  einem 
solchen  Haushalte  die  Stimme  des  „Weibes"  das  Übergewicht. 
Der  Ehemann  nimmt  oft  den  Namen  seiner  „Frau"  als  Zusatz 
zu  dem  seinigen  an,  z.  B.  T  i  1  u  w  g  i  -  Y  a  t  i  r  g  i  n  ,  d.  h. 
Y  a  t  i  r  g  i  n  ,   Ehemann  des  (verweibten  Mannes)  T  i  1  u  w  g  i. 


262  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

Sonst  pflegt  das  bei  den  Kindern  mit  dem  Vaternamen  zu 
geschehen,  wie  Kokole-Yatirgin,  d.  h.  Yatirgin, 
Sohn  des  K  o  k  o  1  e. 

Den  A'^e-Ehemann  stellt  sich  der  Tschuktsche  als  sehr 
empfindlich  sogar  für  die  geringste  Verspottung  seines  männ- 
lichen Weibes  vor;  man  nimmt  an,  er  wisse,  wie  außerordentlich 
schüchtern  der  verweibte  Mann  empfindet,  und  er  sei  sich 
zweifellos  auch  bewußt,  wie  lächerlich  dessen  Lage  dadurch 
wird,  daß  er  im  Grunde  seinen  eigenen  Befehlen  gehorchen 
muß.  m 

Bei  verweibten  Männern  setzt  der  Tschuktsche  voraus,  daß 
sie  sich  in  allen  Zweigen  des  Schamanismus  hervortun,  ein- 
schließlich der  Bauchredekunst,  und  dies,  obgleich  er  sie  für 
Weiber  ansieht.  Wegen  ihrer  übernatürlichen  Schutzgeister 
werden  die  verweibten  Männer  von  den  nicht  verweibten 
Schamanen  gefürchtet,  welche  jede  Berührung  mit  ihnen  ver- 
meiden, besonders  mit  den  jüngeren,  weil  diese  außerordentlich 
schüchtern  sind  und  bereitwilligst  den  Forderungen  des 
übrigen  Volkes  nachgeben;  sind  sie  doch  gewiß,  daß  deren 
übernatürlicher  Ehemann  jede  Zurücksetzung  seines  Schützlings 
vergelten  wird.25 

Von  allen  verweibten  Schamanen,  die  BOGORAS  unter  den 
Tschuktschen  kennen  lernte,  war  ihm  Tiluwgi  weitaus  der  be- 
merkenswerteste. Er  traf  ihn  auf  einer  kleinen  Händlerversamm- 
lung im  Lager  der  Renntiertschuktschen  von  Wolverene  River. 
Mit  einem  Teile  dieser  Händler  war  er  von  der  Tschuktschen- 
Halbinsel  gekommen.  Maritimen  Ursprungs,  besaß  seine  Familie 
einige  Renntiere  und  verwandte  die  meiste  Zeit  auf  Wartung 
der  Herde.  Tiluwgi  war  etwa  35  Jahre  alt,  groß  und  gut 
entwickelt.  Seine  breiten  harten  Hände  besonders  wiesen  keine 
Spur  von  Weiblichkeit  auf.  BOGORAS  lebte  zwei  Tage  in 
T  i  1  u  w  g  i  s  Zelt  und  schlief  in  dessen  kleinem  Innenraume, 
der  kaum  groß  genug  war,  um  für  vier  Schläfer  Platz  zu 
bieten.  So  konnte  er  zufällig  ganz  genau  die  Einzelheiten 
von  T  i  1  u  w  g  i  s  Körperbau  beobachten  und  fand,  daß  dieser 
ohne  Zweifel  durchaus  männlich  war.  Tiluwgi  weigerte  sich 
indessen  hartnäckig,  ihm  Erlaubnis  zu  einer  genauen  Be- 
sichtigung seines  Körpers  zu  erteilen.     T  i  1  u  w  g  i  s  Ehemann, 


Tafel   II 


Zu  Seile  263 


Tiluwgi,  ein  mit  einem  Manne  verheirateter 
verweibter  Tschuktschen-Schamane,  nach   Bogoras 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  263 

Y  a  t  i  r  g  i  n  ,  durch  eine  dargebotene  Summe  verlockt,  be- 
mühte sich,  sein  „Weib"  zu  überreden ;  aber  nach  einigen  vergeb- 
lichen Versuchen  wurde  er  durch  einen  mürrischen  Blick  seiner 
eigenartigen  Frau  endgültig  zum  Schweigen  gebracht.  Er 
empfand  es  jedoch  schmerzlich,  daß  BOGORAS  seine  Neugierde 
umsonst  bezahlt  haben  sollte  und  machte  ihm  daher  den  Vor- 
schlag, in  der  Schilderung  Tiluwgis  sich  seiner  Augen 
und  seiner  Worte  an  Stehe  seiner  eigenen  zu  bedienen. 
(Tafel  III). 

Yatirgin  beschrieb  ihm  nun  den  Körperbau  T  i  - 
1  u  w  g  i  s  als  völlig  männlich  und  als  prächtig  entwickelt,  wovon 
BOGORAS  sich  ja  selbst  bereits  überzeugt  hatte.  Er  bekannte 
dabei,  darüber  recht  betrübt  zu  sein,  hoffte  indessen,  T  i  1  u  w  g  i 
würde  im  Laufe  der  Zeit  mit  Hilfe  seines  Kele  es  noch  dahin 
bringen,  dem  verweibten  Manne  von  ehedem  gleichzukommen, 
indem  er  alle  Organe  seines  Geschlechts  in  weibliche  umgestalte, 
was  ihm  als  Ehemann  auch  besser  passen  würde.  BOGORAS 
meint  jedoch,  trotz  dieser  Erklärung  Yatirgins  habe 
Tiluwgis  Gesicht,  umrahmt  von  Flechten  dicken  nach  Art 
der  Tschuktschen-Frauen  geordneten  Haares,  besonders  wegen 
des  bräunlichen  Flaums  über  seiner  Oberlippe,  ganz  anders  als 
das  gewöhnlicher  männlicher  Tschuktschen  ausgesehen.  Es  habe 
etwa  einer  weiblichen  tragischen  Maske  geglichen  und  zum 
Körper  einer  Riesin  aus  einer  fremden  Rasse  gepaßt.  Alles 
Tun  dies  wunderbaren  Geschöpfes  sei  entschieden  weiblich  ge- 
wesen. Er  war  so  schamhaft,  daß,  wenn  BOGORAS  eine  Frage 
zweideutiger  Natur  stellte,  selbst  unter  der  Schicht  des  gewöhn- 
lichen Schmutzes  bemerkbare  Schamröte  über  Tiluwgis 
Gesicht  sich  ausbreitete  und  sein  Arm  eine  Bewegung  machte, 
wie  um  die  Augen  mit  dem  Ärmel  zu  bedecken,  gleich  einer 
sechzehnjährigen  weiblichen  „Schönheit''.  BOGORAS  bot  sich 
auch  Gelegenheit,  ihn  mit  der  weiblichen  Nachbarschaft  klat- 
schen zu  hören,  und  das  geschah  in  höchst  weiblicher  Weise. 
Er  sah  ihn  sogar  kleiner  Kinder  warten  mit  sichtlichem  Neide 
auf  die  Freuden  der  Mutterschaft,  welche,  meint  er,  dem 
T  i  1  u  w  g  i  zu  bescheren  doch  wohl  nicht  mehr  innerhalb 
der  Grenzen  des  Verwandlungvermögens  seines  A'e/e-Ehe- 
mannes  liegen  möchte. 


264  -Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

Der  menschliche  Ehemann  Tiluwgis,  Yatirgin, 
war  eine  untersetzte  Person,  fast  um  einen  halben  Kopf  kleiner 
als  sein  Ehegespons,  aber  gesund  und  stark,  ein  tüchtiger  Ringer 
und  Läufer,  im  ganzen  eine  normale,  wohl  ausgeglichene  Persön- 
lichkeit. Er  war  ein  Vetter  Tiluwgis,  wie  denn  nach 
BOGORAS  die  verweibten  Schamanen  bei  der  Wahl  eines  Ehe- 
mannes gewöhnlich  einen  Mann  aus  ihrem  nächsten  Verwandten- 
kreise bevorzugen. 

Die  Teilung  der  Arbeit  unter  diese  beiden  männlichen 
Eheleute  erfolgte  nach  der  üblichen  Regel.  Abends  saß  Yatir- 
g  i  n  müßig  im  Innenraum,  während  T  i  1  u  w  g  i  am  Herd 
mit  der  Bereitung  des  Abendmahls  beschäftigt  war.  Yatir- 
gin erhielt  die  besten  Stücke  Fleisch,  sein  „Weib"  begnügte 
sich,  entsprechend  der  Tschuktschensitte,  mit  Resten  und 
Knochen.  Dahingegen  gab  in  allen  ernsteren  Lebensangelegen- 
heiten die  Stimme  des  ,, Weibes"  den  Ausschlag. 

BOGORAS  hörte  von  Nachbarn  eine  , .sonderbare"  Ge- 
schichte, wonach,  als  Yatirgin  einmal  etwas  böse  war  und 
Miene  machte,  sein  Riesen, ,weib"  zu  züchtigen,  dieses  ihm  ur- 
plötzlich einen  so  kräftigen  Tritt  versetzte,  daß  er,  mit  dem 
Kopfe  voran,  aus  dem  gemeinsamen  Schlafraum  hinausflog. 
Dies  beweise,  meint  BOGORAS,  die  Weiblichkeit  Tiluwgis 
sei  doch  mehr  scheinbar  als  wirklich  gewesen. 

Die  „Verwandlung"  Tiluwgis  begann  in  seiner  frühe- 
sten Jugend,  nach  einer  vernachlässigten  Krankheit,  von  der 
er  sich  selbst  durch  Gesang  und  Trommelschlagen  befreite. 
In  BOGORAS'  Beisein  hielt  er  eine  schamanistische  Sitzung 
ab,  die  etwas  Besonderes  nicht  bot,  außer  daß  sein  A'e/e-Ehemann 
öfters  erschien  und  dem  Publikum  den  Schamanen  pries.  Beim 
eigentlichen  Beginn  rief  ihn  T  i  1  u  w  g  i  und  bat  ihn,  die  Trommel 
auszubessern,  welche,  wie  er  wenigstens  behauptete,  nicht  den 
richtigen  Klang  habe.  BOGORAS  hörte  den  A'e/e-Ehemann 
mit  gewaltiger  Kraft  über  die  Decke  der  Trommel  blasen, 
worauf  ihr  Ton  sich  auf  einmal  verbesserte.26 

Ein  zweiter  Schamane  „verwandelten"  Geschlechts  war 
Echuk,  den  BOGORAS  auf  dem  Anui  Jahrmarkt  traf. 
Er  war  eine  Persönlichkeit  von  etwa  vierzig  Jahren,  groß  und 
stark,  von  ziemlich  unanständigem  Benehmen  und  stark  ge- 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker 


z°5 


pfefferter  Ausdrucksweise.  Er  prahlte  sogar  damit,  durch  Bei- 
hilfe seines  A'e/e-Beschützers  imstande  gewesen  zu  sein,  aus 
seinem  eigenen  Leibe  zwei  Söhne  zu  gebären.27 

Ein  dritter  verweibter  Mann  war  K  e  e  ulin,  aus  der 
Stadt  Acon,  ein  Greis  von  60  Jahren,  ein  Witwer,  dessen  'Weib 
ihm  mehrere  Kinder  geboren  hatte.  Gleichzeitig  soll  er  nach 
Versicherung  des  Volkes  einen  männlichen  Liebhaber  gehabt 
haben,  mit  dem  er  länger  als  20  Jahre  zusammenlebte.  Nun 
war  aber  auch  dieser  Liebhaber  gestorben,  sodaß  K  e  e 
ulin  doppelt  verwitwet  zurückblieb.  Er  trug  weibliche  Klei- 
dung, aber  sein  Gesicht  war  mit  Stoppeln  grauer  Barthaare 
bedeckt  und  sein  Schädel  schon  zu  kahl  geworden,  als  daß  er 
genug  Haare  lieferte,  die  in  Flechten  hätten  geordnet  werden 
können.  Er  war  ganz  arm  und  auch  seine  schamanistischen 
Kräfte  hatten  ihn  in  bedenklichem  Grade  verlassen.  Dennoch 
behauptete  man  von  ihm,  er  habe  wieder  einen  neuen  Lieb- 
haber gewonnen  —  einen  anderen  Mann,  der  im  selben  Hause 
mit  ihm  lebte.27 

In  zwei  anderen  Fällen,  denen  BOGORAS  persönlich 
begegnete,  handelt  es  sich  um  ganz  junge  Leute,  die  bei  ihren 
Eltern  lebten.  Der  eine  war  ein  flinker  junger  Bursche,  ein 
sehr  geschickter  Herdentreiber.  Aber  das  Volk  beschuldigte 
ihn,  daß  er  alle  seine  jungen  Genossen,  die  ihn  mit  ihrer  Gunst- 
bezeugung angingen,  „verderbe",  zum  größten  Nachteil  und  zum 
größten  Ärgernis  der  „rechtmäßigen  Schönheiten"  des  Lagers. 
Der  andere  war  ein  kränklicher  Jüngling,  dem  aber  nachgesagt 
wurde,  daß  er  ernstlich  nach  einem  Ehemann  Umschau  halte. 
Beide  waren  so  ..schüchtern-,  daß  sie  vorsichtig  vermieden, 
BOGORAS  zu  irgend  welchen  sie  beunruhigenden  Fragen  Zeit 
oder  Gelegenheit  zu  bieten. 

Endlich  hörte  BOGORAS  noch  von  einem  sechsten  ver- 
werten Manne,  der  äußer  lieh  wie  ein  Weib  aussah,  mit  einer 
dünnen,  schwachen  Stimme  sprach  und  das  Haar  sehr  lang 
trug.  Er  änderte  sofort  vollständig  sein  Geschlecht,  als  der  erste 
schamanistische  Ruf  an  ihn  gelangte.28 

Aus  der  Mythologie  der  Tschuktschen  gedenkt  BOGORAS 
einer  Person  namens  „Kinder-Tod"  (Kuwitschin) ,  die  bald  als 
Mann,  bald  als  Weib  bezeichnet  wird  und  bei  der  es  sich  auch 


266  ^'e  Arktiker  oder  Hyperboreer 

um  einen  verweibten  Mann  zu  handeln  scheint.29  In  einer  Erzäh- 
lung (,,M  an  e  und  Manaqton")  wird  ein  russischer  Pope 
ohne  weitere  Umstände  als  verweibter  Mann  ( Yirkalaoul) 
bezeichnet,  einzig  deshalb,  weil  sein  Obergewand  einer 
Frauenrobe  ähnelt. 29a  Und  in  einem  Märchen  („Zwei 
Schamanen")  heißt  einer  der  beiden  Helden  Tenququni, 
was  etwa  „richtige  Schamritze"  (englisch  good  vidva)  bedeutet, 
der  andere  Rigowali,  dem  Sinne  nach  ..haariger  Steiß" 
(englisch  hairy  buttocks).29b  Offenbar  soll  in  diesem  Märchen 
Tenququni  einen  urnischen,  Rigowali  einen 
dionischen    Schamanen    vorstellen. 

Die  Korjaken30 

Einige  K  o  r  j  a  k  e  n  unterhielten  nach  KRASCHENINNI- 
KOW  männliche  Konkubinen,  die  in  ihrer  Sprache  Keiew 
(Ksyew)  hießen.  Aber  weit  entfernt,  diesen  Brauch  so  häufig 
zu  üben  wie  die  Kamtschadalen,  die  ihre  männlichen 
Konkubinen  Kojektschutschi  (Koektschiäsch) ,  verweibte  Männer, 
nannten,  hätten  die  K  o  r  j  a  k  e  n  Verachtung  für  sie  empfunden 
und  es  sei  eine  sehr  große  Beschimpfung  bei  ihnen  gewesen, 
jemanden  Keiew  zu  nennen.  Die  seßhaften  Korjaken  hätten 
einen  sehr  sonderbaren  Aberglauben  besessen.  Bisweilen  hätten 
sie  Steine  in  Kleidungstücke  gesteckt  und  sie  anstatt  ihrer 
Frauen  mit  ins  Bett  genommen,  Scherz  mit  ihnen  getrieben 
und  sie  geliebkost,  als  ob  sie  Leben  und  Empfindung 
besäßen.  KRASCHENINNIKOW  sah  zwei  solcher  Steine  bei 
einem  Einwohner  von  Ukinskoi ;  den  größeren  Stein  sah  dieser 
für  sein  „Weib"  an  und  nannte  ihn  Iaitel-Kamak,  d.  i.  Heilstein, 
den  kleineren,  seinen  „Sohn",  hieß  er  Kalkak.31 

VON  SIEBOLDs  Vermutung,  die  Keiew  der  Korjaken 
KRASCHENINNIKOWs  dürften  dem  Hausherrn  weniger  nahe 
gestanden  haben  als  der  Hausfrau  und  das  öftere  Vorkommen 
mehrerer  Männer  in  einer  Familie  weise  auf  Polyandrie  hin,32 
lehnt  BOGORAS  als  gewagte  Annahme  und  als  völlig  un- 
berechtigt ab.33 

ERMAN  hat  mitgeteilt,  daß  die  Korjaken  von  jeher 
neben  ihren  eifersüchtig  geliebten  Frauen  auch  noch  männliche 
Personen  oder  Keelgi  hielten;  und  nicht  nur  solche,  sondern 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  2Ö7 

auch  noch  weit  rätselhaftere  —  steinerne,  mit  Fellen  bekleidete 
Bettgenossen.  Ihre  Liebebezeugungen  gegen  unbelebte  Wesen 
erinnerten  dann  wieder  an  die  Ostj  akinnen  am  0  b  i  , 
welche  bekleideten  Holzklötzen  drei  Jahre  lang  die  Stelle  ihrer 
verstorbenen  Ehemänner  einräumten;  auch  die  Korjaken  ver- 
muteten von  solch  einem  Steine,  zu  dem  sie  sich  hingezogen 
fühlten,  er  sei  ehemals  beseelt  gewesen,  und  sie  bemerkten  sogar, 
sobald  sie  ihm  sich  näherten,  einen  eigentümlichen  Hauch,  dem 
sie  auch  Heilkräfte  zuschrieben  und  welcher  am  Ende  selbst 
noch  in  E  u  r  o  p  a  von  den  Kennern  des  tierischen  Magnetismus 
für  eine  ganz  glaubliche  und  beachtenswerte  Erscheinung  erklärt 
werden  dürfte.34  Nach  ERMAN  waren  aber  die  Keelgi  Männer 
einer  eigenen  Art;  sie  wurden,  durch  ihre  Kleidung  kenntlich 
gemacht,  von  dem  übrigen  Volke  aufs  Äußerste  verachtet, 
von  einigen  aber  statt  Beischläferinnen  gebraucht.35 

Während  die  älteren  Beobachter,  KRASCHENINNIKOW 
und  ERMAN,  die  von  ihnen  besprochene  Erscheinung  gleich- 
geschlechtlichen Verkehrs  bei  den  Korjaken  vom  rein  erotischen 
Gesichtspunkte  aus  ansahen  und  das  Liebeelement  dabei  allein 
betonten,  ohne  indessen  auch  nur  anzudeuten,  daß  es  mit 
religiösen  Vorstellungen  verquickt  gewesen,  setzt  mit  den 
neueren  Erforschern  der  Polarvölker  die  entgegengesetzte  Auf- 
fassung ein.  Die  korjakische  Homoerotik  wird  von  diesen 
Forschem,  BOGORAS  und  JOCHELSON,  als  aus  religiöser, 
aus  schamanistischer  Grundlage  herausgewachsen  und  das 
Gleichgeschlechtliche  nicht  mehr  als  solches,  sondern  nur  noch 
in  Verschmelzung  mit  dem  Schamanismus  wahrgenommen  und 
dargestellt.  Verfasser  dieser  Zusammenstellung  nimmt  jedoch 
die  von  ULRICHS  für  den  japanischen  Bonzen  und  die  römisch- 
katholische Geistlichkeit  ausgesprochene  Meinung  lieber  für  den 
korjakischen  Schamanen  in  Anspruch,  nach  der  „umische  Liebe 
ein  Standes- Reservatrecht"  ist  und  „menschlicher  Natur  zufolge 
vorzugsweise  nur  Urninge  den  geistlichen  Stand  wählen".30 
Die  unterschiedlichen  Wirkungen  einer  Einrichtung,  welche  der 
japanischen  und  der  römisch-katholischen  Geistlichkeit  die  Ehe 
überhaupt  unmöglich  macht,  und  einer  Sitte,  die  dem  männ- 
lichen Schamanen  die  Ehe  mit  Geschlechtsgleichen  gestattet, 
dürften  freilich  kaum  sehr  erheblich  sein.     Lassen  wir  jedoch 


2Ö8  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

dieser  Meinungabweichung  ungeachtet  die  Erforscher  kor- 
jakischer Sitten  hier  ungeschmälert  zu  Worte  kommen,  da  der 
Weg  zur  Erkenntnis  ja  öfters  über  Irrtümer  führt. 

In  alter  Zeit  waren  auch  bei  den  Korjaken  in  Weiber 
„verwandelte"  Schamanen  nach  JOCHELSON  keine  Seltenheit 
und  galten  sogar  als  die  mächtigsten  unter  den  Schamanen. 
Sie  hießen  Kayaw  (Qavau)  oder  Keyew  (Qeveu).  Sie  gingen 
gleich  den  alten  Kojektschntschi  (Koektschutsch)  der  Kamtschadalen 
und  den  heutigen  Irkalaul  der  Tschuktschen  Ehen  mit  Männern 
ein.  War  eine  wirkliche  Frau  bereits  in  der  Ehe  vorhanden, 
wurden  sie  als  Nebenfrauen  aufgenommen  und  lebten  mit 
dem  Ehemanne  in  „unschicklicher"  Vertraulichkeit.37  Korjaken 
erzählten  dem  Gewährmanne,  die  Qavaus  hätten  sich  in  einer 
dem  weiblichen  Geschlechte  ähnlichen  Lage  befunden.  So  sei 
es  den  korjakischen  Qavaus,  wie  den  Weibern,  erlaubt  gewesen, 
ganz  wie  bei  den  Kamtschadalen,  das  Haus  oder  die  unter- 
irdische Jurte  durch  die  Dachöffnung  des  Vorraumes  zu  be- 
treten, während  das  für  Männer  als  eine  Erniedrigung  an- 
gesehen worden  wäre.36 

Der  Schamane  von  Beruf  heißt  bei  den  Korjaken  Enena- 
laen,  was  einen  von  Geistern  inspirierten  Mann  bedeutet  und 
worin  Enen  der  Geist  des  Schamanen  ist.  So  nennen  die 
Korjaken  von  heute  aber  auch  den  ihnen  aufgezwungenen 
Christengott  und  die  Idole  der  orthodoxen  Kirche.  Schamanen- 
schutzgeister  erscheinen  in  der  Regel  in  Gestalt  von  Säugetieren 
oder  Vögeln,  am  häufigsten  von  Wolf,  Bär,  Rabe,  Seemöve, 
Adler  und  Kibitz.  Die  künftigen  Schamanen  sind  häufig 
nervöse  junge  Männer,  die  an  hysterischen  Anfällen 
leiden,  während  welcher  die  Geister  ihrer  Forderung 
Ausdruck  geben,  der  junge  Mann  solle  sich  dem  Dienst 
des  Schamanismus  weihen.  Man  versicherte  JOCHELSON, 
daß  Leute,  die  im  Begriffe  ständen,  Schamanen  zu  werden, 
mit  einem  Zustande  völliger  Erschöpfung  abwechselnde  Anfälle 
wilden  Paroxismus  durchmachten.  Zwei  bis  drei  Tage  lägen 
sie  regunglos  da,  ohne  Aufnahme  von  Speise  und  Trank. 
Schließlich  zögen  sie  sich  in  die  Einsamkeit  zurück,  wo  sie 
ihre  Zeit,   Hunger  und   Kälte    erleidend,   mit  den  nichtigsten 


Tafel  IV 


Zu  Seite  269 


Ein  jüngerer  verweibter  Korjaken-Schamane,   nach  Jochelson 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  269 

Dingen  verschwendeten,  in  der  Absicht,  sich  auf  ihren  Beruf 
vorzubereiten.38 

JOCHELSOX  findet  die  sogenannten  „verwandelten" 
Schamanen  der  Korjaken  noch  erheblich  interessanter  als  die 
anderen.  Sie  sind  Schamanen,  welche  nach  dem  Glauben 
der  Korjaken  ihr  Geschlecht  auf  Geheiß  der  Geister  geändert 
haben.  Ein  junger  Mann  legt  plötzlich  Frauenkleidung  an, 
fängt  an  zu  nähen,  zu  kochen  und  verrichtet  andere  Arten 
weiblicher  Hausarbeit.  Man  hält  ihn  gleichzeitig  auch  für 
physisch  völlig  in  ein  Weib  verwandelt.  Solch  ein  Schamane 
heiratet  wie  ein  Weib,  also  einen  Mann.  Natürlich  führt 
eine  Vereinigung  dieser  Art  lediglich  zur  Befriedigung  „unnatür- 
licher Neigungen",  welche  ehemals  bei  den  Korjaken  häufig 
angetroffen  wurden.  Es  gehen  von  Mund  zu  Mund  Märchen, 
nach  denen  in  alten  Zeiten  verwandelte  Schamanen  Kinder 
zur  Welt  gebracht  haben.  Solche  Vorkommnisse  werden  auch 
in  einigen  von  JOCHELSON  mitgeteilten  Überlieferungen 
berichtet.  Andererseits  sollen  die  Kinder  des  Ehemannes 
eines  verwandelten  Schamanen,  die  ihm  von  seiner  wirklichen 
Frau  geboren  wurden,  häufig  nicht  dieser,  sondern  dem  ver- 
wandelten Schamanen  gleichen.  Die  ganze  Einrichtung  in- 
dessen, die  sich  unter  den  Tschuktschen  bis  auf  den  heutigen  Tag 
behaupten  konnte,  soll  gegenwärtig  bei  den  Korjaken  in 
Abnahme   begriffen  sein.39 

JOCHELSON  hat  während  der  ganzen  Zeit  seines  Aufent- 
halts unter  den  Korjaken  nur  zwei  Schamanen  zu  studieren 
Gelegenheit  gefunden.  Beide  waren  junge  Männer  und  keiner 
von  beiden  genoß  besondere  Achtung  von  Seiten  seiner  An- 
verwandten. Beide  waren  arme,  als  Arbeiter  für  reichere  Mit- 
glieder ihres  Stammes  tätige  Männer.  Der  jüngere  (Tafel  IV) 
war  ein  See-Korj  ake  von  A  1  u  t  o  r  ,  ein  schüchterner 
Jüngling  und  Bauchredner.  Er  hatte  sprechende  und  an- 
genehme, obwohl  etwas  wilde  Gesichtszüge  und  lebhafte  klare 
Augen.  Er  pflegte  in  Begleitung  eines  korjakischen  Handels- 
mannes die  Stadt  Kamenskoye  zu  besuchen.  Gebeten,  seine 
schamanistische  Kunst  zu  zeigen,  willigte  er,  anders  als  die 
meisten  Schamanen,  alsogleich  ein,  ohne  zu  warten,  bis  ihm 
gute      W'orte      gegeben      würden.        Bevor      er      sich      „ver- 


270  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

wandelte",  legte  er  sich  auf  einem  weißen  Renntierfell  nieder. 
Der  ältere  (Tafel  V)  war  ein  Renntier-Korjake  von 
der  Halbinsel  T  a  i  g  o  n  o  s.  Er  schilderte  dem  Gewährmanne, 
wie  die  Geister  ihm  in  der  Einöde  bald  in  Menschen-,  bald  in 
Tiergestalt  erschienen  wären  und  ihm  anheimgestellt  hätten, 
Schamane  zu  werden  oder  zu  sterben.40  Den  „verwandelten" 
Schamanen  erkennt  man  an  seiner  Tracht,  den  langen  und 
weiten  gestreiften  Weiberhosen. 

JOCHELSON  stellt  nun  fest,  unter  den  Korjaken  gehörten 
heutzutage  Schamanen,  welche  sich  für  vollständig ,  .verwandelt" 
und  auch  körperlich  für  Weiber  hielten  oder  ihr  Geschlecht 
aus  Gehorsam  gegen  die  Befehle  von  Geistern  gewechselt  hätten, 
wie  solche  bei  den  Tschuktschen  auch  jetzt  noch  als  Irkalaul 
überaus  häufig  gefunden  würden,  nur  noch  der  mündlichen 
Überlieferung  an.  Aus  der  Gegenwart  (1905)  sei  ihm  kein 
einziger  Fall  von  dieser  sogenannten  „Verwandlung"  bekannt.41 
Ein  unlängst  verstorbener  Korjake  der  Stadt  Kamenskoye, 
Vater  von  Y  u  1 1  a  ,  gewesener  Schamane,  habe  auf  Befehl 
der  Geister  zwei  Jahre  Weiberkleidung  getragen.  Weil  er  in- 
dessen sich  unfähiggefühlt,  seine  vollständige  „Verwandlung"  zu 
erreichen,  habe  er  jedoch  seine  Geister  angefleht,  ihm  zu  ge- 
statten, wieder  Männertracht  anzunehmen.  Diese  Bitte  sei 
ihm  auch  gewährt  worden,  allerdings  nur  unter  der  Bedingung, 
daß  er  wenigstens  während  seiner  schamanistischen  Exerzitien 
in   Weibertracht   auftrete.42 

Was  STELLER  von  den  Kamtschadalen  sagte, 
sie  seien  „geborene  Gotteslästerer",43  paßt  ebensogut  auf  die 
K  o  r  j  a  k  e  n.  JOCHELSON  hat  dafür  unzweideutige  Beweise 
beigebracht.  Nach  ihrer  Mythologie  verfallen  Quikinnaqu 
oder  Kutkinnaku,  der  Weltenschöpfer,  und  seine  Frau 
M  i  t  i  oder  M  i  t  i  n  e  ,  auf  alle  nur  denkbaren  Arten  unan- 
ständiger Kunststücke,  bloß  zu  ihrem  Vergnügen.  Sie  ver- 
wandeln ihre  Geschlechtsorgane  in  Hunde  oder  Menschen  und 
bringen  sie  hernach  wieder  an  ihren  gewohnten  Platz.  Mit  ine 
setzt  ihren  Hintern  an  Stelle  ihrer  Pakuka  und  umgekehrt. 
Sie  bereitet  aus  ihrem  Geschlechtsteil  einen  Pudding  und 
bewirtet  damit  ihren  Gatten.  Dieser  dringt  in  ihren  Hintern 
ein,  als  wenn  der  ein  Haus  wäre.    Gelegentlich  einer  Hungersnot 


Tafel  V 


Zu  Seite  27C 


Ein  älterer  verweibter  Korjaken-Schamane,  nach  Jocheiso n. 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  271 

stecken  Quikinnaqu  und  alle  seine  anwesenden  Familien- 
mitglieder, außer  den  Söhnen,  die  auf  seinen  Befehl  mit  den  Renn- 
tieren abwesend  sind,  jeder  den  Kopf  in  seinen  eigenen  Hintern, 
nähren  sich  von  ihren  Exkrementen  und  bilden  sich  dabei  ein, 
sich  auf  einer  Wanderung  längs  eines  Flusses  zu  befinden  und 
Fische  zu  fangen.  Quikinnaqu  erscheint  überdies  als  ein 
Wesen  von  verhältnismäßig  recht  niedriger  Intelligenz.  Nicht 
bloß  M  i  t  i  n  e  ,  welche  aufgeklärter  als  ihr  Gemahl  dargestellt 
wird,  kann  ihn  mit  Erfolg  betrügen  und  übertrifft  ihn  in  phan- 
tastischen Einfällen,  auch  Mäuse,  Füchse  und  andere  kluge 
Tiere  betrügen  ihn,  treiben  ihren  Spaß  mit  ihm  und  verspotten 
ihn  noch  obendrein.  Alle  die  unanständigen,  törichten  und  un- 
saubem  Abenteuer  Quikinnaqus  und  verschiedener  Mit- 
glieder seiner  Familie  gehen  Hand  in  Hand  mit  übernatürlichen 
Taten  und  Verwandlungen.  Obgleich  der  Korjake  über  Natur 
und  Gottheit  nachdenkt,  liebt  er  es  doch,  an  ihnen  seinen  Witz 
zu  üben.  Die  Derbheit  der  göttlichen  Begebenheiten  hindert 
den  gläubigen  Korjaken  trotzdem  nicht  daran,  die  Helden 
seiner  Märchen  als  seine  Freunde  und  Beschützer  an- 
zusehen.44 Gleichwie  christliche  Personen  ihre  Dummheit,  ihren 
Aberwitz  und  ihre  unsoziale  Niederträchtigkeit  ohne  Be- 
denken auf  ihren  Gott  übertragen,  vermag  auch  der  Korjake 
offenbar  seine  Gottheiten  nicht  anders  als  mit  dem  ihm  selbst 
in  hohem  Maße  angeborenen  Humor  sich  vorzustellen.  Und 
daß  er  diesen  köstlichen  Humor  sein  eigen  nennt,  ist  nur  ein 
glücklicher  Ersatz  für  seine  unglückselige  terrestrische 
Lage. 

Der  korjakische  Weltenschöpfer  Quikinnaqu  ist 
Vater  von  vier  Töchtern  und  sechs  Söhnen.  Von  diesen  zehn 
Kindern  spielen  ein  Sohn  Ememqut  und  eine  Tochter 
Yineaneutin  den  Korjaken- Sagen  die  Hauptrollen.  Beide 
sind  Schamanen.45  Aber  nicht  nur  bei  diesen  ist  das  Geschlecht 
wandelbar,  sondern  auch  bei  zahlreichen  anderen  Personen 
ihrer  Sagen,  und  daß  Männer  zum  Geburtakte  schreiten 
müssen,  ist  durchaus  keine  Seltenheit. 

Ememquts  schamanistische  Kräfte  verlassen  ihn  so- 
fort, nachdem  der  mythische  Triton  W  a  m  i  n  a  m  t  i  1  a  e  n 
ihn  verzaubert  hat  und  ihn  veranlaßte,  einen  Knaben  zu  gebären. 


272  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

Seine  Macht  lebt  jedoch  alsogleich  wieder  auf,  nachdem  seine 
Schwester  des  Triton  Schwester  getötet  hat,  eine  Tat,  durch 
welche  aber  der  Geburtakt  Ememquts  ausgelöscht  wird,  als 
wäre  er  nie  vor  sich  gegangen,  womit  auch  sein  selbstgeborener 
Sohn  aus  der  Mythe  wieder  verschwandet.46  In  einer  andern 
Sage  kleidet  sich  ein  Mann  lila  selbst  als  Weib  und  sucht 
seine  Nachbarn  auf.  Er  will  unerkannt  bleiben.  Als  aber  des 
Nachbarn  Sohn  Veyemilaen,  der  Flußmann,  ihn  doch 
erkennt,  erfüllt  lila  diesen  aus  Rache  mit  dem  beständigen 
Verlangen,  ein  Weib  zu  werden.47  Eine  andere  Sage  wiederum 
läßt  K  i  1  u  s  Bruder  mit  Zwillingen  schwanger  werden.  Als  er 
sich  unfähig  zum  Gebären  erweist,  zieht  K  i  1  u ,  seine  Schwester, 
Ouikinnaqus  Nichte,  ihm  die  Eingeweide  aus  dem  Leibe 
und  legt  an  deren  Stelle  die  einer  Maus.  Nachdem  dann  die 
Zwillinge  geboren  sind,  bringt  K  i  1  u  ihres  Bruders  Eingeweide 
wieder  an  ihre  frühere  Stelle.  Offenbar,  meint  JOCHELSON, 
war  in  diesem  Falle  die  Verwandlung  keine  vollständige.48 

Die  Itelmen  (spr.  Itenemen,  d.  h.  Bewohner,  Urbewohner) 
oder  Kamtschadalen 

Nach  STELLER  (1738 — 1741)  hatten  die  Männer  auf 
Kamtschatka  Schupannen,  deren  sie  sich  neben  ihren 
Frauen  ohne  alle  Eifersucht  per  posteriora  bedienten.49 
STELLERs  originelle  Schilderung  von  Erzeugung  und  Er- 
ziehung der  Kinder  ,,bey  denen  Itälmenen"  sei,  soweit  sie  hierher 
gehört,  wörtlich  in  ihrer  ganzen  Eigenart  mitgeteüt:  „Weilen 
die  Itälmenen  promiscue  in  den  Wohnungen  und  vor  den  Augen 
ihrer  leiblichen  Kinder  den  Beyschlaf  vollbringen  und  gebähren, 
so  lernen  die  Kinder  von  Jugend  auf  das  Venushandwerk, 
und  probiren  solches  ihren  Eltern  nachzumachen.  Wenn 
solches  auf  ordentliche  Art  geschähe,  so  prahlten  die  Eltern, 
daß  ihre  Kinder  so  balde  zum  Verstände  gekommen.  Wo 
aber  Knaben  per  anam  *)  einander  schändeten,  so  verwiesen 
sie  ihnen  solches,  als  eine  ungewöhnliche  Sache,  dennoch  aber 
hielten  sie  selbe  nicht  davon  ab,  sondern  sie  mußten  sich  in 
Frauenkleider  einkleiden,  unter  den  Weibern  leben,  ihre  Ver- 


*)  So    buchstäblich,    mit   oder   ohne    Absicht   den   anus  verweib- 
lichenri! 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  2-,3 

richtung  auf  sich  nehmen,  und  sich  in  allem  als  Weiber  stellen, 
und  war  dieses  in  alten  Zeiten  so  allgemein,  daß  fast  ein  jeder 
Mann  neben  seiner  Frau  eine  Mannsperson  hielte,  womit  die  Weiber 
sehr  wohl  zufrieden  waren,  und  auf  das  freundlichste  mit  ihnen 
lebten,    und   umgingen.     Die  Russen  nennen  solches  tschu- 
pannen,  die  Itälmenen  aber  um  Bolschaia  Reka  50  K  ö  i  ä  c  h  , 
um  Nischna  Koiachtschitsch.    Diese  Knabenschänderey 
hat  bis  auf  die  Taufung  dieser  Nation  gedauret,  die  Schupannen 
occupirten  sich  besonders  bey  der  Kosaken  Ankunft,  derselben 
Kleider  auszubessern,  sie  zu  entkleiden,  und  ihnen  allerhand 
Dienste  zu  tun,  und  man  hatte  viel  zu  tun,  ehe  man  sie  von 
den  ächten  Weibern  unterscheiden  konnte.    Zeit  meines  Aufent- 
halts auf   Kamtschatka   fand  ich  noch  hin  und  wieder  viele 
von    diesen    unkeuschen    und    widernatürlichen    Personen."  51 
STELLER  teilt  mit,  bei  den  Itelmen  heiße  Köcüsikümäch  ein 
„stachlicher  Arsch  wie  Rosenstrauch",  dagegen  Haüelläkumäch 
ein   „glatter  Arsch,   der  allezeit  zur  Sodomiterey  fertig  ist".52 
Und  „von  der  Religion  derer  Itälmenen"  heißt  es  bei  STELLER: 
„Besonders  beschreiben  sie  Kutka  als  den  größten  Unfläther 
und  Sodomitten,  der  alles  zu  stupriren  versuchet.     Sie  erzehlen, 
daß   er   einsmals    Seemuscheln   stupriret,   und  weil  sich   diese 
zugeschlossen,  dadurch  um  das  genitale  gekommen  seye,  welches 
nach    diesem    C  h  a  c  h  y    von    ohngefehr    in    einer   gekochten 
Muschel- Schale  gefunden,  und  ihrem  Manne  wieder  angeheilet. 
C  h  a  c  h  y  wurde  einsmals  dergestalt  auf  Kutka  erbittert, 
weil  er  sie  verschmähte  und  mit  andern  Unzucht  triebe,  daß 
sie  ihre  muliebria  in  eine  Ente  verwandelte,  auf  den  Balagan  53 
setzte  und  Kutka  einen  panegyrium  halten  ließe,  worüber 
sich  Kutka  dergestalt  erfreuet,  daß  er  die  Ente  küßte.   Unter 
dem  Küssen  verwandelte  sich  dieselbe  wieder  in  ihre  natürliche 
Gestalt,  und  Kutka  erkannte,  was  er  geküßt  hatte,  machte 
dabey  den  Schluß,  daß  die  Annehmlichkeit  vom  veränderten 
Beyschlaf  nur  allein  in  einer  bezauberten  Phantasie  bestünde, 
und  daß   man   eigenthümliche    Sachen   niemals  so  heftig,   als 
fremde    und    verbothene    liebe".54      Kutka    oder    K  u  t  g  a 
nannten    aber   die    Kamtschadalen    den   größten    unter   allen 
Göttern,  den  Schöpfer  Himmels  und  der  Erde,  und  wenn  von 
ihren  Göttern  auf  die  Menschen  ein  Rückschluß  gestattet  ist, 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  IS 


27  i  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

so  müssen   die   Kamtschadalen  zu  geschlechtlicher  Betätigung 
überaus   stark  veranlagt    sein.     Ferner  berichtet   STELLER: 
„Eine   Sünde   überhaupt  bey  denen   Itälmenen  ist  eine  jede 
Sache,  so  wider  das  Verboth  ihrer  Vorältern,  dadurch  man  in 
Unglück  geräth,  überhaupt  sind  sie  voller  Aberglauben  .  .  ."  55 
und  in  einem  kleinen  Register  Kamschatzkischer  Sünden,  ihrer 
Gebote   und   Verbote:    ,,15)    Wer  den   Concubitum  verrichtet, 
dergestalt,  daß  er  oben  auf  lieget,  begehet  eine  große  Sünde. 
Ein  rechtgläubiger  Itälmen  muß  es  von  der  Seite  verrichten. 
Aus  Ursache,  weil  es  die  Fische  auch  also  machen,  davon  sie 
ihre  meiste  Nahrung  haben."  56      STELLERs   Beobachtungen 
datieren  aus  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts.     GEORGI  nennt 
die    Kamtschadalen    ,,im    Genuß   der   Liebe   viehisch" ; 
die  „Knabenschänderey"  hätten  sie  „fast  öffentlich"  betrieben.57 
BENIOUSKI  bezeichnet  ihre   Lebensart   als  ekelhaft   (degoü- 
tanfe).66     WUTTKE  hält  nach  STELLERs  Schilderungen  sich 
zu  der  Erklärung  berechtigt:   „viehisch  aber  war  ehedem  das 
Leben  der  Kamtschadalen;  alle  ihre  Gedanken  und  ihre  Phan- 
tasie waren  auf  Unzucht  gerichtet,  der  sich  schon  die  kleinen 
Kinder  zur  Freude  der  Eltern  ergaben"  59  .  .  .  und  SCHULTZE 
schreibt  das  WUTTKE  wörtlich  nach.60     SCHNEIDER  findet 
STELLERs    Schilderung  mit  einem  Worte  „haarsträubend".61 
Während  des  19.  Jahrhunderts  aber  scheint  unter  der  Herrschaft 
der  Russen  in  diesen  Verhältnissen    sich   die   Landessitte    auf 
Kamtschatka   beträchtlich  geändert  zu  haben,   denn  ERMAN 
bekennt,  daß  ihm  auf  seiner  Reise  in  den  Jahren  1828 — 1830 
von  dem  „abnormen"  Hange  zu  den  Kojektschutschi,62  d.  h. 
den  männlichen  Beischläfern  der  Männer,  welche  sich  ehedem 
viele  Jurtenbesitzer  neben  ihren  Ehefrauen  ohne  jede  Störung 
des  Hausfriedens  hielten,  nicht  e  i  n  Beispiel  vorgekommen  sei ; 
man  habe  ihm  aber  in  T  i  g  i  1  s  k  von  der  ehemaligen  Allgemein- 
heit  dieser    Sitte   durchaus   unumwunden   und   wie   von   einer 
ausgemachten   Sache  erzählt;   er  halte  es  für  nötig,   die   Be- 
stätigung  derselben   um   so   entschiedener   hervorzuheben,    als 
KRASCHENINNIKOW  in  Beziehung  auf  dieses  merkwürdige 
Verhältnis  an  einer  Stelle  seines   Buches  das  wieder  zurück- 
nehme oder  vielmehr  insUnverständliche  hineinziehe, 
was  er  selbst  an  mehreren  anderen  Stellen  unzweideutig  aus- 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  ''7'» 

gesprochen    habe.      So  heiße  es  bei   KRASCHENINNIKOW 
(III  125):  „Auch  ihre  (der  Kamtschadalen)  Weiber  sind  nicht 
eifersüchtig,  wie  man  daraus  ersieht,  daß  nicht  bloß  zwei  oder 
drei  Frauen  eines  und  desselben  Mannes  gut  miteinander  leben, 
sondern  daß  sie  auch  die   Koj  ektschutschi  ertragen, 
welche     mehrere     Männer    sich     anstatt     Beischläferinnen 
(wmjesto  nalojniz)  halten"  ;M  und  an  einer  anderen  Stelle  (KRA- 
SCHENINNIKOW III   24) :  „Die  Kamtschadalen  haben  eine, 
zwei  oder  auch  drei  Frauen  (teils  in  einer  und  derselben  Jurte, 
teils  an  verschiedenen  Orten,  um  abwechselnd  mit  ihnen  zu 
verkehren:  III  124)64   und  außerdem  unterhalten  viele  noch  die 
in  ihrer  Sprache  sogenannten  Kojektschutschi,  welche 
(im  Russischen  kotoruie,  d.  i.   die  männliche  Form  des 
Relativum)    in    Weiberkleidern    umhergehen,    lauter    Weiber- 
arbeiten  verrichten   und  mit    (anderen)    Männern  gar  keinen 
Umgang  pflegen,  gleich  als  ob  sie  vor  deren  Beschäftigungen 
Ekel  hätten  oder  fürchteten,  sich  in  Dinge,  die  sich  für  sie  nicht 
schicken,  einzulassen."63  Dann  wieder  (KRASCHENINNIKOW 
III   27):   „Die  unbequeme   Leiter,   die  über  dem  Feuerplatze 
hinweg  und  durch  dessen  Rauch  aus  der  Dachöffnung  der  Erd- 
jurte hinausführt,    wird    auch   von    den    Frauen,  und  oft  mit 
Kindern  auf  dem  Rücken,  furchtlos  gebraucht  —  und  dennoch 
haben  sowohl  sie  (die  Frauen)  als  auch  die   Kojektschu- 
tschi Erlaubnis,  aus-  und  einzugehen  durch  den  sogenannten 
j  u  p  a  n  ,  66  d.  h.  durch  das  nahe  über  dem  Boden  in  einer 
Seitenwand  der  Erdhütte  befindliche  zweite  Zugloch  für  das 
Feuer.     Geht  aber  ein  Mann  durch  den  j  u  p  a  n  ,  so  wird 
er   unausbleiblich  verlacht,  und  es  scheint  ihnen  dies  so  auf- 
fallend, daß  sie  alle  Kosaken,  welche  in  der  ersten  Zeit 
jenen  Weg  wählten,   weil  sie  noch  nicht  wagten,  durch  den 
Rauch  zu  gehen,  für  Kojektschutschi  hielten" ;67  und 
endlich  (KRASCHENINNIKOW  III  40):  „Die   Kosaken, 
welche  man  die  Nähnadel  oder  den  Schusterpfriem  führen  ge- 
sehen  hatte,    wurden   für   Kojektschutschi   gehalten, 
denn  bei  ihnen  (den  Kamtschadalen)  werden  Röcke  und  Fuß- 
bekleidungen von  den  Frauen  genäht  und  von  den   Koj  ek- 
tschutschi,   die     auch    in    Frauenkleidem    gehen    und 
Frauenarbeiten  verrichten,  sich  dagegen  mit  einer  männlichen 

18* 


076  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

Arbeit  niemals  befassen."  68  Diesen  ganz  unzweideutigen  An- 
gaben gegenüber  findet  sich  nach  ERMAN  im  Index  des  Buches 
von  KRASCHENINNIKOW  (III  306)  eine  in  wörtlicher  Über- 
setzung also  lautende  Erklärung:  „Kojektschutschi 
sind  Frauen,  welche  keinen  Umgang  mit  den  Männern 
haben,  vergleiche  III,  24,  40,  125,"  d.  h.  also  die  oben  zitierten 
Angaben  KRASCHENINNIKOWs.  ERMAN  lehnt  sich  gegen 
eine  derartige  offensichtliche  Fälschung  der  Tatsachen  mit 
Nachdruck  auf ;  wenn  die  Kojektschutschi  Frauen 
waren,  was  habe  dann  so  Auffallendes  darin  gelegen,  daß  sie 
Frauen  k  1  e  i  d  e  r  trugen  und  daß  sie  nur  Frauen  arbeiten 
verrichteten?  Und  weshalb  sage  man  dann:  „die  Männer 
halten  Kojektschutschi  anstatt  {wmjesto)  Beischläfe- 
rinnen", und  gebrauche  fortwährend  den  Ausdruck:  „die  Weiber 
und  die  Kojektschutschi?"  Es  leuchte  ein,  daß  KRA- 
SCHENINNIKOW oder  sein  Herausgeber  ganz  zuletzt  noch 
sowohl  von  übertriebener  Schamhaftigkeit  befallen  worden  seien 
als  auch  der  seltsamen  Überzeugung  gelebt  hätten,  nur  das 
Register  ihres  Buches  würde  dereinst  Leser  finden!  Was  aber 
die  Sache  betreffe  und  den  Vorwurf,  den  man  daraus  gegen  die 
Kamtschadalen  ableiten  dürfe  —  trotz  der  anerkannten 
Zärtlichkeit,  die  sie  ihren  Frauen  und  ihren  Kindern  bewiesen  — 
so  sei  davon  eben  nichts  abzulassen!  Auch  könnten  sich 
die  Bewohner  dieses  Teiles  der  Halbinsel  leider  nicht  auf  die 
ihnen  unbekannt  gebliebenen  Vorgänge  im  klassischen 
Altertum  berufen,  sondern  nur  auf  ihre  k  o  r  j  a  k  i  - 
sehen  Nachbarn!69 

Der  Verfasser  hat  es  für  richtig  gehalten,  in  obiger 
Schilderung  getreu  ERMAN  zu  folgen,  dem  das  Verdienst 
gebührt ,  mit  seiner  Darstellung  ein  überaus  bezeichnendes  Bei- 
spiel aufgedeckt  und  gegeißelt  zu  haben,  in  welcher  Weise 
Versuche  angestellt  werden,  aus  „moralischen"  Grundsätzen 
heraus  die  offenkundigsten  Tatsachen  zu  fälschen.  Der  Auf- 
deckung ERMANs  ist  hinzuzufügen,  daß  die  versuchte 
„Verbesserung"  einem  Übersetzer  des  Werkes 
von  KRASCHENINNIKOW  in  das  Französische, 
MARC.  ANT.  EIDOUS,  1767,  noch  vorzüglicher  und  unauffäl- 
liger  als  dem  Verfasser  selber  gelungen  ist.     In  dieser  Über- 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  277 

setzung  sind  nämlich  zugleich  mit  dem  ganzen 
Register  alle  urnisch en  Stellen  einfach 
fortgeblieben.  Auch  in  den  euphemistisch  als  „Über- 
setzungen" des  Originals  KRASCHENINNIKOWs  bezeichneten 
Auszügen,  in  englischer  Sprache  (1764)  von  JAMES 
GRIEVE,  und  in  deutscher  (1766)  von  JOHANN 
TOBIAS  KÖHLER,  findet  sich,  wie  nicht  anders  zu  erwarten, 
über  die  Kojektschutschi  kein  Wort!  Von  Über- 
setzungen in  einem,  dem  Yerf asser  vorliegender  Bearbeitung 
verständlichen  Idiom  scheint  eine  unkastrierte  gedruckte  Aus- 
gabe einzig  in  französischer  Sprache  vor- 
handen zu  sein,  nämlich  die  1770  erschienene,  von  einem  Un- 
genannten, der   sich  „M.  de***"    gezeichnet  hat. 

Jeder Koektschutsch  wird  nach  KRASCHENINNIKOW  als 
ein  Zauberer  und  Traumdeuter  angesehen.70  JOCHELSON  glaubt 
aus  KRASCHENINNIKOWs  „unklarer  Darstellung"  folgern 
zu  müssen,  daß  der  wichtigste  Zug  der  Einrichtung  dieser 
Koektschiäsch  nicht  in  ihrer  schamanistischen  Machtsphäre,  son- 
dern in  ihrer  Stellung  behufs  Befriedigung  der  „unnatürlichen" 
Neigungen  der  Kamtschadalen  liege.  Trugen  sie  doch  weibliche 
Kleidung,  verrichteten  weibliche  Arbeit  und  nahmen  die  Stellung 
von  Ehefrauen  oder  von  Konkubinen  ein.  Genossen  sie  doch 
auch  wie  das  weibliche  Geschlecht  keine  besondere  Hochachtung. 71 
Dieser  aus  KRASCHENINNIKOWs  Darstellungweise  ge- 
schöpfte Eindruck  JOCHELSONs  wird  auch  wohl  der  aus 
der  einfachen  Beobachtung  der  nackten  Wirklichkeit  zu 
schöpfende    vorbehaltlose  Eindruck  sein. 

Vielleicht  hat  auch  DE  LESSEPS  auf  gleichgeschlechtliche 
Wollust  anspielen  wollen,  als  er  das  Treiben  der  kamtscha- 
dalischen  Schamanen  um  1787 — 1788  als  zügel-  und  gewissenlos 
und  das  Volk  in  allen  seinen  Lastern  noch  überbietend  be- 
zeichnete.72 Nach  demselben  Gewährmanne  heirateten  die 
Jünglinge  schon  mit  14,  die  Mädchen  spätestens  mit  n  Jahren.73 

VON  SIEBOLDs  Annahme  aber,  die  Kojektschutschi  der 
Kamtschadalen  STELLERs  und  KRASCHENINNIKOWs 
könnten  möglicherweise  doch  der  Hausfrau  näher  gestanden 
haben  als  dem  Hausherrn  und  die  ganze  Erscheinung  könnte 
mißverstanden  sein  und  auf  Polyandrie  beruhen,32    weist 


2/8  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

BOGORAS  als  eine  gewagte  Vermutung  ohne   Bedenken   zu- 
rück.33 

Die  Giljaken  oder  Smerenkur 
Im  fünften  der  Jahre  Bunk'wa  (1808)  unternahm  auf 
Befehl  des  Sjogun  oder  weltlichen  Kaisers  von  Japan,  Mina- 
moto  Igenari,  der  japanische  Entdeckungreisende  MAMIA 
RINSO  einen  Zug  nach  dem  westlich  von  Jezo  gelegenen,  den 
Japanern  als  Tö-tats,  d.  i.  Osttatarei,  bekannten  Festlande 
Asiens.  MAMIA  RINSOs  Reiseschilderung  berichtet  nun,  am 
Cap  Noteito  auf  Krafto,  im  Dorfe  Koni,  habe  der  Reisende 
gleich  den  dem  Stamme  der  Smerenkur  oder  G  i  1  j  a  k  e  n 
angehörenden  Eingeborenen  sich  mit  Fischfang,  Holzhauen  und 
anderen  häuslichen  Arbeiten  beschäftigt.  Dort  zu  Lande  sei  es 
Brauch  gewesen,  daß  die  Frauen  über  die  Männer  herrschten, 
diese  gleichsam  wie  ihre  Diener  behandelten  und  durch  sie 
alle  Arbeiten  verrichten  ließen.  Auch  er  habe  sich  unter 
das  Joch  der  Hausfrau  beugen  und  sich  von  ihr,  gleich  den 
übrigen  Männern,  sein  Tagewerk  auferlegen  lassen  müssen. 
Doch  da  die  Hausfrau  sich  ihm  besonders  wohl  geneigt  ge- 
zeigt habe,  seien  die  übrigen  Männer  eifersüchtig  geworden,  und 
er  habe  sich,  dies  rechtzeitig  gewahrend,  wohl  gehütet,  sich  in 
ein  Verhältnis  einzulassen,  das  er  hätte  geheimhalten  müssen. 
Er  habe  sich  daher  ausschließlich  mit  häuslichen  Arbeiten  unter 
den  Augen  der  anderen  Männer  befaßt,  durch  diese  Bescheiden- 
heit und  Zurückhaltung  deren  Vertrauen  und  deren  Achtung 
gewonnen  und  sei  von  ihnen  mit  Fleisch  und  Fischen  beschenkt 
worden.  Unter  diesen  Umständen  habe  er  sich  äußerst  zufrieden 
gefühlt.74 

VON  SIEBOLD,  der  MAMIA  RINSOs  Tö-tats  ki  ko  oder 
Reise  nach  der  östlichen  Tatarei  nach  J.  HOFFMANNs  Über- 
tragung aus  dem  Japanischen  wiedergibt,  knüpft  an  die  Schil- 
derung dieser  „seltsamen  Sitte"  die  Bemerkung,  sie  erinnere 
an  die  sogenannten  Kojektschutschi  oder  männlichen  Beischläfer, 
welche  sich  nach  KRASCHENINNIKOWs  Reisebericht  ehe- 
dem viele  Jurtenbesitzer  in  Kamtschatka  und  namentlich  die 
Korjaken  neben  ihren  Ehefrauen  hielten.  Sollten,  meint  er, 
die  von  RINSO  bezeichneten,  „im  Dienste  einer  Frau  stehenden 


mongolenartige  und     isolierte  Naturvölker  27Q 

Männer  nicht  solche  Kojektschutschi  sein,  aber  näher  der  Haus- 
frau als  dem  Hausherrn  stehen,  was  vielleicht  auch  ehedem 
bei  den  Kamtschadalen  und  Korjaken  der  Fall  war  ?"  VON  SIE- 
BOLD bezweifelt  also  hier  die  Richtigkeit  der  Angaben  KRA- 
SCHENINNIKOWs.  Unser  Japaner,  der  sich  als  Hausgenosse 
von  dem  Verhältnis  der  Männer  zu  ihrer  Gebieterin  in  Noteito 
genauer  hätte  unterrichten  können,  als  wahrscheinlich  KRA- 
SCHENINNIKOW  bei  seinem  beschränkten  Umgange  mit  den 
Kamtschadalen,  halte  das  Verhältnis  seiner  Hausfrau  zu  den 
sie  umgebenden  Männern  für  Polyandrie  (Vielmännerei)  und 
spreche  sich  darüber  so  bestimmt  aus,  daß  an  dem  Bestehen 
dieser  Sitte  bei  dem  Stamme  der  Smerenkur  auf  Krafto  kaum 
gezweifelt  werden  könne.  Und  diese  Beobachtung  sei  um  so 
merkwürdiger,  als  die  Richtigkeit  der  Angabe,  bei  den  alten 
Medern  habe  Polyandrie  bestanden,  sehr  zu  bezweifeln  und  das 
Bestehen  dieser  Sitte  bei  den  Bewohnern  der  malabarischen 
Küste  als  eine  grundlose  Sage  zu  betrachten  sei.  Es  wäre 
demnach  die  Nordwestküste  von  Krafto  das  einzige  Land  der 
Erde,  in  dem  Polyandrie  nach  Gesetz  und  Sitte  zur  Zeit  in 
Übung  sei.75  Dieser  Deutung  VON  SIEBOLDs  steht  aber  das 
Urteil  SCHRENKs  im  Wege,  der  das  Vorkommen  von  Poly- 
andrie unter  den  Giljaken  verneint  und  die  Vermutung  aus- 
spricht, die  verschiedenen  mit  einem  Weibe  lebenden  Männer 
bei  MAMIA  RINSO  seien  in  Wirklichkeit  die  Sklaven  der 
Familie  gewesen.76  BOGORAS  aber  erklärt,  nach  seinen  For- 
schungen gebe  es  noch  heutigen  Tages  bei  den  Tschuktschen 
eine  der  Polyandrie  sehr  ähnliche,  von  der  Einrichtung  der 
Kojektschutschi  jedoch  völlig  unabhängige  Eheform.  Und  die 
von  ihm  unter  den  Tschuktschen  beobachteten  Erscheinungen 
bestätigten  in  vollkommener  Weise  die  Angaben  von  STELLER 
und  von  KRASCHENINNIKOW  für  die  Kamtschadalen  und 
die  Korjaken.77 

Wirklich  dürfte  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  bei 
den  Giljaken  auf  der  Insel  Saghalien  (dem  „Felsen  der 
schwarzen  Mündung",  Sakhalian  angga  khada)  ehedem  die 
Einrichtung  männlicher  Beischläfer  ähnlich  wie  bei  den  Tschukt- 
schen, Korjaken  und  Kamtschadalen  bestanden  haben  und  es 
bliebe  dann  nur  die  Wahl,  anzunehmen,  MAMIA  RINSO  habe 


28o  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

davon  keine  Ahnung  gehabt    oder  er  habe  seine  Kenntnis  der 
Dinge  absichtlich  verschwiegen. 

Im  übrigen  charakterisiert  MAMIA  RINSO  das  Volk  der 
Smerenkur  als  üppig  und  wollüstig ;  sehr  häufig  fänden 
„Liebeabenteuer"  statt;  auch  „Untreue  und  Liebehändel" 
seien  an  der  Tagesordnung  gewesen.78 

Die  Aleuten  (Aljuten) 

Nach  BILLINGS  (1790)  war  der  Geschlechtstrieb  der 
Bewohner  von  Unalaschka  „bis  zur  Knabenliebe  ausgeartet". 
Die  geliebten  Knaben  aber  trugen  Weiberkleidung.79  VON 
LANGSDORFF  schildert,  wie  im  Anfange  des  19.  Jahrhunderts 
„einzelne  schöne  junge  Knaben"  auf  Unalaschka  öfters  ganz  weib- 
lich erzogen  und  in  allen  Verrichtungen  der  Mädchen  unterwiesen 
wurden;  der  keimende  Bart  wurde  ihnen  sorgfältig  ausgerupft 
und  um  den  Mund  wurden  sie  wie  die  Weiber  tatauiert; 
sie  trugen  Verzierungen  von  Glasperlen  an  Händen  und 
Füßen,  banden  und  schnitten  ihr  Haar  nach  weiblicher  Art 
und  ersetzten  in  jedemSinne  die  Stelle  von  Konkubinen. 
Man  habe  zu  seiner  Zeit,  fährt  LANGSDORFF  fort,  Maßregeln 
noch  nicht  ergriffen,  dieser  „Sittenlosigkeit  und  unnatürlichen 
Lust",  die  schon  seit  den  ältesten  Zeiten  dort  geherrscht  habe, 
Einhalt  zu  tun,  geschweige  denn  sie  gänzlich  zu  beseitigen; 
man  kenne  derartige  Menschen  unter  dem  (russischen)  Namen 
Schopan.80  Die  Schopan  scheinen  aber  schon  zu  VON 
LANGSDORFFs  Zeit  in  Unalaschka  verhältnismäßig  selten 
geworden  zu  sein,  denn  VON  LANGSDORFF  weist  darauf 
hin,  daß  man  die  männlichen  Konkubinen  auf  Kadjak  häufiger 
sehe  als  in  Unalaschka.81 

WENJAMINOW  führt  als  Charakterzug  der  Aleuten  von 
den  Fuchsinseln  an,  daß  viele  von  ihnen  mit  wahrhaft  christ- 
licher Anstrengung  gegen  die  Sinnlichkeit  kämpften;  er  würde 
bemerkenswerte  Beweise  dafür  bringen  können,  wenn  er  nicht 
fürchten  müßte,  seine  Pflicht  als  Geistlicher  und  die  Gesetze 
der  Wohlanständigkeit  zu  verletzen;  der  Hang  zu  Ausschwei- 
fungen sei,  wenn  auch  nicht  ganz  ausgerottet,  doch  in  engere 
Grenzen  zurückgetreten.82  KARL  ERNST  VON  BAER  bezieht 
diese  ängstliche  und  nach   dem   „natnram  cxpellas  furca  .  .  ." 


mongolenartige  und  isolierte  Naturvölker  28 1 

betreffs  Dauerhaftigkeit  des  Erfolges  aussichtlose  Hoffnung 
auf  die  in  jenem  Archipel  ehemals  herrschende  Päderastie.83 
Und  wohl  mit  Recht.  Denn  ERMAX  bemerkt,  wenn  Pater 
WEXJAMIXOW  (Sapiski  II  63)  in  seinem  Kapitel  von  den 
geschlechtlichen  Gebräuchen  der  heidnischen  Aleuten  schließ- 
lich den  Ausspruch  eines  Apostels  anführe,  „daß  es  sich  nicht 
zieme,  gewisse  heimliche  Vorgänge  offen  zu  besprechen",  so 
habe  er  ohne  Zweifel  an  die  „ebenso  widerlichen  als  rätselhaften 
Entartungen  des  Geschlechtstriebes"  gedacht,  welche  auch  die 
ältesten  Reisenden  an  manchen  Insulanern  des  Bering-Meeres 
bemerkt  hätten;  ihre  Ausübung  bei  Urvölkern  dürfe  in  der 
Anthropologie  nicht  übersehen  werden;  das  Vorkommen  der 
Päderastie  bei  der  ursprünglichen  Bevölkerung  der  Inseln  des 
Unalaschkaer  Bezirkes  werde  auch  von  SCHELECHOW  be- 
stätigt.84 

Der  Pope  YAKOF  erzählte  1882  von  den  Atcha- 
Aleuten,  daß  bei  ihnen  geschlechtlicher  Umgang  mit  ver- 
lobten Mädchen  und  Päderastie  als  schwere  Sünden  gelten.  Die 
Reinigung  (A Hag)  von  ihnen  geschehe  auf  folgende  Weise :  Der 
reuige  Missetäter  wähle  eine  Zeit,  in  der  die  Sonne  am  wolken- 
losen Himmel  hell  leuchtet,  pflücke  gewisse  Unkräuter  und 
streiche  sie  über  seinen  Körper.  Dann  lege  er  das  Unkraut 
auf  den  Boden  und  werfe  seine  Sünde  darauf.  'Wenn  er  dann 
sein  Herz  von  allem,  was  auf  ihm  lastete,  befreit  habe,  rufe  er 
die  Sonne  zum  Zeugen  an,  werfe  das  Unkraut  ins  Feuer  und 
sehe  sich  selber  als  von  seiner  Sünde  gereinigt  an.85  Die 
Leichtigkeit,  mit  der  sich  die  Atcha-Aleuten  von  ihrer  ver- 
meinten Schuld  reinigen  zu  können  glauben,  dürfte  wohl  zu 
dem  Schlüsse  berechtigen,  daß  diese  Xaturkinder  es  sich  nicht 
allzu  viel  Mühe  kosten  lassen,  sich  von  den  „Sünden"  selber 
frei   zu  halten. 

Die  Aino  oder  Kurilen 
KRASCHENINXIKOW  teilte  um  die  Mitte  des  acht- 
zehnten Jahrhunderts  mit,  die  Aino  hätten  ebenso  wie  die 
K  o  r  j  a  k  e  n  und  die  Kamtschadalen  ihre  Kojek- 
tschutschi  oder  verweibten  Männer.86  In  gleichgeschlecht- 
lichem   Umgang    wurde    Unerlaubtes    oder    Anstößiges    nicht 


0g2  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

gefunden,  weil  das  „rohe"  Naturvolk  unter  den  einfachsten, 
rein  menschlichen  Moralgesetzen  lebte,  die  H.  VON  SIEBOLD 
in  die  folgenden  drei  Hauptgebote  zusammenfasst :  das  Alter 
ehren,   nicht   stehlen   und   immer  die  Wahrheit  sagen.87 

Der  Tsirumai  oder  Kranichtanz  der  Aino  hat  nach 
SCHEUBE  eine  Tour  obszönen  Charakters  und  bei  einer 
andern  Tour  wird  hauptsächlich  das  Gesäß  bewegt.88 

Die  bekannte  uralte  Sitte  der  Aino,  den  Mädchen  einen 
Bart  zu  tatauieren,  hat  zu  recht  phantastischen  Deutungen 
Anlaß  gegeben.  COHN-ANTENORID  meint,  die  Sitte  habe 
vielleicht  ein  gleichgeschlechtlich  veranlagter  Fürst  ein- 
gebürgert, um  beim  Verkehr  mit  seinem  Weibe  im 
Interesse  der  Fortpflanzung  leichter  die  Vorstellung  her- 
vorrufen zu  können,  es  mit  einem  Manne  zu  tun  zu  haben.89 
Die  Phantasie  dieser  Naturkinder  dürfte  indessen  so  stark  und 
so  lebhaft  sein,  daß  sie  nicht  auf  den  Gedanken  verfallen,  zu 
solch  äußerlichen  Hilfsmittelchen  zu  greifen.  VON  RÖMER 
scheint  auch  die  Schwäche  dieses  Erklärungversuches  wohl 
herausgefühlt  zu  haben,  denn  er  spricht  in  einer  Anmerkung  die 
Meinung  aus,  die  Sitte  hänge  möglicherweise  mit  der  androgy- 
nischen  Gottheitidee  der  Aino  zusammen.90  Allein  dieser 
Erklärungversuch  ist  nicht  minder  schwach.  Das  Weib  nur 
in  einem  bloß  sekundären  Geschlechtscharakter  dem  Manne 
ähnlich  machen  hieße  doch  die  androgynische  Idee  bloß  vor- 
täuschen, nicht  aber  sie  verkörpern.  Die  Volksphantasie  pflegt 
so  wohl  nicht  zu  schaffen. 


Die  Eskimo 

(Eskimantsik,  d.  h.  Rohfleischesser,  auch  Huskies),  vorwiegend 
in  Nordamerika 

Die   asiatischen   Eskimo,   Itiit,   d.   h.  Männer,  Menschen 

Über  einen  Päderasten  unter  den  Namollo  (Onkilon,  „See- 
leuten") berichtet  der  Kapitän  zur  See  LUTKE.  Er  war  verblüfft, 
in  einer  ihm  bekannten  Familie  eine  Person  zu  erblicken  mit 
männlichem  Gesicht,  aber  ganz  besonders  sorgfältig  und  auf 
weibliche  Art  gekleidet;  sie  gehörte,  meint  er,  zu  d  e  r  Klasse 
von  Männern,  die  man  bei  allen  asiatischen  Völkern  antreffe, 
zu  denen  das  Licht  des  Christentums  noch  nicht  gedrungen  sei. 
Ihre  Leidenschaft  für  das  „Verbrechen  wider  die  Natur"  führten 
zwar  die  Namollo  selbst  auf  den  Teufel  als  den  Schuldigen 
zurück,  „aber  das  könnten  sie  niemandem  einreden".91 

Unter  den  asiatischen  Eskimo  der  A  i  w  a  n  a  t  werden 
nach  BOGORAS  (1907)  verweibte  Männer  heute  wenig  gefunden. 
GONDATTI,  der  russische  Chef  des  Anadyr-Gebietes,  dem  die 
Aufgabe  zugefallen  war,  den  Einfluß  der  Schamanen  auf  die 
Eingeborenen  „als  ungesund"  zu  beschneiden,  versicherte,  daß  in 
Indian  Point  (Kap  Tschukotskoj)  der  Einfluß  der  verwandelten 
Schamanen  groß  und  schädlich  wäre,  daß  er  ihn  nach  seiner 
Ankunft  zu  verhindern  beflissen  gewesen  sei  und  teilweise  auch 
mit  Glück  ihn  überwunden  habe.  BOGORAS  hat  später  da- 
selbst nur  noch  den  einzigen  kränklichen  Caivu  urgin 
vorgefunden,  die  anderen  alten  verweibten  Schamanen  waren 
1900  an  den  Masern  gestorben.  Jüngere  Bewohner  sollen  nicht 
mehr  den  Mut  aufgebracht  haben,  vielleicht  in  Erinnerung 
an  die  Vorwürfe  GONDATTIs,  dem  Berufe  des  verweibten 
Schamanen  sich  zuzuwenden.92 


084,  -Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

Die  amerikanischen  Eskimo,  Inüit 

Die  Konjagen  auf  Kadjak 
(Kodjaken,   Kadjaker,   Kaniagmiut,   die  I  n  ü i  t  der  westlichen 

Gruppe) 

Auf  seiner  Reise  in  den  nördlichen  Gegenden  Rußlands 
1785 — 1794  beobachtete  BILLIN  GS,  daß  einige  Eltern  auf 
Kadjak  ihren  Knaben  eine  weibliche  Erziehung  gaben  und  sich 
glücklich  schätzten,  wenn  sie  ihre  Buben  an  die  Oberhäupter, 
die  in  einem  solchen  Lebensgefährten  einen  wertvollen  Erwerb 
sahen,  zur  Befriedigung  „unnatürlicher  Begierden"  ausliefern 
konnten,  daß  solche  Knaben  weiblich  gekleidet  wurden  und 
alle  häuslichen  Geschäfte  verrichteten.93  Der  Kontreadmiral 
SARYTSCHEW  erzählt  als  eine  Sonderbarkeit  seine  Begegnung 
mit  einem  als  Weib  gekleideten  Konjagen.  Im  Juni  1790  seien 
eines  Nachmittags  auf  zwei-  und  dreispitzigen  Baidaren  (Haut- 
kähnen) mehrere  Amerikaner  an  sein  Schiff  gekommen  und  mit 
ihnen  ein  russischer  Pelzjäger  {ProDiyschleiuiiL),  der  seiner  Aus- 
sage nach  von  der  Ansiedelung  des  Kaufmanns  Schelechow 
auf  Kadjak  mit  300  Insulanern  ausgeschickt  war,  um  Seelöwen 
und  Geflügel  auf  den  umherhegenden  Inseln  zu  jagen.  Einer 
von  diesen  mitgekommenen  Kadjakern,  ein  ungefähr  40  Jahre 
alter  „häßlicher  Kerl",  war  nicht  wie  die  andern,  sondern  wie 
ein  Weib  gekleidet ;  sein  Gesicht  war  punktiert  und  in  seiner 
Nase  trug  er  Ringe  von  Perlenschmelz;  der  Pelzjäger  aber 
erzählte,  dieser  Mann  vertrete  bei  einem  jungen  Insulaner  die 
Stelle  eines  Weibes  und  verrichte  alle  dem  weiblichen  Ge- 
schlechte zukommenden  Arbeiten.94  Deutlicher  spricht  sich 
über  die  Sitten  der  Konjagen  VON  LANGSDORFF  aus.  Es  sei 
ihn  versichert  worden,  daß  der  ehelichen  Gemeinschaft  unter 
den  nächsten  Blutsverwandten  nichts  im  Wege  stände  und 
geschlechtliche  Vermischungen  unter  Geschwistern,  ja  sogar 
zwischen  Eltern  und  ihren  leiblichen  Kindern  vorkämen;  ein 
Konjage,  den  er  darüber  zur  Rede  stellen  ließ,  habe  ihm  ganz 
unbefangen  geantwortet,  daß  seine  Nation  hierin  dem  Beispiele 
der  Seeottern  und  Seehunde  folge.  Die  männlichen  Konkubinen 
sehe  man  auf  Kadjak  häufiger  als  in  Unalaschka  (vergleiche 
die  Aleuten).    Die  russische  Verwaltung  scheine,  setzt  er  hinzu, 


Eskimo 


285 


solche  Sitten  zu  übersehen,  ja  es  ließen  sich  die  dort  wohnenden 
Russen  zuweilen  selber  Handlungen  dieser  Art  zuschulden 
kommen;  denn  als  er  eines  Tages  sich  erkundigt  habe,  weshalb 
die  Herren  Leutnants  Chwostow  und  D  a  w  y  d  o  w  einen 
angestellten  Seeoffizier,  der  sehr  wohl  unterrichtet  zu  sein 
schien,  bei  jeder  Gelegenheit  mieden,  wurde  ihm  mitgeteilt, 
daß  dieser  Mann  als  „Knabenschänder"  nach  Sibirien  geschickt 
werden  sollte,  aber  Mittel  gefunden  habe,  in  die  Dienste  der 
russisch-amerikanischen  Kompagnie  zu  treten ;  zwar  sei  er  später 
von  der  genannten  Gesellschaft  entlassen  worden,  jedoch  nicht 
wegen  seiner  „geschlechtlichen  Skrupellosigkeit",  sondern  wegen 
zunehmenden  Schuldenmachens.95  Von  LISIANSKY,  derKad- 
jak  im  Mai  1805  besuchte,  erfährt  man,  daß  die  Männer  in 
Weibertracht  den  Namen  Schoopan  oder  Schupan  führen;  sie 
leben  mit  Männern  zusammen  und  vertreten  bei  diesen  in  allen 
Dingen  die  Stelle  des  Weibes;  in  ihrer  Kindheit  werden  sie 
mit  Mädchen  aufgezogen  und  lernen  alle  weiblichen  Geschäfte; 
Sitten  und  Tracht  des  anderen  Geschlechts  eignen  sie  sich 
so  vollkommen  an,  daß  ein  Fremder  sie  naturgemäß  zu  dem 
Geschlechte  zählt,  zu  dem  sie  nicht  gehören.  Und  als  einen 
schlagenden  Beweis  dafür,  wie  leicht  ein  Irrtum  vorkomme, 
erzählt  er  folgende  Begebenheit.  Als  einmal  ein  Häuptling  mit 
einem  Schoopan  zur  Kirche  ging,  um  sich  mit  ihm  trauen  zu 
lassen,  sei  erst,  als  die  Feierlichkeit  beinahe  beendet  war,  ein  Dol- 
metscher zufällig  hinzugekommen  und  habe  den  christlichen 
Priester  verständigt,  das  Paar,  das  er  ehelich  verbinden 
wolle,  bestehe  aus  zwei  Männern.96  LISIANSKY  fügt  noch 
bei,  diese  Art  des  geschlechtlichen  Verkehrs  sei  früher  so 
bevorzugt  gewesen,  daß  das  Wohnen  eines  solchen  „Monstrums 
von  Schoopan"  in  einem  Hause  als  glückbringend  gegolten 
habe;  diese  Vorstellung  nähme  aber  nunmehr  sichtlich  ab.97 
Der  Maler  LOUIS  CHORIS  berichtete  1822,  daß  die 
Konjagen  der  Wollust  sehr  zuneigten  und  sogar  einem  „scheuß- 
lichen Laster"  fröhnten,  das  aber,  seit  die  Russen  sich  unter 
ihnen  niedergelassen  hätten,  im  Rückgange  begriffen  sei.  Es 
werde  jedoch  auf  Kadjak  noch  häufig  ausgeübt.  Wenn  vormals 
Eltern  ein  Söhnchen  von  zierlichem  Wüchse  gehabt,  hätten  sie 
es  wie  ein  Töchterchen  aufgezogen,  es  Mädchenkleider  tragen 


oß6  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

lassen  und  in  weiblichen  Arbeiten  ausgebildet.  Wurde  der 
Sohn  15  bis  16  Jahre  alt,  so  gaben  sie  ihn  einem  reichen  Manne 
ins  Ehebett.98 

Als  etwas  sehr  Bemerkenswertes  wird  das  Vorkommen  der 
,  .griechischen  Liebe"  beiden  Konjagen  1856  von  HOLMBERG 
angegeben."  HOLMBERG  meint,  es  möge  diese  Sitte  noch 
jetzt  im  Stillen,  obzwar  nicht  mehr  so  allgemein  wie  früher, 
fortleben,  denn  er  habe  Gelegenheit  gefunden,  in  der  Ansiedelung 
Tschinjagmjut  auf  der  Insel  Ljesnoi  „ein  solches  Mannweib" 
selbst  zu  sehen,  von  dem  sein  Dolmetscher  mit  sehr  geheimnis- 
voller Miene  gesagt  habe:  „Dieser  Kerl  ist  ein  Weib!"  10°  Als 
Beweis  für  die  früher  größere  Häufigkeit  der  Schoopans  bringt 
HOLMBERG  außer  der  oben  bereits  mitgeteilten  Erzählung 
von  SARYTSCHEW  noch  die  Übersetzung  einer  russischen 
Schilderung  von  DAWYDOW,  die  dem  Verfasser  nur  aus  dieser 
Quelle  bekannt  geworden  ist;  sie  lautet  wörtlich: 

Es  gibt  hier  (auf  Kadjak)  Männer  mit  tatuiertem  Kinne, 
die  nur  weibliche  Arbeiten  verrichten,  stets  mit  den  Weibern 
zusammen  w-ohnen   und   gleich  diesen   Männer,   manchmal 
sogar  bis  zu  zweien,  haben.     Solche  nennt  man  Achnutschik. 
Sie  werden  nichts  weniger  als  verachtet,  sondern  genießen 
Ansehen  in  den  Ansiedelungen  und  sind  meistenteils  Zauberer. 
Der  Konjage,  der  statt  eines  Weibes  einen  Achnutschik  hat, 
wird  sogar  als  glücklich  betrachtet.  Der  Vater  oder  die  Mutter 
bestimmen  den  Sohn  schon  in  seiner  frühesten  Kindheit  zum 
Achnutschik,    wenn  er  ihnen   mädchenhaft  erscheint.     Es 
kommt  bisweilen  vor,  daß  die  Eltern  sich  im  voraus  ein- 
bilden, eine  Tochter  zu  erhalten,  und  wenn  sie  sich  in  ihren 
Hoffnungen  getäuscht  sehen,  so  machen  sie  den  neugeborenen 
Sohn  zum  Achnutschik.101 
ELLISundSYMONDS,  welche  dieses  Zitat  offenbar  eben- 
falls nur  aus  HOLMBERGs  Übersetzung  kannten  und  verwerten 
wollten,    haben    den    Fehler     begangen,    die    wichtigste 
Stelle  desselben,    daß    die    für    die    Rolle    eines 
Achnutschik    oder      Schupan      ausersehenen     Kna- 
ben     infolge      ihres     mädchenhaften    Wesens 
von  den   Eltern  dazu   bestimmt  würden,   als 
zweifelhaft      und      aus      dem    ursprünglichen 


Eskimo 


287 


Bericht  durchaus  nicht  hervorgehend  hin- 
zustellen; ..wenn  es  bewiesen  werden  könnte,  wäre  es  recht 
interessant";  aber  die  Effemination  des  Schupan  scheine  tat- 
sächlich nur  auf  Suggestion  und  auf  die  Umgebung  zurück- 
zudeuten,  in  der  er  von  frühester  Kindheit  an  aufwachse.102 
ELLIS  und  SYMONDS  schreiben  den  von  HOLMBERG 
nur  übersetzten  DAYVYDOWschen  Bericht  fälsch- 
lich HOLMBERG  selbst  zu.  DAWYDOW  läßt  aber  für 
verschiedene  Fälle  beide  Möglichkeiten  offen. 

Auch  von  SCHELECHOW  wird  nach  ERMAN  die  all- 
gemeine Verbreitung  der  Päderastie  auf  Kadjak  (sowie  für  die 
Kamtschadalen  und  Aleüten)  bestätigt.103  SCHULTZE  und 
SCHNEIDER  haben  wohl  die  Konjagen  gemeint,  als  sie 
die  Eskimo  neben  den  Grönländern  für  übel  berüchtigt  er- 
klärten.104 Und  auch  ZU  WIED  hat  wohl  die  Konjagen  im 
Sinne,  wenn  er  meint,  daß  man  bei  den  Aleuten  überhaupt 
einige  Übereinstimmung  mit  den  Missouri-Indianern    finde.105 

Die  Eowick-Eskimo  der  Chamisso-Insel 
(Alaska) 
Auf  der  Chamisso-Insel  sah  BEECHEY  1827  einen 
Jüngling  mit  weiblicher  Haartracht,   weiß  aber  nicht,   ob  es 
sich  bei  ihm  um  einen  Schupan  gehandelt  hat.106 

Die  Kuskutchewak 
RICHARDSON  erzählt,  das  die  mit  den  Labrador- 
Eskimo  eine  Nation  bildenden  östlichen  Eskimo, 
die  Kuskutchewak,  von  Dampfbädern  hochgradig  ein- 
genommen, solche  oft  drei-  bis  viermal  täglich  nähmen. 
Gelegentlich  geschehe  dieses  im  Kashim,  dem  öffentlichen  Ge- 
bäude, in  welchem  ihre  Beratungen  stattfinden,  dem  Kashimin- 
wik  oder  Kashiminwikhak  der  Labrador-Eskimo.  Gewöhnlich 
aber  badeten  sie  in  einer  engen  Zelle,  die  sie  in  jeder  Hütte 
absperren  könnten;  in  dieser  Zelle  werde  Wasser  auf  heiße 
Steine  gegossen  und  sie  fülle  sich  mit  Dampf.  Wenn  nun 
ein  Vater  mit  seinem  herangewachsenen  Sohne  in  schlechtem 
Verhältnisse  stehe,  so  lade  er  dessen  intimsten  Freund  zum 
Bade  ein,  entdecke  ihm  seine  Betrübnis,  bitte  ihn,  seinen  Sohn 


288  D'e  Arktiker  oder  Hyperboreer 

wissen  zu  lassen,  warum  sein  Vater  beleidigt  sei,  und  was  er 
tun  müsse,  um  ihn  zu  versöhnen.  Ein  Geheimnis  ferner,  das 
an  einem  andern  Orte  keiner  verraten  möchte,  würde  im  Bade 
offenbar.     Dieses  sei  auch  eine  türkische  Sitt  e.107 

Die  Eskimo  von  Cumberland-Sund 
Wie  BOAS  mitteilt,  hat  nach  der  Mythologie  der  Eskimo 
von  Cumberland-Sund  die  auf  dem  Meeresboden 
wohnende  Göttin  S  e  d  n  a  einen  Diener,  den  sie  entsendet, 
ihr  Volk  aufzusuchen  und  sich  über  sein  Treiben  zu  unterrichten ; 
er  beobachtet  ihre  Eskimo  stumm,  aber  vergnügt  darüber,  wie  sehr 
sie  sich  ihres  Lebens  freuen.  Bei  seiner  Ankunft  wird  ein  Fest 
gefeiert.  Dieser  Diener,  namens  Oailertetang,  ist  ein 
Mann  in  Weiberkleidung,  mit  einer  Maske  aus  Seehundsfell, 
ein  großes  „Weib"  mit  schweren  Gliedern;  er  bringt  gutes 
Wetter  und  beruhigt  wie  das  Meer  so  auch  die  Menschenseele. 
Da  er  ein  Seehundsjäger  ist,  führt  er  Harpunen  und  anderes 
Jagdgerät  mit  sich.108  Über  den  Grund  der  weiblichen  Kleidung 
Qailertetangs  erfährt  man  zwar  nichts,  aber  in  den 
Erzählungen  dieser  Eskimo  kommen  Schilderungen  vor,  welche 
die  Weiberkleidung  bei  Männern  verständlich  erscheinen  lassen. 
So  in  dem  Märchen  von  Powmenakj  w  a  n  e.  Dieser  war 
ein  Harpunierer  in  Saunituqdjuaq.  Eines  Tages  erlegte  er  einen 
Seehund,  hatte  aber  das  Unglück,  daß  die  Leine  seinen  Penis 
traf  und  ihn  schwer  verletzte.  Nun  sah  sich  der  Mann  ge- 
zwungen, den  Seehundsfang  aufzugeben  und  am  Lande  zu 
bleiben.  Er  fürchtete  sogar,  als  Mann  nicht  mehr  brauch- 
bar zu  sein,  und  beschloß,  als  Weib  weiter  zu  leben.  Er  fertigte 
sich  selbst  Weiberkleider,  zog  diese  an  und  bald  gelüstete  es  ihn 
nach  einem  Ehemanne.  Seine  Mutter  sagte  zu  ihm,  nächstes 
Jahr  müsse  er  zu  eigenem  Gebrauche  sich  passendere  Kleider 
anfertigen.  Das  tat  er  denn  auch  später,  kleidete  sich  in  seine 
neue  Garnitur  und  bat  seine  Mutter  um  ihr  Urteil,  wie 
der  neue  Anzug  ihm  stehe.  Sie  betrachtete  ihn  und  sagte: 
„Du  siehst  sehr  schön  aus.  Aber  als  du  auf  die  Wrelt  kamst, 
warst  du  ein  Mann  und  kein  Frauenzimmer".  Diese  Antwort 
machte  ihn  sehr  böse.  In  seiner  Wut  riß  er  sich  die  Haut 
vom     Gesicht,     sodaß    der    Knochen  bloßgelegt   wurde.     Als 


Eskimo 


289 


seine  Mutter  das  sah,  fiel  sie  tot  hin.  Er  aber  brachte  die 
Haut  seines  Gesichtes  wieder  in  ihre  frühere  Lage.  Einige 
Jahre  nach  seiner  Mutter  Tode  nahm  er  ein  Kind  an.  Als  er 
einmal  in  einem  fremden  Hause  Besuch  machte  und  Seehunds- 
fleisch aß,  bat  ihn  dieses  Kind  um  ein  bißchen  Tran,  um  ihn  mit 
dem  Fleische,  das  es  in  der  Hand  hielt,  zusammen  zu  genießen. 
Powmenakjwane  erwiderte  dem  Kinde :  „Ich  habe 
keinen  Tran  für  dich,  ich  bin  ein  Weib."  Aber  das  Kind  ent- 
gegnete: „Ich  sah  vor  längerer  Zeit,  daß  du  einen  Penis  hast. 
Du  bist  kein  Weib."  Powmenakjwane  wurde  darüber 
zornig.  Wieder  riß  er  sich  die  Haut  vom  Gesicht.  Und  als 
das  Kind  die  entblößten  Kopfknochen  erblickte,  fiel  es  tot  hin. 
Einige  Zeit  hernach  lieh  eine  Frau  dem  Powmenakjwane 
ihren  Mann.  Jener  verließ  am  folgenden  Tage  die  Hütte,  um  ein 
Bedürfnis  zu  verrichten.  Zufällig  kam  die  Frau,  welche  ihm 
ihren  Mann  geliehen  hatte,  des  Weges  und  erblickte  ihn,  ohne 
selber  von  ihm  gesehen  zu  werden.  Und  sie  rannte,  so  schnell 
ihre  Füße  sie  trugen,  davon,  legte  ihre  Kleider  ab  und  bedeckte 
sich  mit  ihrer  Decke.  Niemandem  erzählte  sie  etwas  von  dem, 
was  sie  eben  gesehen  hatte.  Powmenakjwane  jedoch 
war  ihr  bis  in  ihre  Hütte  gefolgt  und  fragte  sie,  ob  sie  ihn  am 
Wege  gesehen  hätte,  was  die  Frau  verneinte.  Dann  fragte  er: 
„Hast  du  irgend  jemandem  mitgeteilt,  daß  du  mich  dort  sitzen 
sahst?"  Die  Frau  erwiderte:  „Nein.  Ich  sprach  mit  nie- 
mandem davon."  Damit  war  Powmenakjwane  zu- 
frieden gestellt  und  er  ließ  die  Frau  fortan  in  Frieden.109 

DieEskimo  der  Westküste  derHudsons-Bai 
Die  Eskimo  der  Westküste  derHudsons- 
B  a  i  besitzen  in  ihrem  Märchenschatze  eine  mit  der  Sage 
der  Cumberland-Sund  Eskimo  von  Powmenakjwane 
fast  völlig  übereinstimmende  Erzählung.110  BOAS  hat  aber 
noch  ein  anderes  hierher  gehöriges  Märchen  dieser  Eskimo  von 
einem  zum  Weibe  gewordenen  Angakok  *)    mitgeteilt.     Hier 


*)  Ein  Angakok  kann  übernatürliche  Dinge  wahrnehmen.  Ein  Licht, 
das  ihn  im  Leben  nie  verläßt,  hüllt  seinen  Körper  ein.  Stirbt  er, 
nimmt  dieses  Licht  Besitz  von  einer  andern  Person  und  macht  damit 
diese  zum   Angakok   (BOAS   1901,    133). 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  19 


290 


Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 


lebte  ein  Mann,  der  war  ein  großer  Jäger  und  ein  großer  Angakok. 
Eines  Tages  zog  das  Volk  in  seinen  Kajaks  auf  Walfischfang 
aus.  Und  als  der  Angakok  nahe  genug  herangekommen  war, 
harpunierte  er  einen  Walfisch.  Dieser  aber  schlug  ihn  mit 
seinem  Schwänze  und  verstümmelte  ihn  so,  daß  er  nicht  mehr 
auf  Walf ischj agd  gehen  konnte.  Infolgedessen  gelüstete  es  ihn, 
zum  Weibe  zu  werden.  Er  rieb  die  Haut  seines  Gesichts,  so  daß 
sie  abfiel,  und  er  hatte  bald  sein  Aussehen  so  geändert,  daß  er 
den  Eindruck  eines  Weibes  hervorrief.  Ein  Mann,  der  gesehen 
hatte,  wie  dem  Angakok  die  Haut  herabhing,  fiel  tot  hin. 
Darauf  rupfte  sich  der  Angakok  seinen  Kinnbart  aus.  Er  ver- 
langte nun  einen  bestimmten  Mann  zu  heiraten.  Dieser,  zu 
furchtsam,  solchen  Wunsch  abzuschlagen,  nahm  ihn  zu  seinem 
Weibe.  Der  Ehemann  war  kein  erfolgreicher  Jäger  gewesen. 
Wenn  aber  das  Paar  auf  Renntierjagd  auszog,  nahm  der  Mann, 
der  sich  in  ein  Weib  verwandelt  hatte,  Bogen  und  Pfeüe  und 
tötete  manches  Renntier.  Bei  der  Rückkehr  in  die  Stadt 
sollten  die  andern  Leute  sehen,  daß  der  Mann,  der  vorher  so  wenig 
erfolgreich  gejagt  hatte,  nunmehr  ein  großer  Jäger  geworden 
war.  Nach  einiger  Zeit  bekam  das  Weib,  das  ein  Mann  gewesen 
war,  ein  Kind.  Als  eines  Tages  eine  Frau  sah,  wie  das  Weib 
sein  Gesicht  glatt  rieb,  lachte  sie  es  aus.  Aber  sogleich  fiel 
sie  tot  hin.111 

Die  Grönländer 

NANSEN  erklärt  den  Grönländer  für  den  gesittetsten 
aller  Menschen.  Gutmütigkeit,  Friedfertigkeit,  Verträglichkeit 
und  Ehrlichkeit  bezeichnet  er  als  die  Hauptzüge  seines  Cha- 
rakters.112 Das  Volk  besitze  einen  großen  Reichtum  an  Märchen 
und  Sagen,  von  denen  viele  sehr  eigenartig  seien.  Nichts  ge- 
währe einen  so  tiefen  Einblick  in  sein  ganzes  Seelenleben,  als 
der  Inhalt  dieser  Sagen  und  die  Art,  wie  sie  erzählt  würden. 
Sie  verrieten  Darstellungkunst  und  Phantasie,  außerdem  aber 
noch  einen  grotesken  Humor,  der  jedoch  oft  in  solche  Derbheit 
ausarte,  daß  bei  einem  „vorgeschrittenen  Kulturvolke"  an  ihre 
Veröffentlichung  nicht  gedacht  werden  könnte.113  NANSEN 
verrät  nur  eine  solche  Derbheit,  nämlich  ,,susa\  auf  gut 
Deutsch:  Du  kannst  dir  was  scheißen!"114 


Eskimo 


29I 


Die  ganze  Eigenart  des  Grönländers  kann  wohl  kaum 
schärfer  beleuchtet  werden,  als  durch  folgende  kleine  Mitteilung 
des  alten  PAUL  EGEDE  von  1750.  Da  die  Eltern  ihre  Kinder 
nicht  schlagen,  auch  selbst  dann  nicht,  wenn  sie  von  ihnen 
übel  behandelt  wurden,  machte  der  Missionar  einem  Vater  ent- 
sprechende Vor  Stellungen,  erzielte  aber  nur  die  spöttische  Ant- 
wort, es  wäre  kein  Wunder,  daß  die  Kablunät  (Ausländer)  so 
fromm  seien.115 

DAVID  CRANZ  hat  schon  1765  das  Leben  der  Grönländer 
aus  eigener  Kenntnis  anschaulich  geschildert.  Sobald  ein 
Knabe  Hände  und  Füße  bewegen  kann,  gibt  ihm  der  Vater 
einen  kleinen  Pfeil  und  einen  Bogen  in  die  Hand  und  läßt  ihn 
damit,  wie  auch  am  See-Ufer  mit  Steinen,  nach  einem  Ziele 
werfen  oder  er  läßt  ihn  mit  einem  Messer  Holz  zu  Spiel-Gerät- 
schaften schnitzen.  Gegen  das  zehnte  Jahr  schafft  er  ihm 
einen  Kajak  an,  damit  er  sich  in  des  Vaters  oder  in  anderer 
Knaben  Gesellschaft  im  Fahren,  Umkantern  und  Aufstehen, 
im  Vogelfang  und  Fischfang  übe.  Im  fünfzehnten  oder  sech- 
zehnten Lebensjahre  muß  er  mit  auf  den  Seehundsfang.  Von 
dem  ersten  Seehund,  den  er  erbeutet,  wird  den  Hausleuten 
und  Nachbarn  eine  Gasterei  gegeben.  Während  des  Essens 
muß  der  Knabe  erzählen,  wie  er  den  Fang  angestellt  hat.  Die 
Gäste  bewundern  seine  Geschicklichkeit  und  rühmen  das  See- 
hundsfleisch als  etwas  Besonderes;  und  von  nun  an  sind  die 
Weiber  darauf  bedacht,  ihm  eine  Braut  zu  wählen.  Wer  aber 
nicht  Seehunde  fangen  kann,  wird  aufs  äußerste  verachtet  und 
muß  mit  Weibernahrung  oder  mit  Ulken,*)  die  er  auf  dem 
Eise  fischen  kann,  mit  Muscheln,  trocknen  Häringen  und  dergl. 
sich  durchbringen.  Und  doch  gibt  es  deren  einige,  die  es  zu 
dieser  Geschicklichkeit  nie  bringen  können.  CRANZ  hat  selbst 
in  Kangek  einen  frischen,  starken  Grönländer  gesehen,  der  gar 
nicht  im  Kajak  fahren  gelernt,  ,,weil  seine  Mutter  ihn  daran 
gehindert  hatte,  aus  Furcht,  sie  möchte  ihn  ebenso  wie  ihren 
Mann  und  ältesten  Sohn,  die  zugleich  ertranken,  verlieren". 
Und  dieser  Mann   diente  bei  anderen   Grön- 


*)   Ulk,  Seeteulei,  Seewolf,  dänisch  Bredflab,   holländisch   Zee-Duyvel, 
isländisch  Marhunter,   Lophius  piscaturitis    (L). 

19* 


2Q2  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

ländern  als  Magd  und  verrichtete  alle 
w '  i  b 1 i  che  Arbeit,  in  derer  sehr  geschickt 
w  a  r.116 

CRANZ  verwahrt  sich  mit  aller  Entschiedenheit  gegen  die 
Annahme,  daß  die  Grönländer  in  ihrem  moralischen  Verhalten 
„von  Natur  die  größten  Laster  meiden" 
und  „gewisse,  wo  nicht  von  dem  göttlichen,  doch  einem  mensch- 
lichen Gerichte  zu  lobende  und  zu  belohnende  Tugenden  aus- 
üben" sollen.  Er  erwartet  das  von  den  Grönländern  so 
wenig  wie  von  anderen  heidnischen  Völkern,  weil  ihnen  zur 
Tugend  die  Vorschrift,  das  Beispiel  und  das  Vermögen  fehlte 
und  sie  ganz  unter  der  Botmäßigkeit  des  Gottes  dieser  Welt 
ständen,  der  sein  Werk  gar  zu  gern  in  den  Kindern  des  Un- 
glaubens ausübe.117 

WUTTKE1'8  stützt  sich  wohl  auf  diese  Schilderungen,  deren 
erste  auch  von  BASTIAN 119  erwähnt  wird,  wenn  er  die 
Grönländer  als  „übel  berüchtigt"  bezeichnet,  und  SCHNEI- 
DER 12°  dürfte  eben  dieselben  Stellen  im  Auge  gehabt  haben, 
als  er  den  Grönländern  „erotische  Verirrungen"  vorwarf,  voraus- 
gesetzt, ihre  Urteile  stützten  sich  überhaupt  auf  gedruckte 
und  nicht  etwa  auf    mündliche    Mitteilungen  oder  Gerüchte. 

Wenn  1763  HANS  EGEDE  von  den  Grönländern  be- 
hauptet, sie  seien  gar  nicht  zur  Unzucht  geneigt  und  er  habe 
niemals,  weder  in  Worten  noch  Werken,  von  Sünden  wider 
das  sechste  Gebot  etwas  wahrgenommen,121  so  nimmt  er 
doch  selber  ein  anstößiges  Spiel,  das  Mallikserpok,  dessen 
Mitspieler  Malliksersut  heißen,  davon  aus  und  meint,  ver- 
heiratete Personen  lebten  gar  nicht  keusch  und  züchtig,  sondern 
frei.122  Auch  scheue  der  Grönländer  sich  nicht,  alle  seine  Not- 
durft in  Gegenwart  aller  Menschen  zu  verrichten.123 

Auf  päderastische  Neigungen  der  Grönländer  weisen 
übrigens  auch  einige  Worte  ihrer  Sprache  hin.  So  haben  sie 
für  Hermaphrodit,  Androgynus  oder  „Mannweib",  besser  Weib- 
mann, die  Bezeichnung  Angutaürsak.1'24  Kiglok  heißt  verkehrt, 
pervers,  lateinisch:  praeposterus.125  Innuk  numiksimarsok  ist 
ein  perverser  Mensch.126 


Eskimo 


293 


Bezüglich  der  Arktiker  erscheinen  einige  in  der  ein- 
schlägigen Literatur  berührte  allgemeine  Gesichtspunkte 
besonders  hervorhebenswert.  VIREY  und  SCHNEIDER 
weisen  auf  die  Tatsache  hin,  daß  dem  Wollustkitzel  erotischer 
„Verirrungen"  nicht  bloß  „verweichlichte"  Südländer,  sondern 
auch  die  „verhärteten  Bewohner  des  rauhen  und  kalten  Nordens'' 
nachgehen.127  Nach  MARTIN  (1834)  sind  die  nordame- 
rikanischen Polarvölker  ganz  außerordentlich  sinnlich 
und  den  Vergnügungen  der  Geschlechtsbegierde  ergeben.  Die 
Wollust  dieser  Naturvölker  und  ihr  Hang  zur  Vielweiberei  sei  bei 
einer  fast  ununterbrochenen  Winter-Temperatur  weit  größer 
als  die  der  sinnlichsten  Tropenvölker.128  Dem  wäre  hinzuzu- 
fügen, daß  die  Befriedigung  des  gleichgeschlechtlichen  Wollust- 
kitzels bei  den  Arktikern  stets  straflos  geschah,  bei  einigen 
Südländern  dagegen  schwer  bestraft  oder  wenigstens  mit  harten 
Strafen  bedroht  wurde.  Ferner  glaubt  STELLER,  die  Anlage 
zu  den  geschlechtlichen  „Ausschweifungen"  der  Kamtschadalen 
der  bei  diesen  vorherrschenden  Fischnahrung  zuschreiben 
zu  sollen.  Er  meint,  was  die  Nation  so  „geil  und  venerisch"  mache, 
könne  wohl  nichts  anderes  sein,  als  der  Genuß  des  vielen  Fisch- 
rogens und  der  im  Winter  schimmlichten  Fische,  wodurch  nicht 
allein  eine  starke  Produktion  von  Zeugungstoff  hervorgerufen, 
sondern  auch  eine  Stimulierung  der  Gefäße  bewirkt  werde. 
Einen  Beweis  für  die  Richtigkeit  seiner  Annahme  fand  STELLER 
in  der  Tatsache,  daß  eine  Itelmenin,  welche  ein  halbes  Jahr 
lang  zur  Probe  von  seinem  Tische  speiste  und  so  von  ihrer 
gewöhnlichen  Kost  abgehalten  wurde,  „viel  moderader  und 
keuscher  geworden  seye".129  PESCHEL  hat  dem  beigefügt, 
daß,  unter  Voraussetzung  der  Berechtigung  dieser  Annahme 
STELLERs,  die  Übereinstimmung  zwischen  den  Beringsvölkern 
in  diesem  Punkte  ebenfalls  nur  dem  Wohnorte  entsprungen 
sein  würde.130  —  Woher  aber,  fragt  man  billig,  leitet  alsdann 
die  Geilheit  derjenigen  Naturvölker  sich  ab,  welche  nicht 
vorzugsweise  auf  Fischnahrung  sich  angewiesen  sehen  ?  VIREY 
glaubt,  die  mögliche  Ursache  der  Päderastie  bei  den  Natur- 
völkern überhaupt  in  der  weiten  Entfernung  der  daheim  blei- 
benden Weiber  von  ihren  auf  der  Jagd  befindlichen  Männern 
erblicken  zu  dürfen.131 


2q<  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

Es   sei    hier    die    Aufmerksamkeit    auf    einen    anderen 
Umstand     gelenkt,     der,     wenn     man     einmal     rein    äußer- 
liche Erscheinungen  für  bestimmt  geartete    Liebetriebe    ver- 
antwortlich zu  machen  durchaus  notwendig  findet,  nicht  außer 
acht    gelassen    werden  sollte;   nämlich    das    von    STELLER 
an  mehreren  Orten  seines  freimütigen  und  offenbarungreichen 
Buches  hervorgehobene    Nichtzusammenpassen  der 
beiderlei  Geschlechtsorgane  bei  den  Itelmen.  ,, . . .  Kleine  membra 
genitalia  und  große  und  weite  miiliebria" ,  sind  es, ,  ,so  beyde  Völker 
(Itelmen  und  Mongolen)  noch  bis  diese  Stunde  gemein  haben".132 
,,  .  .  .  dabey  sind  die  Geburtsglieder  (der  Männer)  sehr  klein, 
ohnerachtet  sie  große  Venerei  sind.    Die  Weibespersonen  haben 
kleine  runde   Brüste,   die  bey  vierzigjährigen   Frauenzimmern 
noch  so  ziemlich  hart  sind,  und  nicht  bald  hangend  werden, 
die  Schaam  ist  sehr  weit  und  groß,  dahero  sie  auch  nach  denen 
Cosaken  und  Ausländern  allezeit  begieriger  sind,  und  ihre  eigene 
Nation  verachten  und  verspotten.     Über  der  Schaam  haben 
sie   alleine   ein   Schöpflein   schwarzer   dünner   Haare,   wie   ein 
Krochal  auf  dem  Kopf,  das  übrige  ist  alles  kahl.    Außer  diesem 
haben  einige   und  zwar  die  mehresten  sehr  große   Nymphen, 
welche  außerhalb  der  Schaam  auf    i  Zoll  hervorragen,  und  wie 
Marienglas  oder  Pergament  durchsichtig  sind.     Es  werden  die- 
selbe nunmehro  vor  eine  große   Schande  gehalten,  und  ihnen 
in  der  Jugend,  wie  denen  Hunden  die  Ohren,  abgeschnitten. 
Die  Itälmenen  nennen  diese  außerordentliche  Nymphen  Syraetan: 
und  lachen  sie  selbst  einander  damit  aus."133    Danach  scheint  es 
dem  Unbefangenen,  als  seien  die  Itelmen  zur  Befriedigung  ihrer 
Wollust   durch   ihren    Körperbau   von   der   Natur   selber   auf 
Podikation  hingewiesen  worden.    Es  bliebe  nur  noch  ein  Rest- 
bestand     zur    Erklärung    übrig,    weshalb    die    Itelmen    mit 
ihren  kleinen  Genitalien  die  Podikation  beim  Manne  und 
nicht  beim  Weibe  ausüben.    Man  wird  wohl  annehmen 
dürfen,   daß   Podikation  die  besondere   Form  der  päde- 
rastischen  Liebebefriedigung    nicht   nur  bei  den  Itelmen, 
sondern   auch  die   allgemein  gebräuchliche   der   Beringsvölker 
überhaupt  ist.    Ihre  Allgemeinheit  und  ihre  weite  Verbreitung 
würde    dann    auf     Grund     gewohnheitmäßiger    Nachahmung, 
welche  bei  den  Itelmen  nach  STELLER  ja  eine  überaus  große 


Eskimo 


295 


Rolle  spielt,  leicht  verständlich  sein.  Wie  aber  soll  sich  bei 
dem  gleichen  Mißverhältnis  der  Geschlechtsorgane  eine  ganz 
abweichende  Form  der  päderastischen  Liebebefriedigung,  die 
Fellation,  beziehungsweise  Irrumation,  unter  In- 
dianerstämmen Nordamerikas,  die  durch  HOLDER  dargelegt, 
uns  im  nächsten  Abschnitte  beschäftigten  wird,  erklären 
lassen  ? 

JOCHELSON  meint,  die  abnormen  geschlechtlichen 
Verhältnisse  hätten  zweifellos  nicht  als  eine  normale  Eheein- 
richtung behandelt  worden  sein  können  und  seien  auch  gering  an 
Zahl  gewesen.  Während  STELLER  und  KRASCHENINNI- 
KOW  sie  rein  menschlich  und  ganz  unabhängig  vom  Schamanis- 
mus schilderten,  nimmt  JOCHELSON  an,  sie  hätten  sich  ent- 
wickelt nicht  aus  der  geschlechtlichen  Veranlagung  heraus, 
sondern  unter  dem  Einfluß  der  Vorstellung  von  schamani- 
stischen  Fähigkeiten,  welche  die  „verwandelten"  Männer  von 
den  Geistern,  zu  denen  sie  beteten  und  mit  deren  Hilfe  ihr 
Geschlechtswechsel  sich  vollzog,  empfingen.  Solcher  Aber- 
glaube hätte  bei  Personen  anormaler  physischer  und  psychischer 
Entwicklung  einen  überaus  fruchtbaren  Boden  gefunden. 
Und  dementsprechend  seien  denn  auch  mit  dem  Niedergange 
des  Schamanismus  unter  den  Korjaken  und  mit  der  fort- 
schreitenden Russifizierung  der  Kamtschadalen  diese  Praktiken 
unter  beiden  Stämmen  völlig  verschwunden.  Läßt  man,  führt 
JOCHELSON  aus,  die  Frage  der  „Perversion  des  Geschlechts- 
instinktes" im  Zusammenhange  mit  der  sogenannten  „Ge- 
schlechtsverwandlung" beiseite,  so  bleibt  die  interessante  Frage 
übrig:  Warum  glaubt  der  Schamane  machtvoller  zu  werden, 
wenn  er  in  ein  Weib  verwandelt  ist  ?  m  Aber  diese  Frage 
bleibt  unbeantwortet.  Wenn  der  Verfasser  richtig  versteht, 
ist  JOCHELSON  geneigt,  den  Schamanismus  als  die  primäre, 
die  Homoerotik  als  die  sekundäre  Ursache  der  geschilderten 
Erscheinungen  aufzufassen.  In  dieser  Auffassung  jedoch  kann 
er  ihm  nicht  folgen,  glaubt  vielmehr  durch  ihre  Umkehrung 
der  Wahrheit  näher  zu  kommen.  Auch  ist  er  überzeugt,  daß 
mit  den  durch  den  Schamanismus  hervorgerufenen  eigen- 
artigen homoerotischen  Praktiken  nicht  zugleich  auch  die 
Homoerotik  selbst  verschwunden  ist,  sondern  lediglich  in  einer 


2q6  Die  Arktiker  oder  Hyperboreer 

weniger  öffentlichen  Form  ungebrochen  weiter  lebt.  Die  Frage 
der  „Perversion  des  Geschlechtsinstinktes"  darf  eben  zum 
Verständnis  der  „Geschlechtsverwandlung"  im  Schamanismus 
nicht  beiseite  gelassen  werden. 

Für  die  zugleich  päderastischen  und  sogenannten  normal'- n 
Verbindungen,  wie  sie  unter  den  Aleuten  und  den  Kant- 
schadalen  (Itelmen)  üblich  gewesen,  hat  BASTIAN  den  neuen 
Terminus  „Pantoiogamie"  eingeführt.135 


IV. 

Die    amerikanischen    Naturvölker 
(Rothäute,  Indianer,  Amerindier) 

Die  Naturanlage  des  Indianers  1  wird  überall  gern  in 
Gegensatz  zu  der  des  Negers  gestellt.  Und  das  ist  leicht  ver- 
ständlich. Leben  doch  seit  Jahrhunderten  beide  Rassen  auf 
dem  Heimatboden  der  Rothaut  zusammen  und  während  die 
Indianer  sich  in  ihrem  eigenen  Lande  vermindern  und  absondern, 
vermehren  sich  im  fremden  Lande  die  Neger  und  mischen  sich 
mit  der  herrschenden  eingewanderten  arischen  Bevölkerung. 
Auch  sonst  scheinen  sie  kaum  etwas  gemeinsam  zu  haben  als 
das  Menschenantlitz. 

Wenn  MANTEGAZZA  recht  hat,  steht  der  Indianer  auf 
einer  höheren  Stufe  der  menschlichen  Entwicklung  als  der 
Neger.  Er  soll  intelligenter  und  sein  Empfindungleben  viel 
reicher  sein.  Dagegen  flöße  unser  afrikanischer  Bruder  größere 
Sympathien  ein,  weil  er  ein  heiterer  Gesellschafter  sei  und  die 
Fähigkeit  besitze,  sich  veränderten  Verhältnissen  anzupassen, 
z.  B.  in  der  neuen  Welt  sich  wohl  zu  befinden,  wogegen  die 
Rothaut  ihren  amerikanischen  Heimatboden  nicht  verläßt.  Der 
Neger  wäre  nach  dem  italienischen  Forscher  ein  Mensch  ge- 
wordener Affe,  der  Indianer  dagegen  wie  ein  Weißer,  der  mit 
Trauer  seiner  besseren  Vergangenheit  gedenke  oder  über  Rache- 
pläne für  die  Zukunft  brüte.  Der  Neger  belustige,  ohne 
tieferes  Verständnis  zu  finden,  der  Indianer  flöße  Furcht 
oder  Mitleid  ein.  In  beiden  Rassen  will  MANTEGAZZA  nur 
entfernte  Verwandte,  höchstens  Vetter,  nicht  aber  Brüder 
erkennen.2  W.  HEYWORTH  DIXON  (1868)  hält  es  für  aus- 
gemacht, daß  der  rote  Mann  in  den  Vereinigten  Staaten  weit 


298 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


weniger  gelehrig,  aber  dafür  fruchtbarer  an  Gedanken  ist 
als  der  schwarze  Mann  daselbst,  daß  er  seine  eigene  Weise, 
seine  eigenen  Künste,  seine  eigenen  Überlieferungen  besitzt  und 
die  Fähigkeit  hat,  die  dem  schwarzen  Manne  fehlt,  selbständig 
zu  denken  und  seine  Gedanken  auch  wiederzugeben.3  So  komme 
es,  daß  durch  die  Rothaut  beeinflußte  Spuren  ihres  Wesens 
im  Nationalcharakter,  in  der  Volkspolitik,  im  Volksleben  der 
arischen  Rassen  sich  wiederfänden,  welche  den  Indianer  erst 
nach  den  Alleghanies,  dann  nach  dem  Ohio  und  Wabasch, 
dann  an  den  Mississippi  und  endlich  über  den  großen  Fluß 
westlich  bis  nach  Kansas  und  Arkansas  verdrängt  und  dessen 
frühere  Sitze  eingenommen  haben.4  Der  Neger  sei  der  geborene 
Sklave.  Die  Rothaut  sei  Jäger  oder  Krieger  und  eine  vor- 
nehme Natur.5  Ohne  eine  Vorstellung  vom  Nutzen  und  von 
der  Macht  der  Arbeit,  vermöge  die  Rothaut  kaum  sich  dazu 
aufzuraffen,  Handel  zu  treiben,  und  sie  sei  zu  stolz,  sich  selbst 
zu  plagen,  da  sie  durch  jede  Arbeit,  als  eine  Beschäftigung 
der  Frauen  und  männlicher  Feiglinge,  sich  zu  schänden  glaube.6 
Wer  nun  aber  daraus  schließen  wollte,  die  soziale  Stellung  der 
indianischen  Frau  müsse  eine  niedere  sein,  erfährt  durch  DIXON, 
daß  unter  einigen  Indianerstämmen,  wie  den  Delawaren, 
Mohikanern,  Senecas,  der  Frau  im  Gegenteil  eine  ganz  besondere 
Macht  zuerkannt  wird,  derart,  daß  sie  nicht  nur  im  Wigwam, 
sondern  auch  im  öffentlichen  Leben  eine  Rolle  spielt.  Sie 
hat  selbst  das  Recht,  Versammlungen  zu  halten  und  über 
Krieg  und  Frieden  mitzuberaten.  Die  tapferen  Männer  seien 
stolz  darauf,  ihren  Squaws  solche  Ehren  zu  erweisen,  was  nicht 
nur  eine  poetische,  sondern  auch  eine  ethische  Schönheit  ihrer 
Sitten  darstelle.7  Nach  J.  LONG  dagegen  hätte  für  die  männ- 
liche Rothaut  das  Weib  nur  die  Bedeutung  einer  Geburt- 
maschine und  eines  Lasttieres.  Söhne  seien  ihr  der  kriege- 
rischen Zwecke  wegen  lieber  als  Töchter;  die  Töchter  sollen 
den  Kriegern  aufwarten  und  alle  Arbeit  verrichten,  deren 
Ausführung  den   Mann  erniedrigen  würde.8 

Aber  die  Ansichten  über  die  Rothaut  gehen  auch  sonst 
oft  weit  auseinander. 

JAMES  ADAIR  schilderte  1782  den  Indianer  als  aus- 
gesprochenen Hosenfeind,9    als  verschwiegen  und  neugierig,10 


Rothäute 


299 


als  „sinnreich,  witzig,  verschlagen  und  betrügerisch",  aber  als 
sittsam.11  Und  er  weiß  nicht  genug  zu  rühmen,  wie  in  allen 
indianischen  Ländern  jede  Person  nach  ihrem  eigenen  Gefallen 
leben  könne.12  Auch  nach  PERROT  wäre  die  in  heutigen 
Kulturstaaten  als  erstes  Erfordernis  angesehene  Unterordnung 
kein  Grundsatz  des  nordamerikanischen  ,, Wilden".13 

LOSKIEL  hob  bereits  1789  das  gesellige  und  freundliche 
Wesen  der  Rothaut  hervor.  Gegenseitige  Besuche  seien  unter 
den  Indianern  sehr  gewöhnlich.  Zank,  Spötterei  und  jede  Art 
von  Beleidigung  werde  dabei  sorgfältig  vermieden.  Niemanden 
beschämten  sie,  keinem  würden  geradezu  Vorwürfe  gemacht, 
selbst  nicht  einem  notorischen  Mörder.  Berühmt  sei  die  in- 
dianische Gastfreundschaft.14  Die  Weichheit  des  indianischen 
Gemüts  gehe  bisweilen  in  Schwäche  über.  AUGUSTE  DE 
SAINT  HILAIRE  sagte  1830  von  den  Indianern  von  S.  Antonio, 
sie  seien  furchtsam  und  von  äußerster  Sanftmut.  Um  von 
ihnen  das  zu  erlangen,  was  man  wünscht,  genüge  es,  sie  wie 
kleine  Kinder  zu  liebkosen.  Sie  würden  auch  von  den  Portu- 
giesen und  den  Mulatten  rücksichtvoll  behandelt  und  lebten 
mit  diesen  daher  auf  gutem  Fuße.15  Auch  ein  neuerer  Kenner, 
W.  HEYWORTH  DIXON,  spricht  ihnen  als  hohe  Tugenden: 
Tapferkeit,  Keuschheit,  Geduld  und  Ausdauer  zu,  Ehrfurcht 
vor  dem  Alter,  Achtung  vor  Gelehrsamkeit  und  Aufrichtigkeit.16 

Eine  überaus  niedrige  Meinung  vom  Indianer  hat  sich 
dagegen  auf  Grund  des  Studiums  brasilianischer  Stämme 
VON  MARTIUS  gebildet.  Er  redet  schon  1831  von  ihnen 
nur  als  von  „gefallenen  Unmenschen",  spricht  von  „gräßlicher 
Entartung  dieser  Halbmenschen"  17  und  gibt  1843  häufig  seiner 
fest  wurzelnden  Auffassung  Ausdruck,  daß  es  sich  bei  der 
Rothaut  um  ein  „verwahrlostes  Geschlecht"  handle.  Dennoch 
will  er  „Gattenliebe  und  Treue  mit  dem  höheren  sittlichen 
Gepräge"  der  Rasse  zugestehen.  Ein  „verfeinertes  und  mäch- 
tiges Rechtsgefühl"  bringe  sie  vielleicht  oft  gegen  Stammes- 
genossen, selten  aber  gegen  Menschen  anderer  Rassen  zur  Geltung. 
Auch  Schamhaftigkeit  könne  man  ihr  keineswegs  absprechen. 
Nur  zeige  sie  sich  selten  genug  und  scheine  sich  nicht  auf  ge- 
schlechtliche Verhältnisse,  sondern  vielmehr  auf  gewisse  Not- 
wendigkeiten zu  beziehen,  welche  die  Rothaut  scheu  dem  Auge 


OOO  ^ie  amerikanischen  Naturvölker 

jedes  anderen  zu  entziehen  suche.  So  verstecke  sie  sich  ängst- 
lich bei  ihrer  Leibesentleerung  und  bedecke  die  Exkremente 
sogleich  mit  Erde.18 

Die  Gesichtszüge  der  Rothaut  zeigen  nach  BATES  (1863) 
kaum  irgend  eine  Veränderlichkeit  im  Ausdruck.  Dies  hänge 
mit  dem  ungemein  gleichgültigen  und  zurückhaltenden  Wesen 
der  Rasse  zusammen.  BATES  bestreitet,  daß  die  Rothaut 
etwa  die  in  ihm  hervorgerufenen  seelischen  Bewegungen  der 
Freude,  des  Kummers,  des  Erstaunens,  der  Furcht  verberge, 
vielmehr  fühle  er  solche  Eindrücke  gar  nicht.  Dennoch  besäßen 
sie  starke  Leidenschaften,  besonders  im  Zusammenhange  mit 
dem  Familienleben.19  Darin  stimmt  BATES  mit  CARVER 
überein,  der  schon  1778  erklärte,  das  ganze  Interesse  der  Rot- 
haut gehe  im  Familienleben  und  im  Leben  ihres  Stammes, 
ihrer  Gemeinschaft  auf.20 

VON  ESCHWEGE  betont  den  „tiefen  melancholischen 
Zug",  den  man  auf  dem  Antlitz  der  meisten  amerikanischen 
Stämme    wahrnehme,  sobald  der  Indianer  unbeschäftigt  sei.21 

Den  Vorwurf  der  Menschenfresserei,  die  sich  übrigens  ja 
auch  bei  anderen  Völkern  finde,  gibt  RENGGER  1838  den 
christlichen  Weißen,  von  denen  er  ausging,  zurück:  „Die  eigent- 
lichen Menschenfresser  und  Verderber  in  diesem  Lande  waren 
die  Spanier".22 

Der  katholische  Ordensbruder  DOMINGO  DE  SANTO 
THOMAS  erzählt  selbst,  auf  seine  Frage  an  den  Kaziken  einer 
Provinz,  ob  er  Christ  sei,  habe  dieser  erwidert,  er  sei  es  zwar 
noch  nicht  ganz,  fange  jedoch  schon  an  es  zu  werden.  Der  geist- 
liche Herr,  neugierig  gemacht  auf  das,  was  der  Kazike  vom 
Christentum  schon  wissen  möge,  forschte  weiter  und  erhielt 
vom  Kaziken  die  bezeichnende  Antwort,  er  könne  schon  bei 
Gott  fluchen,  etwas  Karten  spielen  und  fange  auch  schon  an 
zu  stehlen.  Im  heidnischen  Incareiche  aber  galten  als  am 
meisten  verpönte  mit  hohen  Strafen  bedrohte  Handlungen: 
Lügen,   Stehlen  und  Faulenzen.23 

Es  bilden  nun  hauptsächlich  zwei  mit  dem  Gegenstande 
dieser  Untersuchungen  in  engste  Verbindung  gebrachte  Eigen- 
tümlichkeiten einen  schroffen  Gegensatz  der  Rothaut  und  des 
Negers:  das  schwach  entwickelte  kleine  männliche  Geschlechts- 


Rothäute 


3OI 


glied  und  ein  von  beinahe  allen  Kennern  des  Indianers  für  fast 
alle  ihre  Stämme  behaupteter  sehr  schwacher  Geschlechtstrieb 
der  Männer  zu  den  Frauen. 

FELIX  D'AZARA  hat  es  schon  1810  merkwürdig  ge- 
funden, daß  bei  den  Guarani  wie  bei  allen  übrigen  indianischen 
Völkerschaften  der  Penis  immer  nur  von  mittelmäßiger  Größe 
war,  bei  sehr  weiten  weiblichen  Schamteilen  mit  aufgeschwol- 
lenen äußeren  Lefzen.  Es  sei  bekannt,  erzählt  er,  wie  zur 
Zeit  der  Ankunft  der  Spanier  in  Amerika  die  eingeborenen  Weiber 
sich  den  weißen  Männern  mit  einer  Art  von  Ungestüm  über- 
lassen hätten,  wodurch  die  Eroberung  des  Landes  nicht  un- 
erheblich wäre  erleichtert  worden.24  Und  A.  DE  SAINT 
HILAIRE  bestätigte  1830,  wie  später  auch  VON  MARTIUS, 
den  leidenschaftlichen  Geschmack  insbesondere  bei  den 
Macuani-Weibern  für  entflohene  Neger  der  Größe  ihres  Penis 
halber.25  VON  MARTIUS  bezeichnet  die  Neger  als  die 
„Cicisbei"  der  Indianerinnen  in  den  Wäldern,  während  gerade 
das  Gegenteil  stattfinde  bei  den  Indianern,  die  eine  Negerin 
„unter  ihrer  Würde"  hielten  und  verabscheuten.26  Auch  VON 
ESCHWEGE  bestätigte  1818  eine  „außerordentliche  Kleinheit 
des  menibri  virilis"  als  „durchgehends"  bei  den  überhaupt 
wenig  kräftig  gebauten  Coroates  (Coroados,  portugiesisch  = 
Gekrönte).27  Und  nach  VON  MARTIUS  1823  sind  die  Brüste 
der  Indianerin  nicht  so  schlaff  herabhängend  wie  bei  der  Negerin, 
aber  die  männlichen  Teile  des  Indianers  viel  kleiner  als  bei  irgend 
einer  anderen  Rasse,  nicht,  wie  beim  Neger,  „in  beständigem 
Turgor".28  RUDOLF  ARNDT  hat  dann  diese  Erscheinung 
und  den  vorgeblich  schwachen  Geschlechtstrieb  der  Rothaut 
als  Stigmata  degener ationis,  als  Kennzeichen  des  unaufhalt- 
samen Niedergangs  der  roten  Rasse  hingestellt.29 

„Besonders  auszeichnend"  soll  nach  VON  ESCHWEGE 
bei  beiden  Geschlechtern  der  brasilianischen  Indianer  von  Minas 
Geraes  das  Gesäß  sein.  Man  finde  niemals  einen  starken 
Hintern,  wovon  der  Bau  des  Beckens  die  Ursache  sein  möchte. 
Das  Gesäß  laufe  schmal  zu  und  habe  etwas  Affenartiges.  Diese 
Beobachtung  verdiene  eine  genauere  Untersuchung  der  Phy- 
siologen.30    Doch  kommt  ihr  sicher  schwerlich  durchgreifende 


3°2 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Geltung  zu.  Denn  bei  D'AZARA  findet  sich  die  Bemerkung, 
daß  die  Guarani-Weiber  sogar  sehr  üppige  Lenden  aufwiesen.31 

WILLIAM  ROBERTSON  führte  um  die  Mitte  des  18. 
Jahrhunderts  aus,  die  Indianer  legten  im  allgemeinen  weniger 
Neigung  zu  geschlechtlichem  Umgang  an  den  Tag  als  andere 
Menschenrassen.  Er  suchte  einen  Zusammenhang  dieser 
schwächern  geschlechtlichen  Begierden  der  männlichen  Rot- 
haut nach  dem  Weibe  mit  äußern  Verhältnissen  ihrer  Heimat 
nachzuweisen.32  Den  „Fluch  ihrer  Unfruchtbarkeit"  hat 
VON    MARTIUS  hervorgehoben.33 

ROBERTSONS  Beobachtung  scheint  aber  noch  durch 
spätere  bezeichnende  Angaben  weiter  unterstützt  zu  werden. 
So  gilt  RENGGER  die  Zeugungkraft  der  Männer  bei  dem 
brasilianischen  Stamm  der  Payaguas  für  geringer  als  die  der 
Weißen.  Er  hat  junge  Männer  dieses  Stammes  gesehen,  welche 
durchaus  untüchtig  zur  Fortpflanzung  waren,  vermutlich,  meint 
er,  infolge  von  Branntwein.34  Es  fragt  sich  indessen,  ob  es 
bei  diesen  Leuten,  die  sich  an  RENGGER  wahrscheinlich  als 
Arzt  gewendet  hatten,  sich  nicht  um  sogenannte  „Mannweiber" 
handelte,  von  denen  eine  Potenz  dem  Weibe  gegenüber  über- 
haupt nicht  hätte  erwartet  werden  dürfen.  Eine  andere  Schil- 
derung scheint  noch  überzeugender  zu  sein.  Nach  FELIX 
D'AZARA  bestände  eine  der  Ähnlichkeiten  der  Rothaut  mit 
dem  Tier  in  ihrer  Gleichgültigkeit  bei  Befriedigung  des 
Geschlechtstriebes,  indem  der  Begattungakt  ohne  vorher- 
gehendes Kosespiel  und  ohne  alle  besonderen  Umstände  aus- 
geübt werde.35  Die  Jesuiten  hätten,  wie  allgemein  versichert 
worden  sei,  in  ihren  Ansiedelungen  zu  verschiedenen  Stunden 
der  Nacht  und  besonders  in  der  ersten  Morgenfrühe  mit  einer 
großen  Glocke  läuten  lassen,  in  der  Absicht,  die  Guarani- 
Indianer  aufzuwecken  und  —  ein  Mißbrauch  ihrer  Macht  — 
die  Verheirateten  zum  Fortpflanzungakt  zu  ermuntern.36 
Allein  die  angebliche  Geschlechtsunlust  dieser  Indianer  erklärt 
sich  vielleicht  einfach  aus  ihrer  auch  von  DE  DOBLAS  an- 
gedeuteten völligen  Erschöpfung  infolge  der  von  den  Jesuiten 
ihnen  aufgezwungenen  täglichen,  ganz  ungewohnten  Arbeit, 
welche  sie  früh  zur  Ruhe  getrieben  und  die  ganze  lange  Nacht 
hindurch  im  Banne  des  Schlafes  mag  festgehalten  haben. 


Rothäute 


303 


Auch  PÖPPIG  glaubte  die  vielfach  ausgesprochene  Be- 
hauptung geschlechtlicher  Zurückhaltung  der  männlichen  Rot- 
haut dem  anderen  Geschlecht  gegenüber  bestätigen  zu  müssen. 
Unter  Berufung  auf  HENNEPIN  und  FALKNER  legt  PÖPPIG 
dar,  daß  dieselbe  Erscheinung  an  den  beiden  Enden  Amerikas, 
in  Louisiana  und  in  Patagonien,  beobachtet  worden  ist.37 

Über  „kokette  Männer"  unter  den  bolivianischen  In- 
dianern berichtet  neuestens  Baron  NORDENSKIÖLD.  Es 
komme  bei  vielen  Sippschaften  vor,  daß  zwei  Weiber  einen 
Mann  hätten  und  daß  es  die  Indianerinnen  seien,  die  freien. 
Während  der  großen  Tänze  sehe  man  häufig  eine  junge  weib- 
liche Schönheit  sich  einem  der  tanzenden  Krieger  nähern  und 
mit  wilder  Gewalt  ihn  aus  der  Reihe  der  Tänzer  entführen. 
Unter  solchen  Umständen  sei  es  kein  Wunder,  wenn  die  Männer 
gewöhnlich  sehr  kokett  seien.  Es  sei  keine  Übertreibung,  zu 
behaupten,  daß  die  Männer  den  halben  Tag  auf  ihre  Toilette 
verschwendeten.  Es  seien  auch  die  Männer,  welche  Kleider 
nähen,  nicht  allein  für  sich,  sondern  auch  für  Frau  und  Kinder.38 

Von  anderer  Seite  dagegen  wird  der  männlichen  Rothaut 
sogar  besonders  starker  Geschlechtstrieb  zum  Weibe  nachgesagt 
und  zwar  sowohl  in  schwärmerischer  als  grob  sinnlicher  Rich- 
tung. So  lernte  D'ORBIGNY  aus  eigener  Beobachtung  Fälle 
glühender  Leidenschaft  bei  Indianern  kennen.  Aus  der  Literatur 
verweist  er  auf  die  von  LOZANO  und  FUNES  berichtete 
Liebegeschichte  eines  Guarani  mit  einer  Spanierin  im  16.  Jahr- 
hundert und  auf  einen  von  LESSON  mitgeteilten  Lieberoman 
unter  chilenischen  Araucanos  mit  tragischem  Ausgang.39 

Für  starken  sinnlichen  Geschlechtstrieb  der  männlichen 
Rothaut  spricht  A.  DE  SAINT-HILAIRE  sich  aus.  Die 
Indianer  von  Passanha  fand  er  stark  zur  Liebe  geneigt.  Es 
habe  ziemlich  häufig  sich  zugetragen,  daß  eine  Rothaut  durch 
Wollust  geschwächt  am  Leben  verzweifelte  und  sich  an  irgend 
einem  Baume  aufknüpfte.40  Auch  die  Macunis  fand  der  Ge- 
währmann in  hohem  Maße  den  Freuden  der  Liebe  zugetan. 
Die  Priester  hätten  sich  geweigert,  ihnen  Mädchen  unter 
12  Jahren  anzutrauen.  Aber  von  den  Eltern  erhielten  sie 
schon  solche  von  8  bis  9  Jahren  gegen   kleine   Geschenke  zur 


004  Die  amerikanischen  Naturvölker 

Frau.41    Essen  und  Lieben  habe   fast  ausschließlich   alle  ihre 
Gedanken  beschäftigt.42 

Wie  ROBERT  VON  SCHLAGINTWEIT  angibt,  reicht 
schon  eine  kleine  Menge  „Feuerwasser"  hin,  den  Indianer  be- 
trunken zu  machen.  Im  Rausch  ist  er  durchgehends  nicht 
gewaltsam  und  rauf  süchtig,  vielmehr  „in  einer  höchst  wider- 
lichen Weise  zärtlich".  Bei  den  Schwarzfüßen  (Blackfeets) 
spiele  der  Branntwein  eine  Hauptrolle  zur  Bezeugung  von 
Freundschaft.43 

Mit  der  angeblichen  Geschlechtsunlust  der  männlichen 
Rothaut,  so  oft  sie  auch  behauptet  worden  ist,  steht  der  oft 
leidenschaftliche  Trieb  zur  Päderastie  in  schreiendem 
und  unlöslichem  Widerspruch. 

ALCIDEjD'ORBIGNYs  Darstellung  entsprechend  könnten 
die  südamerikanischen  Indianer  geradezu  ineffeminierte  und 
kriegerische  gruppiert  werden.  Verweiblichte  Gesichtszüge 
(traits  effeminees)  schreibt  er  unter  den  Ando-Peruanern  den 
Antisiern,44  unter  den  Pampas  den  Araucaniern  **  und  Chi- 
quitos,46  ferner  der  ganzen  Gruppe  der  brasilianischen  Guarani 
zu.47  Der  Gruppe  mit  ausgesprochen  männlichen  Gesichts- 
zügen weist  er  von  den  Ando-Peruanern  nur  die  Peruaner,48 
von  den  Pampas  die  Pampas  zu.49  Von  den  Moxos  bleibt  die 
Zugehörigkeit  unerörtert.50  Die  beiden  Gruppen  D'OR- 
BIGNYs  dürften  den  tane  und  wild  Indiens  des  VASCONCELLO 
entsprechen.51 

Wie  sehr  das  Indianertum  vom  Feminismus  durchsetzt 
ist,  zeigt  auch  die  Schilderung  des  Bibliothekars  MURATORI 
1749.  Alle  unbekehrten  Indianer  pflegen  langes  Haar  zu 
tragen,  das  sie  für  einen  besonderen  Schmuck  halten.  Sie 
würden  es  daher  als  die  größte  Schmach  empfinden,  wenn  es 
jemanden  gelüstete,  diese  Zierde  ihnen  abzuschneiden.  Weil 
ihnen  überdies  der  Bart  sehr  spät  und  spärlich  wächst,  geschah 
es  gar  oft,  daß  man  einen  Jüngling  von  einer  Weibsperson 
nicht  unterscheiden  konnte.  In  den  Reduktionen  der  Jesuiten 
wurde  aber  solche  „Unordnung"  keineswegs  geduldet.  Die 
Männer  ließen  sich,  sobald  sie  Christen  wurden,  das  Haar 
stutzen,  und  weil  sie  dann  auch  ihre  Kinder  in  dieser  Gewohnheit 


Rothaute 


3°5 


erzogen,  unterschied  man  die  „Gläubigen"  beim  ersten  Anblick 
von  den  „Ungläubigen".52 

Nach  ROGERS  sind  die  nordamerikanischen  Indianer 
durchaus  nicht  bartlos,  zerstören  aber  ihre  Bartkeime  völlig.53 

Möglicherweise  läßt  sich  auch  die  Amazonensage  auf  den 
Feminismus  der  Rothaut  zurückführen.54 

Ein  genauer  Kenner  der  amerikanischen  Völkergruppe  aus 
persönlicher  Anschauung,  EDUARD  PÖPPIG,  erklärte  1840, 
daß  die  „Verirrungen"  des  Geschlechtstriebes  unter  den  In- 
dianern, von  denen  besonders  die  älteren  Schriftsteller  viel 
erzählten,  nicht  in  Abrede  zu  stellen  seien;  sie  kämen  ebenso 
unter  sehr  rohen  und  in  Mangel  lebenden  Horden  wie  bei 
denjenigen  vor,  welche  in  der  entgegengesetzten  Lage  sich 
befänden;  man  begegne  ihnen  in  Canada,  auf  den  Bergen  von 
Quito  und  in  den  Wäldern  von  Amazonas  und  Paraguay.55 
Diese  Richtung  im  Geschlechtsleben  bei  den  Urbewohnern 
Amerikas  erscheint  demselben  Gewährmann  um  so  auffallen- 
der, als  er  der  vielerorts  ausgesprochenen  Behauptung  recht- 
geben zu  müssen  glaubt,  die  Indianer  legten  im  allgemeinen 
weniger  Neigung  zum  geschlechtlichen  Umgang  an  den  Tag  als 
andere  Menschenrassen. 

Eine  seltsame  Erscheinung  unter  den  Indianern  sind  nach 
KLEMM  die  ,,M  annweiber"  ,  die  „unter  allen  nordameri- 
kanischen Indianerstämmen"  und  „seit  den  Zeiten  der  ersten 
Entdeckung"  auch  im  „Süden  von  Amerika"   sich  finden.56 

Der  Ausdruck  „Mannweiber"  dürfte  hier  demjenigen,  der 
Äußerlichkeiten  zu  überschätzen  gewöhnt  wurde,  anfechtbar 
erscheinen.  Wirklich  entspricht  er  auch  nicht  dem  Geist  der 
deutschen  Sprache  und  stellt  sich  dar  als  eine  Übersetzung  des 
Englischen  men-women.  Er  erklärt  sich  aber  vollkommen  aus 
dem  Umstände,  daß  die  in  Frage  stehenden  Personen  in  allem 
und  jedem  völlig  den  Eindruck  von  Weibern  machten  und 
einzig  durch  Besitz  männlicher  Geschlechtswerkzeuge,  die  sie 
nicht  zur  Schau  trugen,  sich  als  Männer  ausweisen  konnten. 
Da  die  entsprechende  Form  des  entgegengesetzten  Geschlechts, 
die  männliche  Artung  mit  dem  Geschlechtsapparat  des  Weibes, 
unter  den  Rothäuten  eine  geringere  Rolle  spielte  oder  wenigstens 
die  Aufmerksamkeit  in  minderem  Grade  erregte  und  auf  sich 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  20 


3°6 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


zog,  ist  für  diese  die  entsprechende  Bezeichnung  „Weibmann" 
nicht  aufgetaucht.  In  Anlehnung  an  den  durchaus  nicht  muster- 
gültigen, aber  einmal  eingeführten  Sprachgebrauch  sind  im 
folgenden  die  effeminierten  Personen  mit  männlichen  Genitalien 
als  Weibmänner  oder  aber  als  Mannweiber  in  ,,  "  bezeichnet 
worden,  zumal  LEOPOLD  KATSCHER  in  seiner  Übersetzung 
des  Moralwerkes  von  YVESTERMARCK  den  Terminus  Weib- 
männer bereits  eingeführt  hat.57 

Nach  MANTEGAZZA  sieht  man  von  Alaska  bis  Darien 
als  Frauen  erzogene  und  gekleidete  Jünglinge,  die  mit  den 
Fürsten  und  Herren  im  Konkubinat  leben.58  Nach  RATZEL 
scheinen  Männer  in  Weibertracht,  „verweibte  Männer",  kaum 
einem  Stamme  Nordamerikas  gefehlt  zu  haben ;  sie  standen 
in  Nordamerika  den  Priestern  nahe,  wurden  aber  in  Brasilien 
gering  geachtet.59 

Die  Kenntnis  der  ,,M  a  n  n  w  e  i  b  e  r"  a  1 1  e  i  n  ist  indessen 
nicht  ausreichend,  ein  klares  Bild  von  der  unter  den  Indianern 
verbreitet  gewesenen  und  noch  herrschenden  Päderastie  zu 
liefern.  HENNEPIN  unterschied  bereits  1697  drei  Formen 
von  Männern,  welche  mit  mannmännlicher  Liebe  in  Zusammen- 
hang gebracht  werden  mußten,  nämlich  1.  Hermaphro- 
diten, d.  h.  Zwitter,  Personen  mit  angeblich  männlichen 
und  weiblichen  Geschlechtsorganen;  2.  Männervonweib- 
lichem  Aussehen,  die  sich  mit  weiblichen  Arbeiten  be- 
schäftigten und  weder  auf  die  Jagd  gingen  noch  als  Krieger 
in  den  Krieg  zogen;  sie  unterschieden  sich  von  den  Henna- 
phroditen dadurch,  daß  sie  bloß  als  Männer  galten  und  zu  ihrer 
weiblichen  Rolle  angehalten  wurden;  endlich  3.  Männer, 
welche  sich  anderer  Personen  männlichen  Geschlechts,  unter 
ihnen  auch  der  Hermaphroditen  und  der  Männer  von  weib- 
lichem Aussehen,  zur  Befriedigung  ihres  Geschlechtstriebes  be- 
dienten.60 Die  Hermaphroditen  aber  wurden  wohl  mit  Un- 
recht von  den  Männern  mit  weiblichem  Aussehen  scharf  ge- 
trennt gehalten  und  dürften  höchstens  einen  Unterschied  im 
Grade  der  Verweiblichung  (Effemination)  dargeboten  haben,  was 
denn  auch  von  COREAL  am  Ende  des  17.  Jahrhunderts  un- 
bedenklich  angenommen  wird.61     Eine  kurze  Übersicht  über 


Rothäute 


307 


die  Geschichte  dieser  Effeminierten  gebietet  indessen,  sie  vor- 
läufig auseinander  zu  halten. 

1.  Die  Hermaphroditen.  Wenn  man  den  zahl- 
reichen Schriftstellern,  welche  Hermaphroditen  oder  Zwitter 
unter  den  Indianern  gesehen  oder  von  solchen  gehört  haben 
wollen  oder  die  Angaben  anderer  über  sie  in  gutem  Vertrauen 
hinnahmen,  Glauben  schenken  wollte,  so  müßte  die  neue  Welt 
nicht  nur  zur  Zeit,  als  sie  entdeckt  wurde,  solche  mit  mehr 
oder  weniger  vollkommenen  Zeugungorganen  der  beiden  Ge- 
schlechter ausgestattete  Wesen  in  großer  Menge  hervorgebracht 
haben,  sondern  müßte  auch  noch  jetzt  von  derlei  Geschöpfen 
wimmeln  und  ein  Dorado  für  den  Anatomen  sein.  Wenn 
jedoch,  was  selten  geschah,  an  einem  solchen  hypothetischen 
Wunder  einmal  eine  Okularinspektion  vorgenommen  wurde, 
erwies  es  sich  jedesmal  als  einen  normal  gebauten  Mann, 
welchem  weibliche  Formen,  Bewegungen  und  Triebe  anhaf- 
teten, so  daß  es  sich  nicht  um  einen  rein  somatischen,  wie 
man  vermutete,  sondern  um  einen  psychophysischen  Herma- 
phroditismus handelte. 

Hermaphroditen  in  großer  Zahl  sollten  besonders  die 
nordamerikanischen,  von  vielen  Indianerstämmen  bewohnten 
Gebiete  Florida  und  Louisiana  zur  Zeit  ihrer  Unterwerfung 
unter  europäische  Herrschaft  beherbergt  haben ;  ihr  Vorkommen 
in  Florida  behauptete  anscheinend  zuerst  1586  DE  LAUDON- 
NIERE 62  und  1591  LE  MOYNE,  63  später,  1717  DAPPER  M 
und  1744  DE  CHARLEVOIX.65 

Nach  DE  LAHONTON  1763  gab  es  bei  den  Illinois  außer 
notorischen  Päderasten  noch  Hermaphroditen,  welche  beider 
Geschlechter  ohne  Unterschied  sich  bedienten  (»mis  ils  fönt 
indifferemment  usage  de  deux  sexes),66  eine  Behauptung,  welche 
wohl  nur  auf  Vermutung  beruht. 

Die  bei  den  Huronen  und  andern  nordamerikanischen 
„Wilden"  im  höchsten  Ansehen  stehenden  Zauberer  erklärte  1722 
DE  LA  POTHERIE  für  Hermaphroditen,  wenigstens  alle  die, 
welche  als  solche  erscheinen  wollten.  Sie  waren  Opferpriester, 
galten  als  mit  den  Dämonen  verbündet  und  wurden  wegen 
ihrer  Bösartigkeit  gefürchtet,  wenn  einer  etwa   gewagt  hätte, 


3o8 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


ihren  Anordnungen  Widerstand   zu    leisten.     Über    ihr     Ge- 
schlechtsleben   äußert    der    Gewährmann  sich  weiter    nicht.67 
Eine  ausführliche  Abhandlung  über  die  Hermaphroditen 
von  Florida  verfaßte  176g  DE  PAUW:  „Des  Hermaphrodäes  de 
la  Floride",66  in  der  er  die  Kunde  von  ihnen  für  Gewißheit  ihrer 
Existenz  nahm  und  eine  Erklärung  für  sie  zu  geben  versuchte ; 
der  ungläubige  ZIMMERMANN  69  entschuldigt  ihre  Erwähnung 
lediglich   mit   dem   Ansehen,   in   welchem   DE   PAUW  stehe, 
und  meint,   DE  PAUW  habe  sich  von  dem  Wunsche  leiten 
lassen,  durch  ihre  Hermaphroditen  die  Ausartung  der  Ameri- 
kaner noch  deutlicher  bewiesen  zu  sehen;  er  gibt  verschleiert 
der  Ansicht  Ausdruck,   daß  es  bei  den  Hermaphroditen  sich 
nur  um   als  Weiber  verkleidete   und  gezierte   Mannspersonen 
gehandelt  habe.     Ganz  ohne  Bedenken  äußert   SCHNEIDER, 
der  Eifer,  mit  welchem  DE  PAUW  „diese  Kinäden"  zu  Herm- 
aphroditen umzustempeln  gesucht  habe,   könne   ihm  nur  ein 
Lächeln  abnötigen.70    LAFITAU  vermochte  1724  in  den  Herm- 
aphroditen nur  effeminierte  Männer  zu  erblicken,  deren  Wesen 
er  mit  der  griechischen  Liebe  in  Verbindung  bringt  und  ideali- 
siert,71 und  auch  BRUZEN  LA  MARTINIERE  schließt  sich 
1726  ganz  an  COREAL  an,  nach  dem  diese  angeblichen  Herm- 
aphroditen eben  nichts  als  effeminierte  Männer  waren,72  welche, 
wie  COREAL  hinzufügte,  in  gewissem  Sinne  ja  auch  wirkliche 
Hermaphroditen  sind  (qui  en  un  sens  sont  de  veritables  Herm- 
aphrodäes,™ der  Wortlaut,  den  LA  MARTINIERE  von  COREAL 
übernimmt).     DUMONT  mochte  1753  zwar  nicht  behaupten, 
daß  es  in  Louisiana  Hermaphroditen  unter  den  Indianern  nicht 
gegeben  hätte,  da  nach  fast  allen    Schriftstellern    dieses   Land 
voll  von  solchen  Leuten  gewesen  sein  solle;  allein  er  versichert 
seinerseits,   auf  seinen  weiten   Reisen   in   jenem   Lande  nicht 
einen  einzigen  Hermaphroditen  angetroffen  zu  haben ;  er  glaube, 
die  Fabel  von  ihnen  beruhe  auf  einer  Verkennung  der  Frauen- 
Aufseher  bei  den  Natchez  und  andern  Stämmen,  welche  nicht 
nur  ihr  Haar  lang  trugen  und  in  weiblicher  Tracht  einher- 
gingen,  sondern   den   Barbaren   wahrscheinlich   auch  zur   Be- 
friedigung ihrer   Lüste  gedient   hätten,   wenn   sie   sie   auf   den 
Jagd-  und  Kriegszügen,  die  unter  Zurücklassung  der  Frauen 
vor  sich  gingen,  begleiteten.74 


Rothäute 


309 


Der  dänische  Justizrat  und  Professor  der  Mathematik 
und  Philosophie  JENS  KRAFT  konnte  1766  nicht  unterlassen, 
anzumerken,  daß  die  Europäer  bei  ihrer  Ankunft  in  Amerika 
eine  gewisse  Art  von  Leuten  antrafen,  die  sie  ..Hermaphroditen-' 
nannten.  Der  unvorteilhafte  Begriff,  den  sie  sich  von  diesen 
Leuten  machten  und  der  sich  bis  auf  die  Beschuldigung  ,, unnatür- 
licher Sünden"  erstreckte,  sei  von  so  unheilvoller  Wirkung  ge- 
wesen, daß  man  sie  in  manchen  Gegenden  ohne  Gnade  durch  spa- 
nische Hunde  habe  zerreissen  lassen.  Man  wisse  aber  auch  heute 
(1766)  noch  nicht,  was  für  Leute  und  wozu  sie  bestimmt  gewesen 
wären.  Es  käme  vielleicht  der  Wahrheit  nahe,  sie  für  eine  Art 
geistlichen  Ordens  von  Mannspersonen,  die  den  Göttern  oder 
den  Wissenschaften  geheiligt  gewesen  und  daher  nach  Art  der 
meisten  Weisen  älterer  Zeiten  eine  besondere  Lebensart  geführt 
hätten,  anzusehen.  Der  Argwohn,  sie  seien  Hermaphroditen  ge- 
wesen, sei  unstreitig  eine  Fabel.  Ohne  Zweifel  hätten  sie  sich  wie 
Weiber  gekleidet,  um  darzutun,  daß  sie  an  Kriegen  und  bürger- 
lichen Streitigkeiten  keinen  Anteil  nähmen.  Vielleicht  hätten 
sie  auch  im  Verlauf  der  Zeit  ihre  ursprünglich  unschuldige 
Lebensart  verlassen  und  sich  mit  „unanständigen  Verbrechen" 
beschmutzt.  Wie  dem  auch  sein  möge,  man  finde  in  der  Ge- 
schichte auch  sonst  noch  Beispiele  von  Personen,  die  Reisende 
für  Hermaphroditen  gehalten  hätten,  obwohl  sie  unzweifelhaft 
wirkliche  Mannspersonen  waren,  wie  die  skythischen  ..Enaries"" 
oder  Zwitter  und  die  weiblich  gekleideten  assyrischen  Geist- 
lichen.75 

Der  Göttinger  Philologe  CHRISTIAN  GOTTLOB  HEYNE 
hat  1779  den  ,,  Hermaphroditen "  Floridas  und  der  Nachbar- 
länder ein  Drittel  seiner  gelehrten  Abhandlung  über  effe- 
minierte  Mannspersonen  gewidmet  und  ist  zu  dem  kritischen 
Ergebnisse  gelangt,  es  habe  sich  bei  ihnen  weder  um  Androgene 
(„Mannweiber")  noch  um  Hermaphroditen  handeln  können. 
Auf  die  ältesten  Angaben  des  ALVAR  NUNEZ  CABECA  DE 
VACA,  des  RENATUS  DE  LAUDONNIERE  mit  seinem 
Begleiter,  dem  Maler  JACOBUS  LE  MOYNE  DE  MORGUES, 
des  DE  LA  HONTAN  und  des  DE  LA  POTHERIE  über  india- 
nische ..Hermaphroditen-'  sowie  auf  die  Darlegungen  über  diese 
bei  LAFITAU,  DE  PAUW  und  KRAFT  sich  stützend,  setzt  er 


ojq  Die  amerikanischen  Naturvölker 

die  Geschichte  der  Erscheinung  klar  auseinander.  Indem  er 
das  so  gewonnene  Tatsachenbild  mit  den  Angaben  des  P.  MAR- 
TYR  über  Darien,  des  DUMONT,  der  nur  von  Päderasten  in 
Louisiana  etwas  beobachtete,  aber  von  Hermaphroditen  daselbst 
nichts  wissen  wollte,  sowie  mit  zahlreichen  Feststellungen  weit- 
verbreiteter podikatorischer  Gewohnheiten  unter  den  ver- 
schiedensten indianischen  Stämmen  durch  die  Spanier  vom 
16.  Jahrhundert  an,  namentlich  durch  DE  GOMARA,  DE 
OVIEDO,  TORQUEMADA  und  GARCIA,  geschickt  in  Ver- 
bindung bringt,  weist  er  überzeugend  nach,  daß  die  sogenannten 
Hermaphroditen  nichts  anderes  hätten  sein  können,  als  wei- 
bische und  (in  seinem  Sinne)  verkommene  Mannspersonen, 
welche  sich  Männern  geschlechtlich  hingaben,  daß  sie  in  Wirk- 
lichkeit nichts  der  amerikanischen  Urrasse  Eigentümliches  ge- 
wesen seien,  vielmehr  auf  einer  Stufe  mit  STELLERs  weiblich 
gekleideten  Mannspersonen  der  Itälmenen  auf  Kamtschatka 
und  mit  den  Effeminierten  der  Skythen  und  Sarmaten  bei 
HERODOT  gestanden  hätten.73 

1814  spricht  DE  LA  SALLE  von  Hermaphroditen  bei 
den  Illinois  als  einer  Wirkung  des  Klimas  ihres  Heimatlandes.77 

ROSS  COX  schilderte  1832  seine  seltsame  Begegnung  mit 
einem  „hermaphroditischen"  Häuptling  der  Kettle-Indianer;78 
und  auch  noch  im  vorletzten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts 
ist  von  ,. Hermaphroditen"  unter  den  Indianerstämmen  Nord- 
amerikas im  Osten  und  Westen  des  Felsengebirges  seitens 
einiger  Ärzte  im  Dienst  der  Vereinigten  Staaten,  besonders 
H  AMMOND  und  HOLDER,  die  Rede.  HOLDER  hat  einen  unter 
dem  Absaroke-Stamm  lebenden  jungen  Indianer,  der  weiblich 
gekleidet  ging  und  den  er  deshalb  für  hermaphroditisch  hielt, 
nach  dem  Vorgang  HAMMONDs  bei  den  Zuni,  körperlich 
genau  untersucht  und  zu  seiner  Überraschung  als  durchaus 
normalen  Mann  befunden.  Mehrere  Jahre  hatte  die  junge 
Rothaut  als  weiblicher  Teil,  wie  man  sagte,  einer  ehelichen 
Gemeinschaft  mit  einem  wohlbekannten  männlichen  Indianer 
des  Absaroke- Stammes  zusammengelebt.  HOLDER  lüftet  auch 
den  Schleier  über  den  unter  den  Päderasten  des  Absaroke- 
Stammes  üblichen  Akt  der  geschlechtlichen  Befriedigung:  ..Es 
wird  der  Penis  statt  in  den  Mastdarm  in  den  Mund  eingeführt". 


Rothäute 


3" 


Wenn  HOLDER  auf  Grund  dieser  Befunde  das  Vorkommen 
der  „Päderastie"  bei  den  Indianern  in  Abrede  stellt  oder  als  einen 
selteneren  Vorgang  bezeichnet,  so  ist  das  nur  ein  ungenauer 
Ausdruck;  die  Päderasten  unter  den  Indianern  scheinen  der 
Irrumation  und  Fellation  als  Befriedigungakt  den  Vorzug  zu 
geben,  während  bei  anderen  Naturvölkern,  z.  B.  den  Itelmen, 
die  Podikation  ausgeübt  zu  werden  pflegt.79 

Es  fehlt  nicht  an  Hinweisen  darauf,  daß  Rothäute 
selbst  an  Hermaphroditismus  glauben  und  behaupten,  „Herm- 
aphroditen" gesehen  zu  haben.80 

Eine  von  einer  Kupfertafel  begleitete  Schilderung  der 
Tätigkeit  der  .,  Hermaphroditen  ■■  in  Florida  liegt  vor  von  dem 
Maler  JACOBUS  LE  MOYNE  1591 ;  nach  einem  etwas  verklei- 
nerten photographischen  Abdruck  dieser  Kupfertafel  (Fol.  XVII) 
wurde  eine  Atzung  hergestellt  und  dem  Abschnitt  über  die 
Rothäute  von  Florida  als  Tafel  VI  beigegeben. 

2.  Die  ver  weihten  Männer  oder  Effemi- 
n  i  e  r  t  e  n.  Von  verweibten  Männern  unter  den  Indianern 
handelte  bereits  1555  CABE^A  DE  VACA;81  er  scheint  sie 
für  Impotente  angesehen  zu  haben.  Wie  weibliche  Personen 
von  so  männlicher  Herzhaftigkeit,  daß  sie  sich  sogar  aus  dem 
Kriegshandwerk  eine  Ehre  machten,  unter  den  Indianern  ge- 
funden wurden,  so  gab  es  auch  andererseits  Mannspersonen, 
welche  sich  wie  Weiber  kleideten.  Bei  den  Illinois,  den  Sioux, 
ferner  in  Florida,  Louisiana  und  Yucatan  lebten  nach  LAFI- 
TAU  junge  Männer  in  Weibertracht,  die  sie  zeitlebens  bei- 
behielten; sie  hatten  Gefallen  an  weiblichen  Beschäftigungen, 
verheirateten  sich  niemals  mit  Weibern,  zogen  nicht  in  den 
Krieg,  wohnten  aber  mit  Vorliebe  religiösen,  auf  das  Gemüt 
wirkenden  Zeremonien  bei.  An  vielen  Orten  erlangten  sie 
dadurch  ein  Ansehen,  welches  sie  als  einem  über  den  gemeinen 
Mann  erhabenen  Stande  angehörig  erscheinen  ließ.82  VON 
MARTIUS  ist  nicht  geneigt,  die  Männer,  welche  sich  als  Weiber 
kleideten,  sich  ausschließlich  weiblichen  Beschäftigungen  wid- 
meten, spannen,  webten,  Geschirre  anfertigten  u.  dergl.,  als 
eine  besondere  Klasse  anzusehen.83  Daß  diese  Sitte  so  seltsam 
travestierter  Männer,  welche  vorzugsweise  und  zuerst  von  den 
Illinois,  den  Sioux  und  andern  Indianern  in  Louisiana,  Florida 


oj2  Die  amerikanischen  Naturvölker 

und  Yucatan  berichtet  -worden,  so  fern  von  jenen  Ländern, 
auch  im  südlichen  Brasilien  wieder  erscheint,  dünkt  ihn  um 
so  merkwürdiger,  als  überhaupt  das  Wesen  und  die  Bestimmung 
solcher  „Mannweiber"  ein  Rätsel  in  der  Ethnographie  Amerikas 
ausmache.  Übrigens  schienen  alle  Berichte  darin  übereinzu- 
stimmen, daß  die  „Mannweiber"  bei  den  Indianern  in  geringer 
Achtung  ständen.  Von  einem  besondern  Kultus  oder  einer 
Ordensverbrüderung  finde  man  keine  Spur.  Es  ist  ihm  daher 
wahrscheinlicher,  daß  sie  „mit  der  so  tief  eingewurzelten  Sitten- 
verderbnis" der  Indianer  zusammenhängen,  als  daß  man  von 
ihnen  auf  eine  Sekte  von  Entsagenden  und  sich  in  freiwilliger 
Demut  Erniedrigenden  schließen  oder,  wie  LAFITAU  getan, 
in  ihnen  Priester  der  Dea  syria,  wenngleich  in  tiefster  Aus- 
artung, erkennen  dürfte.84 

Die  Männer,  welche  sich  gleich  Weibern  kleideten  und 
alle  Geschäfte  der  Weiber  besorgten,  wurden  von  den  jungen 
Männern  förmlich  wie  Weiber  behandelt,  lebten  auch  in  einem 
gewissen  „unnatürlichen  Umgang"  mit  ihnen;  der  alte  CHAR- 
BONNEAU,  nachdem  er  37  Jahre  im  Osten  des  Felsengebirges 
geweilt  hatte,  behauptete  sogar,  daß  in  dieser  Hinsicht  die 
„Mannweiber"  der  Canadier  den  Weibern  vorgezogen  würden. 
Während  Prinz  MAXIMILIAN  ZUWIEDin  Nordamerika  weilte 
(1832  bis  1834),  sollen  sich  nicht  viele  solcher  Geschöpfe  bei  den 
von  ihm  besuchten  Indianerstämmen  befunden  haben,  unter 
den  Mandan  nur  ein  großer,  taubstummer  Mann  und  unter 
den  Mönnitari  zwei  bis  drei  solcher  Individuen.85  ZU  WIED 
gibt  ausdrücklich  an,  daß  der  Gebrauch  der  „Mannweiber" 
für  die  Indianerstämme  der  Sauk,  Foxes,  Mandan,  Mönnitari, 
Crow,  Blackfeet,  Dakota,  Assiniboin,  Arrikkara  und  die  meisten 
„Nationen"  des  innern  Nordamerika  erwiesen  sei,  mit  Ausnahme 
allein  der  Menomonie  (Folles  avoines)  und  der  Ottawa 
(Courtes  oreilles).86 

Das  Lebensalter,  in  welchem  diese  männlichen  Indianer 
zuerst  ihr  Geschlecht  „verleugnen",  indem  sie  ihren  Körper  in 
weibliche  Kleidung  hüllen,  ist  nicht  stets  das  gleiche.  Bis- 
weilen geschieht  es  nach  MAROUETTE  schon  sehr  früh,  im 
kindlichen  Alter,  aus  unbekannten  Gründen.87  Manche  Väter 
haben    dann    ihre    Kinder    von    ihrem    Vorhaben    abzubringen 


Rothäute  oiq 

gesucht,  ihnen  zugeredet,  ihnen  auch  schöne  Waffen  und  männ- 
liche Kleidungstücke  dargeboten,  ihnen  Gefallen  an  männ- 
lichem Treiben  einzuflößen  sich  bemüht,  und  wenn  nichts 
fruchtete,  eine  Sinnesänderung  mit  Strenge  und  Gewalt  herbei- 
zuführen versucht,  ja  die  Knaben  gezüchtigt  und  geprügelt, 
ohne  zum  Ziel  zu  kommen.88  In  andern  Fällen  nehmen 
Indianer  erst  im  vorgerücktem  Mannesalter  diese  Metamorphose 
vor.  Sie  erklären  alsdann,  daß  sie  ihnen  ein  Traum  oder 
eine  höhere  Eingebung  als,,  Medizin"  oder  ihnen  sonst  zum  Heile 
anempfohlen  habe,  und  sie  beharren  ohne  Bedenken  auf  ihrem 
Entschluß,  welcher  ihnen  zwar  eine  gewisse  Verachtung  zu- 
zieht, aber  dennoch  dem  ganzen  Stamm  als  heilig  gilt.  So 
ersetzte  ein  gefeierter  Krieger  des  Oto- Stammes,  einem  Traume 
folgend,  seinen  Kriegerschmuck  durch  ein  Weiberkleid,  wie 
JOHN  T.  IRVING  in  einem  besondern  Kapitel  ,,The  Meta- 
morphosis"  ausführlich  geschildert  hat.89  Von  dem  starken 
Einfluß  ihrer  lebhaften  Phantasie  auf  ihr  äußeres  Leben  legt 
die  Erzählung  eines  Sauk-Indianers  Zeugnis  ab,  nach  der 
ein  Mann,  dem  die  böse  Gottheit  in  Gestalt  des  Mondes  er- 
schiene, sich  als  Weib  kleiden  und  als  solches  sich  hingeben 
müsse  (become  cinaedi).  KEATING,  der  diese  Erzählung  mit- 
teilt, meint,  daß  in  dieser  Art  Verwandlung  wohl  die  vielen 
Berichte  über  amerikanische  ..Hermaphroditen'"  ihre  Quelle 
hätten.90 

W.  HEYWORTH  DIXON  berichtet,  der  Indianer  habe 
nie  gelernt,  seinen  Gottheiten  Tempel  zu  erbauen;  er  sei  zu- 
frieden, sie  im  Baum  und  in  der  Blume,  im  Sonnenschein  und 
im  Sturm,  im  Habicht,  im  Biber  und  in  der  Forelle  zu  finden. 
Seine  einzige  Religion  sei  die  Natur,  seine  einzige  Gottes- 
verehrung eine  Art  Magie.  Er  glaube  an  Hexen  und  Be- 
schwörer, an  ihre  Macht,  Menschen  zu  Tieren  zu  erniedrigen 
und  Tiere  zu  Menschen  zu  erheben.  Der  Schlaf  sei  ihm  nur 
eine  andere  Seite  des  Lebens  und  Träume  seien  ihm  so  tat- 
sächlich wie  seine  Taten  im  wachen  Zustand.91  Da  nun  aber 
nicht  wahrscheinlich  ist,  daß  ein  Indianer  seine  Träume  sich 
willkürlich  bestimmen  kann,  müssen  diese  doch  als  ein  Aus- 
fluß seiner  Naturveranlagung  gelten,  deren  plötzliches  Hervor- 


oij.  Die  amerikanischen  Naturvölker 

brechen  durch  irgend  welche  Einflüsse  bis  dahin  war  zurück- 
gehalten worden. 

Mit  Päderastie  stehen  für  den  Erforscher  der  amerikani- 
schen Urreligionen  J.  G.  MÜLLER  die,, Mannweiber"  offenbar 
in  einem  gewissen  Zusammenhang.92  Überhaupt  weist  weib- 
liche Tracht  bei  Männern  in  Amerika  nach  demselben  Religion- 
forscher gern  auf  ,, Unnatur"  hin.93 

Die  Männer  in  Weibertracht  geben  zweifellos  die  Haupt- 
veranlassung, daß  die  Indianer  ganz  allgemein  von  den  Eth- 
nographen der  Päderastie  beschuldigt  werden,  obwohl  doch 
sicher  derlei  Akte  bei  ihnen  in  den  wenigsten  Fällen  offen  zur 
Wahrnehmung  gelangt  sein  dürften.  Bei  der  ungeheuer  großen 
Verbreitung  aber,  welche  die  ausgesprochene  Neigung,  als  Weib 
zu  erscheinen,  um  die  Gunst  der  Männer  zu  gewinnen,  unter 
den  Indianern  hatte,  ist  es  kaum  verwunderlich,  daß  von  seiten 
der  Ethnographen  eine  Menge  von  Namen  berichtet  wird,  mit 
denen  man  bei  den  verschiedenen  Stämmen  diese  falschen 
Weiber  belegte,  wie  Agokwas,  Ayekkwew,  Bardaches  oder  Ber- 
daches,  Bote,  Burdash,  Camayoas,  Cobol,  Coias,  Coronnes, 
Cudinas,  Cuit,  Cnsmos,  Cuylou,  Dass,  Gnauca,  Hazacam, 
Huanapu,  Huaussa,  Hueies,  Icoucoua,  Ipa,  Iwamusp,  Joyas, 
Kettila  (Keussa),  Maricones,  Mihdäckä,  Minquga,  Mujerado, 
Tebiro   (Tiviro),    Uluqui,    Vanarpo  (Wanarpu) ,    Yecuney. 

Nach  ZU  WIED  erzählen  die  Indianer  eine  Fabel,  an 
welche  sie  auch  glauben :  Man  wollte  einst  einen  Mann  zwingen, 
Weiberkleidung  nicht  anzulegen.  Ein  ausgezeichneter  Krieger 
bedrohte  ihn.  Es  kam  zu  heftigem  Streit,  in  dessen  Folge  das 
„Mannweib"  von  einem  Pfeil  tödlich  getroffen  zusammenbrach. 
Statt  seiner  Leiche  jedoch  fand  man  am  Boden  einen  Haufen 
von  Steinen  und  zwischen  ihnen  den  Pfeil.  Seitdem  mischt 
sich  niemand  mehr  in  diese  Angelegenheit,  die  man  vielmehr 
als  von  höheren  Mächten  gewollt  und  geschützt  ansieht.94 

Männer  in  Weibertracht  unter  den  Indianern  werden  aber 
auch  noch  sonst  vielfach  erwähnt.  So  von  Alarcon,  Anonymus 
(bei  Dalrymple),  Arlegui,  de  Pineda  y  Bascunan,  Best,  Bossu, 
Buisson  de  St.  Cosme,  Camargo,  Catlin,  BernalDiaz  delCastillo, 
Dixon,  Dorsey,  Duflot  de  Mofras,  Eberle,  Fages,  Falkner, 
Gatschet,    Lopez   de    Gomara,    Heriot,    de    Herrera,    Ibagnez, 


Rothäute 


31; 


Lacombe,  Lawson,  Mallery,  Peter  Martyr  de  Angleria,  Mat- 
thews, Mc  Coy,  Mc  Kenney,  de  Oviedo,  Mary  Alicia  Owen,  Fran- 
cisco Palou,  Perrin  du  Lac,  Piedrahita,  Pöppig,  Powers,  do 
Prado,  K.  Th.  Preuß,  de  Ribas,  Sahagun,  Say,  Simms,  Smith, 
Tanner,  de  S.  Thomas.  Fast  alle  diese  Schriftsteller  berichteten 
aus  eigener  Anschauung  oder  doch  auf  Grund  unmittelbarer 
Mitteilungen,  während  andere,  wie  Bastian,  Boturini  Benaduci, 
Brasseur  de  Bourbourg,  Havelock  Ellis,  Gaspar  Ens,  Heyne, 
Karsch,  Lord  Kingsborough,  Kiernan,  Kohler,  Kraft,  Le- 
tourneau,  Lopez,  Mantegazza,  Moll,  J.  G.  Müller,  de  Pauw, 
Peschel,  Post,  Purchas,  Ramusio,  Ratzel,  de  Solorzano  Pereira, 
Schneider,  Schultze,  Schurtz,  Steingießer,  Stoll,  Westermarck, 
besonders  aber  Bancroft  und  Waitz,  das  ihnen  bekannt  ge- 
wordene   Quellenmaterial  zusammenstellten. 

Übrigens  darf  nicht  außer  acht  gelassen  werden,  daß 
Weibertracht  bei  manchen  Indianerstämmen  auch  als  ent- 
ehrende Strafe  auferlegt  wurde.  So  erzählt  WAITZ,  ein 
Krieg  der  Delawares  mit  den  Irokesen  1742  habe  mit  dem  denk- 
würdigen Ereignisse  geendet,  daß  die  gänzlich  gebrochenen 
Delawares  ,,zu  Weibern  gemacht",  d.  h.  ihnen  Weiberröcke 
von  den  Irokesen  angezogen  wurden,  um  sie  für  einen  Vertrags- 
bruch zu  strafen,  wie  diese  sagten,  um  sie  als  allgemeine  Friedens- 
stifter zu  bezeichnen,  wie  sie  selbst  angaben;  nur  die  Deutung 
der  Tatsache,  nicht  diese  an  sich  sei  zweifelhaft.  Auch  wurde 
ihnen  erklärt,  sie  könnten  Land  nicht  verkaufen,  da  sie  besiegt 
und  zu  Weibern  gemacht  seien.93  Und  BASTIAN  teilt  mit, 
über  die  Niederlage  Guanar-Auquis  erzürnt,  habe 
G  u  a  s  c  a  r  ihm  Frauenkleider  gesendet,  damit  er,  mit  diesen 
angetan,  nach  Cusco,  der  Residenz  des  Inca  von  Peru,  zurück- 
kehre.96 Anderseits  wird  von  vielen  Stämmen  angegeben,  daß 
ihre  männlichen  Priester  Weiberkleider  tragen  mußten.97  So 
mußten  in  Louisiana  die  in  den  Tempeln  auf  Fellen  schla- 
fenden Priester  in   weiblicher  Tracht  erscheinen.98 

3.  Von  den  Männern,  die  seitens  der  „Mannweiber" 
begehrt  werden  und  Erhörung  gewähren,  ist  selten  die  Rede 
und  noch  seltener  von  gleichgeschlechtlich  aktiv  begehrenden 
Männern.  Diese  werden  dem  ungeübten  Auge  merkliche  Unter- 
schiede von  den  übrigen  Männern  weder  in  ihrer  Tracht  noch 


316 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


in  ihrer  sonstigen  Erscheinung  aufweisen,  und  das  ist  um  so 
wahrscheinlicher,  als  bei  DUMONT  und  TANNER  von 
Männern  erzählt  wird,  welche  einen  Unterschied  zwischen 
Weibern  und  „Mannweibern"  als  Gegenstand  des  Liebe- 
genusses nicht  machen."  Indessen  gibt  es  auch  solche,  welche 
jeden  Umgang  mit  Weibern  meiden  und  ausschließlich  ge- 
schlechtlichen Verkehr  mit  Mannspersonen  pflegen,  ein  Umgang, 
dem  bisweilen  sogar  durch  Heirat  eine  besondere  Weihe  ver- 
liehen wird. 

Bei  einigen  Indianerstämmen  fanden  außer  den  gemischten 
Ehen  auch  Heiraten  von  Männern  mit  Männern  statt;  sie 
geschahen  öffentlich,  aber  ohne  die  sonst  gebräuchlichen  Zere- 
monien; die  zur  Weiberrolle  bestimmten  Männer  wurden  schon 
in  der  Jugend  ausgesucht  und  in  den  Geschäften  der  Weiber, 
in  ihrer  Art,  sich  zu  kleiden,  zu  gehen  und  zu  tanzen,  unter- 
richtet, so  daß  sie  fast  ganz  den  Weibern  glichen.  Da  sie 
stärker  waren  als  diese  und  deshalb  zu  den  mühsamen  Ge- 
schäften tauglicher,  so  wurden  sie  gewöhnlich  von  den  Häupt- 
lingen und  Ältesten  geheiratet,  denn  während  die  Männer  nichts 
taten,  als  fischen,  jagen  und  ihre  Waffen  herrichten,  waren  den 
Weibern  alle  häuslichen  Arbeiten  und  Feldgeschäfte  über- 
tragen.100 

Über  Ehen  unter  männlichen  Indianern 
liegen  Originalberichte  vor  von  Boscana,  Cabeca  de  Vaca,  Pedro 
de  Castaneda  de  Nagera,  Francisco  Palou,  Piedrahita,  Tanner 
und  Torquemada.101 

Einzelne  Erscheinungen  „unnatürlicher  Laster"  setzt 
J.  G.  MÜLLER  beweislos  auf  Rechnung  einer  fremden  höhern 
Bildung,  die  bereits  verkommen  gewesen  sei  und  auf  die  Rothäute 
Einfluß  ausgeübt  habe.  Bei  südlichen  Völkern  Amerikas  ent- 
weder straflos  im  Schwange  oder  mit  strengen  Strafen  bekämpft, 
seien  sie,  so  behauptet  er,  „an  sich"  den  nordischen  Stämmen 
fremd,  wie  das  die  Geschichte  der  Mexikaner  deutlich  zeige. 
Aber  die  Päderastie  habe  sich  dennoch  bei  den  Rothäuten  des 
Nordens  und  des  Westens  ,, einzuschleichen"  gewußt.  Es  sei 
beachtenswert,  daß  Heiraten  unter  Männern  nur  von  dem 
gebildetsten  Volke  des  Westens,  den  Tahus,  bekannt 
geworden    wären.102     Wesentlich    einfacher    hatte   aber  schon 


Rothäute 


317 


WILLIAM  FALCONER  die  „Ausschweifungen"  aufgefaßt, 
welche  die  „amerikanischen  Wilden  in  der  Freundschaft  be- 
gehen". Er  hatte  sie  ohne  jedes  Bedenken  auf  dieselben 
Umstände  zurückgeführt,  welche  nach  seiner  Ansicht  die  be- 
rühmten griechischen  Freundschaften,  des  T  h  e  s  e  u  s 
und  P  i  r  i  t  h  o  u  s  ,  des  P  y  1  a  d  e  s  und  Orestes,  des 
Achilles  und  Patroclus  gestiftet  haben,  nämlich  auf 
„gemeinschaftliche  Bedürfnisse  und  Unglücksfälle,  Gefahren 
und  glückliche  Begebenheiten".103  Und  VON  GAGERN  hatte 
der  Auffassung  Ausdruck  gegeben,  sie  wären  bei  den  allzu- 
rohen nordamerikanischen  „Wilden"  wie  bei  den  allzu  ver- 
feinerten Griechen  entstanden  aus  Uberbildung  des  männ- 
lichen Geschlechts  ,,in  Wehre  und  Angriff  als  der  Axe,  um 
die  sich  ihr  ganzes  Dasein  drehte-',  und  dem  Zurückbleiben 
des  andern  Geschlechts,  so  daß  der  Freund  weit  mehr  galt 
als  die   Gefährtin.101 

Bei  den  Indianerstämmen  selbst  wurde  übrigens  die  Päde- 
rastie sehr  verschieden  bewertet.  Meistens  nur  geduldet  und  von 
gewissen  Ständen,  z.  B.  dem  Wehrstand,  verachtet  war  sie 
bei  den  Illinois,  den  Mandan,  in  Californien,104/5  während  ihr 
im  alten  Guatemala  staatliche  Pflege  zuteil  wurde;105  in  Peru 
bald  mit  schweren  Strafen  bedroht,105/6  bald  unter  Schutz  be- 
sonderer Gestirne  gestellt,106  galt  sie  anderwärts,  in  Verapaz 
und  bei  den  Pueblo  eine  religiöse  Sitte,  als  heilig.107 

Diesen  Tatsachen  gegenüber  konnte  DE  LAS  CASAS 
1613  mit  der  fast  vollständigen  Ableugnung  des  Vorkommens 
der  „abscheulichen  Sünde  wider  die  Natur"  unter  den  Indianern 
nur  den  gewiß  edlen  Zweck  im  Auge  haben,  die  Spanier  die 
Beschuldigung  roher  Grausamkeit  in  ihrer  Behandlung  der 
halbnackten  und  ihnen  gegenüber  fast  wehrlosen  Völker 
Amerikas,  welche  durch  eben  „dieses  Laster"  vorwiegend 
gerechtfertigt  sein  sollte,108  um  so  tiefer  empfinden  zu 
lassen.  „Man  sagt  wohl,"  so  beschließt  DE  LAS  CASAS  den 
Passus  seines  Beweises,  Spanier  beschuldigten  die  In- 
dianer fälschlich  der  Sodomiterei,  „daß  solcher  Leute  etwa  an 
einem  Orte  sein  sollen,  aber  derselbigen  halber  sollte  nicht 
diese  ganze  neue  Welt  für  solche  ausgeschrieen  werden."109 


3i8 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Immerhin  darf  durchaus  nicht  alles,  was  von  Päderastie 
bei  den  Rothäuten  mitgeteilt  wurde,  für  bare  Münze  genommen 
werden ;  das  hat  die  vorliegende  Darstellung  auch  zu  vermeiden 
gesucht.  Schon  VIREY  blieb  den  Spaniern  den  schweren 
Vorwurf  nicht  schuldig,  vorzugsweise  behufs  Beschönigung  ihres 
grausamen  und  unmenschlichen  Wütens  unter  den  unglück- 
lichen Mexikanern  und  Peruanern  diese  der  Päderastie,  eines 
Lasters,  das  sie  hätten  ausrotten  müssen,  beschuldigt  zu  haben, 
eines  Lasters,  das  sogar  der  verehrungwürdige  Bischof  von 
Chiapas,  DE  LAS  CASAS,  zu  entschuldigen  sich  bemüht.110 
Und  GIBBONs  allgemeiner  ausgesprochener  Gedanke  geht 
dahin,  daß  Päderastie  das  Verbrechen  sei,  das  allen  denen 
angedichtet  zu  werden  pflege,  die  man  irgend  eines  anderen 
Verbrechens  nicht  zeihen  könne.111  Zur  Zeit,  als  auf  der  Insel 
Cubagua  der  Perlenfang  von  den  Spaniern  in  ausgedehntem 
Maßstabe  betrieben  wurde,  kam,  wie  BENZONI  1613  erzählt, 
ein  französisches  Schiff  in  Sicht,  das  dort  anlegen  zu  wollen 
schien.  Sogleich  rüsteten  die  mißgünstigen  Spanier  zwei 
Schiffe  aus  und  beluden  sie  mit  gut  bewaffneten  indianischen 
Bogenschützen.  Diesen  erklärten  sie,  die  Franzosen  seien 
allesamt  Knabenschänder  (paedicones)  und  würden,  an  Land 
gelangt,  sie  alle  wie  Weiber  greulich  behandeln.  Die  leicht- 
gläubigen nackten  Indianer  näherten  sich  dem  französischen 
Schiff,  sandten  aber,  statt  der  von  den  Franzosen  erwarteten 
Perlen  zum  Tausch  gegen  andre  Waren,  vergiftete  Pfeile  auf 
das  französische  Schiff  und  verwundeten  etliche,  so  daß  die 
Franzosen  umkehrten  und  kein  französisches  Schiff  sich  wieder 
blicken  ließ.112  In  diesem  Falle  traf  die  spanische  Verleumdung 
allerdings  ein  den  Spaniern  verwandtes  Kulturvolk. 

Ebensowenig  unbedingter  Glaube  kann  den  Sagen  von 
sodomitischen  Riesen  beigemessen  werden.  Nach  CIEZA  DE 
LEON  kamen  riesenhafte  Indianer  auf  ihren  Wanderungen  nach 
der  Punta  Santa  Helena.  Sie  sollen  von  den  Eingeborenen 
daselbst  verabscheut  worden  sein,  weil  sie  deren  Frauen  schlach- 
teten und  deren  Männer  „auf  andere  Weise"  zugrunde  richteten. 
Alle  Eingeborenen  sollen  erklärt  haben,  Gott  habe  eine  dem 
Greuel  ihres  Ärgernisses  entsprechende  Bestrafung  über  die 
Riesen  verhängt.     Als  sie  eben  wieder  miteinander  in  ihrem 


Rothäute 


319 


verwünschten  sodomitischen  Geschlechtsverkehr  gestanden,  sei 
ein  furchtbares  und  schreckliches  Feuer  vom  Himmel  mit 
großem  Lärm  auf  sie  herabgefallen  und  mitten  in  ihm  ein  glän- 
zender Engel  mit  schimmerndem  Schwerte  erschienen,  durch 
das  sie  mit  einem  Schlage  niedergestreckt  worden  seien,  um 
dann  vom  Feuer  verzehrt  zu  werden.  Nur  einige  Knochen  und 
Hirnschalen  blieben  mit  Gottes  Willen  zur  Erinnerung  an 
dieses  göttliche  Strafgericht  vom  Feuer  verschont.113  BURTON 
hält  diese  Riesen  für  dieselben,  welche  von  allen  älteren  Ge- 
schichtschreibern Perus  erwähnt  werden,  und  er  neigt  der 
Ansicht  zu,  es  handle  sich  um  die  starkknochigen  Cariben 
Brasiliens.114  Die  ganzen  Erzählungen  aber  klingen  ihm  wie 
ein  frommer  Betrug  der  Missionare,  als  eine  christlich-amerikani- 
sche Version  der  jüdischen  Sodom-Legende.115  Auch  ANELLO 
OLIVA  läßt  die  sodomitischen  Riesen  von  Peru  durch  himm- 
lisches Feuer  zugrunde  gehen.116  An  dieses  Feuer  glaubt  auch 
DE  LA  BARBIN  AIS,  an  die  Päderastie  der  Riesen  zu 
glauben  überläßt  er  jedermann  nach  Gutdünken.117  Die  als 
Reste  der  Riesen  angesehenen  Knochen  aber  gehören  nach 
MARKHAM  Mammuts  und  anderen  ausgestorbenen  riesigen 
Wirbeltieren  an.118  Nach  VON  TSCHUDIs  Auffassung  nahmen 
die  Sagen  von  ,, tierischen  Lastern"  ergebenen  Riesen  ihren 
Ursprung  von  fossilen  Tierknochen,  welche  in  verschiedenen 
Gegenden,  besonders  dem  jetzigen  Südbolivien  und  in  Punta 
Santa  Helena,  an  der  Westküste  der  heutigen  Republik  Ecuador, 
gefunden  waren.  Für  positive  Folgerungen  böten  alle  diese 
Sagen  nur  schwache  Anhaltspunkte  dar.119 

Wie  überaus  schwierig  es  den  Spaniern  bisweilen  geworden 
sein  muß,  die  amerikanischen  Eingeborenen  überhaupt  zu  ver- 
stehen, davon  erzählt  BERNAL  DIAZ  DEL  CASTILLO  einen 
recht  drastischen  Fall.  Bei  der  Landung  des  C  0  r  t  e  s  in  Yucatan 
1517  redete  der  Vornehmste  unter  den  dortigen  Indianern,  der 
ein  Kazike  war,  in  seiner  Sprache  den  Spaniern  zu:  ,,con  esco 
toch,  con  esco  toch\"  Die  Fremdlinge  nahmen  an,  daß  das  Land, 
in  dem  sie  sich  befanden,  bei  den  Eingeborenen  diesen  Namen 
trage  und  nannten  es  Cap  Catoche;  unter  dieser  Bezeichnung 
kam  es  auch  auf  die  Seekarte.     Erst  später  erfuhren  sie,  daß 


320 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


der  Indianer  sie  aufgefordert  hatte:   „Kommt  in  mein  Haus, 
kommt  in  mein  Haus!"  120 


A.  Die  Rothäute  Nordamerikas 

Nach  dem  Missionar  LOSKIEL  waren  die  Indianer  Nord- 
amerikas gegen  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts  von  der  Un- 
zucht nicht  frei  und  „selbst  unnatürliche  Sünden  unter  ihnen 
nicht  ungewöhnlich".1-1  PERRIN  DU  LAC  traf  zu  Anfang 
des  19.  Jahrhunderts  unter  allen  ihren  ..Nationen"  Männer  in 
Weiberkleidung  an.  Diese  Halbmänner  oder  „Mannweiber" 
waren  denselben  Arbeiten  unterworfen,  welche  die  Weiber  ver- 
richten mußten.  Sie  zogen  auch  nicht  mit  den  Männern  in 
den  Krieg  und  gingen  nicht  auf  die  Jagd,  sondern  dienten  der 
Befriedigung  der  geschlechtlichen  Leidenschaft  gewisser  Männer 
oder,  meint  PERRIN,  den  Umständen  gemäß,  beider  Ge- 
schlechter. Auch  meint  PERRIN,  sie  wären  von  den  Kriegern, 
welche  sich  ihrer  zu  den  niedrigsten  Leistungen  bedienten, 
verachtet  worden.122  Indem  PERRIN  behauptet,  Liebe  zur 
Trägheit  und  eine  verabscheuungwerte  Sittenlosigkeit  habe 
diese  Halbmänner  zu  solch  arbeitreicher  Lebensart  verleitet, 
setzt  er  sich  einerseits  mit  logischem  Denken  in  Widerspruch 
und  zeigt  sich  andererseits  in  christlich  arischen  Vorurteilen 
befangen.  Im  Gegenteil  ist  nach  VON  SCHLAGINTWEIT 
die  gründliche  Verachtung  jeder  Art  von  ernster  Arbeit  den 
Indianern  einzelner  Stämme  so  in  Fleisch  und  Blut  über- 
gegangen, daß  die  Frauen  einen  Mann,  der  wie  sie  arbeiten 
will,  eine  Squaw,  d.  h.  ein  Weib,  schelten  und  der  Indianermann 
daher  gezwungen  wird,  einer  untätigen  Lebensweise  zu  fröhnen.123 
In  der  Hiawatha-  oder  Manabozho-'Legende  hilft  ein  Tschippe- 
wäer  seiner  Frau  das  Getreide  dreschen,  was  als  stärkster  Beweis 
seiner  vollständigen  Verweiblichung  angesehen  wird.124  Die  von 
PERRIN  angegebenen  Tatsachen  aber  haben  durch  einen  der 
allerintimsten  Kenner  der  nordamerikanischen  Rothaut,  JOHN 
TANNER,  der  mehrere  Jahrzehnte  und  zwar  schon  als  Knabe 
wie  ein  Indianer  unter  den  Indianern  lebte  und  bei  ihnen 
Shaw -Shaw- Wabe-Na-Se  oder  „der  Falke"  hieß,126 
vollkommene  Bestätigung  erfahren. 


nordamerikanische  Rothäute  32 1 

BROMME  lobt  das  züchtige  und  anständige  Betragen 
der  Indianer  Nordamerikas  im  Umgang  der  Geschlechter; 
ein  ungesittetes,  geiles  Betragen  wäre  öffentlich  nie  unter  ihnen 
wahrzunehmen  und  hierin  überträfen  sie  die  Völker  der  alten 
Welt  bei  weitem;  dessen  ungeachtet  seien  sie  von  der  Unzucht 
nicht  frei  und  „unnatürliche  Sünden  unter  ihnen  nicht  un- 
gewöhnlich".126 

Beweisender  für  die  unwissenschaftliche  Absichtlichkeit, 
mit  welcher  die  sich  objektiv  gebärdende  moderne  Forschung 
alles  niederschlagen  möchte,  was  mit  gleichgeschlechtlichem 
Leben  auch  nur  im  Geringsten  zusammenhängt,  kann  kaum 
eine  andere  Tatsache  sein,  als  die,  daß  in  einem  neueren  wissen- 
schaftlich sein  wollenden  Handbuch  der  nordamerikanischen 
Rothäute  127  nichts,  aber  auch  rein  gar  nichts,  über  den  hier 
behandelten  Gegenstand  zu  finden  ist.  Und  wir  werden  uns 
doch  überzeugen,  wie  unter  den  zahlreichen  nordamerikanischen 
Indianerstämmen  sogar  mehr  noch  als  sonst  bei  den  Natur- 
völkern die  mannmännliche  Erotik  sich  fast  durchgängig  in 
eine  beinahe  aufdringliche  soziale  Form  kleidet,  welche  der 
Wohlfahrt  des  Ganzen  auch  eine  Lieberichtung  dienstbar  macht, 
von  der  dieser  und  jener  Allesbesserwisser  glaubt,  daß  die  Natur 
sie  lieber  gar  nicht  erst  einpflanzen  sollte. 

Die  Zahl  der  Indianer  Nordamerikas  nördlich  von  Mexiko 
beträgt  gegenwärtig,  wie  GRINNELL  1900  mitteilt,  mit  Ein- 
schluß der  Bastarde  nur  gegen  370  000.  Von  diesen  entfallen 
rund  80  000  auf  die  „fünf  Kulturstämme"  der  Reservationen, 
die  Choctaw,  Chikasaw,  Creek,  Seminole  und  Cherokee.128 

a.  Die  nordatlantischen  Rothäute  ™ 
1.  Tinneh-Stämme  (Athabasken) 

W.  MATTHEWS  schildert  einen  Nacht-Gesang  der 
Navaho-Indianer.  Das  Fest  beginnt  nach  Eintritt  der  Dunkel- 
heit, um  sieben  Uhr  oder  später,  und  währt  ohne  Unterbrechung 
bis  in  den  hellen  Tag.  Es  heißt  Naäkhai  und  besteht  in  Tanz 
und  Gesang.  Am  Feste  beteiligen  sich  sechs  männliche  Gott- 
heiten, Yebaka,  und  sechs  weibliche  Gottheiten,  Yebaäd.  Die 
Yebaäd  oder  Göttinnen  werden  gewöhnlich  von  kleinen  Männern 
oder  von  Jünglingen  dargestellt.    Diese  verhüllen  alsdann  ihre 

Karsch-Haa  ck.  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  21 


q22  ^ie  amerikanischen  Naturvölker 

Nacktheit  durch  einen  blauen  Domino  und  tragen  Klappern 
und  Stäbe  gleich  denen  der  Yebaka.  Bisweilen  finden  sich 
aber  auch  vereinzelt  Weiber  und  ,, Hermaphroditen",  die  den 
Tanz  verstehen.  Wenn  „Hermaphroditen"  an  ihm  teilnehmen, 
wie  es  mitunter  geschieht,  treten  diese  an  Stelle  der  kleinen 
Männer  oder  Jünglinge,  sind  in  der  gewöhnlichen  weiblichen 
Tracht  gekleidet  und  von  dem  Domino  der  Yebaäd  umhüllt, 
führen  aber  keine  Klappern;  vielmehr  halten  sie  Fichtenholz- 
stäbe in  beiden  Händen.  Bringt  man  die  vorgeschriebenen 
sechs  Tänzer  nicht  zusammen,  richtet  man  sich  auf  eine  kleinere 
Zahl  ein.130  Die  männlichen  Darsteller  der  Yebaäd  singen  im 
Falsett.131 

Aus  der  Darstellung  von  W.  MATTHEWS  geht  als  sicher 
hervor,  daß  die  „Hermaphroditen"  bei  den  Navaho-Indianern 
durchaus  nicht  verachtet  werden. 

2.  Algonkiustämme 

Die    Tschippe  wäer    (Chipeways,  Ojibuä) 
MC     KENNEY     gibt     an,     die     Tschippewäer     hätten 
gleich   den   Aleuten   ihre  Schopans    und   diese   „Mannweiber" 
seien  wahren  Weibern  so  ähnlich,  daß  man  nicht  einmal  ihre 
Stimme  von  der  der  Weiber  zu  unterscheiden  vermöge.132 

Diese  Halbmänner  heißen  bei  den  Tschippewäern  Ago- 
kwas.132  Sie  wurden  auch  förmlich  an  Männer  verheiratet.134 
Die  frischeste  Schilderung  von  dem  Treiben  der  „Mann- 
weiber", welche  dem  Verfasser  bekannt  geworden  ist,  rührt 
von  JOHN  TANNER  her  und  er  möchte  nicht  verabsäumen, 
sie,  ins  Deutsche  übertragen,  unverkürzt  hier  wieder  zugeben: 

„Im  Laufe  dieses  Winters  besuchte  uns  der  Sohn  des 
berühmten  Ojibbeway  -Häuptlings  Wesh-ko-bug  (der 
Milde),  welcher  am  Leech-See  wohnt.  Dieser  Mann  gehört  zur 
Zahl  derer,  welche  sich  dem  Weiberberuf  widmen  und  welche 
die  Indianer  auch  Weiber  nennen.  Solche  hat  die  Mehrzahl 
der  Indianerstämme,  vielleicht  sogar  ein  jeder  Stamm;  sie 
heißen  gewöhnlich  A-go-kwas.  Dieser  Häuptlingssohn,  mit 
Namen  Ozaw-wen-dib  (das  gelbe  Haupt) ,  war  eine 
Person  im  Alter  von  fast  50  Jahren  und  hatte  mehrere  Männer 


nordamerikanische  Rothänte 


323 


gehabt.  Ich  weiß  nicht,  ob  sie  mich  zuvor  gesehen  hatte  oder 
mich  nur  vom  Hörensagen  kannte ;  allein  sie  zögerte  nicht,  mich 
wissen  zu  lassen,  sie  käme  von  weit  her,  um  mich  zu  sehen,  und 
hoffte,  mit  mir  zusammen  zu  leben.  Sie  wiederholte  des  öfteren 
ihre  Anerbietungen  und,  ohne  sich  durch  meine  Abweisung  ent- 
mutigen zu  lassen,  verfolgte  sie  mich  mit  ihren  widerlichen 
Aufdringlichkeiten  so  lange,  bis  sie  mich  gleichsam  aus  der 
Hütte  verjagte. 

„Die  alte  Net-no-kwa.  die  das  vollkommen  durch- 
schaute, lachte  über  meine  Verlegenheit  und  meine  Scham- 
haftigkeit,  als  das  „Gelbe  Haupt"  seine  Verfolgungen  wieder  auf- 
nahm; ja  sie  schien  den  Häuptlingssohn  fast  zu  ermutigen, 
in  unserer  Hütte  zu  verweilen.  Der  Agokwa  zeigte  übrigens 
viel  Geschick  in  den  verschiedenen  weiblichen  Obliegen- 
heiten, die  ihn  ja  sein  ganzes  Leben  lang  beschäftigt  hatten. 
Schließlich,  am  Erfolg  seiner  Liebewerbungen  bei  mir  ver- 
zweifelnd oder  auch  vielleicht  durch  den  in  unserer  Familie 
zumeist  herrschenden  Hunger  verjagt,  verschwand  Ozaw- 
wendib,  und  ich  faßte  schon  Hoffnung,  von  seinen  Nach- 
stellungen befreit  zu  bleiben.  Allein  nach  Verlauf  von  zwei  bis 
drei  Tagen  schleppte  er  gedörrtes  Fleisch  herbei  und  sagte  uns, 
er  habe  die  Truppe  des  Häuptlings  YVa-ge-to-tah-gun 
getroffen  und  sei  von  ihm  beauftragt  worden,  uns  einzuladen, 
mit  ihm  zusammenzustoßen.  Er  hatte  das  geizige  Verhalten  Wa  w- 
zhe-kwaw-maish-koon 's  gegen  uns  in  Erfahrung  gebracht, 
und  der  Agokwa  sagte  mir  in  seinem  Namen:  ,Mein  Neffe, 
ich  verstehe  nicht,  daß  du  ruhig  Wild  töten  siehst  durch  einen 
anderen  Jäger,  der  viel  zu  geizig  ist,  um  mit  dir  zu  teilen. 
Komm  in  meine  Nähe;  weder  dir  noch  deiner  Schwester  wird 
etwas  von  dem  mangeln,  was  ich  imstande  sein  werde  euch  zu 
verschaffen.'  Diese  Einladung  kam  sehr  zur  rechten  Zeit  und 
wir  brachen  ohne  Verzug  auf. 

„Bei  unserer  ersten  Rast  hörte  ich,  als  ich  am  Feuer 
beschäftigt  war,  den  Agokwa  pfeifen,  um  mich  aus  geringer 
Entfernung  in  den  Wald  zu  locken.  Ich  sah,  als  ich  mich 
näherte,  daß  er  die  Augen  auf  ein  Stück  Wild  gerichtet  hielt, 
und  ich  erkannte  ein  Moostier.  Ich  schoß  zweimal,  und  zweimal 
stürzte  es  und  erhob  es  sich  wieder.    Wahrscheinlich  hatte  ich 


024.  Die  amerikanischen  Naturvölker 

zu  hoch  gezielt,  denn  schließlich  entfloh  es.  Die  „alte  Dame" 
aber  machte  mir  lebhafte  Vorwürfe  und  sagte  mir,  daß  sie 
befürchte,  in  mir  niemals  einen  trefflichen  Jäger  zu  sehen. 
Erst  am  andern  Tage  gelangten  wir,  noch  vor  Einbruch  der 
Nacht,  zum  Lager  des  Wa-ge-tote,  wo  unser  Hunger 
gestillt  wurde.  Dort  sah  ich  mich  auch  endlich  von  den  schier 
unerträglich  gewordenen  Nachstellungen  des  Agokwa  befreit. 
Denn  W  a  g  e  t  o  t  e  ,  der  schon  zwei  Frauen  hatte,  nahm  ihn  als 
dritte  „Frau".  Diese  Zuführung  einer  neuen  Persönlichkeit  in 
seine  Familie  regte  einige  Scherze  an  und  veranlaßte  verschiedene 
komische  Zwischenfälle ;  aber  es  ergab  sich  daraus  weniger 
Uneinigkeit  und  Streit,  als  wenn  er  eine  dritte  Frau  weiblichen 
Geschlechts  genommen  hätte."  135 

Bei  den  Tschippewäern  gab  es  um  die  Mitte  des  19.  Jahr- 
hunderts einen  Wabuno-Bund  behufs  Abhaltung  nächtlicher 
Orgien  oder  Wabunsi  (von  Wauben,  Tageslicht,  mit  dem  ver- 
neinenden Suffix).136  Nach  dem  Abbe  THAVENET  hieß  dieser 
Bund  Wabano,  was  Zauberer  bedeuten  soll;  Mitglied  des  Bundes 
zu  werden  sei  sehr  schwer  gewesen;  während  der  Versamm- 
lungen, zu  denen  ausschließlich  Mitglieder  Zutritt  gehabt,  seien 
nächtlicherweile  allerhand  Narrheiten  (toute  sorte  d'extra- 
vagances)  getrieben  worden.  Der  Gewährmann  berichtet,  nach 
dem  Glauben  der  Bundesmitglieder  selbst  stammten  sowohl 
die  Zaubereien  als  auch  der  Bundesname  aus  dem  Orient.137 
RICHARD  SON  bringt  diesen  Bund  ohne  Bedenken  mit  gleich- 
geschlechtlicher Liebe  in  Zusammenhang.138 

Die  Menomonies  (Menomonees,  Folles  avoines)  und 
die  Ottawa  (Odahwah,  Courtes  oreilles)  sind  zwei  Indianer- 
stämme des  innern  Nordamerika,  für  welche  der  Gebrauch 
der  „Mannweiber"  nicht  erwiesen  ist.139 

Die  Delaware 
(Renappi,  Lenape,  Lenni    Lenape,  Lenäpes,  Iäba,    „Männer") 
Der  Missionar   LOSKIEL  gibt   Ausgangs  des  18.    Jahr- 
hunderts für  die  Delaware  ausdrücklich  an,  daß  „unnatür- 
liche Sünden"  unter  ihnen  nicht  ungewöhnlich  waren.140 


nordamerikanische  Rothäute 


325 


BRINTON  schildert,  wie  im  18.  Jahrhundert  die  Dela- 
ware von  den  Irokesen  „zu  Weibern  gemacht"  wurden.  Die 
Bezeichnung  habe  bei  den  Gewohnheiten  und  der  Redeweise 
der  Indianer  einen  Doppelsinn.  Nach  seiner  Auffassung  heiße 
es,  es  sei  ihnen  das  Recht  der  Kriegführung  genommen  worden, 
obwohl  nicht  ausgeschlossen  wäre,  daß  auch  eine  geschlechtliche 
Bedeutung  damit  verbunden  gewesen  sein  könne,  an  welche 
indessen  HALE  nicht  glauben  will.  Noch  vor  1794  haben 
dann  die  Irokesen  den  Delaware  erklärt,  daß  sie  nun  nicht 
mehr  Weiber,  sondern  wieder  Männer  seien,  und  nun  sei  ihnen 
die  Kriegerkeule  wieder  ausgeliefert  worden.141  HALE  meint, 
die  Redensart  „zum  Weibe  gemacht"  schließe  nicht  einmal  eine 
Erniedrigung  ein,  da  das  Weib  bei  den  Irokesen  in  großer  Achtung 
stehe.142 

Die  Illinois 

Schon  1697  schrieb  HENNEPIN  über  die  Illinois,  viele 
unter  ihnen  seien  „Hermaphroditen";  sie  seien  „schamlos  bis 
zum  Laster  gegen  die  Natur"  und  steckten  einige  ihrer  Knaben 
in  die  Kleidung  der  Weiber,  weil  sie  selbe  als  solche  benutzten ; 
diese  Burschen  verrichteten  dann  weibliche  Arbeiten  und  zögen 
weder  auf  die  Jagd  noch  in  den  Krieg.143 

Der  Missionar  BUISSON  DE  ST.  COSME  traf  1700  im 
Dorfe  Kappa  der  Arkansas-Indianer  einen  Mann  in  Weiber- 
tracht ;  er  war  aber  kein  Kansas,  sondern  ein  Illinois,  unter  denen 
solches  ganz  allgemein  verbreitet  sei.144  Diese  Angabe  fand 
1703  durch  DE  LAHONTAN  vollkommene  Bestätigung.  Die 
zahlreichen  ,, Hermaphroditen"  trugen  nach  ihm  zwar  Weiber- 
kleidung, traten  aber,  wie  der  Gewährmann  glaubt,  mit 
Männern  und  Weibern  in  geschlechtlichen  Verkehr.  Die  Illinois 
und  alle  andern  Indianerstämme  am  Mississippi  besaßen  nach 
ihm  einen  „unglückseligen  Hang"  zur  Sodomie.145  Auch  DE 
CHARLEVOIX  fand  sie  der  „ungeheuerlichsten  Unkeuschheit" 
ergeben.146 

Der  Generalpostmeister  von  Englisch  Nordamerika 
GEORGE  HERIOT  erzählte  1807,  daß  es  bei  den  Illinois, 
den  Sioux  von  Louisiana  und  den  Bewohnern  von  Florida 
und  von  Yucatan  junge  Männer  gab,  die  weibliche  Kleidung 
annahmen  und  zeitlebens  beibehielten.    Sie  fanden  Befriedigung 


326 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


in  Ausführung  der  niedrigsten  Sklavenarbeit  des  andern  Ge- 
schlechts. Sie  heirateten  niemals.  Sie  beteiligten  sich  an  allen 
religiösen  Zeremonien.  Und  infolge  dieser  außergewöhnlichen 
Lebensart  erschienen  sie  ihren  Landsleuten  als  Personen  einer 
höheren  Würde  und  als  erhaben  über  die  gewöhnliche  Mensch- 
heit. Da  sie  aber  sonst  ein  „lasterhaftes"  Leben  führten,  be- 
gegne man  ihnen  mit  Abscheu  und  Ekel.  Manche  von  ihnen 
wären  von  den  Spaniern,  die  behaupteten,  daß  sie  den  schänd- 
lichsten Lastern  dienten,  wütenden  Doggen  preisgegeben  worden, 
denen  überhaupt  ein  großer  Teil  der  nackten  Indianer  zur  Beute 
gefallen  sei.147 

Nach  DE  LA  SALLE  lieben  die  Illinois  über  alle  Maßen 
das  Weib  und  Knaben  noch  mehr  als  die  Weiber  (they  love 
women  with  excess,  and  boys  above  women),  so  sehr,  daß  durch 
dieses  „schreckliche  Laster"  die  Knaben  sehr  weibisch  werden. 
Ungeachtet  ihrer  „lasterhaften  Neigung"  aber  haben  sie  gewisse 
Normen,  welche  dieses  „schändliche  Laster"  bestrafen.  Sobald 
ein  Knabe  sich  der  Prostitution  ergibt,  wird  er  aus  seinem 
Geschlecht  ausgestoßen  und  es  wird  ihm  verboten,  Männer- 
tracht zu  tragen,  einen  Mannesnamen  zu  führen  und  irgend 
eine  für  den  Mann  allein  bestimmte  Arbeit  oder  Dienstleistung 
zu  verrichten.  Nicht  einmal  die  Jagd  wird  ihm  gestattet.  Solche 
Knaben  gelten  eben  überhaupt  als  Weiber  und  bleiben  zeit- 
lebens auf  deren  Beschäftigungen  beschränkt,  „werden  aber 
von  den  Weibern  noch  mehr  verachtet  und  verabscheut  als 
vom  Manne";  dergestalt  sind  sie  wegen  ihres  „Lasters"  dem 
Gespött  und  der  Verachtung  beider  Geschlechter  preisgegeben. 
Ohne  jede  Einwirkung,  aus  natürlicher  Anlage,  wurde  den 
Illinois  ihr  „Laster"  fühlbar  und  sie  führten  diese  Normen 
als  einen  Zügel  zur  Bändigung  ihrer  wilden  Sinnlichkeit  ein, 
obwohl  ihnen  jede  zwangsweise  Einschränkung  verhaßt  ist. 
„Hermaphroditen"  sollen  außerdem  unter  ihnen  sehr  häufig 
sein;  ob  diese  aber  eine  Wirkung  des  Klimas  seien  oder  nicht, 
wagt  DE  LA  SALLE  nicht  zu  entscheiden.  Die  Weiber  und 
die  prostituierten  Knaben  verfertigen  feine  Matten  zum  Be- 
kleiden ihrer  Häuser,  während  die  Männer  auf  die  Jagd  gehen 
oder  den  Boden  zur  Aussaat  des  indischen  Korns  pflügen.148 


nordamerikanische  Rothäute 


327 


Der  Pater  MARQUETTE  vermag  nicht  zu  ergründen, 
welcher  Aberglaube  einige  Illinois  und  einige  Nadouessi,  wenn 
sie  noch  jung  sind,  veranlasse,  das  Weiberkleid  (die  Männer 
gehen  fast  nackt)  anzulegen  und  ihr  Leben  lang  zu  tragen;  es 
ist  ihm  ein  Geheimnis  geblieben;  sie  verheiraten  nach  ihm 
sich  niemals  und  suchen  ihre  Ehre  darin,  daß  sie  sich  zu  Arbeiten 
„erniedrigen",  welche  die  Frauen  verrichten;  sie  ziehen  zwar 
mit  in  den  Krieg,  allein  sie  dürfen  sich  nur  der  Keule  be- 
dienen, niemals  aber  Bogen  und  Pfeile  gebrauchen,  welche  aus- 
schließlich Waffen  der  Männer  sind;  sie  wohnen  allen  Zauber- 
spielen  und  auch  den  Festtänzen  bei,  die  zu  Ehren  des  Calumet 
veranstaltet  werden;  sie  singen  dort,  dürfen  aber  nicht  tanzen; 
sie  werden  in  den  Ratsversammlungen  aufgerufen,  in  denen 
man  ohne  ihre  Vorschläge  nichts  entscheiden  kann ;  sie  gelten 
infolge  ihrer  außergewöhnlichen  Lebensführung  für  Manitous 
d.  h.  für  ,, Genies"*)  oder  für  auserlesene  Menschen.149 

Die    Kri 

(Crees,    Knisteno,    Knistenaux) 

Die  K  r  i  besaßen  nach  MACKENZIE  schon  in  ihrem 
wilden  Zustande  ihre  „eigenen  Laster,  deren  einige  für  kulti- 
vierte und  nachdenkende  Menschen  abschreckend"  seien,  in- 
dem Blutschande  und  Sodomiterei  unter  ihnen  geherrscht 
hätten.150 

Noch  1851  gibt  RICHARDSON  an,  das  schimpflichste 
aller  Laster,  dessen  St.  Paulus  die  Heidenwelt  beschuldige, 
würde  auch  den  Kri  nachgesagt.151 

Bei  den  Kri,  deren  Selbstname  Nehiyawok  oder  Iyiniwok, 
die  „wahren  Menschen",  „Wesen  erster  Rasse"152  ist,  heißt 
Hermaphrodit:  Ayekkwew,  „weder  Weib  noch  Mann"  oder 
vielmehr  „Mann  und  Weib",  in  der  Mehrzahl:  Ayekkwewok 
oder  Ayekkwewa  (LACOMBE).153 


*)  Ein  katholischer  Geistlicher  hatte  die  Freundlichkeit,  den  Ver- 
fasser darauf  hinzuweisen,  daß  die  zutreffendste  Übertragung  von  Manitous 
wohl  Ch  ar  i  s  m  a  t  i  ker  wäre,  etwa  ,, Gottbegnadete",  von  yaQiafxa  = 
Geschenk,  Gunstbezeugung.  Sieh  WETZER  und  WELTE:  Kirchen  Lexikon, 
unter    Charismen. 


328 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Die  S  a  k 
(Sauk,  Sakewe,  Sagiwuk) 

Es  gab  nach  Major  LONG  unter  den  Sak  richtige  ,,Ki- 
näden",  welche  unter  Preisgabe  ihrer  männlichen  Kleidung  die 
der  Weiber  annahmen  und  mit  ihr  auch  deren  Sklavenarbeit. 
Sie  wurden  überall  mit  Geringschätzung  behandelt,  von  einigen 
jedoch  bemitleidet,  als  hätten  sie  ihre  Arbeit  einer  unglück- 
seligen Bestimmung,  der  sie  sich  nicht  entziehen  könnten,  zu 
verdanken.  Man  nehme  an,  sie  seien  zu  dieser  Lebensweise 
durch  eine  Erscheinung  vonseiten  des  weiblichen  Geistes  im 
Monde  gedrängt  worden.154 

Das  Päderasten-  oder  Icoucoua-Fest  der  Sioux  findet  sich 
auch  bei  den  Sak,   vergleiche  Seite  336  unter   Dakota  (Sioux). 

Die  Fuchsindianer 
(Foxes,  Outagamies,  Muskwakiuk) 
Der  Prinz  ZU  WIED  gibt  an,  nach  Major  LONG  hätten 
auch  die  Foxes  ihre  „Mannweiber",155  und  nach  dem  eng- 
lischen Maler  CATLIN  feiern  auch  sie  das  Berdashe-[Bar dache-) 
oder  Icoucoua-Fest  wie  die  Sioux  und  Sak,  vergleiche  Seite  336 
unter  Dakota  (Sioux). 

Die    Schwarzfüße 
(Blackfoot,   Blackfeet,    Siksika,  Sihasapa) 

Die  Blackfeets  hatten  ihre  Bardaches  nach  ZU 
WIED.166 

Bei  den  Schwarzfüßen  spielt  der  Branntwein,  von  dem 
eine  kleine  Menge  genügt,  den  Indianer  betrunken  zu  machen, 
eine  Hauptrolle  zur  Bezeugung  von  Freundschaft.  Der  Prinz 
ZU  WIED  war  Zeuge  des  Schauspiels,  wie  ein  Indianer 
eine  Quantität  Branntwein  in  den  Mund  nahm,  einen  anderen 
Stammesgenossen  umarmte  und  ihm  aus  seinem  Munde  den 
Nektar  einflößte,  was  der  höchste  Beweis  der  Freundschaft  sei.157 

3.  Die  Irokesen 

Ein  mit  vielen  Namen  bedachter  Indianerstamm  sind  die 
Irokesen  oder  Canadier,  die  Iroquois  der  Franzosen,  die  Six 


nordamerikanische  Rothäute  329 

Nations  der  Engländer.  Die  Konoschioni  nennen  sie  Hodeno- 
sauni,  was  das  Volk  des  langen  Hauses  bedeutet,  bei  ihren 
Nachbarn,  den  Leni  Lenape,  heißen  sie  Mengwe;  es  sind  die 
Matchi  nadouex  des  Generalpostmeisters  GEORGE  HERIOT. 
Ihr  Selbstname  lautet  Ongue-Honwe  oder  „Erhabener  Mensch". 

DE  CHARLEVOIX  stellt  die  Irokesen  als  einen  besonders 
keuschen  Indianerstamm  hin,  für  so  lange  nämlich,  als  sie  außer 
Verbindung  mit  den  Illinois  und  anderen  Nachbarvölkern 
Louisianas  geblieben  seien;  gewonnen  hätten  sie  durch  solche 
neue  Bekanntschaften  nichts,  als  daß  sie  diesen  ähnlich  ge- 
worden wären.  Verweichlichung  und  Geilheit  habe  sich  her- 
nach bei  ihnen  eingestellt  und  sei  ins  Ungeheure  gewachsen. 
Man  sähe  bei  ihnen  seitdem  auch  Männer,  die  sich  nicht  schäm- 
ten, Weiberkleider  anzulegen  und  sich  allen  Beschäftigungen 
des  weiblichen  Geschlechts  zu  unterziehen,  was  zu  einer  „un- 
beschreiblichen Verdorbenheit"  geführt  habe.  Man  schütze 
zwar  vor,  es  stehe  dieser  Brauch  mit  religiösen  Vorstellungen 
in  Zusammenhang.  Allein  diese  Religion  entspringe,  wie  wohl 
auch  andere  Vorstellungen,  der  Verdorbenheit  des  Herzens. 
Wenn  der  fragliche  Brauch  jedoch  aus  wirklicher  Religiosität 
hervorgegangen  sei,  so  habe  er  nichtsdestoweniger  mit  der 
lüsternen  Sinnlichkeit  geendet.  „Effeminierte"  verheirateten 
sich  niemals  und  gäben  sich  den  „schändlichsten  Leidenschaften" 
hin.     Auch  würden  sie  im  höchsten  Grade  verachtet.158 

Für  das  letzte  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  gibt  auch 
LOSKIEL  ausdrücklich  zu.  daß  „unnatürliche  Sünden"  wie 
unter  den  Delaware  so  auch  bei  den  Irokesen  nicht  ungewöhn- 
lich gewesen  seien.  Dies  habe  aber  nicht  gehindert,  daß  sie  an 
äußerer  Wohlanständigkeit  die  meisten  Völker  übertroffen 
hätten.159  Diesem  äußerlichen  Anstand  entspricht  denn  auch 
wohl  die  zarte  Umschreibung  MARTINs,  von  dem  die  Irokesen 
als  „enthusiastisch  in  ihrer  Freundschaft"  charakterisiert 
werden.160  Weniger  verschleiert  meint  dagegen  VON  GA- 
GERN, obwohl  selbst  sein  „Gedanke  von  diesem  bösen 
Stoff  der  Sittengeschichte  hinwegeilt",  daß  unter  den  wilden 
Canadiern  nur  Stärke  und  Mut  Wert  und  Schätzung  hätten 
und  der  Freund  darum  weit  mehr  als  die  Gefährtin.  Uber- 
bildung    des    männlichen    Geschlechts,   ein  sichtbarer  Vorzug 


33° 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


im  Verhältnis  zur  Lage  und  zum  Zeitalter,  und  das  Zurück- 
bleiben des  weiblichen  habe  vom  allzurohen  Canadier  bis 
zum  allzuverfeinerten  Athenienser  Männerliebe  erzeugt,  wie 
vielleicht  die  Frauenliebe,   wo   es  umgekehrt  liegt.1151 

CHARBONNEAU  behauptete,  nachdem  er  37  Jahre  im 
Osten  des  Felsengebirges  geweilt,  um  1850,  die  ,, Mannweiber" 
oder  Bardaches  der  Canadier  würden  zu  „unnatürlichem  Ge- 
schlechtsverkehr" den  Weibern  vorgezogen.161/2 

Nach  BASTIAN  haben  sich  die  „Muskolgee"  gerühmt, 
den   „Tschirokesen"   den   Weiberrock   angezogen   zu  haben.162 

4.  Chochtha 

(Tschoktah,  Choctaw,  Tschachta) 
Die  Chochtha  werden  von  BOSSU  als  sehr  wild  und 
roh  geschildert;  für  das  Christentum  fehle  ihnen  jedes  Ver- 
ständnis und  in  ihren  Sitten  seien  sie  stark  „pervers".  Die 
meisten  (la  plupart)  seien  der  Sodomie  ergeben.  Derartig  „ver- 
derbte Männer"  trügen  langes  Haar  und  einen  kleinen  Rock, 
wie  die  Weiber,  von  denen  sie  aus  Rache  aufs  höchste  ver- 
achtet würden.163 

Die  Seminole  (Simanole),  die  heutigen  Rothäute  in 
Florida,  haben  nach  Major  POWELL  (1883/4)  die  Ein- 
richtung der  Fellowhood  oder  Brüderschaft:  Zwei  junge  Männer 
beschließen,  als  Freunde,  inniger  denn  Brüder,  zu  leben,  ein- 
ander blindes  Vertrauen  zu  schenken  und  einander  in  jeder 
Gefahr  zu  beschützen.164 

Es  sei  hier  bemerkt,  daß  W.  HEYWORTH  DIXON  die 
Chochtha  und  die  Irokesen  zu  den  „weniger  edlen" 
Indianerstämmen  rechnet.  Sie  lernten  vom  weißen  Mann,  den 
„Bruder  Neger"  zu  kaufen  oder  zu  rauben,  ihn  wie  einen 
Maulesel  oder  Hund  in  Gefangenschaft  zu  halten  und  ihn 
zum  Sklaven  zu  machen.165 

5.  Die  Natchez 

Im  Beginne  des  18.  Jahrhunderts  bildete  sich  nach 
BRASSEUR  DE  BOURBOURG  bei  den  N  a  t  c  h  e  z  ein  mit 
Prostitution  verbundener  Phalluskult  aus,166  aus  welchem 
Grunde  BRÜHL  eine  Einwanderung  der  in   Louisiana  und  in 


nordamerikanische  Rothäute  oqj 

einem  Teile  von  Texas  lebenden  Natchez  aus  Yucatan  annimmt, 
bei  dessen  Völkern  der  Phallusdienst  eine  Rolle  spielte.167 

Über  die  weiblich  gekleideten  Aufseher  der  Frauen  bei 
den  Natchez  sieh  DUMONT  Seite  308. 

6.  Die  Arikari  lArrikkari,  Arrikkara) 
Die  Arikari  haben  nach  ZU  W1ED  ihre  Bardaches.16* 

7.  Tejas-Indianer 

Als  1527  der  Statthalter  ALVAR  NUNEZ  CABEZA  DE 
VACA  nahe  der  Küste  von  Tejas  bei  der  Insel  Malhado  (Un- 
glücksinsel) *)  Schiffbruch  litt,  machte  er  oder  machten  seine 
Gefährten  Beobachtungen,  denen  er  in  seinem  1555  zu  VaUadolid 
erschienenen  Werke  Aufnahme  gewährte.  Im  Innern  des 
Landes  fanden  C  a  s  t  i  1 1  o  und  Estevanico,  daß  einige 
Y  g  u  a  z  e  s  -Indianer  sich  dem  „widernatürlichen"  Geschlechts- 
verkehr überließen.169  Während  CABEZA  unter  den  A  r  - 
b  a  d  a  o  s  verweilte,  war  er  Augenzeuge  einer  Teufelei  {una 
diablurä):  Er  sah  einen  Mann,  der  mit  einem  andern  Manne 
verheiratet  war.  Er  gehörte  einer  Klasse  weibischer  und 
impotenter  Männer  an,  welche  wie  Weiber  verhüllt  einher- 
gingen und  Weiberarbeit  verrichteten;  sie  spannten  den  Bogen 
und  brachten  sehr  große  Ladungen.  CABEZA  sah  viele  von 
dieser  Art  weibischer  Männer;  sie  besaßen  stärkere  Glieder 
und  waren  größer  als  andere  Männer,  auch  vermochten  sie  sehr 
große  Lasten  zu  schleppen.1"0  Solche  Mannspersonen  be- 
gleiteten nach  ARLEGUI  1737  in  Weibertracht  ihre  tejanischen 
Stammesbrüder  als  deren  Weiber  auf  ihren  Kriegszügen.171 

8.  Die  Karankawa 

Bei  den  Karankawa  (Carancahua)  gab  es  nach  GAT- 
SCHET  noch  um  1891  zwei  Männer,  welche  von  den  anderen 
Männern  im  Stamme  sehr  verachtet  wurden,  so  daß  wahr- 
scheinlich auch  für  diesen  Indianerstamm  die   eigenartige  Ein- 


*)  Die  Unglücksinsel  (Malhado).  bei  der  Cabeza  de  Vaca  1527 
oder  28  Schiffbruch  litt,  soll  die  heutige  Insel  Galveston  sein.  Sieh 
HODGE,  Handbook  of  American  Indiana  Xorth  ot  Mexico,  Part  I  1907, 
330,  unter  ,,Han". 


332 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


richtung  der  „Hennaphroditen"  oder  Männer  in  Weiberkleidung 
angenommen  werden   müsse.172 

9.  Yirginia-Indianer 173 

Virginien  wies  um  1612  nach  GASPAR  ENS  viele  „Herm- 
aphroditen" auf,  die  „beiderlei:  männlicher  und  weiblicher 
Natur"  waren.  Sie  mußten  schier  alle  Arbeit  tun,  ja,  sie 
mußten  den  Männern,  die  in  den  Krieg  zogen,  Früchte  und 
Speisen  nachtragen,  so  daß  man  sich  ihrer  statt  der  Sklaven 
und  Lasttiere  bediente.174 

Und  von  den  alten  Indianern  Virginiens  berichtete  um 
1616— 1618  WILLIAM  STRACHEY,  erster  Sekretär  der  eng- 
lischen Kolonie,  es  sei  schier  unglaublich,  mit  welcher  Leiden- 
schaft die  Männer  der  Päderastie  (preposterous  Venus)  sich 
hingäben.175 

In  einem  Briefe  des  Rev.  JOHN  CLAYTON  aus  dem 
Jahre  1687  findet  sich  die  Bemerkung,  die  Virginia-Indianer 
jener  Zeit  seien  einfach  und  leichtgläubig,  eher  aufrichtig  als 
zurückhaltend  und  in  den  europäischen  Künsten  der  Lüge  und 
Verstellung  gänzlich  unbewandert.  Aber  in  der  Befriedigung 
des  tierischen  Triebes  seien  sie  so  ziemlich  wie  das  Vieh  auf 
dem  Felde.  DAVID  I.  BUSHNELL,  der  erst  1907  diese  Be- 
merkungen CLAYTONs  über  die  Virginia-Indianer  durch 
Druck  zugänglich  machte,  bemerkt  ausdrücklich,  er  habe  nicht 
das  ganze  Dokument  wiedergegeben,  sondern  nur  das  „Inte- 
ressantere" daraus.176 

Die  Bemerkung  von  STRACHEY,  die  Leute  des  großen 
Königs  Powhatan  seien  gewöhnt  gewesen,  ihn  mit 
Wahunsenacawh  anzureden,177  deutet  RICHARDSON 
dahin,  daß  der  König  Powhatan  wahrscheinlich  das  oberste 
Haupt  einer  päderastischen  Gesellschaft  der  Virginia-Indianer 
gewesen  sei.178  Powhatan  ist  nach  WILLIAM  WALLACE 
TOOKER  abzuleiten  von  Powwow-  oder  Pauwau-atan,  dem 
virginischen  Dorf,  und  bedeutet:  Der  Hügel  des  Powwow  oder 
Pauwau,  des  Zauberers  oder  Priesters,  woselbst  Powhatan 
seine  priesterlichen  Handlungen  vollzog.179 

§  9  der  Gesetze  der  neuen  englischen  Kolonie  „Virginia 
Britannia"   (Isenacommacah  der  Eingeborenen)   vom  22.   Juni 


Tafel  VI 


Zu  Seite  333 


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an 


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nordamerikanische  Rothäute 


333 


1611,  mit  denen  die  freien  aber  wehrlosen  Indianer  beglückt 
werden  sollten  und  bedrückt  wurden,  beginnt  denn  auch  mit 
der  fürchterlichen  Drohung:  „Kein  Mann  darf  bei  Todesstrafe 
der  entsetzlichen  und  abscheulichen  Sünde  der  Sodomie  sich 
schuldig  machen."180 

10.  Die  Carolina-Iudianer 

Das  Vorkommen  von  Schupans  oder  „Mannweibern"  wird 
von  LAWSON  1711  für  die  C  a  r  o  li  n  a-Indianer  bestritten.181 
Dagegen  gesteht  derselbe  Gewährmann  diesen  Indianern  ein 
„tiefes  Gefühl  für  Freundschaft"  zu.182 

11.  Die  alten  Indianer  von  Florida 

Schon  1586  hat  der  französische  Kapitän  RENATUS  DE 
LAUDONNIERE  aus  eigener  Anschauung  behauptet,  daß  es 
unter  den  F  1  o  r  i  d  a-Indianern  viele  „Hermaphroditen"  gebe. 
Sie  verrichteten  die  meiste  Arbeit,  trugen  sogar  ihren  in  den 
Krieg  ziehenden  Stammesgenossen  den    Speisevorrat    nach.183 

Ihre  Priester  waren  große  Zauberer  und  Wahrsager,  zu- 
gleich auch  Barbierer  und  Ärzte,  so  daß  sie  ständig  einen  Sack 
mit  Kräutern  und  Arzneien  bei  sich  trugen,  um  damit  die 
Kranken  zu  heilen.  Gemeiniglich  seien  sie  auch  „verhurte 
Buben"  gewesen,  da  sie  die  Weiber  und  Jungfrauen,  die  sie 
„Kinder  der  Sonne"  nannten,  über  die  Maßen  liebten.  Etliche 
unter  ihnen  seien  auch  rechte  Sodomiten  gewesen.184 

DE  LAUDONNIERE  hat  hier  schon,  ohne  es  besonders 
zu  bemerken,  einen  Unterschied  zwischen  passiven  Sodomiten, 
den  von  ihm  als  „Hermaphroditen"  bezeichneten  Personen, 
und  aktiven  Sodomiten  gemacht. 

Nur  wenige  Jahre  später,  1591.  trat  der  Maler  JACQUES 
LE  MOYNE  DE  MORGUES  aus  Dieppe  mit  einer  bildlichen 
Darstellung  und  einer  genaueren  Schilderung  der  Tätigkeit  der 
Florida-,, Hermaphroditen"  an  die  Öffentlichkeit.  In  der  von  ihm 
veröffentlichten  Kupfertafel,  von  welcher  unsere  Tafel  VI  eine 
etwas  verkleinerte,  nach  einer  photographischen  Aufnahme  her- 
gestellte Reproduktion  ist,  sind  die  „Hermaphroditen"  in  langem 
Haar,  als  Pfleger  ihrer  erkrankten  Landsleute,  die  sie  teils  auf 
dem  Rücken,    teils  auf   Bahren  in  die  für  Kranke  bestimmten 


oo<i  Die  amerikanischen  Naturvölker 

Pflegestätten  tragen,  dargestellt.  Diese  „Hermaphroditen",  von 
kräftigerer  und  mehr  ausdauernder  Konstitution  als  die  Weiber, 
wurden  nach  LE  MOYNE  in  Florida  als  Träger  von  Lasten 
aller  Art  beschäftigt;  besonders  trugen  sie  den  in  den  Krieg 
ziehenden  Häuptlingen  das  Gepäck  nebst  Speisevorräten; 
die  durch  Verwundung  oder  Erkrankung  Kampfunfähigen 
schafften  sie  vom  Platze,  die  Toten  an  die  Grabstätte;  von 
ansteckenden  Krankheiten  Befallene  brachten  sie  an  abgelegene 
Orte  und  pflegten  sie  dort  bis  zu  ihrer  Genesung. 

Geben  wir  nun  dem  Maler  in  seiner  lateinischen  Ursprache 
und  seinem  deutschen  Übersetzer  bei  DE  BRY  das  Wort: 

Hermaphroditorwn  officio. 

Freqventes  istic  sunt  Hermaphroditi  utriusgue  naturae  participes, 
ipsis  etiam  Iridis  exosi ;  eorum  tarnen  opera,  qubd  robusti  &  validi  sint, 
ad  onera  ferenda  utunlur  jumentorum  loco.  Profieiscentibus  ergo  ad  beüa 
Regibus,  hermaphroditi  annonam  ferunt :  &  defunctis  ex  vubiere  vel 
nwrbo  Indis,  Uli  ipsi  binis  longuriis  satis  firrnis,  baculos  transversos 
imponere,  atque  his  sioriam  e  tenuibus  scirpis  contextam  alligare  solenf, 
cui  defunctum  superimponunt,  pelle  capiti  substrata,  altera  supra  venirem 
alliuaia,  tertia  supra  coxam,  postrema  supra  crus  (quare  id  faciant  non 
sum  sciscitatus,  magnificentiae  tarnen  causa  fieri  arbitror ;  quandoquidem 
singulos  non  ita  exornant,sed  crus  dumtaxat  obligare  solent)  deinde coriacea 
cingula  tres  aut  quatuor  digitos  lata  sumunt ;  quorum  extremis  ad  longurios 
aptatis  media  capiti,  quod  Ulis  praedurum  est,  applicant  ;  atque  sie  defunetos 
gesteint  ad  sepulturae  locum.  Contagioso  aliquo  morbo  affecti,  etiam  ab 
kernwphroditis  ad  loca  destinata  jeruntur,  atque  ab  iisdem  curanhir  & 
necessaria  aeeipiunt,  donec  sanitati  plene  restituantur. 

JACOBUS  LE  MOYNE,  1591,  fol.  XVIIiSb 


Was  die    Hermaphroditen,    die  beider,  männlicher   und 
weiblicher  Natur  sind,  für  Aemter  haben: 

Es  sind  daselbst  viel,  die  zugleich  beide,  die  männliche  und  weibliche 
Natur  haben.  Sie  werden  Hermaphroditen  genannt  und  von  den  Indianern 
selbst  sehr  gehaßt.  Jedoch,  weil  sie  mächtig  und  stark  sind,  brauchen  sie 
selbe  anstatt  der  Esel  und  Pferde,  schwere  Lasten  zu  tragen.  Wenn  ihre 
Könige  in  Krieg  ziehen,  müssen  die  Hermaphroditen  den  Proviant  tragen. 
Und  wenn  ein  Indianer  entweder  an  einer  Wunde  oder  sonst  an  einer  Krankheit 
gestorben  ist,  pflegen  die  Hermaphroditen  zwei  lange  starke  Stangen  zu  nehmen, 
auf  diese  andere  kleinere  Stecken  über  Kreuz  zu  legen  und  an  diese  aus  kleinen 


nordamerikanischc  Rothäute  oor 

Binsen  geflochtene  Matten  zu  binden,  auf  welche  sie  den  Toten  legen.  Unter 
den  Kopf  breiten  sie  ihm  ein  Fell,  ein  anderes  binden  sie  ihm  auf  den  Bauch, 
ein  drittes  über  die  Hüfte,  ein  viertes  über  die  Schienen.  Dann  nehmen  sie 
lederne  Gürtel,  drei  oder  vier  Finger  breit,  deren  Ende  sie  an  die  Stangen 
binden  und  deren  Mitte  sie  über  den  Kopf  legen  und  tragen  auf  diese  Weise  die 
Toten  zum  Begräbnis.  Auch  mit  einer  ansteckenden  Krankheit  behaftete 
Indianer  werden  von  den  Hermaphroditen  auf  den  Schultern  an  besondere 
dazu  bestimmte  Orte  getragen  und  von  ihnen  so  lange  gepflegt,  bis  sie  wieder 
gesund  geworden  sind. 

Nach  OSEAS  HALEN  bei  DIETERICH  DE  BRY,  1603(1591),  Tafel 
XVII 

Daß  diese  „Hermaphroditen"  Päderasten  gewesen,  wird 
zwar  weder  von  LE  MOYNE  selbst,  noch  von  den  meisten  der 
späteren  Schriftsteller,  die  sich  auf  DE  LAUDONNIERE  oder 
LE  MOYNE  bezogen,  auch  nur  angedeutet,  wird  aber  von 
ARLEGUI  1737,  von  KRAFT  1766,  von  HEYNE  1779,  von 
ZIMMERMANN  1806,  von  HERIOT  1807,  von  KINGS- 
BOROUGH  1848,  von  J.  G.  MÜLLER  1855  und  von  SCHNEI- 
DER (dem  späteren  Bischof  von  Paderborn)  1885/6  un- 
bedenklich angenommen.186 

Wie  BRINTON  darlegt,  war  auch  bei  den  Florida-In- 
dianern der  Phalluskult  in  Brauch.187 

Ein  Auszug  aus  den  englischen  Gesetzen  für  die  Kolonie 
Neuengland  aus  dem  Jahre  1641  enthält  auch  einen  Päderastie- 
Paragraphen.     §  20  lautet  also: 

Unnatürliche  Unflätigkeit  soll  mit  dem  Tode  bestraft 
werden,  sowohl  Sodomie,  das  heißt  die  fleischliche 
Gemeinschaft  von  Mann  mit  Mann,  oder  Weib  mit  Weib; 
als  auch  Buggerie,  das  heißt  die  fleischliche  Gemein- 
schaft von  Mann  oder  Weib  mit  Säugetieren  oder  Vögeln.188 

12.  Dakotastämme 

Die  Dakota 
(Lakota,  Nagota,  Issati,  Nadoesi,  Nadowessie,  Ochente-Scha- 
koan,  Sioux,  Siebenratfeuer) 
Von  den  Dakota-  oder  Sioux- Indianern  gab  schon  LA- 
FITAU  1724  an,  daß  auch  sie  Männer  hätten,  die  wie  Weiber 
lebten.189  Dasselbe  berichtete  1807  der  Generalpostmeister 
HERIOT  von  den  Sioux  in  Louisiana.190    1824  teilte  KEATING 


336 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


mit,  die  Zahl  ihrer  Kinäden  sei  sicher  nur  sehr  gering;  er  habe 
bloß  von  zweien  gehört,  von  einem  in  der  Stadt  Keoxa  und 
von  einem  bei  den  Miakechakesa;  es  gäbe  wahrscheinlich  aber 
noch  einige  andere;  sie  ständen  in  äußerster  Verachtung.191 
Nach  demselben  Gewährmann  haben  die  Dakota-Indianer  den 
Glauben,  die  Sonne  würde  von  einer  männlichen,  der  Mond 
von  einer  weiblichen  Gottheit  bewohnt  und  das  Hauptvergnügen 
der  weiblichen  Gottheit  bestehe  darin,  alle  Bestrebungen  des 
Mannes  zu  durchkreuzen.  Wem  diese  während  des  Schlafs  in 
Träumen  sich  offenbare,  der  sähe  das  als  eine  strikte  Auf- 
forderung an,  Kinäde  zu  werden  und  nehme  gleich  darauf 
Weibertracht  an.192  KEATING  bringt  die  Kinäden  mit  der 
Sage  von  den  Hermaphroditen  in  Verbindung.193 

„Einer  der  unverantwortlichsten  und  widerlichsten 
Bräuche,"  die  der  englische  Maler  CATLIN  unter  diesen  In- 
dianern kennen  lernte,  ist  nach  ihm  der  ,,Berdashe-Ta.nz" .  An 
und  für  sich  ein  recht  drolliges  und  unterhaltendes  Spiel 
findet  es  nur  einmal  im  Jahre  statt  oder  so  oft,  als  ein  Berdashe 
gewählt  wird.  Ein  Berdashe  oder  Bardache,  wie  er  bei  den  Fran- 
zosen 194  heiße,  der  ,,I-coo-coo-a"  in  der  Sprache  der  Sioux,  sei  ein 
Mann  in  Weiberkleidung,  der  sein  ganzes  Leben  die  Rolle 
eines  Weibes  spielen  müsse.  Für  außerordentliche  Vorrechte, 
deren  er  sich  erfreue,  dürfe  er  die  „unwürdigsten  und  erniedrigend- 
sten  Pflichten"  nicht  ablehnen.  Da  er  der  einzige  seines  Stammes 
sei,  der  sich  solcher  schmählichen  Demütigung  unterziehe,  werde 
er  als  „Arzt"  und  als  heilig  betrachtet  und  man  gebe  ihm  jährlich 
ein  Fest.  Dieses  Fest  beginne  mit  dem  Tanz  einer  geringen 
Anzahl  junger  Männer  des  Stammes,  welche,  wie  das  Bild 
Tafel  VII  zeigt,  „vorwärts  tanzen"  können  und  damit  öffentlich 
prahlen  (ohne  daß  der  Berdashe  es  verweigert),  daß  ,,Ahg-whi- 
ee-choos-cum-me  hi-anh-dwax-cumme-ke  on-daig-nun-e  how  ixt. 
Che-ne  a'hkt  ah-pex-ian  I-coo-coo-a  wi-an-gurotst  whow-itcht-ne- 
axt-ar-rah,  ne-axt-gun-he  h'dow-k's  dow-on-daig-o-ewhicht  nun- 
go-was-see" .*)     Nur  solche  Männer  seien  berechtigt,  den  Tanz 

*)  Es  ist  dem  Verfasser  leider  nicht  gelungen,  von  irgend  einer  Seite 
eine  deutsche  Uebersetzung  dieser  Zeilen  aus  der  Sprache  der  Dakota-Indianer 
zu  erlangen.  Offenbar  stellen  aber  gerade  diese  indianischen  Worte  den  wahren 
Sachverhalt  unverblümt  dar  und   erklären   den  eigentlichen   Inhalt  der  un- 


Tafel  VII 


Zu  Seile  33G 


nordamerikanische  Rothäute 


337 


mitzumachen  und  an  dem  Fest  teilzunehmen.  Da  nur  äußerst 
wenige  im  Stamme  lebten,  welche  dieses  besondere  Privileg 
rechtmäßig  erlangten  oder  gewillt  seien,  sich  dazu  öffentlich 
zu  bekennen,  so  habe  es  den  Anschein,  daß  diese  Gesellschaft 
aus  einer  nur  ganz  beschränkten  Zahl  von  ,, Sonderlingen" 
bestehe.195 

Der  Berdashe-  oder  Icoucoua-Ta.nz  ist  nach  CATLINs 
Erfahrung  außer  bei  den  Sioux  nur  noch  unter  den  Sak  und 
den  Foxes  üblich.  Vielleicht  jedoch  wäre  er  auch  bei  anderen 
Stämmen  in  Brauch,  trotzdem  er  selber  ihm  nicht  begegnet  sei. 
Für  seine  weitere  Erforschung  müsse  er  seinen  Leser  auf  die 
Stämme  verweisen,  bei  denen  er  sicher  vorkäme.  Er  wünsche 
indessen,  daß  er  bereits  ausgerottet  sei,  bevor  man  ihn  ge- 
nauer erforscht  habe.196 

MARY  ALICIA  OWEN  schildert  neuestens  den  ,,1-coo- 
coo-ah"  oder  Weib-Tanz  der  Foxes  (Musquakies)  als  eine  ganz 
außergewöhnliche  und  unangenehm  berührende  Zeremonie  oder 
wie  man  den  Vorgang  sonst  nennen  wolle.  Vielleicht  könne 
man  von  ihm  sagen,  daß  er  nur  noch  der  Vergangenheit  an- 
gehöre, denn  gegenwärtig  (1902)  lebe  kein  Musquakie-Indianer 
mehr,  der  den  ,,I-coo-coo-ah"  darzustellen  vermöge.  Vor  zwei 
Jahren  habe  es  aber  auch  in  diesem  Stamme  noch  einige  Männer 
gegeben,  welche  in  Weibertracht  gekleidet  waren  und  in  von 
den  anderen  getrennten  Hütten  lebten.  Man  sagte,  es  seien 
das  die  Unglücklichen,  denen  es  nicht  gelungen  wäre,  den 
Kriegspfahl  zu  schlagen,  als  sie  es  zum  ersten  Male  versucht 
hätten,  oder  denen  es  in  irgend  einer  anderen  Weise  mißlungen 
wäre,  dem  Stammesvorbilde  der  Männlichkeit  nahe  zu  kommen. 
Sie  seien  unnütze  Geschöpfe,  fast  stets  Trunkenbolde,  meist 
ungekämmt,  ungewaschen  und  in  Lumpen  gekleidet.  Sie  ver- 
richteten keine  (Männer-)Arbeit,  statteten  keine  Besuche  ab 
und  sprächen  nie  mit  einem  Weibe.  Sie  brächten  ihre  Zeit 
im  Spiel  mit    einander,  mit  Singen  unzüchtiger  Gesänge  und 


glaublich  geschraubten  und  gequälten  Wendungen  des  Engländers.     Es  dürfte 
sich  darin  um  nichts  anderes  handeln,  als  um  den  vom  einen  oder  andern  der 
Tänzer  an  dem  Berdashe  bei  Gelegenheit  des  Festes  öffentlich  vorzunehmen- 
den  Podikationakt    oder    doch    um    dessen    pantomimische    Darstellung. 
Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  22 


338 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


mit  Schlummern  und  Träumen  hin,  einer  Wirkung  des  ver- 
schluckten Tabakrauchs  oder,  fahs  sie  solchen  hätten  erlangen 
können,  des  Branntweins.  Sie  würden  als  „gute  Medizin"  für 
den  Stamm  angesehen.  Ein  gewisses  Interesse  nähmen  an 
ihnen  die  Weiber,  indem  sie  gekochte  Speisen  und  Holzbündel 
vor  ihren  Türen  niederlegten,  wenn  es  niemand  beobachte. 
Einmal  im  Jahre  veranstaltete  man  ihnen  ein  Fest  und  führte 
einen  Tanz  auf,  bei  welchem  einige  der  jungen  Männer  des 
gemeinen  Volks  sie  an  den  Händen  faßten,  mit  ihnen  tanzten, 
sie  mit  erkünstelten  Liebeerklärungen  verspotteten  und  ihnen 
zum  Schlüsse  als  Geschenk  alte  Kleider  gaben,  die  sie  von 
Weibern  erbettelt  oder  gekauft  hatten.  Während  des  Tanzes 
nahmen  die  Zuschauer  beiderlei  Geschlechts  durch  beständiges 
Klatschen  Anteil  und  riefen  ,,I-coo-coo-ah"  und  „Hoo-hoo,  henow- 
chee-chee".  Der  Grund,  weshalb  dieser  Tanz  heutigen  Tages 
bei  den  Musquakies  nicht  mehr  aufgeführt  wird,  liegt  nach  M.  A. 
OWEN  darin,  daß  die  eingebildeten  Henow-och  (Weiber)  im 
Lager  nicht  mehr  zu  finden  sind.  Die  von  der  letzten  Wahl 
Getroffenen  weigerten  sich,  die  ihnen  zugedachte  Stelle  an- 
zunehmen, und  ein  widerwillig  Erwählter  würde  ein  „schlechte 
Medizin"  abgeben.197 

Wohl  drei  Viertel,  insonderheit  alles  Gehässige  dieser 
Schilderung,  dürften  auf  Rechnung  des  Gegeninstinkts  der 
Schriftstellerin  zu  setzen  und  der  Rückgang  oder  das  Erlöschen 
der  Gewohnheit,  wenn  überhaupt  wahr,  dem  antagonistischen 
Einfluß  der  weißen  Rasse  zuzuschreiben  sein,  deren  „Tabu"  ja 
eben  diese  von  den  Naturkindern  als  natürlich  hingenommene 
Triebrichtung  zu  sein  pflegt.  Man  halte  nur  daneben  das 
maßvolle  Urteil    von    SIMMS  (Seite  349  dieses   Buches). 

Noch  im  Jahre  1889  werden  unter  den  Dakota  „Herm- 
aphroditen" erwähnt,  die  Umgang  mit  Männern  hatten  (GRA- 
HAM) 198  und  Weiber  mieden,  obwohl,  wie  BRYANT  1849 
berichtete,  viele  Sioux- Weiber  entschieden  schön  sind  und 
manche  von  ihnen  an  Regelmäßigkeit  der  Gesichtszüge  und 
an  Ebenmäßigkeit  der  Gestalt  manche  der  gefeiertsten  euro- 
päischen Schönheiten  sogar  übertreffen.199 

Über  einen  von  Dr.  HOLDER  1889  untersuchten  Da- 
kota-Ätfe  bei  den  Crow  sieh   Seite  347—349    dieses  Buches. 


novdamerikanische  Rothäute 


339 


MALLERY  gibt  in  seinen  „Pictographs"  auch  zwei 
homoerotische  Winter-Kalender,  Waniyetu  wöwapi  oder  Hekta 
yawapi,  bekannt,  deren  Originale  im  Besitz  von  O  g  1  a  1  a 
Dakota  Indianern  der  Pine  Ridge  Agency  sich  befanden. 
Der  eine  Kalender  (I)  ist  die  Kopie  eines  Kalenders  des  In- 
dianers American-Horse,  den  schon  sein  Großvater  an- 
legte, sein  Vater  und  er  selber  fortsetzte.  Der  andere  (II)  ist 
die  Kopie  eines  Kalenders  im  Besitz  des  Indianers  C  1  o  u  d  - 
S  h  i  e  1  d.  Das  Dakota-Kalenderjahr  umfaßt  einen  Teil  von 
zweien  unserer  Kalenderjahre.  In  den  beiden  obengenannten 
Dakota-Kalendern  ist  nun  das  von  MALLERY  berechnete  Jahr 
1848/49  auf  folgende  Weise  durch  Hinmordung  eines  indianischen 
„Hermaphroditen"  gekennzeichnet : 


Figur  6   (zu  I)  Figur  7  (zu  II) 

Skizzen    eines    ,, Hermaphroditen"    der  Crow-Indianer  in    Dakota- Kalendern 
für   1848 — '49   nach  Mallery 

I:  American-Horse  Vater  nahm  einen  Crow  ge- 
fangen, der  wie  ein  Weib  gekleidet  ging,  sich  aber  als  einen 
Hermaphroditen    herausstellte    und  getötet    wurde  (Figur  6). 

II:  American-Horse  Vater  nahm  ein  Crow- Weib 
gefangen  und  überließ  es  den  jungen  Männern  (seines  Stammes), 
welche  entdeckten,  daß  es  ein  Hermaphrodit  war  und  es 
töteten    (Figur  7). 

In  einem  andern  Dakota-Kalender  von  der  Hand  des 
Indianers  White-Cow-Killer  zu  Pine  Ridge  Agency 
wird  das  Jahr  1848/49  als  ,,Half-man-and-half-woman-killed- 
winter"  bezeichnet,  also  als  der  „Winter,  in  dem  ein  Halbmann- 
und  Halbweib- Wesen  getötet  wurde". 

22* 


34° 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


MALLERY  meint,  es  habe  sich  hier  wahrscheinlich  um 
einen  jener  bei  den  Indianerstämmen  nicht  seltenen  Männer 
gehandelt,  welche  Kleidung  und  Beschäftigung  der  Weiber  an- 
nehmen, und  er  bemerkt  dazu,  das  geschehe  bisweilen  zwangs- 
weise, zum  Beispiel,  um  behufs  Aufdeckung  einer  Übeltat  ein 
Ordeal  (Gottesurteil)  zu  erhalten.2"0  Damit  geht  er  nur  dem 
wahren  Sachverhalt  unwissenschaftlich  aus  dem  Wege. 

Die  Aufnahme  des  Hermaphroditen-Mordes  in  die  Kalender 
beweist  einerseits  die  Ungewöhnlichkeit  einer  derartig  brutalen 
Behandlung  der  Zwitternatur  unter  den  Dakota-Indianern. 
Sie  läßt  andererseits  vermuten,  daß  der  Mord  in  diesem  Falle 
mehr  den  fremden  Stamm  treffen  sollte  und  aus  Enttäuschung 
der  um  das  Opfer  ihrer  Lüste  gebrachten  Jugend  erfolgte,  als 
dem  ,, Hermaphroditen"  als  solchem  gegolten  haben  wird. 

Übrigens  nennen  nach  VON  SCHLAGINTWEIT  1876 
die  Sioux-Frauen  jeden  Mann,  der  arbeiten,  d.  i.  nicht  bloß 
rauchen,  fischen,  jagen  und  Krieg  führen  will,  Squaw  oder  Frau,201 
und  das  mögen  denn  wohl  meist  homoerotisch  veranlagte  Na- 
turen sein. 

DieOto  (Ottoe,  Selbstname :  W  a  t  o  q  t  a  t  a) 
J.  T.  IRVING  erzählt  ausführlich  die  Verwandlung  eines 
Kriegers  des  O  t  o  -  Stammes  in  ein  „Weib"  ;  der  Mann  gehörte 
zu  den  stolzesten  und  höchsten  Kriegern.  Nach  der  Rückkunft 
von  einem  Kriegszuge  gegen  die  Osagen  traf  ihn  das  Schicksal 
in  Gestalt  eines  Traumes.  Am  nächsten  Morgen  war  er  wie 
umgewandelt,  versammelte  seine  Familie  um  sich  und  erklärte, 
der  große  Geist  habe  ihn  im  Traum  besucht;  seinen  Krieger- 
rang müsse  er  fallen  lassen  und  die  Tracht  des  Weibes  anlegen. 
Man  hörte  ihn  mit  Betrübnis  an.  Man  wies  auf  seinen  großen 
und  kriegerischen  Namen  hin;  aber  nichts  konnte  ihn  von 
seinem  Entschlüsse  abbringen.  Alsdann  tat  er  dem  Stamm  seinen 
unwiderruflichen  Entschluß  kund  und  man  konnte  nicht  umhin, 
ihm  beizupflichten.202 

Die  Osagen 
(sprich  Osaschen ;  Huzzaws;  Wasäsch,  d.  h.  Knochen- 
menschen, von  den  Algonkin  genannt) 
MC  COY  lernte  bei  den  Osagen  einen  mageren,  geister- 


Dordamerikanische  Rothäute  041 

haften  25jährigen  Mann  kennen,  der  in  allem  als  Weib  erschien, 
aber  kränklich  war.  Bei  den  Osagen  und  anderen  rohen  Stäm- 
men des  Nordens  seien,  wenn  auch  nicht  zahlreich,  in  Ge- 
sellschaft der  Weiber  Kinäden  zu  sehen,  die  Wesen  und 
Erscheinung  der  Weiber  so  vollkommen  wie  nur  möglich  ko- 
pierten und  ihr  ganzes  Leben  hindurch  beibehielten.203 

Die  Kansas  (Arkansas) 

Bei  den  Kansas  war  Päderastie  ein  nicht  seltenes 
„Verbrechen" ;  manche  ihr  ergebene  Männer  waren  öffentlich 
als  solche  bekannt,  schienen  aber  weder  verachtet  zu  sein, 
noch  Ekel  zu  erregen.  Mit  einem  solchen  Manne  machte  SAY 
Bekanntschaft.  Er  wäre,  meint  SAY,  Päderast  „geworden" 
infolge  eines  wegen  seiner  mystischen  Heilung  geleisteten 
Schwures,  der  ihn  verpflichtet  habe,  seine.  Männertracht  mit 
Weibertracht  zu  vertauschen,  um  Weiberarbeit  verrichten 
und  seine  Haare  lang  wachsen  lassen  zu  dürfen.  Er  habe 
sich  selbst  mit  einem  Spiraldraht,  einem  für  diesen  Zweck 
gebräuchlichen  Instrument,  aufs  sorgfältigste  Kinn,  Achsel- 
höhlen, Augenbrauen  und  Scham  enthaart  und  jedes  Bart- 
haar  entfernt,   das   bei   ihm  sich  zeigte.204 

KOHLER  verweist  auf  „Relation  de  la  Mission  du  Mis- 
sisipi  en  ijoo"  ,  woselbst  der  Umgang  mit  Kinäden,  die  sich 
gewerbsmäßig  prostituierten  und  als  Weiber  auftraten,  auch 
für  die  Arkansas  dargelegt  sein  soll.205  Dort  wird  aber  nur 
mitgeteilt,  daß  man  im  Dorfe  Kappa  in  Arkansas  ein  „Mann- 
weib" gesehen  habe;  doch  sei  es  k  e  i  n  Arkansas,  sondern  ein 
Illinois  gewesen.     Sieh  die  Illinois,  Seite  325  dieses  Buches. 

Die  Omaha  (Omanhan,  Umanhan) 
Bei  den  Omaha  ist  es  nach  DORSEY  (1884)  üblich, 
einen  Mann  oder  einen  Knaben,  welcher  der  Päderastie  oder 
dem  „Schoopanismus"  ergeben  ist,  als  Minquga  oder  „Her- 
maphrodit" zu  bezeichnen.  Ein  Ponka  und  zwei  Crows  be- 
deuteten ihm,  der  Minquga  sei  verrückt  (foolish),  deshalb 
handle  er  so.206  Diese  „Erklärung"  beweist  doch  wieder  nur 
ein  heuchlerisches  Eingehen  der  Indianer  auf  die  europäischen 


342  Die  amerikanischen  Naturvölker 

Vorurteile  oder  die  Verständnislosigkeit  auch  der  weibliebenden 
Rothaut  für  die  homoerotische  Naturveranlagung. 

In  diesem  Stamm  soll  nur  der  Mann  unverheiratet, 
Isinu  oder  Wamanhe,  sein,  der  ein  Weib  nicht  ernähren  kann,207 
und  im  ganzen  Stamm  gab  es  1879  nur  2 — 3  öffentliche  Frauen 
(MkWa).208 

Die  Ponka 
Wenn  ein  Knabe  mit  Mädchen   spielt,    die    nicht  gerade 
seine  Schwestern  sind,  so  halten  ihn  die  Ponka  nach  DORSEY 
(1884)  für  einen  Minquga  oder  „Hermaphroditen".209 

Die    F  a  1 1  - 1  n  d  i  an  e  r 

(Gros-Ventres  oder  Pawäustic-Eithinyook) 

Die  F  a  1 1-Indianer  hatten  1889  nach  HOLDER  sechs 

Bote;210  diese  Mannspersonen  mit  der  Kleidung  und  den  Sitten 

der  Weiber  hatten  nach  BEST  Umgang  mit  andern  Männern.211 

Die  R  e  e  s  -  I  n  d  i  a  n  e  r 
Nach  Dr.  BEST  auf  Fort  Berthold,  Dakota,  gab  es 
um  1889  unter  den  R  e  e  s-Indianern  einige  wenige  Manns- 
personen von  weiblichen  Manieren  und  in  weiblicher  Kleidung, 
welche  mit  anderen  Männern  zusammen  wohnten;  in  welcher 
Weise  und  zu  welchem  Zwecke  vermochte  der  Arzt  nicht  an- 
zugeben.212 

Die    Mönnitari 
(Menitaries,    Minetarees,    Hidatoa) 
Unter  den  Mönnitari  traf    der    Prinz    ZU    WIED 
1832/4  zwei  bis  drei  Bardaches  oder  „Mannweiber"  an.213 

Die  Mandan 

Bei  den  Mandan  wurden  die  „Mannweiber"  Mih-Däckä 
(zusammengesprochen)  genannt  (ZU  WIED)  214  und  für  ge- 
schlechtliche Genüsse  den  Weibern  vorgezogen  (CHARBON- 
NEAU).215 

Noch  1889  erwähnt  Dr.  BEST  bei  den  Mandan  Männer 
mit  der  Tracht  und  den  Sitten  der  Weiber  und  männlichem 
Geschlechtsverkehr. 216 


nordamerikanische  Rothäute  •  013 

Auch  der  englische  Maler  CATLIN,  der  sie  ,,beau",  ,,dandies 
or  exquisites"  nennt  und  über  ihre  eigentliche  Natur  sich  nicht 
ausspricht,  ist  ihnen  begegnet  und  erzählt  eine  sie  betreffende 
sehr  niedliche  Geschichte:  Auf  das  prächtigste  herausgeputzt, 
aber  bar  aller  der  ehrenvollen  Siegeszeichen,  wie  Skalplocken 
und  Bärenkrallen,  stolzieren  indianische  Stutzer  an  schönen 
Tagen  um  das  Dorf  herum.  Sie  lieben  es  nicht,  in  „ehrenvollem" 
Kampfe  ihr  Leben  aufs  Spiel  zu  setzen  oder  dem  Grizzli-Bären 
zu  begegnen,  sondern  bleiben  gewöhnlich  in  der  Nähe  ihres 
Dorfes  und  kleiden  sich  in  die  Felle  solcher  Tiere,  die  sie  leicht 
erlegen  können,  ohne  die  rauhen  Felsen  nach  dem  Kriegs- Adler 
durchstreifen  oder  den  Grizzli-Bären  in  seinen  Schlupfwinkeln 
aufsuchen  zu  müssen.  Sie  schmücken  sich  mit  Schwan-Dunen 
und  Enten-Federn,  mit  Geflecht  von  wohlriechenden  Gräsern 
und  anderen  harmlosen  und  bedeutunglosen  Dingen,  welche, 
gleich  ihnen,  kein  weiteres  Verdienst  aufweisen,  als  daß  sie 
hübsch  und  zierlich  aussehen.  Diese  zierlichen  und  eleganten 
Stutzer,  deren  es  in  jedem  Dorfe  nur  wenige  gibt,  werden  von 
den  Häuptlingen  und  Kriegern  gering  geachtet,  da  alle  sehr 
wohl  wissen,  welchen  gewaltigen  Abscheu  sie  vor  Waffen  haben, 
weshalb  man  sie  „Feiglinge"  oder  „alte  Weiber"  nennt.  Sie 
scheinen  jedoch  hieraus  sich  wenig  zu  machen,  vielmehr  mit 
der  Berühmtheit,  die  sie  wegen  der  Schönheit  und  Eleganz 
ihrer  persönlichen  Erscheinung  bei  den  Frauen  und  Kindern 
erlangt  haben,  sich  zu  bescheiden;  sie  freuen  sich  ihres  Lebens, 
obgleich  sie  als  die  Müßiggänger  im  Dorfe  gelten.  An  schönen 
Tagen  sieht  man  auf  seinem  scheckigen  Pferdchen  solch  einen 
Reiter  in  seinem  ganzen  Staat :  Einen  Fächer  vom  Schwanz  eines 
Truthahns  in  der  Rechten,  eine  Pfeife  und  einen  Fliegenwedel 
an  derselben  Hand,  auf  weichem,  mit  Büffelhaaren  gepolstertem 
und  mit  Stachelschweinstacheln  und  Hermelin  besetztem  Sattel 
von  Hirschhaut,  durch  das  Dorf  und  um  dasselbe  einige  Male 
im  Umkreise  herum  reiten ;  dann  nähert  sich  der  Reiter  behut- 
sam dem  Ort,  an  welchem  die  Krieger  und  der  jugendliche 
Nachwuchs  mit  männlichen  athletischen  Spielen  sich  unter- 
halten. Nach  ein-  bis  zweistündiger  Augenweide  reitet  er  wieder 
heim,  sattelt  sein  Pferdchen  ab,  treibt  es  auf  die  Weide,  nimmt 
einige  Erfrischungen  zu  sich,  raucht  eine  Pfeife,  fächelt  sich  in 


344 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Schlaf  und  verbringt  den  Rest  des  Tages  mit  Nichtstun. 
Während  C  a  1 1  i  n  malte,  kamen  täglich  zwei  oder  drei 
dieser  Stutzer  in  ihrem  Putz  an  die  Tür  seiner  Hütte,  ohne 
weiter  etwas  zu  erfahren,  als  was  sie  durch  die  Spalten  seiner 
Hütte  sehen  konnten.  Die  Häuptlinge  gingen  an  ihnen  vorüber, 
ohne  sie  sonderlich  zu  beachten  und  natürlich  auch,  ohne  sie 
zum  Eintritt  in  des  Malers  Hütte  aufzufordern,  während  sie 
selbst  offenbar  nur  deshalb  täglich  vor  seiner  Hütte  erschienen, 
damit  sie  von  ihm  gemalt  würden.  C  a  1 1  i  n  beschloß  auch, 
sie  zu  malen,  denn  ihr  Anzug  erschien  ihm  schöner,  als  irgend 
ein  anderer  im  ganzen  Dorfe.  Als  er  daher  die  Bildnisse  aller 
angesehenen  Männer,  die  sich  von  ihm  hatten  malen  lassen 
wollen,  vollendet  hatte  und  nur  zwei  oder  drei  Häuptlinge  in 
seiner  Hütte  sich  befanden,  ging  er  an  die  Tür  und  berührte 
einen  der  jungen  Burschen  an  der  Schulter.  Dieser  verstand 
auch  sofort  den  Wink  und  folgte  ihm,  hoch  erfreut  über  die 
ehrenvolle  Auszeichnung,  die  C  a  1 1  i  n  ihm  und  seinem  schönen 
Anzug  zuteil  werden  ließ.  Unmöglich  schien  es  dem  Maler, 
den  Ausdruck  der  Dankbarkeit  in  dem  Gesicht  dieses  armen 
Burschen  zu  schildern,  dessen  Herz  in  freudigem  Stolz  schlug 
bei  dem  Gedanken,  daß  er  auserwählt  sei,  neben  den  Häupt- 
lingen und  Angesehenen,  deren  Bildnisse  er  in  der  Hütte  sah, 
unsterblich  gemacht  zu  werden,  und  er  hielt  sich  durch  diese 
Ehre  gewiß  dafür  hinreichend  belohnt,  daß  er  nun  drei  Wochen 
lang  täglich,  auf  das  Schönste  bemalt  und  geputzt  und  bald 
auf  dem  einen,  bald  auf  dem  andern  Fuße  stehend,  vor  des 
fremden  Malers  Hütte  ausgehalten  hatte.  C  a  1 1  i  n  fing  nun 
an,  ihn  in  ganzer  Figur  zu  zeichnen  und  fand  in  ihm  einen 
überaus  hübschen  Burschen;  sein  Anzug  war  von  Kopf  bis 
zu  Fuß  aus  dem  Fell  der  Bergziege,  das  an  Weiße  und 
Weiche  fast  dem  chinesischen  Kreppe  gleichkommt,  gefertigt 
und  mit  Hermelin  und  schön  gefärbten  Stachelschweinstacheln 
besetzt;  sein  langes  Haar,  über  Schulter  und  Nacken  herab- 
fallend, reichte  fast  bis  zur  Erde  und  war,  gleich  dem  der 
Frauen,  auf  der  Stirn  gescheitelt;  er  besaß  eine  große  und 
schöne  Figur  und  eine  Anmut  und  Lieblichkeit  in  den  Be- 
wegungen, die  einer  besseren  Kaste  würdig  waren.  In  der 
linken  Hand  hielt  er  eine  prächtige  Pfeife,  in  der  rechten  den 


nordamerikanische  Rothäute 


345 


Fächer,  und  an  derselben  Hand  hingen  noch  die  Peitsche  von 
Elenshom  und  der  aus  einem  Büffelschwanz  verfertigte 
Fliegenwedel.  Es  war  an  ihm  nichts  Furchterregendes  und  gar 
nichts,  was  den  zartesten  und  keuschesten  Sinn  hätte  ver- 
letzen können.  So  weit  war  unser  Maler  gekommen,  als  die 
Häuptlinge,  welche  in  seiner  Hütte  saßen,  plötzlich  sich  er- 
hoben, sich  fest  in  ihre  Büffelhäute  wickelten  und  schnell  auf 
ungewohnte  Art  die  Hütte  C  a  1 1  i  n  s  verließen.  Wohl  war 
dem  Maler  ihre  Unzufriedenheit  aufgefallen,  aber  er  fuhr  fort 
zu  malen,  bis  einige  Augenblicke  später  der  Dolmetscher  in 
seine  Hütte  stürzte  und  ausrief:  „Mein  Gott,  Herr,  das  geht 
nimmer  gut  —  Ihr  habt  die  Häuptlinge  beleidigt  —  sie  haben 
sich  über  Euer  Benehmen  beschwert  —  sie  sagen,  der  da  sei 
ein  ganz  unnützer,  ein  unwürdiger  Mensch,  und  wenn  Ihr  sein 
Bildnis  malen  wolltet,  so  müßtet  Ihr  augenblicklich  das  der 
Häuptlinge  vernichten,  —  es  bleibt  Euch  keine  Wahl,  lieber 
Herr,  —  und  je  schneller  Ihr  dieses  Bürschchen  aus  Eurer 
Hütte  fortschickt,  um  so  besser!"  Dasselbe  erklärte  sodann 
der  Dolmetscher  auch  dem  schönen  jungen  Indianer,  und  dieser 
hängte  seine  Büffelhaut  um.  hielt  den  Fächer  vor  sein  Gesicht 
und  entfernte  sich  schweigend,  aber  mit  einem  erzwungenen 
Lächeln,  aus  der  Hütte  des  Malers.  Eine  kurze  Zeit  noch  nahm 
er  seine  frühere  Stellung  an  der  Tür  wieder  ein  und  ging  dann 
ruhig  fort.  „So  hoch  schätzen,"  schließt  CATLIN  seine  Er- 
zählung, „die  Tapferen  und  Würdigen  unter  den  Mandan  die 
Ehre,  gemalt  zu  werden,  und  so  sehr  schätzen  sie  jeden  gering, 
wie  reich  auch  sonst  die  Natur  ihn  mag  ausgestattet  haben, 
der  nicht  den  Stolz  und  das  edle  Wesen  eines  Kriegers  zeigt".217 
CATLIN  gedenkt  zwar  nicht  mit  einer  Andeutung  der  wahr- 
scheinlichen Natur  der  von  ihm  mit  Maleraugen  geschauten 
und  mit  vollendeter  Malerkunst  gezeichneten  mädchenhaften 
Zierpuppe,  aber  ERMAN  hatte  ohne  Zweifel  die  hier  mit- 
geteilte Erzählung  im  Auge,  als  er  die  Worte  niederschrieb,  daß 
CATLIN  unter  den  kriegerischen  inneramerikanischen  Stämmen, 
mit  denen  er  auf  der  Ostseite  des  Felsengebirges  umging,  das  Vor- 
kommen einzelner  Männer  erwähne,  die  nur  für  ihren  höchst 
auffallenden  Putz  zu  leben  schienen,  sich  der  äußersten  Ver- 
achtung ihrer  Landsleute  feige  unterwarfen,  seiner  ihnen  anfangs 


Qd.6  Die  amerikanischen  Naturvölker 

zugewendeten  Aufmerksamkeit  durchaus  unwert  erklärt  wurden 
und  bei  den  inneramerikanischen  Stämmen 
das  seien,  was  die  Kamtschadalen  durch  das  Wort 
Kojektschuchtschi  und  die  Korjaken  durch  das  Wort  Keelgi 
als  eine  eigene  Abart  ihrer  Männer  bezeichneten.218 

Die  K r ä h e n -  I n d i a n e r 
(Crow,  Absaroke,  Aubsaroke,  Upsaroka) 
Den  Gebrauch  der  Bardaches  bei  den  Crow  erwähnt 
ZU  WIED.219  Genauere  Angaben  über  diese  Bardaches,  in 
denen  auch  zum  ersten  Mal  auf  die  Form  päderastischer  Be- 
friedigung des  Geschlechtstriebes  bei  Indianern  eingegangen 
wird,  lieferte  erst  1889  HOLDER.  Den  Wunsch  hegend,  genaue 
Untersuchung  über  Sein  oder  Nichtsein  der  in  der  Literatur 
als  Hermaphroditismus  bekannten  Anomalie  anzustellen,  suchte 
HOLDER  den  bei  den  Crow  von  Montana  ,Bote'  genannten 
Bardaches  näher  zu  treten.  Dieses  Wort  bö-ü  bezeichnet 
buchstäblich  „nicht  Mann,  nicht  Weib";  ein  entsprechendes 
T  u  1  a  1  i  p  -Wort,  dessen  die  Indianer  des  Washington- 
Gebietes  sich  bedienen,  ist  nach  HOLDER  Burdash,  welches 
„halb  Mann,  halb  Weib"  bedeutet,  ohne  damit  auf  eine 
anomale  Bildung  der  Geschlechtsorgane 
hinzuweisen.  Der  Bote  nimmt  das  männliche  Glied  seines 
Partners  zwischen  seine  Lippen  „und  versucht  wahrscheinlich 
gleichzeitig  seine  eigene  Befriedigung".  Fünf  Bote  wies  1889 
der  Crow-Stamm  auf  und  eine  ungefähr  gleiche  Zahl  hatte  er 
auch  früher.  Sie  bilden  eine  Klasse  in  jedem  Stamm,  kennen 
sich  untereinander  und  knüpfen  freundschaftliche  Beziehungen 
mit  ihresgleichen  in  anderen  Stämmen  an,  so  daß  sie  über 
die  urnischen  Verhältnisse  auch  der  Nachbarstämme  genau 
unterrichtet  sind.  Sie  tragen  weibliche  Kleidung,  scheiteln  ihr 
Haar  in  der  Mitte  und  flechten  es  wie  ein  Weib,  besitzen  oder 
erkünsteln  weibliche  Stimme  und  Gebärden  und  leben  in 
beständiger  Verbindung  mit  Weibern,  gleich  als  ob  sie  zu  diesen 
gehörten.  Indessen  verlieren  ihre  Stimme,  ihre  Gesichtszüge  und 
ihre  Gestalt  nie  so  sehr  die  männlichen  Eigenschaften,  daß 
es  einem  aufmerksamen  Beobachter  schwer  wäre,  einen  Bote 
von   einem   Weibe  zu   unterscheiden.     Ein  solcher   Bote  ver- 


nordamerikanische  Rothäute  o a-i 

richtete  bei  den  Crow  weibliche  Arbeit,  wie  fegen,  scheuern, 
Schüsseln  spülen,  mit  solcher  Anstelligkeit  und  Willigkeit,  daß 
er  auch  bei  der  weißen  Bevölkerung  häufig  Beschäftigung 
erhielt.  Gewöhnlich  wird  die  weibliche  Tracht  in  der  Kindheit 
angelegt  und  auch  weibliche  Sitten  werden  schon  früh  „an- 
genommen" ;  doch  den  Beruf,  dem  er  sich  später  widmet,  übt 
ein  Bote  erst  zur  Zeit  seiner  Geschlechtsreife  aus.  Ein  kleiner 
Schüler  einer  Erziehunganstalt  (Knaben-Pensionat  einer  In- 
dianer-Agentur) wurde  öfters  dabei  ertappt,  wie  er  heimlich 
weibliche  Kleidung  anlegte;  obwohl  jedesmal  bestraft,  bildete 
er  sich  doch,  der  Schule  entwachsen,  zum  Bote  aus,  welchem 
Berufe  er  seitdem  treu  geblieben  ist.  Ein  bei  dem  Crowstamm 
beglaubigter  Bote,  der  zur  Kundschaft  des  Arztes  Dr.  HOLDER 
gehörte,  war  ein  Dakota-Indianer;  er  wird  als  ein  prächtig 
gestalteter  Bursche  von  einnehmenden  Gesichtszügen,  voll- 
kommener Gesundheit,  lebhafter  Beweglichkeit  und  glück- 
lichster Gemütsveranlagung  geschildert;  HOLDER  zog  ihn  zu 
seiner  Bedienung  heran  und  brachte  ihn,  wenn  auch  nach  langem 
Widerstreben,  durch  Erweisung  von  allerhand  Aufmerksam- 
keiten dahin,  sich  von  ihm  untersuchen  zu  lassen.  5  Fuß  8  Zoll 
hoch,  158  Pfund  schwer,  33  Jahre  alt,  vollkommen  bartlos, 
mit  offenem,  intelligentem  Gesicht,  hatte  dieser  Bote  die  aus 
vier  Kleidungstücken  bestehende  weibliche  Tracht  bereits  im 
sechsten  Lebensjahre  angelegt.  Er  trug  sein  24  bis  26  Zoll 
langes  Haar  in  der  Mitte  gescheitelt  und  ließ  es  in  zwei  Wellen 
locker  hinter  den  Schultern  herabfallen;  es  ist  das  zwar  die 
gewöhnliche  Haartracht  der  Männer  bei  den  Dakota,  aber  bei 
den  Crow  teilen  die  Männer  ihr  Haar  seitlich  und  tragen  es 
in  langen  Flechten.  Nach  seiner  Entblößung  zeigte  sich  die 
Haut  des  Bote  weich  und  haarlos,  selbst  Brust,  Arme,  Achsel- 
höhlen und  Beine  waren  vollkommen  unbehaart,  was  aber  als 
bedeutunglos  bezeichnet  wird,  weil  alle  Indianer  der  Kund- 
schaft Dr.  HOLDERs,  Männer  wie  Weiber,  dieselbe  Eigen- 
tümlichkeit aufwiesen.  Seine  Brustwarzen  waren  wie  sonst 
beim  Manne  kümmerlich.  Als  der  Bote  das  seine  Geschlechts- 
teile verdeckende  Kleidungstück  entfernte,  gab  er  seinen 
Schenkeln  eine  solche  Lage,  daß  sie  die  Geschlechtsorgane  voll- 
ständig versteckten,  eine   Bewegung,  welche   HOLDER  sonst 


048  D'e  amerikanischen  Naturvölker 

nur  bei  der  Untersuchung  schamhafter  Frauen  sah,  bei  denen 
sie  wegen  der  mehr  zurücktretenden  Genitalien  und  der  starken 
Rundung  der  Schenkel  den  Zweck  leicht  erreichte.  Indes  auch 
dem  Bote  gelang  das  Kunststück  vollkommen,  vielleicht  wegen 
der  Bildung  seiner  Schenkel,  welche  dem  untersuchenden  Arzte 
von  weiblicher  Fülle  zu  sein  schienen,  oder  infolge  einer  durch 
Übung  erlangten  Geschicklichkeit.  Freundlichst  gebeten,  seine 
Schenkel  zu  trennen,  ließ  der  Bote  männliche  Organe  zum 
Vorschein  kommen,  an  Größe  vielleicht  nicht  ganz  so,  wie 
die  stattliche  Gestalt  des  Mannes  sie  hätte  vermuten  lassen, 
aber  in  Bildung  und  Lage  vollkommen  normal.  Der  Penis 
hatte  im  schlaffen  Zustand  4%  Zoll  Länge  bei  3%  Zoll  Umfang; 
Vorhaut  und  Eichel  waren  normal,  jeder  Hode  hatte  die  Größe 
einer  kleinen  Mandel,  die  Scham  bekleidete  ein  dünner  Wuchs 
kurzer  Behaarung,  wie  gewöhnlich  beim  männlichen  Indianer. 
Vor  der  Untersuchung  hatte  der  Bote  dem  Arzt  das  Ver- 
sprechen abgenommen,  nichts  über  seinen  Befund  zu  verraten, 
und  nachher  versicherte  er  ihn,  daß  seit  seiner  Kindheit  noch 
niemand  außer  dem  Arzt  seine  Geschlechtsteile  gesehen  habe; 
seine  ständigen  Gefährten  seien  Frauen;  und  auf  die  Frage, 
wie  er,  mit  Frauen  zusammen  badend,  es  anfange,  diesen  den 
Anblick  seines  Gemachtes  zu  entziehen,  erwiderte  er:  „Das 
mache  ich  so",  und  schlug  wiederum  seine  Schenkel  so  zu- 
sammen, wie  er  es  beim  Ablegen  des  letzten  Kleidungstückes 
getan  hatte;  Penis  und  Hodensack  waren  wieder  vollständig 
unsichtbar  und  es  hätte  einer  Besichtigung  aus  allernächster 
Nähe  bedurft,  um  über  sein  Geschlecht  ins  Klare  zu  kommen. 
Er  bestritt,  jemals  geschlechtlichen  Umgang  mit  einem  Weibe 
gepflogen  zu  haben,  und  fügte,  auf  seine  Scham  deutend,  hinzu: 
„Kein  Geschwür  und  keine  Narbe!"  —  nach  HOLDER  bei 
einem  so  venerischen  Stamm  wie  den  Crow  auf  keinen  Fall 
ein  schlechtes  Argument.  Nach  der  Aussage  anderer  Indianer 
sollte  der  Bote  dennoch  gelegentlich  mit  Frauen  geschlechtlich 
verkehrt  haben;  sein  Hauptvergnügen  bestände  aber  darin, 
andere  Männer  zu  überreden,  sich  seinen  Liebkosungen  zu 
fügen.  Zwei  Jahre  hindurch  habe  der  Bote  als  weiblicher  Teil 
vertrautesten  Umgang  mit  einem  und  demselben  bekannten 
Indianer  gepflogen  und  mit  diesem  wie  in  richtiger  ehelicher 


nordamerikanische  Rothäute  349 

Gemeinschaft  gelebt.  Doch  sei  das  nicht  der  für  einen  Bote 
gewöhnliche  Zustand;  er  sei  vielmehr,  gleich  den  Weibern  des 
Stammes,  bereit,  jedem  Manne  zu  willfahren,  der  seine  Dienste 
verlange.220 

Nach  SIMMS  ist  schon  bekannt,  daß  es  unter  den 
Krähen-Indianern  mehr  ,, Hermaphroditen"  gibt  als  bei  irgend 
einem  anderen  Stamm  sowie  daß  bei  einer  gewissen  dem 
Sonnentanz  ähnlichen  Festlichkeit  ein  ..Hermaphrodit"  einen 
bestimmten  Teil  der  Aufrichtung  des  Häuschens,  in  welchem 
diese  Festlichkeit  stattfindet,  besorgt.  Während  eines  im  Inter- 
esse des  Field  Columbian  Museum  unternommenen  Besuchs  in 
der  Crow-Reservation  1902  belehrte  man  SIMMS,  im  dortigen 
Crow- Stamme  gebe  es  drei  Hermaphroditen.  Einer  lebe  in  Pryor, 
einer  im  Big  Hom  District  und  einer  im  Black  Lodge  District. 
Diese  Personen  wurden  gewöhnlich  weiblich  benannt  und  als 
Besitzer  der  geräumigsten  und  bestbestellten  Hütten  (Tipis) 
bezeichnet.  Sie  wurden  auch  allgemein  als  besonders  geschickt 
in  Führung  der  Nadel  und  als  die  tüchtigsten  Köche  im  Stamm 
angesehen  und  wegen  ihrer  mannigfachen  liebreichen  Hand- 
lungen hochgeachtet.  Gelegentlich  einer  Untersuchung  der 
Hütten  im  Pryor-District  stieß  SIMMS  auf  ein  Individuum, 
von  dem  man  sagte,  es  sei  halb  Mann,  halb  Weib.  Kurz  darauf 
erschien  die  Person  in  Weibertracht  gekleidet,  welche  aus  einem 
weiten  Kaliko-Kittel  bestand,  der  über  den  Hüften  durch  einen 
mit  Perlen  verschwenderisch  besetzten  Riemen  festgehalten 
wurde,  und  aus  einem  Paar  Mokkassins.  Diese  Person  war 
beinahe  riesig  von  Gestalt,  dabei  jedoch  in  Stimme  und  im  Be- 
nehmen entschieden  weibisch.  Man  sagte,  bereits  in  früher 
Jugend  bekundeten  diese  Personen  eine  ausgesprochene  Vor- 
liebe für  Dinge,  die  zu  weiblichen  Obliegenheiten  gehören,  würden 
jedoch  durch  ihre  Eltern  gezwungen,  Knabentracht  zu  tragen. 
Sobald  sie  aber  der  Gerichtsbarkeit  ihrer  Eltern  entwachsen 
wären,  legten  sie  Weiberkleidung  an,  um  diese  nie  wieder 
abzulegen.  SIMMS  erzählt,  einige  Jahre  vorher  habe  ein 
indianischer  Agent  unter  Strafandrohung  sich  bemüht,  diese 
Art  Leute  zu  zwingen,  sich  in  Männertracht  zu  kleiden,  seine 
Bemühungen  seien  jedoch  erfolglos  geblieben.221 


o-q  Die  amerikanischen  Naturvölker 

Die  Assiniboin 
Auch    die  Assiniboin  haben   nach  ZU  WIED    ihre 
Bardaches.-''2 

b.  Die  nordpazifischen  Rothäute 
1.  Kothäute  der  amerikanischen  Nordwestküste 

Nach  ROOUEFEUIL  findet  sich  die ,,  Art  der  Ausschweifung 
orientalischer  Völker"  auch  bei  allen  Indianer- Stämmen  der 
Nordwestküste  von  Amerika  wieder;  der  Zynismus  der  Männer 
dieser  Stämme  steht  in  auffallendem  Gegensatz  zu  dem  zurück- 
haltenden Wesen  der  Frauen,  deren  Tracht  auch  die  vieler 
Männer  ist.223 

Die  Thlinkiten 

(Koloschen,  Tschinkitäneens)  auf  Alaska  224 
Einige  Reisende  der  „Solide"  glaubten  1791  nach  MAR- 
CHAND nicht  an  der  Tatsache  zweifeln  zu  dürfen,  daß  die 
,, Tschinkitäneens"  sich  mit  dem  „schimpflichsten  Laster"  be- 
sudelten, das  die  „unmoralische  Theogonie"  der  Griechen  ver- 
göttlicht  habe.  Dieses  Verhalten  fand  der  Gewährmann  wegen 
Seltenheit  und  Unzugänglichkeit  der  Frauen,  deren  Zahl  in 
starkem  Mißverhältnisse  zu  der  der  Männer  zu  stehen  schien, 
einigermaßen  erklärlich.  Jedoch  will  er  die  Anschuldigung  nur 
auf  Grund  der  Beobachtung  bei  einzelnen  Individuen  gelten 
lassen  und  hütet  sich,  ein  ganzes  Volk,  für  das  die  Vaterschaft 
einen  so  großen  Reiz  habe,  eines  Lasters  zu  bezichtigen,  das 
ebensosehr  der  Natur  als  der  Moral  widerstreite  und  das  alle 
Völker  der  Erde  als  ehrlos  ansähen.225  Nach  Angabe  des 
Schiffschirurgen  ROBLET  ergaben  sich  die  Männer  heimlich 
allen  Lüsten,  welche  ein  zügelloses  Bedürfnis  nach  immer 
neuen  Sinnenkitzeln  hätte  erfinden  können;  sie  wären  wür- 
diger Gegenstand  einer  Schilderung  A  r  e  t  i  n  o  s  gewesen. 
In  dem  Umstand,  daß  die  bezeichneten  „Scheußlichkeiten"  von 
denen,  die  sie  trieben,  sorgfältig  dem  Anblick  anderer  entzogen 
wurden,  findet  ROBLET  einen  Beweis  dafür,  daß  sie  doch 
von  der  Mehrheit  verabscheut  worden  seien  und  dem  Un- 
würdigen, der  sich  ihnen  ergeben,  nur  Schande  gebracht  hätten.226 
Man  fragt  sich  unwillkürlich,  wie  denn   ROBLET  zu  diesem 


nordamerikanische  Rothäute 


35 ] 


Anblick  hat  kommen  können,  wenn  er  so  sorgfältig  anderen 
entzogen  wurde. 

Die  Nutka  (VVakashan)  auf  Vancouver  Island 
Nach  ROOUEFEUIL  sind  die  Tabakpfeifen  und  die 
Stöcke  der  Nutka-  (Nootka-)  Indianer  oft  mit  Figuren  ge- 
schmückt, welche  die  „widerlichste  und  schmutzigste  Verderbt- 
heit" nach  „Art  der  Ausschweifung  orientalischer  Völker"  zur 
Darstellung  bringen.227 

Die  Siwash  (Oregon-Indianer) 
Nach    SMITH  hatten  die  Oregon  in  ihrem    Stamm 
zu  Klamath  1889  einen  „Hermaphroditen".228 

Die  Sahaptin  (Nez  Perces) 
Nach    HOLDER    besaßen    die    Sahaptin    um    1889 
zwei  Bote.29-9 

Die  Seliph  (Flathead) 
Nach   HOLDER   wiesen   die    Seliph   um   1889   vier 
Bote  auf.229 

Die  Washington-Indianer  (Tulalip) 
Auch  die  Indianer  des  Washington-Territorium  haben  ihre 
Bote,  welche  sie  hier  in  der  T  u  1  a  1  i  p-Sprache  Burdash,  d.  h. 
halb  Mann,  halb  Weib,  nennen  (HOLDER).229 

2.  Kalifornische  Rothäute 

Die  kalifornischen  Indianer  allein  im  Tal  des  Sacramento 
schätzte  OSSWALD  1849  auf  einige  30  000  Köpfe,  die  in 
sehr  zahlreichen,  durch  Sprache,  Kleidung,  Sitten  und  Gewohn- 
heiten scharf  von  einander  geschiedenen  Stämmen  (Rancheria) 
lebten.  Das  Christentum  habe  auf  die  12  000,  die  es  angenom- 
men, einen  merkbaren  Einfluß  kaum  geübt,  sei  lediglich  äußere 
Sache.  Und  wenn  die  Lebensweise  dieser  Christen  eine  mehr 
stete  und  ansässige  geworden  sei,  so  ständen  sie  ihren  heidnisch 
gebliebenen  Stammesgenossen  an  Tatkraft  bedeutend  nach.  Sie 
hätten  langes,   straffes,   schwarzes  Haar,   bedeutende  Muskel- 


352 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


kraft,  guten  Körperbau,  starke  Knochenbildung  und  eine 
dunklere  Hautfarbe  als  die  übrigen  Indianerstämme.  Sie  seien 
tüchtige  Fußgänger,  gute  und  bewundernswert  schnellfüßige 
Lastträger,  die  Männer  sowohl  als  die  Frauen.  Sie  hätten 
wenig  Bedürfnisse,  lebten  einfach,  arbeiteten  willig,  aber  nur 
dann,  wenn  mit  der  Anstrengung  ein  Vergnügen  verbunden 
sei.  Ihr  Wesen  sei  verschlossen  und  zurückhaltend.  Leiden- 
schaften wisse  die  kalifornische  Rothaut  in  seltenem  Grade  zu 
verbergen.  Kämen  sie  aber  einmal  zum  Ausbruch,  so  geschehe 
es  mit  unbegrenzter  Heftigkeit.  Für  Milde  und  Freundlichkeit 
sei  sie  sehr  empfänglich  und  vergelte  sie  mit  Willfährigkeit, 
Treue  und  Anhänglichkeit.  Rauhe  Behandlung  mache  sie  da- 
gegen störrisch.230 

Nach  POWERS  sind  die  kalifornischen  Indianer  fried- 
fertige Effeminierte  und  sinnlicher  als  ihre  Nachbarn,  die 
P  a  i  u  t  i  (Nevada-Indianer)  und  die  S  i  w  a  s  h  (Oregon- 
Indianer).  Sie  huldigen  mehr  als  diese  Spielen,  gesellschaft- 
lichen Tänzen  und  Schmausereien.231 

Nach  den  ersten  Niederlassungen  der  Spanier  in  San 
Diego  und  Monte  Rey  traf  eine  in  den  Jahren  1768,  1769  und 
1770  nach  Nord-Kalifornien  nebst  den  mexikanischen  Provinzen 
Sonora  und  Sinaloa  (Cinaloa)  unternommene  spanische  Ex- 
pedition in  dem  weiter  nördlich  gelegenen  Neualbion,  etwa 
gegen  den  14.  Breitegrad,  in  allen  Städten  eine  besondere  Gesell- 
schaft von  Männern,  welche  weibliche  Lebensweise  führten,  mit 
Weibern  zusammen  wohnten,  wie  diese  gekleidet  gingen, 
und  sich  mit  Kränzen,  Ohrringen,  Halsbändern  und 
anderem  Zierat  schmückten.  Wie  ein  ungenannter  Spanier 
angibt,  schienen  sie  unter  ihren  Landsleuten  in  grosser  Achtung 
zu  stehen.  Mangels  eines  Dolmetschers  konnten  die  Mitglieder 
der  Expedition  nicht  ermitteln,  was  für  eine  Gesellschaftklasse 
diese  Männer  darstellten,  zu  welcher  Dienstleistung  sie  bestimmt 
waren;  indessen  vermuteten  sie  einen  geschlechtlichen  Fehler 
dieser  Mannspersonen  oder  irgend  einen  Mißbrauch  dieser  Leute 
durch  die  Vornehmen  des  Landes.232  Der  Wunsch  ZIMMER- 
MANNS von  1806,  die  weiteren  Entdeckungen  möchten  auch 
diese  Sonderbarkeit  aufklären,233  war  bereits  erfüllt.  Denn  in 
der  Mission  San  Antonio  wurde  im  letzten  Viertel  des  18.  Jahr- 


nordamerikanische  Rothäute  oco 

hunderts  den  Patres  hinterbracht,  daß  sich  in  eins  der  Häuser 
der  Neubekehrten  zwei  Heiden  begeben  hätten,  der  eine  in 
seiner  angestammten  männlichen  Tracht,  der  andere  in  Weiber- 
kleidung. Dieser  war  ein  „Mannweib",  ein  Joya.  Und  als  nun 
der  Missionpater  in  Begleitung  des  Korporals  und  eines  Sol- 
daten unerwartet  das  Haus  der  Zöglinge  betrat,  um  zu  sehen, 
was  die  Heiden  da  suchten,  überraschten  sie  diese  bei  Aus- 
übung eines  podikatorischen  Aktes.  Sie  bestraften  die  Schul- 
digen, wenn  auch  nicht  mit  der  „verdienten  Härte",  und  hielten 
ihnen  die  Ungeheuerlichkeit  einer  solchen  Handlung  vor.  Der 
Heide  aber  erwiderte,  daß  jener  Joya  sein  Weib  sei  ...  . 
Allein  in  dem  Stück  Land  des  Kanals  von  Santa  Barbara 
gab  es  viele  Joyas,  geradezu  selten  war  eine  Ortschaft,  in 
der  man  nicht  zwei  oder  drei  antraf.234 

Durch  PEDRO  FAGES  erfuhr  man  ferner,  freilich  erst 
1844,  daß  es  unter  den  kalifornischen  Indianern  von  San  Diego 
bis  San  Francisco  und  denen  im  Innern  des  Landes  um  1769 
und  1770  Männer  in  Weibertracht  (Tamacsuma)  und  mit 
den  Lebensgewohnheiten  der  Weiber  gegeben  hat.  In  jedem 
Dorfe,  deren  mehr  als  zwanzig  bei  San  Diego  lagen,  lebten 
gewöhnlich  2  oder  3.  Sie  dienten  einem  „schimpflichen  Laster" 
{peche  honteux),  dem  jene  „Barbaren"  überhaupt  nur  „allzu 
sehr"  ergeben  waren.  Man  nannte  sie  Joyas  und  behandelte 
sie  mit  großer  Auszeichnung  (avec  beaucoup  de  distinction) .  Sie 
wohnten  mit  jungen  Mädchen  zusammen  und  standen  jeder- 
mann (d  tout  le  monde)  zur  Verfügung.'235 

Auch  von  den  Acagchemen-  Indianern  in  der 
Mission  Ober-Kaliforniens  St.  Juan  Capistrano  gibt  1846  der 
Franziskaner-Pater  GERONIMO  BOSCANA  an,  daß  vor  1821 
Männer  mit  Männern  sich  verheiratet  hätten.  Dieses  geschah 
öffentlich,  aber  ohne  Formalitäten  und  Zeremonien,  wie  sie 
bei  Heiraten  zwischen  Männern  und  Frauen  üblich  waren. 
Schon  in  ihrer  Kindheit  wurden  Knaben  dazu  ausgewählt  und 
erzogen,  sodaß  sie  mit  den  Jahren  in  die  Pflichten  des  Weibes 
hineinwuchsen,  in  ihre  Art,  sich  zu  kleiden,  zu  gehen,  zu  tanzen, 
und  in  allen  Einzelheiten  den  Frauen  glichen.  Kräftiger  als 
diese  waren  sie  besser  geeignet  für  die  härteren  weiblichen 
Dienstleistungen  und  wurden  aus  eben  diesem  Grunde  von  den 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  23 


354 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Häuptlingen  und  auch  von  anderen  Männern  gewählt,  die  dann 
an  ihrem  Hochzeittage  ein  großes  Fest  veranstalteten.  Diese 
dem  Pater  verächtliche  Menschenklasse  war  in  der  Mission 
unter  der  Bezeichnung  Cuit  bekannt;  im  Gebirge  hieß  sie 
Uiuqui  und  in  anderen  Teilen  des  Landes  Coias.  Diese  „schreck- 
liche Gewohnheit"  sei  aber  um  1821  bei  ihnen  gänzlich  außer 
Brauch  gekommen.  Ein  Missionar  von  St.  Domingo,  in  Nieder- 
Kalifornien,  habe  ihm  mitgeteilt,  daß  Indianer  aus  den  Tälern 
des  Colorado-Flusses,  denen  er  die  Frage  vorgelegt  habe,  ob 
sich  in  ihren  Gebieten  Coias  fänden,  ihm  geantwortet  hätten, 
früher  wären  solche  sehr  zahlreich  gewesen,  aber  eine  böse 
Seuche  habe  sie  vor  einigen  Jahren  befallen  und  alle  vernichtet. 
Leider  hätten  sie  die  genaue  Zeit  des  Eintretens  dieses  be- 
deutsamen Ereignisses  nicht  angeben  können,  da  sie  gar  keine 
Vorstellung  von  Zeitrechnung  besaßen.236  —  Die  listigen  In- 
dianer haben  hier  dem  Missionar  wohl  ein  Märchen  erzählt, 
von  dem  sie  gewiß  sein  konnten,  daß  er  es  mit  Wohlgefallen 
hören  und  für  erbauliche  Zwecke   verwerten  würde. 

Nach  DUFLOT  DE  MOFRAS  wies  1840  bis  1842  jeder 
Indianerstamm  im  Tal  de  los  Tulares  Mannspersonen  auf, 
welche  sich  als  Weiber  kleideten,  mit  Weibern  gemeinsamen 
Haushalt  führten,  an  deren  Arbeiten  teilnahmen  und  Vorrechte 
vor  ihnen  erlangten,  wenn  sie  den  „schimpflichsten  Lüsten" 
(debauclies)  sich  preisgaben;  seiner  Angabe  nach  aber  sollen 
die  Joyas,  die  keine  Waffen  tragen  durften,  in  allgemeiner 
Verachtung  gestanden  haben.237 

Die  A  t  s  u  g  e  w  i 
Nach  ROLAND  B.  DIXON  sind  bei  den  Achoma  w  i- 
und    den    A  t  s  u  g  e  w  i-Indianern   in    Nord-Kalifornien    Ber- 
dashes   oder   „Mannweiber"  noch  um    1903    nicht    ungewöhn- 
lich gewesen.238 

Die      A  c  h  o  m  a  w  i 
(Palaihnihan,     Pit     River-Indianer) 
POWERS  erzählt  von  einem  bejahrten  Achomawi,  daß 
er  sein  Weib,  mit  dem  er  wohl  ein  halbes  Jahrhundert  ver- 
heiratet war,  verließ  und   in  Trauer  um  sein  Weib,  als  ob  er 


nordamerikanische  Rothäute  o:: 

selbst  ein  Weib  wäre,  sein  Antlitz  teerte  —  ein  völlig  ohne 
Beispiel  dastehender  Vorgang,  der  bei  den  Indianern  als  Beweis 
einer  hochgradigen  Leidenschaft  angesehen  wird.  Sonst  haben 
die  Achomawi  zur  Weihe  ihrer  „Mannweiber"  für  ihr  selbst- 
gewähltes Leben  eine  besondere  Zeremonie.  Wenn  ein  Indianer 
sein  Verlangen  bekannt  macht,  seiner  männlichen  Pflichten 
enthoben  zu  werden,  muß  er  sich  inmitten  eines  Feuerkreises  auf- 
stellen; alsdann  wird  ihm  ein  Bogen  und  ein  Weiberstab  zur 
Auswahl  angeboten  und  er  wird  feierlich  verpflichtet,  in  Gegen- 
wart der  versammelten  Zeugen  sich  nach  seinem  Willen  zu 
entscheiden  und  in  Zukunft  bei  seiner  Wahl  zu  beharren.239 
Sieh  ferner  ROLAND  B.  DIXON  unter  den  Atsu- 
g  e  w  i ,  Seite  354  dieses  Buches. 

Die  Yuki  (Yukian,  Ukumnom) 
POWERS  hat  von  „Mannweibern"  unter  den  kaliforni- 
schen Indianern  auch  anderswo  gehört,  aber  solche  Leute  nur 
bei  den  Yuki  persönlich  kennen  zu  lernen  Gelegenheit  gefunden. 
Er  beschreibt  ein  solches  Zwitterwesen  aus  dem  Y  u  k  i-Dorf 
der  Reservation.  Es  trug  ein  Kleid  und  war  tatauiert, 
was  nie  ein  Mann  im  Yuki-Stamme  ist.  Es  hatte  eine  klagende 
Männerstimme  und  einen  merklichen,  aber  nur  sehr  kurzen 
und  dünnen  Knebelbart.  Auf  POWERS'  dringendes  Ansuchen 
machte  der  Agent  Burchhart  seinen  überlegenen  Einfluß 
geltend  und  veranlaßte  das  Zwittergeschöpf,  sich  nach  dem  Haupt- 
quartier bringen  zu  lassen  und  sich  dort  einer  ärztlichen  Unter- 
suchung zu  unterziehen.  Bei  dieser  ergab  sich,  daß  es  ein 
männliches  Menschenkind  ohne  Mißbildung  war,  jedoch  offenbar 
weder  auf  männliche  Leidenschaft  noch  überhaupt  auf  männ- 
liches Wesen  Anspruch  machte.  Es  lebte  in  einer  fremden 
Familie,  verrichtete  hier  freiwillig  alle  einer  Frau  obliegenden 
Arbeiten,  mied  dagegen  alle  dem  Manne  zukommenden  Tätig- 
keiten. POWERS  wurde  durch  den  Agenten  dahin  belehrt, 
daß  gleichzeitig  noch  vier  dieser  „sonderbaren  Geschöpfe"  sich 
in  der  Round  Valley  Reservation  befänden,  und  der  Pionier 
Charles  E  b  e  r  1  e  behauptete,  seiner  Berechnung  nach  habe 
es  in  früherer  Zeit  etwa  dreißig  im  Yuki- Stamm  gegeben. 
Mit  diesen  für  ihn  ganz  neuen  Tatsachen  konnte  POWERS 


356 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


sich  nicht  abfinden.     Er  wisse  den  Grund  ihrer  Eigenart  nicht. 
Frage  man  die  Indianer  selbst  danach,  so  versuchten  sie  durch 
Lachen    über   den    Gegenstand    hinwegzukommen.      Zu   einer 
Erklärung  gedrängt,    erwiderten    sie    allgemein,    sie   lebten   so, 
weil   sie   so   wollten,    oder    antworteten   in  jener  dem  Indianer 
eigentümlichen    mystischen    Umschreibung    mit    einem    langen 
Salm,  dessen  schlichter  Sinn  darauf  hinausliefe,  daß,  wie  ein 
Quäker   sagen  würde,  der  Geist  sie  so  zu  handeln  triebe,  oder, 
wie  ein  Indianer  sich  ausdrücken  würde,  sie  in  ihrem  Herzen 
einen  Brand  fühlten,  der  sie  so  zu  tun  dränge.  Die  Weißen  daselbst 
hätten  zur  Erklärung  dieser  Erscheinung  verschiedene  Theorien 
ausgeklügelt.     Nach  der  einen  Auffassung  würden  die  „Mann- 
weiber" zur  Strafe  für  Feigheit  im  Kriege  zu  weiblicher  Tracht 
gezwungen.      Nach   einer   andern   Meinung   sollte   es   eine   Be- 
strafung  für   gewohnte    Selbstbefriedigung    sein.      Nach   einer 
dritten   Deutung   endlich  sollten  die  „Mannweiber"  etwas  Be- 
sonderes darstellen   und  etwa  den   Rang  von   Priestern  oder 
Lehrmeistern  verkörpern.    Diese  letzte  Annahme  gewänne  einen 
Anschein  von  Bestätigung  durch  die  Tatsache,  daß  einer  dieser 
„Mannweiber"  einmal  von  Pit  River  nach  Sonoma   hinunter- 
gewandert sei  und  auf  der  Indianer-Mission  in  spanischer  Sprache 
„gepredigt"   hätte.     Von   anderen    „Mannweibern"    der   Yuki 
wisse  man,  daß  sie  sich  dem  Unterricht  der  Jugend  durch  Er- 
zählung von   Heldensagen  und  moralischen  Märchen  widmeten. 
Es  sei  auch  von  ihnen  bekannt,  daß  sie  sich  selbst  für  den  Zeit- 
raum eines  Monats  mit  nur  sehr  kurzen  Unterbrechungen  im 
Versammlungsaal    einschließen,  das  Leben    eines     Einsiedlers 
führen  und  diese  ganze  Zeit  durch  immer  wiederholten  Vortrag 
der   Geschichte  ihres   Stammes  in  einem  eintönigen   Singsang 
verschwenden  für  alle,  die  ihm  lauschen  wollen.     POWERS 
hält  dessenungeachtet  die  indianische  Erklärung  für  die  beste  und 
einfachste,  besonders,  daß  all  dieser  „Wahnsinn"  freiwillig  (volun- 
tary)  sei.    Er  hält  dafür,  daß  diese  Männer  ihre  „unnatürliche" 
Lebensart  bloß  deshalb  wählen,   um  sich  den   Pflichten  und 
Verantwortlichkeiten  des   Mannes  zu  entziehen  und  daß   die 
ganze  Erscheinung  nichts  sei  als  eine  weitere  Illustration  zu 
der   wunderbaren   Fähigkeit   der   kalifornischen    Indianer   für 
krankhaftes  Handeln  und  abnorme  Dinge.240    POWERS  steht 


nordamerikanische  Rothäute 


357 


eben  der  ganzen  Naturerscheinung  ohne  jedes  Verständnis 
gegenüber  und  scheint  geglaubt  zu  haben,  daß  es  „Mann- 
weiber"  allein   bei  den  kalifornischen  Indianern  gebe. 

Ihre  „Mannweiber"  nennen  die  Yuki  Iwamüsp,  Mann- 
weib, von  I-wap,  Mann,  und  Müsp,  Weib.241 

Die  Porno  (Kulanapa  n) 
Die  P  o  m  o  bezeichnen  ihre  „Mannweiber"  mit  dem  ein- 
silbigen Worte  Dass.242    Leider  gibt  POWERS  die  eigentliche 
Bedeutung  dieses  Wortes  nicht  an.     Mann  heiße  bei  den  Porno 
Bah,  Weib  Ma-ta.2™ 

Die    Y  u  m  a 

Der  Kapitän  FERNANDO  ALARCON  (ALARCHON)  be- 
richtete um  1540  aus  Quicama,  dort  habe  ihm  ein  greiser 
Indianer  als  eine  „wunderbare  Sache"  einen  seiner  Söhne  vor- 
gestellt, der  in  Weibertracht  war  und  weibliche  Arbeit  ver- 
richtete. Auf  die  an  den  Alten  gerichtete  Frage,  wie  viel 
solche  junge  Leute  denn  in  seinem  Stamme  sich  befänden, 
erhielt  er  zur  Antwort :  Vier.  Wenn  aber  einer  von  diesen  ge- 
storben sei,  würden  alle  schwangeren  Frauen  des  Landes  ge- 
zählt und  die  erste,  welche  einen  Sohn  zur  Welt  brächte,  müsse 
ihn  hergeben,  damit  er  die  Stelle  eines  Weibes  ausfülle. 
Die  Frauen  kleideten  ihn  nach  ihrer  Art  und  sie  bedeuteten 
ihm,  daß  er,  da  er  ihre  Arbeit  zu  leisten  verpflichtet  wäre, 
auch  wie  sie  sich  kleiden  müsse.  Diesen  Männern  sei  fleisch- 
licher Verkehr  mit  Frauen  verwehrt,  dahingegen  sei  er  ihnen 
mit  allen  unverheirateten  jungen  Männern  gestattet.  Von  den 
Eingebornen  der  Gegend  erhielten  sie  für  diese  „abscheulichen" 
Akte  keinen  Lohn;  sie  besäßen  allein  das  Recht,  zu  ihrem 
Lebensunterhalt  alles  zu  nehmen,  was  sie  bei  den  andern 
vorfänden.244 

Der  gute  Eindruck,  den  die  Yuma-Indianer  noch  jetzt 
als  eine  schöne  Menschenrasse  machen,  wird  nach  BALDUIN 
MÖLLHAUSEN  völlig  verwischt,  wenn  man  die  „gesunkenen 
Geschöpfe"  erblickt,  die  sich  in  großer  Anzahl  auf  dem  Yuma- 
Fort  selbst  und  in  desssen  nächster  Umgebung  aufhalten  und 
in  ihrem  Äußern  schon  die  unvertilgbaren  Spuren  „a  1 1  e  r  n  u  r 


358 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


denkbaren  Laster"  zur  Schau  tragen.  Aber  MÖLL- 
HAUSEN  will  diesen  Vorwurf  nicht  auf  dem  Indianer 
sitzen  lassen.  Man  möchte,  meint  er,  sich  dort  fast  der  eigenen 
Hautfarbe  schämen,  wenn  man  bedenke,  daß  diese  Entwürdi- 
gung des  Menschen  allein  der  weißen  Rasse  zur 
Last  gelegt  werden  muss.  Nicht  die  Politik  allein  klagt  er 
an,  die  es  gestattet,  daß  der  Auswurf  der  weißen  Menschheit 
mit  in  die  Reihen  der  Soldaten  aufgenommen  werden  kann 
und  alsdann  als  der  erste  Lehrer  der  Eingeborenen  auftritt, 
sondern  diejenigen  mit,  welche  die  Macht  zur  Besserung  der 
Umstände  in  Händen  haben  und  dabei  schweigen,  ja  lächeln, 
wenn  die  heiligsten  Rechte  der  Menschheit  in  verbrecherischer 
Weise  mit  Füßen  getreten  werden.  Wenn  er  in  der  Nähe 
des  Fort  Yuma  einem  betrunkenen  Weißen  begegnete,  ließ  er 
stets  den  Revolver  in  seine  Hand  gleiten,  um  eine  brutale 
Beleidigung  sofort  bestrafen  zu  können;  betrunkenen  Indianern 
ging  er  stets  aus  dem  Wege,  und  bedauerte  tief  die  Erbarmung- 
losigkeit  von  Leuten,  die  sich  in  der  Wildnis  vor  einer  strafenden 
Kritik  sicher  wissen  und  daher  ihrem  Vaterland  so  wenig 
Ehre  bereiten.245 

Über  die  M  a  r  i  c  o  p  a  sieh  die  Pirna  Seite  364  dieses  Buches. 

3.  Pueblo-Iudianer,  Ziml8*6 

Schon  der  alte  PEDRO  DE  CASTANEDA  DE  NAGERA 
hat  auf  seiner  Reise  nach  Cibola  beim  Beobachten  der  Sitten 
und  Bräuche  der  Pueblo-  und  anderer  Indianer  auch  der  Päde- 
rastie die  ihr  gebührende  Aufmerksamkeit  geschenkt.  So  sagt 
er  von  den  Einwohnern  von  Petatlan,  wahrscheinlich  Opatos- 
Indianer,  daß  sie  stark  der  „Sünde  wider  die  Natur"  ergeben 
seien,  und  fügt  die  Bemerkung  hinzu,  daß  trotzdem  ihre  Be- 
völkerung zahlreich  sei.247  Auch  die  Bewohner  des  Suya-Tales, 
wahrscheinlich  P  a  p  a  g  o  -  (Papayos-) Indianer,  fand  er  der 
„Sünde  wider  die  Natur"  zugetan.248  Für  andere  Stämme 
dagegen  stellt  er  Päderastie  ebenso  entschieden  in  Abrede. 
So  für  die  Einwohner  der  Provinzen  Tiguex  (T  i  g  u  a  s  - 
Indianer),  Quirix  (K  e  r  e  s  -  Indianer),  Hernes  (Jemes- 
Indianer),    Acha    und    Tutahaco    (Totontehac,    Tusayan- 


nordamerikanische  Rothäute  359 

Indianer).249  So  auch  für  die  Eingeborenen  von  Chichilticale 
und  der  Wüste  Cibola  mit  der  Hauptstadt  Muzaque  (Matsaki), 
die  Zuni-  Indianer.250  Wie  unrecht  er  wenigstens  betreffs 
der  Zuni  hat,  zeigt  HAMMONDs  treffliche  Schilderung  des 
Zuni-  Mujerado  (sieh  Seite  3=;o, — 362). 

Die  „lockeren  Sitten"  von  Colhuacan  herrschten,  führt 
FALIES  unter  Berufung  auf  DE  CASTANEDA  aus,  um  die 
Mitte  des  16.   Jahrhunderts  auch  im  Nordwesten.251 

Dem  Dr.  WILLIAM  A.  HAMMOND,  der  etwa  um  das 
Jahr  1850  in  Neu-Mexiko  als  Militärarzt  stationiert  war,  also 
rund  300  Jahre  nach  DE  CASTANEDA  DE  NAGERA,  wurde 
hinterbracht,  daß  die  Pueblo-Indianer  in  jedem  ihrer  Dörfer 
einen  oder  mehrere  männliche  Stammesgenossen  aussuchen 
um  sie  geschlechtlich  impotent  zu  machen  und  zu  pä- 
derastischen  Diensten  zu  verwenden.  Diese  Männer  nannte 
man  Mujerado,  eine  Bezeichnung,  welche  wie  eine  LTmgestaltung 
des  spanischen  Wortes  Mujeriego,  d.  h.  weiblich  oder  weibisch, 
klingt,  aber  ein  spanisches  Wort  nicht  ist,  das  indes,  wenn  es 
vorkäme,  auch  nur  „zum  Weibe  gemacht"  oder  „in  ein  Weib 
verwandelt"  würde  bedeuten  können.  Der  Mujerado  ist  für 
die  religiösen  Orgien,  welche  bei  den  Pueblo-Indianern,  ebenso 
wie  unter  den  alten  Griechen,  Ägyptern  und  anderen  Nationen, 
gefeiert  wurden,  schlechthin  unentbehrlich.  Er  spielt  die 
passive  Rolle  bei  den  päderastischen  Bräuchen,  die  einen 
wesentlichen  Bestandteil  der  religiösen  Zeremonien  der  Pueblo- 
Indianer  bilden.  Diese  Saturnalien  finden  bei  den  Pueblo  im 
Frühling  jeden  Jahres  statt  und  werden  den  Nichtindianern 
gegenüber  mit  der  allergrößten  Heimlichkeit  betrieben.  Zum 
Mujerado  wird  einer  der  kräftigsten  Männer  jeden  Dorfes 
gewählt  und  an  ihm  täglich  vielmals  Masturbation  vorgenommen. 
Zugleich  wird  er  gezwungen,  fast  ununterbrochen  zu  reiten, 
wodurch  seine  Geschlechtsorgane  anfangs  in  einen  Zustand 
so  reizbarer  Schwäche  geraten,  daß  schon  die  Bewegung  auf 
dem  Pferde  hinreicht,  eine  Pollution  hervorzurufen ;  und  da 
das  Reiten  ohne  Sattel  geschieht,  so  wird  durch  den  Druck 
des  Pferderückens  nach  oben  gleichzeitig  die  weitere  schnelle 
Ernährung  der  Genitalien  beeinträchtigt.  Nun  schreitet 
allmählich   die  Schwäche  so  weit  vor,  daß.  ungeachtet  des  ein- 


360 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


tretenden  Orgasmus,  Samenentleerungen  selbst  bei  stärkster 
Erregung  nicht  mehr  eintreten  können,  und  am  Ende  wird 
auch  die  Entstehung  des  Orgasmus  ganz  zur  Unmöglichkeit; 
Penis  und  Hoden  beginnen  zu  schrumpfen  und  die  Erektion- 
fähigkeit erlischt.  Auffällige  Veränderungen  in  Hang  und 
Neigungen  gehen  mit  dieser  Entmannung  des  Mujerado  schritt- 
weise einher.  Er  verliert  die  Lust  an  seinen  früheren  Beschäfti- 
gungen und  sein  vorher  bewiesener  Mut  schwindet  dahin.  Er 
wird  so  scheu,  daß  er,  der  vielleicht  eine  hervorragende  Stellung 
im  Rat  der  Pueblo  bekleidete,  um  alle  Macht,  aUe  Verant- 
wortlichkeit und  um  jeden  Einfluß  gebracht  wird.  War  er  Gatte 
und  Vater,  so  entziehen  Weib  und  Kinder  sich  seiner  Fürsorge 
und  betrachten  ihn  als  Fremden  —  sei  dieses  aus  eigenem 
Entschlüsse,  sei  es  auf  seine  Veranlassung,  sei  es  auf  Grund 
von  Stammesnormen.  Mujerado  zu  sein  ist  für  einen  Pueblo 
keine  Schande;  im  Gegenteil  genießt  er  den  Schutz  seiner 
Stammesgenossen  und  es  werden  ihm  gewisse  Ehren  zuteil, 
da  er  z.  B.,  wenn  er  will,  sich  jeder  Arbeit  enthalten  darf. 
Seiner  veränderten  Gemütsrichtung  entsprechend  sucht  er  mit 
Vorliebe  das  weibliche  Geschlecht  auf  und  entäußert  sich  so  viel 
als  möglich  aller  körperlichen  und  geistigen  Charakter-Eigen- 
schaften der  Männlichkeit.  Männer  sucht  er  nicht  mehr  auf, 
obwohl  diese  ihn  nicht  meiden.  Seine  ganze  Lage  wird  ihm 
durch  die  Macht  der  Überlieferung,  der  Sitte  und  der  öffent- 
lichen Meinung  aufgenötigt.  Wird  sie  vielleicht  auch  anfangs 
von  ihm  mit  Widerstreben  angenommen,  so  zeigt  er  doch 
schließlich  bereitwilliges  Entgegenkommen.  Es  ist  ihm  eben 
unmöglich,  der  Tradition  seines  Stammes,  deren  Macht  unter 
den  Pueblo  von  Neu-Mexiko  von  größtem  Einflüsse  ist,  sich 
zu  entziehen;  und  auf  der  Macht  der  Tradition  beruht  auch, 
wenigstens  für  die  Gegenwart,  die  Daseinsberechtigung  des 
Mujerado.  Ob  der  Mujerado  als  öffentliches  Eigentum  auch 
außerhalb  der  jährlichen  Saturnalien  für  päderastische  Zwecke 
benutzt  wird,  wurde  nicht  ermittelt;  es  ist  aber  sicher,  daß 
wenigstens  Häuptlinge  berechtigt  sind,  sich  seiner  zu  be- 
dienen und  daß  der  Mujerado  diesem  Privilegium  sich  nicht 
widersetzt.  Jede  derartige  Anspielung  des  ärztlichen  Forschers 
ließ  der  Mujerado  unbeachtet ;  er  gab  einfach  an,  davon   nichts 


nordamerikanische  Rothäute  36 1 

zu  wissen.  Nur  der  alte  Laguna-Häuptling  in  HAMMONDs 
Begleitung  war,  obwohl  nach  Indianerart  sonst  nicht  sehr  mit- 
teilsam, bezüglich  dieses  Punktes  nicht  verschwiegen,  gab  sogar 
für  sich  selbst  mit  vollster  Seelenruhe  zu,  in  seinen  jüngeren 
Jahren  den  Mujerado  seines  Stammes  zu  geschlechtlichen  Ge- 
nüssen gebraucht  zu  haben.  HAMMOND  findet  eine  große 
Übereinstimmung  zwischen  dem  Mujerado  der  Pueblo-Indianer 
und  den  Enareern  der  Skythen ;  ein  wesentlicher  Unter- 
schied liege  aber  in  dem  Umstand,  daß  bei  den  Pueblo  der 
Verlust  der  männlichen  Potenz  mit  voller  Absichtlichkeit  zu 
einem  bestimmten  Zweck  angestrebt  werde  und  der  Mujerado 
eine  staatliche  Einrichtung  sei,  während  die  Impotenz  bei  den 
Skythen  (Skythenkrankheit)  nur  als  eine  ungewollte  Folge  ihrer 
Sitten  und  Bräuche  sich  eingestellt  habe.  Den  Pueblo  scheine 
bekannt  zu  sein,  einen  wie  großen  Einfluß  das  Reiten  auf  die 
Geschlechtstätigkeit  ausübe,  wenn  es  sich  darum  handle,  je- 
manden zum  Mujerado  zu  machen;  .die  nomadenhaften  In- 
dianerstämme, gewissermaßen  die  Repräsentanten  der  Skythen 
in  Amerika,  insonderheit  die  Apachen  und  Navajo,  besäßen 
nach  seiner  persönlichen  Erfahrung  kleine  Geschlechtsorgane, 
schwachen  Geschlechtstrieb  und  geringe  Potenz ;  schon  in  ihrer 
frühesten  Kindheit  gewöhnten  sie  sich  daran,  selbst  für  die 
geringsten  Entfernungen  zu  Pferde  zu  steigen ;  sie  gingen  zu 
Fuß  nur  an  solchen  Stellen,  die  ihre  Pferde  leicht  zum 
Straucheln  brächten,  und  blieben  stets  bei  ihren  Pferden;  er 
sah  selber,  wie  sie,  bloß  um  den  Sattel  zu  holen,  eine  Strecke 
von  25  Fuß  ritten.  Eine  Folge  dieser  Lebensgewohnheit  seien: 
Schwache  Muskulatur  der  Beine,  dünne  Schenkel,  handflache 
Waden  und  die  Unfähigkeit,  weite  Märsche  zu  Fuß  zurück- 
zulegen. Impotenz  sei  bei  ihnen  häufig  und  er  als  „Medizin- 
mann" von  gesunden  Männern  um  Mittel  zur  Stärkung  ihrer 
Potenz  oft  genug  gebeten  worden.  Ein  Weib  dieser  Stämme 
mit  mehr  als  zwei  bis  drei  Kindern  würde  ein  Unikum  bleiben. 
HAMMOND  hatte  Gelegenheit,  zwei  Mujerado  zu  unter- 
suchen. Der  eine,  ein  etwa  35  Jahre  alter,  großer  und  schlanker 
Mann  vom  Dorfe  Laguna,  war  schon  sieben  Jahre  Mujerado; 
er  trug  Weiberkleidung  und  ließ  sich  vom  Arzt  nur  im  Beisein 
des    alten     Laguna-Häuptlings    entblößen    und    untersuchen. 


362 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Auffallend  war  an  ihm  eine  außergewöhnliche  Entwicklung  der 
Brustdrüsen,  die  „völlig  denen  einer  schwangeren  Frau  glichen". 
Er  behauptete,  mehrere  Kinder,  deren  Mütter  gestorben  waren, 
genährt  zu  haben  und  daß  er  diesen  sehr  viel  eigene  Milch 
habe  reichen  können.     Seine  Genitalien  erwiesen  sich  als  klein 
und  welk;  doch  behauptete  der  Mujerado  mit  Stolz,  bevor  er 
Mujerado  geworden,  ein  großes  Glied  und  Hoden  „so  groß  wie 
Eier"  besessen  zu  haben,   was  der  alte  Häuptling  sofort  be- 
stätigte.    Über  den  Befund  war  der  Arzt  dennoch  überrascht, 
da  er  erwartet  hatte,  irgend  eine  Art  Hermaphroditismus  oder 
wenigstens  Kryptorchismus  vorzufinden.    Ein  zweiter  Mujerado 
vom  Dorfe  Acoma,  etwa  20  Meilen  vom  Dorf  Laguna  entfernt, 
im  Alter  von  36  bis  37  Jahren  und  seit  10  Jahren   im    Amt, 
trug  ebenfalls  Frauenkleidung,  war  aber  in  dieser  Tracht  von 
den   wirklichen   Weibern,    mit   denen   er   verkehrte,   nicht   zu 
unterscheiden  und  sah  auch  nackt  mehr  einem  Weibe  als  einem 
Mann   ähnlich;   bei  ihm  bestanden   die   Hoden  nur  noch  aus 
Bindegewebe.      HAMMOND    hat    eine    sehr    eingehende    Be- 
schreibung dieser  beiden  Mujerado  gegeben,   da  er  von  dem 
Wunsche   geleitet    wurde,    möglichst    viel   Licht   auf  eine   alte 
Sitte   zu  werfen,   welche  die   aufmerksamste   Beachtung  nicht 
nur  der  Neurologen,  sondern  auch   der  Ethnologen    wohl  ver- 
diene und  zweifellos  schon  bald  vor  der  vorrückenden  Macht 
der  Kulturvölker  gänzlich  verschwinden  werde,  wenn  sie  nicht 
schon  verschwunden  sei.252 

Zu  dieser  Schilderung  HAMMONDs  macht  der  Arzt 
KIERNAN  (Chicago)  die  treffende  Bemerkung,  daß  der  Ein- 
fluß alter  religiöser  Bräuche  auch  dann  noch  lange  bestehen 
zu  bleiben  pflege,  wenn  die  Grundlagen  dafür  längst  ver- 
schwunden sind.  Solche  Bräuche  tauchten  in  den  Land- 
sitzen alter  römischer  und  griechischer  Kolonien,  in  Frankreich, 
in  Italien,  in  Deutschland,  immer  wieder  auf.  Der  Zuni- 
Mujerado  sei  daher  weder  ein  Beweis  für  Unsittlichkeit  noch 
ein  solcher  von  Wahnsinn,  wie  er  das  bei  der  angelsächsischen 
Rasse  freilich  sein  würde.253  Dieses  Urteil  KIERNANs  läßt 
indessen  vermuten,  daß  er  die  Bedeutung  homoerotischer  Ver- 
anlagung für  das  Zustandekommen  religiöser  Bräuche,  wie 
des  Mujerado.  unterschätzt. 


mittelamerikanische  Rothäute  363 

B.  Die  mittelamerikanischen  Rothäute25 

1.  Uto-Azteken 

Die   Schlangen-Indianer 
(Schoschoni,   Shoshone,  Ute) 
Nach  HOLDER  hatten  die  Schoschoni  1889  einen 
Bote.2™ 

Sonora-Indianer 

Schon  1540  hat  auf  seiner  Reise  nach  Cibola,  deren  Be- 
schreibung erst  1838  veröffentlicht  wurde,  PEDRO  DE  CAS- 
TANEDA  bei  den  T  a  h  u  s  in  Culiacan  gleichgeschlechtliche 
Gepflogenheiten  beobachtet.  Unter  diesen  mexikanischen 
Indianern  gab  es  Männer  in  Frauentracht,  die  andern 
Männern  als  Geliebte  dienten  und  sie  sogar  ehe- 
lichten. Die  Tahus  werden  von  DE  CASTANEDA  als 
der  intelligenteste  und  „gebildetste"  Stamm  dargestellt,  den 
er  auf  seiner  Reise  angetroffen  hat.  Sie  zeigten  sich  dem 
Christentum  geneigt.'-'0'5  Auch  die  „ungebildeten"  Pacasas 
in  Culiacan  waren  nach  demselben  Gewährmann  dem  „wider- 
natürlichen Laster"  sehr  ergeben.267  Nur  für  die  A  c  a  x  a  s  , 
bei  denen  der  Geschlechtsakt  an  den  Frauen  in  der  Stellung 
der  Haustiere  öffentlich  vollzogen  wurde,  gibt  er  Päderastie 
nicht  ausdrücklich  an,  ohne  indessen  ihr  Vorkommen  in 
Abrede  zu  stellen.258 

Reichlich  ein  Jahrhundert  nach  DE  CASTANEDA,  1645, 
sprach  der  Pater  ANDRES  PEREZ  DE  RIBAS  in  Hinsicht 
auf  die  Indianer  von  Sinalöa  (Cinalöa),  wahrscheinlich  die 
Tubares,  von  jenem  „wegen  seiner  tmanständigkeit  unnenn- 
baren unflätigen  Laster",  das  man  zuweilen  unter  diesen 
Leuten  antreffe.  Aber  weil  es  noch  mehr  als  viehisch  sei,  da 
es  bei  den  unvernünftigen  Tieren  sich  nicht  finde,  sei  es  von 
diesen  so  verblendeten  und  dem  Lichte  der  Vernunft  so  fer- 
nen Völkern  doch  für  verächtlich  und  schändlich  gehalten 
worden.  Diese  Bewertung  habe  besonders  die  passiv  Betei- 
ligten betroffen,  welche  leichter  erkannt  und  von  allen  gering 
geachtet  worden  wären.  Man  habe  sie  mit  Spitznamen  be- 
nannt   und    mit    Schimpf  Worten  verspottet.     Und   sie    hätten 


364 


Die  amerikanisehen  Naturvölker 


weder  Bogen  noch  Pfeil  geführt,  einige  sogar  sich  wie  Weiber 
gekleidet.259  Leider  hat  DE  RIBAS  diese  Spitznamen  für  die 
Päderasten  von  Sinalöa  uns  vorenthalten. 

Auch  den  Teguecos  (Tehuecos)  werden  von  DE  RIBAS 
große  „Ausschweifungen"  vorgeworfen.  Es  sei  notwendig  gewesen, 
sie  einem  wirklich  apostolischen  erfahrenen  Geistlichen,  dem 
Pater  Pedro  Mendez  zu  unterstellen,  da  bei  ihnen  mehr 
noch  als  bei  anderen  Stämmen  Laster  und  heidnische  wilde 
Bräuche  in  Übung  gewesen  seien,  besonders  aber  Laster  der 
Sinnenlust  {sensuallidad),  so  daß  es  z.  B.  viele  Männer  gab, 
welche  3,  4  oder  5  Frauen  besaßen,  wobei  es  vorgekommen  sei, 
daß  die  eine  die  Tochter  der  anderen  und  die  dritte  deren 
Schwester  war.  Diese  Lasterhaftigkeit  habe  sich  derartig  der 
Rothäute  bemächtigt,  daß  sehr  zu  befürchten  sei,  sie  möchte 
ihrer  Bekehrung  und  der  Einführung  der  christlichen  Religion 
unter  ihnen  im  Wege  stehen.260 

Die  Pirna 
BROWN  hat  ein  älteres  Festgepränge  der  Pirna-  und 
der  Maricopa-  Indianer  geschildert,  das  Ernte-  oder  Ge- 
treide-Fest, von  ihnen  Pan-neech,  „wilder  Zeitvertreib"  geheißen. 
Es  wurde  bei  diesen  Stämmen  1906  nicht  mehr  gefeiert  und  es 
ist  dem  Gewährmann  auch  nicht  bekannt,  daß  es  in  den  25 
oder  30  vorhergehenden  Jahren  noch  wäre  gefeiert  worden. 
Obwohl  als  ein  E  r  n  t  e  fest  bekannt,  wurde  es  doch  bei  allen  wich- 
tigen Anlässen,  also  mehrmals  im  Jahre  begangen.  Irgend 
ein  bemerkenswertes  Ereignis  im  Leben  des  Stammes  wurde 
allgemein  so  gefeiert  —  eine  reiche  Ernte,  ein  erfolgreicher 
Raubzug  gegen  den  Apachenstamm  oder  die  Ausrottung  einer 
der  zahlreichen  Banden  räuberischer  Indianer,  die  damals  fast 
alle  Teile  des  Landes  heimsuchten.  Was  aber  für  ein  Anlaß 
auch  vorliegen  mochte,  der  Festtag  wurde  die  Losung  zu  einer 
Massenversammlung.  Man  sagte  BROWN,  daß  einmal  nicht 
weniger  als  4000  Indianer  ■ —  Pirna,  Maricopa  und  Papago  — 
zusammengeströmt  seien.  Des  Anlasses  zu  jener  Festlichkeit 
kann  sich  BROWN  aber  nicht  mehr  entsinnen  und  seine  Auf- 
zeichnungen lassen  ihn  im  Stich. 


mittelamerikanische  Rothäute 


365 


Die  Festfeier  selbst  fand  regelmäßig  im  Mesquite- Walde,  *) 
nördlich  der  alten  Casa  Grande  Ruinen,  im  Süden  des  Dorfes 
Blackwater  am  Gila  statt.  Ein  kreisförmiger  Flächenraum  von 
ziemlich  einem  halben  Morgen  Umfang  wurde  von  Unterholz 
und  Baumstämmen  freigelegt.  Ein  Wall  8  oder  10  Zoll  hoch 
locker  aufgeworfener  Erde  markierte  die  äußere  Grenze  des 
Kreises.  Nahe  der  Kreismitte  befand  sich  ein  großer  Haufe 
trockenen  Holzes,  in  dessen  Mitte  beständig  ein  Feuer  unter- 
halten wurde.  In  passendem  Abstand  von  diesem  Holzhaufen 
war  ein  8  Fuß  langer,  6  Fuß  breiter  und  4  Fuß  tiefer  Graben 
gezogen  zur  Bequemlichkeit  für  die  Musiker,  etwa  6  an  Zahl, 
von  denen  3  Trommel  schlugen  und  3  die  Böden  aufgetriebener 
flacher  Körbe  raspelten,  über  welche  eine  Lage  Wachs,  eine 
Mesquite-Ausscheidung,  ausgebreitet  war.  Wurde  dieses  mit 
einem  Knochen  gerieben,  brachte  es  einen  Ton  etwa  zwischen 
einem  Gequietsch  und  einem  Schrei  hervor.  Die  Trommeln 
wurden  aus  sorgfältig  ausgebranntem  Holz  eines  Baumwoll- 
staudenstammes, über  dessen  beide  Enden  ein  Stück  halb- 
gegerbter Hirschhaut  ausgespannt  war,  hergestellt.  Die  Musiker 
gaben  nun  ein  Tonstück  zum  Besten,  das  Variationen  haupt- 
sächlich nur  durch  wechselnde  Stärke  bot.  Sie  waren  schon  zur 
Stelle  und  begannen  einige  Zeit  vor  Beginn  des  Festes. 
Auf  ein  gegebenes  Zeichen  verstummte  die  Musik  und  zwei 
der  größten  und  stärksten  jungen  Indianer  begaben  sich  in 
den  Ring  hinein.  Sie  waren  bis  auf  einen  Lenden- Streifen  oder 
-Riemen  von  Bockleder,  in  welchem  sie  hölzerne  Penes  befestigten, 
völlig  nackt.  Diese  hölzernen  Phallen  waren  6 — 7  Zoll  lang 
und  so  angebunden,  daß  sie  vom  Leibe  ihrer  Träger  aufgerichtet 
abstanden.  Jeder  Mann  trug  in  seiner  rechten  Hand  einen 
großen  Stein-Penis  von  12 — 14  Zoll  (ca.  30  cm)  Länge.  Die  linke 
Hand  wurde  fest  an  die  Hinterbacken  angedrückt.  Sie  nahmen 
an  den  entgegengesetzten  Enden  des  Grabens,  in  dem  die  Mu- 
siker saßen,  Aufstellung.  Nachdem  sie  eine  Zeitlang  einander 
angesehen,   sagte   der   eine   zunächst   dem   Feuer:    „Wir  sind 


*)  Mesquite,  der  aztekische  Name  für  Prosopis  juliflora  nach 
HODGE:  Handbook  of  American  Indians  North  of  Mexico.  Washington  1907 
I  847. 


366 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


hier".  Der  andere  entgegnete:  „Warum  sind  wir  hier?"  Der 
erste  erwiderte:  „Das  wirst  du  bald  erfahren".  Dann  pflanzte 
jeder  seinen  Stein-Phallus  in  aufrechter  Stellung  neben  seinen 
Füßen  auf  und  sprang  aus  dem  Kreise  heraus.  Bei  ihrem 
Wiedererscheinen  trug  jeder  Mann  in  seiner  rechten  Hand 
einen  dünnen  Stab,  gegen  4  Fuß  lang  und  an  der  Spitze  mit 
Federn  des  wilden  Truthahns  besetzt.  Ihnen  folgten  unmittel- 
bar 9  andere  junge  Männer,  alle  nackt  wie  ihre  Vordermänner 
und  mit  an  ihre  Leibriemen  angebundenen  Holzphallen,  aber 
verschieden  von  ihnen  dadurch,  daß  ihre  Leiber  abwechselnd 
mit  weißen  und  schwarzen  Streifen  bemalt  waren.  Die  Vorder- 
männer hoben  ihre  Stäbe  empor  und  schlugen  Takt  zu  der 
Musik,  welche  bei  ihrer  Rückkehr  wieder  eingesetzt  hatte,  und 
alle  sangen  in  jenem  den  Indianern  eigenen  tiefen  Tonfall.  Zu- 
gleich mit  einem  Vortänzer  tanzten  dann  die  andern  10  in  Paaren. 
Nach  mehrmaliger  Umkreisung  des  Feuers  entwischte  das  letzte 
Paar  und  kauerte  in  halbsitzender  Stellung  neben  einem  der  Stein- 
Phallen  nieder.  Nach  jedem  Rundtanz  nahmen  immer  wieder 
zwei  eine  dem  genannten  Paar  gleiche  Lage  an,  6  Tänzer  umgaben 
ein  Emblem  und  5  das  andere.  Zu  bestimmter  Zeit  sprang 
der  sechste  Mann  mit  einem  Schrei  auf,  stellte  sich  hinter 
die  Musikanten  und  behauptete  diesen  Platz  und  diese  Stellung 
während  der  übrigen  Zeremonie.  Die  anderen  10  sprangen  in 
Paaren  empor  und  zwar  immer  einer  aus  jeder  Gruppe,  und 
wenn  sie  zusammentrafen,  führten  sie  die  verschiedenen  Stel- 
lungen des  Menschen  und  der  Tiere  beim  Paarungakt  aus. 
Dieses  Spiel  wurde  wohl  eine  halbe  Stunde  oder  länger  zum 
Ergötzen  und  unter  Beifall  der  schaulustigen  halbnackten 
Menge,  welche  den  Außenrand  des  Kreises  als  Zu- 
schauer umstellte,  fortgesetzt.  Die  Akteure  verschwanden 
alsdann  ebenso  plötzlich  als  sie  aufgetaucht  waren  mit  Aus- 
nahme des  einen  Mannes,  der  aufrecht  hinter  den  Musikern 
stand.  Nach  wenigen  Minuten  kehrten  die  Akteure  nochmals 
zurück,  nun  aber  ohne  die  Holzphallen,  jedoch  nackt  wie  vordem 
außer  mit  einem  Bocklederstreifen  oder  einem  über  die  Schulter 
geworfenen  Händler-Kaliko.  Die  zwei  Anführer  fuhren  fort 
mit  ihren  federgeschmückten  Stäben  den  Takt  zu  schlagen, 
während  die  acht  anderen  Männer  die  Hände  mit  Erde  voll- 


mittelamerikanische  Rothäute  367 

rafften  und  sich  damit  bewarfen,  die  ganze  Zeit  über  singend  und 
rings  um  das  Feuer  tanzend.  Dann  sprangen  sie  durch  die  leuch- 
tende Masse,  liefen  rings  um  sie  herum  und  tanzten  nochmals. 
Dieser  letzte  Vorgang  glich  indessen  mehr  einem  Laufen  als  einem 
Tanz  und  mehr  einem  Geschrei  als  einem  Gesang.  Er  wiederholte 
sich  fünf-  oder  sechsmal.  Am  Ende  der  letzten  Runde  trennten 
sich  die  beiden  Anführer  und  es  stand  nun  jeder  einzeln  bei 
einem  oder  zwei  steinernen  Penes.  Nachdem  sie  sich  einander 
wenige  Augenblicke  schweigend  angesehen,  rissen  sie  die  beiden 
Embleme  aus  und  verließen  den  Ring.  Die  anderen  acht  folgten 
in  einer  Kette,  einer  hinter  dem  andern  in  krötenartiger 
Manier  hopsend.  Während  ihres  Abgangs  bewarf  der  hinter 
den  Musikern  stehende  Mann  jeden  mit  einer  doppelten  Hand- 
voll Erde.  Dann  verschwand  auch  dieser.  Hernach  traten 
alle,  die  es  wollten,  in  den  Kreis  hinein  und  tanzten  solange  es 
ihnen  gefiel.261 

K.  TH.  PREUSS  gibt  von  dieser  ausführlichen  und  aller 
Gehässigkeit  baren,  aber  dessenungeachtet  nicht  ganz  klaren 
Schilderung  einen  kurzen  Auszug  und  bemerkt  dazu:  „Wahr- 
scheinlich ist  das  eine  homosexuelle  Übung  und  es  scheint 
„fast,  der  Verfasser  könnte  noch  deutlicher  sein,  wenn  er 
„wollte,  was  höchst  wünschenswert  wäre,  da  Ähnliches  sonst 
„nirgends  festgestellt  ist.  Hier  muß  man  wirklich  sagen: 
„Fort  mit  der  Prüderie,  die  das  Verständnis  einfach  aus- 
schließt."2"/2 

Die  Huichol262 

Sehr  merkwürdige  Vorgänge  der  Neuzeit  hat  kürzlich 
K.  TH.  PREUSS  bei  den  Huichol  in  der  mexikanischen 
Sierra  Madre  beobachtet.  Sie  ereignen  sich  beim  letzten  der 
Jahresfeste,  dem  Saatfest  (Heuatsiike,  „die  Letzten").  Am 
Mittag  des  Festtages  wird  zu  der  zu  schildernden  Zeremonie 
der  Gesang  Ipinari  vorgetragen.  Der  Name  bezieht  sich  auf 
eine  Stange,  die  „bis  zum  Himmel  reicht".  Diese  Stange  wird 
auf  dem  Platze  vor  dem  Tempel  aufgerichtet.  Von  ihrer  Spitze 
herab  hängen  schön  gemusterte  gewebte  Gürtel,  wie  die  Huichol 
sie  um  den  Leib  tragen.  Die  Zahl  der  Gürtel  an  der  Stange 
richtet  sich  nach  der  Anzahl  der  Tempelbeamten.  Diese,  als 
Weiber  gekleidet,  ergreifen  die  Gürtel  und  führen  einen  Tanz 


366 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


hier".  Der  andere  entgegnete:  „Warum  sind  wir  hier?"  Der 
erste  erwiderte:  „Das  wirst  du  bald  erfahren".  Dann  pflanzte 
jeder  seinen  Stein-Phallus  in  aufrechter  Stellung  neben  seinen 
Füßen  auf  und  sprang  aus  dem  Kreise  heraus.  Bei  ihrem 
Wiedererscheinen  trug  jeder  Mann  in  seiner  rechten  Hand 
einen  dünnen  Stab,  gegen  4  Fuß  lang  und  an  der  Spitze  mit 
Federn  des  wilden  Truthahns  besetzt.  Ihnen  folgten  unmittel- 
bar 9  andere  junge  Männer,  alle  nackt  wie  ihre  Vordermänner 
und  mit  an  ihre  Leibriemen  angebundenen  Holzphallen,  aber 
verschieden  von  ihnen  dadurch,  daß  ihre  Leiber  abwechselnd 
mit  weißen  und  schwarzen  Streifen  bemalt  waren.  Die  Vorder- 
männer hoben  ihre  Stäbe  empor  und  schlugen  Takt  zu  der 
Musik,  welche  bei  ihrer  Rückkehr  wieder  eingesetzt  hatte,  und 
alle  sangen  in  jenem  den  Indianern  eigenen  tiefen  Tonfall.  Zu- 
gleich mit  einem  Vortänzer  tanzten  dann  die  andern  10  in  Paaren. 
Nach  mehrmaliger  Umkreisung  des  Feuers  entwischte  das  letzte 
Paar  und  kauerte  in  halbsitzender  Stellung  neben  einem  der  Stem- 
Phallen  nieder.  Nach  jedem  Rundtanz  nahmen  immer  wieder 
zwei  eine  dem  genannten  Paar  gleiche  Lage  an,  6  Tänzer  umgaben 
ein  Emblem  und  5  das  andere.  Zu  bestimmter  Zeit  sprang 
der  sechste  Mann  mit  einem  Schrei  auf,  stellte  sich  hinter 
die  Musikanten  und  behauptete  diesen  Platz  und  diese  Stellung 
während  der  übrigen  Zeremonie.  Die  anderen  10  sprangen  in 
Paaren  empor  und  zwar  immer  einer  aus  jeder  Gruppe,  und 
wenn  sie  zusammentrafen,  führten  sie  die  verschiedenen  Stel- 
lungen des  Menschen  und  der  Tiere  beim  Paarungakt  aus. 
Dieses  Spiel  wurde  wohl  eine  halbe  Stunde  oder  länger  zum 
Ergötzen  und  unter  Beifall  der  schaulustigen  halbnackten 
Menge,  welche  den  Außenrand  des  Kreises  als  Zu- 
schauer umstellte,  fortgesetzt.  Die  Akteure  verschwanden 
alsdann  ebenso  plötzlich  als  sie  aufgetaucht  waren  mit  Aus- 
nahme des  einen  Mannes,  der  aufrecht  hinter  den  Musikern 
stand.  Nach  wenigen  Minuten  kehrten  die  Akteure  nochmals 
zurück,  nun  aber  ohne  die  Holzphallen,  jedoch  nackt  wie  vordem 
außer  mit  einem  Bocklederstreifen  oder  einem  über  die  Schulter 
geworfenen  Händler-Kaliko.  Die  zwei  Anführer  fuhren  fort 
mit  ihren  federgeschmückten  Stäben  den  Takt  zu  schlagen, 
während  die  acht  anderen  Männer  die  Hände  mit  Erde   voll- 


mittelamerikauische  Rothäute  067 

rafften  und  sich  damit  bewarfen,  die  ganze  Zeit  über  singend  und 
rings  um  das  Feuer  tanzend.  Dann  sprangen  sie  durch  die  leuch- 
tende Masse,  liefen  rings  um  sie  herum  und  tanzten  nochmals. 
Dieser  letzte  Vorgang  glich  indessen  mehr  einem  Laufen  als  einem 
Tanz  und  mehr  einem  Geschrei  als  einem  Gesang.  Er  wiederholte 
sich  fünf-  oder  sechsmal.  Am  Ende  der  letzten  Runde  trennten 
sich  die  beiden  Anführer  und  es  stand  nun  jeder  einzeln  bei 
einem  oder  zwei  steinernen  Penes.  Nachdem  sie  sich  einander 
wenige  Augenblicke  schweigend  angesehen,  rissen  sie  die  beiden 
Embleme  aus  und  verließen  den  Ring.  Die  anderen  acht  folgten 
in  einer  Kette,  einer  hinter  dem  andern  in  krötenartiger 
Manier  hopsend.  Während  ihres  Abgangs  bewarf  der  hinter 
den  Musikern  stehende  Mann  jeden  mit  einer  doppelten  Hand- 
voll Erde.  Dann  verschwand  auch  dieser.  Hernach  traten 
alle,  die  es  wollten,  in  den  Kreis  hinein  und  tanzten  solange  es 
ihnen  gefiel.261 

K.  TH.  PREUSS  gibt  von  dieser  ausführlichen  und  aller 
Gehässigkeit  baren,  aber  dessenungeachtet  nicht  ganz  klaren 
Schilderung  einen  kurzen  Auszug  und  bemerkt  dazu:  „Wahr- 
scheinlich ist  das  eine  homosexuelle  Übung  und  es  scheint 
„fast,  der  Verfasser  könnte  noch  deutlicher  sein,  wenn  er 
„wollte,  was  höchst  wünschenswert  wäre,  da  Ähnliches  sonst 
„nirgends  festgestellt  ist.  Hier  muß  man  wirklich  sagen: 
„Fort  mit  der  Prüderie,  die  das  Verständnis  einfach  aus- 
schließt."201/2 

Die  Huichol262 

Sehr  merkwürdige  Vorgänge  der  Neuzeit  hat  kürzlich 
K.  TH.  PREUSS  bei  den  Huichol  in  der  mexikanischen 
Sierra  Madre  beobachtet.  Sie  ereignen  sich  beim  letzten  der 
Jahresfeste,  dem  Saatfest  (Heuatsiike,  „die  Letzten").  Am 
Mittag  des  Festtages  wird  zu  der  zu  schildernden  Zeremonie 
der  Gesang  Ipinari  vorgetragen.  Der  Name  bezieht  sich  auf 
eine  Stange,  die  „bis  zum  Himmel  reicht".  Diese  Stange  wird 
auf  dem  Platze  vor  dem  Tempel  aufgerichtet.  Von  ihrer  Spitze 
herab  hängen  schön  gemusterte  gewebte  Gürtel,  wie  die  Huichol 
sie  um  den  Leib  tragen.  Die  Zahl  der  Gürtel  an  der  Stange 
richtet  sich  nach  der  Anzahl  der  Tempelbeamten.  Diese,  als 
Weiber  gekleidet,  ergreifen  die  Gürtel  und  führen  einen  Tanz 


068  Die  amerikanischen  Naturvölker 

auf.  Ein  Mann  hält  die  Stange,  um  sie  vor  dem  Umstürzen 
zu  bewahren.  Dieser  ist  der  Huna.  Huna  bedeutet  aber  ein 
während  des  ganzen  Tages  furchtbar  stechendes,  winziges 
fliegendes  Insekt.  Auf  dem  Rücken  trägt  der  Huna  eine 
Tasche,  die  durch  ein  über  die  Stirn  laufendes  Band  fest- 
gehalten wird.  Die  Tasche  ist  mit  Klößen  (Tamales)  aus 
rohem  und  gekochtem  Mais  gefüllt.  Ein  anderer  Mann,  der 
Harapai,  der  ein  unter  Steinen  lebendes  Wassertierchen  dar- 
stellt, hält  ebenfalls  die  Stange.  An  einer  über  die  Schulter 
laufenden  Schnur  trägt  er  die  Trommel,  welche  von  dem 
hinter  ihm  stehenden  Sänger  geschlagen  wird.  Die  Haupt- 
tätigkeit jedoch  entfaltet  ein  alter  Mann,  der  Yuhuname.  Mit 
entblößtem  Penis  läuft  er  umher  und  führt  mit  den  als  Weiber 
gekleideten  Tänzern  des  Festes  den  Begattungakt  aus.263 

Dieses  die  Tatsachen.  PREUSS  meint,  junge  Leute 
gäben  sich  zur  Rolle  des  Yuhuname  nicht  her.  Wenn  dieses 
der  Grund  dafür  wäre,  daß  ein  alter  Mann  die  aktive  Rolle 
zu  spielen  bestimmt  wird,  so  wäre  das  höchst  verwunderlich, 
da  doch  im  allgemeinen  für  das  instinktive  Empfinden  des 
weibliebenden  Mannes  die  aktive  podikatorische  Rolle 
weniger  erniedrigend  ist  und  bei  weitem  nicht  für  so  schimpflich 
gilt  als  die  passive  Rolle,  zu  der  sich  hier  als  Weiber  ge- 
kleidete Tänzer,  die  wenigstens  nicht  als  alt  bezeichnet  werden, 
doch  gebrauchen  lassen.  Der  Grund,  daß  ein  alter  Mann  den  Po- 
dikator  darstellt,  muß  also  wohl  ein  anderer  sein.  Die  allgemeine 
Idee,  aus  der  heraus  diese  Zeremonie  so  kurz  vor  der  Ernte 
vorgenommen  wird,  nämlich  die  Idee  der  überschwänglichen 
Fruchtbarkeit,  reicht  überdies,  so  geläufig  sie  auch  ist,  zur 
restlosen  Erklärung  dieser  Vorgänge  noch  keineswegs  aus.  Die 
weiblich  gekleideten  Tänzer  sind  wahrscheinlich  anerkannte 
„Mannweiber"  des  Stammes. 

Übrigens  versicherte  1864  COMBIER,  daß  es  unter  den 
Sonora-Indianern  vollendet  schöne,  stolze  und  vornehme  Ge- 
stalten gebe.  Die  Yaquis  hält  er  geradezu  für  die  schönsten 
Erdbewohner.  Ihre  Nacktheit  habe  für  sie  selber  gar  nichts 
Anstößiges.  Die  Scheu  der  weißen  Rasse  vor  der  Nacktheit 
entspringe  ihrer  sittlichen  Verdorbenheit,  deren  Folgen  sie  zu 
verbergen  habe.264 


mittelamerikanische  Rothäute 


369 


Die  sagenhaften  Quinames 
In  Puebla  (Hecatonactiruh),  hauptsächlich  am  Rio  Atoyac 
bei  Puebla  de  los  Angelos  und  Cholula,  wohnte  vor  der  mexi- 
kanischen Blüteperiode  ein  sagenhaftes  mächtiges  Indianer- 
Volk,  die  Quinames,  Quinametin  (Singular:  Quinametl), 
Quinametzin,  Quinametintzocuilhiczime,  Quinametitsuchil, 
Huaytlacame  oder  Riesen  (Gigantes).  Lange  Zeit  übten  sie  auf 
die  emporstrebenden  0  1  m  e  k  e  n  einen  niederdrückenden  Ein- 
fluß aus  oder  machten  sie,  wie  die  Tradition  meldet,  zu 
Sklaven.  Sie  waren  nach  IXTLILXOCHITL  das  Über- 
bleibsel der  großen  Verwüstung,  mit  welcher  die  zweite  Periode 
der  Erdgeschichte  (Tlalchitonatiuh  oder  Tlalchitonatinc)  ab- 
schloß.265 Sie  waren  nach  VEYTIA  wilden  Tieren  ähnlicher  als 
vernunftbegabten  Wesen.  Sie  nährten  sich  von  rohem  Fleisch 
und  wilden  Pflanzen  und  kannten  weder  Viehzucht  noch  Acker- 
bau. Sie  gingen  völlig  nackt,  mit  zotteligem  Haar,  waren  grau- 
sam und  hochfahrend  und  der  Podikation  der  Frauen  und 
Männer  ergeben.  Doch  empfingen  sie  die  Olmeken,  als  diese 
sich  in  ihrem  Lande  niederließen,  freundlich,  vermutlich  wegen 
deren  überwältigender  Überzahl,  da  ihrer  selbst  verhältnis- 
mäßig wenige  waren.  Sie  verstanden  es  ausgezeichnet,  ein  be- 
rauschendes Getränk,  Pulque,  ihr  Haupt-  und  Nationalgetränk, 
herzustellen.  Ihre  Trunksucht  aber  brachte  ihnen  schließlich 
den  Untergang  durch  eine  List  der  Olmeken,  die  über  ihren 
immer  unerträglicher  werdenden  Übermut  und  ihre  podika- 
torischen  Begierden,  vor  denen  auch  Frauen  und  Töchter 
nicht  sicher  waren,  sich  empörten.266  Als  Zeit  ihrer  Vernichtung 
durch  Waffengewalt  gilt  nach  IXTLILXOCHITL  das  Jahr  299, 
nach  VEYTIA  107  unserer  Zeitrechnung.  MENDOZA  und 
DE  OYIEDO  nehmen  an,  sie  seien  von  der  Magellanstraße 
nach  Puebla  gekommen.267  TORQUEMADA  und  nach  ihm 
VEYTIA  identifizieren  die  Quinames  mit  einer  ähnlichen, 
gleich  sagenhaften  Rasse,  welche  überlieferunggemäß  zu  einer 
viel  früheren  Zeit  in  Peru  erschien,  wo  sie  durch  himmlisches 
Feuer  soll  vernichtet  worden  sein.268 

Auch  BERNAL  DIAZ  erzählt  von  einem  in  alten  Zeiten 
zu  Tlaxcalan  hausenden  Geschlecht  von  Männern  und  Frauen 
von  ungeheurer  Größe  und  mächtigem  Knochenbau,  einem  sehr 

Karsch-Haack,  Das  gleichgeschlechtliche  Leben  der  Naturvölker.  24 


o-Q  Die  amerikanischen  Naturvölker 

bösen  und  übel  gesitteten  Volk,  das  teils  im  Kampfe  aus- 
gerottet, teils  von  selber  ausgestorben  sei.269 

Wenn  nun  auch  die  angeblichen  Knochen  dieser  Riesen 
sich  als  solche  posttertiärer  Dickhäuter  und  Gürteltiere  heraus- 
stellten, die  man  in  Mexiko  überall  finden  kann,270  so  beweist 
das  doch  nicht  das  Geringste  gegen  einen  Wirklichkeitgehalt 
der  Quinames-  Sage. 

Einer  der  Könige  der  Quinames,  zugleich  eine  ihrer  Gott- 
heiten, hieß  nach  BRASSEUR  DE  BOURBOURG:  Tla- 
loc.271 

BANCROFT  nimmt  an,  die  Quinames  seien  gar  nicht 
Riesen,  vielleicht  nicht  einmal  wilde  Stämme  gewesen.  Solche 
Stämme  wären  in  der  amerikanischen  Überlieferung  mehr  als 
Tiere  denn  als  Riesen  beschrieben  worden.  Der  Geist  der  Er- 
zählung, die  große  den  Quinames  zugeschriebene  Macht,  ihre 
freundliche  Aufnahme  der  fremden  Eindringlinge,  ihr  wachsender 
Übermut,  endlich  ihre  Laster  wiesen  deutlich  auf  einen  mächtigen 
Stamm  hin,  der  zuerst  als  Beherrscher  gefürchtet,  dann  als  Neben- 
buhler gehaßt,  und  schließlich  von  den  mächtig  gewordenen  Ein- 
dringlingen unterworfen  worden  sei.  Bei  der  Unmöglichkeit,  die 
Frage  glaubwürdig  zu  entscheiden,  nimmt  BANCROFT  an, 
„daß  die  Quinames  ein  Zweig  der  Besiegten  im  Süden  waren, 
daß  die  Xibalba-Macht  sowohl  als  die  der  Nahua  früher  weit 
bis  nach  Anähuac  ausgedehnt  war  und  daß  der  große  Kampf 
sowohl  im  Norden  als  auch  im  Süden  ausgetragen  wurde".272 

Für  BASTIAN  sind  die  Quinames  ein  mit  dem  Charakter 
des  Halbvorweltlichen  aus  früherer  Erdepoche  in  die  jetzige 
hineinragendes  Riesengeschlecht,  dessen  das  Erdbeben  über- 
lebende Reste  nachträglich  von  den  Tlaskalteken  vertilgt 
wurden.273  Und  vielleicht  waren  nach  demselben  Gelehrten 
diese  Giganten  ,,in  künstlicher  Züchtung  gebildet,  wofür  sich 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  aus  Polynesien  und  sonst  dem 
alten  Amerika  bestätigende  Analogien  finden  ließen".274 

LORENZO  BOTURINI  BENADUCI  zweifelt  1746  nicht 
an  den  sodomitischen  Gewohnheiten  (perversas  costumbres)  der 
Quinames  275  und  der  Abbe  BRASSEUR  DE  BOURBOURG 
erklärt  1857,  diese  alten  Indianer  seien  allen  „Lastern"  des 
klassischen  griechischen  Altertums  ergeben  gewesen  und  hätten 


mittelamerikanische  Kothäute  071 

gleich  den  heutigen  Orientalen,  von  denen  mehrere  Schrift- 
steller die  Indianer  abstammen  ließen,  ohne  Scham  Sodomie 
getrieben.276 

Die  N  ah  u  a 

In  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  sahen  die 
Spanier  nach  BERNAL  DIAZ  DEL  CASTILLO,  dem  schrift- 
stellemden  Waffengefährten  des  Eroberers  von  Mexico  Her- 
nando  Cortes,  unter  den  Eingeborenen  von  Mexiko  oder 
Neu-Spanien,  besonders  in  den  Küstengegenden  und  den  heißen 
Landstrichen  zahlreich  Jünglinge  wie  Weiber  gekleidet.  Sie 
lebten  vom  Ertrage  der  sinnlichen  Freuden,  die  sie  anderen 
Männern  gewährten.277  Päderastie  war  demnach  unter  den 
mexikanischen  Indianern  ziemlich  allgemein  verbreitet. 

Um  1522  erklärte  der  Lizenziat  ALONSO  ZUAZO  die 
Mexikaner  mit  drei  schweren  Sünden  behaftet:  sie  glaubten 
nicht  an  Gott,  seien  beinahe  alle  Sodomiten  und  äßen  Menschen- 
fleisch.278 

Um  1522  bot  der  König  Nicaragua  dem  Spanier 
Gilgonzalez  d'Avila  als  Ersatz  für  dessen  Ansprüche 
25  000  Pesas  Gold  nebst  Gerät  und  Geflügel  an,  gab  ihm  ein 
leinenes  Hemd  und  beschenkte  ihn  mit  Seidenstoffen,  einer 
scharlachroten  Mütze  und  anderen  Gegenständen.  Allein 
Gilgonzalez  drohte  dem  König  und  ließ  ihm  durch 
einen  Ordensgeistlichen  das  Wort  Gottes  verkündigen.  Dieser 
wandte  sich  nach  DE  GOMARA  unter  anderm  so  eindrucksvoll 
gegen  ihre  Abgötterei,  Völlerei,  Tanzwut,  Sodomie  und  ihre 
Menschenopfer,  daß  der  unenthaltsame  Nicaragua  mit 
seiner  Familie  und  allen  Leuten  seines  Hofes  sich  taufen  ließ.279 

In  einem  am  27.  Juni  1529  abgefaßten  Brief  berichtete 
der  Pater  PIERRE  DE  GAND  oder  DE  MURA,  wie  er  auch 
genannt  wurde,  einige  der  zahlreichen  indianischen  Priester 
in  Mexiko  blieben  unverheiratet  und  hätten  an  Stelle  der 
Frauen  Knaben,  die  sie  mißbrauchten.  Das  „Laster  der 
Knabenliebe"  sei  in  diesem  Lande  so  allgemein  verbreitet,  daß 
es  alle  Welt,  jung  wie  alt,  angesteckt  habe.  Die  ganze 
mexikanische  Bevölkerung  sei  dieser  Liebe  in  so  hohem  Maße 
zugetan,  daß  sogar  schon  sechsjährige  Knaben  dazu  sich  her- 
gäben.   Er  tröstet  sich  mit  der  Hoffnung,  das  Volk  durch  die 

24* 


T-J2  Die  amerikanischen  Naturvölker 

Taufe,  die  er  bereits  an  200  000  Seelen  vorgenommen  habe. 
von  diesem  ihrem  „Laster"  befreien  zu  können.280  In  dieser 
Schilderung  liegt  sicherlich  eine  ungeheure  Übertreibung,  da 
eine  so  allgemeine  Ansteckung  völlig  unwahrscheinlich  ist. 
Ihr  Anschein  beruht  auf  einer  durch  die  Offenheit  gleich- 
geschlechtlichen  Liebelebens  hervorgerufenen    Täuschung. 

C  ort  es  hielt  den  Papas  (Priestern),  den  Hauptleuten 
und  den  vornehmsten  Einwohnern  der  Stadt  Cholulla  nach 
DIAZ  eine  Rede  über  die  heilige  Religion  der  Spanier,  über 
die  Notwendigkeit,  den  Götzendienst  und  die  Menschenopfer 
abzuschaffen  und  sich  des  Menschenfleischessens,  des  Dieb- 
stahls und  anderer  „Laster",  welche  unter  den  Eingeborenen  im 
Schwange  gingen,  zu  enthalten.'281  Das  wichtigste  dieser  andern 
„Laster"  aber  war  in  den  Augen  des  fanatischen  Spaniers 
ohne   Zweifel   die  gleichgeschlechtliche  Liebe. 

Der  schon  im  Jahre  1556  von  RAMUSIO  in  italienischer 
und  erst  1838  in  französischer  Sprache  veröffentlichte  Bericht 
eines  Ungenannten  (Anonymus  Gentilhomme)  wird  einem 
Offizier  der  Armee  des  Hernando  Cortes  zugeschrieben, 
wobei  es  merkwürdig  erscheint,  daß  die  militärischen  Operationen 
in  seiner  Schilderung  ganz  außer  acht  bleiben,  nur  den  Sitten 
der  Eingeborenen  Aufmerksamkeit  zugewendet  ist  und  Einzel- 
beobachtungen mitgeteilt  sind,  die  man  anderwärts  wohl  ver- 
geblich suchen  würde.  Der  Bericht  macht  den  Eindruck,  un- 
mittelbar nach  der  Eroberung  von  Mexiko  niedergeschrieben 
zu  sein.  In  verschiedenen  Gegenden  Mexikos,  besonders  aber 
in  Pänuco,  hätten  die  Eingeborenen  das  männliche  Glied 
angebetet.  Phallus-Darstellungen  hätten  sowohl  die  Tempel 
dekoriert  als  öffentliche  Plätze  geschmückt  und  dabei  seien 
alle  Arten  des  geschlechtlichen  Vergnügens  zwischen  beiden 
Geschlechtern  dargestellt  gewesen.  Die  Männer  der  Provinz 
Pänuco  seien  dem  „widernatürlichen  Laster"  sehr  ergeben,  feig 
und  dem  Trünke  verfallen  gewesen,  derart,  daß  sie,  wenn  es 
ihnen  nicht  mehr  möglich  war,  den  Wein  durch  die  Kehle  zu 
gießen,  sich  diesen  mit  erhobenen  Beinen  durch  eine  Spritze 
in  den  Hintern  hätten  einführen  lassen.282 

Nach  BERNAL  DIAZ  gab  es  in  ganz  Neu- Spanien  kein 
bösartigeres,   unreinlicheres  und  ungeschlachteres  Volk   als  die 


mittelamerikanische  Rothäute 


373 


Bewohner  der  Provinz  von  Pänuco.  Nirgends  waren  die 
Menschenopfer  häufiger  und  grausamer.  Die  Eingeborenen 
waren  dem  Trünke  ergeben  und  wälzten  sich  in  jedem  Schmutz 
und  jeder  „ unnatürlichen  Lust".  Es  sei  ihnen  aber  auch  er- 
gangen, wie  sie  es  verdient  hätten.  Denn  nachdem  sie  zwei- 
oder  dreimal  mit  Feuer  und  Schwert  heimgesucht  worden  waren, 
bekamen  sie  in  Nuno  de  Guzman,  der  1527  ihr  Statt- 
halter wurde,  eine  noch  schlimmere  Zuchtrute.  Der  habe  sie 
fast  alle  zu  Sklaven  gemacht  und  nach  den  Inseln  verkauft.283 
Auch  DE  GOMARA  schildert  die  Bewohner  von  Pänuco  als 
große  Sodomiten.  Sie  hätten  öffentliche  Bordelle  mit  Knaben 
und  Männern  gehabt,  in  denen  zur  Nachtzeit  tausende,  je  nach 
der  Größe  der  Ortschaft,  sich  eingefunden  hätten.  Die 
Männer  hätten  vor  ihrem  40.  Jahre  sich  nicht  verehelicht. 
Nufiode  Guzman,  als  Gouverneur  des  Landes  1527  mit 
nur  zwei  bis  drei  Schiffen  und  80  Spaniern  dort  angelangt, 
habe  es  fertig  gebracht,  sie  für  ihre  Laster  zu  strafen,  indem 
er  sie  alle  zu  Sklaven  machte.284 

Man  ist  leicht  geneigt,  die  Helden  der  Eroberung  von 
Mexiko  der  Übertreibung  zu  zeihen  oder  gar  sie  der  Erfindung 
von  einheimischen  „Lastern"  zu  beschuldigen,  die  ihnen 
dann  als  Grund  zu  willkürlichem  Einschreiten  oder  als  Ent- 
schuldigung für  despotische  Handlungen  hätten  dienen  müssen. 
Indessen  kommt  man  von  diesem  nahe  gelegenen  Verdachte 
doch  wieder  zurück,  wenn  man  z.  B.  bei  DIAZ  DEL  CASTILLO 
die  bestimmte  und  sogar  für  einen  gewissen  Grad  von  Mitleid 
mit  dem  traurigen  Schicksal  der  Besiegten  sprechende  ehrliche 
Versicherung  erhält,  der  König  Montecusama  von  Temix- 
titlan  (Mexiko),  dem  von  den  Spaniern  so  übel  mitgespielt 
wurde,  sei  von  , .unnatürlicher"  Wollust  gänzlich  rein  gewesen.285 

Laut  Angabe  des  Bischofs  von  Chiapas  BARTHELEMI 
DE  LAS  CASAS  oder  CASAUS  wurde  noch  bis  in  die  Mitte 
des  16.  Jahrhunderts  hinein  in  einigen  abgelegenen  Provinzen 
von  Mexiko  „widernatürliche"  Wollust  geduldet,  wenn  nicht 
gar  richtig  erlaubt.286  Und  der  gleiche  Gewährmann  meint, 
Päderastie  sei  aus  dem  Grunde  von  den  Indianern  getrieben 
worden,  weil  das  Volk  geglaubt  habe,  daß  seine  Götter  sie  aus- 
übten und  daran  Wohlgefallen  fänden.287    So  habe  in  Vera  Paz 


on  i  Die  amerikanischen  Naturvölker 

der  Gott  C  h  i  n  ,  C  a  v  i  1  oder  Maran  die  Sodomiterei  selbst 
eingeführt.288 

Auf  Grund  dieser  Angaben,  selbst  mit  Abzug  ihrer  wahr- 
scheinlichen, sei  es  ungewollten,  sei  es  übelwollenden  Über- 
treibungen, war  DE  PAUW  1769  vollkommen  im  Recht  mit 
seiner  Behauptung,  Päderastie  sei  auch  in  Mexiko  stark  im 
Schwange  gewesen,  noch  vor  der  Ankunft  der  Neger  auf  dem 
neuen  Kontinent,289  der  Neger,  die  man  fälschlich  beschuldigt 
hätte,  dieses  Verderbnis  aus  der  alten  Welt  in  die  neue  Welt 
verpflanzt  zu  haben.*)  Und  CLAVIGERO  unterzog  sich  zehn 
Jahre  später  einer  vergeblichen  Liebemühe,  indem  er,  erbittert 
über  DE  PAUWs  berechtigte  Anschuldigung,  diese  als  grau- 
same Verleumdung  (atroce  calunnia)  durch  einen  europäischen 
Schriftsteller  bezeichnete,  deren  Unrichtigkeit  durch  das  Zeugnis 
vieler  anderen  unparteiischen  und  besser  unterrichteten  Schrift- 
steller widerlegt  sei.290  CLAVIGERO  unterließ  es  aber,  diese 
Autoren  zu  nennen.291  Freilich  mußte  zur  Zeit,  als  CLAVIGERO 
schrieb.  1780,  bereits  ein  Umschwung  in  der  Beurteilung  gleich- 
geschlechtlicher Liebebetätigung  unter  den  Nahua  durch  die 
aztekischen  Machthaber  eingetreten  sein.  Denn  die  Azteken 
sollen  in  den  von  ihnen  unterworfenen  Gebieten  strenge  Nach- 
forschung gehalten  und,  da  sie  bei  dem  zur  Päderastie  stark 
hingeneigten  Volk  mancherorts  ihre  anstandslose  Ausübung 
antrafen,  schwere  Strafen  verhängt  haben.292  Die  für  ein  ge- 
sundes Naturvolk  selbstverständliche  Duldung,  ja  Anerkennung 
und  soziale  Verwertung  des  nun  einmal  menschlichen  Wesen 
angeborenen  und  unausrottbaren  gleichgeschlechtlichen  Natur- 
triebes konnte  daher  beim  Übergang  zu  einer  aufgezwungenen 
„Kultur"  voller  Barbarei  und  Unkultur  einer  unmenschlichen 
Ausrottungwut  schon  längst  gewichen  sein.  Auch  BANCROFT 
hält  es  für  durchaus  nicht  unwahrscheinlich,  daß  in  früheren 
Zeiten  im  ganzen  mexikanischen  Reich  die  Päderastie  ge- 
duldet und  ausgeübt  worden  sei.  Denn  so  ,, unaussprechlich 
empörend"  diese  „Sünde"  einem  modernen  Gemüt  auch 
immer   erscheinen   müsse,    wüßten   wir   doch,   daß   Päderastie 


*)  Wo  das  geschehen  ist,  hat  der  Verfasser  dieses  Buches  nicht  zu  er- 
mitteln vermocht. 


mittelamerikanische  Rothäute 


375 


selbst  bei  Völkern  vorgekommen  sei,  die  eine  weiter  vor- 
geschrittene Zivilisation  als  die  Azteken  besessen  hätten.  Er 
meint  damit  das  Griechentum.  Wie  nach  DE  LAS  CASAS 
für  die  Nahua  die  Päderastie  ihrer  Götter  vorbildlich  gewesen 
wäre,  so  habe  auch  im  alten  Griechenland  die  Volksreligion 
dem  „neuen  Laster"  sich  angeschmiegt.  Indem  sie  den  Gany- 
medes  als  himmlisch  für  die  Hebe  unterschob,  habe  sie  das 
Haupt  aller  Götter,  den  Zeus,  als  Beispiel  und  Vorbild  der 
,, widernatürlichen  Liebe"  hingestellt.293 

Auch  J.  G.  MÜLLER,  so  gern  er  die  Kultur  mit  der 
Päderastie  belasten  und  primitive  Roheit  von  ihr  freisprechen 
möchte,  mag  auf  Grund  der  vorliegenden  Quellen,  besonders 
PETER  VON  GENTs  und  des  A  n  o  n  y  m  u  s  bei  RAMUSIO, 
nicht  bestreiten,  daß  die  nordischen  Eroberer  in  den  Ländern 
des  mexikanischen  Reiches  bei  der  Urbevölkerung  überall  auf 
diese  „Unnatur"  stießen.  Auch  nach  ihm  war  es  die  gegen 
jede  Art  von  Vergewaltigung  skrupellose,  aufstrebende  Kultur 
der  nordländischen  Azteken,  welche  die  „Unnatur"  der  rohen 
Panuchesen  und  Itzcatlaner,  deren  Ausübung  der  treue  Be- 
obachter BERNAL  DIAZ  so  außerordentlich  oft  beim  Volke 
antraf,294  verabscheute  und  über  die  Verüber  dieser  „Sünde" 
nach  einstimmigem  Zeugnisse  von  DE  GOMARA,  DE  HER- 
RERA,  TORQUEMADA  und  VET ANCOURT  die  strengsten 
Strafen  verhängte.295  Aber  selbst  die  strengsten  Gesetze  und 
der  entschiedenste  Abscheu  haben  nach  J.  G.  MÜLLE Rs 
Zugeständnisse  so  wenig  als  in  dem  zentralisierten  Incastaate 
auch  in  der  Föderation  des  Feudalstaats  der  Azteken  das 
„Laster  auszurotten  und  die  Ansteckung  einzelner  Volksgenossen 
zu  verhindern  vermocht".  Wenn  aber  die  Azteken  der  Päde- 
rastie sich  nicht  ganz  zu  erwehren  vermochten,  sei  ihnen  doch 
das  Bewußtsein  ihrer  Unsittlichkeit  geblieben,  derart,  daß  es  nach 
der  Versicherung  des  BERNAL  DIAZ  den  Spaniern  nicht 
schwer  gefallen  wäre,  die  Mexikaner  von  der  Abscheulichkeit 
dieser  Sache  zu  überzeugen,  während  eben  dieselben  ihre 
Menschenopfer  lange  Zeit  nicht  als  etwas  Unrechtes  hätten 
erkennen  wollen.296  Was  aber  bleibt  nach  dieser  Einschränkung 
noch  übrig  von  der  aufdringlichen  Behauptung  J.  G.  MÜLLERs, 
die   Päderastie   liege   durchaus  nicht  im   Blute  unkultivierter 


076  D'e  amerikanischen  Naturvölker 

Nationen?  In  seiner  Verlegenheit  greift  J.  G.  MÜLLER  zu 
einer  rettenden  Hypothese,  die  stets  herhalten  muß,  wenn  es 
notwendig  wird ;  er  erklärt  die  Päderastie  der  wilden  indianischen 
Urbevölkerung  einfach  für  den  Rest  einer  alten  Kultur,  die 
Erbschaft  einer  verkommenen  und  entnervten  Zivilisation,  den 
Ausfluß  einer  früheren,  bereits  in  Verwelken  übergegangenen 
Entwicklung.297  So  ist  es  leicht,  vorgefaßten  Meinungen  den 
Schein  von  Berechtigung  zu  geben. 

Völlig  unbegreiflich  ist  aber,  wie  angesichts  der  Berichte 
so  vieler  Zeitgenossen  WUTTKE  1852  die  allgemeine  Behaup- 
tung hat  aufstellen  können,  ,, unnatürliche  Laster"  seien  bei 
den  Übergangsstufen  von  den  wilden  zu  den  geschichtlichen 
Völkern  Mexikos  sehr  selten  gewesen.298  Dahingegen  seine 
andere  Behauptung,  sie  wären  strenge  bestraft  worden,  wenig- 
stens bedingte  Geltung  beanspruchen  kann.  Strenge  Strafen 
würden  ja  auch  gar  keinen  Sinn  gehabt  haben,  wenn  die  „un- 
natürlichen Laster"  nicht  auch  wirklich  wären  gepflegt  worden. 
Gerade  aus  der  äußersten  Strenge  der  von  den  letzten  aztekischen 
Herrschern  erlassenen  Gesetze  zur  Unterdrückung  der  Päde- 
rastie und  aus  der  Tatsache,  daß  sogar  besondere  Justizbeamte 
bestellt  waren,  um  in  den  unterjochten  Provinzen  auf  Übeltäter 
dieser  Klasse  zu  fahnden,  erhellt  ja  erst,  auch  ohne  zeitgenössische 
Berichte,  genügend  die  volkstümliche  Duldung,  deren  sich 
die  Päderastie  unter  den  mexikanischen  Völkern  erfreute.299 
Vielleicht  stützt  sich  WUTTKEs  irrtümliche  Auffassung  ledig- 
lich auf  CLAVIGERO,  der  angibt,  Päderastie  sei  in  Anähuac 
fast  überall  verachtet  gewesen  und  streng   bestraft  worden.300 

Die  vorliegenden  Nachrichten  von  dem  Strafgericht,  das 
die  Azteken,  d.  h.  die  „Lichtleute",  über  die  Päderasten  der  von 
ihnen  unterjochten  Stämme  verhängten,  beginnen  mit  dem 
Jahre  1564,  erstrecken  sich  aber  nicht  über  das  ganze  Land. 

In  einzelnen  Landesteilen  soll  die  Päderastie  nach  DE 
SAHAGUN  als  Laster  verabscheut  worden  sein.301  So  in 
San  Salvador.  Bei  den  Tlaxcalteken  (Tlaxcaltegans)  standen, 
wie  der  in  Tlaxcalan  geborene  DOMINGO  MUNOS  CAMARGO 
berichtet,  um  1585  die  Päderasten  zwar  nicht  unter  einem  Straf- 
gesetz. Allein  sie  wurden  von  der  Gesellschaft  verachtet,  wie 
Weiber  behandelt  und  beschimpft.302    Die  jungen  Leute,  auch 


mittelamerikanische  Rothäute  377 

die,  welche  den  Tempeldienst  versahen,  wurden  nach  DE 
VETAXCURT  in  Tlaxcalan,  wenn  sie  über  20  Jahre  alt  waren 
und  sich  nicht  verheiraten  wollten,  der  beschimpfenden  Strafe 
des  Kahlscherens  unterworfen  und  vom  Tempeldienst  aus- 
geschlossen,303 sei  es,  daß  man  sie  dann  im  Verdacht  von  Aus- 
schweifungen hatte,  sei  es,  daß  man  solchen  durch  diesen  in- 
direkten Zwang   vorbeugen  wollte  (YVAITZ).304 

In  andern  Landesteilen  war  der  Päderast  mit  mehr  oder 
weniger  schweren,  ja  selbst  bestialischen  Strafen  bedroht.305 
Die  mildeste  auf  Päderastie  gesetzte  Bestrafung  bestand  nach 
DE  LAS  CASAS  in  Verbannung,  Niederbrennung  des  Hauses 
und  Entziehung  des  übrigen  Eigentums.  Sie  wurde  vorzugs- 
weise gegen  ihr  Keuschheitgelübde  verletzende  Priester  in 
Anwendung  gebracht  und  galt  demnach  mehr  dem  Bruch  des 
Gelübdes  als  der  Unkeuschheit  selber.306  Bei  den  Nicarago 
(Nicaraguern,  Niquiranern)  in  Nicaragua  mit  einer  mexikani- 
schen Kolonie  fast  reiner  Azteken  307  soll  nach  DE  GOMARA 
um  1564  die  Strafe  für  Podikation  in  Steinigung  bestanden 
haben.308  Die  Eingeborenen  von  Nicaragua  waren  von  gutem 
Wuchs  und  einem  sehr  hellfarbigen  Olivenbraun.  Sie  hielten 
Bordelle  und  öffentliche  Huren,  deren  Gebrauch  nur  10  Cacaos 
kostete,  eine  Münze,  die  wie  Haselnüsse  aussah.  Wo  sie  öffent- 
liche Dirnen  hatten,  da  steinigten  sie  die  Sodomiten  oder 
Cuylon,  sodaß  DE  HERRERA  mit  seiner  Angabe  von  1730 
recht  hätte,  es  sei  das  deshalb  geschehen,  „weil  es  im  Lande 
eine  Kaste  anerkannter  Freudenmädchen  gab".309  Nach  der 
ganzen  Darstellung  scheint  es,  daß  unter  Cuylon  hauptsächlich 
die  passiven  Päderasten  als  Konkurrenten  der  Freuden- 
mädchen verstanden  wurden. 

In  Tenochtitlan  (Mexiko)  stand  zu  Ende  des  16.  Jahr- 
hunderts nach  dem  Franziskanerpater  GERONIMO  DE  MEN- 
DIETA  auf  Podikation  unter  Männern  die  Todesstrafe  und 
zwar  sowohl  für  den  aktiven  als  für  den  passiven  Teil.310  Nach 
einigen  Quellen  sollten  in  ganz  Mexiko  gemäß  den  Gesetzen 
von  Anähuac  nicht  nur  die  der  Podikation  LTierführten,  sondern 
sogar  die  in  Weiberkleidung  ergriffenen  Mannspersonen  mit 
dem  Erhängungtode  bestraft  werden.  War  der  wegen  Sodo- 
miterei    Gefangene   aber   ein    Geistlicher,    sollte   er   in   einigen 


378 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


Gegenden  lebendig  verbrannt,    in  andern    erdrosselt  oder  auf 
sonstige  Art  vom  Leben  zum  Tode  befördert  werden.311 

In    Tezcuco     (Texcuco,    Tezcoco),     der    Hauptstadt    der 
Aculhuaques  ,  wurde  Podikation  unter  Mannspersonen  mit 
dem  Tode  bestraft.     Die  Tötungart  war  für  den  aktiven  und 
passiven  Teil  verschieden  und  von  so  ausgesuchter  Grausamkeit 
und  Brutalität,  daß  sie  nicht  nur  das  im  allgemeinen  sympathische 
Bild  der  Päderastie  bei  den  mexikanischen  Indianern  trübt, 
verzerrt  und  entstellt,  sondern  auch  an  erster  Stelle  geeignet 
ist,    den    eigentlichen    Unwert    der    sogenannten    Kultur    der 
Azteken  in  die  richtige  Beleuchtung  zu  rücken.     Der  aktive 
Teil  (Podikator)  wurde  an  einen  Pfahl  gebunden,  vollständig 
mit  Asche  bedeckt  und  so  durch  Erstickung  zum  Tode  befördert. 
Dem   passiven    Teil    [Cuylon)    wurden  die  Eingeweide  durch 
den  After  herausgerissen ;  dann  ward  auch  er  mit  Asche  bedeckt, 
Holz  hinzugeworfen  und  der  Haufe    angezündet.312    Und    das 
war  nicht  etwa  Lynchjustiz,  sondern  entsprach  den  Gesetzen 
des  berühmten  Königs  Nezahualcojot  l.313    Auch  bei  den 
Tlascalanern    (Tlaxcalanern)    stand   auf  Päderastie   die  Todes- 
strafe.314   Zwar  bestreitet  BANCROFT!,ft  und  nach  ihm  POST 
die  Richtigkeit  dieser  Angabe  CARLIs;    doch  deckt  sie  sich 
mit  der  von  DE  HERRERA  und  PÖPPIG.    Nach  dem  Voraus- 
gehenden  ist    es   eine    irreführende    Verallgemeinerung,    wenn 
KLEMM  und  ihm  folgend  POST  die  Behauptung  aufstellen, 
in  den  Staaten  von  Anähuac  wären  ,, unnatürliche  Laster  an 
gewöhnlichen  Leuten  mit  dem  Strang,    an  Priestern  mit  dem 
Feuertode  bestraft  worden".316 

Die  an  Wahnsinn  grenzende  brutale  und  fanatische  Wut 
der  aztekischen  Machthaber  gegen  die  der  Päderastie  auch 
nur  Verdächtigen  ging  so  weit,  daß  zu  Ausgang  des  16.  Jahr- 
hunderts ein  Mann,  der  sich  öffentlich  in  Weiberkleidern  blicken 
ließ,  auf  der  Stelle  erschlagen  wurde.317  Und  die  Rachsucht 
des  Geschlechtsinstinkts  der  „normalen"  Fanatiker  erstreckte 
sich  sogar  auf  den  Kuppler,  der  in  Mexiko  öffentlich  beschimpft 
und  gemartert  wurde,318  in  Tezcuco  sogar  dem  Tode  verfiel.31* 

Nach  DE  SAHAGUNs  Schilderung  war  es  vor  allem  der 
reine  W  e  i  b  1  i  n  g  s  typus,  der  die  breitere  Öffentlichkeit  und 
die  Justiz  beschäftigte,  während,  wie  auch  bei  uns  zu  Lande, 


mittelamerikanische  Rothäute 


379 


der  Mannling  allgemeiner  Aufmerksamkeit  bei  den  Mexikanern 
sich  leichter  zu  entziehen  vermochte. 

„Der   passive   Päderast,"   läßt   DE    SAHAGUN   sich 
vernehmen,    „ist   abscheulich,   scheußlich   und  verabscheu- 
ungwürdig,  wert,  daß  die  Leute  sich  über  ihn  lustig  machen 
und  ihn  verlachen,  und  die   Gräßlichkeit  und  Häßlichkeit 
seiner  scheußlichen  Sünde  läßt  sich  nicht  ertragen  wegen 
des  Ekels,  den  sie  den  Menschen  einflößt:   In  allem  zeigt 
er  sich   frauenhaft  und   weibisch,   beim   Gehen   und    beim 
Sprechen,  weswegen  er  verdient,  verbrannt  zu  werden."320 
In  der  Tat  ein  bedeutender  Kulturfortschritt  in  der  Be- 
urteilung des  passiven  Päderasten  gegenüber  dem  duldsamen 
Verhalten  der  Naturvölker,  welche  sich  überall  bestrebt  zeigten, 
der  hier  deutlich  und  unverkennbar  geschilderten  natürlichen 
Veranlagung    zum    W  e  i  b  1  i  n  g    ihr    natürliches     Recht    zu 
gewähren. 

Den  Berichten  über  unsinnige  Verfolgung  gleichgeschlecht- 
licher Praktiken  in  Mexiko  stehen  aber  andere  gegenüber, 
welche  auf  vollkommene  Ausschaltung  aztekischer  Vernichtung- 
wut gegen  die  Päderasten  und  der  Ausrottung  gleichgeschlecht- 
licher Begierden  den  Schluß  zulassen.  So  sollen  in  Itzcatlan  pä- 
derastische  Akte  sogar  öffentlich  straflos  haben  ausgeübt  werden 
können.321  Die  Provinz  Pänuco,  deren  Eingeborene  der  Päde- 
rastie als  besonders  ergeben  mehrfach  bezeichnet  sind,  soll 
um  1527  in  Tampico  de  Tamaulipas  (Santa  Ana  de  Tamaulipas) 
öffentliche  Freudenhäuser  gehabt  haben,  in  denen  männliche 
Personen  in  Frauenkleidern  Frauenrolle  spielten.322  Effeminierte 
Männer  erschienen  beim  Tepeilhuitl-(BeTg-)Fest  in  Weiber- 
tracht.323 Der  Monat  Quecholli  war  der  Monat  der  Verliebten. 
Er  hieß  auch  Catetinotlago  oder  „Du  bist  mein  teuerstes  Kleinod" 
und  Catetinoquecholtzin  oder  „Du  bist  mein  kleiner  Ouechol- 
vogel",  d.  h.  „meine  Sehnsucht  undmeine  Lust".  Beiden  Anfang 
November  gefeierten  Festlichkeiten  opferten  die  Tlaxcalteken 
und  andere  Stämme  zwei  Göttinnen,  der  Xochiquetzal, 
durch  deren  geschlechtliche  Tätigkeit  die  Erde  sich  mit  Blumen 
schmückte,  und  der  Xochitecatl,  der  von  den  Blumen  stam- 
menden Göttin  Flora.  Während  dieser  Feste  war  den  Un- 
verheirateten  die   Hurerei   freigegeben.324     Und   die    Soldaten 


38o 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


wurden    von    Huren    und    von    weibischen    und    effeminierten 
Mannspersonen  begleitet.325 

Tlaxcalteotl  oder  Tlacolteotl  war  die  mexikanische 
Göttin  der  sinnlichen,  insonderheit  der  geschlechtlichen  Lust.326 

Für  Päderastie  im  Sinne  von  Podikation  unter  Manns- 
personen hatten  die  alten  Mexikaner  nach  DE  MOLINA  die 
Bezeichnungen  Cuilonyotl  327  und  Tecuilontiliztli;  328  eine  Manns- 
person podizieren  hieß  cuilontia,329  sie  podiziert  haben  onite- 
cuilonti.329  Der  aktive  Partner  oder  Podikator  hieß:  Tecuilonti 
oder  Tecuilontiani,330  der  passive  Partner  oder  Podikant  hieß: 
Cuilumputl.  Rief  jemand  einem  andern  Cuilumputl  zu,  galt 
das  als  eine  schwere  Beschimpfung,  die  ein  Duell  mit  Schwert 
und   Schild  zur  unausbleiblichen  Folge  hatte.331 

Herr  Professor  SELER  besaß  die  Freundlichkeit,  dem  Ver- 
fasser zu  diesen  Bezeichnungen  die  erforderlichen  Erklärungen  zu 
geben.  Das  Wort  Cuiloni  sei  altes  Sprachgut  und  nicht  etwa 
Erfindung  der  Beichtväter  und  Mönche.  Es  sei  der  eigentliche 
Terminus  für  „Mann  mit  Mann"  und  bedeute  ,,der  genommen 
(gelangt)  werden  kann"  oder  ,,der  genommen  werden  muß", 
bezeichne  also  jedenfalls  den  so  zu  sagen  weiblichen  Teil. 
Cuilonyotl  heiße:  passiver  Sodomit  sein.  Von  Cuiloni  sei  ab- 
geleitet Cuilontia,  Praesens:  ni-te-euilontia,  ,,ich  mache  einen 
zum  passiven  Sodomiten,"  Praeteritum:  o-ni-te-cuilönti,  „ich 
habe  einen  zum  passiven  Sodomiten  gemacht".  Tecuilonti 
oder  Tecuilontiani,  „der  einen  zum  passiven  Sodomiten  macht," 
ist  der  aktive  Sodomit  und  Tecuilontiliztli  die  „Handlung  des 
zum  passiven  Sodomiten  Machens",  d.  i.  die  aktive  Sodo- 
miterei.  Herr  Professor  SELER  erwähnt  eine  ungedruckte 
Stelle  aus  einem  alten  Text  (SAHAGUN-Manuskript),  worin  ein 
Kranker,  der  verzweifelt,  wieder  zu  gesunden,  und  es  vor 
Schmerzen  nicht  mehr  aushalten  kann,  den  Gott,  der  sonst 
um  Heilung  angefleht  wird,  zu  lästern  beginnt  und  spricht: 
Titlacauane  cuilonpole 
ie  tonmotlatlamachtia 
manoco  cuele  xinech  tlatlati 
„Du,  dessen  Sklaven  wir  sind"   (Name  des  Gottes), 

„Du  großer  Sodomiter, 
„Du  bist  ein  Hanswurst,  schlage  mich  doch  lieber  gleich  tot!" 


mittelamerikanische  Rothäute  o8l 

Die  spanischen  Helden  dürften  den  dargelegten,  in  ihrem 
Neu- Spanien  vorgefundenen  Zuständen  durchaus  nicht  so  un- 
empfindlich gegenübergestanden  haben,  wie  ihr  brutales  Ver- 
halten vermuten  läßt.  Es  wird  berichtet,  mit  der  Führung 
von  Patrouillen  betraute  Cabos  (Korporale)  wären  nicht  ab- 
geneigt gewesen,  von  rebellischen  Eingeborenen  Geiseln  ent- 
gegenzunehmen zu  Zwecken,  welche  nicht  im  Sinne  ihrer  Auf- 
traggeber lagen.  Der  Inquisitor  Salines  habe  sicher  über- 
führte „Mannweiber"  scharenweise  einsperren  lassen,  aber  seine 
Nachfolger  hätten  es  nicht  so  genau  genommen.  Und  auf  den 
weltlichen  Behörden  hätten  zu  dringende  Geschäfte  gelastet,  als 
daß  sie  Lust  verspürt  hätten,  sich  um  die  Sittsamkeit  der 
Indianer  viel  zu  kümmern.  Der  Vizekönig  de  la  Torre 
habe,  wiederholt  ersucht,  die  Gesetze  des  spanischen  Straf- 
kodex gegen  die  Prostitution  unmündiger  Jünglinge  anzu- 
wenden, ausweichende  Antworten  erteilt,  unter  anderen,  daß 
man  ein  unvernünftiges  Volk  doch  nicht  belehren  könne.332 

Weder  den  unmenschlichen  Azteken,  noch  ihren  oft  nicht 
minder  brutalen  Nachfolgern,  den  Spaniern,  scheint  jedoch  die 
Dezimierung  indianischer  Päderasten  den  erwarteten  nach- 
haltigen Erfolg  gebracht  zu  haben.  Denn  von  den  heutigen 
Mexikanern  bemerkte  1843  LÖWENSTERN,  daß  sie  an  ge- 
schlechtlicher ,,Unsittlichkeit"  vielleicht  einzig  von  den  Chi- 
nesen übertroffen  würden.333  Es  kann  aber  damit  kaum  auf 
etwas  anderes  angespielt  sein,  als  auf  Päderastie. 

In  der  Zeit  ihrer  großen  Eroberungen  trieben  auch  die 
Spanier  überall  dort,  wo  sie  ihre  Macht  konnten  fühlen  lassen, 
kirchenchristlichen  Eifers  voll,  eifrig  Päderastenjagd.  Gern 
überlieferten  diese  Musterchristen  ihre  wehrlosen  indianischen 
Opfer  zur  Strafe  für  wirkliche  oder  auch  nur  vorgebliche 
päderastische  Triebe  grausam  und  unmenschlich  dem  Feuer- 
tode. Nur  bisweilen  fanden  sie  es  wohl  vorteilhafter,  die 
Päderasten  als  verkäufliche  Sklaven  abzuführen.  So  trieben 
sie  es  in  der  Provinz  Pänuco,  woselbst  nach  DE  GOMARA. 
wie  vorher  geschildert,  die  Päderastie  öffentliche  Orgien  feierte, 
wenn  die  gesammte  männliche  Bevölkerung  des  Nachts,  je  nach 


382 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


der  Größe  der  einzelnen  Ortschaften,  bis  zu  Tausenden  sich 
zusammenfand.  Und  als  1527  Nunode  Guzman  als  Ex- 
peditionleiter in  Pänuco  erschien,  verhängte  er  über  viele  In- 
dianer die  Sklaverei  als  Strafe  für  ihre  päderastischen  Sünden. 

Eine  eigenartige  Erklärung  des  Blutbades,  welches  im  Mai 
1529  durch  Pedro  de  Alvarado  in  Abwesenheit  des 
Heerführers  C  o  r  t  e  s  durch  die  Spanier  unter  den  Mexikanern 
angerichtet  und  den  Eroberern  von  Mexiko  am  meisten  zum 
Vorwurfe  gemacht  wurde,  hat  VON  REHFUES  versucht.  Der 
Historiograph  ANTONIO  DE  HERRERA  hatte  erzählt,  die 
Wahrheit  sei,  daß  die  Mexikaner  die  Absicht  gehabt,  bei  dieser 
Gelegenheit  die  Spanier  umzubringen,  und  daß  sie  zu  diesem 
Zweck  ihre  Waffen  in  den  Häusern,  die  dem  Tempel  am  nächs- 
ten lagen,  versteckt  gehalten  hätten.  Dies  sei  die 
Versicherung  vieler  Frauen,  von  denen 
man  die  Wahrheit  immer  am  besten  er- 
fahren hab  e.334  Den  gesperrten  Satz  findet  nun  VON 
REHFUES  bemerkenswert.  Er  hänge  mit  einem  Umstand 
zusammen,  der  in  der  Eroberung  von  Neu-Spanien  sich  über- 
haupt als  sehr  wichtig  gezeigt  habe.  Alle  Schriftsteller  und 
viele  durchaus  unverdächtige  Tatsachen  setzten  außer  Zweifel, 
daß  die  Amerikanerinnen  den  Spaniern  von  deren  erstem  Auf- 
treten in  ihren  Ländern  an  besonders  zugetan  gewesen  seien.  Auch 
lasse  sich  diese  Gunst  aus  der  Vergleichung,  welche  die  Frauen 
zwischen  ihren  Landsleuten  und  den  Fremdlingen  anstellten, 
aus  der  unleugbaren  Kälte  des  Temperaments  der  Amerikaner, 
vielleicht  auch  aus  ihrer  Gleichgültigkeit  gegen  die  Frauen  und 
ihrer  Neigung  zu  „unnatürlicher"  Wollust  genügend  ver- 
stehen.335 Wenn  auch  TORQUEMADA  Züge  von  Mut  und  Auf- 
opferung der  Frauen  schildert  und  DE  GOMARA  die  Frauen  ihren 
Männern  im  Kriege  beistehen  und  der  Verwundeten  warten  läßt , 
bleibt  doch  charakteristisch  genug,  daß  von  den  Amerikanerinnen, 
welche  in  Chapultepek  unter  Quauhtemoctzin  gefangen  ge- 
nommen waren  und  von  C  o  r  t  e  s  wieder  freigegeben  wurden,  nach 
DIAZ  die  Mehrzahl  sich  geweigert  haben  soll,  zu  ihren  Lands- 
leuten zurückzukehren;  denn  nur  drei  dieser  Frauen  konnte 
C  o  r  t  e  s  den  Mexikanern  wieder  ausliefern  lassen.336    Demnach 


mittelamerikanische   Rothäute  083 

hätte    möglicherweise    vorwiegend   infolge   ihrer    Neigung     zu 
gleichgeschlechtlichem  Leben  die  Mexikaner  ihr  Schicksal  ereilt. 

2.  Die  Ötomis  (Othomis,  d.  h.  die  Unstäten) 

Auf  Podikation  unter  Männern  stand  bei  den  O  t  o  m  i  s 
nach  DE  HERRERA  schon  um  1588  die  Todesstrafe.337 

3.  Die  Tarascos 

Als  die  Kaziken  und  die  Papas  nebst  anderen  Einwohnern 
von  Cingapacinga  (Tzinpantzinco)  und  der  Umgegend  die  von 
C  o  r  t  e  s  geübte  Art  von  Gerechtigkeit  und  überhaupt 
sein  freundliches  Benehmen  in  Worten  und  Werken  wahr- 
genommen, wurden  sie,  wie  DIAZ  versichert,  für  das,  was 
er  durch  die  Dolmetscher  von  der  heiligen  Religion  der 
Spanier,  von  der  Abschaffung  der  Menschenopfer  und  des 
Menschenraubes,  von  der  Unterlassung  der  sodomitischen  „Un- 
flätereien"  und  von  andern  für  sie  ersprießlichen  Dingen  äußerte, 
nur  um  so  empfänglicher.  Ihr  guter  Wille  ging  sogar  so  weit, 
daß  sie  die  Bewohner  der  umliegenden  Ortschaften  zusammen- 
beriefen und  sich  mit  diesen  in  aller  Form  dem  spanischen 
Könige  als  ihrem  Herrscher  unterwarfen.  Bei  diesem  Anlaß 
wurden  auch  eine  Menge  Klagen  gegen  Montecusama  laut, 
die  alle  auf  dieselben  Bedrückungen  hinausliefen,  welche 
die  Indianer  bereits  in  Sempoalla  und  in  Quiahuitzlan  vor- 
gebracht hatten.338 

i.  Die  Totouacos 

Die  Einwohner  von  Sempoalla,  woselbst  Feindschaft  gegen 
Tzinpantzinco  im  Innern  von  Mexiko  herrschte,  boten  dem 
C  o  r  t  e  s  acht  Indianerinnen  für  ihn  und  seine  Hauptleute 
an.  C  o  r  t  e  s  nahm  sie,  wie  DIAZ  zu  melden  weiß,  mit  vieler 
Heiterkeit  an  und  dankte  den  Kaziken  dafür,  indem  er  be- 
merkte, daß  er  diese  Frauen  gern  als  Bindemittel  brüderlicher 
Vereinigung  zwischen  sich  und  ihnen  ansehe.  Sie  müßten  aber 
dann  auch  auf  ihre  Götzen  Verzicht  leisten  und  diesen  keine 
Opfer  mehr  bringen,  nachdem  er  früher  mit  Bedauern  habe  wahr- 
nehmen müssen,  in  welch  schwerem  Irrglauben  sie  befangen 
seien.  Von  nun  an  wolle  er  von  derlei  Abscheulichkeiten,  von 
Menschenopfern  und  von  Sodomitereien  nichts  mehr  unter  ihnen 


384 


Die  amerikanischen  Naturvölker 


sehen  und  hören.  Vor  allem  müßten  die  Frauen  Christinnen 
werden,  bevor  die  Spanier  sie  annehmen  könnten.  Und  dann 
müßte  alle  „unnatürliche"  Lust  unter  ihnen  aufhören  und 
keiner  ihrer  jungen  Burschen  mehr  in  Weiberkleidern  umher- 
laufen und  aus  der  „verfluchten  Unzucht"  ein  Gewerbe  machen 
dürfen.339  Die  Kaziken  sollen  ihm  unter  anderem  erwidert 
haben,  was  die  sodomitischen  Lüste  betreffe,  würden  sie  diese 
für  die  Zukunft  zu  verhindern  suchen.340 

Nachdem  die  Kaziken,  die  Papas  und  die  Vornehmen 
überhaupt  zum  Schweigen  gebracht